Architekturzentrum Wien: Serious Fun

März 13, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mord in Puppenhäusern und phallische Skylines

© MärchenHaft, Sabine Bloch Fotokünstlerin, 2005–2006

Klassische Architekturspiele kennt man, von Bauklötzen, die zu gewagten Gebäuden werden, bis zu Brettspielen, auf denen die Spielenden um räumlichstrategische Vorteile rittern. Aber welche architektonischen Erzählungen stecken in Puppenhäusern, nach welchen Leitlinien wachsen Städte in Computerspielen und welche Gebäude bieten EgoShootern Schutz vor einem Angreifer?

Die Ausstellung „Serious Fun“ im AzW zeigt und hinterfragt ab 17. März Architekturspiele. Sie lädt zum Staunen, Spielen und Nachdenken ein. Architekturspiele sind Teil des kulturellen und technischen Erbes. Sie sind aus Holz (ich habe meinen Matador aus den 1970er-Jahren noch!), Metall oder Karton, andere werden auf Computern oder Konsolen gespielt.

Hybride Varianten machen aus der Stadt selbst ein Spiel und öffnen Schnittstellen zu parallelen Welten. Architekturspiele sind aber auch Teil der Sozialgeschichte. Als ausdrucksstarke Form der populären Kultur vermitteln sie, wie die Menschen gebaute Umwelt wahrnehmen und wie sie sie sich anders vorstellen könnten. Im Gegensatz zu bildlichen Darstellungen, die man auf Distanz betrachtet, entfalten Spiele einen stark immersiven Charakter: Wer an einem Spiel teilnimmt, wird selbst Teil des Spiels.

Diese mitreißende Kraft ist ambivalent. Einerseits laden die Miniaturen dazu ein, die Entwicklung von Gebäuden, Städten oder Situationen mitzubestimmen, zu denen man in der Realität keinen Zugang hätte. Deshalb sind Spiele auch zum beliebten Instrument in Beteiligungsprozessen geworden. Andererseits sind es die Entwicklerinnen und Entwickler, die den Verlauf und das Ergebnis der Spiele beeinflussen oder manipulieren. Ihre Entscheidungen bauen nicht nur Welten, sondern auch Weltanschauungen.

Die Ausstellung präsentiert Spiele und Reflexionen über Spiele. Die Exponate, viele davon interaktiv, stammen von ArchitektInnen, KünstlerInnen und SpieleentwicklerInnen. Dabei wird der Blick immer wieder auf spezifische, manchmal merkwürdige, oft innovative Aspekte von Architekturspielen gelenkt. Welche Utopien, Dystopien evozieren sie, welche Werte und Ideen vermitteln, kritisieren oder bestätigen sie? Welche Orte, Themen und Lebensweisen bleiben normalerweise außer Betracht und welche Spiele füllen solche Lücken?

Die Besucherinnen und Besucher können Stadtrundgänge durch Computerspiele machen, virtuell am Londoner Immobilienmarkt mitspielen, sie erleben Puppenhäuser als schaurige Dramolette oder emanzipatorische Erzählungen, sie können in einem rein akustischen Videospiel die räumliche Erfahrung von Blinden nachempfinden oder gemeinsam mit anderen klimafitte Stadtviertel bauen. Die Ausstellung „Serious Fun“ lädt zum Spielen und Nachdenken ein. Sie ermöglicht das Eintauchen in bekannte und unbekanntere Spiele, regt aber auch dazu an, sich zu distanzieren und einen kritischen Blick auf die Welt der Spiele und ihre gebauten Welten zu werfen. Spiele können Architektur feiern und banalisieren, Welten eingrenzen und entgrenzen. Sie arbeiten nicht nur mit Architektur, sie halten ihr auch einen Spiegel vor.

© London Developers Toolkit, You+Pea, 2015

© Isometric Screenshots / Picknick-Szene aus „The Sound of Music“, Jon Haddock, jhaddock at whitelead.com, 2000

© Critical Blocks, Maykel Roovers, 2012

Zu den hier abgebildeten Projekten:

MärchenHaft. Puppenhäuser, schräge Typen und dolle Dinge, Sabine Bloch, 20052006. Fotokünstlerin Sabine Bloch konstruiert in ihren Montagen, die auf Fotografien basieren, komplexe Beziehungsräume, die sich oft erst auf den zweiten Blick erschließen. In der Serie „MärchenHaft führt sie vor Augen, wie sehr die idyllischen Szenerien von Puppenhäusern eine heile Welt vorgaukeln. Wer nicht wegschaut, wird mit Gräueltaten und Tragödien konfrontiert.

