Bronski & Grünberg: Die roten Augen von London

Januar 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der ultimative Edgar-Wallace-Irrwitz

Die üblichen Verdächtigen: Daniela Golpashin, Elias Krischke, Dominic Oley, Gerhard Kasal. Elisa Seydel, Fritz Hammel und Kimberly Rydell. Bild: © Philine Hofmann

„Hallo, hier spricht …“ muss selbstverständlich der erste Satz sein, auch wenn vors „frei nach“ nicht weniger als sieben sehr geschrieben sind. Fürs Bronski & Grünberg hat sich Theaterdreifaltigkeit Dominic Oley diesmal einen Edgar-Wallace-Fall zur Brust genommen, hat aus den toten „Die roten Augen von London“ gemacht – und die Story um eine blinde Verbrecherbande mit dem ihm eigenen, heißt: Wahn- wie Hintersinn, bronskifiziert. A Show with everything but Ady Berber!

Die Jahresauftaktpremiere an Wiens erster Adresse für Progressiv-Boulevard ist auf Hochglanz gewixxt, Slapstick, Satire, Nebelschwaden, mit elegant-ernsthafter Einfassung an den Rändern. Es ist bemerkenswert, wie mühelos es Autor-Regisseur Oley gelingt, dem Krimi, vor allem der in punkto Skurrilität – ob Augenzwinkern, ob Unvermögen? – nicht festzumachenden Verfilmung, an Irrwitz eins draufzusetzen. Textzeilen wie, Chefinspektor Larry Holt: „Heute Morgen wurde wieder eine Leiche aus der Themse angeschwemmt.“ Sergeant Harvey: „Empörend! Wird denn in diesem Land überhaupt niemand mehr erschossen?“, muss man erst einmal toppen.

Die Aufführung fährt von Anfang bis Ende in Höchstgeschwindigkeit, der Wortwitz fliegt tief, bitte raten, was sich gunstgewerblerisch auf Roger Moore reimt, und apropos: Unvermögen, klar wird sich in diesem Spiel um Sex & Drugs & großes Geld auch ins Politische verbissen – ganz nach der Bronski-Parole, in Zeiten wie diesen, ist es Zeit für die Komödie, denn die Komödie ist immer noch der Glauben an das Gelingen in dieser Welt. Und so werden nun in der Müllnergasse so steinreiche wie steinalte wie mausetote Männer aus der Themse gefischt, offenbar ertrunkene Millionäre mit abnormal geröteten Augen.

Für Scotland Yard und seine Führungsspitze ist das eine verflixte Sache, ist die brillanteste Doppel-Null-Agentin doch auf Zwangsurlaub geschickt worden, nachdem sie die Innenministerin beim Staatsverhökern auf einer spanischen Insel beschattet hat. Meanwhile muss eine ambitionierte, kleine West-End-Bühne mangels Subventionierung beinah schließen, doch wird der selbstironische Seitenhieb von einem geheimnisvollen Spender abgefangen, der dem Theater allmonatlich einen großzügigen Betrag überbringen lässt.

Bild: © Philine Hofmann

Bild: © Philine Hofmann

Bild: © Philine Hofmann

Von einem – Achtung! – blinden Boten, womit die Spur ins nächstgelegene Blindenheim führt, das sich zufällig im selben Haus befindet, wie jene Assekuranz, bei der die ums Leben gebrachten Geldsäcke versichert waren. Während eine Todesliste in Brailleschrift auftaucht, unpassende Aphorismen gerade noch die Kurve kratzen, und die neurotisch-erotische Superermittlerin Colt, Kimberly Rydell, ihr Pantscherl mit dem Chefpathologen Stefan Lasko pflegt, muss der in erster Linie mit Ehefrau und Einkäufen bei Carrotts beschäftigte Polizeichef Fritz Hammel – „Meine Fresse, die Presse!“ – vor ebendieser seine Unfähigkeit rechtfertigen.

