Liao Yiwu: Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit

Juli 7, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vier Jahre Haft und Folter für ein Gedicht

„Am Vormittag des 5. Juni 1989, Ströme von Blut waren geflossen und die Luft knisterte, stellte er sich allein den Panzern entgegen – ein Niemand, ein Mann wie du und ich, stand in der Mitte des breiten Chang’an-Boulevards, vor sich mehr als 18 Panzer vom Typ 59. Der vorderste Panzer versuchte, an ihm vorbeizukommen, aber er wusste das zu verhindern, indem er hin und her sprang – und als die Panzer erneut vorrückten, stellte er sich ihnen erneut in den Weg …“

Mit der Erinnerung an dieses Foto, das um die Welt ging, westliche Journalisten, die aufgrund des verhängten Kriegsrechts im Beijing-Hotel festgehalten wurden, hatten den „Tank Man“ mit Teleobjektiven heimlich aufgenommen, beginnt Liao Yiwu sein jüngstes Buch „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“, dem er den Untertitel „Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“ gegeben hat und mit dem sich der Dichter, Dissident und Friedensaktivist einmal mehr gegen das in China staatlich verordnete Vergessen der Geschehnisse rund um das von der Volksbefreiungsarmee angerichtete Blutbad auf dem Tian’anmen-Platz stemmt.

Auch für Liao Yiwu bedeutete dieser 4. Juni vor dreißig Jahren eine grauenhafte Zäsur. Für „Massaker“, sein Protestgedicht im Gedenken an die Opfer (hier nachzulesen: www.amnesty.de/journal/2012/oktober/massaker), wurde er der „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda mit ausländischer Hilfe“ angeklagt; es folgten vier Jahre Haft und Folter. Erst 2011 gelang es Liao Yiwu aus China zu fliehen, seither lebt er in Berlin. „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand“ ist vielleicht Liao Yiwus verstörendstens Projekt wider jene Amnesie, die westliche Politik und Wirtschaft befällt, sobald Menschenrechte den Marktinteressen im Wege stehen.

So hat er etwa für das Kapitel „Aus dem Leben meiner Gefängnisbrüder“ Porträts seiner ehemaligen Mithäftlinge verfasst, Zeilen von einer Intensität und Heftigkeit, die schwer auszuhalten sind, wenn er von Denunziation, öffentlich abzuhaltender Selbst- und Kampfkritik und dem „kleinen, hundehüttenähnlichen Raum“ berichtet, in den „die Politischen“ oft für Monate gesperrt wurden. Er beschreibt deren Angst vor den Gewaltverbrechern, und wie die beiden Gruppen von den Wärtern gegeneinander ausgespielt wurden, „als die politischen Gefangenen einen Hungerstreik durchführten, wurden sie von einer zehnfachen Übermacht von Kriminellen umzingelt …“.

Er erzählt vom „Tierbändiger“ genannten Chen Yunfei, der sich lieber prügeln ließ, „bis seine Schnauze  geschwollen war wie ein Schweinerüssel“, als klein beizugeben, von Hou Duoshu, der eine 80 Kilo schwere Fußfessel tragen musste, weil er in der Bibel las, schildert unfassbare Methoden, einen Menschen zu brechen, Hocken unter einem Stacheldrahtnetz, Tod durch Arbeit, sieht Männer bei lebendigem Leib verfaulen – und die häufigste Sterbeursache hinter Gittern: Krebs.

Bild: pixabay.com

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Dass der Westen vieles wusste, aber wenig tat, erschließt sich auf bestürzende Weise im Kapitel „Die letzten Augenblicke im Leben Liu Xiaobos“, der todkranke Literaturnobelpreisträger (Leberkrebs), für dessen Enthaftung und Ausreise nach Deutschland Liao Yiwu alle Hebel in Bewegung setzte, heißt: seine Schriftstellerkollegen Herta Müller und Wolf Biermann, Harry Goldstein, Peter Sillem, selbst Joachim Gauck und Angela Merkel. Ein brisanter Briefwechsel, der Liu Xiaobo zwar nicht mehr retten konnte, er starb am 13. Juli 2017, immerhin aber seiner gesundheitlich ebenfalls schwer angeschlagenen Witwe Liu Xia den Weg in die Freiheit ebnete.

