Houchang Allahyari: Goli Jan. Ich darf kein Mädchen sein

September 8, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Neuer Spielfilm und Retrospektive zum 80. Geburtstag

Fatima Amiri als Goli Jan. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nach seinen Dokumentarfilmen „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727) und „Die Liebenden von Balutschistan“ kehrte Houchang Allahyari in den Iran zurück, um einen Spielfilm zu drehen, dem es an Aktualität wahrlich nicht mangelt. Geschildert wird die Geschichte von Goli Jan, einer jungen Frau, die – nachdem ihr Vater von den Taliban ermordet wurde und ihr Onkel sie an einen alten Mann zwangsverheiraten will –

gemeinsam mit dem Fahrradboten Jawad aus Afghanistan in den Iran flieht und sich als Junge verkleiden muss, um nicht aufzufallen. Stets in Angst vor der Rache des mächtigen Onkels, begegnen die beiden neben verschlagenen auch hilfsbereiten Zeitgenossen, die sie bei sich aufnehmen und ihnen die Chance für einen Neuanfang eröffnen. Der Film, der am 9. September im Metro Kinokulturhaus Premiere hat, ist eine mit sparsamen Mitteln hergestellte, aber umso persönlichere Auseinandersetzung mit den Themen weibliche Selbstbestimmung, männliche Dominanz, Solidarität, grenzübergreifende Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe, mit einem Wort: ein echter Allahyari, und dies zu Zeiten da „Afghanistan“ vielen ein Reizwort ist.

Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit mit Allahyari-Sohn Tom Dariusz und der künstlerischen Leiterin des diverCITYLAB Asli Kişlal (www.divercitylab.at). Begleitet wird die Premiere von einer Retrospektive zum 80. Geburtstag von Houchang Allahyari. Und so beginnt die Story. Mit einer beklemmenden Stille über Ruinen, voller Staub über brachliegendem Land, und kein Lebensraum nirgendwo. Flüchtende Kinder, allesamt männlich, springen auf einen Pickup, von den – vor den jüngsten Entwicklungen – geschätzt drei Millionen illegaler afghanischer Flüchtlinge im Iran sind zahlreiche unbegleitete zwischen zehn und achtzehn Jahren. Lieferant Jawad fährt mit dem Fahrrad durch ein Geisterdorf, „keiner weiß noch, wer gegen wen kämpft“, sagt er, und sieht Goli Jans Vater Gashem mit den beiden Dorfcapos im Streit um die Wasserrechte für die Felder.

Die sind an der Macht. Ich habe mich arrangiert, um zu überleben“, wird ihn sein älterer, wohlhabender Bruder später schelten, doch da wird schon Gashems Leichnam nach Hause getragen. Die Dorfobersten, an denen Allahyari die brutale Willkürherrschaft der Taliban festmacht, deren Tyrannisieren der eigenen Leute, sind wieder dabei Jungen „einzusammeln“. Auch Jawad steht auf ihrer Liste, der schmiedet Pläne für die Flucht in den Iran. Der vor Begierde sabbernde Onkel will Gashems Witwe „aus Mitleid“ heiraten, „wenn ihr arbeiten geht, bringt ihr Schande über mich“, und auch Goli Jan an den Ehemann bringen.

Der betagte Bräutigam hat schließlich schon bezahlt, er reist an. Mit einem Schaf, ein paar Plastikblumen und seiner ersten Frau zur Begutachtung der alsbald zweiten. Es ist die Szene, in der Goli Jan mit dem Brennstoff, mit dem sie Feuer unterm Teekessel machen soll, sich selbst entzünden will, der ihre Mutter bewegt, das Mädchen Jawad anzuvertrauen. Verkleidet als „Cousin Assad“, verstaut im Kofferraum eines Schleppers.

