Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

 www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Werk X: Raststätte oder Sie machens alle

April 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Sex mit Stofftieren

Poledance ist auch nur ein Sport: Thomas Kamper, Arthur Werner, Sandra Bra, Sebastian Klinser und Markus Mariacher. Bild: Yasmina Haddad

Am Ende werden Teddybär und Plüschelch genüsslich zerlegt, in ihre Leckerlis zerfleischt und aufgefressen. Und siehe, hinter den ohnedies schon zu Stofftieren sich degradierenden Bestien auch nur der Mensch – im anatomischen Modellanzug. So schaut das aus, wenn Regisseurin Susanne Lietzow Elfriede-Jelinek’sche Figuren zum Striptease lädt. „Raststätte oder Sie machens alle“ hat die zweifache Nestroy-Preisträgerin nun im Werk X inszeniert.

Und am Satyrspiel zu Totenauberg das zotig Farcenhafte betont. Tatsächlich nennt Lietzow den Text im Gespräch einen „Porno-Feydeau“. Dessen Grundlage allerdings Mozarts „Così fan tutte“ ist: Zwei frustrierte Ehefrauen verabreden sich via Sexinserat auf einer Autobahntoilette mit zwei Tieren, von denen sie sich ebensolchen, triebhaft-zügellosen Beischlaf erhoffen. Inmitten einer zermüllt-desolaten, von Peter Laher erdachten Bühne setzt Lietzow ihre Handvoll Darsteller ab. Doch nichts geht, Potenz wird zum Problem, denn in den Kostümen treffen die Frauen unverhofft auf ihre eigenen Männer. Die Liebe ist, man sieht es gleich am ersten Bild, ein Überraschungsei …

Dass das nicht alles auf den ersten Blick verständlich ist, ist systemimmanent. Auch die mäandernden Sprachkaskaden der Nobelpreisträgerin sind nicht Wort für Wort zu nehmen, sondern als Komposition, als Klang. Und durch klingt – Lebensthemen – ihre Kritik an Geschlechterrollen, an versuchter seelenbodenloser Selbstoptimierung (dies gern durch Sport, in dessen Bekleidung bekanntlich „wenig Platz für Lebensgenuss“ ist) und ein scharfer Blick auf Entfremdungsursachen, auf hiesige und andernortige Neidgesellschaften, die auf der Suche nach einem ureigenen Zentrum sich selbst in die Randlagen verlieren.

Highlight des Abends: Gilbert Handler mit Arthur Werner und Thomas Kamper: Bild: Yasmina Haddad

Vor der Plakatwand: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz. Bild: Yasmina Haddad

Lietzow assoziiert da frank und frei. Pinnt Da Pontes „Fremdländer“ auf ein paar Heimatwahlplakate, die nicht weniger obszön sind als verwandte Originale, die Abart als aktuelles Schleuderblatt für alle, die Abgrenzung zum anderen brauchen. Steckt Klaus Huhle vom allmächtigen Wirtsmenschen zurück in den Baby-Fatsuit. Lässt Gilbert Handler begnadet singen, er der Höhepunkt des Abends, wenn er Liebeslieder bis hin zum Ave Maria interpretiert. Steigert ihre Arbeit mehr und mehr in albtraumhafte Szenen, während sie das Explizite aus der Jelinek kitzelt.

Dazwischen die vier, Isolde und Kurt, Claudia und Herbert, längst Negativspiegelflächen ihrer einmal gewählten Partner, die nun erwarten, dass sie „von anderen Menschen zum Klingen gebracht werden“: Arthur Werner, Sandra Bra, Thomas Kamper und Isabella Szendzielorz als die Durchschnittlichen, die so gerne einmal Über- wären. Sebastian Klinser und Markus Mariacher als die Kostümierten, die Bau- und Büromaschinenvertreter, die aus der fremden Haut schlüpfen, um in der eigenen gekillt zu werden. Wie die Schauspieler hier Lust auf Frust reimen, wie’s statt Körpertrost nur Trostlosigkeit gibt, ist sehenswert.

