Schauspielhaus Graz: Die Neigung des Peter Rosegger

September 6, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Arzt auf den Spuren des Heimatdichters

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Franz Xaver Zach wird zum Rosegger-Denkmal. Bild: Lupi Spuma

Zur Eröffnung der zweiten Spielzeit von Iris Laufenberg am Schauspielhaus Graz hat der junge Dramatiker Thomas Arzt „Die Neigung des Peter Rosegger“ beigesteuert. Nina Gühlstorffs Inszenierung hat am 15. September Premiere. Der Inhalt des Stücks ist zeitgemäß brisant, denn in einer kleinen österreichischen Gemeinde kippt die Statue des Heimatdichters gefährlich nach rechts, wodurch nach und nach auch die Dorfgemeinschaft ins Wanken gerät. Vorzeigebürgermeister Wiesinger versucht zu beruhigen, erwartet man doch eine Delegation der UNESCO, die den alten Stadtkern zum Weltkulturerbe erklären soll.

Zwischenzeitlich aber hat ein Seismologe mit seinen Nachforschungen begonnen. Vielleicht ist ja eine Verschiebung der Eurasischen Platte die Ursache des Rechtsrucks, mit der möglichen Konsequenz, dass hier, mitten in der Steiermark, einer dieser neuen Gräben entstehen könnte, von denen man neuerdings so viel liest. Irgendetwas jedenfalls liegt im Argen und der Wiesinger steckt mittendrin …

Wie kaum ein anderer österreichischer Dichter hat Peter Rosegger in seinem Werk der bäuerlichen Lebenswelt – dem einfachen Leben auf dem Land – ein literarisches Denkmal gesetzt und damit ein Bild von Heimat geschaffen, das bis heute nachwirkt. Eine Heimat, die Vertrautheit und Aufgehobensein vermittelt, die es zu schützen galt gegen Bedrohungen von außen, was auch Roseggers spätere Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus begünstigte. Denn wo genau liegt die Grenze zwischen legitimer Sehnsucht nach einem „Daheim“ und der Angst vor dessen Verlust einerseits und Nationalismus respektive rechter Gesinnung andererseits? Fast 100 Jahre nach Roseggers Tod spürt der oberösterreichische Autor Arzt auf der Folie des ehemaligen „Waldbauernbubs“ eben dieser Frage mit feinfühligem Humor nach.

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Kleinstadt in Aufruhr: Das Rosegger-Ensemble. Bild: Lupi Spuma

Nico Link und Franz Xaver Zach rätseln über den Rechtsruck des Heimatdichters, Florian Köhler ist derweil auf der Pirsch. Bild: Lupi Spuma

Nico Link, Franz Xaver Zach, Florian Köhler. Bild: Lupi Spuma

„Die Idee kam vom Schauspielhaus Graz. Ich hatte für die Grazer Spielzeiteröffnung 2015 einen Monolog über Identität, Heimat und Nationalismus verfasst. Als sich die Themen im Zuge der Flüchtlingsdebatte wieder neu zugespitzt haben, wurde ich gefragt, ob ich nicht ein Stück schreiben will, in Auseinandersetzung mit Peter Rosegger, der viel von dem, was wir als österreichische Identität bezeichnen, literarisch mitgeprägt hat, obwohl ihn heute kaum jemand mehr kennt. Ich war sofort begeistert“, sagt Thomas Arzt zu seinem jüngsten Werk. „Peter Rosegger ist ein Schriftsteller, der gern marginalisiert wird und den man auch extrem langweilig finden kann. Aber er ist, ohne seine Texte zu kennen, Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Verstaubt, fast vergessen, aber latent im Untergrund lauernd. Das hat mich neugierig gemacht.“

Es spielen Henriette Blumenau, Florian Köhler, Nico Link, Evamaria Salcher, Susanne Konstanze Weber und Franz Xaver Zach. Die Bühnenmusik kommt von Johannes Fruhwirth, Lea Geisberger und Marcus Weberhofer.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 6. 9. 2016

Thomas Arzt: Uraufführung in Linz

Mai 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werther lieben“ im Theater Phönix

David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf. Bild: © Christian Herzenberger

David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf. Bild: © Christian Herzenberger

Am 12. Mai wird im Linzer Theater Phönix das neue Stück von Thomas Arzt uraufgeführt. Titel: „Werther lieben“. Ausgehend von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ erzählt Arzt mit der Sprache und den Mitteln der Gegenwart von den Ängsten und Sehnsüchten einer Generation, die gelernt hat, ihren eigenen Mittelschichtsträumen zu misstrauen.

