TAG: Dorian Gray. Die Auferstehung

Oktober 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlüssellochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt

Erbin Eleonora Raffalovich gewährt der Kunstwelt nur einen Schlüssellochblick aufs Kunstwerk: Alexander Braunshör (re.) mit Anna Mendelssohn, Georg Schubert und Alexander E. Fennon, hinten: Raphael Nicholas als Dorian-Gray-Akt. Bild: © Anna Stöcher

Die eigens aus London angereiste Oscar-Wilde-Biografin, eigentlich auf der Suche nach intimen Briefen, hat das Werk als erste gesehen, diesen auf einem Wiener Dachboden versteckten makellosen Männerakt, so lebendig auf die Leinwand geworfen, dass man meinte, er bewege sich. Ein Anruf bei vermeintlichen Freunden in London genügt nun, und die gerüchtesüchtige Kunstwelt steht Kopf. Jetzt wird konspiriert, intrigiert, manipuliert, falsifiziert, was das Zeug hält.

In Mara Mattuschkas wilde’scher Weitererzählung „Dorian Gray. Die Auferstehung“, einer Koproduktion von The Practical Mystery und dem TAG, und ebendort zur Uraufführung gebracht. Was Mattuschka mit ihrer Paraphrase des berühmten Bildnis-Romans geglückt ist, ist eine grandiose Gesellschaftskarikatur. Eine skurrile Schlüssel- lochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt, Schlüsselloch, weil die Erbin nicht mehr als einen Blick durch dieses aufs Porträt erlaubt. Eine pechschwarze Boulevardkomödie über Sensationsgeilheit und Skrupellosigkeit. Ein Klamauk-Krimi, der Kuratoren, Konservatoren, Galeristen als perfide Geschäftemacher entblößt, während sich deren Schwindeleien-Schraube im typischen TAG-Stil in schwindelerregende Höhen schraubt.

Wien – Malerin Eva Frank und Oscar-Wilde-Biografin Heather Graham finden in jeder Hinsicht zueinander: Elisabeth Veit und Anna Mendelssohn. Bild: © Anna Stöcher

In London bereitet die Konkurrenz Howard und Chris Crisp derweil ihren Unzuchtsbettlaken-Coup vor: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Hype und Hysterie auslöst, ist Anna Mendelssohn als Wilde-Forscherin Heather Graham. Bei ihren Nachlass-Studien stößt diese statt auf pikante Billets von Oscar, John Gray und Marc-André Raffalovich auf eben besagtes Gemälde. Die britischen und der französische Schriftsteller waren eine Zeit lang in eine unglückselige Ménage à trois verstrickt. John soll Wildes Vorlage für die Figur des Dorian gewesen sein, was er jedoch stets dementierte. John und Marc-André blieben schließlich lebenslang ein Liebespaar, der Jude aus Paris folgte dem katholischen Priester sogar zu seinem Amt nach Edinburgh, wo beide 1934 knapp hintereinander verstarben.

Bei Mattuschka ist es Marc-Andrés fiktive Großnichte Eleonora Raffalovich, die in der sich darbietenden Graham-Chance eine Goldgrube erkennt. Ganz großartig spielt Alexander Braunshör die Grande Dame, ein schauerromantisches Nachtschattenwesen, das mit ärgerlich rollenden Augen und verächtlich verzogenen Mundwinkeln und dem Weltklassesatz „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek“ den Mitmenschen verdeutlicht, was von ihnen zu halten ist. Seine Warhol’schen „15 minutes of fame“ will aber auch ihr Diener Jirzi, Raphael Nicholas als ergeben-lasziver Kammerkater. Er nämlich ist das tatsächliche Modell im „frame“, rasch in den leeren Rahmen geturnt und in Pose gebracht, um der Handlung zur ihr gebührenden Heiterkeit zu verhelfen.

Eleonora bestätigt den Restauratoren die Echtheit des Gemäldes: Alexander Braunshör (M.) mit Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: © Anna Stöcher

Die Einfassung für menschliche Eitelkeit kippt in Richtung Einsamkeit: Alexander E. Fennon fällt als Kunstkurator Adi Kunz rasch aus dem Rahmen. Bild: © Anna Stöcher

Paul Horn und moritz m. polansky haben dazu eine Perserteppichtreppe mit Koffern der Erinnerung bestückt, ein riesiger Bilderrahmen dreht sich als Tür oder um die Darsteller, er der Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung, eine Projektionsfreifläche für Eitel- wie Einsamkeit. Von mehreren Simultanspielplätzen sind zwei Betten, in denen sich eifrig getummelt wird. Und in denen Multikünstlerin Mattuschka gekonnt mit den Wilde-Motiven Dandytum und Homosexualität, Dekadenz und Geltungsdrang, seinem Doppelgänger-Leitgedanken und dem des Schattenarchetyps spielt. Das Ensemble verkörpert in Kostümen von Peter Paradise jeweils mehrere Charaktere, so Braunshör und Nicholas zum Ende hin die ob all der Lügenstorys amüsiert-verwunderten Oscar Wilde und John Gray, die gespensterhaft stimmverzerrt und vergnügt tänzelnd ihre bissigen Kommentare abgeben.

