mumok digital: Onlineführung „Misfitting Together“

Januar 28, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Serielles von Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art

Andy Warhol: Orange Car Crash,1963. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Sammlung Ludwig, Aachen seit 1978. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Von Andy Warhol stammt das Zitat „The idea of waiting for something makes it more exciting.“ Damit das Warten auf die Wiedereröffnung der Museen nicht zu aufregend wird, will das mumok dem Publikum nun digitale Einblicke in die aktuellen Ausstellungen ermöglichen. Am 29. Jänner, 18 Uhr, beispielsweise führt Patrick Puls via Zoom und kostenlos durch die Ausstellung „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art“. Puls bespricht dabei unter anderem Werke von Andy Warhol, Charlotte Posenenske, Sol LeWitt und Hanne Darboven.

„I was reflecting that most people thought the Factory was a place where everybody had the same attitudes about everything; the truth was, we were all odds-and-ends misfits, somehow misfitting together.” Diese titelgebenden Worte von Andy Warhol bilden den Ausgangspunkt für die Misfitting-Schau des als Trilogie konzipierten Warhol-Schwerpunktes im mumok. Die beiden anderen Teile – „Andy Warhol Exhibits. A glittering alternative“ und „Defrosting The Icebox. Die verborgenen Sammlungen der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museum Wien und des Weltmuseum Wien zu Gast im mumok“- sind ebenfalls bereits zu sehen.

Claes Oldenburg: Geometric Mouse-Scale C,1971. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1976. © Claes Oldenburg

Larry Poons: Nixe’s Mate, 1961. Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1996. Bild: mumok – Museum moderner Kunst Stifung Ludwig Wien. © Bildrecht, Wien 2020

Andy Warhol stellte zuletzt 1981 – also noch zu Lebzeiten – im mumok aus. Knapp 40 Jahre später scheint es mehr als überfällig, sein Schaffen in einem umfassenderen kunsthistorischen Kontext zu präsentieren. Die Sammlungspräsentation mit dem Titel „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und ConceptualArt“ stellt sich daher ab 1. Juli der Aufgabe, Warhol nicht nur im Rahmen der Pop Art zu verorten, sondern ein differenzierteres Bild der Zeit zu zeichnen, indem Arbeiten der Minimal und Conceptual Art – allesamt Sammlungsschwerpunkte von Peter und Irene Ludwig – hinzugezogen werden. Ziel ist es, zu zeigen, wie sehr diese Bewegungen einander beeinflusst haben und wie ungern sich diese Strömungen in kunsthistorische Schubladen zwängen lassen. Warhols Werk wird so in seinem zeitgeschichtlichen Kontext erfahrbar.

Bezugnehmend auf Mel Bochners Artikel „The Serial Attitude“, der 1967 in Artforum erschien, setzt sich die Ausstellung mit der seriellen Ordnung als Bindeglied der drei Kunstströmungen Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art auseinander. Wie Bochner damals bereits konstatierte, handelt es sich bei der seriellen Ordnung um eine Methode und keinen Stil. Serialität soll nicht als formalisierte Spielerei, sondern als künstlerische Strategie verstanden werden, der klar definierte Prozesse zugrunde liegen, die häufig aus dem Umfeld der Mathematik und der Sprache stammen. Dies soll auch die Werkauswahl innerhalb der Schau „Misfitting Together“ verdeutlichen: So werden neben Arbeiten bekannter US-amerikanischer Positionen Werke von Vertreterinnen und Vertretern der mittel-und osteuropäischen Szene gezeigt.