Charlotte findet sich in emotionalem Aufruhr zwischen zwei Männern wieder. Ihr Verlobter Max ist selbstbewusst, karriereorientiert, heimatverbunden und dennoch weltgewandt. Seine Souveränität geht so weit, dass er Charlottes Leben genauso mitbestimmt, wie er die immer neuen Umbauten an ihrem gemeinsamen Haus plant. Verlockend anders scheint da der neue Nachbar Ulrich, der sich gegen zu viel Sicherheit in seinem Leben sträubt, gerade eine verfallene Mühle auf dem Land gekauft hat, die Umbauarbeiten aber neben seiner Dissertation nur halbherzig vorantreibt und lieber mit dem Gedanken spielt, sich für internationale Entwicklungsarbeit zu bewerben. Plötzlich scheint Charlottes ganzes Leben auf dem Prüfstand zu stehen … „Ich find ja, sie verleitet zur Hysterie. Die Liebe. Immer alle nur hysterisch.“

Es inszeniert Johannes Maile, es spielen David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf.

Autor Thomas Arzt. Bild: © Nina Grünberger

Autor Thomas Arzt. Bild: © Nina Grünberger

Zum Autor:

Geboren 1983 in Schlierbach, Oberösterreich. Lebt als freier Autor mit seiner Frau in Wien und in Flensburg an der Ostsee. 2008 entstand sein erstes Theaterstück „Grillenparz“ im Rahmen des Autorenprojekts „stück/für/stück“ am Schauspielhaus Wien. Es wurde mit dem von der Literar-Mechana gestifteten Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und im April 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo Thomas Arzt in der Spielzeit 2010/2011 als Hausautor arbeitete. Für sein zweites Stück „Alpenvorland“ erhielt er im selben Jahr den Autorenpreis am Heidelberger Stückemarkt. Nach Aufführungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird das Stück 2016 am 2. Internationalen Autorenfestival in Buenos Aires gezeigt. Weitere Arbeiten entstanden in den vergangenen Jahren u. a. für die Wiener Festwochen, das Volkstheater, das Schauspielhaus Graz und das Landestheater Linz. Zuletzt war 2014 am Schauspielhaus Wien „Johnny Breitwieser“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12355, und im Jänner diesen Jahres „Totes Gebirge“ am Theater in der Josefstadt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17064.

www.theater-phoenix.at

www.thomasarzt.at

Wien, 9. 5. 2016

Theater in der Josefstadt: Totes Gebirge

Januar 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schönste Nation ist die Halluzination

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger Bild: Astrid Knie

Roman Schmelzer, Peter Scholz, Stefan Gorski, Ulrich Reinthaller, Susa Meyer und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Dem Lachen geht’s so, wie es der Arzt diagnostiziert hat. Es wagt sich vor, erschrickt sich, taucht im Hals unter, und muss dann doch ausbrechen. Der Mechanismus der Ansteckung. Das Publikum im Theater in der Josefstadt war diesbezüglich hochin­fek­ti­ös. „Totes Gebirge“ heißt die Tragikomödie des oberösterreichischen Dramatikers Thomas Arzt, die am Haus uraufgeführt wurde. Eine poetische, prägnante Analyse der gesellschaftlichen Gemütslage. Ein Spiel um Illusionen und Irrationalität, ein Ausloten jenes Quantums Wahrheit, das dem Menschen zumutbar ist. Von Regisseurin Stephanie Mohr mit viel Sinn für Hintersinn in Szene gesetzt.

„Totes Gebirge“ ist ein Psychiatriestück, die Anstalt jedoch kein Kuckucksnest, sondern ein Schneckenhaus. Die Ausgestoßenen des genormten Gemein-Wesens haben sich, so krank wie die Welt selbst, in die geschlossene Abteilung geflüchtet. Nicht gerettet. Dazu fehlt ihnen der Mut zur Anarchie, die Kraft diesen einen entscheidenden Schritt zu tun. Der Schmied vom Glück zu sein, ist eine Utopie. Und so eben-bilden sie ab, was sie eigentlich fürchten. Drinnen ist draußen. Und normal eine Abart von verfassungsmäßig. Arzt setzt Sprachverlust mit dem der Identität gleich. Der letzte Satz, er ist hier schon gesprochen. Was bleibt, sind die halben, die unfertigen für diese Bruchstückexistenzen. Schweigen, stammeln, schreien als Symptome der Haben-Welt; Singen fürs Haben-Wollen. Arzt setzt dieser Emotionalität die Rationalität ins Genick. Doch die – wie von Serge Lama besungenen – reellen Leute bewegen sich nicht weniger albtraumwandlerisch durch ihre Leben, wie die als solche befundeten „Ungesunden“.