Apropos, Karikatur: In dieses Setting treten Alexander E. Fennon als Kurator Adi Kunz und Georg Schubert als Kunsthändler Otto Krause, geldgierige Ganoven, denen an Lug und Trug bis hin zur Fälschung eines Echtheits- zertifikats kein Vorgehen zum Zwecke der Gewinnmaximierung zu verbrecherisch ist. Tiefgründig waten Fennon und Schubert durch die Untiefen ihrer Dialoge; Auskenner können sich an der beiden Bonmots über Basil, sowohl Ward, wie Hallward, erfreuen, und an Querverweisen auf Helmut Berger als Massimo Dallamanos verderbter Playboy der Jet-Set-Siebziger. Doch alldieweil Kunz und Krause an der Verbringung des berüchtigten Konterfeis in einen anrüchigen Scheich- oder Oligarchentresor arbeiten, ist auch die Konkurrenz an der Themse nicht untätig.

„Dorian Gray“, das Musical: Raphael Nicholas und Georg Schubert swingen und singen, als Backgroundtänzerinnen Anna Mendelssohn und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Dorian wird zum Werbeträger: Raphael Nicholas mit Elisabeth Veit, Alexander Braunshör und Georg Schubert als Modeschöpfer Kurt Lacomb. Bild: © Anna Stöcher

Schubert und Nicholas als schwule Lover Howard und Chris Crisp, die ein natürlich ebenfalls gefaktes „Unzuchtsbettlaken“ zur Auktion anbieten. Elisabeth Veit als dem figurativen Stil verpflichtete Malerin Eva Frank findet sich derweil nicht nur mit Heather zusammen, sondern in Jirzi auch das ideale Modell – mit freilich absehbaren Folgen. An dieser Stelle zerfasert Mattuschkas Farce über betrogene Betrüger und auf Fälschungen hereingefallene Fälscher ein wenig. Immer, wenn man meint, sie komme zum Schluss, setzt sie noch einen drauf und noch einen und noch einen …

Wohl, weil’s den Dorian-Gray-Stoff in mehr als zehn Musicalfassungen gibt, inszeniert sie auch eine ebensolche Szene. Jirzi, inzwischen völlig davon überzeugt und angetan, John-Dorian zu sein, bekommt als dieser einen Werbevertrag von Schuberts modeschöpfendem Lagerfeldklon Kurt Lacomb. Die Restauratoren bestätigen die Echtheit von Bildnis wie des um 100.000 Euro versteigerten Bettlakens, weil man auf beiden die gleiche DNA gefunden hat. Ein gewisser Churchill spielt dabei eine tragende Rolle.

Trailer: vimeo.com/366787170           dastag.at

  1. 10. 2019

Theater Drachengasse: Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore

Oktober 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Disney-Magie, weder Mops noch Waschbär

Schauspielerin Nancy will sich von Theaterdirektorin Mensah-Offei in keine Schublade stecken lassen. Bild: © Barbara Pálffy

Als „professionelle Suderantin“ bezeichnet sie sich, dies kein Bonmot, kein Scherz, sondern ein Aufbegehren gegen ein von Männern verpasstes Image. John Smith, John Barth, Neil Young, Walt Disney … Mehr als zehn Orte in den USA und Kanada sind nach ihr benannt, ein Steinkohlevorkommen, ein Luxuszug, fünf Schiffe der US-Navy. Der George-Bush-Clan, Nancy Reagan, Polarforscher Richard Byrd, Mode-Ikone Pauline de Rothschild zählen sich via Verwandtschaft mit ihr zu den First Families of Virginia. Im Kuppelraum des Washingtoner Kapitols ist auf dem Wandgemälde von John Gadsby Chapman ihre Taufe nachempfunden.

Von 1891 bis 1896 schaffte sie es, abgebildet in der Hoftracht nach dem 1616er-Kupferstich von Simon van de Passe, sogar auf die Zwanzig-Dollar-Note, nach Martha Washington als zweite Frau überhaupt auf einen US-Geldschein – und bis dato als letzte. Statt ihres Porträts prangt nun das Konterfei von Andrew Jackson auf dem $, statt der Indianerprinzessin ein Indianerschlächter, unter dessen Präsidentschaft der Indian Removal Act, ein Ausweisungs- und Umsiedlungsgesetz zur Vertreibung der Native Americans von ihrem Land, erlassen wurde.

