In Wien entsteht eine neue Bühne: TheaterArche-Leiter Jakub Kavin im Gespräch

Januar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eröffnung ist am 29. 1. mit „Anstoss – Ein Sportstück“

Schauspieler, Regisseur und Leiter der TheaterArche: Jakub Kavin. Bild: Renée Kellner

Wien-Mariahilf, Münzwardeingasse 2. Noch wird im Haus gehandwerkt, ausgemalt und angeschraubt, aber gleich stellen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler zur Probe der neuen Produktion „Anstoss – Ein Sportstück“ auf. Eine hat gerade die frisch gewaschene Leinwand für die späteren Video-Projektionen gebracht, einer ist noch mit der neuen Bestuhlung unterwegs, da üben die anderen bereits den Text, den Gesang, die aufwändige Choreografie.

Die konzentrierte Spannung ist greifbar, die Tage sind schon an einer Hand abzuzählen. Am 29. Jänner findet die Eröffnungspremiere der TheaterArche am neuen fixen Spielort statt. Deren künstlerischer Leiter Jakub Kavin will das Haus nicht nur selbst bespielen, sondern auch als Raum für die freie Szene etablieren und Künstlerinnen und Künstlern einen Platz für, wie er’s nennt, „das professionelle Experiment“ schaffen. Jakub Kavin im Gespräch über Diversität, sein Sportstück und das leidige Thema Subventionen:

MM: Wie verrückt muss man sein, um in Wien ein festes Haus zu gründen, und warum glauben Sie, dass die Stadt ein weiteres braucht?

Jakub Kavin: Verrückt muss man wohl ziemlich sein, allerdings auch so klar bei Verstand, dass man eine Idee hat, was sich in diesem Haus künstlerisch ereignen soll. Was das betrifft, bin ich überzeugt, dass Wien eine weitere Spielstätte braucht. Tatsache ist, dass dieser Raum hier zwei große Vorteile hat: Er ist einerseits absolut variabel, heißt: es ist ganz viel möglich, was die Zuschauerbestuhlung und die Spielsituation betrifft, andererseits sind wir völlig barrierefrei, man kann ohne eine einzige Stufe überwinden zu müssen vom Gehsteig in den Theatersaal kommen. In dieser Mischung heben wir uns schon einmal von anderen Häusern ab. Wie wichtig das ist, weiß ich, weil ich immer wieder mit Cornelia Scheuer zusammenarbeite, die auch als co-künstlerische Leiterin der TheaterArche angedacht ist.

MM: Dazu muss man erklären, dass Schauspielerin und Tänzerin Cornelia Scheuer im Rollstuhl performt …

Kavin: Ja, und sie ist auch Beraterin für Barrierefreiheit. Durch sie weiß ich, dass es großen Bedarf an leicht zugänglichen Theatern gibt, ich habe aber, als die TheaterArche frei unterwegs war, auch selber erfahren, wie schwer es ist, eine adäquate Spielstätte zu finden. Was das Künstlerische angeht, wollen wir kein rigides Konzept umsetzen, sondern offener sein, sehr vieles ermöglichen und dazu die Wiener Szene einladen. Wir suchen die Heterogenität, nicht die Homogenität, wir wollen kein kleineres und wahrscheinlich schlechteres Burgtheater sein, sondern wir wollen die Vielfalt der Gesellschaft widerspiegeln – in allen Facetten, die es gibt.

MM: Sie haben die Räumlichkeiten von Ihren Eltern Nika Brettschneider, die vergangenen Sommer leider verstorben ist, und Ludvik Kavin übernommen, die hier das Theater Brett betrieben.

Kavin: Genau. Es waren harte, aber faire Verhandlungen mit den Hausbesitzern, und nun habe ich einen Mietvertrag für 30 Jahre, ich kann mich also ein paar Jahre austoben. Dazu bedürfte es allerdings der Subventionen, es braucht nämlich schon sehr viel Selbstaufgabe, ein fixes Haus zu betreiben.

MM: Trotzdem, das ist das Theater Ihrer Kindheit …

Kavin: 1984 ist es eröffnet worden. Ich war davor schon mit meinen Eltern viel in Europa unterwegs, beispielsweise bei Theaterfestivals, dann habe ich hier die Aufbauarbeiten miterlebt und, wie man aus einer völlig kaputten Möbelfabrik, in der die Tauben gehaust haben, ein Theater macht. Das war eine intensive Zeit damals und natürlich eine spannende Kindheit, ich verbinde damit sehr schöne Erinnerungen. Ich habe hier auch erste Bühnenerfahrungen gesammelt, als „Kleiner Prinz“ oder als infantiler König in einem Jeanne-D’Arc-Stück. Vor etwa zehn Jahren habe ich mich dann künstlerisch emanzipiert und bin meiner eigenen Wege gegangen. Als das Haus vom ehemaligen Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny im Zuge der Wiener Theaterreform …

MM: … ausgeblutet worden ist …

Kavin: … hat das schon sehr weh getan. Die Stadt Wien hat alles getan, damit das Haus geschlossen werden muss, sie hat’s nur bis heute nicht geschafft. Bei der neuen Kulturstadträtin kann man nur hoffen, dass die Ziele andere sind. Die sind zwar noch nicht so klar raus, aber grundsätzlich sagt sie doch, sie will neue Räume für die Szene. Da könnte sie ja auch alte wiederbeleben, dann wären die quasi auch neu. Ich ziehe den Hut vor meinen Eltern, dass sie 14 Jahre Theater ohne Förderungen gemacht haben, das war wirklich existenziell, ein harter Kampf, der an die Substanz ging. Ich habe kein Interesse daran, hier Hausmeister zu sein und an jede Amateurtruppe vermieten zu müssen, um die nächste Miete bezahlen und die Fixkosten abdecken zu können. Ich möchte ein qualitätsvolles Programm präsentieren, und warum ich glaube, das zu können, und dass sich das hier etablieren wird, sind eben die Vorzüge dieses Raums.

Anstoss – Ein Sportstück: Bernhardt Jammernegg als Lance Armstrong und Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster. Bild: Jakub Kavin

Anstoss – Ein Sportstück: Olympia und der Transhumanismus, Koloratursopranistin Manami Okazaki mit Ensemble. Bild: Jakub Kavin

Anstoss – Ein Sportstück: Corinna Orbesz als Mixed-Martial-Arts-Kämpferin Ronda Rousey. Bild: Jakub Kavin

MM: Bei der Renovierung packen alle Künstlerinnen und Künstler mit an, …

Kavin: Und zwar ehrenamtlich, hier sind alle sozusagen ehrenamtliche Vereinsmitglieder. Geht ja nicht anders. Das, was an Geld reinkommt, wird unter allen aufgeteilt.

