DARUM online – Ausgang: Offen

Mai 21, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Tod ist definitiv eine Wienerin

Victoria Halper und Brigitte Zolles. Bild: DARUM

Das junge Wiener Performancekollektiv DARUM, bereits mit seiner ersten Produktion „Ungebetene Gäste“ für den Nestroy-Spezialpreis 2019 nominiert (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=32445), hat sich für seine aktuelle Arbeit „Ausgang: Offen“ #Corona-bedingt auf das Medium Film verlegt. Ursprünglich als begehbare Installation in verlassenen Büroräumlich- keiten geplant, führt einen die

Kamera nun via www.nachtkritik.de durch den Gebäudekomplex am Kempelenpark. Hinter zehn Türen lauert das Lieblingsthema des DARUM-Leading-Teams Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche – der Tod, und als Vorstufe dazu: das Sterben. Derart totentanzt der Betrachter durch dustere Kabinette, die Koproduktion mit WUK performing arts, heißt es eingangs, sei auch am besten in einem ebensolchen abgedunkelten anzusehen. Ein – und sei er noch so virtueller – Spaziergang ist das nicht für eine, die vor einer Woche fast maukas gegangen wär‘. Hoffnung, Verlust, Ohnmacht steht auf den Schildern zu den Pforten der Wahrnehmung, die sich öffnen werden.

Dahinter ein Universum der Vergänglichkeiten, aus dem statt dem eigenen das Kameraauge die (Selbst-) darstellerinnen und -darsteller zu kaum auszuhaltender Intimität zoomt. Von wegen scheene Leich, Fruchtbarkeitssymbol Feldhase aus Untersuchungsraum eins wird schon in Besprechungszimmer zwei seine Löffel abgegeben haben, inmitten eines Vanitas-Stillleben auf einst reich gedeckter, jetzt verwüsteter Tafel, zwischen medizinischen Befunden tonlose Zeichen der Verwesung, Essenreste, verdorrte Rosen, das einzig Lebendige – Maden bis zum Magenheben.

Der Tod ist definitiv eine Wienerin. Nicht nur, weil einen Victoria Halper als eine Art Sensenfrau am Einlass abholt, die meisten der Begegnungen sind weiblich. Zwischen Monitoren und MR-Bildern erzählt Dr. Sophie Zwölfer vom ambivalenten Verhältnis einer Ärztin zum Tod, ist doch der Kampf gegen diesen Feind ihr Dienstgeber – „du brauchst ihn, weil ohne ihn wärst du schließlich überflüssig“. Die meisten Patienten, sagt sie, hätten keine Angst vor dem ex und hopp Tod, sondern vor langem Siechtum und qualvollem Sterben, und sie unterscheidet Selbstmordpatienten, bei denen der Körper sein Leben nicht aufgeben will, von denen, deren Geist sich mit aller Kraft gegens Abtreten wehrt. Ein Arbeits-“alltag“, der genau das nie sein kann.

Sophie Zwölfer. Bild: DARUM

Jasmin Kreuzer. Bild: DARUM

Caroline S. Bild: DARUM

Emma Wiederhold. Bild: DARUM

Wie der von Jasmin Kreuzer, der Bestatterin und Sterbebegleiterin, die ihre Besucher im Sarg empfängt. „Die schauen nicht mehr, die Toten. Da ist nichts mehr hinter ihren Augen. Alles leer“, beantwortet sie die mutmaßlich auch live gestellte Frage, wie sie es mental und emotional verkraftet, die vielen Gesichter des Todes zu sehen. Das wahre Antlitz der Hinterbliebenen werde ihr offenbar, meint sie, und als sie Schminktipps für Verstorbene gibt, bekommt „Ausgang: Offen“ jene Skurrilität, die man an DARUM schon kennt und schätzt.

„Ausgang: Offen“ ist ein großartiger Tabubruch in einer Stadt, die wie keine zweite Euphemismen fürn Gwigwi hat, in der sich das Goldene Wienerherz einen Kasperl holt, in der, wer a Bankl reißt si d’Schleifn gibt, bevor er an Foahschein firn Anasiebzga löst. Der Zentralfriedhof, Jedermanns liebstes Freizeitparadies, von Wolfgang Ambros mit einer Hymne besungen, und unvergessen die deutsche TV-Doku, in der Roland Neuwirth „Ein echtes Wienerlied“ extremschrammelte, und der Untertitelung zum „… jetzt tuat eam ka Bah mehr weh …“ ein endlich von seinen Schmerzen erlöster Baum einfiel.

