Andrej Platonow: Die Baugrube

September 19, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiefschwarzes Antidrama über Stalins Sozialismus

„Die Unterdrückung der ,Baugrube‘ hat die russische Prosa um fünfzig Jahre zurückgeworfen“, befand der  russisch-amerikanische Literaturnobelpreisträger Joseph Brodsky. Wie kein zweiter lässt Autor Andrej Platonow in diesem paradigmatischen Meisterwerk über den Totalitarismus die Atmosphäre der aufkommenden Ära Stalin spüren, die voll war von Prophezeiungen einer besseren Zukunft, Utopien, die sich alsbald in ihr Gegenteil verwandeln sollten und 20 Millionen Sowjetbürgern im Zuge der politischen Säuberungen das Leben kosteten.

Es ist kein Wunder, dass „Die Baugrube“ zu Entstehungszeiten nicht erscheinen durfte, es ist ein Wunder, dass es einer wagte, Derartiges zu Papier zu bringen, blieb Platonow von der harten Hand des „Stählernen“ doch keinesfalls verschont. An den Rand seiner Erzählung „Zum Vorteil“, einer Kritik an der Stalin’schen Zwangskollektivierung und Entkulakisierung, schrieb der Diktator persönlich das Wort „Abschaum“, bevor er mitten im Großen Terror Platonows 15-jährigen Sohn wegen „Spionage und antisowjetischer Tätigkeit“ in einem Arbeitslager internieren ließ. Der schließlich Haftentlassene war schwer an Tuberkulose erkrankt, an der sich der Vater bei der Pflege ansteckte und starb.

In „Die Baugrube“ dekonstruiert Platonow verstörend visionär die Zeit des ersten Fünf-Jahres-Plans. Der Kurzroman ist mindestens so hintersinnig wie seine Dystopie „Tschewengur“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29341), doch nicht wie diese in Albtraumwelten angesiedelt, sondern deutlich erkennbar in der kommunistischen Wirklichkeit der späten 1920-Jahre verankert. Platonow, im Gegensatz zu der Mehrzahl seiner Schriftstellerkollegen tatsächlich ein Kind des Proletariats, Sohn eines Metallarbeiters, der es diesem jedoch ermöglichte zu studieren und Ingenieur zu werden, kannte die Propagandamittel für den revolutionär gestimmten Aufbruch, die Agitation zur Übererfüllung von Produktionsvorgaben, aus eigenem Erleben. Was seine Texte umso fantastischer macht.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

In seiner einzigartigen Sprache und so bedächtig, wie’s die Art seiner Protagonisten ist – deren größte Angst: dass in „ungesunder Aufregung die Nerven Schaden nehmen“, weshalb sie der Werktätigkeit mit einer gewissen Geruhsamkeit nachgehen -, erzählt Platonow von einem Artel, einem freiwilligen Zusammenschluss von Arbeitern, die eine gigantische Grube ausschachten, über der ein „gemeinproletarisches“ Hochhaus errichtet werden soll, imstande, die Bevölkerung einer ganzen Stadt in sich aufzunehmen. Dies epochale Symbol wird von Platonow – (R)untergehen statt Aufbauen – zur Kenntlichkeit entstellt, und verständlich ist, dass einem mit beinah 90 Jahren mehr an Geschichtswissen bei „Grube“ assoziativ Massengrab einfällt.

Hauptfigur des Buchs ist Woschtschew, ein tief melancholischer Mensch, ein Sinnsuchender, der statt diesem aber nur den Trübsinn einer fehlgeleiteten Schöpfung findet. Gerade erst wurde er aus der Maschinenfabrik „entfernt infolge der wachsenden Kraftschwäche in ihm und seiner Nachdenklichkeit im allgemeinen Tempo der Arbeit“. Woschtschew ist sozusagen der Fleisch gewordene Kontrapunkt zu den schnarrenden Appellen des Aufbauoptimismus, die allüberall erschallen. Nunmehr laborierend an der eigenen Nutzlosigkeit, denn genau das darf ein Sowjetmensch auf keinen Fall sein, fällt ihm ein verdorrtes Blatt auf den Kopf. „,Du hattest keinen Lebenssinn‘, vermutete Woschtschew mit Kargheit des Mitgefühls, ,bleib hier liegen, ich werde herausfinden, für was du gelebt hast und umkamst. Wenn dich schon keiner braucht und du herumliegst in der ganzen Welt, werde ich dich hüten und im Gedächtnis behalten.‘“ (In dieser Situation stößt er auf das grabende Kollektiv – und wird von diesem ohne langes Fragen assimiliert …)

Gabriele Leupold, die dafür mit dem Jan-Scatchered-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung ausgezeichnet wurde, hat diese Zeilen klug und kreativ ins Deutsche übertragen. Sie lässt deren Ästhetik, die dreisten Andeutungen, die beiläufig geschilderten Grausamkeiten, die halsbrecherischen Wortneuschöpfungen in tausend Sprachbildern schillern. „Sozialismusfest“, in Anspielung an die tradierten kirchlichen Feiertage, ist etwa einer dieser von Platonow erdachten Begriffe. „Wir können um des Enthusiasmus‘ willen leben“, zitiert er Stalins Lieblingsschlagwort aus der Rede „Das Jahr des großen Umschwungs“, und wenn er den Funktionär Paschkin „das Tempo ist flau“ sagen lässt, oder „am Proletariat herrscht heute ein Manko“, so korrespondieren diese Mahnungen mit der in Parteidekreten festgeschriebenen Kritik.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Dabei bedient Platonow im Tonfall weder Ironie noch Sarkasmus. Die Antihelden seines tiefschwarzen Antidramas verzehren sich pathetisch an der Aufgabe eine schöne neue Welt zu erschaffen, scheitern, scheitern wieder, scheitern nicht besser – Fehlschläge anhand derer der Autor die Fehler des Systems entlarvt. Sein Personal hat Platonow als Allegorien angelegt. Statt einer Erzählstimme, einer übergeordneten Instanz, setzt er auf die Polyphonie seiner Figuren. Da gibt es den Arbeiter Safronow, parteikonformer Sozialist und „Klassenkämpfer für die Aufklärung“. Den herkunftsbedingt isolierten, selbstmordgefährdeten Ingenieur Pruschewskij, der sich in seiner Einsamkeit in die Schlafbaracke zu den Arbeitern legt, was diese peinlich berührt.

