Atticus: The Truth About Magic. Gedichte & Notizen

November 11, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Liebespoesie vom Online Lord Byron

Den Ehrentitel „Byron der Instagram-Generation“ hat ihm immerhin The Times verliehen, Atticus, dem Poeten mit der Silbermaske, der mit seinen gefühligen Gedanken ebendort den Seelennerv von mehr als 1,5 Millionen Followern trifft. Nun findet sich seine Online-Lyrik, nach „Love – Her – Wild“ und „The Dark Between Stars“, einmal mehr in Buchform zusammengefasst. „The Truth About Magic“ heißt der Band voller Gedichte und Notizen übers Suchen und Finden und Verlieren der Liebe.

Singer-Songwriter Kilian Unger aka Liann hat die Zeilen, die sich neben die teilweise Originaltexte reihen, übersetzt – und das Reimen ist ihm mit Bravour geglückt, denn einfach ist solch ein Unterfangen nie, wie das Beispiel „I don’t need to matter to everyone / but I do need to matter to someone“ – „Ich muss nicht für jeden von Bedeutung sein, solange ich jemandem etwas bedeute“ zeigt.

Es sind „die Tagträumer, die Nachtdenker, die Nacktbadenden im Sommer“, die Atticus in seinem Vorwort zum Lesen einlädt, die Betrachter von Sonnenuntergängen und „euch stille Menschen auf Partys“ – und wie diese sind seine wenigen Worte mal ein nachtalbisches Raunen, mal ein geheimnisvolles Verheißungswispern, mal ein lauter Schrei nach Lust/vor Frust.

Seine Magie hat Atticus in die Kapitel Youth, Love, Adventure, Darkness, Words und Stars unterteilt, und selbstverständlich fehlt nicht die „Magic in Her“, sie ist es die beinah alle Seiten dominiert, als steinherzige Königin, als Mädchen von nebenan oder als listige Koboldin. „Liebe existiert / irgendwo zwischen / einem Mädchen, das so tut, / als könnte es ein Glas saurer Gurken nicht öffnen, / und einem Jungen, der so tut, / als wüsste er nicht, / dass sie es kann“, schreibt Atticus über das wilde Gefühl zum ersten Mal zu küssen. Oder: „Um ehrlich zu sein, / du machst mir Angst. / Ich habe Angst, dich hineinzulassen, / mich durch deine Augen zu sehen, / frage mich, ob ich gut genug bin / oder ob ich dich eines Tages verlieren werde. / Aber die Wahrheit ist, / dich gar nicht hineinzulassen, macht mir noch mehr Angst, / und dieser Gedanke / macht mir Mut.“

SIE ist ihm die lächelnde Göttin, für die er für immer ein Spicy Margarita sein möchte, und wie schön ist dies: „Der Sex war nur die Zugabe / zu dem großen und erstaunlichen Privileg / in nächster Nähe / zu ihrem Humor zu sein.“ Atticus erzählt von männlichen Unsicherheiten, einem sich Hin- und Aufgeben in diesem wie jenem Sinn, er fängt Alltäglichkeiten, Banalitäten gar, in einer Art ein, dass sie zauberisch werden: den Duft von Erdnussbutterbroten, den Geruch des eben noch getragenen Pullovers der Liebsten.

Im Schrifttypenwechsel von kursiv zu versal scheint’s, als könne er alte Weisheit an jugendliche Wahrhaftigkeit knüpfen, Melancholie an überbordende Freude an Trauer an Zorn – über die Sorte Liebe, in der sich einer mit den rausgerissenen Stückchen des anderen neu zusammenflickt. „Sometimes / even great love / is not enough“, sagt er – und Verlust und Tod sind wie die ständig mitschwingende Bassline seiner Gedichte.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

In seinen Adventures geht’s von Dachstuben in Paris zu osmanischen Märkten über die Strände Spaniens und zum alten Atem Roms, und immer, immer singt Atticus ein Hohelied auf Hochprozentiges: „Whiskey is like poet’s water. / It quenches our thirst for madness.“ Mit Sätzen wie „No good lust goes unpunished“, „Misery at least makes good art“ oder „Obessions are nine tenths of my flaws“ malt er Bilder in die Köpfe, schickt das Sinnieren auf Wanderschaft, auf Erkundungsreise, um zwischen den Zeilen jenen Künstler zu entdecken, der sich gleich Banksy vor der Öffentlichkeit verborgen hält.