Andy Warhol: Flowers,1970. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1980. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Roy Lichtenstein: Modular Painting with Four Panels #2,1969. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1981. © Estate of Roy Lichtentstein/Bildrecht, Wien 2020

Dass der Begriff der Serie in Warhols Werk eine zentrale Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Im Rahmen der Ausstellung soll dieser Begriff im prozessualen Sinne verstanden werden – und damit eben nicht als stumpfe Wiederholung des immer gleichen Sujets, sondern im Sinne einer Faszination für die Vielfalt und Differenz innerhalb einer Serie. Statt eines endgültigen Ergebnisses stand der sich stetig verändernde Prozess im Mittelpunkt von Warhols Serienbegriff. Ein ähnliches Verfahren lässt sich bei Zeitgenossen wie Hanne Darboven, On Kawara oder Charlotte Posenenske beobachten. Eine aktuelle Ergänzung bietet die Arbeit „Firearms“ der erst kürzlich verstorbenen Künstlerin Lutz Bacher, die 2019 durch einen Ankauf der Österreichischen Ludwig-Stiftung Teil der mumok-Sammlung wurde. In ihrem seriellen Werk zeichnet Bacher das Porträt der Waffe als Ware des internationalen Handels sowie als historisches, heiß begehrtes Sammlerobjekt.

Das „Mouse Museum“ und der „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg zählen zu den Hauptwerken der Pop Art und stellen als begehbare Installationen Museen im Miniaturformat dar. Gezeigt werden außerdem Arbeiten von Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Daniel Spoerri, Dóra Maurer, Friederike Pezold, Larry Poons und Robert Indiana … mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=40694

Kostenlose Anmeldung: www.mumok.at/de/events/fokus-auf-misfitting-together-2           www.mumok.at

28. 1. 2021

Künstlerhaus: Waste Art / When Gesture Becomes Event

Dezember 4, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schau mit Müll und eine Grammatik für Solidarität

When Gesture Becomes Event. Ein Blick ins prachtvoll renovierte Künstlerhaus. © Anna Artaker: The Cloth Of State, 2020 © Künstlerhaus Wien

Künstlerinnen und Künstler haben seit jeher mit Trash, Abfall, Second-Hand-Materialien gearbeitet – sei es aus finanziellen, praktischen Gründen, oder dem Anlass heraus, sich von der „hohen Kunst“ abzuwenden und zu distanzieren.

Besonders in den letzten Jahrzehnten entwickelten sich zahlreiche Bewegungen wie Recycling, Up-Cycling, Zero Waste mit dem Ziel Dinge haltbarer zu machen und dem überbordenden Konsum und dem Wegwerfhabitus dieser Tage entgegenzuwirken.

Ab 8. Dezember zeigt das Künsthaus Wien in der Factory die Ausstellung „Waste Art“. Nach einer Idee und kuratiert von Ina Loitzl wird Wertloses wird transformiert, neu geordnet, gesammelt und der Müllberg schonungslos dokumentiert. Mitwirkende Künstlerinnen und Künstler neben der Kuratorin selbst sind Werner Boote, Christian Eisenberger, Hans Glaser, Lois Hechenblaikner, Gudrun Lenk-Wane, Erwin Stefanie Posarnig, Peter Putz, Johannes Rass, Tom Sachs, Nikki Schuster, Dario Tironi und Irene Wölfl.

Die gezeigten Objekte betonen die Schönheit des Wertlosen, des Alltäglichen; Formen, die an Paraphrasen erinnern, aber auch vollkommen neue ästhetische Erscheinungsbilder erzeugen; das Material, das man nicht los wird, aber auch die Entstehung dieser Prozesse.

When Gesture Becomes Event. © Pascal Petignat, Ursula Mayer: Eternal Vomit Gorund of Reality, 2020 © Künstlerhaus Wien

Waste Art. Textiles Bündel. © Gudrun Lenk-Wane: having it all, wanting more, 2018. Bild: Reto Schubinger © Künstlerhaus Wien

Waste Art. „I’ll be back“: Eine völlig neue Art von Recyling-Terminator. © Dario Tironi: figura leggera, 2017. © Künstlerhaus Wien

TIPP1: X-Mas-Trashcamp. Aus Müll wird Weihnachtsschmuck. Online Veranstaltung am 5. 12. Künstlerin Ina Loitzl führt das Publikum in die Welt ihrer „Waste Art“ und gestaltet mit ihm wunderschöne Trash-Kunstwerke. So werden Plastikflaschen durch Umformung, Stanzung, Cutouts und ein wenig Silber- oder Goldglanz zu effektvollem Christbaumschmuck. Information: + 43 1 587 96 63 20 oder kunstvermittlung@k-haus.at.

