Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: Das Tagebuch der Anne Frank

Oktober 6, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus „Kitty“ wird ein Graphic Diary

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Marc Chagall schon illustrierte eine limitierte Ausgabe ihres Tagebuchs. Zeitnäher, nämlich 1995, brachte das japanische Madhouse Animation-Studio einen Zeichentrickfilm heraus; von Ernie Colón und Sid Jacobson erschien 2010 eine Comic-Fassung. Es ist nicht so, dass es zu Anne Franks weltberühmten Aufzeichnungen, in 70 Sprachen übersetzt und mehr als 30 Millionen Mal verkauft, keine Bilder gibt.

Nun also versuchen sich Ari Folman und David Polonsky am Stoff. Eindrucksvoll haben die beiden 2008 bewiesen, wie man eine schwierige Materie in Zeichnungen umsetzen, erklären und an ein großes Publikum bringen kann. „Waltz with Bashir“ heißt ihr Oscar-nominierter animierter Dokumentarfilm (www.waltz-with-bashir.de), dem ein Buch folgte, und in dem Folmans traumatischer Einsatz als israelischer Soldat im Ersten Libanonkrieg 1982 thematisiert wird.

Dem „Tagebuch der Anne Frank“ nähern sich der Texter und der Illustrator sozusagen auf Zehenspitzen. Behutsam haben sie sich in die Vorstellungswelt der 13-Jährigen vorgetastet; in einem Nachwort erklärt Folman, wie die Umsetzung der Einträge als Graphic Diary überhaupt möglich war. „Ich hatte große Bedenken“ schreibt er über sein Unterfangen, aus Annes Texten für sein Ansinnen passende auszuwählen und diese auch noch zu verdichten, damit ein lesbarer Buchumfang entstehen konnte. Bei gleichzeitigem selbstauferlegtem Arbeitsauftrag, dem Werk so treu wie möglich zu bleiben. Die Übung ist, lässt sich sagen, gelungen.

Folman und Polonsky lassen keinen Punkt aus, der Anne berührt hat. Und das sind neben der Angst und dem Hunger durchaus die üblichen Teenagersorgen: der Konkurrenzkampf mit Schwester Margot, der Liebeskummer wegen Peter van Daan, ihre Zimmerschlacht mit Zahnarzt Albert Dussel, der Ärger des Trotzkopfs über Zurechtweisung ob ihres als aufsässig empfundenen Benehmens. Menschen in einer extremen Ausnahmesituation werden den Ansprüchen eines Backfischs natürlich nicht gerecht …

Anne erlaubt Anne keine lästerliche Bemerkung über ihre Liebe zu Peter. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

In einem Tagalbtraum sieht sie ihre Schwester Margot im Viehwaggon. Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Anne philosophiert über das intime Aussehen von Männern und Frauen, und über Frauenrechte. Annes Phasen der Depression und der Verzweiflung sind in Fantasieszenen festgehalten. Eine der eindrücklichsten zeigt Anne als Munchs „Der Schrei“ und als Klimts „Goldene Adele“ – als Beispiel, wie sie sich fühlt und wie sie viel lieber sein möchte. An anderer Stelle marschieren schwarz-graue Nazi-Kohorten, färben sich schaurige Seiten-Tableaus blutrot – oder sieht Anne ihre Schwester in einem Tagalbtraum unterwegs im Viehwaggon.

Den kühnsten Kniff wagt Folman, wenn er Tagebucheintragungen zu fiktionalen Dialogen dramatisiert. „Lass mich doch einfach in Ruhe – ich bin ja sowieso ein hoffnungsloser Fall“, schreit Anne ihre Mutter an. Die erwidert: „Nicht in diesem Ton, Fräulein!“ Und als die van Daans einen Ehestreit haben, bemerkt Vater Frank trocken: „Hol mal schnell einer den Verbandskasten!“

So mancher dergestalt entstandene verbale Schlagabtausch bringt Heiterkeit ins Buch, während besonders prägnante Einträge ungekürzt übernommen sind. „Ach“, schreibt Anne, „ich werde ja so vernünftig! Alles muss hier mit Vernunft geschehen, lernen, zuhören, Mund halten, helfen, lieb sein, nachgeben, und was weiß ich noch alles! Ich habe Angst, dass ich meinen Vorrat an Vernunft, der ohnedies nicht besonders groß ist, viel zu schnell verbrauche und für die Nachkriegszeit nichts mehr übrig behalte.“ Und später: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Welt für uns je wieder normal wird.“

Nicht nur mit Worten, auch über die Bilder arbeiten Folman und Polonsky Anne Franks scharfsinnige Analyse ihres Ist-Zustands, ihr hohes Maß an Selbstreflexion und Mitgefühl, ihren Galgenhumor und ihren manchmal neunmalklugen Sarkasmus heraus.

„Ich fand es unfassbar“, schreibt Folman im Nachwort, „dass eine Dreizehnjährige imstande gewesen war, einen so reifen, poetischen, lyrischen Blick auf die Welt um sie herum zu werfen …“ David Polonskys Zeichnungen sind klar, manchmal kleinteilig, manchmal erstrecken sie sich über eine ganze Doppelseite. Es ist eine in Sepiatönen gehaltene Umgebung, die er erschaffen hat, Farben,  selbst Schattierungen verwendet er nur sparsam. Graphische Erzählstrategien verfolgt er gar nicht, Polonsky ist im besten Sinne ein Illustrator des Textes.