Den Genossen Shatschew, beinloser Bürgerkriegsinvalide, aggressiv, weil er vom Regime schlecht versorgt wird, und der deshalb unter Androhung von Devastierungen von den Nachbarn Lebensmittel und Tabak erpresst. Den schwächlichen Koslow, der, weil er an den Einsatz technischer Hilfsmittel glaubt, schließlich Karriere machen wird. Den bereits erwähnten Funktionär Paschkin, der nur nach dem Rechten sieht, um zum eigenen Ruhm eine Steigerung der Produktivität anzuordnen. Den Arbeiter Tschiklin, der zentrale Charakter im Bautrupp, der gute Mensch, der in einem Keller eine sterbende burshujka, eine Bürgerliche, und daneben ihr Töchterchen Nastja findet. Sie wird fortan zur „Sowjetina“ der Baugrube – zur leibhaftigen, kindlichen Personifizierung der jungen, unreflektiert linientreuen, lebensgierigen Sowjetunion. Aus ihrem Mund allerdings klingt der andauernd daher geplapperte Jargon der „Liquidierung“ nur umso menschenverachtender und mörderischer.

Und während Platonow solcherart am offenen Herzen des heranwachsenden Bolschewiki-Staats operiert, den wahnwitzigen gesellschaftlichen Heilsglauben an die kommunistische Erlösung in grotesken Gebärden festhält, kommen für seine Geschöpfe neben der Pflichterfüllung auch die Herzensangelegenheiten nicht zu kurz. Die Phraseologie der Sowjetbürokratie in eine ungebührliche Poesie übertragend, spürte Paschkin, „als er seine Frau hörte, Liebe und Gelassenheit, – das hauptsächliche Leben kehrte wieder zu ihm zurück. ,Olguscha, mein Goldfisch, du spürst ja gigantisch die Massen! Dafür lass ich mich dir anorganisieren!‘ Er legte den Kopf an den Körper seiner Frau und beruhigte sich im Genuss von Glück und Wärme …“

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke „Tschewengur“ aus dem Jahr 1926 und „Die Baugrube“, geschrieben 1930, konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp Taschenbuch, Andrej Platonow: „Die Baugrube“, Roman, 238 Seiten. Übersetzt aus dem Russischen und mit einem Nachwort versehen von Gabriele Leupold. Mit einem Essay von Sibylle Lewitscharoff.

Gabriele Leupold über Platonows „Die Baugrube“: www.youtube.com/watch?v=IbQemkkfKwg

www.suhrkamp.de

  1. 9. 2019

Andrej Platonow: Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen

August 29, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die russische Revolution frisst ihre Kinder

Es war Frank Castorf, der einen mit seiner bei den Wiener Festwochen 2016 gezeigten Inszenierung erstmals auf Andrej Platonows Roman „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19870) aufmerksam machte. Nun liegt der zwischen 1927 und 1929 entstandene Text in einer überarbeiteten Übersetzung bei Suhrkamp vor. Er habe nichts anderes versucht, als den Anfang der kommunistischen Gesellschaft darzustellen, schreibt der Autor an den mächtigen Maxim Gorki. „Tschewengur“, so dessen Antwort, sei inakzeptabel, denn die Helden würden nicht als Revolutionäre wahrgenommen, sondern als komische Käuze und Halbverrückte. Platonows episches Werk, weder zum offiziellen Geschichtsbild noch in den Literaturkanon passend, blieb zu seinen Lebzeiten ungedruckt.

Dabei darf dieses nicht als zynische Satire oder als Lächerlichmachen der Sowjetunion missverstanden werden. Platonow distanziert sich nicht von seinem Anti-Helden, er begleitet ihre Ansichten mit Sympathie und Verständnis. Der Eisenbahnschlossersohn und Lokomotivführergehilfe, gestorben 1951 an jener Tuberkulose, mit der sich sein statt seiner ins Arbeitslager gesteckte, 15-jähriger Sohn infizierte, und mit der er sich bei dessen Pflege ansteckte, war glühender Kommunist. Er glaubte an die Idee, nicht jedoch an deren Umsetzung durch Stalin – und prangerte literarisch an, wie der spätere Diktator schon früh den Freiheitskampf der Bevölkerung zugunsten seines autokratischen Systems instrumentalisierte.

Platonow wurde durch Totschweigen ums Leben gebracht. Neben seine Kritik an Stalins Zwangskollektivierung, die Erzählung „Zum Vorteil“, schrieb der Führer der Massen persönlich das Wort „Lump!“. Platonow, der Unbekannte, weil Verbotene, wurde dennoch oder deshalb zur Ikone, zum Vorbild von Generationen junger Autoren. Sorokin, Pelewin, Kurkow, sie alle berufen sich auf ihn. Und wenn diese Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden: Kurz vor seinem Ende gab das Regime Platonow ein Gnadenbrot als Hausmeister in einer Moskauer Kultureinrichtung, und als er starb, weinten die tagtäglich dort aus- und eingehenden Studenten. Weil sie sich nun schämten, in dem alten, auf seinem Besen lehnenden, sie um Zigaretten anschnorrenden Mann nicht ihr Idol erkannt zu haben.