London Developers Toolkit. Sandra Youkhana & Luke Caspar Pearson (You+Pea), 2015. Die satirische App untersucht die aufkeimende Skyline phallisch anmutender Wohntürme in London. Sie fordert die Benutzerinnen und Benutzer auf, aus vorangefertigten, ikonischen Teilen einen eigenen, megalomanen Wolkenkratzer zusammenzustellen und dazu aufdringliches Werbematerial zu gestalten, das anschließend gedruckt werden kann.

Picknick-Szene aus „The Sound of Music“. Jon Haddock, jhaddock at whitelead.com, 2000. Teil einer Serie von 20 Zeichnungen aus einer isometrischen Perspektive im Stil eines Computerspiels. Thema jeder Zeichnung sind ikonische kulturelle Momente. Historische Ereignisse wie die Ermordung von Dr. Martin Luther King Jr. im Lorraine Motel mischen sich mit fiktiven wie der Picknick-Szene aus „The Sound of Music“.

Critical Blocks. Maykel Roovers, 2012. Produktdesigner Roovers entwarf einen Baukastensatz, der sonst nie Teil der Modellbauwelt wird: ein Atomkraftwerk, eine Megafarm und eine Großwohnanlage, die durch Autobahnen miteinander verbunden sind. Für den Designer verkörpern sie essentielle Elemente heutiger Architektur und Raumplanung. Großmaßstäbliche Architektur wird durch die Spielklötze abstrahiert und der Kontrast zwischen der Härte dieser stadtplanerischen Bauten und der spielerischen Kinderwelt, die Freundlichkeit und grenzenlose Möglichkeiten vorgaukelt, betont.

Zu sehen bis 5. September.

www.azw.at

13. 3. 2022

Architekturzentrum Wien: Boden für Alle

Dezember 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Österreich im Einfamilienhaus

Baugrund zu verkaufen. © Johann Jaritz, Wikimedia Commons, lizensiert unter CC BY-SA 4.0; Collage: Christina Kirchmair

Die Oberfläche der Erde ist endlich und Boden ein kostbares Gut. Ein sorgloser oder rein kapitalgetriebener Umgang mit dieser Ressource hat in den vergangenen Jahrzehnten Gestalt und Funktion der Städte und Dörfer massiv verändert. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und steigender Wohnungspreise stellt sich die Frage, ob der bisherige Weg mit maximalen Kompromissen und minimalen Anpassungen noch tragbar ist. Wo bleibt eine weitreichende und mutige Bodenpolitik?

Fragen wie dieser geht die Ausstellung „Boden für Alle“ nach, die ab 9. Dezember im Architekturzentrum Wien zu sehen ist. Es ist erstaunlich, wie oft die Tatsache, dass Boden eine nicht erneuerbare Ressource ist, wiederholt werden kann und trotzdem noch „Aha“Erlebnisse hervorruft. Die Zersiedelung des Landes wird schon seit Jahrzehnten angeprangert. Mittlerweile könnten alle Österreicherinnen und Österreicher in bereits bestehenden Einfamilienhäusern untergebracht werden, und trotzdem wird weiter Bauland gewidmet, werden neue Einkaufszentren auf der grünen Wiese und Chalet-Dörfer in den Alpen errichtet. Die fortschreitende Versiegelung trägt zur Klimakrise bei und gefährdet die Ernährungssicherheit.

Die Hortung von und Spekulation mit Grundstücken verteuert das Wohnen und führt zu einer schleichenden Privatisierung des öffentlichen Raums. Vielerorts entstehen Wohnungen, deren Funktion nicht die eines „Heimes“ ist, sondern einer Kapitalanlage, die auch ungenutzt ihren Wert steigert. Mit seiner Schau will das AzW die Kräfte sichtbar machen, die am Boden zerren. Die Ausstellung zeigt auf, dass die Menschen ein System geschaffen haben, das Flächenverbrauch zwingend voraussetzt. „Wir alle profitieren scheinbar davon und übersehen die langfristigen Folgen dieses Handelns“, warnen die Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter.