Vom Feinsten ist sein Zwiegespräch mit dem zum Friseur mutierten einstigen Flimmer-Fred, ein Philosophieren um bedingungsloses Grundeinkommen, Vermögensobergrenze und eine Welt, in der die Menschen ihr Zuviel teilen. Und da die Morde ja kein zack-zack Einzelfall sind, stellt sich nun schon die Frage, ob hier Umverteilung – natürlich nicht vom Staat, mehr privat – in großem Stil betrieben wird. Im durchwegs großartigen Ensemble ist Elias Krischke nicht nur als Freddy, sondern im Mehrfacheinsatz brillant, ob er als dienstbeflissen-dämlicher Sergeant Eddi Arent alle Ehre macht oder als blinder Benny was vom „bösen Ort“ stammelt, bevor er stunttechnisch einwandfrei von der Bühne fällt.

Dass dem Burgtheater-Bakchen-Chorist mit seinem „Die Sache mit den Laufbändern habe ich nicht verstanden“ ein Insidergag und darob amüsiertes Lachen geschenkt ist, ist nur eine der geglückten Petitessen dieser zwischen herzhaft groteskem Humor und geschliffener Politpointe changierenden Produktion. Gerhard Kasal verkörpert in Personalunion Reverend Dearborn und Rechtsanwalt Judd, und per Erscheinungsbild auch des Edgar-Wallace-Publikums liebsten Bösewicht. Again the Ringer! Die somit drei Sehkraftlosen lassen Elisa Seydel als religiös-sadistische Klosterschwester Agnes über, nein – nicht die Klinge, den Blindenstock springen. Virtuos im Dialog-Ping-Pong und in komödiantischer Höchstform sind auch Daniela Golpashin und Florian Carove.

Die zwei gescheiterte West-End-Existenzen, wie Wladimir und Estragon auf Oley-Art, die auf der Suche nach einem Papagei mit Opernsängerqualitäten auf den Plappervogel im Blindenheim stoßen, der immerhin die Uhrzeit sagen und ungarische Kantaten singen kann. Ob der Kriminalfall am Schluss als geklärt zu betrachten ist, bleibt dem Urteil des einzelnen überlassen, jedenfalls taucht weder der unheimliche noch der Mönch mit der Peitsche, aber Stefan Lasko wie ein Frosch ohne Maske aus dem Nass auf. An Schuldigen werden dingfest gemacht: politische Gleichgültigkeit, fehlende soziale Utopien und schlechtes Benehmen. Nach gebührendem Jubel-Trubel zog’s die Zuschauer weiter – ins Gasthaus an der Themse aka die Flamingo-Bar.

www.bronski-gruenberg.at           Little extra for nostalgics: www.youtube.com/watch?v=6l_2D6CpbCo

tv-thek.orf.at/profile/Seitenblicke/4790197/Seitenblicke/14037213/Premiere-im-Bronski-Gruenberg/14619689

  1. 1. 2020

Benjamin Black: Die Blonde mit den schwarzen Augen

August 7, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein schwerer Fall von Mimikry

51rFN+IZvuL._SX303_BO1,204,203,200_Als mir mein Informant das kleine schwarze Buch über den Tisch reichte, ahnte ich noch nicht, dass es mir Sorgen machen würde. Ich blätterte durch die Seiten. Da schrieb so ein John-Banville-Typ, hochdekorierter Schriftsteller, der unter dem Alias Benjamin Black Kriminalromane verfasst und Hochanständiges über einen Pathologen namens Quirke zu Papier gebracht hatte, einen Philip-Marlowe-Roman. Ich griff zum Telefon und rief meine verlässlichste Quelle an. „Hör auf zu schreien – ich bin’s, Bogey“, sagte ich in den Hörer, „Was weißt du über diesen Schnüffler?“ „Keine sichtbaren Narben. Haare dunkelbraun, etwas grau. Augen braun. Größe einsvierundachzig. Gewicht circa einsneunzig.“ „Nicht Marlowe, Mensch, den Schreiberling“, unterbrach ich seine bourbonschwangere Stimme. Ich hörte, wie er seinen Fedora zurechtschob. „Hat wohl eine Liste aus dem Nachlass Raymond Chandlers in die Finger gekriegt, in der der mögliche Fälle seines Privatdetektivs Philip Marlowe auflistete“, knurrte er. „Hat sich ,Die Blonde mit den schwarzen Augen’ ausgesucht und will damit jetzt ein paar Pennys verdienen.“ Ich dankte höflich. Niemandem bekommt es gut, Bogey über Gebühr zu strapazieren. Immerhin hatte ich mir durch das Fernsprechen den Anblick seines sauertöpfischen Gesichts erspart. Kurz bevor die Verbindung abbrach, meinte ich ihn die Worte „Hardboiled-Götter ersaufen nicht auf dem Grund einer Flasche“ murmeln gehört zu haben. Aber wer weiß das schon?