Dass ihm 2020 die schwarze Sklaverei-Bekämpferin Harriet Tubman, die über die Underground Railroad (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=27113) abertausende Leben rettete, folgen sollte, weiß Donald Trump – noch – zu verhindern. „Suderantin“, sagt also Schauspielerin Nancy Mensah-Offei. In „Weißer Rauch. Pocahontas im Virginia-Megastore“, einer Koproduktion von 3000THEATER und dem Theater Drachengasse, verwandelt sie sich ebendort in die auch Amonute genannte Matoaka, Lieblingstochter des Powhatan Wahunsonacock von den Virginia-Algonkin. Der von Effe U Knust verfasste, von Anna Laner auf der Bar&Co-Bühne zur Uraufführung gebrachte Monolog setzt selbstverständlich nicht auf Niedlichkeiten wie Mops und Waschbär. Komplett ohne Disney-Magie gibt es nun Tatsachen und Medisancen, das heißt: erstere oh ja, zweitere oha!

Jedenfalls verspricht Mensah-Offei bereits aus dem Off die vollkommene Wahrheit – als Beiwerk zu großer Show und Signature Cocktails, und entlarvt gleich einmal die Captain-John-Smith-Story als G’schichtl. Dessen durch nichts bewiesene, dennoch in die Annalen eingegangene Angabe, Pocahontas hätte sich schützend vor ihn geworfen, als ihr Vater ihn an den Marterpfahl band, weshalb es nicht zum Foltertod, sondern zwischen der erst zehnjährigen Savage und dem Jamestown-Mitbegründer und späteren Käufer der ersten schwarzen Sklaven zu einer Amour fou kam. Welch sagenhafte Legende. Der Otis Blackwell die vorletzte Strophe seines Songs „Fever“ widmete. Den Nancy Mensah-Offei als exzellente Entertainerin und superbe Komödiantin ohne Scheu vor Overacting ins Mikrofon haucht.

Christianisiert, zivilisiert, assimiliert: Aus Pocahontas wird die Tabakpflanzersgattin Rebecca Rolfe. Bild: © Barbara Pálffy

Im Jenseits beklagt Ehemann John Rolfe seine unwichtige Rolle im Pocahontas-Mythos. Bild: © Barbara Pálffy

Die historische Pocahontas, ihr Spitzname steht für „die Verspielte“, wurde 1613 von den Kolonialherren verschleppt, konvertiert und auf den biblischen Namen Rebecca getauft. Als solche heiratete sie mit mutmaßlich 19 Jahren den Tabakpflanzer John Rolfe. Zwölf Monate später wurde Sohn Thomas Rolfe geboren. 1616 berief sie James I. als Botschafterin ihres königlichen Vaters an seinen Hof – wo der „gewöhnliche“, weil nicht blaublütige John Rolfe nicht willkommen war. Pocahontas aka Rebecca verstarb kurz vor Antritt der Rückreise je nach Quelle an Lungenentzündung, Tuberkulose, Typhus oder Pocken.

Sie wurde am 21. März 1617 in der St. George’s Church in Gravesend begraben. Aus all dem hat Autorin Effe U Knust einen kunstvollen Textteppich gewoben, sprachverspielt, geistreich, wortdreherisch, dabei stets dem wirklich Stattgefundenen verpflichtet, und der weiblichen Sicht auf die Ereignisse. Amüsant ist das, wenn Mensah-Offei als längst verschiedener John Rolfe – inklusive leuchtendem Heiligenschein, glaubte er doch die Seele der Wilden Pocahontas per Ehe- schließung zu retten – beklagt, dass ihm John Smith punkto Berühmtheit weit überrundet hat.

„Harte Arbeit“, seufzt der Leichnam, „dafür interessiert sich Disney nicht.“ Dabei – und nun Kloß im Hals – sei er es gewesen, der Land wie Frau „genommen“, Land und Frau fruchtbar gemacht hätte, beide davor unberührt, bis der Eindringling eindrang. Knust spielt bei ihrer „Repräsentationsrevue“ mit den Begriffen Virgin/Virginia, Laner lässt ihre Protagonistin die Neue Welt zur gigantischen Kaugummiblase aufpusten. Steht Christianisierung an, benebelt Mensah-Offei das Publikum mittels dampfendem Weihrauchgefäß. Losgelöst von allen stereotypen Perspektiven erzählt Pocahontas Witze: „Treffen sich eine Raucherin, eine Trafikantin und eine Nichtraucherin …“, und zielt mit einer Bemerkung über Nikotin-Junkies als eine Art Antifa im Freiheitskampf für ihre Sucht treffsicher auf gegenwärtige Reibereien.

