Volksoper: Hoffmanns Erzählungen

Oktober 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jacques Offenbach vom Sockel geholt

Beate Ritter triumphiert als Olympia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine mannstolle Metall-Colombina: Beate Ritter singt sich als Olympia von Höhepunkt zu Höhepunkt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Teufel macht von Anfang an das Spiel, erzählt, wie er bei der Uraufführung das Wiener Ringtheater in Flammen aufgehen ließ und später in Paris das Orchestermaterial vernichtete, weil ihn Jacques Offenbach in „Orpheus in der Unterwelt“ verlacht hatte. Das sind die Mythen und Legenden, die sich um dessen einzige große Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ranken, und in der Brandruine von 1881 findet denn auch die Aufführung von André Barbe und Renaud Doucet an der Volksoper statt.

Das französische Regie-Dreamteam stellt eine gothic graphic novel auf die Bühne, bewegt sich so gewitzt entlang von E. T. A. Hoffmanns romantischen Schauergeschichten, die Fülle an Grauen-Grusel-Gänsehaut-Ideen, ihre überbordende Liebe zu Details hätte auch drei Inszenierungen befüllt. Und so wie einen die wilde Jagd optisch umbraust, alles ist hier Temperament und Tempo, so ist auch das Dirigat von Gerrit Prießnitz weniger subtil als scharf geschliffener Sturm und Drang. Da scheint es fast Konzept zu sein, dass ihm im Giulietta-Akt kurz, aber heftig die Zügel entgleiten, wenn’s im gestreckten Galopp dem Ende zu geht.

Barbe und Doucet haben Jacques Offenbach im Wortsinn von seinem Sockel geholt. Als bronzenes Männlein turnt er durch die Szenerie, dirigiert da, gestikuliert dort, immer ein paar Partiturblätter bei der Hand; Christian Drescher verleiht ihm Gestalt und Stimme, wenn der Komponist wie zum Gaudium in die Rollen der Faktoten Cochenille, Franz und Pitichinaccio schlüpft. Beim Grande Finale schließlich wird er von seinen Figuren geehrt und gefeiert werden.

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Zu den schönsten Pop-up-Bildern dieses Cherchez la femme! gehören die Offenbach’sche Kopfmaschine in Lutters „Höllenbar“, das Labor des Spalanzani, in dem sich eine verrückte Cyborg-Gesellschaft amüsiert, und der Schneepalast der ihre Seele aushauchenden und bereits als halbes Röntgenbild erscheinenden Antonia. Ach, die Anatomie der Liebe. Dass allerdings auch hier, im Überleiten zum verruchten Venedig, nicht auf Gags und Gimmicks verzichtet werden konnte, Dr. Mirakel macht auf Max Schreck, die Walküren-Mutter aufersteht, als ob der Geist von Richard Wagner einen schlechten Tag gehabt hätte, ist schade.

Gerade die ohnedies schon als solche angedachte Eiswelt der Antonia hätte sich für einen Temperaturwechsel in dieser überhitzten Aufführung voller sexueller Anspielungen angeboten, der eine Zäsur an dieser Stelle gutgestanden hätte. Als ein Zur-Ruhe-kommen auf der Bühne und im Zuschauerraum, als ein stillerer Albtraum inmitten der irren Nachtmahre.

Als Dämon der Kunst brilliert einmal mehr Josef Wagner. Wie er den Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel oder einen Mussolini’schen Dapertutto gestaltet, kann man’s wohl sagen: Sein Name ist Legion. Sehr schön auch die lebende Köpfekiste, die Coppelius zur Anpreisung seines optischen Sortiments an der Leine mit sich führt. Wagner, am Haus zuletzt ein fabelhafter Don Giovanni, überzeugt darstellerisch wie gesanglich, ist ein gespenstischer und unheimlicher Spielmacher, mal berechnender Zyniker, mal kalter Nihilist, dann wieder so superschurkisch wie ein Comic-Bösewicht. Welch eine Show!