Arzt hat die Namen seiner Figuren aus einsamen Berggipfeln und irritierten Volkstheatercharakteren montiert. Raimund Woising, Emanuel Loser – er passt auch englisch gelesen, Nepomuk Elm. In Stefanie Mohrs Fast-schon-Schluss-Bild werden sie neben Bildern ihrer Geistesverwandtschaft stehen. Dem depressiven Dichter auf der Hundsbissflucht, dem Selbstdarsteller in Papageno-Pose, dem Berufszyniker in einer seiner Paraderollen. Die schönste Nation ist die Resignation, hat er einmal geschrieben. Arzt ersetzt sie durch die Halluzination. Der Komet ist natürlich angekündigt. Von Franui kommen dazu Sphärenklangvolkslieder. Arienausbrüche aus dem Resignativrezitativ. Allein Susa Meyer im Modern-Gstanzl-Modus zu erleben, ist den Abend wert.

Raimund Woising hat sich also selbst eingewiesen. Der verzweifelte Pädagoge und verhinderte Romanautor hat vor März seine Biedermeiermöbel zertrümmert und fröstelt nun um seinen Verstand. Die Rauhnächte sind, die Zeit vor Silvester, dieser Nullpunktnacht, in der nie Neues entsteht, und wer das Erbstück Österreich mit allen seinen Pragmatismen samt der Pragmatisierung vernichtet, in dessen Oberlehrerstübchen muss … Ulrich Reinthaller spielt das in zeppelnder Stasis und mit urheimatlichem Querulantentum. Er ist wie die Erfindung der Anti-Romantik, oder Auswuchs deren düsterster Seite, jedenfalls ein astreiner Menschenfeind. Er hat das Vertrauen in die kollektive Verlassenschaft verloren und ist also als solcher von ihr verlassen. Gott und die Welt. Und Reinthaller als personifizierter Weltekel. Kein weites Land in dieser Zeit, nur tiefe, schwarze Seelenschluchten.

Dass diese Pose auch Posse ist, weiß Mohr gekonnt umzusetzen. Sie lässt ihre Darsteller zwischen den Suizidzeilen in einen Theatertonfall fallen, als ob man einem Sommerstegreif aufsitzt. Und Roman Schmelzer mittendrin als Komödiengalan. Welch eine Vorstellung! Das Dach leckt, Schnee fällt rein, auf der Rückseite der gagerlgelben Sicherheitswandverkleidung, samt k.k.-Kronleuter eine Idee von Miriam Busch, ein Blick auf die Hinterbühne. Die Meyer sitzt dort als Inspizientin. Die ganze Welt ein Guckkasten, der sich um die eigene Achse dreht, und die Kasperln glurren raus. Tatsächlich plant Peter Scholz als Pfleger Anton Priel als Höhepunkt der Partynacht eine Vorführung mit Figuren. Wenn denn die Menschen ihr Maskenspiel beenden. Doch vorerst macht Mohr daraus einen Perchtenlauf. Sie gesellt den armen Irren zum reinen Tor und zum weisen Narren. Roman Schmelzer als Emanuel und Stefan Gorski als Nepomuk zeigen wie’s geht, wenn das Hirn rissig ist. Sie sind wie die zwei Seiten des Maria-Theresien-Talers, so mittel europäisch, die Selbsttäuschung und die Enttäuschung, die Verweigerung und die Verneinung, der alpenländische Alkoholismus und die Arbeitslosigkeit. Vor allem Gorski legt als todgeweihter Drogensüchtiger ein eindrückliches Zeugnis seines Könnens vor.

Absolutistisch-mütterliche Herrscherin über diese Abhängigkeits- und Ohnmachtsverhältnisse ist Susa Meyers Theresia Mölbing. Für sie ist Stagnation schon Fortschritt, weil Garant für Ruhe im Hause Österreich. Die Ärztin will das Individuum, nicht die Gesellschaft behandeln, der Arzt aber genau das Gegenteil. Zwischen Gefühls- und Vernunfts- muss dem -menschen doch noch ein drittes gegeben sein, sagt er, Psyche bedeutete ursprünglich ja an sich Person. In seinen oberösterreichischen Kunstdialektliedern lässt er die Fassade der einen bröckeln, „Da Mensch is ka Puppn“ heißt es da für alle gleichbedeutend, und enttarnt die Phantasmen der anderen. Peter Scholz gibt den Pfleger als guten Samariter im Handwerkerornat, er ist einer, der auch gern mit den Schneeflocken diskutiert, er wiegt den schwerstversehrten Nepomuk in den Schlaf. Maria Köstlinger spielt Raimunds Schwester Josefine Schönberg wie ein patziges Teenager-Girlie. Die Autoverkäuferin ist der Typ „psychisch krank – gibt’s nicht, geht nicht“, sie lässt sich von Emanuel hofieren, bis sie ihn als „Insassen“ erkennt. Mit Scholz‘ und Köstlingers Charakteren sind die Gegensatzpositionen bezogen. Menschen unterscheiden sich in die, die’s gut meinen, und die, die gut tun.