Viel Inspiration geht von Atticus‘ Gedichten und Notizen aus, manche, wie „Don’t believe everything you know for sure“ – „Glaub nicht alles von dem, was du ganz sicher weißt“, meint man schon als Graffiti gelesen zu haben. Und wenn nicht, dann bald. Und über allem steht, dass Atticus dem Leser, der Leserin gerade in diesen #Corona-Tagen zeigt, wie sich das Leben trotz gelegentlicher (Lock-)Downs in all seinen Facetten auskosten lässt.

„The Truth About Magic“ eignet sich vom Feinsten zum Immer-wieder-drin-Schmökern, Sacken-Lassen – dies bei einem Glas Champagner oder Rotwein oder (hier die Vorschläge des Autors) „Lagavulin oder eine Badewanne voll Rosé“, und Lebendig-Bleiben. Magie lebt in guten Büchern, sagt Atticus, und wie recht er hat, „sie ist in den traurigen Tagen, die niemals enden, und in den frohen Tagen, die zu schnell vorübergehen.“ Die größte Wahrheit über Magie, schreibt er, ist, dass sie wahr ist.

Zum Schluss dies: „Ich fühle mich wohl damit, allein zu sein, / aber manchmal / ertappe ich mich dabei, dass ich das Gefühl vermisse, / jemanden zu vermissen.“

Atticus. Bild: Bryan Adam Castillo Photography

Über den Autor: Atticus ist Geschichtenerzähler und Beobachter gleichermaßen. Er ist an der Westküste Kanadas geboren, verbrachte allerdings sehr viel Zeit mit Reisen. Heute lebt er in Kalifornien. Er liebt das Meer, die Wüste und Wortspiele. Der Name Atticus ist ein Pseudonym, unter dem er auf seinem Instagram-Kanal zu einem der bekanntesten Insta-Poeten wurde. Dort hat er mehr als 1,5 Millionen Follower, unter anderem Schauspielerin Emma Roberts und das US-amerikanische Topmodel Karlie Kloss.

Über den Übersetzer: Kilian Unger ist Singer-Songwriter. Unter dem Namen Liann schreibt er Lieder über verregnete Tage, durchzechte Nächte, übers Leutevermissen, über Kindheitsträume und Zukunftsängste – und über Charlie Chaplin. Er lebt in München.

bold Verlag/dtv Verlagsgesellschaft, Atticus: „The Truth About Magic“, Gedichte & Notizen, 255 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Kilian Unger aka Liann.

www.dtv.de           www.readbold.de           www.instagram.com/atticusxo           www.liann.de

Videobotschaft von Atticus, Teil 1+2: twitter.com/i/status/1313939744548585474           twitter.com/i/status/1313939916720689152

  1. 11. 2020

Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben

Januar 13, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Buch wie ein Auffahrunfall auf dem American Way

9783716027455Nur kurz keimt die Hoffnung auf ein glückliches Ende. Vielmehr möchte man der Frau auf jeder Seite zurufen: Lauf‘, lauf‘, der Typ ist nicht gut für dich, er ist nur ein weiteres deiner Probleme! Welch eine seltsame, bedrückende Liebesgeschichte, mit der Atticus Lish die Leser in seinen Bann schlägt. Sein Debütroman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ zeigt die USA als Land der begrenzten Möglichkeiten. Zeigt eine self-fulfilling Politik, die die Menschen längst verlassen, ja vergessen hat. Zeigt (sozial-)staatliche Versäumnisse auf, die denen im Europa dieser Tage ähnlich sind. Nicht nur deshalb ist der literarische Überraschungshit dieses Winters lesenswert. Lish ist auch stilistisch Neuland. In einer einzigartigen Mischung verbindet er Sprachpathos mit schonungsloser Schroffheit. Er hat den Mut plakativ, kitschig, traurig und tragisch zu sein, dass es einem das Herz abschnürt. Dann wieder rotzt er in Slang und Alien-Englisch die Wut und Verzweiflung seiner Protagonisten raus. Atticus Lish ist ein Moralist, der den Finger auf die Wunde derer legt, die von sich behaupten, der Welt wichtigste Nation zu sein. Die von ihm niedergeschriebene gesellschaftliche Entsolidarisierung in den USA zeigt, wie ein Präsidentschaftskandidat wie weird Donald Trump überhaupt möglich werden kann.