Ich goss mir einen Gimlet ein, den dritten heute, ein vierter wäre fatal, und blickte aus dem Fenster hinaus in die Stadt, in der die brütende Hitze noch mehr Hitze ausbrütete. Vielleicht war ich nicht die Richtige für diesen Fall? Ich hatte derzeit weder gesteigerte Lust auf Schlägereien noch auf Schießeisen. Um die Wahrheit zu sagen, ich passte ins Cahuenga Building wie eine Perlzwiebel auf einen Bananasplit. Ich sah sehnsüchtig hinüber zum Schachbrett, wo die letzte Partie Ich gegen Mich Remis ausgegangen war. Dann siegte meine Gewissenhaftigkeit und ich griff wieder zu diesem verdammten schwarzen Buch. Ich bin nun einmal ein braves Mädchen. Ich höre manchmal nachts Schreie und dann gehe ich nicht nachsehen, was los ist. Ich habe meine fünf Sinne zusammen, ich mache das Fenster zu und drehe den Fernseher lauter …

„Der Stil ist das Wertvollste, in das ein Schriftsteller seine Zeit investieren kann“, hatte mein Informant zitiert. Dem allmächtigen Suspense sei gedankt für die clevere Bescheidenheit dieses Mannes. Banville, Black, oder welche anderen Decknamen meine Recherchen noch ans Tageslicht fördern würden, war jedenfalls ein Meister der Mimikry. Das kann man nach der „Poodle Springs“-Katastrophe wirklich nicht über jeden sagen, der glaubt, sich in der Yucca Avenue herumtreiben zu müssen. Black, ich beschloss fürs Erste bei dieser Benennung zu bleiben, hatte sich den von Chandler angezogen wie einen zerknitterten Trenchcoat, war in dessen Figurenkabinett eingezogen wie zwischen Mrs. Hudsons Mietmöbel. Oh ja, ich kannte sie alle, die Gestalten, die hier durch die Seiten geisterten. Den eiskalten blonden Engel. Die hingebungsvolle Brünette. Sie verstanden mit Männern umzugehen. Sie brachten sie bis dahin, dass sie ihnen die Schuhsohlen ableckten. Den bärbeißigen Bullen mit dem Herzen am rechten Fleck. Den Verbrecherkönig gänzlich ohne Herz. Seine Prügelknaben, die ebensoviel Ausdruck zeigten wie der Verschlussdeckel zum Benzintank meines Wagens. Schönlinge mit Zähnen, die nicht in ihrem Mund gewachsen waren. Spitzmausgesichtige Feiglinge. Stereotypen. Klischees. Parodien, Karikaturen ihrer selbst. Dachte der Ire mit dem irren Humor damit wirklich durchkommen zu können? Ich schloss die Augen und sah quick meinen alten Freund Nick zwischen Molly Moll und Virginia Peng sitzen. Der Genießer. Mein Abend hingegen würde in Zermürbung enden. Ich überlegte, ob es mir etwas nützen würde, wenn ich mir die Haare ausraufte. Es verstärkte lediglich meinen innigen Wunsch, die Wände hinaufzuklettern und mir einen Weg durch die Zimmerdecke zu nagen.