„Kitty“ nennt Anne Frank ihr Tagebuch. Sie bekommt es am 12. Juni 1942 zum Geburtstag geschenkt. Da ist die Familie schon aus Frankfurt nach Amsterdam geflohen. Das in rotweißen Stoff gebundene Notizheftlein mit dem kleinen Schloss an der Vorderseite wird Ersatz für die Freundin, die sie nicht finden, wird zu „jemand“, dem sie sich rückhaltlos anvertrauen kann. Noch am Geburtstag beginnt sie in niederländischer Sprache ihre Eintragungen. Das Graphic Diary endet mit Annes letztem am 1. August 1944, drei Tage vor ihrer Verhaftung. „Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird“, schreibt sie. „Ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird …“

Anne Frank starb 1945 im KZ Bergen-Belsen an Typhus, ihr Todesdatum muss zwischen Ende Februar und Anfang März liegen. Am 12. April wurde das Lager von britischen Truppen befreit. Von den acht Untergetauchten im Hinterhaus an der Prinsengracht überlebte nur Otto Frank den Holocaust.

Bild: © Ari Folman / David Polonsky – S. Fischer Verlag 2017

Über die Autoren:
Anne Frank, am 12. Juni 1929 als Kind jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren, flüchtete 1933 mit ihren Eltern nach Amsterdam. Nachdem die deutsche Wehrmacht 1940 die Niederlande überfiel und besetzte, 1942 außerdem Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung in Kraft traten, versteckte sich die Familie Frank in einem Hinterhaus an der Prinsengracht. Die Familie und ihre Mitbewohner wurden im August 1944 verraten und nach Auschwitz verschleppt. Anne Frank und ihre Schwester Margot starben infolge von Entkräftung und Typhus im März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Ihr genauer Todestag ist nicht bekannt.

Ari Folman ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Er wurde 1962 als Sohn polnischer Holocaust-Überlebender in Haifa geboren. Als israelischer Soldat erlebte er 1982 den Ersten Libanonkrieg mit. Über die teils autobiographischen Erlebnisse drehte er 2008 den animierten Dokumentarfilm „Waltz with Bashir“, der als bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert wurde, den Europäischen Filmpreis und den César erhielt.

David Polonsky, geboren 1973 in Kiew, ist ein preisgekrönter Illustrator und Comiczeichner. Weltbekannt wurde er durch seine Zeichnungen für den Animationsfilm „Waltz with Bashir“ und die gleichnamige Graphic Novel. Er unterrichtet an Israels angesehener Kunstakademie Bezalel in Jerusalem.

S. Fischer Verlage, Anne Frank, Ari Folman und David Polonsky: „Das Tagebuch der Anne Frank“, Graphic Diary, 160 Seiten. Übersetzt aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler und aus dem Englischen von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel

www.fischerverlage.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=wpcM0b7WDTk&feature=youtu.be

  1. 10. 2017

Wiener Festwochen: Democracy in America

Mai 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kapitalismus als Erbschuld der Gründerväter

Von allen guten Geistern verlassen: Elizabeth zweifelt in der neuen Heimat an ihrem alten Gottglauben. Bild: Guido Mencari

Es beginnt mit einer Glossolalie aus Oklahoma City. Die Gnadengabe des Heiligen Geistes wird ins Dunkel des Volkstheaters gewispert, gestöhnt, gesingsangt. Glossolalie, das ist etwas, auf das die Pfingstkirche sehr steht, es bedeutet „in Zungen reden“, also: es redet mich, und ist ein unverständlich gebrabbeltes Gebet. Interessant eigentlich, dass gerade die Erleuchteten nicht immer die hellsten sind.

Interessant auch, dass stets die, die einander am ähnlichsten sind, übereinander herfallen. Von Far West bis Near East, jedenfalls wird es in weiterer Folge noch viel um Zungenschlag, Zündeln und gespaltene … gehen. Die Socìetas von Romeo Castellucci ist einmal mehr mit einer bemerkenswerten Arbeit in Wien: „Democracy in America“. Der Bühnenmagier hat sich diesmal von Alexis de Tocquevilles 1835 erschienener Abhandlung „De la démocratie en Amérique“ inspirieren lassen – und er sagt’s dem Home of the Brave so richtig rein.

Bereits Tocqueville begutachtete die weiße Realutopie mit gemischten Gefühlen. Zwar war er von der Demokratie in der jungfräulichen Neuen Welt durchaus angefixt, doch sah er auch die Gefahren und die Grenzen des Konstrukts: die Tyrannei einer Mehrheit über viele Minderheiten, die Schwächung der Intellektualität und der auf die Fahnen gehefteten Freiheit durch populistische Rhetorik, letztlich die Kreation des Kapitalismus durch die Versklavung von Menschen, durch die Marginalisierung von Menschen. Die in der Verfassung und ihren Amendments, die in der Bill of Rights beschworene Gleichheit, sie ist bis heute Chimäre. Der Kapitalismus der USA ist eine Erbschuld.