„Die Handlung basiert auf wahren Begebenheiten. Flüchtlinge aus Afghanistan haben sie mir bei den Dreharbeiten von meinem Dokumentarfilm ,Rote Rüben in Teheran‘ erzählt“, erklärt Houchang Allahyari im Gespräch. Seine Protagonistinnen und Protagonisten hat der Filmemacher vor Ort gecastet: „Es sind alles Laien, außer der Darstellerin der Mutter von Goli Jan, Halimeh Nassim Amiri. Sie ist Radiosprecherin in einem afghanischen Sender in Iran, hat großes Interesse an Film und Kunst, und zeigte von Anfang an Verständnis für das Projekt. Ihre Tochter Fatima übernahm die Rolle von Goli Jan, obwohl das für afghanische Frauen verboten ist, und durch sie und ihre Mutter habe ich den Darsteller von Jawad, Nemat Amiri, gefunden.“

Derart entstand ein großartig empathischer, eindringlicher Film, Allahyaris erster im Iran gedrehter Spielfilm, freilich ohne offizielle Erlaubnis, doch mit Hilfe von Regisseur Babak Behdad, der sich um Drehgenehmigungen „für sich selber“ kümmerte und das Drehbuch in einen stimmigen afghanischen Dialekt übersetzte, und Allahyaris wie stets warmherziger Blick aufs Ensemble wird diesmal noch durch dessen Authentizität aufgewertet.

Halimeh Nassim Amiri (re.) . Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mutter und Tochter. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Mit Nemat Amiri als Jawad. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Nemat Amiri und Fatima Amiri. Bild: © Allahyari Filmproduktion

Allahyari: „Es gab zwar ein fertiges Drehbuch, aber ich habe es an Fatima und Nemat angeglichen. Wir mussten auch darauf Rücksicht nehmen, dass Fatima während der Dreharbeiten der Schule nicht fernbleiben konnte. Sie legt großen Wert auf Bildung, Nemat weniger. ,Wenn du schon keine Bücher liest, dann schau Fernsehen, damit du etwas lernst‘, hat sie zu ihm gesagt. Der Satz ist nun im Film. Es ist sehr viel von ihr eingeflossen, vor allem der Mut und die Kraft, mit denen sie sich Schwierigkeiten stellt.“

Über weite Strecken ist „Goli Jan“ ein Roadmovie. In langen, langsamen Einstellungen hält der in seiner Heimat hochgehandelte Kameramann Reza Teymouri die karge Landschaft fest, Einöde und Einheimische, Gesichter, in die sich ihr Schicksal eingegraben hat, ohne jemals in die Lokalkolorit-Falle zu tappen. Und je näher Goli Jan und Jawad Richtung Teheran kommen, umso mehr bangt man um eine Love Story zwischen den beiden (Spoiler: Man wird nicht enttäuscht werden und doch Houchang Allahyari das Ende seines Films niemals verzeihen).

Die Betreiberin einer Pension, auch dieser Kurzauftritt ein scharf gezeichneter Charakter, verdient sich ein Zubrot als Schmugglerin von Illegalen in die Hauptstadt, wo Jawad und „Assad“ Arbeit am Bau finden. Anrührend ist das, wie Gentleman Jawad die ihm Schutzbefohlene vorm gemeinsamen Waschen mit anderen Arbeitern rettet. „Es duschen immer zwei Mann, um Wasser zu sparen“, bescheidet ihm der anlassige Landsmann Vahid, der die Scharade längst durchschaut hat. In ihrer Not wendet sich Goli Jan an die Frau des Bauunternehmers, Neda Urudji und Mehdi Urudji als die guten Menschen von Teheran, die ihr einen Job als Hausmädchen gibt und sie für die Schule anmeldet.

Es kommt der Moment, da Jawad beinah schon den Arm um Goli Jan legt, sie prahlt mit ihrem Englischunterricht, er sagt den einzigen Satz, den er kann: I love you. Doch Vahid hat die jungen Liebenden an den tobenden Onkel verraten – und der rückt samt Gefolge an … Denkt man, mit welch großen Gesten und Tränendrück-Gefühlen an ein solches Thema herangegangen hätte werden können, beeindruckt Allahyaris Schlichtheit umso mehr. Reza Teymouri hat durchgehend mit Handkamera gearbeitet und „unbewegte Einstellungen nur mit einem Polster stabilisiert“, so Allahyari. „Goli Jan“ ist sein sanfter Appell, mitsammen daran mitzuwirken, dass Happy Endings möglich sind.