Das Buch schließt mit Briefen und Gedichten, die Liao Yiwu im Untersuchungsgefängnis von Chongqing-Stadt gekritzelt hat – mit Bambussplittern und einer violetten medizinischen Tinktur. Die Wolken, ach, brennende Bananenblätter, / die sich schrecklich rollen! / Die Felsen eine Herde hungriger Löwen, Sterne, / die Steinen von der Zungenspitze schnellen / Der Mond, ach, der kreischende Affe, / der über den Horizont springt / und haarige Strahlen schickt / Starr umklammere ich die Finger des Abends …“, liest sich eines mit dem Titel „Die Sonne, dieser Löwe einer elektrischen Entladung, sticht in die geheimen Akupunkturpunkte der Erde“. – „Ich habe wegen meines Geschmiers schon jede Menge Unannehmlichkeiten gehabt“, schreibt er am 30. 7. 1991 an seine „liebe Niaoyu“. „Ich trage das Brandzeichen eines Elektroknüppels auf der Zunge, mir wurden die Hände auf den Rücken gebunden, ich wurde zur Strafe der Sonne ausgesetzt, musste zur Strafe singen, musste zur Strafe auf nassem Boden schlafen, ganz zu schweigen von den Tritten und Faustschlägen, die ich abbekam.“

„Ich war in diesem Sarg über zwei Jahre lebendig begraben und habe es überstanden“, so Liao Yiwu. „Herr Wang“, im britischen Sunday Express erschien eines Tages der Name des 19-jährigen Studenten Wang Weilin für den „Tank Man“, wurde von drei Geheimdienstagenten vom Chang’an-Boulevard samt seinen beiden Einkaufstaschen entfernt. Es wird angenommen, dass er in aller Stille exekutiert wurde, obwohl die chinesische Staatsspitze dies entschieden dementiert. In einer schöneren Fassung der Geschichte soll Wang Weilin nach einer mysteriösen Überfahrt in Taiwan gesehen worden sein, wo er angeblich als Archäologe arbeitet. Wer weiß? Vielleicht schreibt Liao Yiwu nach all seinen Zeitzeugenberichten darüber einmal einen romantischen Roman.

Über den Autor: Liao Yiwu, geboren 1958 in der Provinz Sichuan, wuchs als Kind in großer Armut auf. 1989 verfasste er das Gedicht „Massaker“, wofür er für vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt wurde. 2007 wurde Liao Yiwu vom Unabhängigen Chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis „Freiheit zum Schreiben“ ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. 2009 erschien sein Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“. 2011, als „Für ein Lied und hundert Lieder“ in Deutschland erschien, gelang es Liao Yiwu, China zu verlassen. Seitdem lebt er in Berlin. 2012 erschien „Die Kugel und das Opium“, 2013 „Die Dongdong-Tänzerin und der Sichuan-Koch“ sowie 2014 „Gott ist rot“. Liao Yiwu wurde unter anderem mit dem Geschwister-Scholl-Preis und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

S. Fischer, Liao Yiwu: „Herr Wang, der Mann, der vor den Panzern stand. Texte aus der chinesischen Wirklichkeit“, 144 Seiten. Übersetzt aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

www.fischerverlage.de

7. 7. 2019

Wiener Festwochen: Hass-Triptychon

Mai 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Abgefucktes Altarbild mit aggressiver Troll-Truppe

Bruno Cathomas (re.) und seine Trolle Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke. Bild: © Judith Buss

Wenn Aufregerregisseur Ersan Mondtag einen Text von Aufregerautorin Sibylle Berg inszeniert, darf man sich schon Besonderes erwarten, etwas schräg, schrill, Schreiendes, und tatsächlich – diesbezüglich enttäuschte der Berliner Theatermacher, der vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen die Gemüter mit seiner außergewöhnlichen Ratten-„Orestie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29002) beunruhigte, auch heuer nicht.

Am Volkstheater, ein Haus, um dessen Leitung in der Nachfolge Anna Badoras sich Mondtag übrigens beworben hat, brachte er Bergs „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung, und malt deren düsteres Sittengemälde mit den ihm eigenen opulenten Farben aus. Wofür ihm Bühnenbildnerin Nina Peller eine Riege Pappmaché-Häuser hingestellt hat, die immer gleiche Fassadenprojektion eine gespenstische Ruine, und damit’s entsprechend spooky bleibt, darf sich manch Zuschauer vor seinem Sitznachbar gruseln – an die zwanzig Skelette, die im Schwarzlicht vor sich hinglimmen, die Bildungsschicht bis auf die Knochen verwest, denn Berg, berühmt-berüchtigte Sibylle grotesk-dystopischer Gesellschaftsprophezeiungen, siehe ihr aktueller Roman „GRM“, siehe ihr derzeit im Volx/Margareten zu sehendes Stück „Nach uns das All“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33385), führt das Publikum in eine Prekariatswelt, eine Stadt an einem Autobahnzubringer, deren Bewohner die sogenannten Wohlstandsverlierer – und außerdem: Trolle sind.

