Was uns nicht umbringt

November 12, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Kaleidoskop kleiner und großer Gefühle

Max ist auf den Hund gekommen: August Zirner spielt zum zweiten Mal Sandra Nettelbecks Film-Psychotherapeuten. Bild: Plakatsujet/Thimfilm

Mit ihrer jüngsten Arbeit ist Regisseurin und Drehbuchautorin Sandra Nettelbeck ein berührender, behutsamer Film über die Auf und Abs zwischenmenschlicher Beziehungen gelungen. „Was uns nicht umbringt“ ist definitiv was fürs Herz, und wenn das episodische Großstädterporträt am 16. November in den Kinos startet, wünscht man es zum gleichen Publikumserfolg wie weiland Nettelbecks sympathische Tragikomödie rund um die pedantische Köchin „Bella Martha“.

Diese immerhin in Hollywood mit Catherine Zeta-Jones unter dem Titel „Rezept zum Verlieben“ auf amerikanisch-neu aufgelegt. Aus „Bella Martha“ hat sich Nettelbeck ihre Figur des Psychotherapeuten Max entliehen, er steht nun im Zentrum der Geschichten, die die Filmemacherin mit einem beinah 20-köpfigen, handverlesenen Ensemble erzählt, bei ihm laufen die Handlungsfäden zusammen, sind doch fast alle Akteure seine Patienten – und mit der einen, die’s nicht ist, verbindet Max eine Familienangelegenheit, die den Psychologen selbst ins seelische Straucheln bringt. Mit feinfühlig-leisem Humor entwickelt Nettelbeck im Folgenden ihre mal zutiefst melancholischen, mal merkwürdig grotesken Charakterstudien. Und wie‘s in dieser Art Filmen üblich ist, verknüpfen sich die Episoden natürlich auch untereinander, und allmählich dreht sich das Kaleidoskop der Gefühle als großes Ganzes.

Die komödiantische Schwermut in „Was uns nicht umbringt“, visuell unterstützt vom Hamburger Schietwetter, kommt zuallererst August Zirner (im Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30404) zupass, der hier zum zweiten Mal den Max verkörpert. Wunderbar gleich seine erste Szene, wenn er sich aus dem Tierheim einen zotteligen Streuner holt, der sich als noch elegischer als er selbst entpuppt. Kaum jemals sah man wohl einen Hund vor der Kamera so wenig tun, meist liegt das Tier herum, und wird dennoch zum fixen Bestandteil von Max‘ Sitzungen – vor allem der schweigsame, sichtlich von einem schlimmen Schicksalsschlag gebeutelte Ben, Mark Waschke spielt ihn, baut zu „Panama“ eine Verbindung auf, wie er’s zu Menschen längst nicht mehr schafft. Bald trifft man einander nicht mehr auf der Couch, sondern zum Gassigehen.

Ex-Ehefrau Loretta ist Max‘ beste Freundin: Barbara Auer und August Zirner. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege und August Zirner. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Den Max’schen Kosmos bevölkern außerdem: Barbara Auer als seine Ex-Ehefrau Loretta, der er immer noch freundschaftlich verbunden ist, und die mit dem doch deutlich jüngeren Fabian, David Rott, eine Affäre begonnen hat. Was sowohl sie als auch die beiden Töchter aus der Bahn wirft. Christian Berkel und Victoria Meyer liefern als symbiotisches Geschwisterpaar, das ein Bestattungsunternehmen führt, ein schon kabarettistisch zu nennendes Kabinettstück ab, zu ihnen kommt Deborah Kaufmann als Schriftstellerin, die den gewaltsamen Tod ihres Freundes, eines Kriegsfotografen, nicht verwindet.

Mit dem Sterben ist auch Oliver Broumis‘ Fritz befasst. Sein Lebensgefährte Robert, die Liebe seines Lebens, liegt mit Leukämie im Krankenhaus – doch dessen Familie lässt Fritz nicht zu ihm, weil sie Roberts Schwulsein nicht akzeptieren kann. Broumis zeigt im Film eine der stärksten darstellerischen Leistungen. Die brillanten Bjarne Mädel und Jenny Schily sind als Tierpfleger zu sehen, die ein ziemlich kompliziertes Verhältnis zueinander haben. Von den beiden hätte man gern mehr gesehen, großartig, wie Mädels Hannes versucht, der autistisch veranlagten Frau seine unausgesprochene Zuneigung klarzumachen. Und dann ist da noch die spielsüchtige, immer unter Strom stehende Sophie, gespielt von Johanna Ter Steege, in die sich Max schon beim ersten Therapietermin verliebt. Doch Sophie ist an den ungeduldigen, unwirschen David, Peter Lohmeyer, gebunden …

Was „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet ist, dass wohl jeder darin eine Situation finden wird, deren Tragik der Umstände oder Ironie des Schicksals, er selber kennt. Der Cast bewegt sich durch Nettelbecks Geschichten auch mit großer Authentizität. Unaufgeregt und absolut glaubhaft, mit kleinen, präzis gesetzten Gesten wird die Sprachlosigkeit unterstrichen, die den Figuren im Umgang miteinander zu schaffen macht. Wird aber etwas gesagt, sitzen Nettelbecks Dialoge auf den Punkt. Was Nettelbeck als Schluss ihrer Stories über Verluste und neue Verbindungen anbietet, sind keine Happy, aber versöhnliche Enden. All ihre Figuren stellt sie vor eine Entscheidung, die es zu treffen gilt, um einen anderen Lebensweg als bisher einzuschlagen. Wer den Mut dazu aufbringen wird, verrät sie nicht.