Aber, apropos: So viel musikalisches „Haaallo!“ um den Gevatter auch gemacht wird, so sehr wird seine Realität an die Ränder von jedes einzelnen Wirklichkeit gedrängt, Hospitium kommt heutzutage von Hospiz, und in dieses Sicht- und Spürbarmachen des Unausweichlichen stößt DARUM mit seinem experimentellen Hybrid zwischen Film und intensiver 1:1-Performance vor. Auf Grundlage zahlreicher Gespräche mit reanimierten Personen, unheilbar Kranken, Sterbenden, Angehörigen und solchen, die beruflich mit Sterbenden und Toten zu tun haben, – und die zum Großteil als sie selbst auftreten -, holen Halper, Andreß und Krösche das tief in den Seelen Vergrabene hervor ins Bewusstsein.

Franz Hammerbacher. Bild: DARUM

Ihre Produktion im Assoziationsspielraum zwischen Thomas Bo Nilsson und Romeo Castellucci versteht das Performance-Trio als „ein Angebot, dem Unbegreiflichen mit einer Ahnung zu begegnen und dem Tod aus unmittelbarer Entfernung und sicherer Nähe ins Auge zu blicken“. Ein solches „Signa“-l ist auch der Raum „Verlust“, aus dem man schreckliches Weinen hört, doch einem der tröstende Eintritt verboten wird. Im Krankenzimmer „Die Ohnmacht“ liegt Robert N. als im Wortsinn Maschinenmensch.

„Die Rückkehr“ bezieht sich auf Autor Franz Hammerbachers Nahtoderfahrung nach einem Autounfall auf dem Prager Autobahnring. Ein beunruhigender Ausblick in eine vielfarbige Finsternis, die den Betroffenen mit dem Gefühl des Kontrollverlusts zurückgelassen hat. „Aufprall, Stille, Schmerz, Sirenen, Stille“, so schildert er’s – und den „Lass‘ los“-Sog, der ihn seither zum Kopfschütteln seiner Freunde nicht mehr loslässt. Denn am Ende des Tunnels für Hammerbacher kein Licht …

Die 84-jährige Caroline S. ist per Laptop und unter Bildstörungen aus „dem Heim“ zugeschaltet, und berichtet, wie einen der Sudden Death in Geldnöte bringen kann, die elfjährige Emma Wiederhold, und das ist von allen Erlebnissen am schwersten zu ertragen, erzählt vom Ultraschalltermin, bei dem der Tod ihres noch ungeborenen Bruders festgestellt wurde, von seiner dennoch „Geburt“ und einem ersten/letzten In-den-Armen-Halten, „als würde er schlafen“, der längst bei Schlafes Bruder weilt.

„Ich gestehe es, ich wollte tot sein. Aber nach einiger Zeit habe ich auf einmal einen Finger bewegt. Und ich habe mir gedacht: Wenn ich das kann, kann ich alles andere auch“, sagt Brigitte Zolles, die an der schweren Lungenkrankheit COPD leidet und die sich dennoch und im Wissen um ihre baldige Endlichkeit vorgenommen hat, das Leben zu genießen. „Der Weg“, eine Spritztour mit Victoria Halper am Steuer, ist eine kurze Liebeserklärung an das Leben. „Jede Minute genießen, einfach glücklich sein und atmen“, gibt einem Frau Zolles als Rat mit auf ebendiesen. Dann dreht sich die Kamera – und Schock. So viel makabrer Haunted-House-Horror-Humor muss sein! Was bleibt sind blühende Kirschbäume und ein Polaroid.

www.darum.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=bDI7TY92O20&feature=youtu.be

Weitere Streamingtermine: 27. und 30. Mai, ab 20.30 Uhr auf www.wuk.at

21. 5. 2020

Das neue Wiener Künstlerkollektiv: DARUM im Gespräch über die erste Produktion „Ungebetene Gäste“