An seiner Seite wird Mirko Roschkowski als Hoffmann mit seiner stattlichen Statur und seiner schön timbrierten Stimme mit fast immer sicherer Höhe in das Format seiner Rolle bald hineinwachsen, er überzeugt fürs Erste mit seiner sehr charmanten und sympathischen Studiosus-Art. Aus der ausgezeichneten Gesamtleistung stechen Juliette Mars als Muse/Niklas mit satirischen Zwischentönen, Anja-Nina Bahrmann als hinreißend lyrische Antonia und Stefan Cerny vor allem als Krespel hervor. Einige Gesangsstücke wurden im französischen Original belassen: die berühmte Barkarole samt Hoffmanns „Chant bachique“, die Romanze der Antonia und ihr Liebesduett mit Hoffmann und die „Air“ der Olympia.

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.) als in Bronze gegossener Komponist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als diese holt sich Beate Ritter verdient den größten Applaus ab. Ihre Olympia ist eine von Offenbach per Fernbedienung gesteuerte und bald überdrehte Colombina, eine mannstolle Roboterfrau, die sich im Laufe ihres Auftritts zum bestrapsten Sextoy entblättert. Ob das eine Doppel-D-Körbchen freiwillig oder unfreiwillig abging, man wird’s nie erfahren, klar ist jedenfalls, dass Ritters einwandfreie Koloraturen in vielfacher Hinsicht ein Höhepunkt sind.

Zum Schluss gab’s großen Jubel, nur da und dort blieben ein paar Bemurmler, denen das Ganze zu wenig Weihetempel war. Die Arbeit von André Barbe und Renaud Doucet aber macht einfach Spaß, sie ist ein fantastisches Spektakel, gedacht für ein Publikum, das sich in einen Regierausch entführen und von Eindrücken trunken machen lassen will. Heißt: Wenn hier einer lieber in den Keller lachen geht, muss es schon der Auerbach’sche sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=PplGIV313lU

www.volksoper.at

Wien, 16. 10. 2016

Volksoper: Der Bettelstudent

Mai 1, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie ein skurrilbuntes Pop-Up-Bilderbuch

Boris Eder (Enterich, Kerkermeister), Roman Martin, Gernot Kranner (Offiziere im sächsischen Heer). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Boris Eder als Kerkermeister Enterich mit Roman Martin und Gernot Kranner. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Herr Kapellmeister, dürfen wir um etwas Musik bitten, aber mit Tempo!“, rief eine strubbelige Figur in den Orchestergraben. Dem Wunsche konnte entsprochen werden. Wolfram-Maria Märtig, neuer Kapelllmeister am Haus, dirigierte seine erste Volksopern-Premiere kräftig und schwungvoll, doch nicht nur dank ihm überzeugte „Der Bettelstudent“ vom ersten Moment an. Als nämlich als erster Boris Eder als Kerkermeister Enterich in Jack-Sparrow-Adjustierung auf die Bühne torkelte und sich mit „I bin der Johnny von Ottakring“ vorstellte, war klar: Regisseur Anatol Preissler wird hier einen knallbunten, von skurrilen Geschöpfen bewohnten Bilderbogen entfalten.

So geht’s denn auch zweieinhalb Stunden zu wie in einem Pop-Up-Buch, Schlag auf Schlag, Szene auf Szene, mit musikalischen Zitaten vom „Fluch der Karibik“-Soundtrack bis zum Streicherstakkato aus Hitchcocks „Psycho“. Muss jemand ungeduldig warten, tickt laut eine Uhr, und gibt’s einen Keulenschlag auf den Kopf zwitschern die ACME-Vögelein. Da haben zwei, Märtig und Preissler, die sich, wie Gesprächen vorab zu entnehmen war, gut verstehen, ihrem Humor freien Lauf gelassen.

Dazu das mit augenzwinkernden Gimmicks versehene Bühnenbild von Karel Spanhak und die im doppelten Wortsinn barocken Kostüme von Marrit van der Burgt, mit besonders schönen Raffrolloröcken, einem Modemuss, um heiratsfähige Herren anzulocken – einem Possenschreiber wie Carl Millöcker würde diese Inszenierung seines Werks wohl gefallen haben.