MM: … was genau wird nach Ihren Wünschen umgestaltet?

Kavin: Dass es eben keine fixe Zuschauertribüne mehr gibt, dass wir das vollgeräumte Büro in ein Theatercafé verwandeln, in dem sich das Publikum nach der Vorstellung mit den Schauspielern auf ein Glas Wien zusammensetzen kann, außerdem ein frischer Anstrich … mehr geht sich finanziell ohnedies nicht aus. Ich kann keine Wände einreißen.

MM: Außer die in den Köpfen.

Kavin: Stimmt, das ist auch viel wichtiger.

MM: Das bringt uns zum künstlerischen Konzept. Wie und womit möchten Sie die TheaterArche in dieser Stadt positionieren, welche Themen möchten Sie bespielen?

Kavin: Ich habe den Eindruck, in Wien gibt es entweder die große, subventionierte darstellende Kunst oder jene, die versuchen, genau dasselbe im kleineren Format umzusetzen. Auch das ist natürlich aller Ehren wert, aber für mich ein bisschen schwierig, ich sehe mich nicht als einen Theatermacher, der den 2000sten „Hamlet“ auf die Bühne bringt, zu dieser Form von Theater habe ich wenig Bezug. Daneben gibt es viele Gruppen, die sich sehr spezialisiert haben, die mit Flüchtlingen, mit Migranten, mit behinderten Menschen arbeiten, sehr oft in einem hierarchischen System.

Heißt: das Nicht-Betroffene Betroffene inszenieren. Diese Programme sind wichtig, weil sie den diversen Communities eine Möglichkeit für Öffentlichkeit geben, in sich sind diese Konzepte aber sehr verschließend. Meine große Bestrebung ist, da wir alle Menschen sind, dass dieser Raum dazu dient, dass sich das ganze Mensch-Sein, das in Wien abgebildet ist, hier künstlerisch finden kann. Diesen Rahmen möchte ich ermöglichen – für die Künstler und für das Publikum.

MM: Nun sagen Sie zwar, Sie wollen kein Hausmeister sein, doch das klingt doch nach Plattform bieten, Arbeitsperspektiven schaffen, Künstler vernetzen. Wollen Sie die in Ihre Produktionen einbinden oder denen das Haus als Spielstätte anbieten?

Kavin: Sowohl als auch. Wir wollen den Raum zu etwa einem Drittel der Saison selber bespielen, der Rest soll wirklich für die freie Szene offen sein. Ich will keine ästhetische, keine Geschmacks-Polizei sein, ich will nicht entscheiden, was sein darf und was nicht, das gibt es in Wien ohnedies schon viel zu oft. Ich wünsche mir möglichst professionelle Arbeit, und dass es einen künstlerischen Background gibt, dass die jeweiligen Truppen tatsächlich auf der Suche sind. Für die Bespaßung des Publikums gibt es andere Häuser in Wien, hier soll Platz sein für das professionelle Experiment. Dieser Raum soll einer sein, in dem Künstlerinnen und Künstler ihrer Kreativität freien Lauf, die Gedanken fließen lassen und sich austoben können. Das ist auch das Konzept, das der Stadt Wien vorliegt.

Das ist eigentlich alles. Szenische Collage nach Miniaturen von Daniil Charms, 2018. Bild: Jakub Kavin

Das Schloss, 2017. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?, 2018. Vorne: Jakub Kavin. Bild: © Felix Kubitza / www.lichtmalerei.photo

MM: Und noch einmal nach den eigenen Themen gefragt?

Kavin: Wir gehen an die Themen ganz unterschiedlich heran, „Das Schloss“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26330) von Kafka war etwa eine Romanbearbeitung,  „RM Rilke – wie ist es möglich, da zu sein?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28716) eine Textcollage, wir arbeiten mit Improvisationen, performativen Elementen, wir betreiben Stückentwicklung. Unsere aktuelle Produktion, „Anstoss – Ein Sportstück“, ist eine Textcollage aus autobiografischen Büchern und Interviews von Sportlerinnen und Sportlern oder Wortmeldungen von Funktionären und Trainern.

MM: Es kommen beispielsweise Thomas Muster, Lance Armstrong, Robert Enke oder Peter Schröcksnadel vor, und die behandelten Themen reichen von Homosexualität im Sport bis zu sexuellem Missbrauch, von der Droge Alkohol bis Doping, von patriarchalen Strukturen bis zu ungesundem Patriotismus. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?

Kavin: Ich finde es spannend, dass der Sport ein riesiges Showbusiness ist und damit der Kultur artverwandt. Gleichzeitig gibt es aber große Berührungsängste zwischen den beiden Disziplinen, es gibt im Kunstbereich etliche, die mit Sportrezeption gar nichts anfangen können und umgekehrt ist es genauso. Doch beides hat sein Publikum, der Sport in Wahrheit ein viel größeres, und diese Diskrepanz zwischen Faszination und Abstoßung interessiert mich. Sport hat faschistische Züge, ist aber auch – ich mag das Wort nicht – völker-, also Kulturen verbindend. Und: Sportlerfiguren sind außerdem wahnsinnig gute Theaterfiguren, weil die dramatische Fallhöhe so groß ist.

MM: Wie das?

Kavin: Weil es Menschen sind, die ungefähr zehn Jahre Zeit haben, ihren Beruf auszuüben, was vermutlich ein Grund ist, warum viele so skrupellos sind. Lance Armstrong zum Beispiel ging an jede Grenze, die man nur ansteuern kann, auch in seiner Art, wie er Menschen manipulierte, wie er mit den Medien spielte. Das ist doch eine Geschichte! Vom quasi Totenbett auferstanden zum größten Sportler aller Zeiten geworden – und dann als Doping-Bösewicht ins Bodenlose gefallen. Es gibt so viel zum Thema Sport, und wir können bei weitem nicht alles behandeln, aber gerade diese Diversität passt perfekt zur Arbeit der TheaterArche, die sich ja vorgenommen hat, genau das als gesellschaftliches Phänomen in ihren Projekten zu zeigen.