Die Tierpfleger Hannes und Sunny haben eine besondere Beziehung: Bjarne Mädel und Jenny Schily. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Einen Kunstgriff hat sich Sandra Nettelbeck erlaubt: Immer wieder tagträumerische Szenen, in denen die Charaktere sich mal zum Besseren, mal zum Schlechteren vorstellen, wie eine Situation für sie sein könnte, bevor die dann tatsächlich stattfindet. Und so beginnt die Handlung für Max mit einer imaginierten Umarmung im strömenden Regen und endet mit einer echten bei Sonnenschein – schöner kann eine Filmklammer gar nicht sein.

August Zirner im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30404

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  1. 11. 2018

Was uns nicht umbringt: August Zirner im Gespräch

November 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Komödiantische Schwermut entspricht mir sehr“

August Zirner als Therapeut Max in Sandra Nettelbecks berührendem Ensemblefilm „Was uns nicht umbringt“. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Am 16. November startet Sandra Nettelbecks berührender Ensemblefilm „Was uns nicht umbringt“ in den heimischen Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin lässt darin den Therapeuten Max aus „Bella Martha“ in seinem Kosmos voller neurotischer Patienten, familiärer und amouröser Verstrickungen wieder aufleben. Nettelbeck erzählt mit melancholischer Heiterkeit von Sinnkrisen und Herzensangelegenheiten in der Mitte des Lebens.

Als Max ist erneut August Zirner zu sehen, der es diesmal mit einem depressiven Piloten, einer trauernden Schriftstellerin – und einem faulen Hund zu tun bekommt. Mit ihm spielen Barbara Auer, Johanna Ter Steege, Christian Berkel, Peter Lohmeyer und David Rott. Ein Gespräch in den Wiener Kammerspielen, wo August Zirner diese Saison in Daniel Glattauers „Vier Stern Stunden“ auf der Bühne steht:

MM: Etwas, das den Episodenfilm „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet, ist wohl, dass jeder Zuschauer darin eine Geschichte finden wird, die er so oder so ähnlich persönlich kennt.

August Zirner: Ich hoffe, und ich glaube, das ist etwas, das die Regisseurin Sandra Nettelbeck auszeichnet, dass sie so viele verschiedene Typen erschaffen kann. Das Phänomen Weltschmerz, um das es im Film ja geht, wenn man das so großspurig ausdrücken darf, ist sicher eines, das viele Leute beschäftigt.

MM: Ich habe gelesen, Sandra Nettelbeck hätte Ihnen versprochen, diesen Film zu schreiben?

Zirner: Als wir uns damals bei „Bella Martha“ kennengelernt haben, haben wir festgestellt, dass da eine gewisse geistige Verwandtschaft, ein ähnliches Ticken ist. Ich sollte in „Bella Martha“ den Therapeuten spielen, und sie sagte aber, das sei nur eine kleine Rolle, ob ich das überhaupt machen wolle. Ich sagte natürlich, die Figur interessiert mich. Ich wuchs geradezu in diese Therapeutenrolle hinein, und Sandra sagte, irgendwann rücke ich diesen Max mal in den Mittelpunkt eines Films. Einige Zeit später haben wir wieder miteinander gedreht, beim Kinderfilm „Sergeant Pepper“, da habe ich wieder einen Therapeuten gespielt, und sie wiederholte, das Versprechen für den Max gilt noch. Und jetzt hat sie es wahr gemacht, was ich sehr schön finde, wenn jemand mal Wort hält und seinen Darstellern treu ist.

MM: Als Sie mit dem Max zum zweiten Mal dieselbe Figur übernahmen, sind Sie da schon in eine Vertrautheit geschlüpft? Wie haben Sie den Max weiterentwickelt, und: sind Sie denn der Paradetherapeut?

Zirner: Mir war Max von Beginn an sehr vertraut, auch, was seine Vater-Geschichte betrifft, wenn die unbekannte Halbschwester kommt, und ihn informiert, dass der, den er seit Jahrzehnten für tot hielt, gerade noch lebt. Das könnte eins zu eins aus meinem Leben sein. Die Lücke, die entsteht, wenn ein Vater früh stirbt, und wie man diese Lücke zu füllen versucht, das kenne ich sehr gut. Max hat sich also insofern entwickelt, schon beim Lesen, und dann beim Drehen. Es war ein schönes Arbeiten. Mit jedem neuen Patienten und mit jedem neuen Schicksal hatte ich tolle Kollegen vor mir, an denen ich die Qualität dessen, was es heißt, zuzuhören, noch einmal ganz stark kennengelernt habe. Mir ist das begleitende Zuhören mit zunehmendem Alter immer wichtiger.

