Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Schikaneder: Ab 30. September im Raimund Theater

Mai 10, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Vereinigten Bühnen präsentierten ihr neues Musical

Erste musikalisce Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder "Träum groß!". Bild: VBW

Erste musikalische Kostprobe: Milica Jovanovic und Mark Seibert singen als Eleonore und Emanuel Schikaneder „Träum‘ groß!“. Bild: VBW

Als schließlich zum ersten Mal vor Publikum der vorprogrammierte Hit „Träum‘ groß!“ intoniert wurde, klang es schon so, als würde Wolfgang Amadé ums Eck grinsen. Was nicht zuletzt daran lag, dass Dirigent Koen Schoots sein 31-köpfiges Orchester „mozartisch“, das heißt: „in der Fast-Original-Zauberflöten-Besetzung“, aufgestellt hat. Mark Seibert und Milica Jovanovic sangen das Liebesduett von Eleonore und Emanuel Schikaneder.

Denn darum geht’s im Wesentlichen, die turbulente Liebesgeschichte des genialen Wiener Theatermachers und seiner Frau. Das alles rund um die Schöpfung der „Zauberflöte“, deren Librettist und Ur-Papageno der Schauspieler, Sänger und Regisseur war. Und, nein, Mozart kommt diesmal nicht vor. Wie das geht, kann man ab 30. September, also genau 225 Jahre nach der Erstaufführung der Freimaureroper, erleben, wenn die Vereinigten Bühnen „Schikaneder“ als insgesamt dreizehnte Musical-Uraufführung des Unternehmens auf die Bühne des Raimund Theater heben.

Intendant Christian Struppeck, als Autor auch für das Buch verantwortlich, stellte die Produktion Dienstag Vormittag gemeinsam mit seinem „Schreibpartner“, dem Komponisten und Liedtexter Stephen Schwartz vor. Der Oscar-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträger ist ein Showman. Und so war ein Klavier flugs zur Stelle, auf dem der New Yorker Musiker für die Presse und einige handverlesene Musicalfans ein Best-of seiner Melodien zum besten gab. Dazu erklärt er in Kurzfassung die Handlung: Man lernt sich kennen, „We are only young once“, doch er kann seine Angewohnheit, sich für andere Frauen zu interessieren, nicht ablegen, es gibt einfach „Too many fish in the sea“. Sie lernt erst „To look the other way“, doch nach Trennung und Beinah-Pleite steht das Geschäftliche wieder im Vordergrund, es heißt „Striktly business“ und man macht sich an die Arbeit zu einer der berühmtesten Opern der Welt.

„It’s all true and really funny“, sagt Schwartz über seine Story. Und, dass er es erst aufregend, gefährlich und erschreckend fand, dass in seiner Musik Zitate von Mozart zu hören sein sollten. Nun, die Übung scheint aufs erste Hinhören gelungen. So zwischen volkslied’schem „Klinget, Glöckchen, klinget“, Walzeranklängen und very Wienerischem L’amour-Hatscher. Michael Kunze schreibt die deutschsprachige Fassung, David Cullen hat die Orchestierung übernommen.

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Intendant Christian Struppeck stellte mit Komponist und Liedtexter Stephen Schwartz die Produktion vor. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Reinwald Kranner, Katie Hall, Christian Struppeck, Stephen Schwartz, Milica Jovanovic, Mark Seibert, Koen Schoots, David Cullen und Florian Peters. Bild: VBW

Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Die Schikaneders in ersten Kostümen: Mark Seibert und Milica Jovanovic. Bild: Rafaela Pröll/VBW

Seit vier Jahren schon beschäftigt sich Struppeck intensiv mit dem Projekt. Er sei fasziniert, sagt er, von diesem waghalsigen Unternehmer, mit seinem Sinn fürs Spektakuläre und seinen Antennen für den Publikumsgeschmack. Und, mal ehrlich, was könnte schöner an ein VBW-Haus passen, als eine Hommage an den Gründer der Raimund-Theater-„Schwesterbühne“, des Theaters an der Wien. Dies sei in dieser Stadt tatsächlich längst überfällig.

