Weltmuseum Wien: „… aus Afghanistan“

Januar 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge erzählen mit Alltagsobjekten über ihre Heimat

Brigitte Neubacher: Afghanistan 1994. Bild: © Brigitte Neubacher

Die Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 und die Bilder, die davon um die Welt gingen, fordern einen genaueren Blick auf Afghanistan und seine Menschen. Die Sammlungen des Weltmuseums Wien geben einen Einblick in das Leben, die Geschichte und die Kulturen Afghanistans. Das Weltmuseum Wien hat Männer und Frauen aus Afghanistan, die in Wien leben, eingeladen, Objekte auszuwählen und ihre Geschichten mit den

Besucherinnen und Besuchern des Museums zu teilen. Gegenstände verschiedener ethnischer Gruppen sollen das Bild von Afghanistan mit vielfältigen, lebensbejahenden Eindrücken bereichern. So ist die sehenswerte Präsentation „… aus Afghanistan“ entstanden. Die Ausstellung wirft Streiflichter auf Szenen des alltäglichen Lebens von Afghaninnen und Afghanen in deren ursprünglichen Heimat bis hin zum Leben von in Wien wohnenden Geflüchteten. Das Weltmuseum Wien will mit dieser Ausstellung ein anderes Bild zeigen, als es viele Medienberichte nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 boten. Die Ausstellung zeichnet aus, dass sie nicht von MuseumskuratorInnen alleine gestaltet wurde. Vielmehr haben in Wien lebende Afghaninnen und Afghanen Objekte aus der Sammlung des Museums ausgewählt oder dem Museum eigene geliehen, die ihnen wichtig erschienen, um über das Leben in ihrer alten Heimat und in Wien zu berichten.

Sie haben auch Texte zu verschiedenen Themen verfasst, die in der Präsentation zu lesen sind. Beispielweise Batul Abedi über das Gebetstuch: Die drei Wörter heißen „Mohammed“, „Hasan“ und „Ali“. Das Tuch wird also von Schiiten verwendet. Die beiden erhobenen Hände stehen für das Beten in Richtung zu Gott. Bei mir zu Hause hängt so ein Tuch an der Wand gegenüber dem Sofa. Oder Rahmatullah Ahmadi über die Teekanne: Tee ist für uns Afghanen ein Getränk das Energie bringt und auch erfrischt. Wenn ein Gast kommt oder wir uns in Gemeinschaft treffen wird immer Tee getrunken, grüner oder schwarzer Tee mit viel Zucker. Er muss stark sein, die Wirkung muss gespürt werden.  In Afghanistan haben wir Tee meist aus Indien importiert. Hier in Österreich schätzen wir auch Säfte oder Coca Cola, zum Christentum konvertierte Afghanen auch Bier.

Teekanne, Afghanistan/Jamshidi. © KHM-Museumsverband

Halskette, Afghanistan/Pashtunen. © KHM-Museumsverband

Gebetstuch, Afghanistan/Hazara. © KHM-Museumsverband

Krug, Afghanistan/Tadschiken. © KHM-Museumsverband

In der Schau geht es nicht um die Taliban, nicht um die Flucht vieler oder um schwer bewaffnete Kämpfer, die durch die Straßen Kabuls patrouillieren. Vielmehr sollen von Frauen angefertigte Keramiken oder geflochtene Körbe, Silberschmuck und farbenprächtige Kleider, Gebetstücher und Papierdrachen Einblicke in die Kultur jenseits des Kriegsgeschehens bieten. Gezeigt werden Szenen aus dem alltäglichen Leben vieler Ethnien. Der Bogen spannt sich von der Gastfreundschaft zum gemeinsamen Essen und Teetrinken, von der Weitergabe des Brautschmucks von der Mutter des Bräutigams zur neuen Schwiegertochter bis hin zum Drachensteigen.

„… aus Afghanistan“ wird ergänzt durch Fotografien von Brigitte Neubacher, Josef Polleross, Max Klimburg, Alfred Janata, Roger Senarclens de Grancy, Walter Kuschel und Georg Sarac. Von der Fotografin Aleksandra Pawlow porträtierte in Wien Lebende berichten über ihr Leben von Afghanistan bis Wien.

