Theater zum Fürchten: Elektra

Dezember 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Gothic-Look wie Game of Thrones

Kim Bormann ist eine inbrünstige, blutrünstige Elektra. Bild: Bettina Frenzel

Die Wände des Bunkers sind blutverschmiert, Agamemnon steht auf einer wie ein Racheschrei, doch nur die Außenseiterin trauert um den abgeschlachteten König: „Elektra“. Der Hofmannsthal’- sche Text dient nun in der Scala, der Wiener Dependance des Theaters zum Fürchten, Regisseur Matti Melchinger als Spielvorlage. Dieser hat die Tragödie in einem Aufzuge zur Essenz verdichtet, schlanke 75 Minuten dauert seine Aufführung, und wiewohl er dem Dichter nichts nimmt, wird

der royale Massenmord in Melchingers rasanter, riskanter Radikalität zum modern anmutenden Mythos. Es scheint, als wolle TzF-Prinzipal Bruno Max den mit „Equus“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35706) eingeschlagenen Weg mit dieser Arbeit richtungsweisend fortsetzen, und tatsächlich ist Sam Madwar, der für die Peter-Shaffer-Inszenierung verantwortlich zeichnete, nun als Ausstatter am Werk. Gemeinsam mit Kostümbildnerin Katharina Kappert hat er eine „Game of Thrones“-düstere Welt erschaffen, archaisch, eisenhart, Lederoptik und ein Goth-Punk-Look, der Robert Smith neidisch machen könnte. Nur, dass es für Kim Bormanns Elektra, man weiß es, Hofmannsthal schrieb die seine unter dem Eindruck der Seelenerkundungen Sigmund Freuds, keine „Cure“ mehr gibt. Als Soundtrack laufen also auch keine Songs der britischen Kultband, sondern Arcade Fire’s „My Body Is a Cage“.

Bormanns Performance allein lohnt schon den Besuch dieses Abends. Ihre mykenische Revanchistin erweist sich vom ersten Auftritt an als Fall für die Psychoanalyse, ihr pathologisches „Ich kann nicht vergessen“ ist der Satz, der einem schon zu Beginn des Stücks durch Mark und Bein fährt. Bormanns Elektra krankt definitiv am zum Namen gehörenden Komplex, wenn diese Schattenvisionen ihres Vaters imaginiert. Die TzF-Debütantin spielt die Figur inbrünstig blutrünstig, großartig, wie sich bei Begegnungen mit der Mutter der Ekel auf ihrem Gesicht spie- gelt, während sie ihrerseits versucht, Schwester Chrysothemis mit innigen Umarmungen auf ihre Seite zu ziehen.

Angela Ahlheim, Kim Bormann, die Mägde Maja Sikanic, Regina Schebrak und Ivana Stojkovic. Bild: Bettina Frenzel

Klytämnestra und Aegisth verhöhnen Elektra: Kim Bormann, Bettina Soriat und Leonhard Srajer. Bild: Bettina Frenzel

Orest ermordet die Mutter, Elektra triumphiert: Felix Krasser und Kim Bormann. Bild: Bettina Frenzel

Mit dem Hof der Atriden ist bei Melchinger längst kein Staat mehr zu machen. Wie von der Zeit zerfledderte Zombies hangeln sich die Gestalten über die Repräsentationstreppe in den mit Mulch bedeckten, mit Gerümpel zugemüllten Hinterhof, die Kledage ein Abglanz besserer Tage, da und dort die Haut rot verschrammt. Klytämnestra trägt eine groteske barocke Herrenperücke, als wolle sie per Haartracht ausweisen, dass nach dem kriegerischen Haudrauf nun eine aufgeklärte Absolutistin das Zepter schwingt. Wobei Bettina Soriat die aufgesetzte Aufgeklärtheit sofort ab absurdum führt, wenn ihre Gattenmeuchlerin die wehklagende Tochter im Wortsinn, weil: Treppe, von oben herab verhöhnt.

Soriat lässt Klytämnestra zwischen Tyrannenmörderin und Totschlägerin changieren, da diese selbst nicht darüber zu richten vermag, ob sie dem Volk eine Wohl- oder der Familie eine Untat getan hat. Die stärksten Szenen der Produktion sind ergo das Aufeinanderprallen von Mutter und Tochter, auf das die Regie auch fokussiert. Im intellektuellen wie körpergewaltigen Infight schenken einander die beiden Schauspielerinnen nichts, und apropos: verbal brutal, beeindruckend ist, wie die Darsteller allesamt die Sprachgewalt des Fin de Siècle-Schriftstellers stemmen, jedenfalls machen die Konfrontationen Klytämnestras mit Elektra in Melchingers Interpretation klar, dass erstere um nichts weniger als zweitere an einem Agamemnon-Trauma leidet.