„Tschewengur“ handelt von den wahnwitzigen Folgen der konsequenten Anwendung einer Ideologie und von einem Enthusiasmus, der wegen der Rückständigkeit des Landes ins Leere laufen muss. Der Text ist ein philosophisches Gedankenexperiment, das hellsichtig tragische Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts vorwegnimmt. Er ist eine groteske Dystopie über Totalitarismus, mit genau jenem Maß an der dem Genre eigenen erschütternden Wahrheit, wie sie die Staatsmächtigen fürchten. Zur Entstehungszeit hatte Russland bereits Ersten Weltkrieg, Oktoberrevolution und Bürgerkrieg hinter sich. Millionen waren tot, vertrieben, entwurzelt; das „strannitschestwo“, das ziellose Umherirren der Ärmsten der Armen, wurde zur Massenerscheinung. Platonow umschreibt diese Jahre als einzige Schießerei, ihr ausgeliefert die „einfachen Menschen, die das Parteiprogramm ja gar nicht verstehen.“

Den roten Faden bilden die Erlebnisse der Protagonisten Alexander Dwanow – eine Art Alter Ego des Autors – und Stepan Kopjonkin. Ersterer wird von einem Parteifunktionär beauftragt, in einem bettelarmen südrussischen Steppengouvernement nach „sozialistischen Elementen des Lebens“ Ausschau zu halten und die Wünsche der Massen zu ergründen. Bei seiner Reise durch die Armut und den Hunger begegnen ihm allerlei skurrile Charaktere, bis ihn seine Wanderung schließlich nach Tschewengur bringt, wo bolschewistische Fanatiker einen makaberen „Kommunismus in einem einzelnen Bezirk“ organisieren und zu diesem Zweck die gesamte „Bourgeoisie“ massakrieren, um die Stadt dann mit einem in der Umgegend aufgesammelten „Proletariat“ zu besiedeln. Doch trotz aller Anstrengungen will sich die kommunistische Utopie nicht einstellen.

Auf seinem Weg begegnet Dwanow dem „Kommandeur der Feldbolschewiken“, Kopjonkin. Er sucht als Ritter der Revolution auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ das Grab der von ihm angebeteten Rosa Luxemburg. Unverkennbar ist er ein Don Quijote, Platonow beschreibt ihn so: Es war „unmöglich sich seine Herkunft vorzustellen – ob er von einem Tagelöhner abstammte oder von einem Professor -, die Züge seiner Persönlichkeit hatten sich schon an der Revolution abgeschliffen.“ Die Reisegefährten lassen hier einen Wald zur Schaffung von Ackerland abholzen, dort Vieh umverteilen, enteignen Gutsherren – alles im Namen des Sozialismus. Doch keine ihrer Bemühungen macht etwas besser. Das Volk ist unterbelichtet und untätig, weder sät noch erntet es, ist doch in den Vorratsspeichern des gemeuchelten Klassenfeindes noch genug Korn.

Endlich: Tschewengur. Und auch im sozialistischen Paradies tut keiner etwas. Man lässt die Sonne in Stellvertretung werktätig sein, während man selbst über die Revolution sinniert, schwadroniert und sich statt zu handeln in hochtrabenden Phrasen ergeht. Zu arbeiten, so das Credo der Tschewengurer wäre Kapitalismus, mit Nutzen zu arbeiten bourgeois. In einem Gemisch aus falsch verstandenem Parteibroschürenjargon und religiösen Einsprengseln versuchen die Menschen rund um ihren kindlich-begeisterten Anführer Tschepurny, dem neuen Leben einen Sinn abzutrotzen. Die brüderliche Gemeinschaft und deren freundliche Wärme würden sich schließlich ganz von selbst einstellen, ist man überzeugt. Dass es mit dem Kommunismus im kleinen Städtchen kein gutes Ende nehmen wird, ist spätestens dann klar, als der irre Henker Pijussja und Dwanows bösartiger Stiefbruder Proscha, der die Revolution als Mittel zum Zwecke des Reichwerdens missbraucht und der unter den übrigen elf Jüngern des Tschepurny eindeutig ein Judas ist, auftauchen. Am Ende kommt eine maschinelle (Rote) Armee zur Säuberung der Stadt; die russische Revolution frisst ihre Kinder …

„Am Morgen war eine große Sonne, und der Wald sang mit der ganzen Fülle seiner Stimme, indem er den Morgenwind tief unter sein Laub fahren ließ“, „Tschewengur“ strotzt vor derlei Passagen fabelhafter, melancholischer Schönheit. Die poetische Eindringlichkeit, die Sprache, mal biblisch-apokalyptisch, mal revolutionär-bolschewistisch, mit der Platonow seine surrealistische, von der Aura des Absurden umwehte Vision entwickelt, macht das Buch zum Pageturner. Zweifellos ist dieser Roman der beste, der bis dato über die russische Revolution geschrieben wurde.

Über den Autor: Andrej Platonow, 1899 in Woronesch geboren, begann mit 14 Jahren zu arbeiten, absolvierte später das Eisenbahnertechnikum und war in den 1920er-Jahren als Ingenieur für Bewässerungstechnik und Elektrifizierung tätig. Seit 1918 publizierte er Lyrik, Erzählungen und journalistische Arbeiten. Seine Hauptwerke, „Tschewengur“ (1926) und „Die Baugrube“ (1930), konnten nicht erscheinen. Platonow starb 1951. Erst in den 1980er-Jahren setzte seine Wiederentdeckung ein.