MM: Ein Beispiel?

Zirner: Als der Film abgedreht war, habe ich einen Monat später in München wieder „Nathan der Weise“ gespielt, und habe plötzlich gemerkt, ich höre viel intensiver zu, wenn die anderen sprechen, der Tempelherr, die Recha, der Sultan … was brauchen die, was kann ich sagen oder tun, um denen in die Spur zu helfen? Ich wollte mich tatsächlich, bevor ich auf die Schauspielschule ging, mit der menschlichen Psyche befassen. Aber Schauspieler ist der Beruf, der mir diesbezüglich mehr entgegenkommt, weil er auch meinen Spieltrieb bedient.

MM: Max ist die Figur, bei der alle Fäden des Films zusammenlaufen, gleichzeitig ist auch er von seinem Leben überfordert. Er hat diese komödiantische Schwermut. Ist das ein Typus, den zu spielen Ihnen liegt?

Zirner: Komödiantische Schwermut entspricht mir sehr. Ich mag diesen Begriff, das umzusetzen ist das, was ich mir beim Spielen wünsche.

Kuscheln auf der Therapeutencouch: mit Film-Exfrau Barbara Auer. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

MM: Um eine Klammer zum Frederic Trömerbusch zu bilden, den Sie an den Kammerspielen in „Vier Stern Stunden“ darstellen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29596): zeichnet den dieser Charakterzug auch aus?

Zirner: Ja, aber anders. Er hat sich seit der Premiere Mitte September auch noch entwickelt, ist jetzt weniger sarkastisch übertrieben, sondern hat mehr Kern bekommen.

MM: Max holt sich gegen das Alleinsein einen Hund aus dem Tierheim. Ich würde Sie ja fragen, wie es war, mit dem zu spielen, aber dieser Hund spielt nicht, er liegt nur herum.

Zirner: Mit Hund zu spielen ist nicht sehr schön, weil er natürlich immer im Mittelpunkt steht, und das ist für jeden Schauspieler ganz furchtbar. (Er lacht.) Hier war es besonders schwierig, weil ich den Hund nicht einmal ansprechen durfte, wir durften uns nicht aneinander binden, sondern mussten Distanz zueinander wahren. Ich mag aber Hunde, also fiel mir das schwer.

 

MM: Sie haben vorhin schon gesagt, das ist Ihr dritter Film mit Frau Nettelbeck. Was sind denn die Vorzüge, wenn man einander kennt?

Zirner: Man kann mit Sandra sehr offen und ehrlich arbeiten, man kann ihr vertrauen. Ich vertraue ihrem Geschmack und ihrer Intelligenz. Und sie hat die Begabung, mich zu konzentrieren, mich zu fokussieren. Sie macht konsequent ihr Ding, das ist sicher für manche anstrengend, aber sie weiß, was sie will. Sie hat eine sanfte Insistenz, sie besteht sanft auf dem, was sie richtig findet. Da fühlt man sich aufgefordert, das Wesentliche zu tun, und nicht mehr.

MM: Ihre Kolleginnen und Kollegen im Film hatten ja großteils auch schon Nettelbeck-Erfahrung.

Zirner: Jaja, wir sind viele Wiederholungstäter. Auch Kameramann Michael Bertl. Das ist etwas, das einen guten Film ausmacht, dass Regie und Kamera als eingespieltes Team miteinander arbeiten.

MM: Welche Geschichte von Max‘ Patienten hat Sie am meisten berührt?

Zirner: Eigentlich die von Ben, weil er nicht spricht, weil er nicht mehr sprechen kann. Ich bin ja ein Dauerquassler, deshalb ziehen mich solche Gegensätze an. Ich finde zwar Bjarne Mädel als Tierpfleger hinreißend, auch seine Geschichte mit Jenny Schily, aber Mark Waschke, den ich vorher gar nicht kannte, hat mich sehr berührt. Da habe ich mich ständig gefragt, was kann ich tun, um diesen Ben aus der Reserve zu locken? Soll ich Tee kochen, mich mit dem Hund beschäftigen, wie bringe ich ihn zum Reden?

MM: Das klingt, als hätten Sie Raum gehabt, Ihre eigenen Ideen in den Dreh einzubringen.

Zirner: Viele Dinge entstanden im Moment, bei der szenischen Entwicklung, ich kann wirklich nicht mehr sagen, was Sandras Idee war, und was meine. Es hat sich oft aus dem Spiel so ergeben. Mir ist es halt wichtig, nicht nur auf mein nächstes Stichwort zu warten, sondern genau auf den Bühnen- oder Filmpartner zu achten – aktives Zuhören, wie ich vorhin schon sagte. Das ist in unserem Beruf ein bisschen auf den Hund gekommen, aber es ist wichtig.