Auch Darsteller Mark Seibert schwärmt von seinem Charakter: „Schikaneder war definitiv ein Visionär, der das Theater neu erfinden wollte. Privat allerdings war er ein Hallodri, der es immer geschafft hat, mit einem Augenzwinkern davonzukommen. Ich bewege mich da auf einem schmalen Grat, denn Schikaneders großes Selbstbewusstsein und seine maßlose Selbsteinschätzung können schnell auch unsympathisch wirken. Meine Aufgabe wird es sein, die Figur so charmant zu gestalten, dass man ihn trotzdem mag.“ Bühnenpartnerin Milica Jovanovic sieht Eleonore Schikaneder als „moderne, emanzipierte Frau, und das im 18. Jahrhundert! Es ist fantastisch, wie sie es geschafft hat, von der Schauspielerin zur Intendantin zu werden. Welch eine Karriere! Schade, dass sie heute fast vergessen ist.“ Nachsatz: „Doch das werde ich jetzt ja ändern.“ Sie lacht.

Mit den beiden spielen unter anderem Reinwald Kranner, der „gerade übt, in Saft zu gehen“, den Schikaneder-Gegenspieler Karl Marinelli, Florian Peters Eleonores Verehrer Johann Friedl, Katie Hall die Maria Anna Miller, Franziska Schuster und Katja Reichert die Barbara Gerl, die spätere Papagena, und Josepha Hofer, Mozarts Schwägerin, die spätere Königin der Nacht. Hardy Rudolz ist als Franz Moser und Josef von Bauernfeld zu sehen, Armin Kahl als Benedikt Schack.

Anthony Ward gestaltet Bühnen- und Kostümbild, „alles wird aussehen, wie 1791“, sagt er, „und auch die Art, wie die Bühnenbilder bewegt werden, haben wir an die damaligen technischen Gegebenheiten angepasst“; Anthony van Laast übernimmt die Choreografie. Und mit noch einem Superstar kann Christian Struppeck aufwarten: Sir Trevor Nunn wird Regie führen. Der Tony-Preisträger und ehemalige Intendant der Royal Shakespeare Company meldet sich via Videozuspielung zu Wort. Was er davon hält, Schikaneder ein Musical zu widmen? „Well, das ist nicht die schlechteste Idee der Welt!“ Stimmt. Der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

www.musicalvienna.at

Wien, 10. 5. 2016

Theresia Walser im Gespräch

April 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich brauche Anarchie beim Schreiben“

Theresia Walser, Tochter des berühmten Autors Martin Walser, auf Kurzbesuch in Wien. DIE Gelegenheit für ein Gespräch:

MM: Sie haben bei Ihrem Wien-Besuch nun  Ihre beiden Österreichischen Erstaufführungen „Die Liste der letzten Dinge“ im KosmosTheater und „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ im Schauspielhaus gesehenen. Wie hat’s Ihnen gefallen?

Theresia Walser: Es sind natürlich zwei völlig verschiedene Stücke. Aber beide Aufführungen fand ich sehr beglückend.

MM: Ersteres ist ein Traumspiel, ein Albtraumspiel, Zweiteres ist an Realitäten angedockt. Obwohl die Stücke so verschieden sind, kann man der Autorin einen Hang zum Skurrilen, zum Makaberen nicht absprechen.

Walser: Beiden Stücken kann man, wenn man so will, ein dunkles Lachen abgewinnen, wobei das Lachen in den „Äpfeln“, wie man in Wien wunderbar sehen konnte, viel befreiender sein kann. Das letzte Mal war ich in Wien im Jahr 2000, da hat Chris Pichler am Volkstheater meinen Monolog „Kleine Zweifel“ gespielt – einer meiner ersten Texte. Dass ich jetzt in kurzer Zeit hier gleich zwei Mal aufgeführt wurde, ist wohl Zufall. Beides zwei Frauenstücke!  Man schreibt wahrscheinlich immer das, was man selbst gern gespielt hätte.

MM: Warum haben Sie aufgehört, Schauspielerin zu sein?
Walser: Das ist eine lange Geschichte. Ich wollte Sängerin werden, habe ich Graz studiert, und irgendwann eine stimmliche Krise gekriegt. Ich musste pausieren, bin auf die Schauspielschule gegangen, damit sich meine Stimme erholt. Als Schauspielerin war ich aber nie gern auf der Bühne. Während des Spielens liefen bei mir innerlich ständig Subtexte mit, die wurden mit der Zeit  immer lauter. Ich brauchte also offensichtlich meinen eigenen Text – und so hat’s begonnen. Ich habe angefangen, Rollen für mich zu schreiben. Und als die fertig waren, hatte ich jedes mal das Gefühl, diese beim Schreiben schon genug gespielt zu haben, so, dass ich froh war, wenn das auf der Bühne andere übernehmen. Ich habe mich sozusagen von der Bühne runter geschrieben.
 