Suhrkamp, Andrej Platonow: „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“, Roman, 581 Seiten. Revidierte Übersetzung aus dem Russischen von Renate Reschke.

www.suhrkamp.de

  1. 8. 2018

Wiener Festwochen: Три сестры / Drei Schwestern

Mai 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gottes in Nowosibirsk vergessene Kinder

Bild: Frol Podlesny

Andrej, zwei Schwestern und Anfissa: Ilja Musyko, Irina Kriwonos, Elena Drinewskaja und Darja Jemeljanowa. Bild: Frol Podlesny

Timofej Kuljabin und sein Teatr Krasnyi Fackel aus Nowosibirsk zeigen bei den Wiener Festwochen Tschechows „Drei Schwestern“ in russischer Gebärdensprache. Im Vorfeld erklärte der Intendant und Regisseur, es sei ihm daran gelegen, seine Arbeit mit den „uralten Konventionen der Tschechow-Inszenierungen“ kontrastieren zu lassen.

Der von Schauspielerstimmen quasi bis zum Gehtnichtmehr abgenudelte Text solle via Überzeilen in den Köpfen der Zuschauer neu entstehen – denken statt zuhören sei angesagt. Was nun im Museumsquartier zu sehen ist, ist allerdings keine Neuerfindung des Theaters, nicht einmal eine neue Theaterform, sondern eine ziemlich angestaubte plus eingelernter Gestikulation. Die Inszenierung ist langatmig, langweilig und, was beinah das Schlimmste ist, noch nicht einmal verschmockt.

Für ein Publikum, das den russischen Bildungskanon so oft gesungen hat, dass er ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist, mag das Ganze noch irgendwie eine Möglichkeit sein. Allen anderen würde bei einer Aufführung, die allein aufs Schauen ausgelegt ist, durch das von Kuljabin sogar verordnete Mitlesen des Textes genau dieses genommen. Dabei hat Kuljabin jede Tschechow-Silbe ausinszeniert, mit vier Stunden fünfzehn und drei Pausen sieht man die „Drei Schwestern“ sozusagen in Echtzeit, samt Randfiguren an deren Existenz man sich nicht einmal mehr erinnern konnte, doch geht freilich ohne die Sprache die Lakonie, der Sarkasmus, der Witz der Tschechow’schen Worte verschütt. In Wien wurde diese Saison schon eine Arbeit in Gebärdensprache gezeigt, und die Trainerin, die diese mit den Darstellern einübte, meinte im Gespräch, die Gebärde eigne sich nicht für Zwischentöne, für Stichelei oder Spott, sie sei immer wahrhaftig und nie geschätzig. Das ist in diesem Fall ein Problem, ein großes Problem.

Umso mehr, als es der Nowosibisker Truppe nicht gelingt, Sprache durch Körpersprache zu ersetzen, heißt: das zu gestalten, zu verkörpern, sich einzuverleiben, was zu sagen oder eben auch nicht laut auszusprechen ihnen genommen wurde. Sie hinken im Ausdruck den gebotenen darstellerischen Mitteln hinterher, einzig Denis Frank schaffte es aus dem Kulygin einen Charakter zu formen, zwar den bekannten gutmütig-peinlichen, aber immerhin.  Und auch Andrej Tschernych als Tschebutykin bemüht sich um Konturen. Der Rest ist farblos und mit der Schaffung einer rhythmischen Geräuschkulisse beschäftigt, einer Kakophonie aus Highheels-Gestöckel, Thrillerpfeife, Fingergetrommel und Klappern mit ein paar Schachfiguren. Bilder, die daraus Seelenzustände beschreiben, gibt es zu wenige. Das Schönste ist ein Brummkreisel, ein Geschenk zu Irinas Namenstag, dessen Vibrationen auf dem Tisch der Gesellschaft wie zum Klang einer fremden Welt werden.

Bild: Frol Podlesny

Die Tischgesellschaft unterhält sich in russischer Gebärdensprache. Bild: Frol Podlesny

Bild: Frol Podlesny

Doch einzig Denis Frank als Kulygin gestaltet aus seiner Figur einen Charakter. Bild: Frol Podlesny

Nun sind der Interpretation natürlich Tür und Tor geöffnet, wenn Kuljabin eine Intelligenzija zeigt, die in der kulturellen Dumpfheit der Provinz stumm in der Erstarrung verharrt. Schließlich sollte er ob seiner „Tannhäuser“-Inszenierung vor etwa einem Jahr wegen Gotteslästerung angeklagt werden. Der Metropolit von Nowosibirsk berief sich dabei auf das wegen des Pussy-Riot-Punkgebets verabschiedete Blasphemie-Gesetz. Jetzt zeigt der Theatermacher Theater mundtot gemacht. Einzig Sergej Nowikow als Ferapont hat eine Stimme, der im Original gegenüber allen Beschwerden schwerhörige Amtsdiener, der neue Sowjet-Mensch, dessen Zeit längst gekommen ist und schon wieder kommt. Und doch erschließt sich auch an dieser Logik nicht, warum Natascha nichts zu sagen hat; alles in allem stellt sich die Sinnfrage. Kuljabins „Drei Schwestern“ sind ein Planspiel in einem von Schminktisch bis Standuhr genauestens definierten Puppenhaus, aufs Durchdeklinieren seiner Figuren hat der Regisseur nicht so viel Sorgfalt verwandt. Aber „Verfremdung“ als Selbst-Zweck, die Gebärde eingesetzt als l‘art pour l’art, das ist einfach ein bisschen zu wenig.