März 15, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume“

Victoria Halper, Kai Krösche und Laura Andreß. Bild: DARUM

Mit der Spurensuche „Ungebetene Gäste“ startet das neu gegründete Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ am 24. März seine künstlerische Arbeit. Das Kernteam Laura Andreß, Victoria Halper und Kai Krösche, das in sich das Know-How zahlreicher Disziplinen, darunter Film- und Theaterregie, Dramaturgie, Musik, Literatur, Video- und Medienkunst, Schauspiel und Performance, vereint,

beschäftigt sich dabei mit den „einsamen Begräbnissen“, heißt: Bestattungen, die ohne die Anwesenheit Angehöriger stattfinden. In fünf einmalig zur Aufführung gebrachten Vorstellungen, beginnend im WERK X-Petersplatz, über eine Busfahrt durch Wien vom Zentrum zum Zentralfriedhof bis zu einem „Leichenschmaus“, wird dem Leben und Ableben dieser Menschen nachgegangen. DARUM im Gespräch:

MM: Ihr Kollektiv „DARUM. Darstellende Kunst und Musik“ begibt sich ganz neu in die Wiener Kunst- und Kulturszene. Wie und warum kam es zur Gründung?

Kai Krösche: Wir drei kennen einander seit Jahren aus verschiedensten Arbeitskontexten, arbeiten aber im Rahmen von „Ungebetene Gäste“ erstmals als Kollektiv auf Augenhöhe. Zuletzt waren wir alle an dem Punkt, wo wir vom klassischen Stadttheater genug hatten, und dachten, da muss was Neues her.

Laura Andreß: Ich habe die vergangenen beiden Jahre in Berlin verbracht und mein Masterstudium in Dramaturgie an der Ernst-Busch-Schauspielschule absolviert. Ich komme also frisch aus dem Studium, und mir war von Anfang an klar, dass es mich in die Freie Szene verschlägt und wieder zurück nach Wien. So hat das eine zum anderen geführt, so ist DARUM entstanden.

MM: Wo sind Ihre Schnittmengen und Schnittstellen, was bringt jeder von Ihnen ins Kollektiv ein?

Victoria Halper: Ich habe Schauspiel und Theaterwissenschaft in Toronto studiert, habe im Studium auch Regie gemacht und kollektives und kollaboratives Arbeiten. Ich komme einerseits vom Selber-Spielen und -Performen, andererseits von der Stückentwicklung, vom Inszenieren – und auch von der Videokunst.

Krösche: Ich habe lange Jahre Regie gemacht, bin dann zur Dramaturgie ans Landestheater Niederösterreich gewechselt, habe aber auch im Filmbereich gearbeitet und konzentriere mich nun wieder aufs Inszenieren, in letzter Zeit auch verstärkt auf Theatermusik.

Andreß: Vielleicht sollte man generell sagen, dass wir sehr unklassisch arbeiten. Es gibt bei uns keine festgeschriebenen Aufgabenbereiche, heißt: einer ist der Bühnenbildner, weil er da eine Ausbildung abgeschlossen hat, sondern wir bringen alle sehr unterschiedliche Fähigkeiten und Kompetenzen ein, die sich zum Teil überschneiden. Was gerade das Spannende ist, weil wir die Berufszuordnungen kritisch betrachten und reflektieren. Bei uns ist nichts in Stein gemeißelt.

Halper: Ein simples Beispiel: Laura macht ein Foto für Instagram, ich bearbeite es nach, und Kai schreibt den Text dazu. Oder Kai macht ein Foto, Laura bearbeitet es nach, und ich schreibe den Text dazu.

Andreß: Genau, von einem kommt der Input, vom nächsten das Feedback, vom dritten der Draft. Immer der nächste macht sich die bisherigen Überlegungen zu eigen und arbeitet weiter daran. Eins greift ins andere über.

MM: Soweit zu Ihrer Arbeitsweise, nun zum künstlerischen Output. Es herrscht in Wien kein Mangel an Freier Szene. Was ist das Alleinstellungsmerkmal von DARUM? Wie unterscheiden sich Ihre Projekte von anderen? Welcher künstlerischen Sprache bedienen Sie sich?