Doch apropos: Houchang Allahyari leistet sich einen Cameo-Auftritt als mehr oder minder er selbst, der in einem von Mehdis Häusern eine Wohnung bezieht. Als Goli Jan und Jawad als Putztrupp erscheinen und den Herrn Doktor nach dem Paradies Österreich fragen, kann der ihnen nur bedingt Hoffnungen machen. Wenn der Filmemacher über Rassismus, Ressentiments gegenüber Flüchtlingen, Ausländerfeindlichkeit und sein eigenes „Fremd-Sein“ referiert, ist das wie eine verbale Ohrfeige für die heimischen Verhältnisse (Allahyaris anderer Sohn Kurosch ist Obmann des Vereins Purple Sheep: www.purplesheep.at). Dennoch wird sich das Paar von der strapaziösen und gefährlichen Reise nicht abhalten lassen, wie zum Schluss ein Telefonat in Wien beweist …

„Goli Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ ist dazu angetan, die via Medien gefilterten Nachrichten neu zu bewerten und den Begriff „Afghanistan“ neu zu denken. Nicht nur die radikalen Islamisten, ein gesuchter Terrorist als Innenminister, ein ehemaliger Guantanamo-Häftling als Chef des Geheimdienstes und die Scharia machen dieses Land aus, sondern auch die Zehntausenden, die stillschweigend leiden und dulden, weil Widerstand ohne Hilfe von außen zwecklos ist. Es sind Frauen, Männer, Alte und Kinder, die – um Shakespeare zu bemühen – wie wir bluten, wenn man sie sticht. Höchste Hochachtung vor den Frauen, die dieser Tage unter Lebensgefahr in Kabul für ihre Rechte demonstrieren!

Abschlussfrage an Houchang Allahyari: Wird „Goli-Jan – Ich darf kein Mädchen sein“ auch im Iran im Kino laufen?Nein, das ist in diesen Zeiten nicht möglich, da vor allem die Schauspielerinnen sehr gefährdet wären. Sie könnten von ihrer Familie verstoßen, sogar ermordet werden, da sie in ihren Augen Schande über sie bringen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Ij802VaOyU4          www.filmarchiv.at

Retrospektive

Anlässlich des Kinostarts von „Goli Jan“ und des 80. Geburtstags von Houchang Allahyari präsentiert das Filmarchiv Austria eine Auswahl seiner Arbeiten. Im Metro Kinokulturhaus wird eine umfangreiche Retrospektive parallel zum Kinostart von „Goli Jan“ anlaufen. Sie beginnt am 16.9. um 19 Uhr mit „Der letzte Tanz“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari. Preview „Seven Stories about Love“ am Sa, 18.9. um 19 Uhr, anschließend um 21 Uhr noch „Rote Rüben in Teheran“ in Anwesenheit von Houchang Allahyari.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Houchang Allahyari (M.) Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

I love Vienna, A 1991. Bild @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf + Der mit dem gelben Pullover (17.9., 18 Uhr + 30.9., 19 Uhr)
Rote Rüben in Teheran (18.9., 21 Uhr + 24.9., 18 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727

I love Vienna (19.9., 19 Uhr + 26.9., 19 Uhr)
Höhenangst (19.9., 21 Uhr + 28.9., 18 Uhr)
Geboren in Absurdistan (20.9., 19 Uhr + 5.10., 20 Uhr)
Die verrückte Welt der Ute Bock (20.9., 21 Uhr + 7.10., 18 Uhr), Interview mit Houchang Allahyari: www.mottingers-meinung.at/?p=31182

Das persische Krokodil + I like to be in America + The Mozart Minute (22.9., 18 Uhr + 4.10., 20 Uhr)
Pasolini inszeniert seinen Tod + Die Wahrheit + Trotz alldem (29.9., 19 Uhr + 13.10., 18 Uhr)
Der Gast (24.9., 19 Uhr + 1.10., 21 Uhr)
Rocco (23.9., 19 Uhr)
Robert Tarantino (27.9., 19 Uhr), Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512

Mehr Infos: www.mottingers-meinung.at/?p=44455           www.filmarchiv.at

  1. 9. 2021

Tania Golden und Nina C. Gabriel: Sheherasaden. Autorinnen unterm Halbmond über Sex und Politik

Dezember 15, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Beischlaf ist die Kostprobe fürs Paradies

Nina C. Gabriel. Bild: Ludwig Drahosch

„Gepriesen sei Gott, der zu des Mannes größter Wonne die Geschlechtsteile des Weibes schuf und die Geschlechtsteile des Mannes dazu bestimmte, dem Weibe den höchsten Genuss zu gewähren.“ Ja, der gute alte Scheikh Nefzawi wusste schon, was er im frühen 15. Jahrhundert in sein orientalisches Ehehandbuch „Der duftende Garten“ schrieb. Erotische Geschichten und Gedichte zur „Erbauung des