Video: www.youtube.com/watch?v=eeqCspD4gv4

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 29. 5. 2016

Wiener Festwochen: Идеальный муж / Ein idealer Gatte

Mai 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Populist liebt populären Popstar

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Eine Männerliebe fürs Leben: Igor Mirkurbanow als Lord und Alexej Krawtschenko als Minister Robert Ternow. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Als zur Mitte des Abends Schauspieler Sergej Tschonischwili unter Szenenapplaus als Dorian Gray auftritt und jede Ähnlichkeit mit dem amtierenden russischen Präsidenten natürlich ein Zufall sein muss, erklärt sich, warum gewisse Kräfte in Moskau versucht haben, diese Aufführung vom Spielplan zu verbannen. Nicht nur lässt er sein Bildnis von einer Figur namens „der letzte russische Intellektuelle“ malen.

Er schließt auch einen faustischen Pakt mit der Kirche, um es an seiner Stelle hässlich und alt werden zu lassen, und stülpt sich schließlich die Zarenkrone auf den Kopf. Tschonischwilis Fanpublikum tobt vor Lachen, es singt auch die angestimmten Schlagersongs und Volkslieder mit, oder johlt, wenn sich eine Protagonistin als Laura Palmer ausgibt. Der Gag entschlüsselt sich unser einem erst via Wladimir Kaminers Blog: Gorbatschow sah so gerne „Twin Peaks“ – vermutlich wegen des Nebels, der über der Geschichte wabert …

Schauspielchefin Marina Davydova beschert den diesjährigen Wiener Festwochen die Theatersensation der Saison: Sie lud Konstantin Bogomolov und das Tschechow Künstlertheater Moskau ins Museumsquartier, damit sie ihre Version von „Ein idealer Gatte“ zeigen. Bogomolov hat Oscar Wildes Text adaptiert, die betuchte britische Upperclass zur neureichen russischen Elite gemacht, und die demaskiert der Regisseur nun unter Zuhilfenahme von sehr viel Komödianten-Make-up. Wobei die Inszenierung nicht so skurril-spaßig ist, wie man es von deutschsprachigen des Stoffs kennt, vielmehr schwebt über allem die Schwere der russischen Seele, ein Hauch Moskauer Melancholie. Bogomolov legt eine Arbeit vor, die das Innerste nach außen kehrt, heißt in diesem Fall: Links auf Rechts dreht, da bleibt keine Paillette und keine Epaulette an ihrem Platz, da werden Scheinheiligkeit und Verlogenheit eines Systems und seiner Profiteure ausgestellt, politische wie religiöse Orthodoxie veralbert, dass es nur so kracht. „Ein idealer Gatte“-reloaded ist eine satirisch-trashige Enzyklopädie des modernen Russland, freilich, es dürfen sich auch anderswo neoliberalistische Antidemokraten angesprochen fühlen.

Und so ist es nur konsequent, dass die Dorian-Gray-Episode ähnlich Dostojewskis „Großinquisitor“ einen separaten zweiten Akt darstellt, geht es doch im Rundherum um dessen „Heftklammern“, ein Begriff, der, so lehrt der Programmzettel, im Putin’schen Neusprech jene High Society zusammenfasst, die sein Polit-Projekt zusammen- und die gemeinsamen Werte, Ideen und Überzeugungen hochhält. Bogomolov hat sein Publikum über ein soziales Netzwerk an der Entstehung des Stückes beteiligt, im Mittelpunkt der Handlung steht der für die Gummiproduktion des Landes zuständige Minister Robert Ternow, dessen Frau Gertruda selbstverständlich die wichtigste Gummiproduzentin des Landes ist, damit die Aufträge ja schön in der Familie bleiben. Robert, der diesbezüglich ideale Gatte, liebt aber fremd, und zwar den Schlagersänger Lord. Dem Populisten und dem populären Popstar muss eine Missis Cheavely in die Quere kommen, nur will sie diesmal groß ins Gummigeschäft einsteigen und den Vertrag dazu vom Minister mittels Sexvideo erpressen. Einen Mayble gibt es auch, Lord adoptiert den Jüngling aus einem von Frömmlern in Popengewändern betriebenen Waisenhaus, das offensichtlich ein Einkaufscenter für Pädophile ist.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Dorian Gray und ein Medienbildnis: Sergej Tschonischwili. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Da ist die Welt noch in Ordnung: Der Minister planscht in der Badewanne. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Für die russischen Theatergeher soll das alles üppig und neu gewesen sein. Gewohnt, hehre Texte auf hohem Niveau vorgetragen zu bekommen, und wie zu erwarten konnte sich Bogomolov eine kurze Persiflage auf dortige Theatergepflogenheiten nicht verkneifen, besah man in Moskau das intrigante Treiben um die Männerliebe erst mit einer gewissen Schreckstarre. Dabei dominiert für hierzulande fast Dezenz. „Stellen Sie sich das vor!“, befiehlt ein Insert an der Stelle, an der die Bühnenfiguren entsetzt das Video betrachten. Später lässt Lord Ternow einen Thermophor, auch genannt Bettwärmer, aufblasen, bis er platzt. Welch ein Bild! Und davon gibt es an diesem Abend etliche. Das Ensemble agiert auf höchstem Niveau. Allen voran Igor Mirkurbanow als Lord, der von Anfang an die Halle mit heißen Rhythmen rockt. Er gibt den Entertainer, den Großsprecher und Phrasendrescher von Kremls Gnaden, um gleich darauf in harte, zynische Selbstkritik zu verfallen, um gleich darauf ein zarter Liebender zu sein, der für das Glück des Geliebten sein eigenes opfert. Eine Stimme wie ein Reibeisen, eine Seele weich wie Paskha. Mirkurbanow ist wie ein Nowosibirsker Bill Nighy mit einem schwarzen Schwung Keith Richards um die Augen.