TIPP 2: Trash We Can! Podiumsdiskussion am 9. 12. live auf Zoom. Nachhaltigkeit, Ressourcenverbrauch, Müll und Überproduktion: Können Künstlerinnen und Künstler mit ihrer Arbeit die Gesellschaft für diese Themen sensibilisieren? Werden künstlerische Produktionsprozesse durch den Fokus auf schon einmal Verwendetes verändert? Ist der „Zwang zur Kreativität“ auch ein „Zwang zu immer Neuen und Ressourcenverschwendung“? Ist ein nachhaltige Kunstproduktion, ein nachhaltiger Kunstmarkt überhaupt vorstellbar? Es diskutieren Filmemacher Werner Boote (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=28457), Laurenz Faber von Fridays for Future und Helene Pattermann von Zero Waste Austria. Einloggen via us02web.zoom.us/j/88368106012.

Trailer: www.facebook.com/kuenstlerhauswien/videos/756329411900789

When Gesture Becomes Event. © Constanze Ruhm: Pearls Without a String 2, 2020. © Künstlerhaus Wien

When Gesture Becomes Event. © Magdalena Frey: Juchitán – Frauennetze, 2012. © Künstlerhaus Wien

When Gesture Becomes Event. Ghost Plant – Seed, 2020. © Robert Lima. Courtesy of the Artist and Charim Galerie

When Gesture Becomes Event. © The Golden Pixel Cooperative: Half of the Sky, 2020. © Künstlerhaus Wien

When Gesture Becomes Event

Ebenfalls am 8. Dezember eröffnet „When Gesture Becomes Event“. Die von Alenka Gregorič und Felicitas Thun-Hohenstein kuratierte Schau folgt der ersten Ausstellung im wiedereröffneten Künstlerhaus und wird dessen besondere Tradition transkultureller Kooperationen im Zuge des Nachbarschaftsdialoges Österreich – Slowenien fortführen. Leitmotiv ist das emanzipatorische Potenzial von Kunst als Plattform solidarischer Praxis, sowie die daraus entstehenden und damit einhergehenden Gesten, Möglichkeiten und Unwägbarkeiten. Diane Elam folgend wäre es das Ziel der Ausstellung, eine neue Grammatik für eine „Solidarität ohne Grund“ zu entwickeln, die Vielfalt und Diversität Rechnung trägt.

Worauf könnte sich diese neue Grammatik stützen? Wie könnte dieser neue „grundlose“ Solidaritätsbegriff, der im Moment noch ein zukünftiger ist, beschaffen sein? Sechzehn polyphone, kritische, konstruktive und fantasievolle Stimmen entwerfen ein feministisches Vokabular aus Strategien, Aktionsformen und utopischen Vorstößen, mit deren Hilfe kollektives Handeln, Zusammenarbeit, Solidarität und geteilte Existenzen neu gedacht werden können: Anna Artaker, Nika Autor, Renate Bertlmann, Katharina Cibulka, Lana Čmajčanin, Magdalena Frey, Anna Jermolaewa, Roberta Lima, Polonca Lovšin, Dorit Margreiter, Ursula Mayer, Marjetica Potrč, Constanze Ruhm, Maruša Sagadin, Maja Smrekar und The Golden Pixel Cooperative.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6nCjuOVInhE

www.k-haus.at

  1. 12. 2020

Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil

Oktober 31, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

mumok: Eine malerische Biosphäre für Mensch und Tier

Performance auf derBodenmalerei: Elise Lammer and Julie Monot, with Hugo Canoilas: Becoming Dog, 2020. Bild: Klaus Pichler. © Hugo Canoilas, Julie Monotand Elise Lamme

Ab 6. November zeigt das mumok die Schau „Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil“. Der Kapsch Contemporary Art Preisträger 2020 versetzt dazu den Ausstellungsraum in eine betretbare Bühne der Malerei: Über die gesamte Bodenfläche zieht sich auf textilem Grund ein malerisches Szenario ineinander verfließender Formen mit inselartigen Zentren. Das Blau des Grundes und die darauf gesetzten tentakulären Farbwesen aus Wolle und Glas erinnern an eine belebte maritime Landschaft von unabwägbarer Tiefe.