Krösche: Es ist immer schwierig, etwas zu machen, das noch nie jemand anderer gemacht hat. Das würde ich von uns auch nicht behaupten. Was uns interessiert, ist ein sehr buntes Bild, aber nicht im Sinne von farbenprächtig, sondern eher von allumfassend. Wir denken die Dinge sehr groß. Das ist es auch, was uns gerade ordentlich Stress beschert, weil die Produktion, an der wir arbeiten über drei Stunden geht, und nicht nur im Theater stattfinden wird, sondern ins Freie geht. Unsere Ausstatterin Julia Grevenkamp baut nebem vielen anderem eine kleine, naturalistische Wohnung auf, es gibt Musik und Videokunst im Rahmen einer begehbaren Installation, es gibt dann eine Busfahrt, die zum Zentralfriedhof geht … Wir haben den Wunsch, das Publikum sehr stark einzubeziehen in die Thematik, mit der sich unser Projekt beschäftigt, mit allen künstlerischen Mitteln sozusagen. Dieses Bedürfnis nach einem „totalen Theater“ ist es vielleicht, das uns auszeichnet – das Alleinstellungsmerkmal.

Andreß: Das Zusammenspiel der verschiedenen Disziplinen oder Genres, das Zusammenspiel der Orte, gehören da dazu. Wir entlassen das Publikum in eine ganze Welt, in der es für alle Sinne etwas zu entdecken und zu erleben gibt. Und dabei hat das Publikum jede Freiheit.

MM: Wir sprechen nun schon die längste Zeit über „Ungebetene Gäste“, die erste Produktion des Kollektivs DARUM. Eine Spurensuche zum Sterben ab dem 24. März. Wie kommt man darauf, dass man sich zu Anfang gleich mit dem Ende beschäftigt?

Krösche: Das Ende ist zu uns gekommen. Wir haben heute erst gesagt, der Tod ist uns immer einen Schritt voraus, wir können nämlich unsere Generalprobe auf dem Zentralfriedhof nicht im vorgesehenen Raum absolvieren, weil da an dem Tag ein Ehrenbegräbnis stattfindet. Begonnen hat’s vor mehr als einem Jahr mit einem Zeitungsartikel über das Phänomen der „einsamen Begräbnisse“, also Begräbnisse, bei denen keinerlei Angehörige oder Bekannte anwesend sind. Das sind meist Sozialbegräbnisse, da zahlt die Stadt Wien dafür, und von diesen über 1000 Sozialbegräbnissen sind es im Jahr doch immerhin 500, die ohne Trauergäste stattfinden. Das ist mehr als eines pro Tag – und wir wollten wissen, warum das so ist und wie das ist, wenn der Prozess des Verabschiedens und des Erinnerns einfach nicht stattfindet. Auf dieses Vergessen-Sein wollten wir künstlerisch reagieren.

Victoria Halper und Nora Jacobs. Bild: DARUM

Laura Andreß. Bild: DARUM

MM: Wie?

Krösche: Wir haben konkrete Fälle recherchiert, und relativ schnell festgestellt, dass das Projekt gar nicht so viel mit dem Tod, sondern viel mehr mit dem Leben zu tun hat. Weil man auf Spuren trifft, auf Menschen, die die verstorbene Person doch kannten, teilweise erstaunt waren, weil sie vom Begräbnis gar nichts wussten, weil dieser Termin nie an sie kommuniziert wurde. Einsam begraben werden, heißt nicht unbedingt, einsam gelebt zu haben.

Halper: Ich glaube, es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man einen Artikel liest und der etwas in einem auslöst. Einen Schock, ein unangenehmes Gefühl, eine Frage. Die bei mir war, warum diese einsamen Begräbnisse entstehen. Wir werden das an unserem Abend nicht beantworten, aber unter die Lupe nehmen. Das ist für mich Kunst, dass wir uns mit etwas auseinandersetzen, mit dem wir im Alltag nicht konfrontiert werden wollen – in diesem Falle Menschen, bei deren Begräbnis niemand mehr erscheint.

