Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

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Wien, 29. 11. 2014

Thomas Arzt im Gespräch

November 24, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

Martin Vischer, Florian von Manteuffel, Thiemo Strutzenberger Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Martin Vischer, Florian von Manteuffel, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Am 28. November hat am Schauspielhaus „Johnny Breitwieser“, „eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ von Thomas Arzt und Jherek Bischoff (Komposition) Uraufführung. Ein fabelhafter Text, den Alexander Charim inszenieren wird. Es spielen Franziska Hackl, Katja Jung, Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Gideon Maoz, Thiemo Strutzenberger und Martin Vischer. „Johnny Breitwieser“ liegt eine reale Biografie zugrunde: 1891 wird Johann Breitwieser in der Wiener Vorstadt in miserable Verhältnisse geboren; früh wird der Kleinkriminelle zum „Meidlinger Einbrecherkönig“, der den Reichen nimmt und den Armen gibt. Gefürchtet von Legislative und Exekutive, gelingt es ihm stets scheinbar mühelos, aus polizeilichem Gewahrsam zu entkommen und erfolgreich aus dem Untergrund zu operieren. Breitwieser inszeniert sich als Kunstfigur, arbeitet konsequent an der Ikonografie seiner Person: Revolutionär, Anarchist, Robin Hood des Proletariats, Gangsterboss, Dandy und zuletzt Bourgeois. Sein kurzes, wildes Leben zeigt ihn als Rebellierenden gegen die Verelendung im Wien des Ersten Weltkriegs. Er ist ein Getriebener, haltlos, gefährlich, unberechenbar. Auch in Freiheit (er-)kennt er keine Freiheit. 1919 wird er auf der Flucht erschossen und von den Volksmengen zum Märtyrer erkoren. Dass seinem Aufstieg von Anfang an der Absturz eingeschrieben ist, scheint Teil eines fatalen Gefüges, das den Untergang immer schon bedingt. Breitwiesers Strategien der (Selbst-)Inszenierung evozieren reiche Phantasien in armen Zeiten: Er wird zur Projektionsfläche. Thomas Arzt übersetzt die rasante Verbrechervita in eine knappe, bisweilen in Kunstdialekt gehaltene Abfolge von Bildern: eine für die Bühne konzipierte Ballade, die in der melancholisch-orchestralen Musik des jungen US-Pop-Komponisten Jherek Bischoff – mit Streichquartett und Percussion als Live-Elementen – ihre Formvollendung findet. Ein Gespräch mit Autor Thomas Arzt:

MM: Wie sind Sie auf die Story gestoßen? Was hat Sie an Johnny Breitwieser interessiert?

Thomas Arzt: Ich habe im Sommer vor zwei Jahren eine Straßenzeitung am Wiener Yppenplatz gekauft. Der Verkäufer hat ein T-Shirt getragen, mit dem Porträt von Johann Breitwieser und der Aufschrift „Outlaw Hero“. In der Straßenzeitung habe ich dann erstmals über diesen Wiener „Helden“ gelesen. Mich hat damals zuerst interessiert, dass es scheinbar eine „subversive“ Erinnerung an diesen Menschen in Wien gibt, die aber vor allem in der Peripherie, also der Vorstadt weiterlebt. Das Bezirksmuseum Meidling und das Kriminalmuseum in der Leopoldstadt beschäftigen sich etwa beide mit der Biografie Breitwiesers. Trotzdem scheint er im zentralen Gedächtnis der Stadt ein vergessener „Held“ zu sein, in dem so etwas wie ein nostalgisches „Alt-Wien“ und auch ein anarchische Potential gesehen wird. Der Ausgangspunkt meiner Arbeit war also die Suche nach der Erinnerung an Breitwieser. Das hat mich zur Recherche über sein Leben gebracht. Und das hat mich wiederum atemlos gemacht. Weil in dieser Verbrecher-Karriere scheinbar so vieles passiert ist, das ebenso aus einem vorgeschrieben Skript eines Gangsterfilms stammen könnte. Das hat einen großen Sog in mir entwickelt und ich habe parallel begonnen, alte Klassiker des Genres wiederzuentdecken, und mich mit dem „film noir“ auseinandergesetzt. Was für mich deutlich wurde, ist die existentielle Gewalt, die hier eine Rolle spielt. Das Individuum des Verbrechers steckt in einem System des Verbrechens. Darüber wollte ich erzählen. Mit einer ähnlichen Atemlosigkeit, wie ich sie bei meiner Breitwieser-Lektüre empfunden habe.