Kriegsbeil gegen Friedenspfeife, sozusagen, und John Rolfe brüstet sich damit, dass der lukrative Tabakhandel die Sklavenwirtschaft erfunden hätte – „Geh‘ scheißen, Baumwolle!“ Nancy Mensah-Offei, geboren in Ghana, das westafrikanische Land 1874 von den Briten zur Kronkolonie erklärt, und dessen Bevölkerung ergo dem selben Empire ausgeliefert wie Pocahontas, turnt vom amerikanischen Gründungsmythos (siehe: nur Gründerväter, niemals -mütter) zur „Mankind“-Massenvergewaltigung zur Mondlandung 1969, der Landnahme eines Himmels-Körpers. „Steckt in diesem Loch schon eine Fahne?“, fragt sie unzweideutig, und baut die Bühne mit einem Abschlagnetz zur Driving Range um.

Beim Upper-Class-Sport kann Pocahontas schließlich bestens übers „depperte Patriarchat“ lästern. Eine Meta-Decke haben Knust, Laner und Mensah-Offei außerdem eingezogen. Die Schauspielerin – im von Elke Auer gestalteten Video – möchte nämlich Dramatikerin und Theaterdirektorin, beide weiß, beide Mensah-Offei live, zwecks anfangs angekündigtem Comeback von ihrer Vielschichtigkeit überzeugen. Sie hat genug von den Schubladen, in denen sie verstaut wird, und demonstriert das ganze Spektrum ihres Könnens. Vergebens. Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft bestimmen nach wie vor den Status einer Person. „Rasse“ macht den Menschen. Und weit und breit kein „Weißer Rauch“ in Sicht.

www.drachengasse.at

BUCHTIPP: Hanser Berlin, Tommy Orange: „Dort Dort“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35082

  1. 10. 2019

Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Nurejew – The White Crow

September 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der waghalsige Weg vom Sowjetflüchtling zum Weltstar

Der ukrainische Balletttänzer Oleg Ivenko brilliert in seiner ersten Schauspielrolle, hier als Rudolf Nurejew als Krieger Solor in „La Bayadère“. Bild: Alamode Film

„Monsieur Nurejew muss sich jetzt entscheiden“, sagt der Flughafenpolizist, und markiert damit den Moment, auf den der ganze Film abzielt. Der 23-jährige Balletttänzer sitzt im Wachzimmer auf dem Aéroport de Paris – Le Bourget, es ist der 16. Juni 1961, sein Blick ist gesenkt, die Hände zittern. Wird er im Westen bleiben oder in die Sowjetunion zurückkehren? Und was wird aus seiner Familie, wenn er sich für ersteres entscheidet? Wird er hier überhaupt Fuß fassen können oder nur als Trophäe des Kalten Kriegs gelten?

Man weiß, wie’s ausgeht, auch, dass der nunmehr Staatenlose 1964 als Tänzer und Choreograph an die Wiener Staatsoper engagiert wurde und im Zuge dessen die österreichische Staatsbürgerschaft annahm. Doch dank der virtuosen Darstellung von Oleg Ivenko kann man nicht anders, als augenblicklich um den verängstigten Flüchtling zu bangen. Der junge ukrainische Tänzer von der Tatar State Ballet Company verkörpert im Biopic „Nurejew – The White Crow“, ab 27. September in den Kinos, den späteren Weltstar. Es ist Ivenkos erste Arbeit als Schauspieler, und wie er sich dem egozentrischen, exzentrischen, mittelschwer explosiven Genie in körperlicher und künstlerischer Haltung nähert, ist von unfassbarer Authentizität.

Ralph Fiennes hat sich für sein drittes Regievorhaben nach dem Lesen der Biografie von Julie Kavanagh für diesen Wendepunkt im Leben der Legende begeistert, hat Dramatiker und Drehbuchautor David Hare ins Team geholt, der, wie er es formuliert, bereits das „berühmte Monster“ Nurejew kennenlernte, und der nun für sein Tun mit Clara Saint, Pierre Lacotte und weiteren Freunden und Wegbegleitern des Tanzgottes sprach. Gemeinsam entwickelten Fiennes und Hare für ihren Film eine Nouvelle-Vague-Ästhetik, die Kameramann Mike Eley in cremigen Bildern, und Production Designerin Anne Seibel und Kostümbildnerin Madeleine Fontaine perfekt bis ins kleinste Roaring-Sixties-Detail umsetzten.

Und weil es Fiennes, der auch Russisch spricht, wichtig war, mit russischen Schauspielern zu drehen, sind Chulpan Khamatova als Ksenija Puschkin, Fiennes selbst spielt Nurejews brillanten Lehrmeister Alexander Puschkin, Alexey Morozov als KGB-Agent Strischewsky, der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin als Juri Solowjew und Anna Polikarpova, bis vor Kurzem Erste Solistin des Hamburg Ballett, als Primaballerina Natalia Dudinskaya Teil des Casts. Für die richtige Atmosphäre sorgt einmal mehr die Musik von Komponist Ilan Eshkeri, der auch bei den bisherigen Fiennes-Projekten dabei war, und der den Sound zwischen klassisch russisch und modern minimalistisch wechseln lässt.