Am End? Weiß keiner nix. Die Aufklärung kommt zwar schon, eine Erklärung naturgemäß nicht. Der Komet entpuppt sich als der Josefstadt-Luster. Die österreichische Lösung sind Punsch und Brötchen. Das Land der Beamten, Bauern und Lokalpolitiker, wie es singt, säuft, lacht und sich deshalb nicht selbstmordet. Letzteres nach Thomas Bernhard hierorts ja eines der selbstverständlichsten Wörter, weil nach seinem Großvater Johannes Freumbichler nur eine lebenslange das Leben aufrecht haltende Drohung. Thomas Bernhard, dieser vorletzte große Volksstückschreiber, grinst die ganze Vorstellung lang ums Eck. Großer Jubel für Darsteller und Regisseurin Stephanie Mohr, noch größerer für den Autor. Wer ein g’scheites Stück will, bitte den Arzt aufsuchen.

Thomas Arzt im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16973

Trailer: www.youtube.com/watch?v=z536xI14xSI

www.josefstadt.org

Wien, 22. 1. 2016

Thomas Arzt im Gespräch

Januar 20, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Totes Gebirge“ am Theater in der Josefstadt

Susa Meyer als Ärztin, Roman Schmelzer als Psychiatriepatient Emanuel Bild: Astrid Knie

Susa Meyer als Chefärztin, Roman Schmelzer als Psychiatriepatient Emanuel. Bild: Astrid Knie

Der oberösterreichische Dramatiker Thomas Arzt hat ein Stück über die österreichische Seele geschrieben, die ihm längst kein „weites Land“ mehr ist. „Totes Gebirge“ heißt der Text, der am 21. Jänner am Theater in der Josefstadt uraufgeführt wird, und so karstig wie die Landschaft ist die Psyche von Arzts Protagonisten. Weshalb das Ganze in der Psychiatrie spielt. Aber anders als bei vielen Psychiatrie-Stücken verkörpern die Patienten hier kein anarchisches Gegenmodell zur normierten Mehrheitsgesellschaft, sondern sind genauso krank wie die Welt, vor der sie sich in die geschlossene Abteilung geflüchtet haben.

Die melancholische Chefärztin hat eingesehen, dass ihre Therapie der Einzelfälle vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Missstände nur Flickwerk bleiben kann. Aktuell machen ihr drei Patienten Sorgen. Der Neuzugang Raimund scheint wie versteinert, Nepomuk leidet sich nach exzessivem Alkoholmissbrauch langsam zu Tode, der langzeitarbeitslose Emanuel hält sich mit Selbstbetrug am Leben. Bis Raimunds Schwester – widerwillig, weil psychisch krank gibt’s nicht – auf der Bildfläche erscheint.

Nur Pfleger Anton ist in diesem Szenario optimistisch und bereitet für den Silvesterabend ein Puppenspiel vor. Eine sinnlose Aktion, weiß Nepomuk doch, dass zum Jahreswechsel endlich der ersehnte Komet kommen wird … In der Regie von Stephanie Mohr spielen Ulrich Reinthaller, Maria Köstlinger, Susa Meyer, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Stefan Gorski. Die von Andreas Schett und Markus Kraler komponierte Musik interpretiert die großartige Musicbanda Franui. Thomas Arzt im Gespräch über seine Tragikomödie:

MM: Der Satz oder die Halbsätze, an denen ich hängengeblieben bin, sind „Der Verstand ein Fixstern. Die Idiotie die schönsten Planeten.“ Ist das die Diagnose unserer Gesellschaft, Herr Arzt?

Thomas Arzt: Es ist eine Sichtweise. Diesen Satz sagt eine bestimmte Figur, der Psychiatrieinsasse Nepomuk, er ist also sicher eine Nestroy’sche Welterklärung. Es geht darum, dass wir in unseren Meinungen oft sehr festgefahren sind, und uns in ihnen sehr sicher und fix fühlen, weil das eben vernünftig ist. Würden wir uns auf die Idiotie, auf die Unvernunft, auf das Kreisen um ein Thema einlassen, würden wir vielleicht einen anderen Blickwinkel erhalten. Wobei Nepomuks auswegloses Kreisen in der Psychiatrie natürlich auch etwas sehr Trauriges ist. Er wartet nur noch auf den Kometen, der ihm die Erlösung, also den Tod, bringen wird.