Mit buntem Aufwärtshaar, Spitzohren und mitunter von Kostümbildnerin Teresa Vergho zum Muskelberg ausgepolstert. Auftritt Benny Claessens als „Hassmaster“, der im weißen Mantel und mit weißer Langhaarperücke aus einem Kanaldeckel kriecht und sich eine Zigarette anraucht. Auf den Zuruf der Souffleuse, dies doch bitte nur hinterm Eisernen Vorhang zu tun, antwortet er mit einem symbolbrechtigen Einreißen der „vierten Wand“. Er singt ein Liedchen, ist die Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater doch dank der Musik von Beni Brachtel, der Berg-Gedichte vertonte, als Anti/Musical ausgewiesen, er hüpft herum und skandiert dabei: „Theater – Realität – Theater – Realität“. Dies nicht der einzige Verweis auf Künstlichkeit, Mondtag, lässt sich interpretieren, befördert die Trolle zurück in ihre Onlineforen, wo sich die Hater hinter Nicknames verstecken, wenn sie ihre Aggressionen virtuell aufbauen.

Bild: © Judith Buss

Bild: © Judith Buss

Bald nämlich entpuppt sich die Truppe als Häufchen Hoffnungsloser, von der „Alkoholikerin der Herzen“ über den auftrainierten Content-Produzenten, vom Schwulen, der von „Teilzeitscheißjobs“ leben muss, über Digitalisierungs- und Outsourcingopfer zum desillusionierten Jugendlichen zum drogenrauschigen Kotzbrocken – und sie alle erzählen in aberwitzig zynischen Schimpftiraden von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut. Bruno Cathomas, Jonas Grunder-Culeman, Johannes Meier, Abak Safaei-Rad, Aram Tafreshian und Çiğdem Teke gestalten diese Trollarmee. Die Schau ist aber Benny Claessens, sein vulgäres Spiel bildet den Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, wenn er, nur einen knappen Slip am silberglitzernden Körper, tanzt und sich lasziv räkelt, ein Herr über den Überrest der Menschheit.

Benny Claessens als weißer Hassmaster im Troll-Land. Bild: © Judith Buss

Ihnen allen gemein ist die Lethargie und die Langeweile des Sonntags, dies der erste Flügel dieses abgefuckten Altarbildes, und so wächst die Sehnsucht nach einem Montag, der Erlösung in Form von klar strukturierter Erwerbsarbeit bringen soll. Doch kaum ist der Montag im zweiten Flügel angebrochen, sehnt man sich bereits wieder nach dem Wochenende, also den Blick auf den dritten und letzten gerichtet, in dem der Hassmaster endlich zu den Waffen ruft.

Damit man real ausleben kann, was bisher nur im Internet möglich war. „Mit jedem Tag werden wir wütender“, lässt dieser Chor der Abgehängten wissen, während er sich vom digitalen Störfaktor zur veritablen Gefahr entwickelt. Das kann Sibylle Berg: Gegenwartsdiagnosen abliefern, die so fatalistisch wie treffsicher sind, und Ersan Mondtag liefert ihr die messerscharfen Bilder dazu.

www.festwochen.at

26. 5. 2019

Albertina: Nitsch. Räume aus Farbe

Mai 13, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Explosionen in Rot, Schwarz und Gelb

Hermann Nitsch: Schüttbild, 2002. Albertina, Wien. Sammlung Batliner © Bildrecht, Wien, 2019

Für Hermann Nitsch stellt die Malerei eine der Disziplinen seines Orgien Mysterien Theaters dar. Sie ist zutiefst in Aktionismus, Performance, in der Multimedialität verankert. Die Malerei ist der Ursprung der Aktionen und zugleich deren Ergebnis. Mit der Ausstellung „Nitsch. Räume aus Farbe“ ab 17. Mai in der Albertina sollen nun Nitschs Bilder erstmals nicht als Teil eines größeren Ganzen, sondern als Malerei für sich betrachtet werden.