Nicht zuletzt auch deshalb, apropos Posse, weil Preissler das Couplet des Ollendorf, „Schwamm Drüber“, mit nestroyesken Zeitstrophen zur Bundespräsidentenwahl ausstattete. Mit seiner Arbeit stellt Preissler aus, dass Comic immer auch ein Mittel zur Politsatire ist. Und was dieser Abend über die alltägliche Prostitution der besseren Leut‘ um des lieben Geldes willen, darob moralbefreites Handeln, Betrug, Bestechung und Beutelschneiden aussagt, ist mehr, als eine brave Bearbeitung des Stücks vielleicht vermocht hätte. Man kann gar nicht anders, als die Schurken auszulachen.

Thomas Zisterer (Offizier im sächsischen Heer), Elisabeth Flechl (Palmatica Gräfin Nowalska), Lucian Krasznec (Symon Rymanowicz), Martin Winkler (Oberst Ollendorf, Gouverneur von Krakau), Roman Martin (Offizier im sächsischen Heer). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Thomas Zisterer, Elisabeth Flechl, Lucian Krasznec, Martin Winkler und Roman Martin. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Fischerauer (Onuphrie, Palmaticas Diener), Elisabeth Flechl (Palmatica Gräfin Nowalska), Mara Mastalir (Bronislawa). Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kabinett-Stückchen: Martin Fischerauer, Elisabeth Flechl und Mara Mastalir. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Deren obersten, den Oberst Ollendorf, spielt der famose Martin Winkler, wie immer sängerisch und schauspielerisch auf der Höhe, als explodierten Rotschopf. Ein Möchtegern, der sich düpiert sieht, denn er hat sie ja nur, Schulter und so weiter, und dabei verleiht Winkler dem Operettenbösewicht zutiefst menschliche Züge. Er gestaltet einen, der doch nur geliebt werden will, vom Volk, von der einen Frau, aber laut Libretto darf das natürlich nicht sein. Fast hat man Mitleid mit ihm, wie er schofel um sein für die Intrige verschleudertes Geld raunzt, und seine Mannen erst! Die sind bei weitem keine schneidige Soldateska, sondern ein kriegsmüder Krüppelhaufen. Als hätte August der Starke das letzte Aufgebot nach Krakau bestellt. „Noch ist Polen nicht verloren“, ist übrigens auch einer der eingewobenen Sätze.

Anja-Nina Bahrmann (Laura), Lucian Krasznec (Symon Rymanowicz), Martin Winkler (Oberst Ollendorf, Gouverneur von Krakau), Chor der Volksoper Wien. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Anja-Nina Bahrmann, Lucian Krasznec, Martin Winkler und der Chor der Volksoper. Bild: Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Liebesquartett bilden Anja-Nina Bahrmann und Mara Mastalir als Schwestern Laura und Bronislawa sowie Alexander Pinderak als Jan Janicki und Lucian Krasznec als „Bettelstudent“ Symon Rymanowicz. Krasznec gibt in der Rolle sein Volksoperndebüt, ein bemerkenswerter junger Mann, dessen Charme sich dem des großen Adolf Dallapozza annähert, und der sich mit seiner strahlenden, glanzvollen und mühelosen Stimme bei Höchste Lust und Tiefstes Leid“ und „Ich Hab‘ Kein Geld“ zweimal tosenden Szenenapplaus abholt.

Mara Mastalir ist entzückend und im Zusammenspiel mit Pinderak, der auch mit seinen Original-Polnisch-Kenntnissen brillieren darf, ein einnehmendes Paar. Sie mit Quirrligkeit und ihrem klaren, sauber geführten Sopran, bei Preissler ist die Bronislawa übrigens überzeugte Tierschützerin und Veganerin, er ein ernsthafter, sich den Buffo beinah verbietender Held, der den „Bettelstudent“  durch seine Würde fast zur „Freiheitsoperette“ adelt.