MM: Wie lange, anhand welchen Materials, mit wessen Unterstützung (Historiker?) haben Sie recherchiert?

Arzt: Es hat etwa ein halbes Jahr gedauert, bis ich mir einen historischen Überblick verschafft habe. Erster Anhaltspunkt war eine Forschungsarbeit der Historiker Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner über die Wiener Vorstadt um 1900 als „anderer“ sozialer, politischer und topografischer Raum. (Maderthaner/Lutz: Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus 1999) Ich selbst bin Theaterwissenschaftler und habe mich im Studium mit Archivarbeit und Wiener Theatergeschichte um 1920 auseinandergesetzt. Daher bin ich dann bald selbst ins Archiv, um die Zeitspanne, in der Breitwieser gelebt hat, anhand der zeitgenössischen Presse nochmals „anders“ kennen zu lernen. Ich habe also Stunden zugebracht, die alten Zeitungen in der Nationalbibliothek und der Wienbibliothek durchzublättern – nicht nur, um Artikel über den „Einbrecher Breitwieser“ zu finden, der meistens bereits in den Schlagzeilen auftaucht („Breitwieser aus Haft entflohen“, „Breitwieser verhaftet“, „Breitwieser erschossen“…), sondern ich habe vor allem auch die alten Werbungen, Stellenanzeigen und Kinoprogramme durchgeschaut, um mir ein Bild von dieser Metropole von damals machen zu können. Wien hatte ja um 1900 mehr Einwohner als heute. Medien, Technik, Geschwindigkeit, Life-Style, Mode… das spielte eine große Rolle. Das hat mir ein Gefühl für Tempo und Atmosphäre vermittelt. Als Gegenbild zu den historischen Dokumenten habe ich dann ein weitgehend fiktionales „Lebensbild“ über Johann Breitwieser gelesen, das posthum in Wien erschienen ist und seine Biografie fast melodramatisch verarbeitet – den Verbrecher zum Heiligen macht. (Hermann Kraszna: Johann Breitwieser. Ein Lebensbild. Verlag der Tribunal, 1925) Als letzten Schritt bin ich dann mit der S-Bahn nach St. Andrä-Wördern gefahren – das war im Herbst 2013. Breitwieser ist dort 1919 hinter seinem Haus erschossen worden. Ich bin durch die Wohngegend dort gegangen, die am Rücken des Wiener Waldes liegt. Ich brauche das meistens, wenn ich historisch arbeite, dass ich an die Orte fahre, wo die Dinge passiert sind.

MM: Sie nennen Ihr Stück bereits eine „Verbrecher-Ballade“. Tatsächlich ist die Sprache der Zeit angepasst, ein Kunst-Dialekt, die Lieder dazwischen (wiewohl ich die Musik von Jherek Bischoff noch nicht kenne) haben etwas von Moritaten. Warum war es Ihnen wichtig im Ausdruck nicht „moderner“ zu werden?

Arzt: Das ist für mich ein Versuch. Ich habe schon öfter ausgehend von historischen Stoffen geschrieben, immer aber die Handlung dann in die Gegenwart verlagert. Diesmal war es aber so, dass ich es als notwendig empfunden habe, diese Erinnerung an eine Vergangenheit ganz klar und deutlich zu machen. Breitwieser ist ein Teil eines vergessenen Wiens. Ein Wien der gewalttätigen, brodelnden, unberechenbaren und vom Zentrum ausgeschlossenen, separierten Vorstadt. Wenn man literarisch an dieses Wien denkt, dann endet der Horizont meist am Ring und beginnt erst wieder in den Villen am Stadtrand. Breitwiesers Welt lag dazwischen. Dieses Bild einer Vergangenheit ist aber immer schon mit Klängen und Sprachbildern belegt. Mein Weg ist in diesem Stück ein Schreiben, dass die Dialoge eigentlich im heute spielen lässt, aber die Worte dann verknappt, verdichtet und verallgemeinert. Ich hoffe, dass somit eine Zeitlosigkeit in der Sprache liegt, die dann etwas über eine Kontinuität erzählen kann. Nämlich die Kontinuität von Machtanspruch, Ausbeutung, Gewalt und Armut. Auf dieser Ebene ist die Geschichte durchaus gegenwärtig. Als Mythos ist Breitwieser aber immer vergangen. Darin liegt für mich die besondere Kraft von Mythen. Sie sind auf eine bestimmte Weise archaisch und fundamental. Auch wenn man sie kennt, erzählt man sie wieder. Ich glaube ja nicht, dass die Geschichte von Johann Breitwieser etwas großartiges Neues erzählt. Im Gegenteil. Es ist die bittere Wiederholung einer Geschichte, deren Ende von Beginn an klar ist. Umso mehr gibt es aber einen Drang zur Wiederholung solcher Geschichten.