Nitschs Malerei sprengt die Dimensionen des Tafelbilds, erobert flächendeckend die Wand und greift als umfassende Installation in den Raum ein. Die Schau zeigt einen Künstler, der seine Malerei seit den 1960er-Jahren kontinuierlich weitergedacht und für jede Malaktion, jede Gruppe an Werken eine eigene spezifische Herangehensweise entwickelt hat, deren Resultate nun als Farbräume und Schüttinstallationen begehbar und erfahrbar sind.

Hermann Nitsch: Bodenschüttbild (aus dem Roten Zyklus, Serie I, 6-teilig), 1995. Albertina, Wien. Sammlung Essl © Bildrecht, Wien, 2019

Hermann Nitsch: Schüttbild, 2005. Albertina, Wien. Sammlung Essl © Bildrecht, Wien, 2019

 

 

 

 

 

 

 

Mal wird die Farbe flüssig, mal pastos aufgetragen, mal mit dem Pinsel, mal geschüttet oder gespritzt oder mit der bloßen Hand verschmiert. Um 1960 fertigt Hermann Nitsch seine allerersten Schüttbilder, bei dieser Form der Aktionsmalerei geht es ihm vorrangig um die Substanz der Farbe, die er von Malaktion zu Malaktion erforscht. Sind die Werke anfangs monochrom in Rot gehalten, gewinnt ab Mitte der 1980er-Jahre auch die Kombination von Farben, der Farbklang, für den Künstler an Bedeutung. Die Ausstellung präsentiert die Entwicklung seines malerischen Œuvresbis heute. Dominiert in einem Raum das Rot, Schwarz oder Gelb der monochromen Arbeiten, so kommt es im nächsten zu regelrechten Farbexplosionen. Die Schau anlässlich des 80. Geburtstags des Künstlers demonstriert auf beeindruckende Weise die Bedeutung des großen österreichischen Malers.

www.albertina.at

13. 5. 2019

MAK: Chinese Whispers

Januar 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ost interpretiert West

Ai Weiwei: Descending Light with A Missing Circle, 2017. © Ai Weiwei, Bild: Bruno Bühlmann, Foto Jung, Sursee/Schweiz

Ein umfassendes Bild chinesischer Gegenwartskunst präsentiert ab 30. Jänner die MAK-Ausstellung „Chinese Whispers. Neue Kunst aus der Sigg Collection“. Der Sammler Uli Sigg verfolgt seit Ende der 1970er-Jahre die Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China und begann Mitte der 1990er-Jahre die weltweit repräsentativste Sammlung chinesischer Kunst aufzubauen. Die  Schau zeigt Arbeiten von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern.

Darunter Ai Weiwei, Cao Fei, Feng Mengbo, He Xiangyu, Liu Ding oder Song Dong. Als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und Schweizer Botschafter in China, Nordkorea und der Mongolei hatte Sigg die Möglichkeit, hinter die Kulissen der enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu blicken, die – wie Chinas Vision einer Neuen Seidenstraße zeigt – der Tradition und der Zukunft verschrieben sind. Sigg förderte auch zahlreiche Karrieren wie jene von Ai Weiwei. „Chinese Whispers“  konzentriert sich auf Objekte der Privatsammlung. Mit Techniken wie Kalligrafie, Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation und Video eröffnen die gezeigten Arbeiten ein breites Spektrum von traditionell analog bis zu digital produzierten Werken.

Die chinesische Gegenwartskunst ist ein Phänomen ohne Parallele. Auch nach der Kulturrevolution bleiben die Einflüsse des Sozialistischen Realismus und die Einschränkungen durch die Zensur spürbar. Dennoch erlebte zeitgenössische Kunst in China nach der zunehmenden politischen Öffnung in den 1980er-Jahren eine einschneidende Richtungsänderung. In kürzester Zeit griff eine neue Generation chinesischer Künstler moderne Strömungen des Westens auf. Die Inhalte lesen sich oft als Reaktion auf die politische und gesellschaftliche Situation der Zeit. Wang Xingwei etwa wählt im Gemälde „My Beautiful Life“eine Bildkomposition, die auf Edvard Munchs ikonengleiches Bild „Der Schrei“ verweist. Der Einsamkeit des Malers in Munchs Selbstbildnis stellt Wang Xingwei ein kontemplatives Porträt eines Paares auf einer Brücke gegenüber, dessen Blicke in einer Landschaft verebben, die durch Versatzstücke des modernen Konsums und des Fortschritts kontrastiert ist.