MM: Die sechs Figuren in Ihrem Stück bilden, scheint es, Gegensatzpaare, der eine vertritt die Ratio, der andere die Irrationalität.

Arzt: Das ist durchaus eine Schreibstrategie, weil ich glaube, dass der Mensch beides hat. Vieles ist erstarrt, vieles läuft automatisch ab, der Mensch sollte aber auch nicht vergessen, dass er ein emotionales Wesen ist. Ich habe schon Sehnsucht nach einer Gesellschaft, in der Gefühlsausbruch, Emotion, Aggression möglich ist, und man braucht dann sogar einen sehr klaren Verstand, um das in die richtigen Bahnen zu lenken. Derzeit gibt es nur Extreme: die extrem festmauernden und die extrem öffnenden Kräfte. Die Gesellschaft verliert gerade ihre Mitte. Deshalb werden politisch wie privat für alles schnelle Lösungen gefunden.

MM: Konkret? Die diversen tagesaktuellen Debatten sollten statt „nur Hirn“ oder „nur Herz“ auf einem Mittelweg geführt werden?

Arzt: Das Bauchgefühl kann trügerisch sein und schlimme Dinge auslösen. Andererseits operiert die Vernunftseite mit Begriffen, die nicht mehr gegenwartstauglich sind. Was ist „Festung Europa“, was „Sicherheitspolitik“, was „Wohlstand“? Da wird von einer Welt gesprochen, die es so nicht mehr gibt, weil sie sich schneller und schneller wandelt. Das können viele Menschen schwer akzeptieren, weil es weh tut. Die Ärztin im Stück, eine sehr nüchterne Person, spricht von der Akzeptanz eines Zustandes, den es zur Heilung braucht. Man muss also akzeptieren, damit ein neues Europa entstehen kann, man kann sich nicht in einer alten Wohlstands-Biedermeierlichkeit einigeln, nur weil man Angst hat, dass man ohne sie nicht leben könnte.

MM: Das klingt, als ob wir auch neue Begriffe bräuchten, um die Aufgaben, die uns dieser Tage gestellt werden, angehen zu können?

Arzt: Stimmt. Politiker lassen gerne kurze, klare Sätze fallen, die aber am Problem vorbeigehen. Etwas „über die Grenze“ schieben, heißt ja nur aus dem Sichtfeld schaffen, nicht lösen. Das Problem wird weiterbestehen, und in einer globalen Welt werden wir weiter dafür verantwortlich sein. Das lässt sich nicht von der Hand weisen. Es gibt eine Sprache, die von der sozialdemokratisch-kritischen Sichtweise kommt, von einer linken Utopie geprägt ist, sich aber auf die Realität nicht eins-zu-eins übertragen lässt. Was heißt „Umverteilung“ heute? Wo setzt man da an? Da wird ein 70er-Jahre-Sprechen herbeigesehnt – nach dem gibt es offenbar eine ganz starke Sehnsucht, nach dem gesellschaftlichen Aufbruch damals, wo die Menschen tatsächlich noch „politisch“ waren. Die andere Seite, die Rechtspopulisten, reden ganz schiach. Da wird eine Sprache bemüht, die noch älter ist, und von der wir eigentlich hofften, sie schon zertrümmert zu haben.  Wenn man also keine neue Idee von Begrifflichkeiten entwickelt, werden die sprachlichen Gräben in der Zukunft noch tiefer werden. Davor habe ich privat Angst, und als Mitglied unserer Gesellschaft stelle ich mich darauf ein, dass man wach sein muss.

MM: „Totes Gebirge“ ist nun der Erosionsvorgang im Menschen? Die Seele als Karst, nicht mehr als weites Land?

Arzt: Ausgangspunkt des Stücks ist ein privater, das ist bei mir oft der Fall, und hier war es das Erleben, was es heißt, in einer Psychiatrie zu sein. Ich war vor vier Jahren als Besucher in einer Psychiatrie und habe es so erlebt, dass die Menschen dort ganz schwer über das sprechen können, was sie schmerzt, was sie ohnmächtig macht, so dass man da gar nicht von einer Perspektive, von einem „weiten Land“ sprechen kann. Wie man in der Psychoanalyse sagt: Man geht durch eine Seelenlandschaft und versucht aufzugreifen, aufzubrechen. Aber für mich war da zuerst eine schwarze Schlucht, eine Kluft. Zeitgleich habe ich begonnen zu wandern. Meine Frau ist am Fuße des Toten Gebirges aufgewachsen, sie war immer schon bergklettern, und ich jetzt mit ihr, und ich habe festgestellt, man findet sich im Gebirge selber. Das ist befreiend und beklemmend. Vor allem, wenn man unzufrieden ist mit sich selbst.

