Bruno Gironcoli: In der Arbeit schüchtern bleiben

Februar 1, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

mumok: Der Bildhauer als Maler und Zeichner

Bruno Gironcoli: Ohne Titel, ca. 1964. Privatsammlung, Wien © Bruno Gironcoli Werk Verwaltung GmbH / Estate Bruno Gironcoli / Geschäftsführerin Christine Gironcoli

Die groß angelegte Retrospektive „Bruno Gironcoli: In der Arbeit schüchtern bleiben“, ab 3. Februar im mumok zu sehen, stellt erstmals den Maler und Zeichner Gironcoli in den Mittelpunkt. Auf zwei Ausstellungsebenen treten Papierarbeiten von den 1960er- bis in die 1990er-Jahre in einen Dialog mit herausragenden Beispielen der Drahtplastiken, Polyesterobjekte, Installationen und Monumentalskulpturen des großen österreichischen Künstlers. Im Zwiegespräch erschließen sie neue Perspektiven auch auf Gironcolis bildhauerisches Werk.

In der Konfrontation von grafischem und plastischem Werk zeigt sich, dass Gironcoli seine Konzeption von Bildhauerei – von Dinglichkeit und Materialität – entscheidend auf Papier verhandelt: Er reflektiert dort beispielsweise die Eigenschaften von unterschiedlichen Aggregatzuständen und Werkstoffen oder auch das Verhältnis von gleichen und ungleichen Körpern zueinander sowie zum umgebenden Raum. Modi des Verbindens, Verknüpfens und Verkettens spielen eine zentrale Rolle. Auffällig ist die Faszination des Künstlers für das Schematische: für eine Ausdruckshaftigkeit, die nicht aus der Tiefe, sondern in der Fläche wirkt.

Dies zeigt sich in einem fixen Repertoire von Motiven, die Gironcoli in Reihen variiert und zudem nach langen Unterbrechungen wieder aufgreift, um sie neu zu „formatieren“.  Und im formelhaften Aufeinandertreffen unterschiedlicher Perspektiven und Ausdrucksweisen – von konstruktiven und expressiven Elementen, räumlichen Projektionen und atmosphärischen Effekten, akkuraten Linien und undisziplinierten Gesten. Gironcolis Papierarbeiten werden im Laufe seiner künstlerischen Karriere immer freier und scheinen sich damit vom bildhauerischen Werk zu entfernen. Insbesondere ab den 1980er-Jahren setzen sich kräftige Farben wie Pink, Violett oder Türkis zunehmend über grafische Begrenzungen hinweg und entwickeln ein malerisches Eigenleben. Der exzessive Einsatz der Malmittel – etwa der fast flüssig erscheinenden Metallfarben – verleiht den Großformaten selbst eine plastische Anmutung. Doch bleiben Skulptur und Grafik einander auch im Spätwerk eng verbunden: In beiden Disziplinen beschäftigen Gironcoli Fragen des Anhäufens und Schichtens; in beiden bedient er sich einer bewusst manieristischen Formen – und Materialsprache.

Bruno Gironcoli: Entwurf zur Veränderung von Säule mit Totenkopf, 1971. Courtesy Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München © Bruno Gironcoli Werk Verwaltung GmbH / Estate Bruno Gironcoli / Geschäftsführerin Christine Gironcoli

Bruno Gironcoli: Elektrische Welt, ohne Jahr. Courtesy Privatsammlung © Bruno Gironcoli Werk Verwaltung GmbH / Estate Bruno Gironcoli / Geschäftsführerin Christine Gironcoli

Die Themen, die den Künstler zeit seines Lebens beschäftigten, nehmen auf visionäre Weise die Problemstellungen des 21. Jahrhunderts vorweg: das Verhältnis von Natur und Technik; individuelle und gesellschaftliche Zwänge (in den Bereichen Sexualität, politischen Ideologien und Religion); die fetischhafte Aufladung von Dingen und Waren; die Verführung durch Oberflächen …

Die Ausstellung zeigt auf, dass Gironcolis Werk nicht nur im Kontext der österreichischen und internationalen Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine wegweisende Position besetzt, sondern auch in Bezug auf aktuelle gesellschaftliche und künstlerische Entwicklungen bemerkenswerte Anschlussmöglichkeiten bietet.