Regisseur Ralph Fiennes spielt Rudis berühmten Leningrader Ballettlehrer Alexander Puschkin. Bild: Alamode Film

Nurejew ist sich ab seinen ersten Solos absolut sicher, dass er schon bald ein Weltstar sein wird: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Auch die Erzählebenen wechseln. Fiennes hat die drei Zeitfenster Paris 1961, Ausbildung am Choreografischen Institut Leningrad ab 1955 und die Kindheitsjahre in den späten 1940ern, gedreht auf 16 mm und in bis beinah zum Schwarzweiß gedämpften Farben, ineinander verwoben. „Nurejew – The White Crow“ beginnt am Anfang, am 17. März 1938, als Rudi in der bis zum Bersten vollen Transsibirischen Eisenbahn geboren wird. Auf diese Art zur Welt gekommen zu sein und sein Minderwertigkeits- empfinden wegen seiner ärmlichen Herkunft, werden den Hochsensiblen fürs Leben prägen.

Und wohl Ursache – zumindest interpretieren es Fiennes und Ivenko so – für seine wie eine Waffe geführte Hybris sein. Haupthandlungsstrang ist freilich Paris, wo Nurejew als Mitglied der Gastspieltruppe des Kirow-Ballett an der Opéra Garnier auftritt; aus den Schlüsselszenen dieses ersten Aufenthalts im Westen entwickeln sich die Rückblenden. An die 1940er-Jahre, und wie ihn die anderen Kinder schon im baschkirischen Dorf nahe Ufa „weiße Krähe“ nennen, den außergewöhnlichen Außenseiter, den der russische Kinderstar Maksimilian Grigoriyev spielt.

An seinen aus dem Dienst in der Roten Armee heimkehrenden Vater, der Rudi bei einem Jagdausflug allein im Wald zurücklässt; wie er mit seiner Mutter und seinen vier Schwestern dank einer in der Lotterie gewonnenen Eintrittskarte in Ufa seine erste Ballettaufführung sieht; der frühe Unterricht bei den ehemaligen Ballerinen Anna Udeltsova und Elena Vaitovich. An die Ausbildung in Leningrad ab 1955, wo Nurejew als 17-Jähriger fast zu spät ankommt, und daher sofort beschließt, die Ballettschule in der Hälfte der Zeit zu absolvieren. Da zeigt Oleg Ivenko Nurejews Hartnäckigkeit, seinen Fleiß, aber auch sein aufbrausendes Temperament, wenn er Lehrer ablehnt, die ihn zu wenig fordern, oder den von Nebojša Dugalić dargestellten Ersten Solotänzer Konstantin Sergejew, weil ihn irritierend, aus dem Ballettsaal wirft. Schließlich darf Rudi bei Alexander Puschkin vortanzen und wird in dessen Klasse aufgenommen. Eindrucksvoll intensiv ist dieses Zusammenspiel von Fiennes und Ivenko, der Zögling, der an des Meisters Lippen hängt, wenn dieser „Nur durch Disziplin erreicht man Freiheit“ doziert, dabei selbst aber vorm Apparat kapituliert hat.

Auf Sightseeingtour in der Sainte-Chapelle: Oleg Ivenko, rechts: seine späteren Lebensretter Pierre Lacotte (Raphaël Personnaz) und Clara Saint (Adèle Exarchopoulos). Bild: Alamode Film

Nurejew liebt das Flair in den Straßen von Paris und genießt das Sitzen in den legendären Kaffeehäusern: Oleg Ivenko. Bild: Alamode Film

Fiennes spielt Puschkin mit väterlicher Milde als Antithese zum Klischee des gestrengen Ballettlehrers, aber auch einer seltsam bizarren Bedachtsamkeit, mit einer Art gewaltsam erzwungener Zurückhaltung, die die politische Dimension seines Jobs verdeutlicht, ein Beiklang, der die gesamten 127 Minuten des Films begleitet. Sozusagen als Klammer dazu dient ein Verhör Puschkins durch den KGB, bei dem er beteuert, nichts von Nurejews Fluchtplänen gewusst zu haben. Als ihn daheim dann seine Frau fragt „Alles in Ordnung?“, wird er mit einem hocherfreuten „Ja!“ antworten.