MM: Der Film lässt bei den meisten Figuren am Ende die Fragen offen.

Zirner: Das ist das Schöne daran, viel wird angedeutet, nichts zu Ende erklärt. Doch für alle Figuren besteht die Chance, dass …

„Vier Stern Stunden“ an den Kammerspielen: als Frederic Trömerbusch mit Bühnenpartnerin Martina Ebm. Bild: Rita Newman

Spontane Umarmung: bei den Dreharbeiten zur John-Steinbeck-Doku in der Wüste Nevada. Bild: privat

MM: Was anderes, weil wir hier in den Wiener Kammerspielen sitzen: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, Wien mache Sie aggressiv. Wie geht es Ihnen jetzt?

Zirner: Ich habe mich inzwischen wieder daran gewöhnt, in Wien zu sein, und habe mit der Stadt meinen Frieden geschlossen. Wien ist eine Stadt des Theaters, der Musik, hat immer tolle Ausstellungen, hat seine Kaffeehäuser. Ich kann Ihnen gestehen, so sehr Wien mich auf die Palme bringen kann, ist es doch die einzige Stadt, in der ich leben kann.

MM: Auf die Palme – warum?

Zirner: Weil ich über die Schatten der immer noch nicht bereinigten Vergangenheit ärgere, über die fehlende Bereitschaft, darüber zu reden. Dieses Denken – „Es war eine schwierige Zeit, das wissen wir eh, aber man muss doch nach vorne schauen. Wir haben jetzt so Leute wie Kickl, die machen das für uns. Wir haben jetzt wieder Grund, Identität zu stiften …“ -, da kann es mir passieren, dass ich grantig werde. Nur, ich bin ja auch Amerikaner, und da ist es um nichts besser.

 

MM: Das wollte ich Sie fragen. Wie geht derzeit ein Leben zwischen den USA, Österreich und Ihrem Hauptwohnsitz Bayern?

Zirner: Indem man pendelt und immer wieder auch anderswo spielt.

MM: „Was uns nicht umbringt“ hat Szenen, in denen Menschen sich vorstellen, wie etwas sein könnte, und im nächsten Bild sieht man die Realität.

Zirner: Diesen „Trick“ habe ich sehr gemocht. Das kennen wir ja alle, Vorstellungen von etwas zu haben, und in der Wirklichkeit wird es dann ein Oh-Gott! Man hat sich getäuscht, oder aber es ist noch schöner. Das finde ich reizvoll, und es ist auch ein Thema von Sandra: diese ganzen Projektionen und Hoffnungen, die wir haben, die Diskrepanz zwischen einem Wunsch und dessen Verwirklichung.

MM: Der Film beginnt für Max mit einer vorgestellten Umarmung und endet mit einer tatsächlichen. Ist es das, was die Welt braucht, mehr Umarmungen?

Zirner: Das ist ein sehr schöner Gedanke. Wenn der Film bei jedem so ankommt, kann ich mir nichts Schöneres wünschen. Wenn man all diese Herren, die uns regieren, betrachtet, deren Namen ich gar nicht nennen will, weil man Narzissten nur damit bestrafen kann, und in dem Wissen, dass es unter den Wählern eine Akzeptanz für deren peinlichen Nationalismus und deren peinliche Ausländerangst gibt, dann ja, dann brauchen wir dringend mehr Umarmungen. Ich frage mich immer, wovor die denn Angst haben. Ich habe mehr Angst vor wild gewordenen Bayern. Oder vor Bankern. Wo ich vor meiner eigenen Türe kehre, ist die Bereitschaft, viel mehr über einen anderen und dessen Nöte und Probleme zu erfahren. Wir müssen viel mehr miteinander sprechen.

MM: Tun Sie das nicht ohnedies?

Zirner: Ich bemühe mich, weil es mich wirklich interessiert, wie es uns allen geht. Ich habe vor zwei Jahren in den USA mit Regisseurin Katharina Cleber eine Fernsehdoku über John Steinbeck gemacht, „Ein Mann, ein Hund, ein Pick up Truck, auf den Spuren von John Steinbeck“, und dazu eine alte Dame in der Wüste Nevadas interviewt. Und plötzlich sagte sie, das Problem im Land sei, dass die Leute nicht mehr miteinander reden, dass Nachbarn einander nicht mehr besuchen und sehen, wie sie helfen können. Und dann sagte sie: „August, can I ask you a favor? Would you just stand up and give me a hug?“ Das Foto davon habe ich noch.

 MM: Bleibt mir die Frage nach weiteren beruflichen Plänen. Sie haben einen Fernsehfilm mit Urs Egger gedreht, „Der Geldmacher“?