Seinen seit 15 Jahren geheimgehaltenen Gatten spielt Alexej Krawtschenko als nach außen hin sleekes Schlitzohr. Des Ministers Leidenschaft gehört außer Lord antiken Statuen und Schnee, davon weht es jede Menge die Nasen hoch, in Moskau sind die Winter kalt, lässt ein Lied wissen, und Gertrudas Geld. „Obwohl mein Glied manchmal abgleitet, gehört mein Herz meiner Frau“, versucht er Missis Cheavelys Enthüllungsandrohung kleinzureden. Wie man ihn aber dann via „Fernsehzuspielung“ dicke, bittere Tränen weinen sieht, als er seinen Mann und die Intrigantin am Traualtar erblickt, die Cheavely verlangt von Lord die Ehe im Gegenzug für die Aufgabe ihrer Pläne, das ist so anrührend, das geht so ans Herz, dass man beinah vergißt, dass hier keiner ein Guter und niemand bemitleidenswert und das alles ein Nonsense mit sehr viel Hintersinn ist. Darja Moros gestaltet die Gertruda als herrische, herrlich geldgeile Bissgurn, die ihre „kleinen usbekischen Sklaven“ scheucht und bei Einlangen von Geld auf ihrem Konto von Orgasmen geschüttelt wird. Damit ihr Finanzklimax kein Ende findet, muss der Minister an Ort und Stelle bleiben, und so stellt sie als vermutetes Pantscherl Missis Cheavely zur Rede. Ein köstlicher Schlagabtausch mit der unterkühlt agierenden Marina Sudina.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Missis Cheavely erpresst von Lord die Ehe, der leidet still: Igor Mirkurbanow mit Marina Sudina. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Garniert ist das Ganze mit großartigem Personal, etwa Pawel Tschinarew als Ferrari fahrenden Mayble, Alexander Semtschew als vaterlandstreuen Vater Lords, Maxim Matweew als diabolischen Priester, und Pawel Waschtschilin als schwulen Modeschöpfer. Der ist irgendwie auch Andrej Prosorow. Denn wie um zu verorten, dass der Ennui des Establishments, dessen Nichtstuer, Nichtsnutze und Tunichtgute kein neuzeitliches und bei weitem kein Insel-Phänomen sind, verknüpft Bogomolov Oscar Wilde mit dem russischen Bildungskanon. Puschkin wird bemüht, Turgenew und, wie könnte es anders sein?, Godfather Tschechow. Dessen „Drei Schwestern“ sitzen, in den Originalsätzen ihre Untätigkeit und ihre Sehnsucht nach einem arbeitsamen Leben gejammernd, in einer schicken Bar, tippen in Displays und lassen sich zwischendurch von Männern abschleppen. Und weil, wo Theatergiganten unter sich sind, Shakespeare keinesfalls fehlen darf, wird „Romeo und Julia“ zitiert.

Aber da ist alles schon zu Ende, Lord hat sich aus Liebeskummer erschossen, und auch der Minister greift zur Waffe, neben dem Leichnam des Vorausgegangenen die letzten Worte des Veroneser Adelsspross‘ rezitierend. Über den gläsernen Sarg der beiden fällt die russische Flagge. Kurze Kranzniederlegung. Aus. Jubel und Applaus. Das Publikum dankte ausgiebig für den gelungenen, fast vierstündigen Abend. Bogomolov hat eine Inszenierung gezeigt, die im besten Wilde’schen Sinne als witty zu bezeichnen ist – witzig, geistreich, originell. Er fordert auf zu mehr Aufmerksamkeit und weiterem Nachdenken, was gesellschaftspolitische Phänomene und ihre Auswüchse betrifft. Er macht es den Zuschauern nicht leicht, er verlangt ihre Mitarbeit, das zeigten schon die Pausengespräche, und das ist gut so. „Ein idealer Gatte“ ist eine perfekte Produktion. Mit allem Drum und allem Dran. Und als Zugabe gab’s, wie schön,  Wiens russische Gemeinde, die sich gar nicht genug über die Insiderjokes amüsieren konnte. Was einen selbst, siehe Kaminer, auch noch zum Nachforschen anregte.

Video – ein Premierenbericht des russischen Fernsehens: https://www.youtube.com/watch?v=iZD5ajqQDJs

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016

Wiener Festwochen: Frank Castorf zeigt „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Kakerlake im Wolfsblutjahrhundert

Tschewengur: Andreas Leupold, Wolfgang Michalek, Horst Kotterba, Manja Kuhl, Matti Krause und Astrid Meyerfeldt. Bild: Thomas Aurin

Tschewengur – räumlich beengt, geistig beschränkt: Andreas Leupold, Wolfgang Michalek, Horst Kotterba, Manja Kuhl, Matti Krause, Astrid Meyerfeldt und der unverzichtbare Kameramann. Bild: Thomas Aurin

Den Zuschauern, es wird ungefähr die Hälfte gewesen sein, die die Pause zur Flucht aus dem Museumsquartier nutzten, kann beruhigend hinterher geschickt werden, dass sie den besten Teil des Abends gesehen haben. Nach ihrem Abgang nämlich zerfaserte die Sache in allzu großer Beliebigkeit. Frank Castorf halt, er kann’s nicht lassen, der alte Büttenredner, immer hat er noch einen.