MM: Es ging also tatsächlich darum, eigene Texte haben zu wollen …
Walser: Mein Schreiben ist bis heute kein leises Schreiben. Ich spreche oder flüstere die Sätze mit. Ich schreibe, wenn man so will, dem Klang nach. Es gibt ja auch Leute, die tippen leise in sich hinein. Bei mir ist es meistens laut, gestikulierend. Der Text muss eine Melodie, einen Klang haben, das Hörbare muss ich mir vorsagen.
 
MM: War Prosa, Lyrik, Essays nie ein Thema für Sie?
Walser: Alle Versuche, die ich da gemacht habe, habe ich dann doch wieder fürs Theater benutzt.
 
MM: Wenn Sie Ihre Texte beim Schreiben sozusagen Spielen, wie groß ist dann die Enttäuschung, wenn’s auf der Bühne nicht so klingt, wie an Ihrem Schreibtisch. Die Frustrationsskala der Dramatikerin …
Walser: … ist nach oben offen. Glück ist doch langweilig. (Sie lacht.) Nein, im Ernst: Ich brauche eine andere Fantasie, die meine Arbeit weitertreibt, von der fühle ich mich auch abhängig. Deshalb würde ich nie Regie führen. Ich habe nicht so eine genaue Vorstellung, wie das sein muss. Ich muss die Texte für mich selber in Gang bringen, dabei ist mein Ohr der schärfste Kritiker – den Rest überlasse ich sehr gerne anderen.
 
MM: Sie sagen: Schreiben ist körperliche Arbeit.

Walser: Ja, ich nehme dabei auch ab. (Sie lacht.) Ich finde Sprache ist etwas sehr Körperliches. Als Schauspielerin war ich es gewohnt mit Händen und Füßen durch Texte zu gehen. Das empfinde ich heute ähnlich. Natürlich gibt es immer die Angst vor dem Anfang. Aber es ist auch jedes mal eine Art Abenteuer, bei dem ich hoffe, dass die Figuren sich irgendwann in einem gewissen Sinne verselbstständigen. Das birgt natürlich auch ein Risiko, wenn die Figuren mir meine Pläne auf einmal über den Haufen werfen, wie Piraten, die ein Schiff entern. Andererseits brauche ich diese Anarchie beim Schreiben, damit Leben in die Bude kommt. Kann auch sein, dass nur Wust übrig bleibt. Das nimmt man halt dann und wirft es weg. Es gab mal eine Zeit, da blieb von einem Stück nur die letzte Szene übrig. Der Anfang wurde dann ein ganz anderes Stück. Das war „King Kongs Töchter“, ursprünglich ein Text über Billie Holiday, die mir als Figur in allen meinen Absichten brav gefolgt ist, aber völlig leblos blieb.  Erst am Schluss hat sie sich aufgelehnt weil sie nicht sterben wollte. Da fing es auf einmal an zu leben.

MM: In „Die Liste der letzten Dinge“ sind Ihre Protagonistinnen Kunstfiguren, stellen Sie/sie Behauptungen auf. Sie wollen als Erlöserinnen die Welt von sich erlösen. Was in ihren Augen mehr ist, als der neutestamentarische Erlöser geschafft hat. In „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ begeben Sie sich beinah auf das Terrain der Kriegsberichterstatterin. Warum haben Sie diese drei Frauen ausgesucht?
Walser: Dieses Stück hängt mit „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“, das ich vor ein paar Jahren geschrieben habe, zusammen. Da sind drei Schauspieler zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, die alle drei Hitler – das heißt: einer hat „nur“ Goebbels – gespielt haben. Und sie reden, ob und wie man Hitler darstellen darf. Wie menschlich, wie monströs, wie lächerlich, wie unmöglich etc. Als „Der Untergang“ ins Kino kam, konnte man im Fernsehen in den Talkshows immer wieder Schauspieler erleben, die sich fast dafür entschuldigten, dass sie Hitler gespielt haben und die sich nun darüber unterhielten, ob man Hitler denn überhaupt darstellen könne. Diese ganzen Diskussionen über die Unmöglichkeit einer Darstellung fand ich ganz wunderbar für das Theater und später habe ich dann nach einem ähnlichen Stoff für Frauen gesucht. Margot Honecker war als erste da; von der haben wir das deutlichste Bild. Dann ganz klar: Imelda Marcos, die gehört einfach auf die Bühne, diese grausame Operettendiva.
 