Ksenija ist es auch, die Rudi nach einer Knöchelverletzung aus dem Krankenhaus holt, ihn in der ehelichen Wohnung, genauer: in deren Schlafzimmer aufnimmt, und dort Rudis „Entjungferung“ erledigt. „Nurejew – The White Crow“ bleibt stets nah an seinem Protagonisten. In langen Sequenzen von Proben und Auftritten zeigt nicht nur Ivenko sein Können, sondern auch, dass Rudis Selbstherrlichkeit, mit der er seinem Umfeld gehörig auf die Nerven geht, durchaus berechtigt war. Mit lakonischem Humor geht Ivenko an diesen Wesenszug heran: Als der noch unbekannte Tänzer auf einem Bankett etwa gefragt wird, ob er auf der Bühne gewesen sei, lautet die Replik trocken: „Hätte ich getanzt, hätten Sie es bemerkt“.

Dies vorgetragen nicht mit der Arroganz eines Angebers, sondern in der Vorahnung, dass er mit dieser Aussage einmal recht haben wird. Ivenko gestaltet seine Figur als wissbegierigen, intelligenten, charismatischen Mann, dem es nicht genügt, die Pflicht von Choreografien zu erfüllen, weil er das Leben zur Kür machen will. In Paris wird er zu Clara Saint und Pierre Lacotte sagen, er habe das „Feminine“ in seinen Stil integriert, um ebenso zu strahlen wie die beneideten Ballerinen, und um die männlichen Rollenparts endlich zu emanzipieren.

Auch Nurejews Bisexualität thematisiert Fiennes‘ Film unaufgeregt. Louis Hofmann ist als Rudis erster Geliebter, der ostdeutsche Tänzer Teja Kremke, zu sehen, ein Freigeist, der in Nurejew erste Fluchtgedanken keimen lässt. Kremke war Nurejew auch künstlerisch ein wichtiger Partner, hat er doch dessen Darbietungen gefilmt und gemeinsam mit Rudi auf Fehler analysiert – eine Erinnerung, ausgelöst beim Betrachten antiker Männerstatuen im Louvre. In Paris genießt Nurejew „La Liberté“, die Freiheiten und Freizügigkeiten des Westens in vollen Zügen.

Im Ballettsaal mit Juri Solowjew: Oleg Ivenko und der ukrainische Ballettstar Sergei Polunin. Bild: Alamode Film

Ein Wunsch aus Kindertagen erfüllt sich, als Rudi in Paris eine Modelleisenbahn ersteht: Oleg Ivenko und Sergei Polunin als Juri Solowjew. Bild: Alamode Film

Er kauft sich – sein größter Wunsch – eine Modelleisenbahn, mit der er mit Juri Solowjew, Zimmergenosse seit Institutstagen, spielt, pflaumt nicht gleich spurende Verkäufer und Kellner an, schlendert allein durch die Pariser Parks, bei all diesen Unternehmungen misstrauisch beäugt und wegen „kapitalistischen Verhaltens“ offiziell verwarnt von KGB-Aufpasser Strischewsky, den Alexey Morozov die Angst um die eigene Person aus allen Poren schwitzen lässt. Nurejew findet verlässliche Freunde im französischen Balletttänzer Pierre Lacotte und in der kunstsinnigen, irgendwie geheimnisumwitterten Chilenin Clara Saint.

Raphaël Personnaz und Adèle Exarchopoulos überzeugen als diese Charaktere, mit denen Rudi die Nachtclubs der Stadt und Jazzspelunken, in den Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzen, unsicher macht. Dass Clara die Verlobte des bei einem Autounfall gestorbenen Sohns von André Malraux, seines Zeichens Links-Gaullist, Kulturminister und Autor des Romans „La Condition humaine“, war, wird Nurejew vor seiner Rückführung in die UdSSR bewahren. Dass der impulsive Rudi auch sie immer wieder beleidigt und beschämt, verzeiht sie ihm in ihrer bedingungslosen Zuneigung permanent …

In dieser letzten halben Stunde verwandelt Fiennes seinen Film in einen dramatischen Politthriller, der verdeutlicht, welche vernichtende Wirkung repressive Regime auf den Einzelnen haben. Als es nämlich weiter gehen soll zur nächsten Tourneestation London, wird Nurejew von Strischewsky und seinen Schergen von der Truppe abgesondert. Erst heißt es, er solle zurück in die Heimat, um bei einem Staatsempfang zu tanzen, dann seine Mutter sei erkrankt. Mit allen Mittel und allen möglichen Psychospielchen will man ihn nach Moskau verfrachten, wo er von der Bildfläche verschwinden soll.