Und, ja, die sind ganz fabelhaft, Wassili Grossmanns Sonderkommando zwischen Shoah und Stalin, ein durchs Wolfsblutjahrhundert irrender Ossip Mandelstam, Dostojewskijs im Fliegenglas unerwünschte Fremdlingskakerlake, und doch werden Freund und Feind auf dem selben Misthaufen verrotten, und eine Paraphrase all dessen als pseudopuschkin’sche Ballettparodie – der besäbelte Revolutionär und sein tututragendes Ross, und eine Kabinettstückchensitzung im Kolchosenkomitee, aber ach … rundum wurden etwa zur Stunde vierdreiviertel die Augenlider schwer und der Schreckweck kam in Form eines tarantinesken Kunstblutbads … non homo, quom qualis sit non novit, für die, die’s noch immer nicht kapiert haben sollten: Frank Castorf ist sehr gescheit und wahnsinnig belesen. Das wird man doch bitte ausstellen dürfen!

Angefangen aber hat es wirklich schön. Von Mütterchen Russland und der Erzählkraft eines ihrer verlorenen Söhne überwältigt, schickte sich Castorf diesmal tatsächlich an eine Geschichte darzustellen, und zwar ziemlich exakt entlang der Handlung des Buches. Es schien, als sei der grumpy old man des deutschen Diskurstheaters diesbezüglich altersmilde geworden. So, liebe Kinderlein, kommt auf den Schoß von Onkel Frank, die Mädchen natürlich bevorzugt in Strapsen und Highheels, so viel Altherrenfantasie muss sein, und eine von euch wird auch ein Ei legen müssen – Wo ist eigentlich Alice Schwarzer, wenn man sie braucht? -, ruhig, Kleines, es war nicht einmal, es ist noch immer irgendwo auf dieser Erde … Castorf produziert filmische Bilder von überwältigender Kraft. Er malt Ströme aus Bewegung, aus Aktionen und den Gedanken. Ein Feuer zu Zeiten der Revolution, und was diese Revolution aus ihren Kindern macht. Seine Inszenierung „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“ ist eine Operation an eben diesem,  ein monumentales Gesellschaftsporträt, geschult an der Romanvorlage von Andrej Platonow.

Der Eisenbahnschlossersohn und Lokomotivführergehilfe, gestorben 1951 an jener Tuberkulose, mit der sich sein statt seiner ins Arbeitslager gesteckte Sohn infizierte, und mit der er sich bei dessen Pflege ansteckte, war glühender Kommunist. Er glaubte an die Idee, nicht jedoch an deren Umsetzung durch Stalin – und prangerte literarisch an, wie der spätere Diktator schon früh den Freiheitskampf der Bevölkerung zugunsten seines autokratischen Systems instrumentalisierte. Platonow wurde durch Totschweigen ums Leben gebracht. Gorki ignorierte seine verzweifelten Bittbriefe. Neben seine Kritik an Stalins Zwangskollektivierung, die Erzählung „Zum Vorteil“, schrieb der Führer der Massen persönlich das Wort „Lump!“. Platonow, der Unbekannte, weil Verbotene, wurde dennoch oder deshalb zur Ikone, zum Vorbild von Generationen junger Autoren. Sorokin, Pelewin, Kurkow, sie alle berufen sich auf ihn. Und wenn diese Anekdote nicht wahr ist, so ist sie gut erfunden: Kurz vor seinem Ende gab das Regime Platonow ein Gnadenbrot als Hausmeister in einer Moskauer Kultureinrichtung, und als er starb, weinten die tagtäglich dort aus- und eingehenden Studenten. Weil sie sich nun schämten, in dem alten, auf seinem Besen lehnenden, sie um Zigaretten anschnorrenden Mann nicht ihr Idol erkannt zu haben.

„Tschewengur“, begonnen im Winter 1926/27, handelt von den wahnwitzigen Folgen der konsequenten Anwendung einer Ideologie. Es ist ein philosophisches Gedankenexperiment, das hellsichtig tragische Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts vorwegnimmt. Es ist eine groteske Dystopie über Totalitarismus, mit genau jenem Maß an der dem Genre eigenen erschütternden Wahrheit, wie sie die Staatsmächtigen fürchten: der Roman wurde erst 1972 und auch nur in Teilen in Paris publiziert. Den roten Faden bilden die Erlebnisse der Hauptfigur Aleksandr Dvanov. Er wird von einem Parteifunktionär beauftragt, in einem bettelarmen südrussischen Steppengouvernement nach „sozialistischen Elementen des Lebens“ Ausschau zu halten. Bei seiner Reise durch die Armut und den Hunger begegnen ihm allerlei skurrile Charaktere, bis ihn seine Wanderung schließlich nach Tschewengur bringt, wo bolschewistische Fanatiker einen makabren „Kommunismus in einem einzelnen Bezirk“ organisieren und zu diesem Zweck die gesamte Einwohnerschaft massakrieren, um die Stadt dann mit einem in der Umgegend aufgesammelten „Proletariat“ zu besiedeln. Doch trotz aller Anstrengungen will sich die kommunistische Utopie nicht einstellen. Am Ende taucht eine maschinelle Armee zur Säuberung in der Stadt auf.