In Zeiten der #Corona-Krise, die das physical distancing zum neuen Überlebensprinzip erhoben hat, sieht man sich in eine unentrinnbare malerische Biosphäre einbezogen, in der Verführerisches und Bedrohliches, Organisches und Technoides zugleich aufscheinen. Eine Bühne der Kunst- und Selbsterfahrung bietet diese Bodenmalerei nicht nur für die Betrachter, sie ist auch der Auftrittsort für die von Elise Lammer und Julie Monot auf Einladung des Künstlers entwickelte Performance „Becoming Dog“, in der als Hunde verkleidete Akteure auftreten, um das hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu hinterfragen und neue Potenziale der Empathie zu erkunden. Menschliches und Tierisches erscheint hier wie in einer Travestie ineinander geblendet, um vorgebliche Gewissheiten über Identität und Einzigartigkeit zur Diskussion zu stellen.

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Hugo Canoilas nutzt die Tradition und Geschichte der Malerei und Objektkunst, um sie in Verbindung mit installativen und performativen Strategien neu zu bestimmen und zu erweitern. Er nimmt dabei auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen sowie die damit verknüpften philosophischen und kunsttheoretischen Diskurse Bezug. Die Ausgangslage bilden miteinander verzahnte Themen wie die Klimakatastrophe, die Umweltzerstörung, die Migration und die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich, deren Virulenz durch #Corona eine Art pandemischen Katalysator erhält. Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen und ihren Folgen findet der Künstler vor allem in jenen posthumanistischen Denkströmungen, die ein anthropozentrisch-hierarchisch erstarrtes Weltbild infrage stellen und einen einfühlsamen Umgang des Menschen mit der Natur und seiner kreatürlichen Umwelt einfordern.

Der Blick von oben auf die Malerei darunter weckt Erinnerungen an digitale Landschaftsszenarien, die wie aus der Perspektive einer Drohne aufgenommen sind. Der hier offerierte Perspektivenwechsel kann auch metaphorisch als Abweichung und Distanznahme zu eingeübten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen im Gesellschaftlichen begriffen werden, um anders und womöglich auch näher an die Dinge heranzukommen

www.mumok.at

31. 10. 2020

Das mumok öffnet am 17. Juni mit Strobl, Kiesler und Co.

Juni 5, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Pop-Art-Schau „Misfitting Together“ ab 1. Juli

Andy Warhol: Orange Car Crash,1963. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Sammlung Ludwig, Aachen seit 1978. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Das mumok öffnet am 17 Juni und ist dann jeweils von Mittwoch bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr zu besuchen. Die Laufzeiten der Ausstellungen „Gelebt“ von Ingeborg Strobl (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=38696) und „Steve Reinke. Butter“, die nur wenige Tage vor der Museumsschließung eröffnet wurden, werden bis in den Herbst/Winter hinein verlängert. Ebenso verlängert werden „Im Raum die Zeit lesen. Moderne im mumok 1910 bis 1955“ (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=36056) und die Schau „Friedrich Kiesler. Endless House“.

Die für 30. April geplante Eröffnung der Ausstellungstrilogie zu Andy Warhol hat das mumok auf Ende September verschoben und entkoppelt. Ein Projekt aus der Warhol-Trias, die Ausstellung „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art“ mit zentralen Werken aus der hauseigenen Sammlung wie dem „Mouse Museum“ und dem „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg, sowie mit Arbeiten von Lutz Bacher, Hanne Darboven, Robert Indiana, Jasper Johns und Roy Lichtenstein wird ab 1. Juli zu sehen sein.