MM: Man arbeitet an so einem Stoff ja mit viel „Propaganda“ – der negativen der Polizei, dem positiven Robin-Hood-Image seiner Anhänger. Wie erarbeitet man sich da eine eigene Fiktion?

Arzt: Da haben Sie Recht. Das ist nicht einfach. Man ist bei so einem Stoff permanent mit Fiktionen beschäftigt. Ich hatte anfangs überlebt, auf die Meta-Ebene zu gehen und eine Geschichte über die verschiedenen Konstruktionen in Bezug auf Breitwieser zu schreiben. Davon hat mich aber immer der Reiz der Geschichte abgehalten. Oft ist es der einfachere Weg, aus der Handlung auszubrechen, weil man denkt, die Handlung allein reicht nicht aus. Ich habe mich in diesem Fall für eine sehr klassische Erzählung entschieden, die einem Genre verpflichtet bleibt. Ich stelle dabei keinen Anspruch auf historische Wirklichkeit. Auch nicht auf historische Glaubwürdigkeit. Ich habe begonnen, von einer Figur aus zu denken, die getrieben ist, auf der Flucht und nach Liebe sucht. Die „Propaganda“ von einem Außen, das den Anspruch auf die historische Erzählbarkeit stellt, ist sozusagen der Antagonist von Johnny. Er sucht in diesem Dilemma sein Bild von sich selbst.

MM: Umso mehr, da Breitwieser ein Meister der Selbstinszenierung war, und Sie etwas zum Inszenieren fertig machen mussten … Haben Sie Breitwieser bei einer Unwahrheit/“Legende“ ertappt (seine reiche Geliebte Greta und ihr Ende)?

Arzt: Genau mit dieser Selbstinszenierung habe ich schließlich versucht, spielerisch umzugehen. Sehr gut sieht man diese Inszenierungen zu Beispiel an den Fotos, die nach seinen Verhaftung von der Polizei gemacht wurden – also das klassische Verbrecher-Foto mit den Fingerabdrücken, erst mit Blick in die Kamera, dann im Profil. Bei seinem Haftantritt in Garsten, Oberösterreich, 1911, trägt er einen Pelzmantel, hat die Haare streng frisiert, blickt wie eine Pop-Ikone in die Kamera. Er wollte sich hier als „Dandy“ unter den Verbrechern zeigen. Dagegen gibt es ein Foto von 1918, als er das letzte Mal vor seinem Tod verhaftet wurde. Da sieht man ihn alles andere als souverän. Er hat die Maske scheinbar abgelegt, blickt abgemagert ins Leere. Der Vergleich dieser Bilder hat mich zur Frage gebracht, wer dieser Mensch eigentlich gewesen ist. Also habe ich versucht, von dem Kampf zu erzählen, zwischen dem Image des Verbrechers, das ich „Johnny“ genannt habe, und dem verzweifelten und depressiven Menschen auf der Flucht, der irgendwo ankommen will – dem Johann.

MM: Im Stück fällt der Satz „Der Verbrecher ist nur ein Produkt seiner Zeit“. Ich hatte den Eindruck, dass Ihnen dieses Wechselspiel Sozialismus und Volk vs Kapitalismus und Erster Weltkrieg wichtig war. Wie würden Sie das beschreiben? Und: Warum lassen Sie gerade die reale „Erstürmung“ der Ankerbrot-Filiale aus?