Castellucci hat seine Inszenierung seit der Uraufführung in Antwerpen weiterentwickelt. Und er setzt diesmal beinah schon auf Narration. Natürlich, im Mittelpunkt der enigmatischen Aufführung stehen – im Wortsinn – im Gazenebel gehaltene Szenen, Tänze oft, fantastische Theaterbilder, die wegen ihrer Schönheit und in ihrer eindringlichen Stille betroffen machen. Eine Fahnenschwenktruppe formt Begriffe. Crime ist zu lesen, und Cynic. Eine blutüberströmt nackte Frau schält sich aus der Gruppierung und beginnt mit ihren langen, nassen Haaren auf einen Metallgalgen einzudreschen. Gong. Gong. Gong. Sie peitscht das Joch, das ihr der Schöpfer auferlegt hat, denn mehr als üblich arbeitet sich Castellucci diesmal am Gottesbegriff ab. Es geht um Aberglaube und Abfall vom Glauben, um Puritanismus, er letztlich die Grundlage der USA, um Bigotterie – und um das Gefühl, von Gott verlassen zu sein.

Von bösen Geistern umzingelt: Nathanael versucht die alten Indianerkräfte von seinem neuen Besitz fernzuhalten. Bild: Guido Mencari

Man hört den „Steinmetzsong“ schwarzer Häftlinge aus dem Jahr 1966, sieht einen gespenstischen Aufmarsch des Ku-Klux-Klans, schamanistische Visionen von God’s own Country, liest projizierte Geschichtsdaten. Schlacht folgt auf Schlacht. Geburt, auch die einer Nation, besteht aus Blut und Scheiße. Auf derart philosophische Sketches folgen bewegende Szenen. Der schweißrote Faden ist ein Siedlerschicksal zur Zeit der „Pilgerväter“.

Ein hart gewordener Menschenschlag in einem harten Land, Elizabeth und Nathanael. Sie verkauft ihre Tochter für Werkzeug und Saatgut, macht ihr Kind zum Pflugschar. Eine alte Indianerin beobachtet die Szene – und ergreift als Geist von der jungen Frau Besitz. Die beginnt nun besessen in einer indianischen Sprache wehzuklagen und den abwesend-schweigenden Gott zur Rede zu stellen. Blasphemie! Der Rest ist … Hexenjagd.

Schließlich, Schlussszene. Noch eine Tragödie hat die Theatercollage zu beleuchten: die der amerikanischen Ureinwohner. Zwei von ihnen lernen in einem Dialog die Migrantensprache – Englisch. Mühsam, warum nur klingt Hair fast wie Ear, meint aber nicht dasselbe? Sie wollen nicht Fremde im eigenen Land werden, sie wollen von der Mayflower-Mutter-Borg assimiliert werden. Lieber denn ausgerottet werden, besser denn auszusterben. Ihre Bemühungen haben nichts genützt, man weiß es. Im Land of the Free führte die hellhäutige Fackel die indigenen Völker in die Finsternis, das nationalistische Heilsversprechen der Staatengründer, es galt nicht für sie.

Castellucci Ensemble besteht nur aus Frauen: Evelin Facchini, Olivia Corsini, Gloria Dorliguzzo, Giulia Perelli, Stefanie Tansini, Sophia Danae Vorvila, Daniela Nitsch, Bianca Anne Braunesberger, Wendy Kok, Paolina Neugebauer, Anicka Prokopova, Nadine Schimetta, Nicole Steininger, Sarah Dworak, Magdalena Bönisch, Anja Struc, Irina Mocnik  und Janine Hickl. Ist das sein Woman is the Nigger of the World? Längst hat man verstanden, meint man verstanden zu haben, Castellucci geht’s in seiner suggestivkräftigen Arbeit um mehr Vereinigtes, als nur die Staaten. Sein Theaterrätsel scheint ein prinzipiell gemeinter Einspruch gegen „Herrscher“ und sozialdarwinistische Herrschaftsverhältnisse. Seine Performance ist ein Puzzle, wie stets auch diesmal ein Denk/Spiel, das dem Publikum Raum für individuelle Interpretation lässt.

Und dann ist man doch gedanklich wieder bei den USA und irgendwie der Hoffnung, dass, solange Europa Vordenker und Freigeister wie Castellucci hat, hier das Blasen von biblischen Trumpeten verhindert, heißt auch abgewählt, werden kann. Nämlich, von Democracy zu crazy ist es nur ein Buchstabe …

www.festwochen.at

24. 5. 2017

24 Wochen

September 21, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Entscheidung über ein ungeborenes Leben

Vorfreude auf den Familienzuwachs: Julia Jentsch als Astrid mit ihrem Sohn. Bild: © Filmladen Filmverleih

Vorfreude auf den Familienzuwachs: Julia Jentsch als Astrid mit ihrer Tochter Nele (Emilia Pieske). Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit kugelrundem Bauch betritt Standup-Comedian Astrid die Bühne. „Fällt ihnen an mir etwas auf? Richtig, ich habe neue Schuhe!“, scherzt sie ins Publikum. Ihr noch ungeborenes Kind ist ebenso Teil ihres Kabarettprogramms wie die Beziehung zu ihrem Ehemann und Manager Markus. Der nimmt das längst mit Humor. Selbstbewusst steht dieses Paar im Leben.