Gemüts“, Ratschläge zur Verabreichung von Aphrodisiaka – und deren wirksamstes, „den Schauplatz des Liebeskampfes, den gewölbten Bauch und das majestätische Hinterteil“, als erste zu verwöhnen. Bevor „des Mannes Werkzeug“ zum Einsatz kommt. Der weise Gelehrte, der sein Werk im Auftrag des Kalifen der Hafsiden verfasste, pries den Beischlaf als Kostprobe des Paradies‘, und, oh!, wären nur alle seiner Art wie er. Doch wieviel Wasser seither ins Arabische Meer geflossen ist …

Die von Scheikh Nefzawi berichtet, ist die syrische Romancière Salwa Al-Neimi in ihrem Buch „Honigkuss“, das heißt, Schauspielerin Tania Golden liest aus diesem vor. Gemeinsam mit Bühnenkollegin Nina C. Gabriel präsentiert sie ab 17. Dezember die „Sheherasaden. Autorinnen unterm Halbmond über Sex und Politik“ im 4GAMECHANGERS#roomservice als Live-Stream.

Wobei die beiden die “Tausend und eine Nacht” mit den Texten fünf zeitgenössischer Schriftstellerinnen verknüpft haben. Denen gemeinsam ist, dass sie mit der Schreibfeder gegen die Zwänge der muslimischen Gesellschaft der Gegenwart kämpfen. Wie das Original im morgenländischen Klassiker, schreiben sie um ihr Leben. Den fünf Autorinnen aus der Welt des Islam ist es ein Anliegen, sich selbstbewusst zu ihrer Kultur und deren erotischer Tradition zu bekennen. Sie setzen sich mutig und hochgebildet gegen die derzeitige Lustfeindlichkeit und Frauenverachtung zur Wehr und erinnern an die lange arabische Tradition, in der Erotik gottgewollt war.

Und so kann man sich, www.mottingers-meinung.at durfte dem Abend schon vorab lauschen, zwei wunderbaren Stimmen hingeben. “Der schwarze Sklave sprang vom Baum zwischen die geöffneten Schenkel seiner Gebieterin.” Es ist Nina C. Gabriel, die vom gehörnten Sultan Schahriyâr berichtet, der sich jede Nacht eine Jungfrau nahm und sie am Morgen hinrichten ließ, bis ihn die Tochter seines Wesirs in ihren Bann zog. Gerade begegnet Schahriyâr mit seinem Bruder Schahzamân dem „betrogenen Ifrit“ und sie hören vom Dschinn die wohlgewählten Worte: „Wenn eine Frau etwas will, kann sich ihr niemand verweigern …“,

Bild: pixabay.com

Nina C. Gabriel. Bild: Ludwig Drahosch

Bild: pixabay.com

… da singt der „Honigkuss“ ein Loblied auf die Lust. Die Ich-Erzählerin, eine Bibliothekarin, die sich in aller Stille zur Expertin für erotische Werke der klassischen arabischen Literatur macht – und ihre verbotenen Fundstücke an diversen Liebhabern ausprobiert: „Meine heimliche Lektüre hat mich zu dem Schluss kommen lassen, dass die Araber als einziges Volk der Welt den Sex als eine Gnade ansehen, für die man Gott danken muss.“

Doch schnell werden derlei Gedanken durchkreuzt von denen Azar Nafisis, die es wagte, mit ihren – männlichen, und absichtlich nicht gegenderten – Studenten in Teheran „Lolita“ und „Der große Gatsby“ zu lesen. Mitten in der Islamischen Revolution, während andere ihrer Schüler vor Nafisis Fenstern „Tod den USA“ skandierten, und sie sie schließlich nach „Steinigung!“ rufen hörte. Tania Golden versteht es, der Angst und dem Grauen ebenso Ausdruck zu verleihen, wie der Poesie des Schreckens – so paradox das auch klingen mag.