Anja-Nina Bahrmann ist keine gewohnt zickige Laura, sondern ein Mädl mit Herz, sie weiß nicht nur ihre Stimme schön einzusetzen, sondern auch, wie man, weil komödiantisch so gewünscht, auf Teufel komm‘ raus schmiert. Mit der Gräfin Nowalska gibt sich die Tochter vornehm verarmt, als Vorwegnahme der „Anatevka“-Wiederaufnahme in vierzehn Tagen klingt schon „Wenn ich einmal reich wär“ an. Und Elisabeth Flechl zeigt mit viel Ironie und raumfüllenden Reifröcken eine Fürstin jenseits ihrer güldenen Jahre. Eine mit Talerzeichen in den Augen und Besitzgier im Blut. Stets an ihrer Seite Diener Onuphrie, den Martin Fischerauer stumm und im Schlurfgang als Hommage an Freddie Frinton gestaltet. Nur, dass es zum Dinner nur noch für Erdäpfel reicht. Vor allem die Ankleidesequenz im Boudoir machen die beiden zum Kabinettstückchen. Am Ende ist alles gut, die letzte Volksopern-Premiere dieser Saison ein Triumph für alle Mitwirkenden. Das Publikum dankte mit langanhaltendem Applaus und der einfallsreichen Regie sogar mit Standing Ovations.

www.volksoper.at

www.luciankrasznec.de

Wien, 1. 5. 2016

Robert Meyer präsentiert große Namen

April 10, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Volksoper-Premieren 2014/15

Hello, Dolly!  Robert Meyer (Horace Vandergelder), Sigrid Hauser (Mrs. Dolly Gallagher Levi)  Bild: Dimo Dimov / Volksoper Wien

Hello, Dolly! Robert Meyer (Horace Vandergelder), Sigrid Hauser (Mrs. Dolly Gallagher Levi) Bild: Dimo Dimov / Volksoper Wien

Robert Meyer hat gut Grinsen. Der Volksopernchef erscheint zur Pressekonferenz auf der Probebühne bestens gelaunt. Die Auslastung der laufenden Saison liegt mit Stand Ende März bei beinah 84 %, in manchen Fällen sogar bei 95 %. Der neu eingeführte Musicalpass ist so erfolgreich, das es ihn erneut geben wird. Auch „Hello Dolly!“ wird wieder dabei sein – und neu „Der Zauberer von Oz“. Finanziell schreibt man im Haus am Gürtel „eine schwarze Null“, was angesichts allgemeiner Subventionskürzungen beachtlich ist. Acht Premieren kündigt Meyer für die kommende Saison an – eine Operette wird um ein Jahr verschoben. Wegen ernsthafter Erkrankung des Regisseurs. Da will Meyer fair sein, da will er lieber warten.

Los geht’s am 11. Oktober mit schwerer Kost (doch man ist mutig, hat man doch mit „Albert Herring“ einen nicht zu ahnenden Erfolg eingefahren): „Onkel Präsident“. Auf der Basis von Ferenc Molnárs Bühnenstück „Eins, zwei drei“, das 1961 von Billy Wilder verfilmt wurde, zeichnet Friedrich Cerha die Wandlung des Fahrradboten Josef Powolny (David Sitka) zum Spitzenmanager mit Adelsprädikat. Mit dem im Juni 2013 in München uraufgeführten Werk ist dem 87-Jährigen  ein vitales Lebenszeichen nicht nur seiner Kunst, sondern der verblasst geglaubten „komischen Oper“ überhaupt gelungen. Die österreichische Erstaufführung besorgt Josef E. Köpplinger, musikalische Leitung: Alfred Eschwé. Zwei Leigaben holt man sich: Renatus Mészár, der bereits bei der Uraufführung die Titelrolle sang, und Walter Fink von der Staatsoper in der Rolle des Komponisten. Die erste von drei Ballett-Premieren gibt es am 16. November:  Mit dem Doppelabend „Mozart à 2“ und „Don Juan“ stellt sich Thierry Malandain, einer der bedeutendsten Choreografen Frankreichs und Direktor des Centre chorégraphique national de Biarritz, dem Volksopernpublikum vor. Der Ballettabend zu Musik von Wolfgang Amadeus Mozart und Christoph Willibald Gluck wird von Jiří Novák dirigiert.