Selbst als bei einer Untersuchung im sechsten Schwangerschaftsmonat bei ihrem Kind Trisomie 21 festgestellt wird, weicht die anfängliche Verzweiflung noch dem Mantra: „Wir kriegen das hin.“ Doch es kommt schlimmer. Das Ungeborene, wird diagnostiziert, wird mit einem schweren Herzfehler zur Welt kommen, unmittelbar danach mehrere komplizierte Operationen brauchen und nie ganz gesund sein. Astrid wird unsicher, zieht sich zurück – erst aus ihrem Beruf, dann auch aus der Beziehung. Und während das Kind ihn ihr heranwächst, schwinden die Entscheidungsmöglichkeiten. Lieben, loslassen, gehen lassen können?

„24 Wochen“ heißt der aktuelle Film von Anne Zohra Berrached, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. 24 Wochen, das ist der Zeitpunkt, an dem ein Kind außerhalb der Gebärmutter lebensfähig ist, sprich: bei einem Schwangerschaftsabbruch vorher durch eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz getötet werden muss. Astrid und Markus wissen das und zögern und verzögern, bis … Dass Berrached mit dieser Arbeit zu einem heiklen Thema eine ehrliche Diskussion anstoßen möchte, merkt man vom ersten Moment an. Ihr Film ist stark, weil er so still ist. So „sprachlos“, wie einen die Situation macht. So hart, wie sie für die Betroffenen sein muss. Und dies das Wichtigste: Er wertet nicht. Er beschäftigt sich nicht mit „Moral“. Er erspart einem auch nichts. Bis zum Ende.

Die Regisseurin entzieht sich dem Begriff Drama; so wie sie dreht, mit der wackeligen Handkamera, wirken die Aufnahmen wie für eine Dokumentation. Was der Film zum Teil auch ist, das Erfundene mit wirklichem Leben unterfüttert. Nach unzähligen Interviews, die sie im Vorfeld führte, erschien es ihr zu banal, rein fiktional zu arbeiten, sagt Berrached im Interview. So agieren nun tatsächliche Ärzte und Hebammen entlang der Basis von Carl Gerbers Drehbuch als „sie selbst“. Ein Geburtsmediziner, der in der Realität Spätabbrüche vornimmt, bat darum, dass sein Gesicht nicht zu erkennen ist, ein Fetalchirurg stellte Bilder zur Verfügung. „24 Wochen“ ist der erste Film in Europa, der hochauflösende Fotos, aufgenommen mit einer nichtinvasiven Kamera bei einer vorgeburtlichen Operation im Mutterleib, zeigt – das ist faszinierend und unheimlich zugleich.

Kurz vor dem Auftritt mit Johanna Gastorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Tough als Stand-up-Comedian: Jentsch mit Johanna Gastorf. Bild: © Filmladen Filmverleih

Julia Jentsch und Bjarne Mädel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Liebevoll mit Mann Markus: Jentsch und Bjarne Mädel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Der klinischen Nüchternheit der Bilder von Kameramann Friede Clausz setzen Julia Jentsch und Bjarne Mädel ihr intimes Spiel entgegen. Selten sieht man Schauspieler so unpathetisch und dabei so erschütternd, beide berühren mit ihrem intensiven, eindringlichen Spiel. Jentsch überzeugt mit ihrer kraftvollen Performance, in vereinzelten Momenten, in denen sie direkt in die Kamera blickt, bricht der Film für sie sogar mit seinem selbstauferlegten auf Authentizität bedachten Stil. Ihre Astrid ist scharfsinnig und schlagfertig, bis ihr zum Schluss der Schmäh ausgeht. Cool und sleek versucht sie ihre Gefühle im Beruf zu verbergen, und in diesem Sinne ist „24 Wochen“ auch ein Künstlerfilm, die Geschichte von einer, die komisch sein soll, wenn ihr nicht zum Lachen ist. Ein öffentlich gelebtes Leben. Denn natürlich bekommt die Presse Wind von der Katastrophe.

Bjarne Mädel gibt den Ruhepool, sein Markus ist besonnen, ausgleichend, um Objektivität ebenso wie um die Fassung ringend, doch unter der Oberfläche von seiner Angst durchgeschüttelt. Dass Gerbers Drehbuch sozusagen nur die Vorlage fürs Geschehen ist, gibt dem grandiosen Hauptdarstellerpaar Platz zur Improvisation. So entsteht eine überaus einfühlsame und unmittelbare Erzählung, bei der das Tempo auch ins Stocken geraten kann, die Dialoge emotionsgeladen und roh wirken, und die Atmosphäre zunehmend beklemmend wird. Während die Ärzte sonst was alles „nicht konkret sagen können“, aber die Eltern mit Fachlatein in Grund und Boden reden, während die Freunde entweder betreten schweigen oder Quatsch quatschen, selbst Astrids Mutter ob der zu erwartenden Sorgen und Pflichten den Rückzug antritt, und Astrid und Markus in ihren Meinungen immer mehr auseinanderdriften.