Leichter hat’s die Herrscherin da mit ihrem Lover, Leonhard Srajer als blondinnenblöder, proletoid-putzsüchtiger Aegisth, den die an Jahren Ältere zum Sextoy degradiert hat, auch dieser Aspekt der gruseläugigen Dauergeilen so kaltherzig erzählt, dass es einem unter die Haut geht. Auftritt, um alles zu Ende zu bringen, Felix Krasser als nach langer Flucht heimkehrender Orest, dessen einlenkendes „Lass‘ die Toten tot sein“, von Elektra alsbald zur Mordgier umgepolt wird. Selten noch war der manipulative Charakter der „Strahlenden“ so deutlich zu erkennen, Elektra, die sich zur höheren Instanz erhebt, die das „gerechte“ Gemetzel befiehlt, die sich in ihre Rechtsprechung hineinsteigert – ohne Rücksicht auf Verluste, siehe die maliziösen Mägde von Regina Schebrak, Maja Sikanic und Ivana Stojkovic.

Nur die Außenseiterin trauert um Agamemnon: Bormann, Sikanic, Stojkovic, Srajer und Schebrak. Bild: Bettina Frenzel

Die Schwester entdeckt dem Bruder ihren Racheplan: Kim Bormann und Felix Krasser. Bild: Bettina Frenzel

Chrysothemis verabscheut Orests grauenhafte Tat: Felix Krasser und Angela Ahlheim. Bild: Bettina Frenzel

Siegestanz vor vielen Toten: Kim Bormann, hinten die ebenfalls erschlagenen Mägde. Bild: Bettina Frenzel

Mit Hinweis auf sein gottgegebenes Heldentum treibt die Schwester dem Bruder das Zaudern aus, ihr hohlwangiger Hass begleitet von einem heulenden Wind, rote Lichtblitze beleuchten die Selbstjustiz, ein Apfel wird als sozusagen Reichsinsignie zertreten, Heil!-Rufe ertönen, Elektra tanzt vor Leichenhaufen, Orest wirft sich den Purpurmantel über. Bleibt bei diesem Drama, auf die bisher beinah unerwähnte der Dreierkonstellation zu kommen: Angela Ahlheim als Chrysothemis, angewidert von den Geschwistern, von Elektras inzestuösen Annäherungsversuchen, von Orests blutverschmierten Armen.

Für sie, für deren Ausgestaltung allerdings noch Raum wäre, obzwar die gezeigte Kurzfassung wenig Platz dafür bietet, hatte Melchinger eine schöne Idee. Bei ihm darf die jüngste des Hauses zum Schluss einen mit EU-Sternen beklebten Trolley nehmen und das antike Griechenland mutmaßlich für immer verlassen.

www.theaterzumfuerchten.at           www.kimbormann.com

  1. 12. 2019

Theater zum Fürchten: Equus

Oktober 31, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pferdegott im Bondage-Geschirr

Alan Strang erkennt in Nugget seinen Pferdegott Equus: Angelo Konzett und Tom Wagenhammer. Bild: Bettina Frenzel

Diese Frage, auch wenn er sie mit einem verschmitzten Lächeln beantwortet, und die Kostüme selbstverständlich wie stets von Alexandra Fitzinger sind, muss sich Regisseur und Raumgestalter Sam Madwar schon gefallen lassen – nämlich in welchem Erotikshop er eigentlich die Ausstattung für seine Pferdegeschöpfe erstanden hätte. Leithengst Nugget und seine beiden Mitrösser tänzeln ihr aufreizendes Dressurballett schließlich bestrapst, mit um die Brust geschnalltem Bondage-Geschirr, an die

Kandare genommen mit einer BDSM-Trense. Tom Wagenhammer, Eduard Martens und Bernardo Ribeiro verkörpern die kraftvollen, anmutigen Tiere mit dem Stolz eines Pegasus, regelrecht majestätisch tragen sie ein Drahtgestell um ihre Köpfe, das die größeren der Vollblüter simulieren soll. In mondblaues Licht getaucht ereignet sich im Reitstall derart Zauberisches, und man begreift die Magie des Glaubens, die von Alan Strang Besitz ergriffen hat. Auch wenn Sam Madwar die Aura zwischendurch bricht, um die Arena zum Ort der Auseinandersetzung mit Arzt oder Eltern des Siebzehnjährigen zu machen.

Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala die Wien-Premiere seiner aktuellen Produktion „Equus“, ein Text des britischen Stardramatikers Peter Shaffer, im Entstehungsjahr 1973 noch ein Skandalstück samt Zoophilie-Schock und Masturbationsandeutung und etlichen Nacktszenen, und äußerst mutig von Sir Laurence Olivier am Royal National Theatre zur Uraufführung gebracht. Anthony Hopkins am Broadway, Anthony Perkins am Theatre Royal Plymouth und Richard Burton in der Sidney-Lumet-Verfilmung spielten den Dr. Martin Dysart; der bekannteste Alan ist bis dato wohl Daniel Radcliffe, der sich mit der Rolle des verstörten Teenagers bravourös von seinem Harry-Potter-Image löste.

In Madwars Inszenierung sind Anselm Lipgens und TzF-Debütant Angelo Konzett als Psychiater und Patient zu sehen. Die auf einer True Story beruhende Geschichte ist diese: Dysart, der als Erzähler die Handlung zusammenhält, wird von Richterin Heather Salomon aka Christina Saginth ein außergewöhnlich schrecklicher Fall zugewiesen. Er soll den Jungen Alan Strang therapieren, der in einem Reitstall gearbeitet hat, bis er sechs seiner Schützlinge aus ungeklärter Ursache mit einem Hufkratzer die Augen ausstach. Wie Konzett den schwierigen Charakter seiner Figur schultert, ist grandios. Der Körper angespannt vor Schuld, die Glieder wie steifgefroren im Versuch, die pubertär-sexuellen Gefühle zu verbergen, doch die ganze Renitenz eines Heranwachsenden ins Gesicht geschrieben, so agiert Konzett, wenn er die Fragen Dysarts zunächst nur mit dem Singen von Werbejingles beantwortet.

Psychiater Martin Dysart und Richterin Heather Salomon: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Bedrohliches Pferdeballett: Wagenhammer, Eduard Martens, Konzett und Bernardo Ribeiro: Bild: Bettina Frenzel

Vater Frank sieht, wie sich sein Sohn mit einem Strick züchtigt: Christoph Prückner, Lipgens und Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Ein Besuch im Sexkino hat dramatische Folgen: Wagenhammer, Konzett, Angela Ahlheim und Robert Stuc. Bild: Bettina Frenzel

Konzetts explizite Darstellung passt perfekt in Madwars ebensolche Arbeit, in der sich nicht geschont und niemand verschont wird. Dr. Dysart, selbst ein Mann in beruflichem wie privatem Ausnahmezustand, gelingt es im zähem Zweikampf nach und nach „mit funzeliger Taschenlampe“ in Trotzkind Alans Inneres zu dringen, und je mehr dieser Prozess vonstattengeht, umso eindrücklicher gestaltet Lipgens die Seelennöte des Seelenheilers, der nicht nur an seiner vergeblichen Sinnsuche laboriert, sondern auch an der nach wodurch auch immer evozierten tieferen Empfindungen. Es ist fast eine Form von Neid, die er gegenüber dem Kranken empfindet, verbunden mit der Angst vor der Aufgabe, diesen „normal“ zu machen, heißt: so kalt und grau wie die meisten.

Madwar spielt Shaffers bipolare Konfrontation des dionysischen und des apollinischen Prinzips in den Beziehungen genussvoll aus. Dysart, als bacchantischer Typ mit einer „anbetungsfernen“ Frau gestraft, macht sich mit Alans Eltern bekannt, Birgit Wolf und Christoph Prückner als Dora und Frank Strang wie Grant Woods Gemälde „American Gothic“ entsprungen, auch sie wie die Götter ein Gegensatzpaar, die Wolf wunderbar in Doras sich ereifernder Bigotterie, sie nach eigener Bekundung „was Besseres“, Prückner – mit leichtem Basedow – ein politisch linksorientierter Drucker, ein bodenständiger Proletarier. Und Alan? Am emotionalen Ertrinken in diesem Wechselbad von verhuschter, überfürsorglicher Mutter, autoritärem, rechthaberischem Vater, von Religiosität und Atheismus, der einen die Bibel alles, dem anderen pure Gewaltpornografie, Alans Welt eine der Verbote und Vorschriften.