Tschewengur: Johann Jürgens, Matti Krause, Horst Kotterba und Wolfgang Michalek. Bild: Thomas Aurin

Im Kiosk gibt es bei Castorf Coca Cola statt Wodka: Johann Jürgens, Matti Krause, Horst Kotterba und Wolfgang Michalek. Bild: Thomas Aurin

Tschewengur: Astrid Meyerfeldt und Hanna Plaß. Bild: Thomas Aurin

Der Glaube an den Fortschritt: Astrid Meyerfeldt und Hanna Plaß spielen mit der Lokomotivenkirche. Bild: Thomas Aurin

Eine der Figuren ist der „Kommandeur der Feldbolschewiken“ Stepan Kopenkin. Er sucht als Ritter der Revolution auf seinem Pferd „Proletarische Kraft“ das Grab der von ihm angebeteten Rosa Luxemburg. Das ist deshalb wichtig, weil für diese traurige Gestalt extra eine Windmühle aufgebaut wurde – der Quichote mit dem Rosa-Porträt. Überhaupt hat Bühnenbildner Aleksandar Denić ganze Arbeit geleistet, ein dem Zerfall anheimgefallenes Mahnmal ist da entstanden, eine halbe Welt dreht sich im Kreis, mit Gulag-Stacheldrahtverhau und Wohnbarracke, mit Kiosk und Kinoleinwänden, mit Tschernobyl-Protestplakat, einem Schrottauto und einer Lokomotivenkirche.

Revolutionen sind laut Marx ja die Lokomotiven der Geschichte, und Glaube zieht sowieso immer, das weiß auch Gospodin Putin, und wir ahnen, wie dünn die Haut des Humanismus schon wieder ist. Dieses „Sieh die Lilien auf dem Feld“-Motiv zieht sich durch den Abend, Christentum und Kommunismus, das ist beides irgendwie jenseitig, so: guter Einfall, schlechte Ausführung. Ja, sagt Castorf, das Leben ist schon voller Wunder, wenn man nur naiv genug ist. Zu sagen, das alles hätte einen hohen Live-Schauwert, ist hingegen dahingehend übertrieben, als man live wenig sieht.

Live-Kameras und Tonangeln fischen nach den Schauspielern, das Wesentliche spielt sich im Bauch der Inszenierung ab, von dort werden die Bilder nach außen übertragen. „Da kann man uns auch sehen“, sagt eine Frau zu einem Mann, die beiden auf der Suche nach einem spitzelwesenfreien Platz für ein Schäferstündchen. Und auch darüber berichtet Castorf: Totalüberwachung als Allheilmittel. Der Bürger ist vor sich selbst zu schützen, damit der Staat sich nicht schutzlos fühlt. Es wird volksbühnentypisch viel geschrien, auch bei der Folter in der Lubjanka, wo Regisseur Wsewolod Meyerhold ein Geständnis für den ersehnten Gnadentod auf dem Schafott ablegt. Diese Szenen, und wie Andreas Leupold dessen Briefe vorliest und Wolfgang Michalek Schmerzen leidet, sind eigentlich kaum auszuhalten. Sie zählen zu den stärksten, ins Mark schneidenden Momenten dieser Arbeit. Die allerdings auch mit Humor nicht geizt. Platonow und Castorf, da haben sich zwei gefunden, die zueinander passen, wie der Arsch auf den Eimer, wie man in Deutschland so griffig formuliert. Castorf hat sich nicht nur mit Platonows nüchterner Ironie angefreundet, sondern sich auch dessen Sprache zu eigen gemacht. Der Kunstsprech aus hölzern-sozialistischen Wortungetümen und landtrampelig-absurder Erhabenheit beschreibt eine sinnentleerte propagandistische Phrasendrescherei, wie sie bis heute politsystemimmanent zu sein scheint.

Schostakowitschs Suite „Der Bolzen“ begleitet die schauspielerischen Gratwanderungen nach Tschewengur, auch die Musik eine Satire auf die proletarische Revolution und seinerzeit von der Zensur als „gesellschaftlich unbrauchbar“ eingestuft. „Red Rooster“ von Howlin’ Wolf hat Castorf auch auf dem Plattenteller, und die Stones, eh schon wissen: I stuck around St. Petersburg … immer schön Aufpassen auf den Schein und das tatsächliche Sein. Mit Assoziationspsychologie lassen sich wirklich tolle Doktorspiele anstellen. Und mit Coca Cola wird ein Säugling ertränkt. Der Große Terror des Kapitalismus, so viel Zeit muss sein! So mäandert der Abend von den alten Oktober-Quellen zum grausamen Überlebenden der Gegenwart. Und Astrid Meyerfeldt brüllt: „Ich akzeptiere keinen altgewordenen avantgardistischen Regisseur mehr!“

Johann Jürgens macht den Dvanov, Matti Krause erst mit Falsettstimme den egoistischen Parteisekretär Prokofij, dann die Kakerlake, die über Jürgens‘ angeschossenes Bein herfällt. Er haut ihm die Zähne ins blutige, weil bereits mit dem Messer operativ behandelte Glied. Castorf legt den sprichwörtlichen Finger sehr real in die realsozialistische Wunde. Auch das eine Ekelszene, kaum zum Aushalten. Was der Altmeister am Ende mit dieser Arbeit gesagt haben will, kann man sich aus seinem Konvolut aussuchen. In Österreich eine Woche vor der Bundespräsidentenwahl vielleicht: Vorsicht vor Weltverbesserungsversprechern. Versuche zur Neuordnung können schnell auch nach hinten losgehen, und dort steht immer das Volk. Utopistische Ideengebäude, die zu dessen Wohle dienen sollen, muss es deshalb besonders sorgfältig unter die Machbarkeitslupe nehmen. „Reden ist unser Privileg. Wenn wir ein Problem haben, das wir nicht durch Reden lösen können, dann hat alles keinen Sinn“, sagt Rosa Luxemburg. In diesem Sinne ist es wichtig, dass Frank Castorf und sein Theater weiterreden und immer weiter reden. Hingehen, hinhören. Auch auf die Gefahr hin, dass er einem wieder ein Ohr abkaut.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=m8rUnQnRkEQ

www.festwochen.at

Wien, 14. 5. 2016