Erzählt wird von Zou Lei und Skinner. Sie ist uigurische Kriegswaise, Muslima, illegal in die USA eingewandert, den Sehnsuchtsort ihrer Mutter. „Man muss nichts anderes sagen, als ,Ich möchte Brot‘ und schon hüpft das Brot aus dem Ofen“, hat ihr die erzählt. Nun stellt Zou Lei fest: Ohne Ausweis ist man kein Mensch und hat entsprechend auch nicht dessen Rechte, ohne gültige Papiere wird einem die nackte Existenz abgesprochen; man ist Freiwild für jeden, der sich für einen Big Boss hält. Den Patriot Act im Nacken arbeitet sie in diversen New Yorker Suppenküchen, muss mehr als einen Job machen, um zu überleben. Den Begriff Homeland gibt’s für sie nur in Verbindung mit dem Wort Security.

Da läuft sie Skinner über den Weg, quasi ein Migrant im eigenen Land. Er war Army-Infanterist und wurde nach drei Einsätzen im Irak als gefährlicher Paranoiker aus dem Militärdienst entlassen. Ein depressiver, unter Panikattacken und Albträumen leidender Alkohol- und Psychopharmakasüchtiger, der mit seiner Pistole spielt, wenn ihn Suizidgedanken packen. Was ziemlich oft ist, weil er den Anblick seines von einer Sprengfalle zerfetzten Freundes nicht vergessen kann. Die Szene, in denen Skinner mit Körperteilen hantiert, um sie wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen, gehört zu den grauenhaft eindrücklichsten des Buches. Zou Lei hat alles verloren, Skinner sich selbst; eine Amour fou beginnt. Und alles atmet Unheil. „An so etwas wie ihre Liebe war er nicht gewöhnt und sie schien sein emotionales Ungleichgewicht nur zu befördern“, steht da über den zur menschlichen Waffe gemachten Skinner: „Sein Kopf hatte keine Sicherung und keinen Hebel, um ihn auszuschalten.“ Lish gelingt das literarische Kunststück, diesen Trailerpark-Proleten zu einer Figur zu machen, für die man zwar nicht Sympathie, aber immerhin Mitleid empfindet.

Atemlos hetzt einen Lish durch die Straßen von Queens, ein Stadtteil, der von der „Glitzermetropole“ so weit entfernt scheint wie der Mond; es ist, als würde man sich das ganze Buch über auf dessen dunkler Seite befinden. Man begibt sich auf einen Zug durch die Nachbarschaft mit all ihren merkwürdigen Gestalten. Kleinkriminelle, Prostituierte, Obdachlose. Travis Bickles, Patrick Batemans, Chris Kyles. Iren leben neben Latinos leben neben Chinesen – eine Multikultihassgemeinschaft. Lish entwirft eine kalte Schnellimbisswelt, bevölkert von in ihrem Elend vereisten Menschen. Er schildert die Verwahrlosung der Wohlstandsverlierer, die xenophoben Existenzängste der „alteingesessenen“ und ihren aggressiven Verdrängungskampf mit den neuen Einwanderergruppen. Wie beiläufig verpackt er in Lebensgeschichten, was Regierungen, was Regime mit Menschen machen, entfaltet er ein Misera-plebs-Panorama, das alle soziologischen Wahrheiten über Amerika bündig zusammenzufassen scheint.