In gut zweieinhalb Stunden legt Madwar die Motive, Manien, Merkwürdigkeiten der Strangs und Alans gefühlsmäßige Deformierung dank deren Erziehungsmethoden bloß. Aus dem mütterlichen Vorbeten der Offenbarungsstelle über den Reiter Treu und Wahrhaftig, der vom Himmel auf einem weißen Pferd herniederkommen wird, und dem geschenkten Schimmel-Poster vom Vater, erschafft sich Alan eine Pseudoreligion mit Pferden, versenkt sich in der Hingabe an einen Herrn namens Equus, diese inklusive Selbstzüchtigung mit Zaumzeug-Strick, will Alan doch so leiden wie sein Heiland – das Pferd, seit seiner Zähmung die vom Menschen in Kriegs- und Arbeitsdienst am meisten geschundene Kreatur, sein Messias, der am ganzen Körper blutend Richtung Golgatha geht.

Mutter Dora hat dem Doktor einiges zu beichten: Birgit Wolf, Anselm Lipgens und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Alans Akt der Hingabe: Tom Wagenhammer und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

„Kann man einem Menschen etwas Schlimmeres antun, als ihm seinen Gott zu nehmen?“, zweifelt Dysart zunehmend, ob die fehlgeleitete, aber schöpferische Obsession des Jungen eine zu behandelnde Psychose ist oder ob er Alan und all seinen Patienten nicht im Grunde ein gesellschaftskonformes Dasein aufzwingt, das sie ihrer wahren Identität beraubt.

Auf Harry Daltons aka Robert Stucs Gestüt wird, was weiter geschieht, eindeutig sexuell konnotiert. Vom Striegeln und Streicheln übers Besteigen bis zum mächtigen Ritt galoppieren Wagenhammer als nunmehr Equus und auf seinem Rücken der entkleidete Konzett über jedes Tabu. Die Schenkel gegen die Flanken gepresst, brüllt Konzetts Alan seine Lust heraus, versagt aber später im Stall, als er unter den Blicken der Pferde mit einer Frau zum Orgasmus kommen will. Angela Ahlheim, auch sie erstmals auf einer TzF-Bühne, legt diese Jill Mason zwischen burschikos und mädchenhaft an, punktgenau dosiert, zwischen resolut und romantisch. Die Ereignisse überschlagen sich nach einem Besuch im Erotikkino, in dem Alan Vater Frank findet, Alans Qualen sind kaum noch auszuhalten – also die Wahnsinnstat am allwissenden, alles sehenden, „denn ich, der Herr, bin ein eifersüchtiger“ Gott …

„Equus“ in der Inszenierung von Sam Madwar und großartig gespielt vom TzF-Ensemble geht in mehr als einer Beziehung an die Grenzen. Ein schmerzhafter, intensiver, auch irritierender Abend. Eine Empfehlung.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2019

Angela Lehner: Vater unser

April 30, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahnwitzige Suche nach der Wahrheit

„Die Eva lügt immer.“ Das ist der Satz, den man sich merken muss, bei der Lektüre von Angela Lehners Debütroman „Vater unser“, ist doch dessen Erzählerin Eva Gruber eine, der kein Wort zu glauben ist. Los geht’s, indem die junge Frau bei Klagenfurt von der Polizei aufgegriffen und nach Wien ins Otto-Wagner-Spital überführt wird, die geschichtsträchtige Psychiatrie am Steinhof, einstige NS-Euthanasieanstalt, woran heute eine Gedenkstätte gemahnt. Was im Buch nicht wirklich eine Rolle spielt, aber immerhin und so auch an dieser Stelle Erwähnung findet. In den späten 1960er-Jahren lernte Thomas Bernhard hier „Wittgensteins Neffen“ kennen.

Lehner zielt statt Freundschaft auf Verwandtschaft, findet Eva doch – als Patienten in einem anderen Pavillon – ihren jüngeren Bruder Bernhard. Von der Magersucht schwer gezeichnet, der Schwester gegenüber so trotzig wie ängstlich. Er wirft ihr etwas vor, das sich erst im Verlauf der Seiten enträtseln wird, der Geschwisterkonflikt wie die komplette dysfunktionale Familie. Beziehungsweise, was Eva als all das ausgibt, denn es dauert nicht lange, bis man begriffen hat, dass diese Protagonistin so hochintelligent wie hochmanipulativ und hochmütig ist.