Oft hat man den Eindruck, dass ihnen die letztliche Entscheidung weniger schwerfällt, als sie ihnen vom Umfeld schwer gemacht wird. Auf dem Höhepunkt der Besuch in einer Intensivstation mit frisch operierten Frühchen. Und die Frage, ob diese Kinder Schmerzen haben. Und die Frage, wie man die Entscheidung trifft, dass ein Mensch mit seinen Einschränkungen wird leben müssen. Oder nicht wird leben dürfen. „Ich wollte, dass der Zuschauer angesprochen und gefragt wird: Was würdest du tun, wenn du in meiner Situation wärst?“, meint Berrached. Ganz ehrlich, keine Ahnung!, und die nicht zu haben, ist ein großes Glück. Vielleicht heißt Demut vor dem Leben ja auch, es enden zu lassen, wenn‘s an der Zeit ist.

www.filmladen.at/24.Wochen

Wien, 21. 9. 2016

Volkstheater: Das Narrenschiff

September 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Laufender Probenprozess vor Publikum

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Einblick ins Workshoptheater: Bei Dušan David Pařízek symbolisieren ein Dutzend Schminktische die Schiffskabinen. Stefanie Reinsperger, Jan Thümer, Sebastian Klein, Katharina Klar, Seyneb Saleh, Anja Herden, Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild : © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn diese Inszenierung in ein, zwei, drei Wochen fertig sein wird, ist aus ihr sicherlich eine sehr schöne und spannende Arbeit geworden. Derzeit allerdings ist, was man auf der Bühne des Volkstheaters sieht, noch in mehrerer Bedeutung des Wortes unkonzentriert. Regisseur Dušan David Pařízek zeigt als Saisoneröffnungspremiere des Volkstheaters „Das Narrenschiff“ von Katherine Anne Porter in einer eigenen, tadellos griffigen Textfassung, doch ist, was er zeigt, ein laufender Probenprozess vor Publikum.

Ein Eindruck, der insofern durchaus gewollt sein mag, als Pařízek, wie immer auch fürs Bühnenbild verantwortlich, neben eine Schiffsdeck-Spielfläche ein Dutzend Schminktische platziert, die als eine Art Backstagebereich ist gleich Schiffskabinen dienen, und an denen alle Schauspieler immer anwesend sind. Doch dies „Workshoptheater“ darf nicht Ursache dafür sein, dass die Handlung in alle Richtungen zerfließt, dass sich einem nicht erschließt, welche Geschichte hier eigentlich erzählt – Stoff gäb’s ja genug aus den „Rassen“ und Klassen, von Kapital und Krise bis Sozialismus und Nationalsozialismus – und welchen Sukkus sie haben soll. Diverses versteht man schlicht nicht, und dies nicht im Sinne von enigmatisch, sondern von unverständlich.

Warum etwa reist Bulldogge Bébé ohne Herrl Professor Hutten, und wenn man auf den Hund schon wert legt, warum fehlt die Schlüsselszene des Romans, ihre Rettung durch den Zwischendeck-Basken, der dabei freilich sein Leben verliert? Warum ist statt Hutten der sittenstrenge jüdische Kaufmann Julius Löwenthal Schweizer, warum die hyperhysterische Condesa offenbar aus Simmering entsprungen, außer dass Lukas Holzhausen und Stefanie Reinsperger den jeweiligen Zungenschlag beherrschen?

Ein halbes Dutzend Passagiere präsentiert seine Schicksale: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Passagiere gehen an Bord: Jan Thümer, Gábor Biedermann, Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth brilliert als Schiffsarzt Dr. Schumann; mit Stefanie Reinsperger als La Condesa. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am besten ist der Abend dort, wo Pařízek Porter spielen lässt. Wenn ihn dann ab und an der didaktische Zeigefinger des deutschen Diskurstheaters in die Seite sticht – als kubanisch-spanische misera plebs wird dazu das Publikum angeleuchtet und angesprochen -, dann ist das eben … Volkstheater unter Anna Badora. Zu diesem theaterpädagogischen Ansatz passt, dass der Regisseur wieder seinen obligatorischen Overheadprojektor mitgebracht hat, auf dem die Schauspieler fröhlich Folien hin und her schieben. Das kennt man bereits ebenso, wie die Versuche des Souffleurs einem Düsseldorfer Mimen hiesige Dialekte beizubringen. Siehe „Alte Meister“. Wiener reden zwar vielleicht komisch, können aber übers Jahr durchaus was im Kopf behalten …

Die Momente entstehen aus einzelnen Bildern. Anja Herden als Mary Treadwell und Michael Abendroth als Schiffsarzt Dr. Schumann schaffen in ihren bestechenden Auftritten die Atmosphäre, die man sich für den ganzen Abend gewünscht hätte. Die beiden präzisieren Situationen, die Amerikanerin mit dem Sarkasmus einer Siegernation und jenem Lieber-gar-nicht-wissen-Wollen, das lange die Haltung der USA zum Dritten Reich kennzeichnete, der Deutsche mit einer verweht-nostalgischen Melancholie, die beinah anachronistisch den Untergang alles Guten und die Morgendämmerung des Bösen charakterisiert. Der Kapitän ist abwesend wie Gott, so dass der Teufel seinen Platz einnimmt – Rainer Galke ist als nationalsozialistischer Zeitungsherausgeber Siegfried Reber Agitator, Angstmacher und derart großmäuliger „Piefke“, wie’s der österreichischen Seele ein Stachel in derselben ist. Katharina Klar und Sebastian Klein gestalten mit viel Engagement das On-Off-Liebespaar Jenny Brown und David Scott.