MM: Es gibt an jedem Abend einen Stargast. Wer kommt?

Kavin: Ganz wichtig: Die ehemalige Rennläuferin Nicola Werdenigg, die als erste den sexuellen Missbrauch im österreichischen Skiverband aufgebracht hat, und die auch schauspielerisch mitwirken wird, Franzobel, der ein großer Sportfan ist, Ulli Lunacek, weil sie erstens in einem Schwimmteam ist und zweitens aus der Blickrichtung des europäischen Parlaments berichten kann, Antidoping-Experte und Lauftrainer Wilhelm Lilge und viele andere.

MM: Ihre zweite Produktion wird dann „Mauer“ sein. Wird das eine Familiengeschichte? Ihre Eltern stammen ja aus der damals noch so genannten Tschechoslowakei.

Kavin: Ich bin ebenfalls dort geboren, in Brünn. „Mauer“ hat drei Gründe: Die Jahreszahl – 30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs. Die Tatsache, dass Mauern, auch wenn sie „nur“ Grenzzäune sind, gerade wieder überall errichtet werden. Gefühlt werden weltweit derzeit mehr Mauern gebaut als Brücken geschlagen. Drittens natürlich die Familie, man schöpft ja immer aus dem, was mit einem selber zu tun hat. Ich kann mich sehr gut erinnern an die Zeiten vor 1989, als wir immer wieder an der grünen Grenze waren, und ich als 7-, 8-Jähriger meine Eltern gefragt habe, wieso die tschechoslowakischen Soldaten ihre eigenen Leute bewachen. Denn die haben nicht in unsere Richtung geschaut, sondern ins Land hinein und uns den Rücken zugekehrt. Die Systematiken dieses Regimes haben wohl nicht nur mir, der ich tatsächlich nicht über diese Grenze durfte, sondern den Ostösterreichern generell das Gefühl vermittelt, dass sie ein bisschen an einem Ende der Welt leben, von wo aus es nicht mehr weitergeht.

MM: Lassen Sie uns noch einmal übers Thema Geld reden. Sie haben schon Produktionen via Crowdfunding auf die Beine gestellt. Ist das kein Weg, den man fortbeschreiten kann? Wie sieht es mit Subvention aus?

Kavin: Crowdfunding darf man nicht ausreizen, je öfter man das macht, umso abgestumpfter sind die Leute. Letztlich ist es ein Betteln-Gehen bei Freunden. Zur Subvention: Ich stelle zwei Mal im Jahr Förderanträge und bekomme eigentlich immer ein Nein. Ich versuche nun, in Gespräche mit Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler zu kommen, hatte auch einen Termin, den aus Zeitgründen aber im Endeffekt ihre Referenten wahrgenommen haben. Da habe ich halt Vertröstungen gehört, im Sinne von, man könne anderen nichts wegnehmen, um uns etwas zu geben. Was interessant ist, denn beim Theater Brett ging’s umgekehrt schon. Es ist seltsam und schwierig. Tatsache ist, dass gläserne Decken eingezogen worden sind. Es gibt die sogenannte ortsgebundene Förderung, das ist ein Beschluss zur Förderung jener Theater, die es schon länger gibt, egal, ob sie was Gutes machen oder nicht – und für andere gibt’s kein Geld. Sie drehen sich’s halt immer, wie sie’s brauchen, um das Ziel zu erreichen, das sie wollen. Und das ist offensichtlich, Theater abzuschaffen.

www.theaterarche.at                www.jakubkavin.com

Kritik: Anstoß – Ein Sportstück: www.mottingers-meinung.at/?p=31865

24. 1. 2019

Ha Jin: Verraten

September 21, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Spion, der zwei Länder liebte

9783716027257Historikerin Lilian Shang, US-Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln, findet nach dem Tod ihrer Mutter Nellie die Tagebücher ihres Vaters Gary Shang. Was sie enthüllen, erschüttert sie zutiefst: Gary war mehr als 30 Jahre lang einer der wichtigsten Spione Chinas in den USA und zeitgleich einer der wichtigsten Übersetzer in der Asien-Abteilung der CIA. 1980 flog der Maulwurf auf und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er nahm sich in seiner Zelle das Leben. Warum, fragt sich Lilian, bereitete China keinen Agenten-Austausch vor? Doch da ist mehr: Gary führte auch privat ein Doppelleben. Er hatte eine erste Ehefrau und Kinder in China. Lilian macht sich auf die Suche nach ihrer fremden Familie und stößt auf die Geschichte eines Mannes, der für seine Loyalität einen hohen Preis zahlen musste …

So ungefähr lässt sich der Inhalt von Ha Jins aktuellem Roman zusammenfassen. Doch Vorsicht: „Verraten“ ist kein John le Carré, sondern eine Geschichtslektion. Mit Betonung auf Lektion. Es ist, als ob der freundliche Herr Ha Jin ein politisch-historisches Sachbuch geplant hätte, sich aber dann doch für seine Kernkompetenz, die Belletristik, entschied. Der Roman ist wie eine literarische Abrechnung für ein lebenslanges Gefühl der Entwurzelung und Heimatverlorenheit. Die nicht nur sein Anti-Held und Schreibtischhengst Gary erlebt; auch der Autor, zu diesem Zeitpunkt Student in den USA, kehrte nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens nicht mehr nach China zurück

Und so spinnt er über aberdutzende Seiten die Geschichte der sinoamerikanischen Beziehungen. Von der Abspaltung Taiwans über Formosa-Resolution und Kulturrevolution, über die Interessen beiden Länder im Korea- und Vietnamkrieg, über die von Henry Kissinger eingeleitete Wiederannäherung der beiden Staaten, bis eben zu Tian’anmen – und neuerdings Chinas Weg vom maoistischen Kommunismus in eine alles verschlingende Konsumgesellschaft. Ha Jin schont und schönt dabei weder sein Geburtsland noch die neue Heimat. Er schildert das alles aus der Perspektive eines Randspielers, eines braven Kadersoldaten, dem die Kraft fehlt, sich des Einflusses der Partei zu entziehen, und diese Perspektive ist spannend. Noch spannender aber ist die Suche Lilians nach ihrer „zweiten Mutter“ Yufeng und ihren Halbgeschwistern.