Otto Mueller: Mädchen im Wald, 1920. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1963. © mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien

Friedrich Kiesler: Modell des Endless House, 1950. Sammlung Dieter und Gertraud Bogner im mumok, seit 2017. Bild: mumok © Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Ingeborg Strobl: Pig, 1996. Cover einer Publikation anlässlich der Ausstellung Moving In, Randolph Street Gallery, Chicago/Illinois, USA, 1996. © 1996 Ingeborg Strobl / Bildrecht Wien 2019. Bild: © mumok

Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art

„I was reflecting that most people thought the Factory was a place where everybody had the same attitudes about everything; the truth was, we were all odds-and-ends misfits, somehow misfitting together.” Diese titelgebenden Worte von Andy Warhol bilden den Ausgangspunkt für die erste Ausstellung des als Trilogie konzipierten Warhol-Schwerpunktes im mumok. Die beiden anderen Teile – „Andy Warhol Exhibits. A glittering alternative“ und „Defrosting The Icebox. Die verborgenen Sammlungen der Antikensammlung des Kunsthistorischen Museum Wien und des Weltmuseum Wien zu Gast im mumok“- eröffnen am 25. September.

Andy Warholstellte zuletzt 1981 – also noch zu Lebzeiten – im mumok aus. Knapp 40 Jahre später scheint es mehr als überfällig, sein Schaffen in einem umfassenderen kunsthistorischen Kontext zu präsentieren. Die Sammlungspräsentation mit dem Titel „Misfitting Together. Serielle Formationen der Pop Art, Minimal Art und ConceptualArt“ stellt sich daher ab 1. Juli der Aufgabe, Warhol nicht nur im Rahmen der Pop Art zu verorten, sondern ein differenzierteres Bild der Zeit zu zeichnen, indem Arbeiten der Minimal und Conceptual Art – allesamt Sammlungsschwerpunkte von Peter und Irene Ludwig – hinzugezogen werden. Ziel ist es, zu zeigen, wie sehr diese Bewegungen einander beeinflusst haben und wie ungern sich diese Strömungen in kunsthistorische Schubladen zwängen lassen. Warhols Werk wird so in seinem zeitgeschichtlichen Kontext erfahrbar.

Bezugnehmend auf Mel Bochners Artikel „The Serial Attitude“, der 1967 in Artforum erschien, setzt sich die Ausstellung mit der seriellen Ordnung als Bindeglied der drei Kunstströmungen Pop Art, Minimal Art und Conceptual Art auseinander. Wie Bochner damals bereits konstatierte, handelt es sich bei der seriellen Ordnung um eine Methode und keinen Stil. Serialität soll nicht als formalisierte Spielerei, sondern als künstlerische Strategie verstanden werden, der klar definierte Prozesse zugrunde liegen, die häufig aus dem Umfeld der Mathematik und der Sprache stammen. Dies soll auch die Werkauswahl innerhalb der Schau „Misfitting Together“ verdeutlichen: So werden neben Arbeiten bekannter US-amerikanischer Positionen Werke von Vertreterinnen und Vertretern der mittel-und osteuropäischen Szene gezeigt.

Claes Oldenburg: Geometric Mouse-Scale C,1971. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, erworben 1976. © Claes Oldenburg

Larry Poons: Nixe’s Mate, 1961. Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1996. Bild: mumok – Museum moderner Kunst Stifung Ludwig Wien. © Bildrecht, Wien 2020

Andy Warhol: Flowers,1970. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1980. © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, New York/Licensed by Bildrecht, Wien 2020

Roy Lichtenstein: Modular Painting with Four Panels #2,1969. mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1981. © Estate of Roy Lichtentstein/Bildrecht, Wien 2020