Andreß: Da hinzusehen hat etwas Voyeuristisches, aber auch etwas Masochistisches. Zeitgleich deutet der Titel auch auf die Ungebetenheit unseres Unterfangens an. Denn wozu werden wir als freischaffende Künstler denn gebeten? Wie Sie richtig sagten, es gibt genug Freie Szene – nur leider viel zu wenig Geld. In einer Art und Weise sind wir freien Kunstschaffenden ja immer ungebetene Gäste.

MM: Wie wird die szenische Umsetzung sein?

Halper: Der Abend ist geprägt von sehr vielen Traditionen der Darstellenden Kunst. Wir starten im WERK X-Petersplatz, unserem Kooperationspartner, und enden am Stadtrand von Wien. Es gibt performative Installationen, aber auch Elemente, die Richtung immersives Theater gehen. Es passiert Videokunst, es gibt Audiowalks, die fast für sich alleine stehen könnten …

Andreß: Es fällt uns selbst schwer, das Projekt einem eindeutigen Genre zuzuordnen. Es ist eine künstlerisch gestaltete Reise, das drückt es vielleicht am besten aus. Wir agieren wie Zeremonienmeister. Wir begleiten das Publikum auf seiner eigenen Reise. Wir stellen den Zuschauern all die erwähnten Mittel zur Verfügung, damit sie dann für sich diese Welt erkunden können.

MM: Sie drei performen selbst, und haben als Gast Nora Jacobs dabei.

Halper: Ja, wobei wir den Einsatz eines jeden von uns an dessen jeweilige Stärken angeglichen haben. Wir haben keine Figur, keine Rolle, sondern eine Position, die einem entgegenkommt. Nora zum Beispiel ist eine sehr interaktive Spielerin. Sie bekommt zwar ein Skript, wird aber individuell auf die Bedürfnisse jedes Zuschauers eingehen. Meine Station ist ein bisschen mehr abgeschottet und performativ, Kai seinerseits hat sehr viel mit Text zu tun.

MM: Interaktiv meint, als Zuschauer ist man Teil des Ganzen?

Krösche: Nicht im Sinne des gefürchteten Mitmach-Theaters, man darf komplett man selbst bleiben. Die Zuschauer sollten sich aber schon herumbewegen, weil sie sonst nichts erfahren …

Halper: … aber der Grad, indem man interagiert, bleibt einem selbst überlassen. Man wird nicht angepiekst, rausgezerrt, in den Mittelpunkt gestellt. Ein Dialog mit Nora kann losgehen, muss aber nicht.

Krösche: Wir möchten das Publikum dazu animieren, auf eine eigene Spurensuche zu gehen. Und wer eine spielerische Veranlagung hat, kann mitmachen, wenn sich jemand lieber in Ruhe ein Video anschaut, ist das auch okay.

Andreß: Wir arbeiten sehr viel über Imagination und Denkräume. Das heißt, das Publikum wird erleben, was es erleben möchte.

MM: Sie weisen die Spieltermine von „Ungebetene Gäste“ als fünf Premieren aus. Warum?

Halper: Weil sich jeder Tag einem anderen real verstorbenen Menschen widmet. Die Dramaturgie bleibt immer gleich, ein Großteil der anderen künstlerischen Elemente – Sound, Musik, Video, Texte – sind maßgeschneidert auf den jeweiligen Menschen.

Krösche: Dazu muss man sagen, dass unsere Recherche damit begonnen hat, dass wir auf einsame Begräbnisse gegangen sind. Um herauszufinden, wer diese Menschen waren, haben wir an Wohnungstüren geklopft, haben mit Nachbarn gesprochen und haben sehr viel über die einzelnen Schicksale herausgefunden. Das geht von der Mindestpensionistin, die auch noch Freunde hatte und ein gutes Verhältnis zu ihren Nachbarn, bis zum ehemaligen Obdachlosen, der gerade erst eine Wohnung bezogen hatte und darin verstorben ist. Nach diesen Eindrücken war uns klar, das kann man nicht alles in eins pressen. Daher fünf Premieren, weil alle Elemente eines Abends von einer konkreten Person inspiriert sind.

MM: Heißt: fünf Mal Videokunst, fünf Mal Musik …? Klingt, als wären Sie gut beschäftigt.