Bild: pixabay

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Ha Jin erzählt auf zwei Ebenen. Während es sozusagen mit Gary im Vorwärtsgang durchs Zeitgeschehen geht, versucht Lilian in Rückblenden das Leben ihres Vaters zu rekonstruieren. In dieser Zeit bereist sie China, für eine Ausländerin immer noch kein einfaches Unterfangen, und was dabei an Einblick in Mentalitäten, in Traditionen und Regeln dieser anderen Welt gewährt wird, ist bemerkens- und lesenswert. Ha Jins Quellen sind intakt, seine Charakterisierungen von Land und Leuten wie Mosaiksteinchen, die sich zu einem Bild, einem Sittenbild Chinas zusammensetzen. Da geht es um die Schadstoffbelastung von Lebensmitteln ebenso, wie um das Schmieren des Militärs, will man sein Kind in dessen Dienst stellen, um ihm einen sicheren Arbeitsplatz zu garantieren. Eine vergewaltigte Lehrerin wird ins Unrecht gesetzt, weil der Schulleiter ein Kondom trug und ergo laut Gericht von „Vergewaltigung“ keine Rede sein kann.

Gezeigt werden die Verlierer des modernen chinesischen Wirtschaftssystems, in Szenen wie aus dem Europa des 19. Jahrhunderts, Landflucht in die Industriezentren, und an einer schönsten Stelle, wie eine verbotene Studentendemo mit dem chinesischen Sieg bei den French Open zusammenhängt: „Als Li Na dann den Grand Slam gewann, strömten sie nach draußen, zündeten Ketten von Feuerwerkskörper an, spielten auf Instrumenten und trommelten auf Töpfen und Pfannen herum. ,Greif an, Li Nan!‘, rief jemand, und alle verstanden den Ruf … und die Polizei griff nicht ein.“ Ebenso sehr wie Neid und Spitzelwesen machen bei Ha Jin auch Freundlichkeit gegenüber Fremden und Solidarität untereinander die chinesische Gemeinschaft aus.

Lilian findet ihre Halbschwester Manrong. Ihr Halbbruder ist bei der großen Hungersnot 1961 gestorben. Was sein Vater ahnte, was er aber nie wirklich wissen wollte. Denn mit Gary Shang entwirft Ha Jin eine faszinierend zwiespältige und zwiegespaltene Figur. Einen, der aus einer Gesellschaft kommt, in der das Individuum nichts und das Kollektiv alles ist. Einen, der die US-Freiheit nach und nach genießen lernt, der die amerikanische Sicht auf die Dinge annimmt, und der sich dennoch nicht der Propagandamaschine entziehen kann, die ihm einst den Willen nahm. „Er fühlte sich“, heißt es an einer Stelle, „wohin er auch ging, fehl am Platz wie ein gestrandeter Reisender.“ Gary durchschaut die Lügen und die politischen Ränkespiele, mehr und mehr bearbeitet, um nicht zu sagen: fälscht, er seine Berichte dahingehend, zwischen den USA und China wieder ein positives politisches Klima zu erzeugen. Er will Frieden – auch für seine Seele.

Vor dem US-Gericht wird er am Ende seiner Überzeugung Ausdruck verleihen, beiden Ländern diesbezüglich einen wichtigen Dienst erwiesen, die diplomatischen Beziehungen zwischen ihnen befördert zu haben, weil er eben beide Länder liebe. Dass er dafür nur hämisches Gelächter ernten kann, ist klar. Seine Tochter Lilian hält posthum noch ein flammendes Plädoyer. „Wir müssen uns fragen: Welche Berechtigung hat ein Land, sich über die Bürger zu stellen, die es erschaffen haben? Die Geschichte hat hinlänglich bewiesen, dass ein Land verrückter und bösartiger werden kann als der Durchschnittsmensch“, sagt sie. Und: „Achte darauf, welche Mächte um dich herum wirksam sind, und hinterfrage stets den eigenen Standpunkt.“

Bild: pixabay

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Sätze, mit denen Ha Jin einem Staat jede wie auch immer geartete „moralische Überlegenheit“ abspricht, auch der „Weltproblemlösernation“ USA, und die bei den US-Rezensionen gerade im Vorfeld der Präsidentschaftswahl natürlich für Aufsehen sorgten. Ein Blickwinkel in seinem Buch ist immer der amerikanische. So zeitlos wie zeitgemäß etwa die Stelle von Garys von den Chinesen gesteuerter Rekrutierung durch die CIA im Jahr 1949, und deren siegermächtige Überheblichkeit, mit der ein Einheimischer als Dolmetscher angeheuert wird, ohne dass irgend hinterfragt würde, wie „heimatverbunden“ der wohl eigentlich noch ist …

Garys perfekte Camouflage, sein geliebter american way of live, wird ihm schlussendlich zum Verhängnis. Lilian erfährt, warum China nichts zur Befreiung ihres Vaters unternahm. Er erkrankte an Diabetes. Und das ist in den Augen der Partei eine kapitalistische Wohlstandsseuche. Oder hätte man je gehört, dass Chinesen an der Zuckerkrankheit leiden? Gary wird fallengelassen, man leugnet ihn zu kennen. Wie bitter.

Über den Autor:
Ha Jin, eigentlich Jin Xuefei, wurde 1956 geboren und verließ China 1985, um in den USA zu studieren. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens kehrte er nicht mehr zurück, seit 1997 ist er US-Staatsbürger. Früh begann er auf Englisch zu schreiben, heute zählt er zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Seine Werke wurden unter anderem mit dem National Book Award und dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet. Ha Jin ist Professor für Englische Literatur an der Boston University.

Arche Verlag, Ha Jin: „Verraten“, Roman, 368 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck.

www.arche-verlag.com

Wien, 21. 9. 2016

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

August 17, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine längst fällige literarische Wiederentdeckung

buch1„Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran“, so beschrieb Lucia Berlin ihren Schreibstil in einem Brief an ihren Dichterfreund August Kleinzahler. Dass nun der Arche Verlag die Geschichten der 2004 verstorbenen amerikanischen Erzählerin, dreißig ihrer Shortstories, veröffentlicht hat, darf als eine der literarischen Sensationen der Saison gewertet werden. Lucia Berlin, das ist keine Wieder-, sondern vielmehr eine Neuentdeckung einer viel zu lange unter Wert geschlagenen Autorin. Mittlerweile wird sie mit Raymond Carver, Richard Yates oder William Faulkner verglichen.