Kostenlos zu besuchen bis 31. Mai.

Hochzeitskleid (Detail), Leihgabe von Frau Sohayla Yaqoubi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewänder, Leihgaben von Sohayla Yaqoubi und Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewand (Detail), Leihgabe von Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Historischer Hintergrund

In Afghanistan leben mehr als 50 Stämme. Ihr gemeinsamer Staat grenzt an sechs Länder, wobei die Grenzziehung über weite Strecken auf imperialistische Machtbestrebungen zurückgeht: Die Einmischung ausländischer Akteure in innerafghanische Angelegenheiten prägte über mehr als hundert Jahre das Leben vor Ort. Zwischen 1838 und 1919 führte Großbritannien Kriege im Land. Ab 1979 intervenierte zehn Jahre lang die Sowjetunion, wobei die USA den islamistischen Gegnern der Kommunisten, den Mujahedin, umfangreich Waffen lieferte. In den Jahren 1992 bis 1994 tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Von 1996 bis 2001 beherrschten die Taliban große Teile des Landes. Gegen sie und andere islamistische Gruppen führten die USA und deren Bündnispartner von 2001 bis 2021 einen blutigen Krieg. In all diesen Konflikten litt vor allem die Zivilbevölkerung Afghanistans: viele Menschen wurden getötet, Millionen mussten fliehen, vor allem in die Nachbarländer.

Strickfrauen 1970. Bild: © Roger Senarclens de Grancy

Afghanistan 1959. Bild: © Alfred Janata

Afghanistan/Bamiyan 1993. Bild: © Brigitte Neubacher

Mittagessen in der Mudschaheddin-Basis von Jagdalak, 1988. Bild: © Josef Polleross

Statement des Weltmuseum Wien

Das Weltmuseum Wien widmet sich der Wertschätzung der Vielfalt des menschlichen Lebens. Das Kollegium des Museums ist daher solidarisch mit den Menschen in Afghanistan in ihrer Vielfalt. Die aktuelle Situation ist schwer einschätzbar, aber Krieg und Konflikte führen zur Vertreibung von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Wir appellieren an die Länder der Welt, darunter auch Österreich, alle Maßnahmen zu ergreifen um den Geflüchteten mit Mitgefühl zu begegnen, sie aufzunehmen und zu unterstützen.

www.weltmuseumwien.at

25. 1. 2022

Stadtsaal/Thomas Maurer: Zeitgenosse aus Leidenschaft

Januar 23, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bezos‘ Penis, Hofers Pocken und ein P.C.-Kabarettist

Bild: © Ingo Pertramer

Den Neujahrsvorsatz hat Thomas Maurer offenbar gefasst, 2022 alles richtig zu machen, und so begrüßt er unter den Zuschauerinnen und Zuschauern auch sein LGBTQIA+Publikum, die MigrantInnen aller Communitys mögen sich mitgemeint fühlen. Maurer spricht den Gender*

in jedem Satz, das zieht er durch bis zum Schluss. Nur Oarschloch und Nazi, so Maurer, werden die Ausnahmen sein. Derart „woke“ sei er jetzt, der perfekte politisch korrekte Kabarettist, der sich mit seinem aktuellen Programm „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ im Stadtsaal und in der Regie von Petra Dobetsberger präsentiert. Die Tagespolitik hat Maurer schon länger an die Staatskünstler, dem Satirekollektiv mit Robert Palfrader und Florian Scheuba, ausgelagert. Hier beschäftigt er sich frei nach Otto Grünmandls: „Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus“ mit dem nun vernünftigem, weil gesundem Leben seiner Bühnenfigur Thomas Maurer, die nicht mehr rauchen und kein Fleisch mehr essen will, und sich unversehens bei einem Tankstellenshop mit Tschick und Leberkäsesemmel im Auto wiederfindet.

Ein roter Faden ist in „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ schwer bis gar nicht auszumachen. Maurer mäandert auf Stand-up-Art durch eine breit gefächerte Themenlandschaft. Die Aufgabenbereiche für einen Zeitgenossen sind eben sehr komplex, interkulturelle Fettnapf-Tritte inklusive. Und doch verdichtet sich das Gesagte im Laufe des Abends zu jenem Gegenwartsgefühl trauriger Erkenntnis, wie vieles komplett falsch läuft, wie wenig sich aber trotzdem ändert – global genauso wie bei einem selbst.