Eine intrigante, egomanische, aggressive Dauerrednerin, vielleicht sogar gemeingefährlich, die die Wahrheit dreht, wie sie’s braucht – und den Leser nicht weniger an der Nase herumführt, als ihren Therapeuten Doktor Korb, diesen in Evas Augen Inkompetenzler, der sich allerdings im Laufe der Sitzungen einen erfrischenden Sarkasmus aneignet. Treffend beschreibt Lehner die Alltagsroutine in der Anstalt, die skurrilen Mitinsassen und absurden Gruppenaktivitäten, die Eva je nach aktueller Gemütsverfassung mal mit lakonischem Witz, mal mit bitterbösem Zynismus kommentiert. „Hier gehört Langeweile zum Tagesgeschäft“, sagt sie. „Das Entertainment-Programm ist hier ja auch sehr beschränkt … Im Prinzip hangelt man sich von einer Mahlzeit zur nächsten.“

Die Walking-Gruppe beschreibt Eva so: „Vorne die Maniker, die mit Nachdruck die Stöcke nach hinten schwingen, als wollten sie absichtlich ein paar Augen ausstechen. Dann die Depressiven, die nur mit Ausweichen beschäftigt sind oder nicht einmal mehr das. Ganz hinten: Bernhard. Er zieht beim Sport eine Fresse, als handle es sich um die Turnstunden früher in der Volksschule“. Über die Musiktherapeutin bemerkt sie: „… lächelt verständnisvoll, und ich denke, dass sie dabei hässlich aussieht. Manchen Menschen steht Glück nicht, die sollten sich einfach unauffällig verhalten.“ Angela Lehner schafft in schnörkellosen Sätzen eine detailreiche Schilderung. Typisch für Eva ist etwa, wie sich in ihren Gedanken und Gesprächen der Selbstmord des Vaters zu dessen Scheidung von der Mutter zu Evas geplantem Vatermord dreht, das „Vater unser“ der Grundton der Kindheit im Kärntner Dorfantiidyll, und nie kann man sicher sein, was Eva sich einbildet, erfindet oder tatsächlich erinnert.

Des Vaters Alkoholismus, seine sexuellen Übergriffe auf Bernhard und Eva? Was so Furchtbares stattgefunden hat, das beide an ihrem Leben verzweifeln lässt, bleibt unklar. Klar ist nur, dass für Eva der Vater Ursache allen Übels ist: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken.“ Der titelgebende, übergroße Schöpfer, Lehner legt das – immer wieder auch Thomas-Bernhard’sche und der Brudername wohl nicht zufällig gewählt – Motiv kunstvoll mehrdeutig an, wird mehr und mehr zur Projektionsfläche, während sich Evas Wahnwitz, Wachträume und die Wirklichkeit zunehmend ineinander schieben.

Bild: pixabay.com

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Die Psyche der Erzählerin wird verschränkt mit der kollektiv österreichischen des Sigmund-Freud-Landes, das Idiom so heimisch wie das ausgestellte Kulturgut wie Lehners Verwurzelung in der hiesigen literarischen Tradition, mit deren Genres und Klischees sie gekonnt spielt. Und weit und breit kein Herrgottswinkel, in dem nicht überm Jörg-Haider-Foto ein Kruzifix baumelt, kein Rosenkranz, der nicht elterliche Lieblosigkeit vorbetet, in Evas Rückblenden auf die erdrückende Dumpfheit der erzkatholischen Provinz. Die Kapitel des Buches heißen entsprechend Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Dreifaltigkeit wird zum Synonym für Familie, diesem Schauplatz für Schuldzuweisungen, die Erbsünde ein ewiger Unheilszustand.

Auch an der Mutter arbeitet sich Eva ab, dieser „besorgten, gebeutelten Märtyrerin“, „die für die Krise lebt“, die den Diskussionsmodus „Vorwurfspingpong“ als Meisterin beherrscht, die ihre Augenringe „spontan ausklappen kann“, die Mutter, die Figur, bei der man Eva am leichtesten auf den Leim geht. „Ich habe es wirklich satt, immer der Katalysator für die Passiv-Aggressiven zu sein. Sie kommen zu mir und reizen mich …, bis ich zubeiße. Oder eben schreie. Ich soll für sie ihre Wut ausleben, weil sie es sich selbst nicht trauen“, dieser Ausspruch wird schließlich zum Schlüssel zu Evas Verhalten. Deren Weg naturgemäß, dazu entführt sie Bernhard aus der Klinik, zum Vaterhaus zurückführen muss. Ein Roadtrip, der bei einer Ruine und für die beiden ruinös endet. „Vater unser“ ist eine einzige Verunsicherung, ist doch die alleinige Perspektive, die Angela Lehner anbietet, die einer Verhaltensgestörten, die zunehmend verrückter, ja selbst-/zerstörerischer wird.