MM: Das führt schon wieder zur Sprache: Wenn Sie sagen, dass die Leute in einer Psychiatrie sprachlos sind, und das Sprechen, die Redetherapie das einzige gangbare Mittel ist, um mit seelischen Erkrankungen umzugehen, wohin kann das führen?

Arzt: In meinem Stück zu einer nicht schönen Sprache. Gesellschaftliches Versagen beginnt dort, wo die Sprache versagt. Je weniger Betroffene über etwas reden können, umso wichtiger ist es, dass die Öffentlichkeit darüber reden kann. Das passiert in vielen Bereichen schon ganz gut, aber sobald eine psychische Erkrankung im Raum steht, beginnt das allgemeine Schweigen. Das ist einfacher als zuzugeben, dass jeder einmal eine Depressionserfahrung hat, dass das Teil des Menschseins ist. Jeder möchte so weit wie möglich „normal“ sein.

MM: Das ist eine Vorgabe, denke ich. Man hat leistungsfähig zu sein, und irgendwie fröhlich zu sein. Sonst haben die anderen den Eindruck, man funktioniert nicht.

Arzt: Das ist ein wichtiger Gedanke. Wenn jemand „abnormal“ ist, sprich: nicht ganz unserem Bild entspricht, dann hat er versagt. Und dieses Versagen schiebt man dem Privatmenschen zu, auch wenn es ein Umfeld gäbe, das mitgewirkt hat. Letztlich sagen wir doch: Warum hast du es so weit kommen lassen? Warum lässt du dich so hängen? Arbeite an dir! Das ist diese neoliberale Vorstellung, dass jeder, der sich anstrengt, auch seines Glückes Schmied ist. Ich habe mir meinen Wohlstand erarbeitet, den hätte sich der andere auch erarbeiten können. Es ist ungerecht vom Wohlfahrtsstaat, dass er meine Verdienste einem anderen zuschiebt. Dieses Denken wird durch einen immer schnelleren Markt, durch die Selbstbehauptung von Karriere getragen, das erzeugt Druck, das erzeugt das Gefühl, ich bin der einzige, der es nicht kann. Das stürzt viele Menschen tatsächlich in ein schwarzes Loch, in eine Depression. Um nun auf Ihre Frage zur Sprache zurückzukommen: Mich interessiert, wo Sprache Verwundungen aufweist, wo Zerstörung stattgefunden hat. Dass quasi die Sinnfrage des eigenen Lebens schon durch die beschädigte Grammatik in Zweifel gezogen wird. Das abrupte Abbrechen der Sätze verdeutlicht, wie nahe da einer schon an der Klippe steht, dann spricht einer wieder ganz melodisch, das finde ich ganz schön: Wo der rationale Sinn verloren geht, gibt die Irrationalität Sinn. Der Protagonist Raimund hat ja seine Biedermeiermöbel zertrümmert, nun ist ihm, der es gewohnt war, akademisch korrekt zu sprechen, auch die Sprache zertrümmert.

MM: Dieser Raimund ist Lehrer und verhinderter Autor. Er wird als Schriftsteller aus der Bahn geworfen. Wie pathologisch ist das, wenn man als Autor einen Autor als Hauptfigur wählt?

Arzt: Sagen Sie’s mir! (Er lacht.) Nein, Sie haben mich ertappt, es gibt eine gewisse Selbstironie in der Angelegenheit, daraus mache ich gar kein großes Geheimnis. Ich bin jemand, der sehr viel Sicherheit braucht. Meine Eltern sind Lehrer, und als ich während meines Theater-, Medien- und Filmwissenschaftsstudiums die Panik gekriegt habe, was aus mir werden soll, bin ich auch auf Lehramt umgeschwenkt. Ich habe sogar kurz unterrichtet, aber irgendwie war das eine Selbstlüge. Den Sicherheitsgedanken habe ich aber fürs Stück wieder aufgegriffen. Dass einer nicht tut, was er will, weil er zu feige ist, oder die Umwelt es ihm ausredet oder was auch immer. Andererseits ist Künstler sein auch viel Selbstausbeutung und Idealismus, da ist ein Plan B mitunter gar nicht schlecht. Raimund steckt in diesem System, doch statt dass er das System verändert, zerstört er sich selbst.

MM: Und wie haben Sie sich vom Plan B verabschiedet?