Berlins Geschichten sind gnadenlos, rücksichtslos gegenüber ihren Figuren und ihren Lesern; zartbesaitete werden weinen, wenn Neugeborene sterben und Frauen an den Rand der Existenz getrieben werden, an dem ihre Männer schon dahinvegetieren. Die meist zehn, fünfzehn Seiten langen Texte, „Makadam“ kommt gar mit einer Seite aus, bieten weder Auf- noch Erlösung. Berlin weiß um die Schrecken des Lebens, es ist ein Wunder, wie sie über Widerliches, Widerwärtiges so warmherzig schreiben kann, doch sie kann offenbar das Absurde in der Verzweiflung sehen und darüber lachen.

Es ist ein Lachen, „das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte“, wie sie in „Tigerbisse“ über die Südstaatenschönheit Bella Lynn berichtet. Berlin ist eine Zeugin, eine Chronistin des allzu Menschlichen. Ihre Ich-Erzählerinnen sind Sekretärinnen in Notaufnahmen, mexikanische Migrantinnen, missbrauchte Mädchen, Sprechstundenhilfen in Entzugskliniken, Drogensüchtige, Alkoholikerinnen … Berlin nennt sie ihre Nicht-Ichs und die Frage, ist, ob man ihr auf den Leim geht, wenn man Autobiografisches aus ihren Geschichten herausliest oder wenn nicht. Ein Körnchen Wahrheit ist jedenfalls, dass Berlin an all diesen Orten war, erst als Erkrankte, später als Mitarbeiterin. „Ich mag die Tatsache, dass in der Notaufnahme alles reparabel ist – oder nichts“, schreibt sie im „Notaufnahme-Notizbuch, 1977“. Und wie eine Therapeutin, die weiß, dass Kranken mit Mitleid nicht geholfen ist, denn wem wäre schon geholfen, wenn noch einer leidet, spornt Berlin ihre Charaktere mit liebevoller Härte an.

Die schnelle Prosa hat die jeweilige Alltagssprache der von ihr porträtierten Frauen, verknappter Slang steht neben kultivierten Stimmen, als sichere der Wechsel im Tonfall den Figuren ihr angestammtes Terrain. „Ihre Erzählungen fauchen“, nannte es The New York Times Book Review. Tatsächlich sind die Texte teilweise wie gesprochen, weshalb Berlin auch auf Satzzeichen wenig wert legt. Ein Beistrich?, den hörte man doch sowieso nicht. Zur Meisterschaft vollendet sie ihren Stil in „Mijito“, indem sie eine minderjährige mexikanische Mutter und eine US-Krankenschwester aus deren unterschiedlichen Perspektiven sprechen lässt. Die Angst und Naivität der einen, die gesetzlich vorgeschriebene Ohnmacht der anderen, das beiderseitige Missverstehen, der schlampige Umgang mit „Zugewanderten“, das alles macht einen so wütend, dass es einem den Atem nimmt. Auf der Strecke bleibt das Unschuldige, das Verletzlichste, das Baby.

Dann wieder ist Berlin unverblümt sexistisch. Sie pflegt einen weiblichen Machismo, wenn sich eine ihrer Protagonistinnen den in einigen Geschichten wiederkehrenden Taucher César nimmt. In „Leid“ – und Berlin betreute die ihre wirklich bis zu deren Ableben – führt sie ihn für eine Liebesnacht ihrer an Krebs sterbenden Schwester zu. In „Eine Liebesaffäre“ schützt die Ich-Erzählerin eine fremdgehende Kollegin so intensiv, dass deren Ehemann sie für die Geliebte seiner Frau hält. Dass es da einen anderen Mann geben könnte, auf die Idee kommt er gar nicht. So viel auch zu Berlins sonderlichem Sinn für Humor.

Der Titel des Buches stammt von der Shortstory „Nach Hause finden“, einer von Berlins letzten. Eine alte Frau, das tragbare Sauerstoffgerät neben sich, sitzt auf der Veranda ihres Hauses. Das heißt: diesmal auf der vorderen, obwohl sie normalerweise die hintere bevorzugt. Da sieht sie zum ersten Mal die vielen Vögel in einem Baum, die kommen, sich versammeln, um gemeinsam wegzufliegen. Dorthin, wo es wärmer, schöner, besser ist. „Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?“ Und wieder rührt Berlin an eine persönliche Schmerzgrenze, überschreitet sie, nur um zu zeigen, wie schutzlos Leben ist, steckt den Finger in die Wunde der Selbsterkenntnis und lässt nicht zu, dass diese herzblutende Stelle je vernarben könnte. Das muss man als Leser aushalten, wenn man ihre Geschichten lesen will. Und man kann sich keinen vorstellen, der das nicht möchte.

Über die Autorin:
Lucia Berlin wurde 1936 in Alaska geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Chile, wo Berlin im Alter von zehn Jahren an einer Skoliose erkrankte. Ihre Kindheit zwischen einer depressiv-aggressiven Mutter, einem als Bergbauingenieur permanent abwesenden Vater und einem Großvater, der sich an den weiblichen Wesen der Familie vergriff, war der blanke Wahnsinn. Berlin war dreimal verheiratet und Mutter von vier Söhnen, die sie allein großzog. Sie arbeitete als Lehrerin, Sprechstundenhilfe, Putzfrau, Sekretärin, verlor ihre Jobs aber immer wieder schnell, weil sie ein Leben lang mit ihrer Alkoholsucht kämpfte. Und ein Leben lang begleitete Berlin auch die Sorge, sie könnte werden „wie sie“ – ihre Mutter. Die Erzählungen, entstanden in den 1960er- bis 1980er-Jahren, wurden in Zeitschriften und später in drei Erzählungsbänden veröffentlicht. Von 1994 bis 2000 war Berlin Dozentin an der Universität von Boulder in Colorado. Sie starb 2004 im kalifornischen Marina del Rey.