Zirner: Da spiele ich den Nationalbankdirektor, eine kleine Rolle, aber ich mochte das Thema, das Phänomen des Schwundgelds, wo also Geldwert mit dem Wert von Arbeit in Balance ist. Ich habe ein musikalisches Programm namens „Frankenstein“ mit dem Spardosen-Terzett, als inneren Monolog des Doktors, der das Monster in seinem Kopf hat. Da sind die Kompositionen alle von uns, von Jazz bis Funk bis Kitsch. Ich mache wieder „Der kleine Prinz“ mit Kai Struwe – und am 25. Jänner trete ich im Radiokulturhaus mit den „Transatlantischen Geschichten“ auf. Der Anteil des Musikalischen wird in meiner Arbeit immer mehr. Ich bin in Gesprächen für zwei Filmprojekte, und an den Kammerspielen spiele ich bis Mai „Vier Stern Stunden“. Was das Danach am Theater betrifft, bin ich offen für Vorschläge.

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Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30441

  1. 11. 2018

Theater zum Fürchten: Der Preispokal

Juni 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt

Der Fußballclub von Avondale hat den Preispokal gewonnen: Carina Thesak, Philipp Schmidsberger, Bernie Feit, Jasmin Reif, Ivana Stojkovic, Jakob Oberschlick und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Dependance, der Scala, Seán O’Caseys „Der Preispokal“. 1927 ist dieses Stück über die Menschenvernichtungs- maschine Erster Weltkrieg entstanden, vom Autor selbst als Tragikomödie bezeichnet, was insofern richtig ist, als O’Casey in liebevollen Details die Schrulligkeiten der Bewohner der kleinen irischen Ortschaft Avondale ausstellt. Hinter dieser humorigen Seite allerdings ist das Antikriegsvolksstück gnadenlos.

Und TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max trägt dem Rechnung. Seine Inszenierung, passend zum Gedenkjahr 2018, ist dergestalt, dass einem immer wieder das Lachen im Hals stecken bleibt. Eben noch feierte „Avondale United“ die Erringung des eben titelgebenden Preispokals, es wird gesungen, gesoffen, schwadroniert, da müssen die Fußballhelden auch schon zurück an die Front in Frankreich. Von der nicht alle unversehrt heimkommen. Harry Heegan, der Goalgetter, sitzt nun im Rollstuhl, Teddy Foran, ein brutaler Kerl, der seine Frau prügelte, ist erblindet. Aber das Leben geht weiter. Zumindest für die Gesundgebliebenen. Es gibt neue Matadore und neue Techtelmechtel, es entsteht eine neue Welt, in der für Harry und Teddy, weil sich kein anderer ihre Erlebnisse auch nur vorstellen kann, kein Platz mehr zu sein scheint …

In den realistischen Räumen – großartig etwa die alten irischen Kriegsplakate – von Sam Madwar hat Bruno Max sein Ensemble zu expressionistischem Spiel angehalten. Er macht aus O’Caseys fein ziselierten Figuren Charaktere aus Fleisch und Blut. Da kippt Jakob Oberschlick als Harry gekonnt vom gefeierten Triumphator in die abgrundtiefe Verzweiflung eines Mannes ohne Zukunft. Da kommentieren die fürs Komödiantische zuständigen Rüdiger Hentzschel und Bernie Feit als Harrys Vater und Nachbar Simon die Geschehnisse mit trockenem Humor und einer Portion Sarkasmus.

Harry ist nach dem Krieg gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen: Bernie Feit, Carina Thesak und Jakob Oberschlick. Bild: Bettina Frenzel

Régis Mainka ist als Teddy Foran, wie schon in „Der Gute Mensch von Sezuan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27711), der Mann fürs Grobe, Leopold Selinger brilliert als schmierig-gutgelaunter Oberarzt Dr. Forby und Valentin Frantsits gibt als nur leicht verletzter Barney den guten Kerl, den seine Liebesangelegenheiten aufs Gewissen drücken. Denn, wenn man so will, sind im „Preispokal“ die Frauen die Sieger, so wie’s tatsächlich war:

Die historischen Gewinnerinnen des Untergangs einer ganzen Generation von Männern. Und so emanzipiert sich Carina Thesak als enervierend bigottes Mauerblümchen Suzie Monahan zur resoluten Krankenschwester, die sich Dr. Forby als Liebhaber angelt. Teresa Renner wird als Mrs. Foran durch Teddys Blindheit von der häuslichen Gewalt befreit und dessen strenge Kommandeurin und Pflegerin. Und dann ist da noch Jasmin Reif als Jessie Taite, Harrys Freundin, die sich vom „Rollstuhl-Krüppel“ ab- und Barney zuwendet, während Harrys Mutter, Angelika Auer, einzige Sorge ist, dass er nichts tut, was seine Kriegsrente beschädigt. Für Zündstoff ist also gesorgt. Dass O’Caseys Stück über den lieben und den Fußballgott vor 90 Jahren für Skandal sorgte, als anti-irisch und anti-katholisch verdammt wurde, das macht die TzF-Aufführung mehr als klar.