Arzt: Meine Frau hat mir den Mut dazu gegeben. Sie ist der Mensch, der gemerkt hat, wo’s mich hinzieht, wo ich Stärken habe. Ich hatte ein Stück und sie sagte: Jetzt schick‘ das doch dort hin! Dort war das Schauspielhaus Wien unter Andreas Beck, und der hat mir dann angeboten, begleitet, in einem Workshop ein Stück zu entwickeln. Da kam „Grillenparz“ raus. Es war verblüffend. Ich bin ein Glückskind. Die Schauspieler haben es gelesen und gesagt, das interessiert uns. So bin ich in eine Theaterlandschaft gestolpert, die ich immer noch nicht überblicke. Das ist vielleicht meine Stärke, aber mitunter auch meine Überforderung. Ich merke, so wie jetzt bei den Proben, dass Theater Energie aus mir saugt. Da freue ich mich dann schon wieder auf mein stilles Schreibkämmerlein.

MM: Wann werden Sie das Gefühl haben, es „geschafft“ zu haben?

Arzt: Es ist die Frage, ob man dieses Gefühl überhaupt anstrebt. Ich bin froh, wenn ich ein Stück abgeben kann, wenn ich zufrieden mit einem Text bin, wenn ich denke, mich hat die Arbeit daran gefestigt und weitergebracht, und jetzt wollen andere sich damit beschäftigen. Das ist das größte, was passieren kann. Ich arbeite von Stück zu Stück an Themen, die mich umtreiben. Es gibt einen Schreibfluss, der immer größer wird, und mit all meinen Mitteln versuche ich mich in ihm über Wasser zu halten.

MM: Um im psychiatrischen Fachjargon zu bleiben: Sie bauen in „Totes Gebirge“ eine ganze Assoziationskette auf, hauen uns auch ein wenig Schubert um die Ohren, aber das stärkste diesbezügliche Motiv, sind die Namen Ihrer Figuren: Raimund, Emanuel, Nepomuk. Ein Dichter mit gefesselter Fantasie, ein Selbstdarsteller und in diesem Sinne (Selbst-)betrüger und ein alter Zyniker? Darf ich Sie in diese Ecke schieben?

Arzt: Absolut, denn das ist ein liebevoller Verweis auf die Stücke, mit denen ich aufgewachsen bin. Mein erster Theaterkontakt war ein sehr unakademischer, nämlich das Amateurtheater auf dem Land. Ich habe Schultheater gespielt, und dieses Volkstheater hat mich als Kind fasziniert. Für mich sind die Stücke von Nestroy und Raimund ein Auflehnen im Puppenkasten der Bühne. Ihr Humor ist scharfzüngig, tut oft weh. Dazu kommt, dass sich Volkstheater, im Sinne von Hans Wurst gedacht, nie dem Obszönen, dem Lustvollen verweigert. All diese Spielarten mag ich sehr. Ich sehne mich danach, herzhaft zu lachen, und gleichzeitig danach, dass mir das Lachen im Hals steckenbleibt. Das geht bei mir durch die Auseinandersetzung mit dem österreichischen Volksstück, und führt weiter zu Horváth, Turrini, Schwab, Steeruwitz … Das ist immer das, was mich als Zuschauer gepackt hat.

MM: Sie haben noch eine weitere volksstückhafte Ebene eingeführt: in einem oberösterreichischen Kunstdialekt gesungene Gstanzln.

Arzt: Auch das ist ein Schreiben zurück zu den Wurzeln. Da geht es um ein Heimatgefühl. Viele Figuren im Stück, Raimunds Schwester, seine Ärztin, geben vor, fest im Leben zu stehen, dabei sind sie von einer großen Einsamkeit. Vielleicht sehnen sie sich nach einem gemeinsamen Moment, den gebe ich ihnen in diesen dialektalen Einschüben, wenn gemeinsam gesungen wird. Da kommen ganz schöne Gegenwelten heraus, in denen Wünsche, Ängste und Utopien ausgesprochen werden können. Der gesungene Dialekt erlaubt mir, formal poetischer zu werden, als es ein bodenständiger Dialog sein könnte.

MM: Es funktioniert ein bisschen wie in der Oper mit Arie und Rezitativ.

Arzt: Es ist ein Kommentar, eine Reflexion. Es hebt durch das Chorische individuelle Angelegenheiten auf einen gesellschaftlichen Standpunkt, beispielsweise im Lied „Der Mensch is ka Puppn“. Da ist erstmals ein Moment, in dem man merkt, auch die Vernunftmenschen sind betroffen.