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bei der Todesfiesta nimmt der Dampfer endlich Fahrt auf: Lukas Holzhausen, Seyneb Saleh und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anderen Darstellern, wie Seyneb Saleh als Lizzi Spöckenkieker, Gábor Biedermann als Wilhelm Freytag, Bettina Ernst als Frau Otto Schmitt oder vor allem auch Jan Thümer als William Denny, wünscht man von Herzen mehr Zeit für ihr Spiel in dieser beinah dreieinhalbstündigen Aufführung. Wie’s werden wird können, zeigt sich nach der Pause, wenn der Dampfer endlich Fahrt aufnimmt und eine Todesfiesta beginnt.

Mit grell geschminkten Totenkopfmasken, mit Sätzen, die wie im Rhythmus der Füße stampfen. Marschiert und gestorben wird immer noch wo, da ist Gestern wie heute. In dieser Szene blitzt Pařízeks inszenatorische Brillanz auf, am Rest kann ganz ehrlich noch gefeilt werden.

Michael Abendroth im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21783

www.volkstheater

Wien, 10. 9. 2016

Neu am Volkstheater: Michael Abendroth im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON  MICHAELA MOTTINGER

 Er spielt ab 9. September in „Das Narrenschiff“

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth ist ab dieser Saison Ensemblemitglied am Volkstheater. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als er vergangene Saison das Publikum in den Bezirken mit Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“ zum Lachen brachte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) , war er noch Gast am Haus. Ab sofort ist Michael Abendroth fixes Ensemblemitglied des Volkstheaters. Der Charakterschauspieler und Theaterregisseur, dessen Karriere ihn von Bochum übers Berliner Ensemble bis ans Düsseldorfer Schauspielhaus führte, spielt in der Saisoneröffnungspremiere „Das Narrenschiff“. Dušan David Pařízek hat Katherine Anne Porters großen Gesellschaftsroman für die Bühne eingerichtet.

Inspiriert von einer Schiffsreise nach Europa und durch die Lektüre von Sebastian Brants „Narrenschiff“ aus dem Jahr 1494 entwirft die Autorin ihren Mikrokosmos. Es ist das Jahr 1931, und Künstler und Kaufleute, Spanier, Amerikaner und vor allem Deutsche, Juden und Nationalsozialisten wollen von Veracruz nach Bremerhafen gelangen. Die Situationen an Bord eskalieren. Viele der Passagiere haben leidvolle Erfahrungen in der Fremde hinter und eine ungewisse Zukunft in Europa vor sich.

In erotisch wie politisch gereizter Atmosphäre lassen sie voreinander die Masken fallen, freiwillig oder erzwungen. So wird die Überfahrt zum prophetischen Lehrstück darüber, wohin nationalistischer Größenwahn, Fanatismus und Rassenhass führen werden. Premiere ist am 9. September. Michael Abendroth im Gespräch:

MM: In der vergangenen Saison waren Sie am Volkstheater noch Gast, waren in „Nora³“ und „Halbe Wahrheiten“ zu sehen, nun sind Sie fixes Ensemblemitglied. Übersiedlung abgeschlossen?

Michael Abendroth: Sozusagen ja (er lacht), ich lebe schon lange in Wien. Da ich Freiberufler war, habe ich mich vor vier Jahren entschlossen, hierher zu ziehen. Meine Mutter war Wienerin, ich habe also sehr viel Bezug zu dieser Stadt, ich fühle mich an der Donau heimisch. Anna Badora und ich haben die Stücke definiert, in denen ich mitwirken werde. Ich bin inzwischen Pensionist und kann mir aussuchen, was ich mache. Ich möchte einfach nicht nur rumsitzen und mich langweilen.

MM: Da haben Sie sich ja gleich das Richtige ausgesucht, denn „Halbe Wahrheiten“ war eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken. Da sind Sie ganz schön rumgekommen. Wie war’s?

Abendroth: Fantastisch! Das war eines meiner schönsten Theatererlebnisse überhaupt. Jeden Tag woanders sein und dabei immer im gleichen Bett schlafen können, das hat schon was. Doris Weiner hat mir erklärt, in welche U-Bahn ich wohin einsteigen muss – und los ging’s. Das Publikum hat uns großartig aufgenommen. Ich habe mich vorher immer in die Foyers gesetzt und mir die Zuschauer angesehen. Die wussten ja nicht, wer ich bin, also konnte ich sie gut beobachten. Es war rührend und liebenswert. Von Ottakring bis Döbling haben sich alle vergnügt. In Liesing hatten wir zwei Vorstellungen, da bin ich zwischendurch zum Billa gegangen und der halbe Laden war mit unseren Zuschauern voll. Das Volkstheater in den Bezirken ist sehr familiär. Ich mag das.

MM: Mit einem Wort, Sie sind schon auf dem Weg zum Publikumsliebling.