Heute erschüttern nicht nur die zwischen den Akten gezeigten, eindrücklichen  Bilder und Videos, für die ebenfalls Sam Madwar verantwortlich zeichnet und die das Massaker in den Schützengräben zeigen, sondern auch ein Kunstgriff von Bruno Max: Er hat für den einst ausgedehnten zweiten Akt, der in Form einer Litanei den Krieg abstrakt wiedergab, mit Zeynep Buyraç eine Choreografie erdacht, die den Sprung vom Fußball über den Drill bis zur Schlacht näherbringen soll. Am Ende schließlich begeben sich die Frauen mit Skeletten zum Totentanz, auch das ein starker Moment.

Die Versehrten passen nicht mehr in die Gesellschaft: Régis Mainka, Bernie Feit, Teresa Renner, Emre Dogan, Ivana Stojkovic, Jasmin Reif, Angelika Auer, Jakob Oberschlick, Carina Thesak und Leopold Selinger. Bild: Bettina Frenzel

Die Darbietung in der Scala macht eine Wahrheit deutlich, die dieser Tage erneut zutrifft: Das Elend von Kriegsopfern wird erst am Schicksal einzelner so richtig deutlich. In diesem Sinne geht „Der Preispokal“ auch heute noch etwas an. Ein so poetisches wie brutales Stück, ein absolut sehenswerter Abend.

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  1. 6. 2018

Theater zum Fürchten: Der jüngste Tag

Februar 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Macht der öffentlichen Meinung

Hudetz, verfolgt von den untoten Geistern seiner Opfer: Matthias Messner, RRemi Brandner, Christian Kainradl und Susanne Preissl. Bild: Bettina Frenzel

Eine eindrückliche und beklemmende Inszenierung von Ödön von Horváths „Der jüngste Tag“ zeigt das Theater zum Fürchten in seiner Wiener Spielstätte, der Scala. Regisseur Peter M. Preissler hat Horváths Text als Volksstück verstanden. Er zeigt ohne viel Verfremdungseffekt dessen Figuren als Kleinbürger par excellence, dies nicht ohne liebevolles Verständnis für ihre geschundenen Krämerseelen.

Tut das Horváth’sche Personal doch nichts anderes als die Zwänge und Nöte, in die der jeweils einzelne eingebunden ist, an den nächsten weiterzugeben. Dass aus dieser Kette von Verdrängung nur Feigheit, Dummheit, Intoleranz resultieren können, dass an ihrem Ende „menschliches Versagen“ steht, ist systemimmanent.

Der „Versager“ ist Stationsvorstand Thomas Hudetz, gefangen in einer lieblos gewordenen Ehe zu einer älteren Frau, dem die Wirtstochter Anna, sie wiederum in eine vorteilhafte Verlobung gedrängt, auf dem Bahnsteig einen Kuss abringt. Hudetz vergisst darob ein Signal zu stellen, Züge kollidieren, Menschen sterben. Hudetz wird verdächtigt, doch Anna schwört einen Meineid auf seine Unschuld. Frau Hudetz allerdings hat die Szene vom Fenster aus beobachtet, und rasend vor Eifersucht wird sie dem Staatsanwalt die Wahrheit offenbaren. Von der Kleinstadt allerdings als böses Weib abgestempelt, glaubt ihr keiner auch nur ein Wort. Hudetz wird freigesprochen. Doch Anna bekommt Skrupel, und es kommt zum Äußersten …

Den für einen kurzen Moment pflichtvergessenen Hudetz spielt Christian Kainradl auf höchstem Niveau. Er ist der typische österreichische Beamte, ein bissl Schmerzensmann, ein bissl Judas, ein Charakter, in dem sich Phlegma und Verzweiflung nicht ausschließen. Interessant an der Interpretation Preisslers ist, dass hier ein Hudetz weniger erotisiert als von Annas Avancen überrumpelt ist. Stark spielt Kainradl die Szenen, in denen es Hudetz darum geht, seine Haut zu retten; er macht deutlich, dass Horváth sein 1935/36 entstandenes Stück als Parabel angelegt hat, wohin Lüge und Verleumdung eine Gesellschaft führen werden.

Alles wartet auf den Zug: Leopold Selinger, Angelika Auer, Matthias Messner, Susanne Preissl und Valentin Frantsits. Bild: Bettina Frenzel

Der Staatsanwalt vernimmt die Zeugen: Jörg Stelling, Matthias Messner, Susanne Preissl, Georg Kusztrich und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Ein Überlebender wird entdeckt: Georg Kusztrich, Anna Sagaischek und Tom Jost. Bild: Bettina Frenzel

Die Anna spielt Susanne Preissl als eine Art Lolita, die ihre reizenden Atouts mit großer Naivität ausspielt. Erst als sie sich ihrer Schuld, eine Falschaussage gemacht zu haben, bewusst wird, wird sie erwachsen. Christina Saginth changiert als Frau Hudetz zwischen enervierend und strapaziös, doch dank ihrer gelungenen Darstellung kann man fast nicht umhin, auf ihrer Seite zu sein, da sie doch im Recht ist. Eine Falle, in die Preissler das Publikum geschickt tappen lässt. Jörg Stelling gibt ihren Bruder Alfons als distinguierten Drogeriebesitzer.