Als Strischewsky mit Anklageerhebung droht und Nurejew nach dem Warum fragt, lächelt dieser zynisch: „Uns fällt schon was ein“ (es wurde eine Verurteilung in Abwesenheit wegen Landesverrats). Da projiziert Oleg Ivenko eine Furcht in seinen bis dahin unbezähmbare Kraft versprühenden Blick, dass es einem Gänsehaut macht. Und während die Ballettkollegen sich mit eingezogenem Kopf Richtung Gate davonschleichen, weicht der zur Verabschiedung mitgekommene Pierre als menschliches Schutzschild nicht von Rudis Seite – bis Clara alle ihr zur Verfügung stehenden Hebel in Bewegung gesetzt hat. Was folgt ist ein fulminanter Showdown, ein spektakulärer Befreiungsakt aus den restriktiven Fängen des sowjetischen Systems. Der Rest ist Geschichte …

 

Video: Teja Kremke fotografiert und filmt Rudolf Nurejew

www.nurejew-thewhitecrow.de

  1. 9. 2019

netzzeit 2019 Out of Control: Dionysos Rising

September 20, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bakchen wurden in die Psychiatrie überstellt

Umringt von allerlei surrealem Volk: Zachary Wilson als Dionysos mit Knochendaimon Evandro Pedroni, Da Yung Cho als Telete, Waldgeist Britt Kamper-Nielsen, Faun Juliette Rahon, Anna Quadrátová als Semele und Nymphe Luan de Lima. Bild: © netzzeit

“Ist der Dame nicht gut?”, fragt eine Zuschauerin mit Blick auf die junge Frau, die sich in einer Ecke auf dem Boden windet. Es ist Sopranistin Da Yung Cho in ihrer Rolle als Telete, die die prickelnde Atmosphäre des Sektempfangs auf der Spielfläche stört. Gerade, als das Publikum sich zuprostet, der Gott des Weines wie des Rauschs lässt keine gläserne Flöte lange leer, wird seine Tochter verhaltensauffällig, die Vortänzerin seines Nachtvolks nicht mehr nur im Ritual rasend – und schon stürmen Ärzte und Pfleger den Raum. Die Bakchen, sie wurden in die Psychiatrie überstellt …

Nach der umjubelten Uraufführung in Trient brachten Regisseur Michael Scheidl und Ausstatterin Nora Scheidl die Oper “Dionysos Rising” gestern im Wiener MuseumsQuartier zur Österreichischen Erstaufführung. Das musiktheatralische Werk von Komponist und Librettist Roberto David Rusconi markiert gleichsam den Auftakt von “netzzeit 2019 Out of Control” mit insgesamt drei Produktionen, die unter dem Motto “Der ewige Augenblick” stehen. Rusconi ließ sich für seine Arbeit von den „Dionysiaka“ des spätantiken, byzantinischen Dichters Nonnos von Panopolis inspirieren. Entstanden ist ein Meisterstück aus Schauspiel, Gesang – in italienischer Sprache mit Übertiteln – und Tanz.

Das Klangerlebnis ist ein einzigartiges, sind doch das live hinter der Bühne musizierende Instrumentalensemble PHACE unter der Leitung von Dirigent Timothy Redmond und sieben Chorstimmen dank des Surround Sounds von L-ISA, derzeit die innovativste Technologie auf diesem Gebiet und von Rock- und Elektropop-Bands wie Aerosmith oder Lorde bereits mit Begeisterung benutzt, von allen Seiten des Raums zu hören. „Soundscape“, Klanglandschaft, nennt Rusconi das so entstehende Phänomen, und er weiß sich damit als Pionier in Sachen Musikdrama.

Männliche Nymphe trifft auf weiblichen Faun: Die Tänzer Luan de Lima und Juliette Rahon. Bild: © netzzeit

Der Knochendaimon gibt Semele den Blutwein des toten Ampelos: Evandro Pedroni, Ray Chenez und Anna Quadrátová. Bild: © netzzeit

Dass derzeit am Burgtheater Ulrich Rasches Interpretation der Euripideschen „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) zu sehen ist, ist eine Koinzidenz, die wohl niemand vorhersagen hätte können. Bei Rasche wie bei Rusconi steht Dionysos für Instinkt und Emotion, für Kräfte jenseits des Rationalen, doch was dem einen numinos erscheint, erfasst der andere als heilsbringend. Die Welt müsse weg von einem Wertesystem, in dem Information mit tieferem Verständnis gleichgesetzt wird, befindet denn auch Michael Scheidl in seinen einleitenden Worten.

Leistungsdruck, Geldgier, Selbstentfremdung, den von Politik und Wirtschaft befeuerten “Flächenbränden des Hasses und der Regenwälder”, gelte es Empathie und Mut zur mänadischen Ekstase entgegenzusetzen. Im Erkennen, dass einen ein Zuviel an Seelenregung in der kalten Nüchternheit dieser Tage aber schnurstracks in die Nervenheilanstalt bringt, hat Rusconi eine solche als Setting gewählt. Zwangseingewiesen sind vier ver-rückte Menschen, deren Leiden die beiden “seriösen Herren” Michael Scheidl und Claudio Polzer diagnostizieren: Sopranistin Anna Quadrátová als Dionysos‘ Mutter Semele ist eine von Wahnvorstellungen von Feuern gepeinigte Frau.