Abendroth: Sagen wir lieber, ich liebe das Publikum. Ich bin Publikumsliebhaber. Ich habe mich sofort für die nächste Tournee angemeldet. Das Wiener Publikum ist ein Genuss, das haben wir auch bei „Nora³“ bemerkt, wo die Aufführungen in Wien eine ganz andere Temperatur als die in Düsseldorf hatten. Hier waren die Reaktionen viel emphatischer. Mag sein, dass die Wiener ein tieferes Verständnis für den Aberwitz der Frau Jelinek haben, aber ich glaube, in erster Linie liegt es daran, dass in dieser Stadt so viele theaterverliebt sind.

MM: Wer Sie noch nicht am Theater gesehen hat und trotzdem meint, Ihr Gesicht zu kennen, dem sagen Sie …

Abendroth: Fernsehen, das mache ich nebenbei, „Wilsberg“ oder „Tatort“ vermutlich, da habe ich acht oder neun gemacht. Ich spiele immer die Anwälte oder Ärzte …

MM: Opfer oder Täter?

Abendroth: Das mischt sich. Ich war vor längerer Zeit auch in „Alarm für Cobra 11“, das ist die erfolgreichste Actionserie weltweit, da habe ich eine zwielichtige Doppelrolle gespielt und wurde am Ende erschossen, und vor drei Wochen haben wir wieder gedreht – und wieder hat’s mich erwischt.

MM: Das heißt, man kann Sie für österreichische TV-Krimis empfehlen. Das Fernsehen hierzulande braucht ja auch Leute, die sich gern meucheln lassen.

Abendroth: Ja, ich lass‘ mich jederzeit um die Ecke bringen, wenn die Rolle davor spannend war. Lustig war’s kürzlich: Ich musste eine Bescheinigung für meine Versicherung beibringen, und der Beamte auf der Behörde, der sie ausstellen sollte, meinte launig, nein, das macht er nicht, weil er habe gestern erst gesehen, dass ich erschossen worden bin. Den Ruf habe ich also weg.

In "Halbe Wahrheiten" mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Halbe Wahrheiten“ mit Doris Weiner und Christoph Rothenbuchner … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Michael Abendroth in "Halbe Wahrheiten". Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… spielte sich Michael Abendroth als seitenspringendes Schlitzohr Philip in die Zuschauerherzen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Ihre große Liebe gehört allerdings dem Theater. Und da haben Sie bemerkenswerte Stationen hinter sich. Zuletzt, weiß ich, haben Sie in Deutschland mit Michael Gruner in Düsseldorf gearbeitet.

Abendroth: Richtig, das war „Die Gerechten“ von Camus, der Kaljajev war 1968 meine erste Rolle am Theater, und nun habe ich ihn wieder gespielt. Die Idee von Michael Gruner war, es retrospektiv mit alten Schauspielern zu machen, ich war der jüngste Alte. Eine sehr schöne Arbeit, und die Leute mochten es sehr. Ich war lange in Düsseldorf, woher ich auch Anna Badora kenne, davor Frankfurt in den Zeiten der Mitbestimmung unter Neuenfels, Bochum bei Zadek, lange Zeit in Nürnberg bei Hansjörg Utzerath … da ist auch meine ältere Tochter geboren, die im Juni geheiratet hat. Ach, das ist alles schon hundert Jahre her …

MM: Hat sich das Theater verändert?

Abendroth: Ich kenne es autoritär, dann haben wir uns rückwirkend betrachtet oft überflüssig die Mitbestimmung erkämpft. Heute habe ich das Gefühl, die können alle sehr viel – technisch, sie sind sehr versiert, sehr gut ausgebildet, bloß sie denken sehr wenig. Das gilt für Regisseure wie für Kollegen. Heute wird viel darüber nachgedacht, wie man welchen Satz am schönsten sagt, aber seltener warum man ihn sagt. Wobei ich explizit meine beiden jungen Kollegen von der Bezirke-Tour ausnehme. Christoph Rothenbuchner und Evi Kehrstephan, das sind zwei gewissenhafte, engagierte, sehr überlegte Darsteller.

MM: Nun folgt am 9. September „Das Narrenschiff“, Regisseur Dušan David Pařízek erstellt die Bühnenfassung nach Katherine Anne Porters Roman. Haben Sie das Buch je gelesen?

Abendroth: Ich kenne doch den Film, da brauche ich das Buch nicht mehr zu lesen! (Er lacht.) Ich lese ungern Romane, die zu Stückvorlagen werden, man ist dann beeinflusst, beginnt zu selektieren, was „wichtig“ ist und was nicht. Dušan ist ein verlässlicher Mann, ich konzentriere mich auf seine Fassung. Ich freue mich sehr über diese Arbeit. Ich habe Dušan in Düsseldorf für „Nora³“ kennengelernt, nun ist es schön, dass wir wieder etwas zusammen machen.

MM: „Das Narrenschiff“ bietet für einen Darsteller, wie Sie einer sind, eine Vielzahl von Rollen: den Nazi-Verleger Rieber, Freytag mit seiner jüdischen Frau, den Schiffsatzr Dr. Schumann, Professor Hutten mit seiner Bulldogge Bébé … Welche werden Sie spielen?