MM: Im Text steht „Es sind uns die Begriffe abhanden gekommen“. Es ist interessant, dass Sie von Heimatgefühl sprechen, das ist doch auch ein Begriff, den uns ein paar angepatzt haben …

Arzt: Der ist von allen Seiten ideologisiert, aber sehr viele Menschen brauchen Heimat und sehnen sich nach einem Daheim. Ich habe die Überzeugung, dass es gut tut, den Heimatbegriff nicht an Orte zu binden, sondern an Menschen. Wo Freunde sind, ist der Heimatbegriff größer als bis zum nächsten Zaun. Das kann man denen entgegenhalten, die nun so fürchten um unsere Kultur. Heimat ist nicht unbedingt das gleiche wie Kulturalität, Lebensraum, Religion … Das sind lauter Begriffe, die man sich genauer anschauen muss. Was bedeutet das alles tatsächlich? Uns sind die Begriffe abhanden gekommen. Schön wäre, wenn wir bald von einer europäischen Heimat sprechen könnten.

MM: In der Heimat dann bedeuten würde?

Arzt: Ich bin auf der Suche, ich weiß es nicht.

MM: Noch ein Textzitat: „Natürlich ist hier nichts stabil. Aber das ist die Normalität. Unsere Aufgabe ist es, aufzupassen, dass es uns nicht auffrisst.“ Aber es tut’s doch.

Arzt: Jaja, das ist schon ein Hilfeschrei von der Frau Doktor. Sie fühlt, dass da Veränderung ist, und dass diese Veränderung auch mit ihr was macht. Sie sagt auch, wir haben nicht genug Decken, um alle Krankheiten der Welt damit zudecken, heißt: unsichtbar machen zu können. Das ist der Kern des Stücks. Es geht nicht nur darum, Bewusstsein zu schärfen, sondern auch Orientierungslosigkeit zuzugeben, einmal zu sagen, ich weiß es nicht. Es ist von keinem Politiker zu erwarten, dass er immer alles gleich zu Ende denken kann. Das passiert aber, auf schnell, schnell, weil die Politiker glauben, dass sie die Leute sonst verunsichern. Würde man sagen: Das ist eine neue Situation, wir überlegen in Ruhe, wie wir damit umgehen, dann würden die Leute das auch verstehen. Man muss nachdenken, um eine Idee zu haben. Derzeit fehlt jede Idee. Außer solche zum Machterhalt und zur Rettung des letzten Geldes. Diesen Aussagen wird aber mehr und mehr misstraut.

MM: Der Historiker und Philosoph Philipp Blom hat in diesem Sinne kürzlich gesagt: Wohlstandserhalt ist kein gesellschaftspolitisches Konzept.

Arzt: Neben diesen Satz stelle ich mich absolut.

MM: Nun merken Sie an mir, dass die Beschäftigung mit Ihrem Stück mehr Fragen aufwirft, als man davor hatte. Haben Sie Trost und Rat fürs Theaterpublikum?

Arzt: Es sind sehr viele Momente im Stück, wo jemand eine Ziellinie vorgibt, die dann aber niemand überschreitet. Auch das Ende bleibt offen. Ja, reden wir darüber! Fragen sind dazu da, dass sie gestellt werden, Theater aber nicht, um Antworten zu geben. Meine Antwort ist: Ich schreibe weiter. Kommen Sie also auch in mein nächstes Stück!

Über den Autor:

Geboren 1983 in Schlierbach, Oberösterreich. Lebt als freier Autor mit seiner Frau in Wien und in Flensburg an der Ostsee. 2008 entstand sein erstes Theaterstück „Grillenparz“ im Rahmen des Autorenprojekts „stück/für/stück“ am Schauspielhaus Wien. Es wurde mit dem von der Literar-Mechana gestifteten Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und im April 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo Thomas Arzt in der Spielzeit 2010/2011 als Hausautor arbeitete. Für sein zweites Stück „Alpenvorland“ erhielt er im selben Jahr den Autorenpreis am Heidelberger Stückemarkt. Nach Aufführungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird das Stück 2016 am 2. Internationalen Autorenfestival in Buenos Aires gezeigt. Weitere Arbeiten entstanden in den vergangenen Jahren u. a. für die Wiener Festwochen, das Volkstheater, das Schauspielhaus Graz und das Landestheater Linz. Zuletzt war 2014 am Schauspielhaus Wien „Johnny Breitwieser“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12355

www.thomasarzt.at

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=z536xI14xSI

Wien, 20. 1. 2016

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

www.mottingers-meinung.at/thomas-arzt-im-gespraech

www.schauspielhaus.at

Wien, 29. 11. 2014