MM: Leïla Ben Ali …
Walser: … ist die aktuellste Figur unter den dreien. Wobei ein bisschen was von Suzanne Mubarak und Asma alAssad in die Figur einfließt. Für alle diese ungeheuren Damen brauchte ich natürlich einen Vermittler: Gottfried, der Übersetzer. Er wurde aus seinem Namen geboren. Dass gibt es manchmal, dass ein Name seine Figur mitbringt. Dass er Gottfried heißt, hat aus ihm die Figur gemacht, die er ist. Dabei ist mir die Komik in diesem Stück sehr wichtig. Ich glaube an das Lachen als große Anteilnahme, als Involviertheit und auch als Verstrickung. Solche Schreckensbilder des Bösen sind ja letztendlich nur Vergrößerungsspiegel dessen, was wir alle von uns selbst bestens kennen.

MM: Der Zerrspiegel, den Sie zeigen, macht das Ganze noch absurder als es ist.

Walser: Stimmt. Wir sind im Theater. Wir sehen Schauspielerinnen, die Diktatorengattinnen spielen, die sich darüber unterhalten, wie sie einmal von Schauspielerinnen dargestellt werden wollen. Es geht also im weitesten Sinn auch um die Darstellung der Selbstdarstellung und damit auch ums Theater. 
MM: Hannah Arendt hat den Begriff der Banalität des Bösen geprägt. Gibt es auch eine Poesie des Bösen?
Walser: Ja. Das ist doch ungeheuer, dass die alle so eine poetische Ader haben. Gaddafi hat einen ganzen Gedichtband geschrieben. Ganz kryptisch-verschwurbelte Poesie. Der Satz „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ stammt aus einen Gedicht von Gaddafi. Mao schrieb Liebesgedichte. Da denkst du, das ist das zarteste Seelchen überhaupt. Diese Selbststilisierung des Tyrannen als einsamer, vom Volk verfolgter Herrscher, ist ungeheuer. Aber dass Poesie und Tyrannei einen Zusammenhang haben wundert mich eigentlich nicht.
MM: Arbeiten Sie von Nine to Five oder mitten in der Nacht?
Walser: Früher saß ich mit der Zigarette im Mund zu jeder Tages- und Nachtzeit am Schreibtisch und habe da Intensität gespielt. Heute habe ich eine Tochter, das ordnet mein Leben ganz anders. Da gibt es Schulzeiten, Hausaufgaben … Ich rauche übrigens auch nicht mehr, außer an Premieren in Wien.
 
MM: Was gibt es an Plänen?
Walser: Einen Abgabetermin. Das Theater Mannheim will am 20. April die erste Arbeitsfassung von „Herrinnen“ lesen. Darin geht’s um Topmanagerinnen, die Chefinnenetage. Die den Männern punkto Skrupellosigkeit, Brutalität, Eigennutz in nichts nachstehen. Und auch dieselben Worthülsen, diese ins Leere drehende Hamsterradsprache. Es nimmt sich dabei nichts, ob es Frauen sind oder Männer. Gott sei dank verliert man dabei die Illusion, dass Frauen die besseren Menschen sein sollen. Das wäre ja auch eine furchtbare Aufgabenverteilung und Anmaßung. Dann habe ich zum 600-jährigen Konzilsjubiläum in Konstanz ein Stück mit meinem Mann Karl-Heinz Ott zusammen geschrieben, der eigentlich Roman-Autor ist. Diese gemeinsameArbeit hat etwas Erleichterndes. Jeder kann dem anderen heimlich die Verantwortung auf die Schulter landen. Trotzdem war  es viel Arbeit, weil wir ja keinen Geschichtsunterricht abliefern wollten.
MM: Eine Frage zur Familie: Ihre Schwester Franziska ist Schauspielerin, ihre Schwestern Alissa und Johanna schreiben Romane. Tauscht man sich aus?
Walser: Ja, wir sehen uns immer wieder. Zur Zeit natürlich am meisten Franziska und ihren Mann Edgar Selge. Die haben jetzt ein Engagement bei Armin Petras in Stuttgart. Das ist ja praktisch bei mir um die Ecke.