Und während die beschwörend wispernde Gabriel von der „märchenhaften“ Enthauptung von Mädchen, denn wer die Geschichten für Kinderfabeln hält, der irrt gewaltig, zum Kaufmann und der Konkubine des Kalifen kommt, zu Folter, Pein und Tod, ist die Golden bei den von der Groupe Islamique Armé geköpften Mädchen, „Blut für Allah“, wie Baya Gacemi schreibt, das Vergehen der Teenagerinnen: zu oft aus dem Haus zu gehen, keinen Hidschāb zu tragen, mit jungen Burschen reden …

Albträume sind das, bei denen Tania Golden auf bewusst pragmatisch umschalten kann. Nur so lässt sich ihr Tonfall für Asli Erdoğans „Das Haus aus Stein“ beschreiben, eine Chiffre für Erdoğans Inhaftierung als angebliche Terroristen-Unterstützerin, eine Chiffre fürs palastartige Sansaryan Han Foltergefängnis, in dem auch der Dichter Nâzım Hikmet misshandelt wurde. Kaum auszuhaltende, sich wie Reimschemen wiederholende Szenen, die in ihrer dunklen Musikalität an die Verse eines Paul Celan erinnern.

Tania Golden. Bild: Ludwig Drahosch

Tania Golden. Bild: Ludwig Drahosch

Wieder Schläge, wieder Qual, tiefe Narben in Psyche wie in Fußsohlen, dem Schreien die Zunge abgeschnitten, dem Sehen die Augen ausgestochen. Ein Blatt Papier und ein Bleistift, ein Mann, der als Engel mit gebrochenen Flügeln zu einem Leitmotiv des Textes wird. Der weibliche Widerstand, das Aufbegehren von Frauen tritt durch diese Lesung ins Zwiegespräch. Vom Heute zurück in die Historie, es tut ganz gut, dass an dieser Stelle die Rebellion der Unterwürfigkeit obsiegt.

Die raffinierte Sheherasade, ein reumütiger Tyrann, ein Volk, das sich aus Dankbarkeit fürs Beenden seiner Schandtaten zu Boden wirft, und weil’s so schön ist, wird die kleine Schwester Dinharazade dem königlichen Bruder vermählt. Und wenn sie nicht gestorben sind … „Frauen tun ein Leben lang nichts anderes, als Geschichten zu erzählen, die Männern gefallen“, sagt die kluge Mutter von Fatema Mernissi – und sie meint das durchaus so taktisch, wie’s klingt. In „Der Harem in uns“ gewährt die Autorin einen Blick hinter die Mauern und in ihre eigene Kindheit.

Sie tut dies mit einer faszinierenden Zärtlichkeit, ihre Erinnerung an eine Welt „im ersten Stock, ein Labyrinth von Zimmern“, in denen die Tanten, die mit ihren Ehemännern zerstrittenen, verwitweten, in Scheidung befindlichen, untergebracht waren, um von Mernissis Vater mit all seiner Liebe und seinem Mitgefühl geschützt zu werden. „Hanan“ ist der arabische Begriff, mit dem der Vater an der Institution Harem hängt. Und dann ist da Tante Habiba, die verstoßene, die fantastische Geschichten weiß, die sich ihr Lachen von ihren Tränen nicht nehmen lässt, die tausend und eine Heldin kennt, die es samt und sonders geschafft haben, ihren Feinden zu widerstehen.

Wegen Tanta Habiba, sagt Fatema Mernissi, hätte sie beschlossen, eine Stimme zu werden, die es wagt, in der Nacht zu sprechen. So beenden die heimischen Sheherasaden, die Schwestern im Geiste, Nina C. Gabriel und Tania Golden die von Susanne Höhne zusammengestellte und von Ludwig Drahosch gefilmte Collage. Dies Projekt soll einen kleinen Beitrag dazu leisten, diesen couragierten Autorinnen aus der Welt des Islam Gehör zu verschaffen, sagen die Künstlerinnen. Und so ist es. Erschreckend, erheiternd, in jeder Hinsicht außerordentlich.

Über die Autorinnen:

Salwa Al-Neimi ist 1950 in Damaskus, Syrien, geboren und aufgewachsen. Sie studierte dort Arabisch. Heute lebt sie in Paris, wo sie die Bibliothek für klassische arabische Literatur an der Sorbonne betreut. Ihr Spezialgebiet ist erotische Literatur. „Honigkuss“ erschien 2007 im Libanon und ist ihr erster Roman. Das Buch wurde in den arabischen Ländern sofort zum Skandal und als „sexuelle Intifada“ (© Emirates Media) bezeichnet.