Es geht um Flüchtlinge, die unwürdige Massenunterbringung von Hilfesuchenden, die auf ein besseres Leben hofften, den Umgang mit ethnischen Minderheiten, und wie Ausgrenzung Hassprediger auf den Plan ruft. Es geht um die ständige Verfügbarkeit von Schusswaffen, um wahnwitzige Kriege und sich selbst überlassene seelenversehrte Heimkehrer aus diesen, um den Allgemeinzustand, in dem sich ein Land nach einem Terroranschlag (hier 9/11) befindet. Es geht um die heikle Frage, wie offen ein Staat heute sein darf. In einer interessanten Wertediskussion verachten chinesische Asylwerber die USA dafür, dass ihr ein „starker Führer“ fehlt. Es geht um kulturelle, religiöse, wasauchimmer Unterschiede, und Lish tut den Teufel, ein „We shall overcome“ anzustimmen.

Dann trifft white trash auf white trash. Das Verderben kommt in Gestalt von Jimmy, der Sohn von Skinners Vermieterin, gerade aus dem Gefängnis entlassen und wahrlich ein Paradebeispiel für die mangelnde Qualität des US-Strafvollzugs. Nun stehen sich die Raubtiere gegenüber, die beiden vom System zu Bestien deformierten Gestalten, die beiden von der Gesellschaft geschändeten Kreaturen. Von Anfang an ist klar, dass zwei, die einander so ähnlich sind, aneinander geraten müssen. Jimmy, angewidert davon wie sich sein Wohnviertel zum „Ausländerghetto“ gewandelt hat, beginnt mehr oder minder systematisch asiatische Sexmasseurinnen totzuprügeln. Die Gewalt, die er Frauen antut, wirkt in ihrer Schilderung surreal. Und seine Aggression überträgt sich. Man wartet richtig darauf, dass seinem Treiben endlich jemand ein Ende setzt. Was passiert, weil er Zou Lei ins Visier nimmt. Wo eine Pistole vorkommt, wird auch geschossen …

Lishs Buch ist wie ein Auffahrunfall auf dem American Way of Life. Selten liest sich eine Liebesgeschichte so gnadenlos ausweglos wie diese. Mit seiner enorm direkten Prosa fährt einem der Autor direkt an die Kehle. Man braucht eine Weile, um aus diesem Buch in die Normalität des eigenen Alltags zurückzukehren. Nicht zuletzt wegen des Wissens, wie viel an dieser beinharten Fiction genau beobachtetes und gut dokumentiertes Fakt ist. Der Titel des Romans – „Vorbereitung auf das nächste Leben“ steht als Wandspruch in einer Moschee über dem Schreibtisch des Imam – entpuppt sich als so vieldeutig wie dessen Inhalt. Eine Message macht Lish aber klar: Dem Menschen, der der Menschlichkeit entbehrt, helfen keine frommen Gesten. Das ist von Konfuzius.

Über den Autor:

Atticus Lish, geboren 1971, ist der Sohn des berühmten amerikanischen Lektors und Autors Gordon Lish, dem Mann, der Raymond Carvers minimalistischen Stil erfand. Er ist Übersetzer aus dem Chinesischen, hat in einer Styropor-Fabrik gearbeitet, auf dem Bau, als Personaltrainer, bei einem Umzugsunternehmen, als Wachmann, als Verkäufer in einem Fastfood-Restaurant sowie im Telefonmarketing. Vor 9/11 diente er kurz als Marine in der US-Armee. Später war er längere Zeit Englischlehrer in China, wo ihn seine Reisen unter anderem nach Kashgar und Yili führten, in das Gebiet der Uiguren. Er lebt mit seiner aus Korea stammenden Frau Beth in New York City. Sein Roman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ wurde 2015 mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet.

Arche Verlag, Atticus Lish: „Vorbereitung auf das nächste Leben“, Roman, 544 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner.

www.arche-verlag.com

Wien, 13. 1. 2016