Dass der Begriff der Serie in Warhols Werk eine zentrale Rolle spielt, ist kein Geheimnis. Im Rahmen der Ausstellung soll dieser Begriff im prozessualen Sinne verstanden werden – und damit eben nicht als stumpfe Wiederholung des immer gleichen Sujets, sondern im Sinne einer Faszination für die Vielfalt und Differenz innerhalb einer Serie. Statt eines endgültigen Ergebnisses stand der sich stetig verändernde Prozess im Mittelpunkt von Warhols Serienbegriff. Ein ähnliches Verfahren lässt sich bei Zeitgenossen wie Hanne Darboven, On Kawara oder Charlotte Posenenske beobachten. Eine aktuelle Ergänzung bietet die Arbeit „Firearms“ der erst kürzlich verstorbenen Künstlerin Lutz Bacher, die 2019 durch einen Ankauf der Österreichischen Ludwig-Stiftung Teil der mumok-Sammlung wurde. In ihrem seriellen Werk zeichnet Bacher das Porträt der Waffe als Ware des internationalen Handels sowie als historisches, heiß begehrtes Sammlerobjekt.

Das „Mouse Museum“ und der „Ray Gun Wing“ von Claes Oldenburg zählen zu den Hauptwerken der Pop Art und stellen als begehbare Installationen Museen im Miniaturformat dar. Gezeigt werden außerdem Arbeiten von Jasper Johns, Roy Lichtenstein, Daniel Spoerri, Dóra Maurer, Friederike Pezold, Larry Poons und Robert Indiana. Ein ähnliches Interesse an der Schnittstelle zwischen Werk und Ausstellung wird sich in den zwei anderen Warhol-Ausstellungen zeigen, die im Herbst eröffnen und sich weiteren Facetten des Phänomens Andy Warhol widmen werden: Warhol als Ausstellungskünstler, Installationskünstler und Kurator.

www.mumok.at

LESETIPP: Madame Nielsen: Das Monster. Die Passionsgeschichte eines Performance-Messias zwischen Andy-Warhol-Werken und der New Yorker Wooster Group, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39215

5. 6. 2020

Art Carnuntum / Shakespeare’s Globe: Romeo & Juliet

April 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Beim Blankvers ungeniert anbaggern

Have not saints lips, and holy palmers too? Romeo & Juliet: Adetomiwa Edun und GoT-Star Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Das Art Carnuntum Festival bringt auch in Zeiten von #Corona Welttheater nach Österreich, und bietet auf seiner Webseite www.artcarnuntum.at Inszenierungen des Shakespeare’s Globe Theatre zum kostenlosen Stream an. Seit mehr als zehn Jahren ist die gefeierte Londoner Kompagnie Stammgast im Amphitheater, für dieses Jahr waren Aufführungen von „A Midsummer Night’s Dream“ und „The Tempest“ geplant, aber ach …

Nach dem „Hamlet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39290) zeigt man nun bis 3. Mai online eine Aufzeichnung von „Romeo & Juliet“ aus dem Jahr 2009, mit dem in Nigeria geborenen Schauspieler Adetomiwa Edun und der mittlerweile als Grünseher-Schwester und -Beschützerin Meera Reed aus „Game of Thrones“ bekannt

gewordenen Ellie Kendrick. Die Produktion überzeugt mit Musik und Tanz und Degengerangel, wie man’s aus Carnuntum kennt und liebt, mit dreisten Anspielungen auf alles unter Gürtellinie – und man erinnert sich freudig an die famose im Niederösterreichischen gezeigte Inszenierung, als die Montagues und Capulets im VW-Bus anreisten, um dort ihre Fehde auszutragen.

Regisseur Dominic Dromgoole, künstlerischer Leiter des wooden O von 2005 bis 2011, hat sich bei dieser Arbeit für ein extrem junges Ensemble entschieden, nicht nur die Juliet, auch die Darsteller des Benvolio und des Tybalt geben hier ihr Theaterdebüt, und punkto Tempo, Temperament und Lust an der Outrage macht sich das allemal bezahlt. Der geschmeidig-athletische Adetomiwa Edun besticht wie seine Mit- und Gegenspieler mit überbordender Spielfreude und außerordentlicher Bühnenpräsenz. Sein Romeo ist ein lebhafter, übermütiger junger Mann, frisch, frech, leichtfüßig und voll des Überschwangs erster Liebe.