Das macht diesen Roman so reizvoll, und umso mehr, als man nicht umhin kann, Lehners Eva gleichzeitig zu verabscheuen und ob ihrer geschliffenen Formulierungen zu mögen. Man lacht über ihre freche Schlagfertigkeit, man stößt sich an ihr, bis man blaue Flecken hat. Sie macht einen zum Komplizen ihres Irrsinns, wenn manche von Evas Storys durch kleine Details als Lügengeschichten zu enttarnen sind, andere mit Karacho in sich zusammenbrechen – und niemand darob mehr erstaunt ist, als Eva selbst. Am Ende hat sie Personen und Ereignisse längst überblendet. Hat sich der Vater oder Doktor Korb erhängt? Oder keiner der zwei? Ist die Mutter ein Monster oder nicht eher vom Moment überfordert? Was tut Eva Bernhard an? „Warum Eva, denke ich, kannst du nicht einmal normal sein? … Das geht so nicht, Eva, denke ich, so kannst du nicht sein … und das, denke ich, ist die größte Strafe. Dass ich jeden Moment meines Lebens mit mir selbst verbringen muss.“

Über die Autorin: Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Unter anderem nahm sie 2016 an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Häschenkurs teil. 2018 war sie Finalistin des Literaturpreises Floriana. „Vater unser“ ist ihr erster Roman.

Hanser Berlin, Angela Lehner: „Vater unser“, Roman, 284 Seiten.

www.hanser-literaturverlage.de

30. 4. 2019

JOY

Januar 16, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Afrikas Armut in die Wiener Zwangsprostitution

Joy ist gefangen im Teufelskreis aus Menschenhandel und sexueller Ausbeutung: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Vertrau niemandem, auch nicht mir, genauso wenig wie ich dir vertraue“, das ist der erste Rat, den die erfahrene Joy der Neueinsteigerin Precious gibt. Gerade hat ihr die Madame die Verantwortung über das Mädchen erteilt, doch zuvor war die Unwillige noch von deren Handlangern vergewaltigt worden – um sich ans Gewerbe zu gewöhnen. Eine Tat, die vor allen anderen Frauen der Madame geschah.

Eine Machtdemonstration der einen, der Versuch der anderen nur nicht hinzuschauen und -zuhören. Die Kamera fährt derweil Gesicht für Gesicht über deren versteinerte Züge. So etwas wie Mitgefühl oder Solidarität liegt darin nicht. Auf Festivals von Venedig bis Sevilla, von London bis Chicago bereits ausgezeichnet, läuft „JOY“ von Sudabeh Mortezai am Freitag hierzulande in den Kinos an. Die Wiener Filmemacherin erzählt darin die Geschichte ebendieser, aus Nigeria stammend und „illegal“ in Österreich, die im Teufelskreis von Menschenhandel und sexueller Ausbeutung gefangen ist. Sie arbeitet in Wien als Prostituierte, will sich von ihrer Zuhälterin freikaufen, gleichzeitig ihre Familie daheim unterstützen und ihrer kleinen Tochter hier eine Zukunft sichern. Zehntausende Frauen aus Nigeria fristen in ganz Europa auf Straßenstrichen und in Bordellen ihr Dasein.

Sie sind Teil eines elaborierten und perfiden Systems moderner Sklaverei, betrieben von eben jenen Mesdames, die früher selber Sexarbeiterinnen waren und von Opfern zu Täterinnen aufgestiegen sind. Die Männer sind ausschließlich die Schlepper, doch an beide müssen die „frisch Gelieferten“ horrende Schulden abbezahlen. 50-60.000 Euro bei gerade mal 50 Euro pro geleistetem Dienst.