Maurer gesteht, dass er sich als Ministrant in den 1970er-Jahren des Blackfacings schuldig macht habe, weil – entschuldigend – ihm der Caspar als der coolste vorgekommen sei. Danach eine schnelle Tschick in der Sakristei: „Ich habe Jesus für Philip Morris verraten.“ Flugs geht’s zu den Azteken und ihrem Menschenopfer-Kult. Rückblickend, so Maurer, könnte man darüber nachdenken, ob deren kannibalistische Rituale um so vieles grausamer waren als die 15.000 Menschenopfer, die der Bau des Fußball-WM-Stadions in Katar gefordert hat. Das sind Zusammenhänge, die erst einmal geknüpft sein wollen – und Maurer gelingt das ganz famos, ohne, dass sein Vortrag jemals in die Häme kippt, sondern so, dass herzlich gelacht werden kann.

Die persönlich liebste Story erzählt Maurer nach der Pause – ein bisschen Fun im Fundamentalismus: Bärtige, bewaffnete Männer ziehen Richtung Stadt. Rebellische Aufwiegler und maßnahmenkritische Umstürzler, die endlich zu ihrem Recht kommen wollen. Die Taliban auf dem Marsch nach Kabul? Nein! Tirol 1809, als Andreas Hofer mit seinen Tiroler Schützen gegen die Bayern in die Schlacht zog. Auslöser des Konflikts ist – die Impfplicht gegen die Pocken. Doch die Tiroler, Maurer schildert in herrlichstem Dialekt, sahen das Vorgehen gegen die Blattern als Lästerung des Menschen gegen Gottes Plan – und er zieht den Schluss: „Man kann für die Freiheit demonstrieren und sich dabei eine infektiöse Lungenerkrankung einfangen.“ (Wenigstens konnten die Clusteranten anno 1809 nicht mit dem Bus nach Wien fahren, Anm.)

Flott und vom Hundersten in Tausendste geht’s durch 21. Jahrhundert, dessen „biologischer Obergrenze“ und jener der eigenen Schuldgefühle. Irgendwann geht nicht mehr. Maurer windet Girlanden vom Klimawandel: „Man kann auf der Autobahn fahren und dabei die Klimaanlage auf Weißweintemperatur stellen. Oder kühl distanziert der Zeitung entnehmen, welcher unseligen Weltgegend gerade ,Hilfe vor Ort‘ in Aussicht gestellt wird und wer gerade wieder ,Klimahysterie‘ gesagt hat.“ Bis zu Jeff Bezos und seinen an einen Penis erinnernden Space Penetrator. Maurer wünscht sich ein „Vaginaldesign“: „Ich stell‘ ma des vor wie ein Langsemmerl“.

Ein nachhaltiges Konsumverhalten wird gefordert – es hagelt Kritik für die immer schlimmer werdende Bodenversieglung rund um die ländlichen Gewerbeparks: „So sieht das Anthropozän aus, wenn der Baumeister der Schwager vom Bürgermeister ist.“ Die Energieforschung wird erwähnt und SUVs, die „wie Werkfahrzeuge am Todesstern anmuten.“ Dass es in der Apotheke Globuli und Schüsslersalz zu kaufen gibt, lässt ihn an der Aufklärung (ver-)zweifeln.

Die Welt wäre besser, befindet Maurer, „wenn die Leute sich vorher vorstellen, was sie sich nachher nicht hätten träumen lassen.“ Sarkasmus, weiß Maurer, ist die Würze der Debatte, und bohrt genüsslich in der Wunde des Österreichertums. Ein augenzwinkernd ironischer Blick des Kabarettisten und die Um- und Zustände, die auch der „Zeitgenosse aus Leidenschaft“ nicht zu ändern vermag. Maurers Ausführungen sind so geistreich wie amüsant, er versteht es Antworten auf Fragen zu geben, die man sich eigentlich noch nie gestellt hat, und wirft jeder Antwort eine neue Frage hinterher. Und gerade als man gespannt ist, wie Maurer sein Ideengewirr am Ende zusammenfassen will, dreht er eine gedankliche Runde zurück zum Anfang: „Gegenderte Sätze sind wie Windkraftparks: Nicht schön anzusehen, aber ganz ohne wird es auf Dauer auch nicht gehen.“ Jubel, Applaus.