Die mit etwa 150 Werken auf Papier bestückte Retrospektive stellt den Bildhauer Gironcoli als einen Bildschöpfer vor, der abseits des Feldes der Malerei zu bahnbrechenden visuellen Lösungen fand. Als Künstler, der mittels Schablonen, klischeehafter Formeln und Wiederholungen der bildlichen Darstellung ungeahnte Möglichkeiten erschloss.

www.mumok.at

  1. 2. 2018

Soho in Ottakring: Die Arbeit ist noch nicht zu Ende

Oktober 20, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotoschau über das „Jenseits des Unbehagens“

honey & bunny: Putzen. Bild: Stummer, Hablesreiter und Akita

Ab 25. Oktober zeigt „Soho in Ottakring“ im Alten Kino im Sandleitenhof die Fotoausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“ als Teil des diesjährigen Festivalmottos „Jenseits des Unbehagens. Vom Arbeiten an der Gemeinschaft“. Gezeigt werden vier künstlerische Positionen, die sich mit Themen zu Arbeits- und Produktionsverhältnissen befassen.

Mit deren Bewertung aufgrund von Machthierarchien, mit Ausgrenzungen in der Arbeitswelt und mit Strategien der Selbster­mäch­tigung. In den modernen westlichen postindustriellen Gesellschaften ist Arbeit immer noch wesentlich für Anerkennung, Sinnfindung, und Überwindung von sozialen Ungleichheiten. Die Erwerbs­tätigkeit von Frauen oder die berufliche Integration von Migrantinnen und Migranten sind gute Beispiele, wie Teilhabe an der Arbeitswelt zu sozialer Gerechtigkeit führen kann. Der Arbeitsplatz ist vor allem ein Ort der Auseinandersetzung mit sozialen Realitäten: Menschen lösen Probleme und werden dadurch selbstbewusster, sie fühlen sich nützlich und integriert. Andererseits bewirken Arbeitslosigkeit und gesetzlicher Ausschluss aus der Erwerbstätigkeit Krisen. Gleichermaßen führen Tätigkeiten, die als minderwertig abgetan werden, zu Erfahrungen fehlender sozialer Achtung und zu einem sinkenden Selbstwertgefühl. Prekäre und flexible Arbeitszeitstrukturen verhindern, Arbeit als erfüllend zu erleben.

Teaching while black. Bild: Abiona Esther Ojo

Werkzeuggespräche 2017. Bild: Paul Sturm

Neben „Putzen“ von honey & bunny und „Fluxus Fire“ von FXXXism (Iv Toshain und Anna Ceeh) sind der Text- und Bildzyklus „Waste“ von Wolfgang Krammer und die Installation „Teaching while black“ von Belinda Kazeeem zu sehen. Während sich der Landschaftsfotograf mit dem „Wegwerfartikel“ Möbel befasst, zeigt Kazeem die Probleme schwarzer Unterrichtender in einem weißen Bildungssystem auf. Zu den Themen finden außerdem „Werkzeuggespräche“ statt.

www.sohoinottakring.at

20. 10. 2014

Neu am Volkstheater: Jan Thümer

September 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das linke Gewissen der Gesellschaft

Der Marienthaler Dachs: Jan Thümer als Andi Arbeit Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Der Marienthaler Dachs: Jan Thümer als Andi Arbeit
Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Seine erste Wien-Premiere, „Nora³“, hat er – als Aktienbanker und Erpresser Krogstad wie als Vorarbeiter Franz von Publikum und Presse heftig ak­kla­mie­rt – absolviert. Jan Thümer, 1975 in Hamburg geboren, seit 2006 als fixes Ensemblemitglied bei Anna Badora am Schauspielhaus Graz engagiert gewesen (mehr: www.volkstheater.at/person/jan-thuemer), bereitet sich nun auf seine nächste Rolle am Volkstheater vor. In Ulf Schmidts „Der Marienthaler Dachs“ ist er in der Regie von Volker Lösch als „Andi Arbeit“ zu sehen. Ein Fleisch gewordener Gegenentwurf zur kapitalistischen Gesellschaft. Der deutsche Dramatiker, Blogger und Digitalberater Schmidt schuf eine vielschichtige Parabel über die Zusammenhänge von Arbeits-, Wirtschafts- und Finanzwelt im Mikrokosmos eines fiktiven Marienthal. Lösch, bekannt für seine politisch brisanten Theaterarbeiten, filtert daraus eine Bühnenversion für Schauspieler und einen Laienchor aus Wiener Arbeitslosen. Uraufführung ist am 25. September. Jan Thümer im Gespräch:

MM: Auf einem ersten Foto zu „Der Marienthaler Dachs“ halten Sie ein Schild auf dem steht: „Nur gemeinsam könnt ihr gewinnen“. Ihr Slogan?