Der große Schlaf. Das wär’s jetzt gewesen. Stattdessen nahm ich mir Blacks Story vor: Clare Cavendish, so der Name der geheimnisvollen Blonden, war Erbin eines L.A.-Parfum-Imperiums und hatte ihren Ex-Liebhaber Nico Peterson in San Francisco gesehen, was ihr insofern spanisch vorkam, als besagter Peterson eigentlich in seinem kühlen Grab ruhen sollte. Den Polizeiakten zufolge hatte man ihn vor dem schicken Cahuilla Club in Pacific Palisades über den Haufen gefahren. Der Rest der unglaubwürdigen Geschichte war so konstruiert wie das Hollywoodzeichen in den Hollywood Hills. Aus der Ferne mordsmäßig überdimensional, bei näherer Betrachtung ein zusammengezimmerter Haufen Schrott in der Ödnis. Ich hatte das Spiel durchschaut, dachte ich zumindest, und war geneigt, es mitzuspielen. Black legte Fährten aus, die mich zu Banville führen sollten. Als Marlowe den Geschmack eines Old Crow-Whiskey mit dem Duft von „Walnussfeuern an Herbstnachmittagen“ vergleicht, muss er hinterher gestehen, „durchaus den einen oder anderen Vers“ von Keats und Shelley gelesen zu haben. Einen Witz über den zweiten Marlowe, Christopher, verstand ich da fast von selbst: Hochkulturgeschwafel. Für aufschlussreicher hielt ich die Verbindung, die Black zur IRA aufgebaut hatte. War das seine alte Connection zur Grünen Insel? Von der auch sein Geschöpf Cavendish stammte. Die Spur schien verlässlich.

Ich machte mich auf ins Auld Dubliner nach Long Beach, um Näheres über die Angelegenheit zu erfahren. In meinem Kopf malte ich mir schon eine hübsche Hässlichkeit aus, die weit in die Vergangenheit zurückreichte, bis zu Claires Vater, der, wohl weil Michael Collins’ Mitstreiter, weiland ermordet worden war. Doch mein dortiger Kontaktmann schüttelte seinen blutroten Quadratschädel. Er stopfte seine Pfeife, zündete sie an und begann, seinen Teil zum allgemeinen Mief beizutragen. „Ich werde Ihnen jetzt eine kleine Rede halten. Sie werden nicht sehr begeistert davon sein“, sagte er. Die IRA-Sache verlief sich im Sand. Meine lange Übung, immer das Falsche zu glauben, bewährte sich also. Black hatte ein paar mexikanische Mafiosi eingeführt, zu belanglos, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei hätte ich ihnen mehr Beachtung schenken sollen. Denn sie griffen nun an. Aus dem Hinterhalt. Sie spielten ihr Spiel im Dunkel. Auch dank eines Helfers, der höchst unsportlich erst im letztmöglichen Moment eingeführt worden war. Als mich die Erkenntnis wie ein Schlag traf, dachte ich an meine gute Freundin Agatha, die sich derlei Unfug immer verboten hatte. Mit einem hatte ich immerhin recht: Die Spur führte in die Vergangenheit, aber anders als gedacht. Die Story erwies sich als platt wie ein Autoreifen, dem ebenso wie ihr die Luft ausgegangen war. Ich schleppte mich zu einem Spiegel und betrachtete mein Gesicht. Es kam mir noch bekannt vor. Ich rief meinen Informanten an, um ihm mein enttäuschendes Ergebnis mitzuteilen. Was ich ihm sagte, war alles nicht manierlich. Was er jetzt empfand, weiß ich. Hab‘ ich oft genug in Krimis gelesen.

Über den Autor:
Benjamin Black ist das Pseudonym des 1945 geborenen John Banville, das er für Kriminalromane verwendet. Banville gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Irlands. Sein umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Man Booker Prize und dem Franz-Kafka-Literaturpreis. John Banville lebt und arbeitet in Dublin.

Kiepenheuer & Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Die Blonde mit den schwarzen Augen“, Roman, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Kristian Lutze

www.kiwi-verlag.de

Wien, 7. 8. 2015