Arzt: Der Satz bezieht sich auf die Konstruktion von Geschichten über Verbrecher. Breitwieser ist kein Einzelfall in seiner Zeit. Es gab auch andere „Gangs“ und ihre Anführer in den brachliegenden Flächen der Wiener Vorstadt. Die Bedingungen dieser Zeit haben ein bestimmtes Lebensmodell hervorgebracht. Und damit auch ein Erzählen über solche Verbrecher-Karrieren. Es geht also darum, das Individuelle gegen das Gesellschaftliche abzugleichen. Wie frei kann Breitwieser überhaupt agieren? Die politischen Zuschreibungen, die ich mit diesem und anderen Sätzen treffe, sind dann jene, die ihm auch in der Zeit zugeschrieben wurden. Eben die Idee, dass Breitwieser ein Revolutionär oder Anarchist gewesen sein könnte. Ich glaube aber nicht, dass er tatsächlich politisch gehandelt hat. Daher habe ich etwa auch den Vorfall über die „Erstürmung“ der Ankerbrot-Filiale, wo er dabei gewesen sein soll, in der Balladen-Form erzählt – in „Gott der Armut“. Er ist eine Utopie des Volks, dieser „Robin Hood“ aus Meidling. Ihn selbst habe ich als „Spezialist und Handwerker“ unter den Verbrechern zeigen wollen. Breitwiesers Vorteil gegenüber den anderen „Gangs“ war sein technisches Verständnis. Er war besser ausgerüstet und für ein paar Jahre seiner Zeit voraus. In den 20er und 30er Jahren hätte das ganz anders ausgesehen. Der Einbruch mit dem Dietrich ist ebenso ein Produkt der Zeit, wie das Maschinengewehr, die Geiselnahme und der Terror-Anschlag.

MM: Eine weitere Stilisierung ist „der Bourgeois in der Provinz“. Bei Ihnen liest sich das mehr nach Kleinhäuslertum. Warum?

Arzt: Auch dieses Bild ist eine Zuschreibung. Ich habe mich da auf einen Artikel aus dem „Neuen Tag“ bezogen, einer Tageszeitung, die ideologisch im linken Lager anzusiedeln war. Darin wird noch an dem Abend vom 2. April 1919, als Breitwieser verwundet nach Wien ins Spital gebracht wird, über ihn auf herablassende Weise als „Bourgeois“ gelacht, weil er seine früheren Ideale verraten hätte und nun als „Hausbesitzer mit bürgerlichem Eigentum“ womöglich bald „Obmann des Männergesangvereins“ geworden wäre. Diese Haltung habe ich dann in der Figur von Greta ausgedrückt, die ihn aus einer Verletzung heraus herablassend behandelt. Wenn man dagegen die historischen Fotos betrachtet, die das Haus und die Innenräume zeigen, dann sieht man ein großbürgerliches Interieur, Tapeten und eine Holzveranda. Man könnte sich das durchaus wie einen Landsitz der Oberschicht vorstellen. Aber sieht man sich die Porträts der Bewohner dieses Hauses an, dann hat das eher etwas von Bonny & Clyde, die sich in einem Haus verschanzen. Also, ich glaube die Atmosphäre dort war weder „Kaviar und Sekt“ noch „Kaffee und Kuchen“, sondern eher „Schnaps und Kartoffeln“ mit dem Traum von „Kind und Arbeit“.

MM: Sie nennen Schödl „seinen Mörder“. Man könnte sagen, ein Polizist hat seine Pflicht getan. Was haben Sie herausgefunden? War oder warum war es notwendig Breitwieser zu erschießen?