Azar Nafisi wurde 1955 in Teheran geboren. 1997 emigrierte sie in die USA und unterrichtet nun an der John Hopkins University in Washington. Sie studierte englische und amerikanische Literatur in den USA. Während der Islamischen Revolution lehrte sie an der Universität Teheran, wo sie von 1980 bis 1988 suspendiert wurde, weil sie sich weigerte, sich zu verschleiern. Nochmals suspendiert im Jahre 1992 gab sie private Workshops für Studenten in ihrer Wohnung, bis sie endgültig in die USA ging. Bei „Lolita lesen in Teheran“ handelt es sich um einen autobiographischen Roman.

Baya Gacemi wurde 1952 in Annaba, Algerien, geboren und ist 2010 in Villejuif, Frankreich, gestorben. Sie studierte Psychologie in Algier, Politikwissenschaften und internationales Recht in Paris. 1985 kehrte sie nach Algerien zurück und arbeitete als Journalistin. Bis zu ihrer Suspendierung 1996 leitete sie die Zeitung La Tribune. Sie wurde wegen „Beleidigung des nationalen Emblems“ zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Danach arbeitete sie freiberuflich bei verschiedenen französischen und algerischen Zeitungen. Tania Golden liest aus dem Buch „Blut für Allah: Ich war die Frau eines islamischen Terroristen“, in dem Gacemi die Geschichte von Nadia Chaabani, der Frau eines Führers der Groupe Islamique Armé, erzählt.

Asli Erdoğan wurde 1967 in Izmir geboren und ist eine türkische Physikerin und Schriftstellerin. Sie gehört zu den Fürsprecherinnen der kurdischen Minderheit. Am 16. August 2016 wurde sie im Rahmen der sogenannten „Säuberungen“ im Zusammenhang mit dem gescheiterten Militärputsch verhaftet. Im Dezember wurde sie unter Auflagen freigelassen, erst Ende September 2017 erhielt sie ihren Pass zurück. Sie flüchtete nach Deutschland, wo sie zurzeit im Exil lebt. Für ihr Werk, etwa „Das Haus aus Stein“, erhielt sie zahlreiche Preise, unter anderem den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis. Seit dem Sommer strengt ein neuer Staatsanwalt ein neues Verfahren gegen Asli Erdoğan wegen „Terrorpropaganda“ an.

Fatema Mernissi wurde 1940 in Fès in Marokko geboren und ist 2015 in Rabat gestorben. Sie studierte Politikwissenschaft und Soziologie an der Sorbonne und lehrte seit den 1980er-Jahren an der Universität Mohammed V. in Rabat. Mernissi schrieb hauptsächlich in Englisch und Französisch, und um sich frei ausdrücken zu können, wollte sie in späteren Jahren nicht mehr in Marokko publizieren. Sie verfasste zahlreiche Bücher über die Lage der Frauen im Islam. In ihrem autobiographischen Roman „Der Harem in uns – die Furcht vor dem anderen und die Sehnsucht der Frauen“ beschreibt sie ihre eigene Kindheit.

Live-Stream: 17. 12., 19 Uhr. Video verfügbar bis: 19. 12., 15 Uhr.

4gamechangers.io/de/roomservice           Tickets: tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations/bea5cfa5-7377-4a5e-bf87-397656b231a2/tickets/new#tania1

  1. 12. 2020

Medeas Töchter: #wirsindnichtstill

November 18, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hörspiel über den 2000 Jahre alten Irrweg vom Matriarchat zum Patriachat

Medeas Töchter. Bild: © Rainer Berson

Solidarisch ist, wer zuhause bleibt. Kunst- und Kulturinstitutionen müssen schließen, sie sind Freizeitvergnügungen. Geschäfte sind geöffnet, um Kapitalflüsse nicht zu behindern. Aber Medeas Töchter können nicht zuhause am warmen Ofen sitzen und warten, bis der Spuk vorbei ist. Sei es, weil sie keinen warmen Ofen haben, sei es, weil sie die Herrschaftsverhältnisse nicht mehr ertragen.