Dreh- und Angelpunkt des Abends aber ist die Darstellung der zahlreichen Kleinstädter. Das TzF-Ensemble beweist ja nicht zum ersten Mal, dass es Horváth kann. Und so überzeugt Georg Kusztrich als oberg’scheit-jovialer Wirt zum „Wilden Mann“, der das Menschenfreundlich-Sein ebenso beherrscht, wie das Ausrufen einer Menschenjagd. Angelika Auer ist eine herrlich taktlose Dorftratschn Frau Leimgruber, Valentin Frantsits Fleischhauer Ferdinand als gleichsam Gemüts- wie Gewaltmensch wirkt wie ein Verwandter Oskars.

Anna Sagaischek als Kellnerin Leni gibt mit Chips in der Hand einen der Unfallvoyeure. Matthias Messner, Leopold Selinger, RRemi Brandner (er auch ein grantiger Staatsanwalt) übernehmen gleich mehrere Rollen, auch die der wiederkehrenden Untoten, Tom Jost spielt den überlebenden Heizer Kohut. Und am Höhepunkt der Handlung tritt die örtliche Blaskapelle auf …

Für all das hat Julia Krawczynski ein Bühnenbild erdacht, das nicht nur Antipuppenhäuschen und Antipuppenstuben zeigt, sondern mit Licht und Schall und Rauch auch wunderbar vorbei- und ineinander rauschende Züge. Durch diese Optik entsteht zusätzliche atmosphärische Enge, und so rasch die Bahn daran vorbeifährt, so schnell wechselt die Gesinnungslage im Dorf.

Was einen beim Verlassen des Theaters nicht loslässt: Gedanken über die Macht der öffentlichen Meinung, und die ist, sagt Horváth, sagt Preissler, je nach Einflüsterern wetterwendisch. So schnell im „Jüngsten Tag“ jemand verteufelt wird, so schnell ist er rehabilitiert – und umgekehrt. Ein Umstand, an dem sich nichts geändert hat. Die öffentliche Meinung, auch wenn fehlgeleitet, hat das Sagen.

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  1. 2. 2018

Volx/Margareten: Vereinte Nationen

Oktober 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Unentschieden zwischen Untiefen

Martina hat mutmaßlich mehr als nur Himbeeren zu schlucken: Nélida Martinez mit „Vater“ Philipp Auer. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es ist immer noch nicht ausgemacht, ob hier etwas über enigmatische Komplexität und Metaphernhaftigkeit zu raunen oder doch Quatsch zu konstatieren ist. Am Volx/Margareten zeigt das Volkstheater als Koproduktion mit dem Max-Reinhardt-Seminar Clemens J. Setz‘ „Vereinte Nationen“ – und der gefeierte Prosa-Autor macht es mit seinem Debütstück dem Publikum und offenbar auch dem Leading Team schwer.

Hoch drei rückte das Prinzip Gonzo (Holle Münster für die Regie, Robert Hartmann für die Musik, Alida Breitag als künstlerische Mitarbeiterin) in Wien an, um den Text, der schon bei der Uraufführung in Mannheim und einer weiteren Inszenierung in Graz kontroverse Reaktionen hervorgerufen hatte, zu stemmen. Als Resultat präsentiert sich kristallwasserklar die Janusköpfigkeit des Wortes Untiefe. Und zwischen hin und her ein klares Unentschieden.

„Vereinte Nationen“ verhandelt die Deformierungen eines Kindes durch Erziehung. Heißt: Das Ganze ist ein Fake, denn die Eltern Anton und Karin drehen ihr Durchdrehen gegenüber Tochter Martina für Abnehmer im Internet, die Zahl der Perversen, die sich die Obedience-Prüfungen anschauen, steigt täglich. Mit den Freunden Oskar und Jessica haben die Eltern ein Paar Fädenzieher im Nacken, das bei der Vermarktung der Filme hilft, Marktbeobachtung im Netz betreibt, und ergo Ideen für die Umsetzung beisteuert. Es gibt schließlich Publikumswünsche zu erfüllen.