Arzt: Ich habe diesbezüglich nichts Neues herausgefunden. Natürlich war es die Pflicht des Polizeihundeführers Schödl mit seinem Hund „Ferro“ Breitwieser an diesem Tag zu verfolgen. Schödl war dabei keinesfalls allein. Es ist eine ganze Truppe der Polizei für diese Aktion nach St. Andrä gefahren. Der Reporter Egon Erwin Kisch berichtet darüber und ist selbst mitgefahren. War also „live“ vor Ort. Es handelte sich also um eine Aktion, die durchaus unter Reportern schon angekündigt war. Am Nachmittag des 2. April 1919 hatte die Polizei das Haus umstellt. Als dann Breitwieser in den Garten kam, um sein Rad zu reparieren, hat man ihn laut den Zeitungsberichten mit dem Satz „Hände hoch, Polizei“ verhaften wollen. Daraufhin hat der Verbrecher in Richtung der Stimmen geschossen und es ist zu einer Verfolgungsjagd gekommen. Die hat mit dem Schuss von Schödl scheinbar geendet. Es gibt auch eine Zeichnung über die Verhaftung, die in einem Wochenmagazin später veröffentlicht wurde. Da sieht es so aus, als ob ein übermächtiger Staatsapparat die Bestie Breitwieser gerechterweise erlegt. Wie sich das wirklich abgespielt hat, weiß ich nicht. Für mich war wichtig, diese „filmreifen“ Bilder nicht auszuformulieren und ich habe begonnen zu verdichten, Situationen durchaus symbolisch auszustellen. So ist es zu diesen klaren Kontrahenten gekommen: der Polizist – der Verbrecher. Als Bild für den Staat ist Schödl kein Mörder. Er ist ein ausführendes Organ eines Systems, das Recht und Unrecht bestimmt. Aber als verletzter Mensch, der von Breitwieser zu Beginn des Stücks angeschossen wird und der daraufhin seine Hand amputiert bekommt, hat er eine Rechnung zu begleichen. Er rächt sich. Das macht ihn für mich zum Mörder.

MM: Ihr Stück endet damit. Warum nicht mit dem Riesenehrengeleit von geschätzt 40.000 Menschen zum Begräbnis? Oder kommt da auf der Bühne noch was?

Arzt: Die Bühnenfassung wird ebenfalls vor der Erschießung Breitwiesers enden. Es war eine Entscheidung, die aus den Gesprächen in der Stückentstehung hervorgegangen ist. Es war anfangs nicht mein Plan, das Begräbnis auszublenden. Die entsprechenden Szenen hatte ich auch bereits geschrieben. Ich habe nur bemerkt, dass die Stärke von Mythen darin liegt, sie immer auch im Unklaren zu lassen. Und dass es die Geschichte vom Menschen Breitwieser in ein fast „pädagogisches“ Licht getaucht hätte. Mir geht es aber mit diesem Stück um keine Heiligsprechung. Und auch nicht um die historische Nacherzählung. Es ist eigentlich die Geschichte einer Atemlosigkeit. Wir steigen ein, in eine Gangster-Story, die mit großer Geschwindigkeit abläuft, in der kaum Zeit ist, für den Protagonisten mal durchzuatmen, und dann, wenn er sich ein Haus kauft, um vielleicht zu einer Ruhe zu finden, hört man schon, wie der tödliche Revolver entsichert wird. Das Stehenbleiben ist sein Ende. Mehr braucht man gar nicht erzählen, weil der Rest bereits vorweg erkenntlich wird. Luise erzählt permanent davon, dass Johnny ein Held sein wird. Wenzl träumt von einem Ehrenbegräbnis. Die Musik trägt die Trauer und die Verehrung schon in sich.

MM: Ist Ihr „Johnny Breitwieser“ auch ein wenig Hommage an die „Dreigroschenoper“?

Arzt: Eine Hommage ist es nicht. Das Stück ist aber sicher eine Auseinandersetzung mit einer sprachlichen Form, die unter anderem von Brecht geprägt ist. Die Sprache der „Dreigroschenoper“ stellt das Geschehen aus. Dieses Verfahren ist nichts Neues, auch nicht bei Brecht. Der bezieht sich ja wiederum auf die „Begger’s Opera“ aus dem 18. Jahrhundert, deren Text von John Gay verfasst wurde. Mich interessieren daran die Ambivalenz von Volkstümlichkeit und Widerständigkeit. Es gibt viele volkstümliche Lieder, die oral weitergegeben worden sind und in denen immer von Gewalt und Verbrechen die Rede ist. Das hat etwas Verbindendes und Tröstliches, aber auch etwas Subversives. Daher habe ich begonnen, auch über Breitwieser Verse zu schreiben. Damit sie vielleicht nach der Vorstellung in Wien weiter gesungen werden.

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Wien, 24. 11. 2014

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013