Nächste Vorstellungen im Stadtsaal am 28. und 29. Jänner, es gibt noch Karten. Alle Termine österreichweit:

thomasmaurer.at          www.stadtsaal.com

  1. 1. 2022

Theater im Bahnhof Graz / Live-Zoom: Liebe Regierung! Briefe aus dem Bauch der Republik

Dezember 12, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie viele Schaumrollen bis zum Speiben?

Von Grazerinnen an den Grazer: Monika Klengel und Pia Hierzegger mit einem an den neuen Bildungsminister Martin Polaschek adressierten Brief. Bild: © Johannes Gellner

Eine Live-Online-Leseperformance ist die jüngste herausfordernde Idee des niemals um eine solche verlegenen Grazer Theater im Bahnhof. Da immer mehr Menschen, egal welcher politischen Glaubensrichtung, das Gefühl haben nicht gehört zu werden, startete das TiB den Versuch einer schriftlichen Annäherung an den Staat. Das Team bat das Publikum, Briefe an Mitglieder der aktuellen Bundesregierung oder andere politische Verantwortungs- trägerinnen und -träger zu verfassen.

Diese werden nun an fünf Abenden, der erste davon gestern, in abwechselnder Besetzung von Monika Klengel, Eva Hofer, Juliette Eröd, Jacob Banigan, Beatrix Brunschko, Gabriela Hiti, Martina Zinner, Elisabeth Holzmeister, Pia Hierzegger und Lorenz Kabas vorgetragen. Selbstverständlich im typischen TiB-Stil. Heißt: als eine Art Schaumrollen-Challenge. Beherzt hineingebissen werden muss ins Blätterteiggebäck, dass die Zuckerschneefüllung nur so quillt. Bis man – nach Vorbild chinesischer Glückskekse – auf dem Zettelchen mit der Losnummer für den nächsten vorzulesenden Brief herumkaut.

Das geht so lange, bis die leere Schaumrolle gezogen ist, gestern gelang das Eva Hofer um 19.14 Uhr – und während man vorm Bildschirm sitzt und lauscht und staunt, windbeutelt einen die Frage: Wie viele Schaumrollen, bis es zum Speiben ist? Klar hat die Performance keinen anderen Mehrwert als den, ein Stimmungsbild, ein Sittenbild des derzeitigen Zustands der Republik darzustellen. Wobei die TiBler bei ihrer mehlspeisigen Lottoziehung trotz aller Dreistigkeit allesamt Waisenkinder gegen die Chuzpe der rochierenden Parteiwiedergänger und Volksverdreher sind.

Immerhin: Welch ein Einfall, Schaumrollen für die ihre Rollen spielenden politischen SchaumschlägerInnen! Und so momentan das Ganze daherkommt, gilt es den Hut zu ziehen vor den Umbauarbeiten, die die vergangenen Tage wohl mit sich brachten. Einen Brief jetzt mit MFG enden lassen? Der Freiheitsruf der DDR-Bürgerinnen und Bürger „Wir sind das Volk!“ nun rausgebrüllt vom rechten Rand der gegen den „Impfzwang“ Demonstrierenden? Wie Worte doch im Munde umgedreht ihre Bedeutung ändern.

Eva Hofer. Bild: © Johannes Gellner

Lorenz Kabas. Bild: © Johannes Gellner

Monika Klengel. Bild: © Johannes Gellner

Die Radikalisierung der Sprache ist denn auch Thema vieler Briefe. Martina Zinner hat einen von M.J.Z. mit dem Wunsch um mehr Dialog und der Bitte, Kinder nicht als Superspreader zu bezeichnen. Die Leiterin eines steirischen Pflegeheims beschwert sich bei Landeshauptmann Schützenhöfer über den Bogner-Strauß-Sager von Pflegeeinrichtungen als „Sarggassen“ und ungeimpftem Pflegepersonal als „Todesengel“.