Jan Thümer: Einer, den das Stück mir anbietet. Die Figur, die ich an dem Abend annehme, hat ein paar programmatische Headlines. Eine davon ist die Solidarität, der Gemeinschaftsgeist, als das worum es in Zukunft in der Gesellschaft gehen sollte.

MM: Ihr Figur heißt Andi Arbeit. Sie ist wie alle in Ulf Schmidts Text eine allegorische Figur. Was hat es damit auf sich?

Thümer: Ulf Schmidt hat eine Riesentextsammlung verfasst, die 2014 beim Heidelberger Stückemarkt das erste Mal veröffentlicht wurde. Der Mann schreibt auf großen Papierbahnen parallel nebeneinander. In einem Umfang, der, würde man das Ganze so auf die Bühne bringen, zehn Stunden dauern würde. Daraus wurde ein Textderivat für das Volkstheater hergestellt. Hintergrund ist die Sozialstudie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel. Daraus hat Schmidt eine Allegorie gemacht, die das Damals mit dem Heute verbindet. Die Dynamiken der Gesellschaft, die Bösartigkeiten der Institutionen, die Abarten des einzelnen in der Gemeinschaft – dem allen ist er nachgegangen. Die Figuren heißen Vater Staat, Mutter Konzern, Andi Arbeit, Bleibrecht … Das sind Figuren, die Prinzipien vertreten. Dann kommt Siegried aus Hagen und bringt diesem Dorfmilieu den Neoliberalismus nahe. Andi Arbeit ist das linke Gegenprinzip. Er fordert ein Umdenken des gesellschaftlichen Zusammenlebens, will von den Konzernen, dass sie umverteilen – das eben, was man in Europa vor der Flüchtlingskatastrophe viel in den Medien lesen konnte. Regisseur Volker Lösch hat sehr wütend auf die Gesellschaft genau den richtigen Text gefunden, um die Fragen aufzuwerfen: Wo stehen wir? Wo soll es hingehen?

MM: Können Sie persönlich sich in das Gedankengebilde der Figur Andi Arbeit einfügen?

Thümer: Ich kann mich sehr mit linkem Gedankengut anfreunden. Die Arbeit mit Volker Lösch ist eine große Bereicherung, weil er sehr tief in der Materie steht. Er hat sich stark engagiert gegen das umstrittene Bahnprojekt Stuttgart 21. Ich muss sagen, im Rad in dem die Gesellschaft, in der wir leben, eingespannt ist, kann ich mich immer weniger wiederfinden. Ich habe zwei Kinder, ich lebe in einem klassischen Familienentwurf (Lebenspartnerin Monika Rovan ist Bühnenbildnerin und hat in Wien zuletzt die Ausstattung der „Proletenpassion 2015 ff.“ im Werk X gemacht, www.mottingers-meinung.at/?p=13411, Anm.), ich möchte für meine Familie Utopien, Visionen in der Politik sehen. Und die sehe ich am ehesten in der Linken.

MM: Die Autoren der Marienthal-Studie sind 1933 zu dem Schluss gekommen, dass Arbeitslose eher zu Resignation als zur Revolte neigen. Müssen wir nicht auf die Barrikaden?