Betretenes Schweigen als Precious vergewaltigt wird: Angela Ekeleme als Madame. Bild: © Filmladen Filmverleih

Precious wird von Joy für die Prostitution ausgestattet: Mariam Precious Sansui und Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Mesdames begutachten frische Ware. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die idealisierte Vorstellung vom Leben in Europa bröckelt schon mit Mortezais ersten Bildern. Sie zeigt die Frauen im Wortsinn am Rande der Gesellschaft, irgendwo im Nirgendwo einer schlecht beleuchteten Gasse und ihre Angst in ein anhaltendes Auto einzusteigen, zeigt sie später in ihrer desolaten, ebenfalls von der Madame zur Verfügung gestellten Unterkunft, zu viele in zwei Zimmern, an der Wand ein Beyoncé-Poster: „Power is not given to you. You have to take it“.

Zeigt eine Parallelwelt aus Beautysalons für schwarze Frauen, in denen Joy Precious aufstylen lässt, oder der Chapel Of His Glory Parish Vienna, wo sonntags die Messe gefeiert wird, zeigt auch die Hilflosigkeit der Hilfsorganisationen. Dies größtenteils ohne Worte, die wenigen, die fallen sind in Englisch oder Pidgin, selten Deutsch, erst langsam erschließen sich dem Betrachter derart die Zusammenhänge, und einmal durchschaut sind die Verhältnisse nur umso unfassbarer.

Mortezais dokumentarisch anmutender Stil, die Authentizität, die Härte des Gezeigten, unterstützt durch die Kameraführung von Klemens Hufnagl, die Ausstattung von Julia Libiseller und Kostümbildnerin Carola Pizzini, stellt den Zuschauer mitten unter die Betroffenen, mitten hinein in die Ereignisse. Wie in „Macondo“, ihrem Film über einen tschetschenischen Buben in einer Flüchtlingssiedlung am Wiener Stadtrand, arbeitet Mortezai auch diesmal mit Laienschauspielerinnen und -schauspielern.

Die sie in der hiesigen nigerianischen Gemeinde gefunden hat. Ganz großartig, mit einer berührenden Mischung aus einer zum Überleben notwendigen Resolutheit und würdevoller Resignation, spielt Joy Alphonsus die Joy, Mariam Precious Sansui die Precious und Angela Ekeleme die Madame. Vieles am Film ist improvisiert, und so begeistert, mit welcher Präzision Mortezai ihre Darsteller durch die Ambivalenz ihrer Figuren navigiert, mit welch hohem Grad an Glaubwürdigkeit sie deren sonst kaum einsehbares Milieu veranschaulicht.

So gelingen starke Szenen. Etwa die von Joy und dem von Christian Ludwig verkörperten Freier Christian, der sie in einer von ihm gemieteten Wohnung als Privatprostituierte haben, sie besitzen und kontrollieren will, doch sofort einen Rückzieher macht, als sie sich seiner „Pretty Woman“-Fantasie entzieht. Oder die vom Mädchenmarkt in einem schäbigen Hinterzimmer, wo die Mesdames neue Ware begutachten und einkaufen. Da hat Joy ihr „Darlehen“ bereits getilgt und kommt ebenfalls vorbei, um sich umzusehen. Sie hat vor, im Geschäft zu bleiben und auf eigene Faust weiterzumachen, heißt: selber eine Madame zu werden, ganz klar, eine Alternative dazu tut sich schließlich nicht auf. Sie ist kein politischer Flüchtling, kommt aus keinem Kriegsgebiet, und sagte sie gegen ihre Madame aus, würde das nicht automatisch ein Bleiberecht bedeuten.

Wie nebenbei schafft „JOY“ auch das Kunststück Momente der Unbeschwertheit erahnen zu lassen. Eine Art Alltagsnormalität, private Momente, Joy mit ihrem Kind auf dem Spielplatz, die Frauen, wie sie zu Musikvideos singen und tanzen. Auch die Verstrickung des Juju in den organisierten Menschenhandel erklärt der Film. Einmal sieht man einen dieser Aberglaubenpriester Fingernägel und Schamhaare und Unterwäsche eines Mädchens als Pfand in einen Beutel stopfen, ein Huhn wird darüber ausgeblutet, die Drohung von Unheil und Tod bei Ungehorsam ausgesprochen. Die Frauen halten den Zauber für real, fühlen sich bis Europa davon verfolgt und fürchten sich davor.