M.W. kritisiert als Losnummer 18 und via Pia Hierzegger Werner Kogler für seine „versaute Annäherung an die Fremdenfeindlichkeit“ des Koalitionspartners, Neo-Bundeskanzler Nehammer muss sich – noch als Innenminister – „zynische Ressentiments“ und „eine Show ohne jede Substanz“ vorwerfen lassen. Eine irakische Schutzsuchende, Künstlerin, 2015 nach Österreich gekommen, schildert ein Über-/Leben ohne gültige Papiere. Eine ehemalige Ostdeutsche adressiert Alexander van der Bellen. Österreich erinnere sie mehr und mehr an die DDR: „Politik und Medien auf der einen Seite, die Menschen auf der anderen Seite, und die beiden hatten nichts miteinander zu tun.“

Alldieweil zeichnen, eigentlich karikieren gerade nicht lesende PerformerInnen auf einem Flipchart die Elli Köstinger, den Mückstein, die (sic!) Edtstadlerin, den neuen Bildungsminister Martin Polaschek – ein Gruß aus Graz an den gewesenen Grazer Uni-Rektor -, und sie tun dies per Schlafbrille blind gemacht wie die Justitia. Ein Zeichen für die Unparteilichkeit des Abends. Hier werden nämlich auch Schaumrollen gegessen, die dem Ensemble nicht schmecken … Die Gesichter röten sich, nach den Lippen die Augenlider, die Wangen; die Getränke zum Runterspülen jedwedes Süßen wechseln von Tee und Frucade zu Rotwein und Wodka-Stoli.

PolitikerInnen blind skizziert: Juliette Eröd, Monika Klengel und Lorenz Kabas. Bild: © Johannes Gellner

Eva Hofer mit einem Foto von Bildungsminister Martin Polaschek und Lorenz Kabas. Bild: © Johannes Gellner

Pia Hierzegger hat Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein an die Wand gemalt. Bild: © Johannes Gellner

Lena Rucker begleitet die Live-Lese-Performance musikalisch. Bild: © Johannes Gellner

A.E. hat gedichtet, Gabriela Hiti trägt vor: „Der neue Innenminister / nie den Basti vergisst er /  er baut ihm in Wien ein Museum / und das andere schließt er …“ Zum Schluss: Christa Wolf, Kassandra. „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen, in Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter ändern Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen …“

„Aus dem Bauch der Republik“ hat das TiB Sprachtheater auf höchstem satirischem Niveau gestaltet und dem Anlass entsprechend getragen vorgetragen. Heute, bei der zweiten Lesung, kann und wird alles so ähnlich und doch ganz anders sein. Schauen, hören Sie sich das an. Die Hoffnung, etwas bewirken zu können, stirbt bekanntlich zuletzt.

Zoom-Link an fünf Abenden bis 22. 12. ab 17.50 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos, Spenden gehen am Heiligen Abend an den Verein Doro Blancke Flüchtlingshilfe. Die Briefe, aber auch Bilder, Objekte und andere Left-Overs aus den Performances, werden danach als Installation „Liebe Regierung. Das Studio“ zugänglich sein.

Link für die ZOOMVERANSTALTUNGEN           SPENDE statt KARTE

www.theater-im-bahnhof.com

  1. 12. 2021

Aufzeichnungen aus der Unterwelt

August 31, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Strizzis, Stoßspieler und Geschichten aus Stein

Freiheit heißt, zum Heurigen zu gehen und zu singen: Kurt Girk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Das muss schon was gewesen sein, als der von ihr zum solchen gekrönte „Unterweltkönig von Wien“ mit einem „ned kassier’n und die Leit‘ schlechtmochn“ bei der Kronen Zeitung erschien, um für die Verwendung seines guten Namens seinen Anteil an den Einnahmen zu fordern. Fünf Prozent, jedes Mal, wenn das Blatt mit reißerischen Schlagzeilen über ihn Umsatz macht, eh klar, dass da die Kiberei aufparadierte.

