Werk X: Aufstand der Unschuldigen

Oktober 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beobachtung eines Brainstormings

Die Schauspieler schreiten schließlich zur Tat: Annette Isabella Holzmann, Felix Krasser, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Wenn die Schauspieler knapp vor Schluss aus den Situationen treten und den Produktionsprozess diskutieren, dann ist das wie ein Fishing For Verständnis. Sieben Wochen habe man gearbeitet, und was habe man nun? – nichts! Keine Szenen, keine Dialoge, „keine einzige sinnvolle Zeile zu den Problemen unserer Zeit“. Nun, so schlimm ist es nicht.

„Aufstand der Unschuldigen“ im Werk X, dieser als Agitprop-Posse für Dummys angekündigte Abend, ist nur weniger Ali M. Abdullahs erste „Stück“-Entwicklung fürs Haus, als vielmehr das Beobachten eines Proben-Brainstormings zu Themen, die dem Ensemble dieser Tage vordringlich sind. Und so ist der Abend Werk-X-isch, wie man’s schon kennt, anarchistisch, kämpferisch und suggestiv, spannend, immer auch spaßig, und das Ende tumultös. Zu sagen, hier wäre was nicht fertig geworden, geht gar nicht, weil draußen in der wirklichen Welt ja auch nichts zum Abschluss gebracht ist. Die Debatte ist nicht beendet, der Fall nicht abgeschlossen – und kein Ausweg nirgendwo. Also.

Worum es geht, ist, kurz gefasst, die Frage danach, was wahr und was echt ist. In einer Zeit, in der fremdgefertigte Bilder und schreihälsische Parolen die Wahrnehmung bestimmen, muss man sich, so die Message, dieser Fernsteuerung entziehen und wieder lernen, vernunftbegabt eigene Entscheidungen zu treffen. Das Leben ist eben nicht „wie im echten Film“, und auch, wenn die Österreicher das gern tun, könne man nicht immer „nur zuschauen“ – dazu eine etwas lang geratene Episode über das Nichteingreifen heimischer UNO-Soldaten auf dem Golan.

Palavern in der Box: Peter Pertusini, Holzmann, Krasser, Griesser, Hemmer und Musiker Moritz Wallmüller. Bild: © Alexander Gotter

„Florian Klenk“ in der Greißlerei: Holzmann, Krasser, Griesser, Pertusini und Hemmer. Bild: © Alexander Gotter

Gefangen zwischen gelebten Geschichten und erzählter Realität versuchen die Schauspieler in knapp zwei Stunden, sich der selbstauferlegten Aufgabe zu stellen. Auftreten nun Verschwörungstheoretiker und Retrofuturisten, beide auch in ihrer Anti-Form, Doomer und Terroristen. Peter Pertusini gibt einen auf Gefahren aller Art vorbereiteten Prepper, der in komischer Verzweiflung Gewaltszenarien wie den Teufel an die Wand malt.

Den vielleicht stärksten und die Stoßrichtung der Veranstaltung vorgebenden Moment hat Christoph Griesser der vom martialisch brüllenden Anführer einer Roomclearing-Einheit zum traumatisierten Syrienkrieg-Heimkehrer wird. Eben noch wird das Publikum angeschnauzt, warum es seine Zeit im Theater vergeude, statt an seinen Schießübungen teilzunehmen, schließlich müssten sich auch Kulturbegeisterte zu wehren wissen, schon fällt er, ein Häufchen Mensch, in sich zusammen.

Palavert wird viel. Der Smalltalk auf einer Intellektuellen-Party wird rasch zum Streit, wenn jeder seine Ängste bloßlegt; Fußball-Hooligans, Herzinfarkt, Haie, das sei zu wenig brisant, befindet Annette Isabella Holzmann.

Angst, so die richtige, wichtige Aussage, ist ein mächtiges Tool in den Händen der Manipulierer. Wenn man aus dem Werk X und diesem Freie-Assoziation-Abend was mitnehmen kann, dann immer wieder Denkanstöße. In einer Fernsehtalk-Runde überbieten einander die Ideologienschleudern RAF-Gründer Andreas Baader, „Homeland“-Star Claire Danes, Identitären-Sprecher Martin Sellner und Globalisierungskritiker Jean Ziegler mit Argumenten darüber, ob Klasse vor Rasse gehe, rechts- vor linksradikal, Dachidentität vor Individualität, Grenzen dicht machen vor internationaler Solidarität.

Wie als Kontrastprogramm zu den Kopfgeschüttelten geht’s in eine Greißlerei und zu einer Gratiszeitung-Schlagzeilen-Lesung der Gemeindebauler. Martin Hemmer bestellt sich als Figur „Florian Klenk“, im Original Falter-Chefredakteur und also solcher Enthüllungsjournalist, ein Käsebrot und wird in ein Wortgefecht über globale und hausgemachte Katastrophen verwickelt. Dass er zwischendurch „gescheite“ Bücher über den Populismus aller Seiten in die Kamera hält, entwickelt sich zum Running Gag.