Wang Xingwei: My Beautiful Life, 1993–1995. Courtesy Sigg Collection. Bild:  © Wang Xingwei

He Xiangyu: The Death of Marat, 2011. Courtesy Sigg Collection. © He Xiangyu, Bild: Yangwei Photo Studio

Ai Weiwei untersucht die Grenze zwischen bildender Kunst und Design im Spiegel der Geschichte, wie in der eigens von der Sigg Collection beauftragten Installation „Descending Light with A Missing Circle“. Ein auf den Boden gestürzter monumentaler Luster aus roten Kristallperlen verweist auf den Verfall der modernen Gesellschaft. Die Farbe Rot, die in China traditionell das Glück in seinen spannungsreichen Facetten symbolisierte, wurde im 20. Jahrhundert durch die Ideologie des Kommunismus zur Farbe der Revolution, des Fortschritts und der politischen Macht.

Als ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit dem Kulturtransfer zwischen Ost und West ist in der Ausstellung das Werk „The Death of Marat“ des Künstlers He Xiangyu zu sehen. Die Arbeit zeigt eine Szene mit Ai Weiwei und bezieht sich auf das gleichnamige Gemälde von Jacques-Louis David, eine Ikone der Französischen Revolution. Die Idee dazu entwickelte Xiangyu, als Ai Weiwei in China im Gefängnis war und gleichzeitig ein Staatsbesuch des damaligen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Deutschland stattfand. In der MAK-Ausstellung treten die Arbeiten der Sigg Collection in Dialog mit historischen Objekten aus China aus der MAK-Sammlung Asien.

Seit seiner Gründung mehr als 150 Jahren setzt das MAK einen musealen Schwerpunkt auf asiatisches Kunstgewerbe aus China, Japan und Korea. Bereits um 1900 konnte das Museum die Höhepunkte asiatischer Kulturen dokumentieren, ein Großteil des Sammlungsbestands des unter wirtschaftspolitischen Vorzeichen gegründeten Handelsmuseums kam 1907 an das heutige MAK. Die mehr als 25.000 Objekte umfassende Sammlung zählt zu den bedeutendsten in Europa und schafft somit eine besondere Plattform für die Präsentation der Sigg Collection.

www.mak.at

29. 1. 2019

Karikaturmuseum Krems: Ahoj Nachbar!

Juni 1, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Satire und Karikaturen aus Tschechien

Miroslav Barták, Im Café, 2013. Bild: © Miroslav Barták

Humor verbindet. Frei nach diesem Motto eröffnet das Karikaturmuseum Krems in Zusammenarbeit mit der Galerie der bildenden Kunst in Havlíckuv Brod am 2. Juni die Ausstellung „Ahoj Nachbar! Satire und Karikaturen aus Tschechien“. Wie beschreiben Sie den tschechischen Humor? Der Schriftsteller Jaroslav Rudiš beantwortet diese Frage ganz einfach: „Man lacht und zittert zugleich.“

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten von internationalen Zeichnerinnen und Zeichnern wie Miroslav Barták, Jiří Slíva, Vladimír Jiránek und Josef Blecha und entführt in unbekannte Humorwelten. Ergänzt wird die Schau mit komischen Gemälden von Pavel Matuška und Oldřich Jelínek.

Die Künstlerin Marie Plotěná balanciert gekonnt zwischen lustbetonten Bilderfindungen und klarem Ausdruck. Ihre feinsinnigen Cartoons offenbaren die weibliche Sicht der Dinge. Insgesamt werden 42 Werke von sieben Künstlerinnen und Künstlern präsentiert.

Darunter Cartoons, Gemälde, Radierungen und gesellschaftskritische Zeichnungen. Sie repräsentieren eine Auswahl bester Humorkunst aus Tschechien, die weit über ihre Grenzen hinaus geschätzt wird.

Pavel Matuška, Krücke, Krücken, Krücklein, 2008. Bild: © Pavel Matuška

Pavel Matuška, Aus Böhmen bis zum Weltnabel. Erinnerung an die Osterinsel, 2012. Bild: Pavel Matuška

www.karikaturmuseum.at

1. 6. 2018