Ein Halbstarker, wie der ganze Haufen der ihn umgibt, der gekünstelt tragikomisch die Augen verdreht, wenn er mit den Worten Liiiebe, Tod und Rosaline seine Scherze treibt, nichts ahnend, dass die Triebtäter Eros und Thanatos ihn bereits in ihren Klauen haben. Ellie Kendrick ist eine derart entzückend mädchenhafte Juliet, dass man ihr die süßen 14 Jahre fast noch abnimmt. Wie sie sich in die Arme ihrer Amme schmiegt, als sie erfährt, dass Romeo sie heiraten will, ist von unwiderstehlich unschuldiger Freude.

Als Ian Redfords wütender Capulet sie wegen ihres Ungehorsams ausschimpft, zitterte sie in ihrer kindlichen Verletzlichkeit und fleht Mutter und Amme an dazwischen zu gehen. Man glaubt Ellie Kendricks Juliet, diesem zerbrechlichen Seelchen, dass sie nach Romeos Dahinscheiden keinen Sinn im Weiterleben sieht. Ein weiteres Highlight ist Penny Layden als North Country Nurse mit entsprechendem Zungenschlag, eine Amme mit großem Herzen und noch größerem Mundwerk, dessen Zahnlosigkeit sie nicht daran hindert, den Jungs ungeniert Avancen zu machen. Wofür sie von Mercutio launig geküsst wird – obwohl sie von Romeos „body“ schwärmte.

„Nurse“ Penny Layden und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Hinreißend verliebt: Adetomiwa Edun und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Die Capulets: Miranda Foster und Ian Redford. Bild: John Haynes

Love Is In The Air, sozusagen, und überhaupt versteht es Dromgoole die schelmische Seite des britischen Barden bestens zu bedienen. Beinah jeder Satz hat einen sexuellen Subtone, ob nun die heißblütigen Edelherren beim Blankvers blankziehen und schamlos das Publikum anbaggern oder Juliet neckisch nachdenkt: „What’s Montague? It is nor hand nor foot nor arm nor face nor … [Pause] … any other part belonging to a man.“

Bemerkenswerte Leistungen liefert auch der übrige Cast: Fergal McElherron zeigt sich in den diversen Dienerrollen Balthazar, Peter, Gregory als geborener Spaßmacher, wunderbar, wie er die zum Capulet-Ball geladenen Gäste Grimassen schneidend nachahmt, während Romeo die Liste laut vorliest, und auch Maori-Star Rawiri Paratene hat als seine Textzeilen wie auf Häkelkissen gestickte Lebensweisheiten aufsagender Friar Lawrence die Lacher auf seiner Seite. Den Vogel ab schießt aber Tom Stuart als Paris, mit einer Interpretation der Figur, wie man sie hierzulande wohl noch nie gesehen hat.

Stuarts Paris ist zwar in dem die Clans unterscheidenden Rot-Blau-Schema, einzig Romeo und Juliet tragen nach der Balkonszene trotzig beide Farben, von Kopf bis Fuß weiß gewandet, weiß aber nichts über das passende Benehmen gegenüber Mitmenschen, heißt: er ist eine Nervensäge durch und durch, und urkomisch, wie er nie versteht, wann’s Zeit ist zu gehen oder dass er jemandem zu nahe getreten ist. Sein „These times of woe afford no time to woo“ ist in diesem Sinne zum Brüllen. Was Ian Redford als Capulet denn auch gleich tut, Capulet, dessen oberflächliche Bonhomie sich so schnell in rotgesichtige Böswilligkeit verwandelt, dass er was Wunder die Tochter dem Grab zutreibt.

