Jüdisches Museum Wien: Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn

Dezember 4, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Floridsdorfer auf der Flucht nach Rio

Kurt Klagsbrunn: Akrobatik am Strand, Copacabana, 1946. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Das Jüdische Museum Wien präsentiert zum 100. Geburtstag von Kurt Klagsbrunn ab 5. Dezember eine Auswahl seiner Fotografien aus dem brasilianischen Exil.

Seine Bilder vom Leben der Cariocas auf den Straßen Rios und am Strand von Copacabana, der exklusiven Events der Eliten, der Promis und bedeutender Ereignisse wie der Fußball- weltmeisterschaft 1950 oder der Entstehung der neuen Hauptstadt Brasília, lassen den Betrachter in das Brasilien der 1940er- bis 1970er-Jahre eintauchen und bedeuten für Wien eine Entdeckung.

Der Fotograf Kurt Klagsbrunn, geboren 1918 in Wien, hielt von 1939 bis in die 1970er-Jahre das moderne Leben Brasiliens fest. Er fotografierte die Partys der Wohlhabenden ebenso wie die Vergnügungen der kleinen Leute. Seine Modelle waren Prominente wie Orson Welles oder Evita Perón, aber auch Brautstrauß werfende Frischvermählte, Schuhputzer auf den Boulevards oder verträumte Kaffeegenießer. Dabei wollte der Sohn eines Floridsdorfer Kohlenhändlers und Fußballfunktionärs eigentlich Arzt werden, musste jedoch nach der Flucht aus Österreich 1938 den Beruf wechseln, um sich im Exil eine neue Existenz aufzubauen.

Er wählte das Hobby seiner Jugend und stieg rasch vom Autodidakten zum Pionier der Gesellschaftsfotografie auf. 2005 starb Kurt Klagsbrunn in Rio de Janeiro. Sein Neffe Victor Klagsbrunn betreut seither den Nachlass mit mehr als 250.000 Negativen. 2017 schenkte er dem Jüdischen Museum Wien einen Teilnachlass mit Briefen, Notizen, Fotos und anderen Erinnerungen an das Leben der Familie Klagsbrunn in Floridsdorf und ihrer Flucht nach Rio.

Die Ausstellung „Das Auge Brasiliens. Kurt Klagsbrunn“ präsentiert diese Schenkung sowie eine Auswahl seiner Werke aus dem brasilianischen Exil. Die Geschichte der Familie Klagsbrunn steht stellvertretend für das Schicksal tausender Wiener Jüdinnen und Juden, die im Zuge des wirtschaftlichen, kulturellen und akademischen Aufbruchs der Residenzstadt im späten 19. Jahrhundert aus Galizien in die boomende Metropole Wien strömten, in der Hoffnung, sich hier ein besseres Leben aufbauen zu können. Was für ein paar Jahrzehnte auch gelang, bis die Nationalsozialisten dem ein brutales Ende setzten.

Kurt Klagsbrunn: Vor dem Kino, Cinelândia, Rio de Janeiro,1946. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Kurt Klagsbrunn: Laut Kurt war die Giraffe eines der beliebtesten Kostüme im Jahr 1949. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Im Alter von zwanzig Jahren wurde der Wiener Jude Kurt Klagsbrunn im März 1938 aus seinem studentischen Leben an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien gerissen. Glücklicherweise gelang der Familie Klagsbrunn die Flucht und Kurt, der in Wien unter anderen Umständen vermutlich eine medizinische Karriere vor sich gehabt hätte, fand in Brasilien eine neue Heimat und avancierte dort zu einem der bekanntesten Fotografen des Landes. Bekannt wurde die Geschichte der Familie Klagsbrunn durch den Schriftsteller Erich Hackl, der durch eine zufällige Bekanntschaft mit Victor Klagsbrunn darauf aufmerksam wurde und ihr mit einer Erzählung in dem Band „Drei tränenlose Geschichten“ ein literarisches Denkmal setzte.

Kurt Klagsbrunn: Blick auf Rio de Janeiro, vermutlich aus der Christus-Statue in Corcovado, 1948. Bild: © Victor Hugo Klagsbrunn

Der Teilnachlass von Kurt Klagsbrunn, den sein Neffe Victor Klagsbrunn dem Jüdischen Museum Wien überließ, enthält neben vielen Fotos auch eine große Anzahl an Archivalien: Briefe, Korrespondenzkarten, Notizen, ein Skizzenbuch, Ausweise und andere amtliche Dokumente sowie handschriftliche Listen von den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bis in die 1980er.