Verbaute Erde – Parkflächen statt Ackerland. © ÖHV

The Landmatrix versucht, Transparenz in den globalen Landhandel zu bringen. Aufnahme eines Sojafelds im Nacala-Korridor, Mosambik, einem der wichtigsten Zielgebiete für internationale landwirtschaftliche Großinvestitionen in Afrika. © Bild: Julie Zähringer, 2016

Schwache oder nicht angewandte Instrumente der Raumplanung, ein teils fehlgeleitetes Steuergesetz und Förderungswesen sowie eine mutlose Politik schreiben den Status Quo fort, anstatt eine Vision für die Zukunft zu entwickeln. Anschaulich und konkret, kritisch und manchmal auch unfreiwillig absurd erläutert die Ausstellung die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Hintergründe. Wie wird Grünland zu Bauland? Wieso steigt der Preis für Grund und Boden? Was hat das alles mit der Leute Lebensträumen zu tun?

Fallstudien und Begriffserklärungen bringen Licht in das Dickicht der Zuständigkeiten. Ländervergleiche veranschaulichen Stärken und Schwächen, internationale BestPracticeBeispiele zeigen Alternativen. Eine Sammlung an bereits bestehenden und möglichen neuen Instrumenten weist Wege zu einer Raumplanung, die die Ressource Boden schont, den Klimawandel abfedert, Bodenspekulation unterbindet und eine gute Architektur ermöglicht. Alle sind aufgefordert, neu zu denken und zu handeln. Die Ausstellung bereitet im Wortsinn den Boden dafür. Gleich beim Betreten der Schau wird der Besucher, die Besucherin mit der harten Realität des Flächenverbrauchs in Österreich konfrontiert:

Wie viele Hektar Boden werden pro Sekunde versiegelt? Wie viele Einfamilienhäuser werden pro Stunde gebaut? Wie viele Meter Straße entstehen pro Minute? Vielleicht überspitzt anmutend wird anhand comic-hafter Fotostorys dargestellt, wie sich beim Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessenlagen nicht unbedingt jene durchsetzen werden, die das Wohl der Allgemeinheit im Fokus haben. Aufs Korn genommen werden die persönlichen Wünsche und Handlungsentscheidungen rund um viel diskutierte Bautypologien: das Einfamilienhaus, das Einkaufszentrum, der Wohnturm. Satire natürlich! Doch steckt hinter jeder Satire ein Körnchen Wahrheit.

In Südkoreas Hauptstadt Seoul wurde 2005 ein 10,9 km langes Stück der Stadtautobahn abgerissen, der darunter befindliche Fluss Cheonggyecheon renaturiert und ein Park geschaffen. © Sue@Reisephilie (reisephilie.at)

Mehr als 100 Jahre versorgte die ENCI-Kalkgrube die Niederlande mit Kalk für die Zementerzeugung. 2018 wurde sie in ein beeindruckendes Naturreservat verwandelt, das Raum für Naherholung, seltene Pflanzen und Vögel bietet. © Rademacher / de Vries Architects

Doch es wird nicht nur kritisiert und gemahnt. 16 positive Projekte aus der ganzen Welt propagieren einen anderen Umgang mit Grund und Boden. Beispiele für die Belebung von Ortskernen durch Eigeninitiative oder für Verdichtung im existierenden flächenintensiven Siedlungsbereich. Beispiele für den Erhalt von Bodenqualität in der Landwirtschaft sowie den Schutz von Grünflächen vor Versiegelung. Es geht aber auch um die konsequente Entsiegelung und Renaturierung nicht mehr genutzter oder verzichtbarer Infrastruktur, sei es eine Stadtautobahn oder eine ehemalige Kalksteingrube.