Und schließlich von der durchaus auch zeitpolitisch zu nehmenden Erkenntnis: „Man kann sich wie ein großes Tier anziehen, deshalb ist man es noch nicht.“

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Josef Hader in „Arthur & Claire“

Februar 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach Sterben ist wie ein Sechser im Lotto

Josef Hader und Hannah Hoekstra. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Mann mit Angst vor dem Sterben trifft Frau, die sich das Leben nehmen will. Das ist kurzgefasst die Grundkonstellation des Films „Arthur & Claire“, der am Freitag in die österreichischen Kinos kommt. Besagten Mann spielt Josef Hader, der gemeinsam mit Regisseur Miguel Alexandre auch das Drehbuch (nach dem Bühnenstück von Stefan Vögel) – und sich somit eine weitere maßgeschneiderte Rolle auf den Leib schrieb.

„Arthur & Claire“ ist eine leise, anrührende Tragikomödie, weniger skurril, als man Hader schon gesehen hat, aber zynisch genug und ziemlich poetisch. Mit ihm brilliert Hannah Hoekstra; die niederländische Schauspielerin war Berlinale-Shootingstar 2017. Arthur nun hat sich nach Amsterdam aufgemacht, um dort den ärztlich-kontrollierten Freitod zu begehen. Er ist unheilbar an Krebs erkrankt und will in einer Klinik vor Ort seinem Leben ein Ende setzen.

Das will auch Claire aus Gründen, die sich im Laufe des Films als nicht so unwesentlich entschlüsseln werden. Sie hat im Hotel das Nebenzimmer gebucht, die Musik bis zum Anschlag aufgedreht, die Medikamente bereit. Arthur kommt, um zu schimpfen und wird retten. Was folgt, ist ein Zug durch die Nacht mit der unkontrollierten Selbstmordkandidatin mit Coffeeshop-Erfahrung, Danceclub, Kondomladen und Rikschafahrt. Am Ende landen die beiden in einer abgefuckten Bar mit Piano und Highland Whiskey.

Zum Ende sagt Arthur: „Sterben ist das Letzte, was man machen kann im Leben. Das will ich gut machen.“ Es sind derlei Sätze, die dem Film die spezielle Hader-Note geben: „Wenn jemand sagt, ich kann mich entspannen, verkrampfe ich mich sofort.“ – „Ist es typisch österreichisch, dass man jammert, bevor überhaupt etwas Schlimmes passiert ist?“ Und der schönste, angesichts des Angebots „natürlicher“ Drogen in der Einrauchermetropole: „Wenn dich ein Baum erschlägt, ist es auch rein pflanzlich.“

Vom Coffeeshop geht’s … Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

… auf den Dancefloor. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Als Arthur ist Josef Hader einmal mehr in Hochform. Lakonisch und mit schwarzem Humor spielt er einen am Leben Gescheiterten (etwa in der Beziehung zu seinem Sohn, da gibt es ein Nicht-Telefonat zum Abschied, das einem vor Traurigkeit den Atem nimmt), der sich abgebrüht und zynisch gibt, um seine Einsamkeit und Verletzlichkeit zu überspielen. Mit geröteten Augen und traurig-faltigem Blick schleicht er durch die Szenerie, als ob’s für ihn, nein, weil es für ihn kein Morgen mehr gibt.

Hannah Hoekstra gibt eine impulsive, lebenssprühende Claire, die gelernt hat, Trauer und Selbstanklage tief in ihrem Inneren zu vergraben. Der Film lässt sich Zeit, zu erzählen, was passiert ist, dass die beiden so weit gekommen sind. Und so wie die Charaktere sich Schicht für Schicht vom komödiantischen Überzug befreien und sich immer tiefer in die Seelen blicken lassen, so machen es Miguel Alexandre und Kamerafrau Katharina Diessner auch mit Amsterdam.

Mehr und mehr wird der touristische, der „romantische“ Altstadtaspekt dekonstruiert, bis man schließlich im schmucklosen, „industriellen“ Neubaugebiet samt Busbahnhof landet. „Arthur & Claire“ ist ein gelungenes Kammerspiel mit exzellenten Darstellern. Und, wenn man will, mit einer unaufdringlich vorgebrachten Botschaft: Einfach zu sterben, ist wie ein Sechser im Lotto. Deshalb sollte man vorher das Leben bis zur Neige auskosten.

www.arthur-und-claire.de/

  1. 2. 2018

Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

werk-x.at/

  1. 1. 2018