Am 6. Dezember folgt „Der Zauberer von Oz“. „The Wonderful Wizard of Oz“ von L. Frank Baum ist Amerikas wohl berühmteste Märchenerzählung, die durch die Verfilmung mit der jungen Judy Garland als Dorothy (1939) weltweit Kultstatus erhielt. Regie führt der in London geborene Henry Mason, der  2013 bei den Salzburger Festspielen sein vielbeachtetes Debüt mit Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gab. Markus Meyer, der Salzburger Puck, wird  den Löwen spielen, der gemeinsam mit dem Blechmann (Peter Lesiak) und der Vogelscheuche (Oliver Liebl) die junge Dorothy (Johanna Arrouas) auf ihrer Reise begleitet. Christian Graf ist die Hexe des Westens. Den geheimnisvollen Zauberer von Oz spielt –  schmunzelnder O-Ton Volksoperndirektor: „Wir suchten für diese kleine Rolle einen Schauspieler, der nicht viel kostet, und haben ihn dann mit dem Schmäh geködert, dass er ja die Titelrolle ist. Als habe ich den Oz mit mir besetzt.“ Alternierend spielt Boris Eder.

Ab 17. Jänner kann man sich auf Rolando Villazón freuen. Der Startenor gibt als Regisseur von Donizettis Komödie „Viva la Mamma“ sein Volksoperndebüt, am Pult steht die junge estnische Dirigentin Kristiina Poska. Sie ist Erste Kapellmeisterin der Komischen Oper Berlin. Inhalt: In einem kleinen Provinztheater bereitet sich das Ensemble auf eine Opernpremiere vor: Die Primadonna (Anja-Nina Bahrmann) und die zweite Sopranistin (Mara Mastalir) liefern sich einen regelrechten Zickenkrieg, jeder Darsteller versucht auf seine Weise, den Regisseur und den Dirigenten zu beeinflussen, um optimal in Szene gesetzt zu werden. Agata, die resolute Mamma der zweiten Sängerin, treibt den normalen Wahnsinn des Theaters auf die Spitze. Meyer: „Das wollte ich immer schon einmal machen. Ich liebe diese Theater-auf-dem-Theater-Stücke“. Highlight: Bassbariton Martin Winkler, sonst eher von Bayreuth bis an die MET als Klingsor oder Alberich engagiert, gibt „la Mamma“ Agata. Villazón zu kriegen, war natürlich ein Coup, „doch ich denke, das Stück passt zu diesem hochformatigen Komödianten“, so Meyer. „Wir hatten schon ein erstes Gespräch auf der Probebühne. Schon dafür hätte ich Eintritt verlangen sollen. Einziger Wunsch des Weltbewunderten: Er will mit der Clownin Nola Rae www.nolarae.com zusammen arbeiten.

Die erste und einzige Operette folgt am 21. Februar: Jacques Offenbachs „Pariser Leben“, mit reiner Hausbesetzung, außer Rasmus Borkowski, den man sich nach dem Erfolg von „Catch me if you can“ von den Kammerspielen holt. Außerdem konnten  zwei ausgewiesene Offenbach-Spezialisten gewonnen werden: Der französische Dirigent Sébastien Rouland hat unter anderem am Théâtre du Châtelet „La GrandeDuchesse de Gérolstein“ und in Lyon „La vie parisienne“  dirigiert. Der niederländische Regisseur und Bühnenbildner Michiel Dijkema inszenierte bereits unter anderem „La Périchole“, „Die Großherzogin von Gerolstein“ und „Orpheus in der Unterwelt“.  Am  12. April kehrt der russische Choreograph Boris Eifman, dem Wiener Publikum bestens bekannt durch seine fesselnde Interpretation von „Anna Karenina“  mit „Giselle rouge“ an die Volksoper zurück.