Der vielschichtigste Charakter ist freilich einmal mehr Mercutio, Philip Cumbus, dessen zynischer Weltverdruss, sein Sarkasmus-Ausgießen über allem und jedem auf ein tieferes Seelenleid verweist. So beginnt etwa sein betrunkenes Rufen nach Romeo ausgelassen und amüsant, endete aber als bedrücktes Bitten und Betteln nach dem abwesenden Freund. Dessen – nach der Nachtigall-Nacht mit Juliet – endgültiger „Verrat“ im Duell mit Tybalt ist deshalb umso ergreifender. Gefochten wird auf hohem Niveau, blitzschnell sind die Schauspieler beim Zustechen, und im Sterben haben sie ein letztes Scherzchen auf den Lippen.

Besonders stark ist hier der Tybalt des guyanesich-britischen „Blindspot“-FBI-Psychiaters Ukweli Roach, ein angry young man, der sich aus der Capulet’schen Höflichkeitszwangsjacke befreit und auf die freie Wildbahn kämpft. Sein letztes Ringen mit Romeo wirkt wirklich brutal, nach dem Verlust der Waffen ein Kratzen, Hauen und Treten, bis Benvolio die beiden trennt, Jack Farthing in der Figur vom Charme eines Schulbuben, der seine Phallus-Zoten mit verlegen glühenden Wangen witzelt.

Aus Bonhomie wird bald Bedrohung: Ian Redford, Penny Layden und Ellie Kendrick. Bild: John Haynes

Fergal McElherron, Adetomiwa Edun, Philip Cumbus als Mercutio und Jack Farthing als Benvolio. Bild: John Haynes

Farthing, Cumbus, Tom Stuart als Paris, Andrew Vincent als Prinz und Ukweli Roach als Tybalt. Bild: John Haynes

Here’s to my love! Thus with a kiss I die: Ellie Kendrick und Adetomiwa Edun. Bild: John Haynes

Dominic Dromgoole versteht, den um einen ersten Stock und eine Rampe ins Parkett erweiterten Raum perfekt zu nutzen. Effektvoll, wie Graham Vick als Apotheker wie ein Springteufel aus einer Versenkung raus-„explodiert“ und mit erdiger, bedrohlicher Würde Romeo das Gift verkauft, bevor er als dessen personifiziertes Schicksal wieder in den Eingeweiden des Theaters verschwindet. In der Gruftszene verwandelt Dromgoole die komplette Bühne in dieselbe, während Romeo und Paris einander auf einer oberen Ebene begegnen, einem schmalen, davor als Balkon benutzten Steg, von dem der verwundete Paris eine Wendeltreppe hinab ins Grab fällt. Das hat Schauwert!

Mit allem Jubel-Trubel und Drama, Baby! ist es jetzt endgültig vorbei, Dromgoole besinnt sich auf die tragedy, lässt Juliet auf einer Bahre quer durchs stehende Publikum wegtragen, so schweigsam die vier Mönche, so erschüttert die Zuschauer. Begleitet vom Sängerquartett Jack Farthing, Graham Vick, Fergal McElherron und James Lailey, die vorher als Volk das Geschehen erläuterten und kommentierten, und via historischem Volkslied auch aufs Handyverbot im Theater hinwiesen.

Und wenn sie nicht gestorben sind … folgt auf die die Luft reinigende Rede des Prinzen rasch ein Lied. Was gefallen war, erhebt sich zu guter Letzt zum Tanz, dieser Schluss im Shakespeare’s Globe Theatre bei allen Stücken stets die schönste Tradition. Cheers fellows, it’s always a pleasure to see you – even on screen!

Coming Soon: „Romeo & Juliet“ wird noch bis 3. Mai kostenlos gezeigt, danach folgt am 4. Mai „The Two Noble Kinsmen“ und ab 11. Mai die aktuelle 2020er-Produktion von „Macbeth“ aus Shakespeare’s Globe. Mitunter erheiternde deutschsprachige Untertitel (siehe Übersetzungsfehler Nurse/Amme als Krankenschwester, wiewohl rund um Romeo mancher eine brauchte) können zugeschaltet werden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=8TuR24xhtYg           www.youtube.com/watch?v=6baK-km5gFA           www.youtube.com/watch?v=v_ji4opPBbY           www.artcarnuntum.at           www.shakespearesglobe.com

  1. 4. 2020