Krösche: Ja! Natürlich haben wir eine Grundstruktur, die gleich bleibt, aber es gibt andere Inhalte, andere Texte, andere Videos …

Halper: … andere Spuren, auf die man sich begibt.

Andreß: Außerdem steuert zu jeder Premiere ein anderer Autor einen Text bei. Und zwar Emre Akal, Mario Schlembach, Alexandra Pâzgu, Andrea Imler und Thomas Perle.

MM: Das Ganze endet, wie es sich gehört, in einem Leichenschmaus?

Krösche: Wir wollen’s noch nicht ganz verraten. Aber es gibt Essen und Getränke am Ende. Auch Alkohol.

MM: Ein kleiner Ausblick: In welcher Frequenz können Sie sich Produktionen vorstellen? Werden Sie es zum Programm machen, ungewöhnliche Spielorte oder solche, die bisher noch keine waren, auszuwählen?

Halper: Dieses Projekt hat noch ein Echo, eine Lecture Performance, die ab dem 17. Juni im WERK X-Petersplatz zu sehen sein wird. Da wird aus unseren Erfahrungen und der Recherche ein Abend konzipiert, der sich dem Phänomen „einsamer Begräbnisse“ allgemeiner widmet, derzeit aber natürlich erstmal noch eine grobe Idee ist.

Andreß: Ansonsten hängt die Frequenz von den Fördergeldern ab. Wir haben bereits zwei weitere Anträge für Projekte eingereicht, von denen wir bei entsprechender Subvention eines im Herbst realisieren möchten.

Krösche: Ebenfalls an einem Nicht-Theaterort. Unsere Ideen passen nicht in Theaterräume. Manchmal kann eine alte Fabrikhalle spannender sein und zum Projekt besser passen. Wir wollen bei unseren Produktionen, dass auch der Spielort etwas mit einem macht.

Bild: DARUM

MM: Da nun schon von Subvention die Rede war: Für „Ungebetene Gäste“ gibt es Geld von SHIFT, einem Programm der Basis.Kultur, und vom Kulturamt der Stadt Wien.

Krösche: Darüber freuen wir uns natürlich wahnsinnig. Es ermöglicht uns, das Projekt in dieser Größe, sowohl zentral wie auch dezentral an verschiedensten Orten in Wien mit einem Team von über 20 Leuten umsetzen und auch die erwähnte Lecture Performance im Juni häufiger zu spielen.

 MM: Zum Schluss gefragt: Was sollen die Zuschauer von „Ungebetene Gäste“ mitbringen.

Krösche: Neugier vor allem, und was das Praktische betrifft, wetterfeste und nach Möglichkeit dunkle Kleidung und Schuhe, mit denen sich gut gehen lässt.

Halper: Außer, jemand bewältigt den Zentralfriedhof in Stilettos.

www.darum.at          Karten online: werk-x.at

15. 3. 2019

Zehn Jahre TAG: Einladung zum Geburtstagsfest

Januar 8, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das ganze Programm, leicht gekürzt

Michaela Kaspar und Jens Claßen, aus "13 oder Liebt eure Volksvertreter!" Bild: © Anna Stöcher

Michaela Kaspar und Jens Claßen, aus „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“
Bild: © Anna Stöcher

Das TAG feiert am 13. Jänner seinen zehnten Geburtstag und lädt zur musikalischen Rückschau auf mehr als 120 Theaterproduktionen. Zu erwarten ist nicht weniger als das gesamte Programm der letzten Dekade – leicht gekürzt – und ein rauschendes Fest mit vielen Weggefährten, Stammgästen, Künstlern und dem gesamten TAG-Team.

Mit Jens Claßen, Michaela Kaspar, Raphael Nicholas, Georg Schubert und Elisabeth Veit, Horst Heiss, Julian Loidl, Petra Strasser und anderen.

Der Eintritt ist frei.

Zur Einstimmung zum Nachlesen: Rezensionen „13 oder Liebt eure Volksvertreter!“: www.mottingers-meinung.at/?p=16199 ,“Bluad, Roz und Wossa“: www.mottingers-meinung.at/?p=15115 , „Faust-Theater“: www.mottingers-meinung.at/?p=13951.

dastag.at

Wien, 8. 1. 2016