Abendroth: Wir werden vielleicht wandern, werden verschiedene Rollen spielen. Es ist ja sehr personenreich. Für mich ist wichtig, was und mit wem ich arbeite, welche Rolle es dann konkret ist, ist mir zweitrangig, wobei ich prinzipiell natürlich schon besonders gerne die subtil Bösen spiele. Die Stückwahl ist gut: Kurz vor dem Dritten Reich sind Menschen in verschiedensten Lebenslagen auf engstem Raum zusammengewürfelt. Da kann man schlimmerweise einiges an Parallelitäten sehen. Dušan ist ja kein dummer Mensch, der denkt sich da was zur Zeit, auch, wenn wir mit einem Stück nicht die Welt verändern werden. Diese Fahrt von Amerika nach Europa ist eine gedankliche Konstruktion: man muss in das Land fahren, von dem man sich eigentlich wegbewegen sollte, um selber zu sehen, was vor sich geht. Oder besser gesagt: vor sich gehen wird. Man muss am eigenen Leib erleben, wie sich die Gesellschaft verändert, und sei es in kleinsten Details. Das geht mir in letzter Zeit oft durch den Kopf, diese schrecklichen Entwicklungen und Entstellungen.

MM: Sie meinen das jetzt in Bezug auf das Jahr 2016?

Abendroth: Ich bin hier Gast, ich möchte mich in Österreich nicht politisch äußern, deshalb sage ich stellvertretend etwas über Deutschland und die AfD und diese grauenhafte Pegida. Da kriegt man nur Angst. Ich bin überzeugter und glücklicher Europäer. Und Sozialdemokrat. Ich bin 1948 geboren und habe keinen Krieg miterlebt. Diese Errungenschaft des vereinten Europa ist doch ein Geschenk. Dass der Europagedanke nun immer weniger wird, ist ein Wahnwitz, in den gewisse Politiker die Menschen treiben. Von Frauke Petry bis Marine Le Pen ist das ein Typus Machtmensch, den wir Demokraten genau im Auge behalten sollten.

Das Narrenschiff-Ensemble: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Passagiere auf dem „Narrenschiff“: Lukas Holzhausen, Jan Thümer, Rainer Galke, Anja Herden, Seyneb Saleh, Gábor Biedermann, Bettina Ernst, Sebastian Klein, Katharina Klar, Michael Abendroth und Stefanie Reinsperger. Bild: © Robert Polster / Volkstheater

MM: Weckt Dušan David Pařízek in Ihnen Qualitäten, entdeckt er darstellerische Seiten, von denen Sie selber nicht gewusst haben, dass sie in Ihnen stecken?

Abendroth: Ja, insofern, als er mit viel Humor bei den Proben zum Spielen anregt und dabei die verrücktesten Sachen sehen will. Er will, dass wir improvisieren, er ermutigt einen, auszuprobieren, und daraus entstehen dann die Dinge.

MM: Heißt, Sie spielen gerne. Ich hätte Sie eher für einen Kopfmenschen gehalten.

Abendroth: Privat Kopf, beruflich Bauch. Darum bin ich ja zum Theater gegangen, ich bin auf der Bühne für jeden Blödsinn zu haben. Ich habe dank der Begegnung mit wunderbaren Regisseuren, Jürgen Gosch möchte ich da nennen, erfahren, dass man den Kopf beim Spielen vergessen kann. Ich war lange Zeit „schwierig“, aber sie haben mich gelehrt „naiv“ zu sein. Egal, ob man der Lear oder der Mephisto oder die Großmutter in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ist, und alle drei Rollen habe ich schon gespielt, was man für unseren Beruf am meisten braucht, ist Humor. Heute bin ich nur noch rabiat, wenn wirklicher inhaltlicher Unfug bei den Proben passiert, sonst versuche ich ein genügsamer, liebenswerter Mensch zu sein. Fragen Sie die Kollegen.

MM: Nun „Das Narrenschiff“ als Vorlage von Sebastian Brandt betrachtet, zu welcher Narretei der Menschheit bekennen Sie sich?

Abendroth: Das ist mir zu privat (er lacht). Ich habe eine Frau in Bulgarien, sie ist Romni, und mit ihr eine kleine Tochter, meine kleine Valencia, das ist doch Narretei genug. Ich kurve mit dem Auto die tausend Kilometer nach Sofia so oft es geht. Unser Plan ist, dass sie nach dem Sommer endlich zu mir nach Wien übersiedeln.

MM: Sie führen auch Regie ...

Abendroth: Ich inszeniere alle drei Jahre bei den Wallensteinfestspielen in Altdorf Schillers „Wallenstein“ mit Laiendarstellern. Das ist mir Regie genug. Ich finde es schwierig, an einem Theater, an dem ich schauspiele auch zu inszenieren. Da wissen die Kollegen dann nie, wie sie einen ansehen sollen, mal als Bühnenpartner, mal als Regisseur. Am Volkstheater muss sich diesbezüglich also niemand fürchten. Das heißt … wenn ich morgen eine Idee hätte, würde ich sie Anna Badora schon vorstellen. Aber eigentlich möchte ich mich aber auf das konzentrieren, das mir Spaß macht, das Spielen.

MM: In diesem Sinne: Was kommt denn noch außer dem „Narrenschiff“?

Abendroth: Ich bin für vier Inszenierungen vorgesehen, eine davon mit Anna Badora als Regisseurin. Kurze Pause. Dafür, dass ich wie gesagt schon Pensionist bin, arbeite ich eigentlich ganz schön viel. (Er lacht.)

www.volkstheater.at

Wien, 31. 8. 2016