Ab 15. Mai steht Mozarts „Così fan tutte“ auf dem Spielplan. Regisseur Bruno Klimek inszeniert erstmals an der Volksoper, die musikalische Leitung liegt in den  Händen von Julia Jones, die diesen Mai noch die Premiere von „Fidelio“ dirigieren wird. Die Fiordiligi singt Caroline Wenborne, die an der Staatsoper zur Pause und in nicht für sie geschneiderten Kostümen für die erkrankte Barbara Frittoli einsprang. Meyer: „Bei uns darf sie den ganzen Abend singen.“ Am 2. Juni stehen die Nachwuchskräfte der Kompanie  im Zentrum von „Junge Talente des Wiener StaatsballettS II“ unter der künstlerischen Leitung von Ballettdirektor Manuel Legris und der musikalischen Leitung von Wolfram-Maria Märtig. Letzterer wird ab nächster Saison Kapellmeister der Volksoper

www.volksoper.at

Wien, 10. 4. 2014

„Der Wildschütz“ an der Wiener Volksoper

April 19, 2013 in Klassik

Wenn „die Stimme der Natur“ ruft

Bild: Volksoper Wien

Bild: Volksoper Wien

Am 20. April hat an der Wiener Volksoper Albert Lortzings komische Oper „Der Wildschütz“ Premiere. Verkleidung, Verwechslung, Verstellung. Schon am Ende der Ouvertüre erschallt im Hintergrund ein Schuss, der auf das kommende Geschehen hinweist. Das sind die Zutaten aus denen Lortzing sein Werk geschaffen hat. Der musikalische Allrounder, der nicht nur komponierte und sein eigener Liberettist war, dirigierte, sang und schauspielerte auch. Zu Silvester 1842 stellte er einem begeisterten Publikum seinen „Wildschütz“ in Leipzig vor, 1846 als Lortzing als Kapellmeister am Theater an der Wien wirkte, nahm er seinen Erfolg mit hierher.

Die Freude war nicht einhellig. Felix Mendelssohn etwa nannte das ganze „infam, verwerflich und elend“ – „ein Wollustspiel“ (Ermanno Wolf-Ferrari verteidigte den Ruf des Komponisten später mit den Sätzen: „Die Naiven haben ihn umso mehr geliebt und lieben ihn noch. Und nur Liebe kann der Kunst Lohn sein, nicht kalte intellektuelle Registrierung seitens der ewigen Beckmesser.“ Na also!) Dabei hatte der Lortzing die schlüpfrigsten Passagen der Vorlage extra weggelassen. Diese stammt von Trivialdramatikermeister August von Kotzebue und heißt: „Der Rehbock oder die schuldlosen Schuldbewussten“. Die ziemlich wirre Handlung: Dorfschulmeister Baculus hat im Wortsinn einen Bock geschossen – und zwar im gräflichen Park – und soll deshalb entlassen werden. Daher schickt er einen „Studenten“ (in Wirklichkeit aber Baronin und Schwester des Grafen) aufs Schloss, wo sie als seine „Braut“ für ihn bitten soll. Der Baron wiederum, der unerkannt als Stallbursche des Grafen arbeitet, verliebt sich in die „Braut“ und will sie dem Lehrer für 5000 Taler abkaufen (wem das bekannt vorkommt: Smetanas „Verkaufte Braut“ wird in dieser Saison ebenfalls neu an der Volksoper  produziert).

„Die Stimme der Natur“ (so der Untertitel, den Albert Lortzing seiner Oper gegeben hat) wird bei Regisseur Dietrich W. Hilsdorf zu „Ein unmoralisches Angebot“. Er will den Fokus von den Ausschweifungen der Aristokratie weg-, hin auf den Schulmeister lenken, der sich schon als glücklicher „Kapitalist“ wähnt. Neben diesen sozialkritischen Tönen ist Alfred Eschwe am Pult für die musikalischen zuständig. In der wunderbaren Ensembleoper singen unter anderem Daniel Ochoa den Graf von Eberbach, Alexandra Kloose seine Gräfin, Mirko Roschkowski den Baron Kronthal, Anja-Nina Bahrmann seine Baronin, Gernot Kranner den Haushofmeister auf dem Schloss, und Lars Woldt den Dorfschulmeister Baculus.

www.volksoper.at

Trailer: www.volksoper.at/Content.Node2/home/medien/videobeispiele.at.php

Von Rudolf Mottinger

Wien, 19. 4. 2013