Sperrholzplatten-Labyrinth, Vidiwalls und Leuchtschriftbänder: Die aufwendige Spielraumgestaltung von Renato Uz. Bild: © Alexander Gotter

Überhaupt ist die Kamera das bestimmende Stilmittel dieser Aufführung. Renato Uz hat drei miteinander verbundene Boxen auf der Spielfläche aufgestellt, ein Sperrholzplatten-Labyrinth als Symbol für die medialen Verschachtelungen einer modernen Welt, von keinem Sitzplatz aus sieht man alles, aber viel über die beiden riesigen Vidiwalls. Auf zwei Leuchtschriftbändern laufen Zitate von Kurz und Kickl. Von ersterem unter anderem: „Es wird nicht ohne hässliche Bilder abgehen.“

Musikalisch ist der Abend, mit Moritz Wallmüller an der Gitarre und Martin Hemmer am Schlagzeug top, die Darsteller singen sich von Zager and Evans‘ „In The Year 2525“ über den M.A.S.H-Song „Suicide Is Painless“ zu Led Zeppelins „Stairway To Heaven“.

Die Unschuldigen aus dem Titel werden übrigens definiert, als diejenigen, die nichts dafür können in einem Land zu leben, dass die Demokratie sukzessive abschafft. (Wobei es an dieser Stelle Karl Kraus zu bemühen gilt: Es wäre mehr Unschuld in der Welt, wenn die Menschen für all das verantwortlich wären, wofür sie nicht können.) Felix Krasser wird als Selbstmordattentäter ausgewählt, wütende weiße Schauspieler müssten endlich die Vorstellung von dunkelhäutigen Extremisten verdrängen, doch bevor’s zum großen Kabumm kommt, ist er seinen Sprengstoffgürtel schon wieder los. Im Programmfolder-Interview sagt Fragensteller Abdullah, „dass wir langsam Antworten brauchen“, dass die kritische Linke anfangen müsse, Lösungen vorzuschlagen. „Aufstand der Unschuldigen“ bemüht sich zumindest darum, diese gesellschaftliche Klemme zu beschreiben. Motto: Brainstorming ist aller Problembewältigung Anfang.

werk-x.at

  1. 10. 2018

Fabian Eder: Aufstand

Dezember 3, 2013 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Wichtigste ist das Wasser

Fabian Eder Bild: (c) photo-graphic-art.at

Fabian Eder
Bild: (c) photo-graphic-art.at

Diese Wahrheit, gleichzeitig Prophezeihung für die Zukunft, beleuchtet Autor und Filmemacher Fabian Eder in seinem Buch „Aufstand“. Und bringt damit das Leben seiner Protagonistin Margarete – genannt Maxi – Messner ganz schon ins Schleudern. Weil ihr Freund Hans Braunbrenner, der pensionierte Straßenbahnschaffner, nunmehr Aussteiger und selbsternannter WaLuLiSo-Nachfolger, dessen Weissagungen von vielen gehört, doch von den wenigsten verstanden werden, verschwindet und das niemanden sonst interessiert, stellt Maxi auf eigene Faust Nachforschungen an. Womit die beherzte Buchhändlerin versehentlich eine Revolution auslöst und ein ganzes Land in die Krise stürzt. Hans kam mit seinen Sinnsprüchen den Mächtigen nämlich zu nahe. So kommt Maxi einem Energiekonzern und dessen üblen Machenschaften auf die Schliche. Wieso wurden eigentlich die Wiener Hochquellwasserleitungen privatisiert?

Eder entwirft ein rasantes Abenteuer, in dem sich alles um das Wasser dreht, dieses letzte nicht neoliberal geschröpfte Gemeingut. Im  Plauderton, behutsam, sensibel, poetisch, erzählt er eine allgemeingültige Geschichte über Verzweiflung und Gerechtigkeit, Zufälle und Prinzipien. Eder gelang ein Krimi über die Macht des internationalen Wirtschaftspolitikkartells und die Ohnmacht des Einzelnen. An ihn, den Leser, appelliert er nun literarisch, den Mut zur Veränderung aufzubringen. Aussichtsloser als Maxis Kampf können die eigenen schließlich kaum sein. Als Gobalisierungsgegnerbuch ist „Aufstand“ sehr einheimisch. Wunderbar, wie Eder den vierten/fünften Bezirk (seine Nachbarschaft) mit ein paar Federstrichen einfängt. Wunderbar etwa die Figur eines „aufständischen“ Polizisten, der sich nicht länger an Paragraphen und papierene Vorschriften halten will. Der Ungehorsam ist ein Wiener! Und zwar einer, der zum Aufstand Apfelstrudel braucht!

Braumüller Literaturverlag: Fabian Eder, Aufstand. 288 Seiten.

Zum Autor: Fabian Eder, geboren 1963, lebt als freiberuflicher Autor und Filmemacher in Wien. Studium an der Filmakademie Wien. Regie und Drehbuch u. a. bei der Verfilmung der Romane „Die Schrift des Freundes“ von Barbara Frischmuth sowie „Ich und Kaminski“ von Daniel Kehlmann und beim viel beachteten „Tatort – Kein Entkommen“. 2013 erschien „Griechenland blüht“, ein Buch über das Leben in der Krise.

http://fabianeder.com/

www.braumueller.at

Wien, 3. 12. 2013