Alois Schmutzer muss schmunzeln, während er sich erinnert – bevor er auf Nachfrage von Filmemacher Rainer Frimmel lapidar antwortet: „Eine Wiener Unterwelt hat’s ja nie gegeben.“ „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“, die mit dem Großen Diagonale-Preis für den Besten Dokumentarfilm 2021 ausgezeichnete Milieustudie von Tizza Covi und Rainer Frimmel, startet am 10. September österreichweit in den Kinos. Eine Hommage ist der Film geworden, ans Nachkriegswien der Strizzis und Stoßspieler, vor allem aber auch Covis und Frimmels persönliche Liebesgeschichte mit ihren charismatischen Protagonisten. Das darf man den Filmemachern unterstellen: allen voran Alois Schmutzer und Kurt Girk, der Harte und der Zarte, deren von Nostalgie umwehte Erzählungen in eine fremde, ferne Welt entführen.

Schmutzer, zuschlagkräftiger Sohn eines wegen Wilderei und Schmuggels erschossenen Fleischers, war weiland einer der wichtigsten Aufmischer beim illegalen Stoßspiel, und Wienerliedsänger Girk – Heurigenspitzname: „da Sinatra aus Ottakring“ – nicht nur beim Kartengeben mit von der Partie. In langen, ruhigen, grobkörnig anmutenden Schwarzweißeinstellungen, auf Super-16mm-Film gedreht, schildern die beiden eines Romans würdig, spielfilmreif, was besser nicht erfunden hätte werden können. Schicksale, selbstverständlich, aber mit jener Art Die-Zeit-heilt-alle-Wunden-Gestus, die verdeutlicht, dass der eine seine Freiheit neben seinem Akkordeonspieler (Girk verstarb 2019), der andere bei seinen Bienenstöcken im Waldviertel gefunden hat.

Vergeben, nicht vergessen, dies eine nicht, wovon später die Rede sein soll, und Frimmel lässt die beiden sich entsinnen, ohne groß zu unterbrechen. Die Atmosphäre mit dem Loisl und dem Kurti ist familiär. Bemühte man den Begriff „Original-Ton“, so wär‘ er hier wortwörtlich zu nehmen. So geht’s von Andenken an die Jugendjahre im Dritten Reich, an den „leiwanden Kerl“ Hausherr Dr. Blum, der der Mutter den Zins stundete und schließlich der Gestapo durch Selbstmord entkam, an die Nachbars-Nazis, die beim Einmarschieren der Russen schnell das Hakenkreuz aus der „roten“ Fahne schnitten, zu klein-/kriminellen Gepflogenheiten der 1960er-Jahre samt den Schlachten mit der Polizei, die die Härte des Gesetzes per Gummiknüppel auf die Köpfe niederprasseln ließ. Öffentliche, legitimierte Gewalt auf der Straße, Polizeigewalt, nur ein Thema dieses Films, das bis heute nichts an Aktualität verloren hat …

Kurt Girk. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Alois Schmutzer. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Helene Martinez. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Peter Leitheim. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Allmählich werden die Anekdoten zu Biografien, lernt man Freund und Feind und Perspektivelosigkeit kennen, mit jedem neu aufgeschlagenen Lebenskapitel gewinnen die „Aufzeichnungen“ an Tiefe. Je weiter der Film voranschreitet, desto stärker wird seine politische Dimension. Als Talon im Ärmel der Filmemacher entpuppt sich Alois Schwester, die Helli, Helene Martinez, die zumindest dieser Zuschauerin vergeblich versucht, die geheimnis- vollen Regeln einer Stoß-Partie beizubringen. Mit der Helli, ihrem Fotoalbum und ergänzendem Fernseharchiv- material ist die Zäsur gesetzt. Wieder die Kronen Zeitung, Schlagzeile: „Norbert Schmutzer von zehn Kugeln getroffen“, Alois‘ Bruder, dazu Aufnahmen von Schaulustigen und der Spurensicherung vorm „Stüberl-Café“.

Helene Martinez zeigt ein Porträt vom feschen Norbert, ein Foto seiner Freundin Susi mit Einschussloch, trug er’s doch in der Mordnacht in seiner Brieftasche, eins vom Alois in Stein. „A Brieftaubn“ sollen der Loisl und der Kurti g’macht haben, ein Postraub mit Todesfolge, für den Schmutzer zehn Jahre Haft ausfasst, Girk acht, obwohl sie nachweislich nicht die Täter sein konnten. Die Entrüstung über die ungerechte Verurteilung, die in Kurt und Alois schlummert, tragen Covi und Frimmel weiter. Nun treten Justiz- und Polizeiwillkür zutage, werden grausame Methoden des Strafvollzugs deutlich, und damit auch ein Echo des Naziterrors und die Rolle von Macht und Staat in den ersten Nachkriegsjahrzehnten.