Medeas Töchter trotzen also dem Lockdown und veröffentlichen ihr Projekt „Medeas Irrgarten“ heute um 20 Uhr als Hörspiel. Magdalena Chowaniec, Aslı Kışlal und Corinne Eckenstein laden das Publikum zu einem individuellen Spaziergang durch die Stadt ein, begleitet von den Stimmen der Töchter Medeas: Ruchi Bajaj, Vahidenur Caf, Shabnam Chamani, Tanja Josic, Jona Moro und Charlotte Zorell – junge Frauen, deren Sichtbarkeit und Einflussnahme auf die Gesellschaft aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, sexuellen Orientierung oder politischen Ansichten in den Hintergrund gedrängt werden.

Ihre Stimmen, Gesichter, Körper und Gedanken sollen im Verborgenen bleiben, während auf ihren Rücken Politik gemacht wird. Doch bereits im ersten Lockdown haben Medeas Töchter sich nicht der erzwungenen Untätigkeit unterworfen. Neben vielen anderen Projekten entstand „Medeas Irrgarten“, ein interaktives Hörspiel, ein hörbarer Irrweg – über Kopfhörer nachgeh- und mithörbar, ein Irrweg rund um die Welt von Frauen, Geschichten seit dem Ende des Matriarchats bis zum Lockdown 2020.

„Auch wenn wir die Türen zu den Theatern schließen müssen, Türen zu jenen Räumen, in denen ein Diskurs stattfinden kann und unterdrückte Stimmen hörbar werden, verstummen wir nicht!“, lautet der Kampfruf. „Heute, 20 Uhr, ,Medeas Irrgarten‘ auf: medeastoechter.at/audio. Kopfhörer rein, Internetempfang sicherstellen und losspazieren … Dann wird es nicht still.“

Eine Koproduktion von diverCITYLAB, dem Dschungel Wien und Magdalena Chowaniec.

Trailer und erster Track: medeastoechter.at/audio           medeastoechter.at

  1. 11. 2020

Theater Akzent: Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“

November 11, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar verlegt die Italianità in die Hasengassn

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler Bild: © Lilli Crina Rosca

Asli Kislal, Stefano Bernardin, Markus Kofler
Bild: © Lilli Crina Rosca

Der Literaturnobelpreisträger hätte, lässt sich vermuten, seine Freude daran, wie jetzt in Wien seine Aufforderung zum zivilen Ungehorsam inszeniert wurde.

Denkanstifter Hubsi Kramar zeigt im Akzent „Bezahlt wird nicht!“ und hat dazu Dario Fos Frauenpower-Farce in die Hasengassn verlegt, also die Adria nahe an die Hypo Alpe, mei Chianti is ned deppat, und daraus ein saftiges Stück Volkstheater samt Couplets gemacht, die Satire als schlechtes Gewissen der Macht sozusagen. Bevor man sich prächtig zu amüsieren traut, ist man ernüchtert, wie aktuell diese 41 Jahre alte Agitpropkomödie noch ist. Die Verhältnisse sie sind noch so, sie sind schon wieder so.

Gegen den Diebstahl der Marktwirtschaft hilft nur Ladendiebstahl. Und so macht eine Menge wütender Frauen dem Konsum im Wortsinn den Garaus. Freie Marktwirtschaft ist ein im Grunde revanchistisches System. Für jede Quittung, die man überreicht, revanchiert sich jemand mit einer Rechnung, die er präsentiert. Die working und wegrationalisierten poor holen sich also ihren Anteil am Profit in Form von Nudeln und Dosenparadeisern, die Butter vom Brot eines Plissonnier und seines Broseta, aber, ach, käme erst das Fressen, doch es kommt die Moral in Gestalt der Ehemänner. Der ehrliche Arbeiter nimmt nicht einmal selbst erbeutete Almosen an. Ja, wir waten bis zum Hals in der Scheiße, aber genau deshalb tragen wir den Kopf hoch erhoben. Daher weg mit dem Zeug, unters Bett und unter die Kittel, plötzlich sind alle schwanger und Polizisten vor der Tür …