Der größte Teil der Schenkung stammt aber aus den 1930er-Jahren und dokumentiert das Leben von Kurt, seines um fünf Jahre älteren Bruders Karl Peter, genannt Peter, und ihrer Eltern Friederike und Leopold Klagsbrunn in Wien sowie die Flucht der Familie 1938/39 über Rotterdam, London und Lissabon nach Rio de Janeiro. Darüber hinaus enthält der Teilnachlass auch noch biografische Dokumentationen zu vielen weiteren Mitgliedern der umfangreichen Verwandtschaft.

www.jmw.at

4. 12. 2018

Auge um Auge

April 8, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Mann fürs Mittelmaß

Christian Bale Bild: Tobis Filmverleih

Christian Bale
Bild: Tobis Filmverleih

Er ist Batman, Patrick  „American Psycho“ Bateman, er nahm als „Der Maschinist“ 30 Kilo ab, für die Betrügersatire „American Hustle“ 20 Kilo zu. Christian Bale ist kein Mann fürs Mittelmaß. Er ist „Extremist“- wo er ist, ist das Extrem. Und zwar extrem gutes Schauspiel. Für „The Fighter“ gab’s 2010 einen Oscar. Zurzeit ist er in Scott Coopers Arbeiterdrama „Auge um Auge“ in den Kinos zu sehen. Wäre der Waliser nicht so ein hinreißender Familienvater (er ist seit dem Jahr 2000 mit Ex-Model Sibi Blažić verheiratet; die beiden haben eine Tochter), man müsste meinen, er gehörte zu der Kategorie Leinwandgenies, die mit ihren Dämonen Nacht für Nacht einen Kampf auf Leben und Tod ausfechten. Doch Bale schläft gut. Er rastet („Terminator: Die Erlösung“) an Filmsets zwar manchmal aus, wenn’s nicht nach seinem Schädel geht, aber ansonsten ist er normal geblieben.

Coopers „Auge um Auge“ zeigt den Abstiegskampf eines Stahlarbeiter. Vieles erinnert an „Die durch die Hölle gehen“. Die grindig heruntergekommene Vorstadtatmosphäre, die freudlos-düsterer Grundstimmung des Films, die Verzweiflung der Figuren. Wohlfühlkino geht anders. Bale ist wieder hager, langhaarig, ein Arbeiterklassenjesus am Hochofen. Gedreht wurde in Braddock, einer Kleinstadt in der Nähe von Pittsburgh. „Ich traf die Leute dort, trank ein Bier mit ihnen, hörte mir ihre Sorgen an, das färbt ab“, schildert Bale. „Man bekommt ein Gespür für die Menschen, die einmal Mittelschicht waren, und nun alles verlieren, die gegen den sozialen Abstieg kämpfen. In den USA bricht die Industrie ein, es gibt massiven Stellenabbau. Ich denke, unser Film kommt zur rechten Zeit. Er greift Konflikte auf, die in der Luft liegen.“

Stoisch macht sich Russell Baze alias Bale allmorgendlich zur Arbeit auf. Das Leben hat ihm nichts zu bieten. Er kümmert sich um seinen sterbenskranken Vater, seine Freundin und seinen nach mehreren Einsätzen im Irakkrieg traumatisierten Bruder Rodney (Casey Affleck in einer ihm auf den Leib geschneiderten Rolle). Im Fernsehen tritt Barack Obama auf. Rodney baut bei illegalen Straßenkämpfen Mist und endet mit einer Kugel im Kopf. Russell baut betrunken einen Autounfall, gerät in die Fänge der Justiz und die Welt aus den Fugen. Der Film mäandert nun zwischen Drogenkrimi und Rachethriller. Je zerbrechlicher, manischer, verlorener Rodney geworden ist, desto brutaler, kriegerischer, schärfer wird Russell. Es wird zu einer Wahnsinnstat kommen …

Vorher sei aber noch erwähnt, wie großartig Woody Harrelson als tätowierter, bösartiger Psychopath ist. Wie treffsicher Cooper sein Darstellerteam Willem Dafoe, Zoë Saldaña, Forest Whitaker, Sam Shepard … zu Höchstleistungen führt. Bale spielt mit Mikromimik. Ein zuckender Wangenmuskel, ein flackerndes Auge, schon sind Schmerz und Angst und Trauer spürbar. America the Beautiful hat sich an den Rand der Existenz gebracht. Das will Scott Cooper ausdrücken: die tiefe Enttäuschung darüber, dass es auch in den Jahren der Obama-Regierung nicht vorangegangen ist. Nur Turnen mit der First Lady und Empörung über Samsung-Selfies werden zu wenig sein. Laut Süddeutscher melden sich die Bushs in Gestalt von Sohn Jeb (61) zurück. So viele Hochöfen hat die Hölle gar nicht. Also, Vorsicht: „Auge um Auge“ ist kein Film für Patrioten.

www.augeumauge-derfilm.de

http://outofthefurnacemovie.tumblr.com/

Trailer:  www.youtube.com/watch?v=qAAWlQpIrNs

Wien, 8. 4. 2014