Arche Verlag, Lucia Berlin: „Was ich sonst noch verpasst habe“, Roman, 384 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel.

www.arche-verlag.com

www.luciaberlin.com

Wien, 16. 8. 2016

Daniel Anselme: Adieu Paris

Februar 15, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Algerienkrieg zu den November-Anschlägen

9783716027196„Dieses Buch wird niemandem gefallen“, urteilte die Nouvelle Revue Française nach dem Erscheinen des Romans. Da war es 1957 und in Frankreich, nicht anders als in Österreich, eine Zeit des Vergessens. Der damalige Rezensent behielt recht. Sämtliche politische Lager fühlten sich von Daniel Anselmes „Adieu Paris“ angegriffen. Befürworter des Algerienkrieges wollten lieber über fidele, patriotische Soldaten lesen, dessen Gegner ertrugen den Vorwurf nicht, dass ihre hilflosen Unterschriftenaktionen ohne Wirkung geblieben waren.

Die stärkste, die Schlüsselszene im Roman ist ein Abendessen unter Kommunisten, bei dem ein Soldat auf Heimaturlaub die Genossen anklagt: „‚Warum habt ihr die Züge abfahren lassen? Warum habt ihr uns im Stich gelassen, als wir in die Züge stiegen?‘ … Er saß auf dem Klappsofa, sämtlicher Illusionen beraubt, die er in weit entfernter Zeit, wie es ihm jetzt vorkam, mit sich herumgetragen hatte …“

Anselme, der ehemalige Résistance-Kämpfer und nunmehr desillusionierte Linke, hat also eine frühe Abrechnung über Frankreichs Nordafrika-„Problem“, denn die Grande Nation wies das Wort Krieg von sich, aufgestellt. Aus heutiger Sicht beinah ein Buch der Unschuld. Der Autor wusste noch nichts von der sogenannten Schlacht um Algier, nichts von willkürlichen Massenfestnahmen, systematischen Folterungen und illegalen Hinrichtungen, nichts von der – wie Alexis Jenni schreibt – „noch nie gesehenen Missachtung der Menschenrechte“.

Dennoch verweist Anselme auf das Erbe dieser Tage. Er zeigt, wie auch geist- und skrupelloser Kolonialismus zum 13. November 2015 führen musste. Führt vor, dass Gewalt auch immer ein Kind der Unterdrückung ist. Beschreibt die Ohnmacht der vom System verschwendeten Soldaten in Szenarien jenseits ihrer Vorstellungskraft. Ihre Schicksale sind so zeitlos, dass sie aktuell an Heimkehrer aus dem Nahen Osten erinnern. Doch das Nichtausgesprochene, das nicht Niedergeschriebene macht „Adieu Paris“ zum wirklich großen Buch. Es ist kein historischer Roman, es schildert nur eine Woche im Leben dreier Männer. Die französische Originalausgabe scheint verschollen. Der britische Literaturwissenschaftler David Bellos hat Anselmes Schatz für die Nachwelt geborgen. Nun ist eine deutschsprachige Ausgabe im Arche Verlag erschienen – mit einem hervorragenden Nachwort von Übersetzerin Julia Schoch.

Erzählt wird von Lachaume, Lasteyrie und Valette. Der Gymnasiallehrer, der Berufsschlingel und der Elektriker – als Lieutenant, wegen Subversion mittlerweile degradierter Sergent und Caporal ein Trio auf Heimaturlaub in Paris – lesen sich wie vorweggenommene Nouvelle-Vague-Figuren. Noch gilt für sie Agonie statt 1968er-Aktionismus. Der Krieg, der übers Mittelmeer so weit entfernte, kommt nicht vor. Und doch. Das Buch entwickelt sich als Spiegel von dessen Folgen. Man liest das Grauen in den Seelen der Menschen, nicht über das Grauen selbst. Das macht den Schrecken nur noch größer. Anselmes Stadt der Lichter ist eine Stadt im Ausnahmezustand; die Militärpolizei wacht über das öffentliche Benehmen. Die Angst vor terroristischen Anschlägen durch die Front de Libération Nationale ist ebenso groß, wie die vor einem Ausraster eines psychischen Kriegskrüppels. Es ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr. Und „Adieu Paris“ ein Defilee von Amnesiewilligen. Wie Gesellschaftskarikaturen zeichnet Anselme die Figuren, die seinen Protagonisten während ihres Hauptstadtaufenthalts begegnen.

Da ist der gutbürgerliche Salonrassist, der sich den Soldaten noch im Zug aufdrängt. „Frankreich den Franzosen, die Ausländer sollen bei sich bleiben – ich spreche natürlich nicht von den Touristen“, schwafelt er im gefährlich-konzilianten Mitterechtstonfall. Da ist Lachaumes Freund, ein gut situierter und durch Parteipolitik vor der Einberufung geschützter Arzt, der sich den Krieg mit vernünftigen Argumenten schönredet. Auf fünfhunderttausend Mann kämen doch nicht einmal zweitausend Gefallene, schilt er den Soldaten mittels Statistik: 0,4 Prozenzt – da möge er bitte kein Tamtam machen. Da sind als die erwähnten traurig erschöpften Kommunisten Valettes Verwandte. Da sind die pieds-noirs, die Algerienfranzosen, die sich ins Vaterland gerettet haben und nun über ihren Kontrollverlust weinen. Da sind zwei Frauen, Lachaumes, die sich in Ekel und Unverständnis abwendet, und Lena, die aus Deutschland kommende Alkoholikerin und Gelegenheitsprostituierte. Sie der schillerndste, weil undurchsichtigste Charakter des Romans. Man kann nur erahnen, was sie im zerbombten Dritten Reich erlitten hat. Anselmes „Adieu Paris“, es ist auch eine politische Streitschrift.

Über weite Strecken folgt man dem Offizier Lachaume, dem Lehrer, der darunter leidet, wie „Wissen“ an Wert verliert und immer weniger wird. Unnatürlich und unwirklich erscheint ihm Paris nach dem in Algerien Gesehenen, die Illusion eines Frühlings im Winter, die Fröhlichkeit wie von einem anderen Planeten. Er hat sich in Angst und Hass und Scham beerdigt, hat geistig den Finger immer am Abzug. „Alles, was er sah und hörte, brachte ihn auf, einfach, weil er es sah und hörte“, heißt es über seine Empörung angesichts der Tatsache, dass sich niemand für „seinen“ Krieg interessiert, über sein Erstaunen, dass für manche das Leben einfach weitergegangen ist. Den allgemeinen Belanglosigkeiten zuhören kann er nur mit einem Gesichtsausdruck, der wie „ausgeborgt ist und wie eine Narbe spannt“, will er selbst etwas sagen, weiß er nicht, „wie soll ich ihr verständlich machen, was da unten mit uns passiert ist“.