Worteschmied Fo heftet den ihm eigenen anarchischen Witz an seine politischen Wahrnehmungen, und Hubsi Kramar zeigt an diesem Beispiel auf seine Weise, dass der Neoliberalismus auf dem rechten Weg ist. Privatisierung kommt von privare/ berauben. Aus dem Originaltext und zwei Übersetzungen, mit kritischem Geist und spottendem Herzen, formulieren der Theatermacher und seine Truppe ihre Absage an die Marktfundamentalisten und die Internationale Solidarität der Banker. Avanti Popolo! Zum heiteren Gegenangriff. Der Hanswurst kann laut sagen, was Hamlet im Stillen denkt. Selbstverständlich ist jede Ähnlichkeit mit aktuellen Tagesereignissen gänzlich beabsichtigt. TTIP-Freihandelsabkommen und andere unsaubere Geschäfte, Nestlé und Novomatic, Asyldyskoordination und Abschiebung, Gentrifzierung und Griechenland, Steuerreform und andere Skandale, wie den Leuten die Schlag-Zeilen eben so auf den Kopf knallen, so geht’s rund in „Bezahlt wird nicht!“ reloaded. Dass das Akzent dafür der perfekte Aufführungsort ist, zeigt einer der größten Lacherfolge, als es über eine Figur hilflos erstaunt heißt: „Der ist ja linker als dein Parteivorsitzender.“ Akzent: Applaus! Angesichts schwarzer Geschäfte sieht die Gesellschaft rot.

Markus Liszt hat auf die Bühne eine grindige Puppenstube gestellt. Mit Propangasflaschen. Im Zinshaus eine Küchenuhr ohne Zeiger. Darin wirkt Asli Kislal mit der ganzen Kraft ihres Amtes als Antonia. Sie zeigt wie Istanbuler Italianità geht, aber hallo. Mit Tempo und Temperament redet sie alle in Grund und Boden und sich beinah um Kopf und Kragen, in dramatischer Geste eine Silvana Mangano, nur, dass sie nicht einmal mehr bitteren Reis servieren kann. Obwohl Volkes Stimme Gottes Stimme ist, fällt sie kurz vom Glauben an ein gutes Ende ab. Aber es wird wieder. Der Opa war auch so. Ein katholischer Sozialist. Kreisky und der Papst. Die österreichische Er-Lösung. Was Kislal zeigt, ist, unterstützt von Gioia Osthoff als treuer und herziger Margherita, großes Kino; Kramar, der große Feminist, weiß, wie man Männer dumm und dämlich quatschen kann. Er setzt zwei exzellente Komödiantinnen in Szene, denen Markus Kofler und Sascha Tscheik mehr als Pantoffel- denn als -helden gegenübertreten.

Kofler, immer mit einem Bein im absurden Theater, gibt den um seine Ruhe gebrachten Nur-Ruhe-Menschen Giovanni, Antonias Angetrauten, ein Proletarier, der höflichst um klare Abgrenzung vom Begriff Prolet bittet. Eine tragische Figur, er kann einem leid tun, weshalb umso vergnüglicher ist, ihm zuzusehen, wie unlustig er das alles findet. Wie er das ihm vorgesetzte Hundefutter wie ein Gourmetkritiker bewertet – mit zwei Spritzern Zitrone vielleicht? Das hat Charms. Tscheik ist als Margheritas Mann Luigi der Praktiker in diesem herrlichen Duo, die Hand zu diesem verzweifelten Hirn. Er hat das Publikum auf seiner Seite, wenn er über seine umgekehrte Logik von Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Sein philosophiert. Weil die nehmen ja unsere Arbeit und wir geben sie ihnen.

Der größte Kasperl im Theater aber ist Stefano Bernardin. Er ist Wachtmeister und Carabiniere, ist linkslinker Sicherheitssubversiver und aufrechter Ordnungshüter, ist ein Flageolet und ein Capitano Spavento, eine Granate bis zur Kopfbedeckung. Und beim Singen furchteinflößend wie einmal Stefan Weber. Neben Hubsi Kramars Cameo-Auftritt erfreut er am meisten als Leichenbestatter Dalí Dalí – da ist er auch, dieser Weber-Blick – und als Giovannis leicht verwirrter Vater. Ein gelungenes Quartett. In Stockholm 1997 sagte Dario Fo: „Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen.“ Optimistisch, diese Hoffnung, dass sich der Markt über mehr (heu)schreckt, als nur die Konjunkturdaten. Hubsi Kramar ist Optimist. Er kämpft einen klasse Kampf. Er will das Kapital kaputt lachen. Dem Mann kann bei dieser Arbeit im Akzent gut geholfen werden.

www.akzent.at

TIPP: Eine Ausstellung zum Thema im Kunst Haus Wien www.mottingers-meinung.at/?p=15943

Wien, 11. 11. 2015