Mit Kaiserschnittnarbe, aber ohne Säugling, wurde sie doch laut Mythologie, als sie Zeus in seinem ganzen Glanz sehen wollte, von diesem verbrannt – worauf Hermes ihre Leibesfrucht bis zur Geburt in Vater Zeus’ Oberschenkel barg. Dass ihr ihre absonderliche Sex-Story niemand glaubt, versteht sich. Sopranistin Da Yung Cho ist als Dionysos‘ Tochter Telete eine offensichtlich mehrfach vergewaltigte Borderlinerin, die allen ihre Freundschaftsbändchen aufzwingt.

C-Tenor Ray Chenez sitzt als Dionysos‘ Geliebter Ampelos im Rollstuhl. Denn der Legende nach stürzte der Satyr von einem Stier, den er bei einer Jagd ritt, wurde vom wütenden Tier zu Tode getrampelt, und von Dionysos daraufhin als Sternbild des Bärenhüters an den Himmel gehoben. Rusconi hat ihm eine narzistische Persönlichkeitsstörung verpasst, Nora Scheidl eine Taleguilla, eine Matadorhose, und Michael Scheidl lässt ihn damit zähnefletschend grinsend über die Spielfläche fahren. Und schließlich Bassbariton Zachary Wilson als der Gott höchstselbst – ein herablassender Heroinsüchtiger im Slim-Fit-Anzug, bei dem die Psychiater Größenwahn und eine kognitive Störung konstatieren.

Da Yung Cho macht auf wütender Stier, hinten: Ray Chenez als Rollstuhlfahrer Ampelos. Bild: © netzzeit

Die Bakchantinnen und Bakchanten feiern im wilden Tanz ihren Gott Dionysos: Evandro Pedroni. Bild: © netzzeit

Wie diese jungen Sängerinnen und Sänger stimmlich absolut auf der Höhe sind, vor allem darf man von Chenez‘ die Luft zerschneidendem, eisklarem Timbre angetan sein, ist großartig, dass sie es auch darstellerisch und tänzerisch sind, gehört zu den erstaunlichen Momenten dieser Aufführung. Als wären sie einer die Halluzination des anderen prallen die im klinischen Orkus Gestrandeten nun aufeinander, holen aus Kartons ihr Hab und Gut, eine kopflose Babypuppe und Stilleinlagen, goldene Parfümflakons und Kokain fürs “süße Delirium”, einen Kranz aus Weinlaub für den Fleisch gewordenen Rebstock.

Und während Dionysos auf Ampelos trifft und ihn zärtlich “Mondkalb” nennt, während Telete versucht, sich mit ihrer Strumpfhose zu erdrosseln, und Semele mit ihrem Therapeuten spricht, donnern aus dem Off die düsteren Stimmen von Göttervater Zeus, von der den Schicksalsfaden kappenden Moira Atropos, von Ate, Göttin der Verblendung, und von dem die Ewigkeit lenkenden Eon. Mehr und mehr verschmelzen die Protagonisten mit ihren klassischen Vorbildern, sich verzehrend nach dem einen, im Schmerz über den unwiederbringlichen Verlust von Lebensfreude und Lust, Opfer hier – siehe Rasche – nicht des Sorgenbrechers, sondern eines apollinischen Prinzips.

Einer Kopflastigkeit, die der Körperlichkeit den Kampf ansagt. Bahn bricht sich nun Rusconis und Scheidls Plädoyer, die Macht von Empfindungen wieder auf Augenhöhe mit der Geistesstärke zu bringen. Der Albtraum wird zum Traumtanz, die beigen Wandpaneele fallen, Geschlechtszuschreibungen ebenso, und die Tänzerinnen und Tänzer, Luan de Lima als männliche Nymphe, Britt Kamper-Nielsen als Waldgeist, Evandro Pedroni als Knochendaimon und Juliette Rahon als weiblicher Faun, stellen sich mit den Sangeskünstlern zum stilisierten Sirtaki auf. Es ist das Totenfest für Ampelos, doch unter Dionysos’ Ägide verfliegt die Trauer rasch. Immer verzückter und entrückter stampfen sie auf, drehen sich in der Choreografie von Claire Lefèvre wie in Trance. Wenn Chaos konstruktiv und Methode ist, wieviel Sinn liegt dann im Wahn? Eine Frage, die “Dionysos Rising” auf geradezu genialische Art stellt. Antworten darauf kann man noch heute und morgen suchen.

Teaser: www.facebook.com/newmusictheatrefestival/videos/2490249161233863/          www.netzzeit.at

  1. 9. 2019