Wie Gegenmodelle sind der junge, vor weltverbesserlichen Überzeugungen strahlende Valette und der das Leben bis zur Neige auskostende Lasteyrie. Und dennoch. Ersterer wird – mit dem Autor – die erhofften Heilsbringer, die linksphilosophischen Moralisten, des Nichtstun anklagen, zweiterer seinen Desertionsplan aus Furcht vor der Flucht unter Weiberröcken aufgeben. Das Kriegsgespenst geht um und es scheint ihnen mehr und mehr so, als seien sie tot, „und zwar seit Langem schon, getötet durch einen Kopfschuss in irgendeinem entlegenen Wadi, und dass die anderen es jeden Moment bemerken und schreiend den Tisch verlassen würden“.

Anselme, der 160-Kilo-Kauz, der seine Nächte in Cafés und Bars am Rive Gauche verbrachte, der selbst Freunde zum Militärzug auf den Gare de Lyon begleitete – er war wegen seiner Résistance-Aktivitäten vom Dienst an der Waffe befreit -, ist Soldaten wie seinen Hauptdarstellern begegnet. Er kannte wohl ihre Gespräche, ihre verzweifelten Witzchen und ihre Art mit einer so rast- wie ratlosen Suche nach Amüsement die Zeit totzuschlagen. Denn nichts anderes tun seine drei; eine „Handlung“ im weiteren Sinne hat „Adieu Paris“ nicht. Es ist ein Streifzug durch die Dunkelheit, in jeder Bedeutung des Wortes. Was Anselme schreibt hat Sprengkraft. Auch heute. Frankreich marschierte vom Ersten stramm in den Zweiten Weltkrieg, von Indochina nach Algerien, von 1914 bis 1962. Anselme zeigt eine verlorene Jugend, eine vergeudete Generation. Als Niemals-Verlierer-Nation tut sich Frankreich schwer mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. 2012 noch sagte Nicolas Sarkozy wahlkämpferisch: „Frankreich kann nicht bereuen, diesen Krieg geführt zu haben.“ Öffentlicher Protest – blieb aus.

Der einzige Protest, zu dem sich Anselmes Anti-Helden aufraffen können, ist auf der Île Saint-Louis einen leeren Sockel zu erklimmen, um dort als „Kriegerdenkmal“ zu posieren. Lachaume stehend, Valette wie ein Verwundeter auf den Knien, Lasteyrie liegend wie ein Gefallener. Ob das ihr Schicksal vorwegnimmt? Sie steigen in den Zug, der Urlaub ist vorbei, „Heimwärts! Heimwärts!“ rufen sie kämpferisch als es wieder nach Algerien geht. Den Sockel gibt es tatsächlich. Auf ihm steht erst seit Kurzem, als ob Anselme es geahnt hätte, wieder ein Denkmal. Eine Replik der von der deutschen Wehrmacht 1942 eingeschmolzenen Plastik von Antoine-Louis Barye: Peirithoos im Kampf gegen den Zentauren.

Über den Autor:
Daniel Anselme, 1927 als Daniel Rabinovitch geboren, gab sich während seiner Zeit in der französischen Résistance den Decknamen Anselme. Als Journalist unternahm er viele Reisen, und man kannte ihn als Stammgast und Geschichtenerzähler in den Pariser Cafés am berühmten linken Ufer der Seine. Er wandte sich offen gegen den Krieg in Algerien, Anlass für seinen ersten Roman „Adieu
Paris“ (Originaltitel: „La Permission“), der 1957, also noch während des Algerienkrieges, erschien. Daniel Anselme starb 1989 in Paris.

Arche Verlag, Daniel Anselme: „Adieu Paris“, Roman, 208 Seiten. Aus dem Französischen von Julia Schoch.

www.arche-verlag.com

Wien, 15. 2. 2016

Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben

Januar 13, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Buch wie ein Auffahrunfall auf dem American Way

9783716027455Nur kurz keimt die Hoffnung auf ein glückliches Ende. Vielmehr möchte man der Frau auf jeder Seite zurufen: Lauf‘, lauf‘, der Typ ist nicht gut für dich, er ist nur ein weiteres deiner Probleme! Welch eine seltsame, bedrückende Liebesgeschichte, mit der Atticus Lish die Leser in seinen Bann schlägt. Sein Debütroman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ zeigt die USA als Land der begrenzten Möglichkeiten. Zeigt eine self-fulfilling Politik, die die Menschen längst verlassen, ja vergessen hat. Zeigt (sozial-)staatliche Versäumnisse auf, die denen im Europa dieser Tage ähnlich sind. Nicht nur deshalb ist der literarische Überraschungshit dieses Winters lesenswert. Lish ist auch stilistisch Neuland. In einer einzigartigen Mischung verbindet er Sprachpathos mit schonungsloser Schroffheit. Er hat den Mut plakativ, kitschig, traurig und tragisch zu sein, dass es einem das Herz abschnürt. Dann wieder rotzt er in Slang und Alien-Englisch die Wut und Verzweiflung seiner Protagonisten raus. Atticus Lish ist ein Moralist, der den Finger auf die Wunde derer legt, die von sich behaupten, der Welt wichtigste Nation zu sein. Die von ihm niedergeschriebene gesellschaftliche Entsolidarisierung in den USA zeigt, wie ein Präsidentschaftskandidat wie weird Donald Trump überhaupt möglich werden kann.

Erzählt wird von Zou Lei und Skinner. Sie ist uigurische Kriegswaise, Muslima, illegal in die USA eingewandert, den Sehnsuchtsort ihrer Mutter. „Man muss nichts anderes sagen, als ,Ich möchte Brot‘ und schon hüpft das Brot aus dem Ofen“, hat ihr die erzählt. Nun stellt Zou Lei fest: Ohne Ausweis ist man kein Mensch und hat entsprechend auch nicht dessen Rechte, ohne gültige Papiere wird einem die nackte Existenz abgesprochen; man ist Freiwild für jeden, der sich für einen Big Boss hält. Den Patriot Act im Nacken arbeitet sie in diversen New Yorker Suppenküchen, muss mehr als einen Job machen, um zu überleben. Den Begriff Homeland gibt’s für sie nur in Verbindung mit dem Wort Security.