Und es werden Projekte vorgestellt, die andere ökonomische Wege beschreiten: Modelle, die sich als Alternative zum Privateigentum an Grund und Boden bewährt haben oder „revolutionäre Ideen“ wie die Abschöpfung von Widmungsgewinnen. Als Reaktion auf die Intransparenz großer Immobilientransaktionen, sei es im städtischen Wohnen oder im Agrarsektor im globalen Süden und Osten, stellt das AzW engagierte Plattformen vor, die sich für Transparenz einsetzen und mit ihrer Recherchearbeit das Ausmaß des globalen Geschäfts sichtbar machen. Die Gesamtheit der Schau soll Inspiration für Entwicklungen, für die tägliche Arbeit und persönliche Entscheidungen sein. Denn es geht auch anders.

www.azw.at

9. 12. 2020

Az W – Hans Hollein ausgepackt: Das Haas-Haus

Juni 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einblicke ins „Eckhaus der Nation“

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985-1990, Baustelle 1989. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Margherita Spiluttini

Als „Eckhaus der Nation“ bezeichnet, erregte das Haas-Haus vis-à-vis dem Stephansdom wie selten ein Gebäude bereits vor seiner Errichtung die Gemüter. Anlässlich des 85. Geburtstages von Hans Hollein öffnet das Architekturzentrum Wien am 12. Juni sein Archiv und gewähren einen Blick hinter die Kulissen, in die Entstehung seines wohl bekanntesten Wiener Gebäudes. Ursprünglich als Umbaustudie beauftragt, wurde der kostengünstigere Neubau 1990 fertiggestellt.

Im vierten SammlungsLab des Az W machen vielfältige Modelle und Zeichnungen die Genese des Projektes nachvollziehbar, von städtebaulichen Überlegungen zum Umfeld über ausführliche Studien zu Fassade und Atrium bis hin zu Schriftzug und Farbe des Bauzauns. Die Fülle des erhaltenen Materials gibt Einblick in den Arbeitsprozess im Atelier Hollein. Herangehensweisen, Verworfenes, Alternativen, Bezüge und Metaphern werden in einer noch nie gezeigten Tiefe offengelegt. Medienberichte erinnern an teils heftig geführte Debatten. Unter Beibehaltung der äußeren Erscheinung kam es 2002 zum Rückbau des fünfgeschossigen Atriums. Seit 2012 steht das Haas-Haus unter Denkmalschutz.

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Baustelle. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Blick vom Stephansdom. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Zur Eröffnung der Schau gibt es die Podiumsdiskussion „Die Causa Haas-Haus“ zu Fragen wie: Was kann und darf moderne Architektur im historischen Zentrum? Welche Auswirkungen hatte das Haas-Haus auf die ihm folgenden Neubauten in der Innenstadt? Am 5. Juli findet die Exkursion „Designed by Hans Hollein“ statt, ein Stadtspaziergang, der fünf Jahrzehnte von Holleins architektonischem Schaffen nachvollziehen lässt. Der Rundgang führt vom prägnanten Aluminiumportal des ehemaligen „Kerzengeschäft Retti“ vorbei an den Läden des Juweliers Schullin zum Haas-Haus und weiter zur Tabak Trafik , zur Boutique Christa Metek und schließt mit dem Eingangsbereich der Albertina ab.

Der 2016 durch die Republik Österreich erworbene und durch das MAK übernommene umfangreiche Teilnachlass wurde in Form einer Dauerleihgabe an das Az W übergeben. Seitdem liegt das „Archiv Hans Hollein, Az W und MAK, Wien“ dem Architekturzentrum Wien zur wissenschaftlichen Aufarbeitung vor. Die Komplexität des Ausstellungsmaterials macht die Bedeutung von Vor- und Nachlässen für ein tieferes Verständnis von Baukultur sichtbar.

www.azw.at

Wien, 11. 6. 2019

Architekturzentrum: Rural Moves. The Songyang Story

März 10, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pekinger Architektin Xu Tiantian zeigt ihre Arbeiten

Bamboo-Theater, Hengkeng Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Dynamische Urbanisierungsprozesse prägen weite Teile der Welt. Die junge Bevölkerung wandert in die Städte, ältere Menschen und Kinder bleiben in den ländlichen Gegenden zurück. Lange Zeit wurde die Revitalisierung dieser Regionen vernachlässigt.