Joys kleine Tochter lebt bei einer Wiener Pflegefamilie: Joy Alphonsus. Bild: © Filmladen Filmverleih

Umso irrwitziger wirkt darauffolgend eine Episode in einem urigen Wirtshaus, in das Joy und Precious auf einen wärmenden Tee einkehren. Da tritt der Nikolaus mit seinen Krampusperchten in die Stube. Deren zotteligen Ziegenfelle, die grässlichen Fratzen, die für sie fremde Exotik des Vorgeführten verblüffen die beiden, die Glockengürtel dröhnen bedrohlich, Sünder werden gesucht – und die Einheimischen singen „Lasst uns froh und munter sein“ …

www.filmladen.at/JOY

  1. 1. 2019

Sommernachtsgala in Grafenegg

Juni 7, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Und drei Festivaltipps für den Juli

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

Wolkenturm. Bild: © Andreas Hofer

2016 feiert Grafenegg sein zehntes Festival. Ein – wenn nicht sogar der – Höhepunkt der Jubiläumssaison steht am 16. und 17. Juni mit der Sommernachtsgala an. Wie jedes Jahr wird auch heuer die Bühne des Wolkenturms zum Treffpunkt für die Weltstars der Klassik. Der Auftritt des walisischen Bassbaritons Bryn Terfel ist ein Rückblick auf die erste Gala, in der er das Publikum mit seiner erdentiefen Stimme begeisterte.

Diesmal steht ihm die junge russische Koloratursopranistin Olga Peretyatko zur Seite. Rudolf Buchbinder, der künstlerische Leiter von Grafenegg, wird als Pianist zu erleben sein. Es spielt das Tonkünstler-Orchester unter seinem Chefdirigenten Yutaka Sado; zu hören sind Werke von Georges Bizet über Jacques Offenbach bis Franz Lehár. Und natürlich endet der Abend traditionell mit einem Feuerwerk zu Edward Elgars „Pomp and Circumstance“. Der ORF überträgt live das Konzert am 17. Juni. Am 25. Juni starten dann die Sommerkonzerte mit ihrem umfangreichen Programm. Drei Empfehlungen für den Juli:

2. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Von Babelsberg bis Beverly Hills. Marlene Dietrich, die Comedian Harmonists und Lotte Lenya haben die Lieder von Robert Stolz, Werner Heymann und Carl Millöcker zu Welthits gemacht: erotische Eskapaden, champagnerhafte Flirts und viel Melancholie. Die Sopranistin Angela Denoke wird den großen Songs der 1930er- und 1940er-Jahre von „Speak Low“ bis „Frag nicht warum“ neues Leben einhauchen und Werke von Friedrich Hollaender, etwa „Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und Kurt Weill mit „September Song“ interpretieren – den Stars der Weimarer Republik und den Erfindern des Hollywood-Sounds. Im Prélude stimmen Maria Bill und Krzysztof Dobrek mit Songs von Kurt Weill auf das Abendprogramm ein.

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Patricia Petibon. Bild: © Felix Broede DG

Angela Denoke. Bild: Johan Persson, ArenaPal, www.arenapal.com

Angela Denoke. Bild: Johan Persson

16. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: Swingin‘ Hollywood. Kein Konzert zum Sitzenbleiben! Wenn Andrej Hermlin mit seinem Swing Dance Orchestra die Meisterwerke von Benny Goodman, Artie Shaw, Jimmy Dorsey, Duke Ellington oder Glenn Miller im authentischen Swing-Stil der 1930er- Jahre anstimmt, wird alles zu Charleston und Lindy Hop. Das Swing Dance Orchestra spielt „Old Man River“, „As Time Goes By“ und „Stormy Weather“ mit Liebe zum Detail: Arrangements, Mikrofone, Instrumente, Pulte und Kostüme entsprechen den alten US-Originalen. Das Orchester war bereits im legendären Rainbow Room des Rockefeller Center und in Filmen wie „Taking Sides“ zu sehen, nun lässt es den Wolkenturm tanzen.

23. Juli, 20 Uhr, Wolkenturm: 1001 Nacht. Märchen erzählen, um dem eigenen Tod zu entkommen, das ist die Geschichte der Scheherazade. In seiner Symphonischen Suite beschrieb Nikolai Rimski-Korsakow die arabischen Nächte und inspirierte damit auch Maurice Ravel. Dessen Liederzyklus ist so betörend wie ein Parfüm und so aufregend wie die Gewürze auf einem Markt. Die französische Sängerin Patricia Petibon wird in diese Zauberwelt eintauchen, begleitet vom jungen Orchester Les Siècles, das für seine authentischen Programme gefeiert wird. Burgschauspielerin Mavie Hörbiger liest zuvor im Prélude aus „1001 Nacht“.

Das gesamte Programm der Jubiläumssaison 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=15830

www.grafenegg.com

Wien, 7. 6. 2016