Thümer: Ich war selber eine Zeit lang arbeitslos, ich bin am Arbeitsamt gesessen und die Atmosphäre, die da herrscht, ist hart, bitter und frustrierend. Der Mensch wird zur Nummer degradiert. Ich sehe das, was ich erlebt habe, in den Menschen widergespiegelt, die als Arbeitslosenchor mit uns auf der Bühne stehen. Was sie erfahren, korrespondiert mit dem, was ich erfahren habe, nur konkreter und härter: Es geht einem tatsächlich die Kraft aus, man wird inaktiv, fällt in sich zusammen. Die Wut steigt aber. Dass manche dann empfänglich werden für die stumpfsinnigen Parolen der Rechten in Europa ist nachvollziehbarer als die Barrikaden zu stürmen. Der Neoliberalismus gaukelt den Leuten vor, er täte alles für sie, sie wären in seiner Gesellschaft gut aufgehoben. Da denkt man nicht a priori ans Umkrempeln. Man hat zu wenig zum Überleben, aber zu viel zum Sterben. Das hält die Leute in einem komischen Abhängigkeitsverhältnis, das sie hindert wirklich zu rebellieren. Es hängt aber auch damit zusammen, dass sich die Leute nicht zusammenschließen, organisieren. Niemand sagt ihnen: Ihr seid keine Minderheit, ihr seid Teil der Gesellschaft.

MM: Ich hatte gerade die Vision einer ersten Gewerkschaft für Arbeitslose.

Thümer: Genau. Es gibt Vereine, wie in Hamburg den Verein der Glücklichen Arbeitslosen, das sind aber Kunstprojekte, die Künstler, Philosophen antreiben. Man braucht etwas Durchsetzungskräftigeres. So lange nämlich „die Leistungsgesellschaft“ den Leuten einredet, wenn du arbeitslos bist, bist du nichts wert, du bist selber schuld an deiner Situation, du bist nicht auf der Spur, so lange wird sich für diese Menschen nichts bewegen. Da entwirft der Abend des „Marienthaler Dachs“ ein sicherlich satirisches, etwas vergrößertes Gegenbild. Die Farce zeigt sehr viel Wahrheit.

MM: Ist der Arbeitslose also ein Opfer der Umstände?

Thümer: Ein Opfer der Arbeitsgesellschaft, der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Schwächung der Gewerkschaften, der Solidarverbände, das uns ins Haus stehende TTIP-Abkommen mit den USA, das sind lauter Dinge, wo der Markt, die Globalisierung die Menschen überrollen wird. Der Neoliberalismus, um das Wort noch einmal zu bemühen, hat das vorbereitet. Billiger, billiger, das leuchtet auch jedem ein. Wenn ich am Tag 40 Cent sparen kann, dann habe ich das gut gemacht. Was dabei alles auf der Strecke bleibt, wird weniger gesehen. Dass man die Solidargemeinschaft verlässt, dass Angst eines der Hauptthemen ist, die den Privatmenschen heute umtreiben. Angst, den Job zu verlieren, zu alt für den Job zu werden. Diese Angst macht fest und eng und unsensibel gegenüber Mitmenschen.

MM: Angst auch das bisschen, dass man sich erwirtschaftet hat, zu verlieren?

Thümer: Das sieht man derzeit an der Flüchtlingsdebatte in Deutschland und Österreich. Man könnte unserem Abend vorwerfen, er sei zynisch und schwarzmalerisch, aber so viel Zynismus, wie gerade in der öffentlichen Debatte herrscht, ist nicht zu übertreffen. Wir als Künstler bieten eine Überhöhung der Realität. Das kann die Politik für sich nicht in Anspruch nehmen. Politik kann nicht wie wir „nur“ aufzeigen, sie muss Lösungen formulieren, lebendige Ideen anbieten. Die Dublin-Abkommen wurden aufgrund deutscher Initiative durchgewunken, man hat sich geschützt und abgeschottet. Es ist menschenverachtend. Gut, in Wien und München gibt es eine Welle der Solidarität, von der man mit Recht berührt sein kann, nur das sind lokale Phänomene, die von der Bevölkerung ausgehen, nicht von den Regierenden. Ich glaube nach wie vor nicht, dass Freundlichkeit gegenüber Flüchtlingen mehrheitsfähig ist. Sonst würde Heinz Christian Strache in der aktuellen Sonntagsfrage nicht vorne liegen. Im Grunde geht es der Mehrheit darum, in Ruhe und Sicherheit die hundertste IKEA-Schrankwand in der eigenen „Comfortzone“ aufzubauen; also das Individuelle Glück im Konsum zu finden. Das ist die Gesellschaft in der ich mich immer öfter fremd fühle.

MM: Sie sind in dem Thema drin, Sie haben am Grazer Schauspielhaus das Projekt „Boat People“ gemacht. Könnte man das am Volkstheater nicht wiederaufnehmen?