Mit dramatischen sozioökonomischen und gesellschaftspolitischen Folgen. Vor dem Hintergrund, dass die Entwicklung des ländlichen Raums weltweit eine der dringendsten Herausforderungen darstellt, zeigt die Ausstellung „Rural Moves – The Songyang Story“ ab 14. März im Architekturzentrum Wien wegweisende Strategien der jungen Pekinger Architektin Xu Tiantian, die sie in der chinesischen Region Songyang umgesetzt hat. Songyang ist ein von Bergen und dem Fluss Songyin geprägter Landkreis mit mehr als 400 Dörfern im Südosten der Provinz Zhejiang. Die besondere Landschaft mit sanften Hügeln, Reisfeldern und Teeplantagen lässt sich in der traditionellen chinesischen Literatur und in vielen Gemälden wiederfinden.

Obwohl touristisch attraktiv, ist die Region stark von Landflucht geprägt. Diverse Modernisierungsmaßnahmen, von neuen Straßen und Schnellzugtrassen bis zur digitalen Breitbandversorgung in jedem Bergdorf, zeigten bisher noch nicht die gewünschte Wirksamkeit. Nun gestaltet die regionale Regierung gemeinsam mit der Architektin Xu Tiantian den Strukturwandel mit präzisen architektonischen Interventionen.

Dushan Leisure Centre, Silingxia Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Hakka Indenture Museum, Shicang Village. DnA-Design and Architecture. Bild: Wang Ziling

Die Bauten schaffen sowohl neue Produktionsstätten als auch öffentliche und kulturelle Orte und binden dabei vorhandene Ressourcen und oft schon vergessene handwerkliche Traditionen ein. Wie Akupunkturen ziehen die kleinmaßstäblichen, hochgradig kontextuellen Projekte ein weit ausstrahlendes Netzwerk über die Region und schaffen kulturelle, soziale und ökonomische Zukunftsperspektiven.

Xu Tiantian, die erste chinesische Architektin mit einem eigenen Büro – DnA-Design and Architecture –, hat in Zusammenarbeit mit den Dorfgemeinschaften, der kommunalen Regierung und lokalen Handwerkern eine Vielzahl von Projekten in Songyang umgesetzt. Sie ließ sich für alle Gebäudeentwürfe von der gebauten Geschichte der Orte inspirieren und erweiterte sie um zusätzliche Elemente und Funktionen.

Das verhilft der ländlichen Gegend zu einem dynamischen und organischen Wachstum und lockt gleichzeitig eine neue Generation moderner Landbewohner an.Die Ausstellung zeigt ausgewählte Projekte und erläutert sie mit Modellen, Plänen und Fotografien. Filme veranschaulichen die neue Architektur, die Kultur und auch die Geschichten der Menschen von Songyang.

www.azw.at

10. 3. 2019

Architekturzentrum Wien: Downtown Denise Scott Brown

November 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Flanieren auf der Piazza

Denise Scott Brown vor der Skyline von Las Vegas, 1972. Bild: Robert Venturi

Denise Scott Brown ist Legende, Geheimtipp und Ikone. Sie startete eine Revolte gegen die architektonische Moderne mit dem Ziel, die Moderne zu retten. Höchste Zeit für die weltweit erste umfassende Einzelausstellung zum Werk der heute 87-jährigen Architektin, Stadtplanerin, Lehrerin und Autorin: „Downtown Denise Scott Brown“, zu sehen ab 22. November im Architekturzentrum Wien.

Seit den 1960er Jahren hat Denise Scott Brown – gemeinsam mit ihrem Partner und Ehemann Robert Venturi, mit dem sie ein Büro in Philadelphia führte – Generationen von Architektinnen und Architekten auf der ganzen Welt beeinflusst. Sie hat den Zusammenhang von Architektur und Stadtplanung, die Regeln von Entwurf, Fotografie und Analyse sowie Fragen von sozialer Verantwortung und Alltag und nicht zuletzt die Möglichkeit gemeinsamer Kreativität neu definiert. Aus ihrem Forschungsprojekt zu Las Vegas entstand das wegweisende Buch „Learning from Las Vegas“, dessen Einfluss bis heute spürbar ist.

Scott Brown trat als heftige Kritikerin einer Moderne an, die Kontext, Kommunikation und Geschichte beharrlich ignorierte. Die Arbeit mit dem Vorhandenen, mit der „Stadt als Palimpsest“, ist für ihre urbanistische und theoretische Arbeit zentral. Heute, da sich eine jüngere Generation von Architekten wieder dieser Komplexität verschreibt, sind Scott Browns undogmatische Formensprache, ihre zurückhaltenden urbanen Eingriffe, ihre aufschlussreichen photographischen Analysen, aber auch ihre manieristischen Eskapaden und ihr postheroischer Humor reif für eine Wiederentdeckung.