www.kosmostheater.at

www.mottingers-meinung.at/kosmostheater-die-liste-der-letzten-dinge

www.schauspielhaus.at

www.mottingers-meinung.at/das-schauspielhaus-wien-spielt-theresia-walser

Wien, 18. 4. 2014

Lauter verkannte Genies

März 14, 2013 in Buch

Pioniere der Technik und Naturwissenschaften

Kennen Sie Theodore Maimann? Er hat als Erster einen Laserstrahl erzeugt, wurde dafür aber nie ausreichend gewürdigt. Wissen Sie, was Johann Kravogl erfunden hat? 1867 präsentierte er auf der Pariser Weltausstellung den ersten Elektromotor der Welt, seine Erfindung blieb aber ungeschützt. Wussten Sie, dass Ada Byron-Lovelace bereits 1843 die erste Programmiersprache entwickelt hat? Oder dass Rosalind Franklin die DNA-Struktur entdeckte, ihre Kollegen aber den Nobelpreis erhielten?

Sie wurden von Umwelt und Nachwelt verkannt und verspottet. Ihre Erfindungen wurden gestohlen, sie selbst als Spinner abgetan, unterdrückt, ausgebremst oder weggesperrt: die 22 verkannten Pioniere dieses Bandes. pioniere

Ihre Geschichten werden von Autor Armin Strohmeyr packend erzählt.

Wir reisen schnell und bequem mit Auto und Flugzeug, telefonieren, fotografieren und halten es für selbstverständlich, dass elektrischer Strom aus der Steckdose kommt. Und längst spielen Genetik und Laser auch in unserem Alltag eine segensreiche Rolle. Die Erfinder dieser Errungenschaften waren zwar geniale Denker, Tüftler und Visionäre, aber meist keine Geschäftsleute und Juristen. Viele von ihnen scheiterten daran, ihre Erfindungen zu patentieren und zu vermarkten. Sie scheiterten an „Kollegen“, an der Konkurrenz, an gesellschaftlichen Umständen und meist an der Dummheit anderer. Die Lebensgeschichten dieser Pioniere und die Geschichte ihrer Erfindungen gleichen Abenteuerromanen: Sie sind spannend, tragisch, haarsträubend, bisweilen auch unfreiwillig komisch. Und beinahe unglaublich – wären sie nicht wirklich passiert. Armin Strohmeyr erzählt in seinem neuen Buch von genialen Denkern und Erfindern, Wissenschaftlern und Technikern, herausragenden Frauen und Männern, die eines gemeinsam haben: Sie haben sich und die Bedeutung ihrer Erfindungen unterschätzt. Ihre  Biografiensind abenteuerlich spannend, haarsträubend, völlig unwahrscheinlich, manchmal unfreiwillig komisch, aber sie sind alle wirklich passiert!

Und werden hier packend erzählt.

Zum Autor:
Armin Strohmeyr, geboren 1966, ist promovierter Germanist und Autor viel beachteter Biografien über Klaus und Erika Mann, Annette Kolb, George Sand, die Frauen der Brentanos und Sophie von La Roche sowie der Porträtsammlungen Verlorene Generation über vergessene Dichter der 1930er Jahre, Glaubenszeugen der Moderne und Abenteuer reisender Frauen. Er ist Herausgeber des Reiseführers Urlaub im Kloster , Herausgeber der Werke Oskar Schürers und Hedwig Lachmanns und mehrerer Lyrikanthologien. Außerdem ist er Autor zahlreicher Features für das Radio, schrieb Gedichte und Theaterstücke, auch für das Figurentheater, und wurde mit dem Kulturpreis der Stadt Königsbrunn (2005) und mit dem Stipendium „Burgschreiber zu Beeskow“ (2010) ausgezeichnet.
Armin Strohmeyr lebt in Berlin.

Verlag Styria premium, Armin Strohmeyr: „Verkannte Pioniere. Abenteurer, Erfinder, Visionäre“. 304 Seiten.

www.styriabooks.at

Von Rudolf Mottinger

Wien, 14. 3. 2013