Thümer: Wir haben darüber schon gesprochen. In Graz hieß es noch: Was hat Lampedusa, was haben die EU-Außengrenzen mit Österreich zu tun? Damals galt es Aufklärungsarbeit zu leisten, da stand das Thema noch nicht im Zentrum der Gesellschaft. Fünf Jahre später brennt es unter den Nägeln wie Teufel. Nun müsste man eine Version zwei machen, eine Diskussion mit und über die Leute, die kommen. Vor denen man keine Angst haben muss, die uns nichts wegnehmen – ich muss das noch einmal sagen -, vor denen man sich nicht mit Gesichtsmasken wie vor der Pestilenz schützen muss, die man nicht an den Grenzen mit Soldaten empfangen sollte, die das wollen, was alle Menschen wollen: Über-leben. Die EU leidet an einer fatalen Nicht-Identität. Der humanistische Geist, in dem das Haus einmal gezimmert wurde, existiert nicht mehr, die Fassade hat Risse. Europa ist kein Wohnheim mehr für viele, sondern eine Wurschtelbude eigenstaatlicher Interessen. Uns kommt gerade der Gemeinschaftsraum abhanden. Und da bin ich wieder beim „Marienthaler Dachs“. Etliche sagen: Ich habe keine Arbeit, mir wird nicht geholfen, warum soll man Fremden helfen? Das ist entsetzlich. Zum Glück ist der Mensch in der Lage, Empathie zu empfinden. Das gibt Hoffnung. Und Regisseure, wie Volker Lösch, der sich äußern muss. Das Schlimmste wäre, wenn Leute wie er aufgeben würden.

MM: Volker Lösch glaubt an das Theater als Weltveränderungsanstalt, so ähnlich hat er’s in einem Interview gesagt. Diesen Glauben kann man wohl auch Ihnen unterstellen?

Thümer: Tja, ich denke, dass Theater schon mal weniger relevant war. Hier werden Gedanken zur Zeit ausformuliert, die im ganzen Getöse draußen untergehen, Gedanken, die von den Medien auch schon abgegriffen sind, neu präsentiert. Das Theater kann Impulse geben, wenn es gut ist, wenn Leute mit großer Wut dahinter stehen. Dann gibt es auch Aufmerksamkeit, auch von jungen Leuten, nicht nur von 50plus, die auf die Klassiker von damals warten. Doch Theater darf sich nicht einschließen in seiner Kunstfertigkeit. Es gibt einen Wunsch nach Texten, die auf die Zeit reagieren. Ich denke, dass Anna Badora und wir als Truppe hier am Volkstheater genau diesem Wunsch entsprechen werden, ein Bild der Bevölkerung dieser Stadt abzubilden. Wir wollen uns in dieser Stadt engagieren. Und auch andere arbeiten gerade in Wien daran, das Theater zu öffnen, aufzubrechen, schneller zu reagieren.

MM: Apropos, Sie hatten Ihre erste Wien-Premiere mit „Nora³“. Wie war’s?

Thümer: Toll. Es war bisher sehr verblüffend, wie offen man hier empfangen wurde. Am Haus und vom Publikum. Die Produktion ist eine Übernahme aus Düsseldorf und die Kollegen waren wohl erstaunt, wie die Jelinek in Wien aufgenommen wurde, das war in Düsseldorf längst nicht so, hier gab es mehr Verständnis für ihre Art von Humor. Ich glaube insgesamt, der Start ist uns bis hierher sehr gut gelungen (er klopft auf Holz). Wir sind sehr froh, wie offen man uns in diesem Haifischbecken Wien begegnet. Man hört ja immer …

MM: Ah, Vorurteile über das Wiener Publikum ☺, die möchte ich jetzt genauer hören.

Thümer: Gar nicht. Ich habe acht Jahre Graz-Erfahrung und meine, obwohl es sicher auch deutsche Städte gibt, wo das genau so ist, die Theaterbegeisterung in Österreich ist enorm. Welches Interesse man hier an diesem Medium hat! Die Theater in Deutschland sind teilweise leer gespielt, da ist man doch froh, dass Theater hier Relevanz hat.

MM: Das als positives Schlusswort unseres Gesprächs.

Thümer: Ja, man kann sich heute nur mehr an Details freuen.

www.volkstheater.at

Wien, 19. 9. 2015