Denise Scott Browns Leistungen wurden in den letzten Jahrzehnten oft übersehen oder marginalisiert. So wurde 1991 der Pritzker Preis für die gemeinsame Arbeit alleine an Robert Venturi verliehen, was Jahre später auch eine öffentlichkeitswirksame Petition nicht korrigieren konnte. Der Kampf um die Anerkennung von Frauen in der Architektur, aber auch um das Verstehen von gemeinsamer Kreativität, ist Denise Scott Brown ein Anliegen geblieben. Aber paradoxerweise hat gerade ihr Status als feministische Ikone wiederum den Blick auf ihre architektonische Arbeit verstellt. Deshalb widmet sich die Ausstellung im Architekturzentrum Wien gleichermaßen Leben und Werk dieser Grande Dame der Architektur. Scott Brown verfolgt weiterhin ihre Ideen und widmet sich dem Schreiben. Robert Venturi verstarb im September dieses Jahres.

Mielparque Nikko Kirifuri Hotel und Spa, Nikko, Japan, 1997. Bild: Matt Wargo

Sainsbury Wing, National Gallery, London, United Kingdom, 1991. Bild: Richard Bryant

Die ungewöhnliche Form der Ausstellung „Downtown Denise Scott Brown“ entspricht ihrem einzigartigen architektonischen und urbanistischen Werk, das einerseits mit Kommerz und Populärkultur spielt und andererseits ästhetische und gesellschaftliche Konflikte vorführt. „Downtown Denise Scott Brown“ ist zugleich Ausstellung und urbaner Ort. Unter dem Backsteingewölbe des Architekturzentrum Wien entfaltet sich rund um einen monumentalen und doch geheimnisvollen Brunnen ein städtischer Platz, gerahmt von Geschäftsportalen, einem Café und Marktstand. Hier begegnen Besucher dem faszinierenden Leben und Werk von Denise Scott Brown in Originalobjekten, Fotos, Collagen, umfangreichen Zitaten, Plänen und Videos. Der Bogen der Ausstellung erstreckt sich von ihrer Kindheit in Afrika und ihren ausgedehnten Studienreisen auf der ganzen Welt über ihre berühmten fotografischen Projekte, ihre Schriften und ihre bahnbrechenden Studien wie „Learning from Las Vegas“ bis zu ihrer architektonischen und urbanistischen Arbeit auf vier Kontinenten.

Besuchern von „Downtown Denise Scott Brown“ sind eingeladen, entlang der Schaufenster zu flanieren, sich in überraschende Details zu vertiefen, über „Kleine Big Ideas“ oder „Augen, die nicht sehen!“ zu diskutieren. Sie können mit ihren Kindern rund um den riesigen Brunnen verstecken spielen oder sich mittels einer interaktiven Fotobox selbst zum „Monument“ machen. Sie können beim Café Nkana Kaffee und Kuchen genießen, etwa einen Denisian Cappuccino namens Denisuccino, die eigene Stadtzeitung lesen und ein Souvenir aus dem Venturi Fruit and Produce Shop mit nach Hause nehmen. „Downtown Denise Scott Brown“ ist „Wiens neues Downtown“.

Denise Scott Brown hilft beim Bau einer Tennishalle an der Universität Witwatersrand, 1950. Bild: Clive Hicks

Auf ihrer Entdeckungsreise auf dem Las Vegas Strip spielten Denise Scott Brown und Robert Venturi „Mir kann etwas Hässlicheres gefallen als dir“. „Er wurde zu unserer schönsten Hässlichkeit, unserem besten Objet trouvé“. Ihr „Ugly Game“ empfiehlt die Ausstellung auch den Besuchern: „Fotografiere Hässliches oder Schönes oder Überraschendes in der Ausstellung und poste deine beste Hässlichkeit unter dem Hashtag #uglyinstagram_azw. Und dann lass dich in der Ausstellung überraschen“.

www.azw.at

19. 11. 2018