Da läuft sie Skinner über den Weg, quasi ein Migrant im eigenen Land. Er war Army-Infanterist und wurde nach drei Einsätzen im Irak als gefährlicher Paranoiker aus dem Militärdienst entlassen. Ein depressiver, unter Panikattacken und Albträumen leidender Alkohol- und Psychopharmakasüchtiger, der mit seiner Pistole spielt, wenn ihn Suizidgedanken packen. Was ziemlich oft ist, weil er den Anblick seines von einer Sprengfalle zerfetzten Freundes nicht vergessen kann. Die Szene, in denen Skinner mit Körperteilen hantiert, um sie wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen, gehört zu den grauenhaft eindrücklichsten des Buches. Zou Lei hat alles verloren, Skinner sich selbst; eine Amour fou beginnt. Und alles atmet Unheil. „An so etwas wie ihre Liebe war er nicht gewöhnt und sie schien sein emotionales Ungleichgewicht nur zu befördern“, steht da über den zur menschlichen Waffe gemachten Skinner: „Sein Kopf hatte keine Sicherung und keinen Hebel, um ihn auszuschalten.“ Lish gelingt das literarische Kunststück, diesen Trailerpark-Proleten zu einer Figur zu machen, für die man zwar nicht Sympathie, aber immerhin Mitleid empfindet.

Atemlos hetzt einen Lish durch die Straßen von Queens, ein Stadtteil, der von der „Glitzermetropole“ so weit entfernt scheint wie der Mond; es ist, als würde man sich das ganze Buch über auf dessen dunkler Seite befinden. Man begibt sich auf einen Zug durch die Nachbarschaft mit all ihren merkwürdigen Gestalten. Kleinkriminelle, Prostituierte, Obdachlose. Travis Bickles, Patrick Batemans, Chris Kyles. Iren leben neben Latinos leben neben Chinesen – eine Multikultihassgemeinschaft. Lish entwirft eine kalte Schnellimbisswelt, bevölkert von in ihrem Elend vereisten Menschen. Er schildert die Verwahrlosung der Wohlstandsverlierer, die xenophoben Existenzängste der „alteingesessenen“ und ihren aggressiven Verdrängungskampf mit den neuen Einwanderergruppen. Wie beiläufig verpackt er in Lebensgeschichten, was Regierungen, was Regime mit Menschen machen, entfaltet er ein Misera-plebs-Panorama, das alle soziologischen Wahrheiten über Amerika bündig zusammenzufassen scheint.

Es geht um Flüchtlinge, die unwürdige Massenunterbringung von Hilfesuchenden, die auf ein besseres Leben hofften, den Umgang mit ethnischen Minderheiten, und wie Ausgrenzung Hassprediger auf den Plan ruft. Es geht um die ständige Verfügbarkeit von Schusswaffen, um wahnwitzige Kriege und sich selbst überlassene seelenversehrte Heimkehrer aus diesen, um den Allgemeinzustand, in dem sich ein Land nach einem Terroranschlag (hier 9/11) befindet. Es geht um die heikle Frage, wie offen ein Staat heute sein darf. In einer interessanten Wertediskussion verachten chinesische Asylwerber die USA dafür, dass ihr ein „starker Führer“ fehlt. Es geht um kulturelle, religiöse, wasauchimmer Unterschiede, und Lish tut den Teufel, ein „We shall overcome“ anzustimmen.

Dann trifft white trash auf white trash. Das Verderben kommt in Gestalt von Jimmy, der Sohn von Skinners Vermieterin, gerade aus dem Gefängnis entlassen und wahrlich ein Paradebeispiel für die mangelnde Qualität des US-Strafvollzugs. Nun stehen sich die Raubtiere gegenüber, die beiden vom System zu Bestien deformierten Gestalten, die beiden von der Gesellschaft geschändeten Kreaturen. Von Anfang an ist klar, dass zwei, die einander so ähnlich sind, aneinander geraten müssen. Jimmy, angewidert davon wie sich sein Wohnviertel zum „Ausländerghetto“ gewandelt hat, beginnt mehr oder minder systematisch asiatische Sexmasseurinnen totzuprügeln. Die Gewalt, die er Frauen antut, wirkt in ihrer Schilderung surreal. Und seine Aggression überträgt sich. Man wartet richtig darauf, dass seinem Treiben endlich jemand ein Ende setzt. Was passiert, weil er Zou Lei ins Visier nimmt. Wo eine Pistole vorkommt, wird auch geschossen …

Lishs Buch ist wie ein Auffahrunfall auf dem American Way of Life. Selten liest sich eine Liebesgeschichte so gnadenlos ausweglos wie diese. Mit seiner enorm direkten Prosa fährt einem der Autor direkt an die Kehle. Man braucht eine Weile, um aus diesem Buch in die Normalität des eigenen Alltags zurückzukehren. Nicht zuletzt wegen des Wissens, wie viel an dieser beinharten Fiction genau beobachtetes und gut dokumentiertes Fakt ist. Der Titel des Romans – „Vorbereitung auf das nächste Leben“ steht als Wandspruch in einer Moschee über dem Schreibtisch des Imam – entpuppt sich als so vieldeutig wie dessen Inhalt. Eine Message macht Lish aber klar: Dem Menschen, der der Menschlichkeit entbehrt, helfen keine frommen Gesten. Das ist von Konfuzius.

Über den Autor:

Atticus Lish, geboren 1971, ist der Sohn des berühmten amerikanischen Lektors und Autors Gordon Lish, dem Mann, der Raymond Carvers minimalistischen Stil erfand. Er ist Übersetzer aus dem Chinesischen, hat in einer Styropor-Fabrik gearbeitet, auf dem Bau, als Personaltrainer, bei einem Umzugsunternehmen, als Wachmann, als Verkäufer in einem Fastfood-Restaurant sowie im Telefonmarketing. Vor 9/11 diente er kurz als Marine in der US-Armee. Später war er längere Zeit Englischlehrer in China, wo ihn seine Reisen unter anderem nach Kashgar und Yili führten, in das Gebiet der Uiguren. Er lebt mit seiner aus Korea stammenden Frau Beth in New York City. Sein Roman „Vorbereitung auf das nächste Leben“ wurde 2015 mit dem PEN/Faulkner Award ausgezeichnet.

Arche Verlag, Atticus Lish: „Vorbereitung auf das nächste Leben“, Roman, 544 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Michael Kellner.

www.arche-verlag.com

Wien, 13. 1. 2016