Die Polizei, die einen prominenten Unterweltler eliminieren nicht möchte, sondern fürs eigene Image muss, einen „Medienstar“, und apropos, Aktualität: die Medienhetze, die Meinungsmacher. Schmutzer nennt Inspektor Hammer – nomen est omen – vom Sicherheitsbüro „an Scheißhund“, der Girk acht Zähne ausschlug, die Zustände in den Gefängnissen, die schlimmen Verhältnisse im Strafvollzug, die wären ein eigener Film. Davon zu berichten haben Covi und Frimmel Peter Leitheim vor die Kamera gebeten, und pardon, er ist der einzige, dem man den Alkoholismus deutlich ansieht.

Hellis Fotoalbum: ein Bild von Norbert Schmutzers Freundin Susi mit Einschussloch, Norbert, unten: Alois in Stein. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Für Frimmel ist er ein weiteres Opfer, der junge Bursche ohne Berufsausbildung, der zum Gefängniswärter wurde, der Misshandlungen von Häftlingen mit dem Schutz seiner eigenen Unversehrtheit rechtfertigt. Und auch er hat seinen Zorn, auf den Vorgesetzten, der wegen eines Tränengaseinsatzes gegen Schmutzer in dessen Zelle 400 Schilling mehr Pension bekommen, während er, direkt am Einsatzort, bis heute Probleme mit den Augen hat. Ein Vorfall übrigens, den Girk mit dem ihm

eigenen trockenen Galgenhumor kommentiert, sollte der Freund den Tobsüchtigen damals doch kalmieren: „Drauf hob I sagt, I hob eam jo ned eing’sperrt, es Trottln.“ „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ zeigt in voller Unverblümtheit eine des männlichen Faustrechts. Die Wahrheit? Ist irgendwo da draußen. Jedes Relativieren, jedes Offenbaren von neuen Fakten, wird individuell zwischen Protagonisten und Publikum neu verhandelt.

Man kann diesen Film als Sittenbild, als gesellschaftspolitische und soziale Zustandsschilderung aus dem Wien der Sechziger Jahre sehen, oder als einen über Stolz, Respekt und Würde. Von den einzigartigen Gesichtern der Protagonistin und der Protagonisten geht eine beinah unheimliche Faszination aus, das sind Persönlichkeiten, die sich durch nichts im Leben haben brechen lassen. Oral History vom Feinsten.

Am Ende: Aufnahmen in Farbe. Kurt macht sich für einen Auftritt fertig, Alois zeigt seinen Hof. Und dann: die beiden gemeinsam beim Heurigen, sie singen „Heute war die alte Zeit bei mir“, das absolute Lieblingslied von Kurt und Alois und jedes Mal, sagt Frimmel mit seinem Gespür für einfühlsames und empathisches Filmemachen, „wenn sie sich getroffen haben und wir dabei waren, haben sie es gemeinsam gesungen“. PS.: Welturaufführung war bei der Berlinale, und Schmutzer gab auf der Bühne Vollgas mit seinem Wiener Schmäh – und musste fürs Publikum via Dolmetscher übersetzt werden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=L68aMLUHsMk           www.youtube.com/watch?v=lPBE9dfxgEw           unterwelt.wien           stadtkinowien.at

BUCHTIPP:

Kiepenheuer & Witsch, David Schalko: „Schwere Knochen“, Roman, 576 Seiten. Schalko erzählt von der Zwischen- bis zur Nachkriegszeit von der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: leerzuräumen –  der Wessely, genannt „der Bleiche“, der „Zauberer“ Sikora, der Fleischhauersohn Praschak und der Krutzler, das ist der mit den schweren Knochen, weil ein Bulle von einem Mann, und alle vier von den alten Herren der „großen Galerie“, das sind laut Glossar die hochrangigsten Verbrecher, mutmaßlich so genannt nach dem Fotoalbum der Polizei, ob ihres Einfallsreichtums wohl gelitten … Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139

  1. 8. 2021

Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021