Kunst Haus Wien: Peter Piller / Anita Witek

Januar 20, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Fantastische Zweitverwertung ausrangierter Fotos

Bereitschaftsgrad #2, 2015, Courtesy Capitain Petzel, Berlin Bild: © Peter Piller/Bildrecht, Wien 2016

Bereitschaftsgrad #2, 2015, Courtesy Capitain Petzel, Berlin
Bild: © Peter Piller/Bildrecht, Wien 2016

2016 begeht das Kunst Haus Wien sein 25-jähriges Bestehen – ein Jubiläum, das Bettina Leidl im zweiten Jahr ihres Programms mit thematischen Schwerpunkten versieht, die sich über das ganze Jahr ziehen. In unterschiedlichen Formaten wird der Gründer des Hauses, Friedensreich Hundertwasser, gewürdigt, und seine richtungsweisenden Visionen und Ideen im aktuellen Kontext aufgegriffen. Zugleich verfolgt man das Thema Fotografie mit Ausstellungen, die Tendenzen und Themen einer jüngeren Fotoszene aufnehmen.

Den Auftakt machen ab 22. Jänner zwei Einzelausstellungen von Peter Piller und Anita Witek. Den Hamburger und die Wienerin eint bei ihren Arbeiten das Zurückgreifen auf bereits vorhandenes Bildmaterial. Piller entnimmt seine Bilder Zeitungen und Magazinen, Witek bedient sich großformatiger Plakatwände und Hochglanzzeitschriften. Mit ihrer Methodik versuchen sie „abgelegte“ Gebrauchsfotografie künstlerisch neu aufzuladen. Witek etwa zeigt in ihrer Schau „About Life“ mit ihren skulpturalen Arbeiten, wie dekonstruierte Fotografie zum bilderhauerischen Material werden kann.

Peter Piller arbeitete zunächst bei einer Medienagentur. Werbekunden ließen von ihm prüfen, wo und in welcher Form ihre geschalteten Anzeigen tatsächlich auch erschienen waren. Ähnlich wie Richard Prince während seines Jobs bei der Time Life Company, der Ursprung seiner heute weltbekannten Serie der Cowboys, stieß Piller beim täglichen Durchblättern der Presse auf Fotografien, die es ihm wert waren, sie zur Seite zu legen, und die er mit Kategorien wie „Auto berühren“, „Noch ist nichts zu sehen“, „Bauerwartungsflächen“ oder „Schießende Mädchen“ versah. Über Jahre hinweg ist so das bis heute mehr als 7.000 Bilder umfassende „Archiv Peter Piller“ entstanden, das der Künstler immer wieder in thematische Werkgruppen sortiert. Das Kunst Haus Wien bietet mit der Ausstellung „Belegkontrolle“ nun einen Einblick in diese große Bildersammlung.
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Eine Schau, die zu ironischem Schmunzeln verführt. Denn wo andere nichts erkennen, entwickelte Piller ein feines Gespür für die verborgenen Qualitäten der Gebrauchsfotografie. In Gruppen arrangiert und mit Titeln versehen, bringt er das gefundene Material in neue Kontexte und damit zu einer neuen künstlerischen Wirklichkeit. „Von Erde schöner“ beispielsweise ist eine raumgreifende Installation unzähliger Luftbildaufnahmen von Einfamilienhäusern aus den 1980er Jahren. „Nimmt Schaden“ ging aus dem digitalen Foto-Fundus einer Schweizer Versicherungsgesellschaft hervor und ist eine stille Ode an die unbekannten Fotografen. Mit der Serie „Erscheinungen“ lernt man Piller auch als Fotografen kennen. Wie bei den Serien „Bereitschaftsgrad“ und „Umschläge“ – Arbeiten, denen Magazine der 1960 bis -80er Jahre zugrunde liegen – hat der Künstler den Bildern die Texte genommen; nur die grafischen und fotografischen Elemente transportieren noch Information. Mit „Nachkriegsordnung“ gelingt ihm durch die Zusammenstellung von 35 Abbildungen desselben Motivs, einer Explosion nach einem Bombenabwurf über Bagdad im Jahr 2003, verschiedenen deutschen Tageszeitungen entnommen und freigestellt, eine pointierte Aussage über das politische Gewicht von Fotografien.
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Pillers Blick gilt stets dem alltäglichen Leben und seiner Verfremdung durch die fotografische Darstellung. Er lässt profane Handlungen heiter erscheinen oder entlarvt den ernsten Kontext scheinbar harmloser Rituale. Seine Zusammenstellungen sind sinnliche, schlaue Analysen des Umgangs mit dem omipräsenten, „omnipotenten“ Medium Bild. Durch seine Bearbeitungen schärft er den Blick des Betrachters für beabsichtigte Manipulationen. Und er gibt außerdem sachdienliche Hinweise, wofür man seine alten Fotos sinnstiftend verwenden kann …

www.kunsthauswien.com

Wien, 20. 1. 2016