Ringkampf um den Fön: Nélida Martinez und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der zerplatzte Luftballon als Zeichen für sexuellen Missbrauch? Nélida Martinez. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die da wären: eine Himbeerüberfütterung und ein Fön-Ringkampf. Das ist als sprachliches Bild nicht viel, als Bühnen-Bild aber wenig. Die Gonzos schaffen es nicht, die Leerstellen zu füllen, die Setz‘ Stück (mit welchen Intentionen auch immer / Furcht vor dem Plakativen?) offen hält. Lässt der Text die Hoffnung auf eine Art Bedeutung immerhin keimen, fehlt der Aufführung des Performance-Kollektivs das Abgründige, eine wie auch immer geartete „Meta-Ebene“ oder ein Andeuten des Schreckens durch Spiel, weitgehend. Und so bleiben Himbeeren halt Himbeeren. Einmal zerplatzt die „kleine Maus“ in ihren Händen einen Luftballon, den „Mann“ ihr geschenkt hat; mit lautem Knall zerbirst das Ding wie ein Kinderleben, das ist das stärkste Bild des Abends. Ein Missbrauchsbild, mag man interpretieren.

Ansonsten werden die nicht näher ausgeführten platten Handlungen der Protagonisten in einer knallbunten Kulisse abgespult, einem Wohnzimmer-Dschungelcamp, die Schauspieler darin allesamt in Adidas-Buxe. Da ängstigte sich niemand von wegen plakativ, und Performance darf natürlich auch sein. Martina ihrerseits übt nämlich Kontrolle über die anderen aus, indem sie sie mit Video-Worten manipuliert. Sie spult das Spiel mit „Fast Forward“ oder „Rewind“ vor und zurück, lässt die Mitspieler mit „Mute“ verstummen oder erschöpft sie mit „Loops“, nur „Play“ sagt sie nie. Es wird sich klären, dass Martina ihr Martyrium aus einer Rückschau berichtet. Zum Schluss steht sie da im schwarzen Businessoutfit als Erwachsene (manche Zuschauer meinten: ihrer Begräbniskleidung) und schmiert sich mit Himbeeren „blutig“ – und da ist man dann doch wieder bei metaphernhaft … und Kindheit, die man nie mehr los wird …

Anton und Karin in der Kulisse ihrer Wohnzimmer-Dschungelshow: Philipp Auer und Clara Schulze-Wegener. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Die Abnehmer der Video-Aufnahmen: Anton Widauer und Emilia Rupperti. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Es spielen Studierende des Max-Reinhardt-Seminars. Nélida Martinez gefällt als Martina von der ersten Szene an. Mit riesig aufgerissenen Kinderaugen stopft sie sich einen Schöpflöffel voll der roten Früchte in den Mund, von ihrem Schöpfer – im doppelten Wortsinn: real und virtuell – dabei traktiert wie von einem Drillsergeanten. Eine eindrückliche Szene, mit Philipp Auer als dem Vater, von dem man später erfahren wird, dass er der liebevollere Elternteil ist, der dieses Treiben nur aus menschlicher Schwäche mitmacht.

Martinez‘ in Panik verzerrtes Gesicht setzt ihm so zu, dass er sich vor Selbstekel gleich mit ihr übergeben möchte. Die beiden spitzen diesen Akt der Unterdrückung bis an die Grenze des Unerträglichen an. Wäre der Rest des Abends gleich intensiv geblieben, es wäre eine Freude gewesen.

Doch weder Clemens J. Setz noch Holle Münster haben dem viel nachzusetzen. Clara Schulze-Wegener als Mutter Karin und Emilia Rupperti als Freundin Jessica füllen ihre eindimensionalen Frauenfiguren, die Macherin und Mitmacherin, mit größtmöglichem Leben.

Als Story für die beiden kann man zusammenreimen, dass Karin neben dem Wunsch nach Geld auch von dem Wunsch nach Bedeutung getrieben wird. Sie quält ihr Kind, um nicht mehr „die Unwichtigste in der Familie“ zu sein. Jessica sieht und erspürt dies alles, ein Bluterguss am Oberarm weist Oskars Brutalität aus?, und versagt sich daher eigene Kinder. Auch Anton Widauer hat in seiner Rolle als Oscar wenig darstellerische Herausforderung zu meistern. Doch er changiert wunderbar zwischen smartem Businessmann und unterschwellig Grobian. All das darf man selber sagen, weder von Autor noch Regie gibt es sachdienliche Hinweise auf eigenes Wollen und Wirken oder Motivationen der Figuren.

Diesbezüglich offenbleibende Fragen über die Banalität des Blöden, über ein Am-Kern-der-Sache-Vorbeischlittern oder einen erstaunlich fehlenden Mut zu Härte und Risiko wurden auf dem Heimweg diskutiert. Dritter Versuch – durchgefallen? Wie wichtig es wäre, dies Stück endlich zu fassen zu kriegen, zeigt ein Telefonmitschnitt aus den USA, der derzeit durch die Medien geht. In dem von der Polizei abgefangenen Gespräch „bestellt“ ein Mann ein Mädchen zwischen neun und sieben Jahren – und checkt mit dem Anbieter aus, was er mit dem Kind alles tun kann. Am Ende die Frage: „Can I kill her?“ – „Yes.“ Das Mädchen ist noch nicht gefunden.

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  1. 10. 2017