Rabenhof: Andreas Vitásek: Grünmandl oder Das Verschwinden des Komikers

Dezember 7, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Politisch ist er kein Trottel

Bild: © Udo Leitner

Andreas Vitásek verbeugt sich vor dem großen Otto Grünmandl. Dies der Inhalt des aktuellen Abends des Wiener Kabarettisten. Zusatztitel: Das Verschwinden des Komikers. Und tatsächlich begibt sich der eine leise und nachdenklich in die Rolle des anderen, dessen Humor er vor 35 Jahren für sich entdeckt hat. Der Wunsch, Grünmandl zu spielen, sagt Vitásek in Interviews, entstand früh. Aber erst mit 60 fühlte er sich dazu in der Lage.

Dass dieser Abend kein schenkelklopfender Brüller ist, ist klar. Vitásek lädt ein, eine feinsinnige Reise durch den Kosmos Grünmandl zu machen, dessen Kreuz- und Querdenken, dessen skurrile Wortspielereien inklusive. Es ist beeindruckend, wie hier ein Kollege Platz machen kann, um seinem Idol Vorrang zu geben. Es ist beeindruckend, wie umfangreich und vielfältig sich der Nachlass dieses Tiroler Ausnahmekünstlers in der Vitásek’schen Interpretation darstellt.

Dem absurden Theater verbunden, galt Grünmandls Aufmerksamkeit stets dem zuweilen in den Wahnsinn abgleitenden österreichischen Alltag. Darunter verstand er auch das Politische, das er in der Regel ins Groteske überdrehte. Man kann nicht behaupten, dass Grünmandls Kabarett für den Mainstream gedacht war. Da stand ein Mann auf der Bühne, der im zeitlosen Anzug und Seitenscheitel-Frisur ziemlich bieder aussah. Sein korrektes Auftreten stand jedoch im Widerspruch zu seinem Wirken auf der Bühne. Da wurden im wahrsten Sinn des Wortes ver-rückte Ideen geboren, ein einmalig intelligenter Nonsense. Bis sich die Pointe entwickelt, dauert’s. Grünmandls Slow-Comedy nannte das einmal ein Kollege. Auch diesem Willen zur Entschleunigung trägt Vitásek Rechnung.

Bild: © Udo Leitner

Bild: © Udo Leitner

Auf allzu Bekanntes verzichtet er bei der Auswahl der Texte. Ausschnitte aus Grünmandls Bühnenprogrammen wie „Ich heiße nicht Oblomow“ verbinden sich mit Texten aus der Spätphase und weniger bekannten Gedichten zu einem Porträt. Entstanden ist eine Werk- und Lebenscollage durch alle Schaffensperioden, erzählt aus der Sicht eines in die Jahre gekommenen Komödianten. Volksschauspieler trifft Volksdarsteller. Vitásek  lobt die Vorteile des „Durchschnittssalter“, erläutert beim Fußbad den Unterschied zwischen Saufen und Ersaufen, sagt „Schau ich mir die Schwarzen an, seh ich rot, schau ich mir die Roten an, wird mir schwarz vor Augen“ („Politisch bin ich vielleicht ein Trottel, aber privat kenn‘ ich mich aus“), deklamiert „Ich bin ein wilder Papagei“, hält als Alpenländisches Inspektoren-Inspektorat einen Vortrag über künstliche Gebisse oder ruft zum „Futeralbewusstsein als neues Lebensgefühl“ auf …

Vieles klingt, wie gestern fürs Heute erfunden. Als quasi Zugabe gibt es: „Höret, was Erfahrung spricht: Hier ist’s so wie anderswo. Nichts Genaues weiß man nicht, dieses aber ebenso.“ Ein abgründig-humoristisches Bühnenerlebnis, versehen mit der unverwechselbaren Vitásek-Handschrift. Eine Wiederentdeckung. Weil Vitásek nichts imitiert, sondern sich alles zu eigen gemacht hat. Der Meister selbst kommt einmal zu Wort. Eine späte Aufnahme, die Stimme schon brüchig. Das passt zur melancholischen Baseline des Abends. Dafür darf zum Schluss das „Alpenländische Interview“ zum tragischen Alpinunfall des Wellensittichs Hansi natürlich nicht fehlen.

www.vitasek.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2017

Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

Volkstheater: Wien ohne Wiener

Oktober 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimatlieder eines Heimatlosen

„Der Tod muss ein Wiener sein“: Gábor Biedermann, Claudia Sabitzer, Isabella Knöll, Stefan Suske und Günter Franzmeier mit Puppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Lachen bleibt einem nicht im Hals stecken, nein, viel mehr: es dreht einem denselben um. Der Tod muss ein Wiener sein, in diesem Fall ein Wienerlied, weil mörderischer als Georg Kreisler kann man mit einer gewesenen und nie wieder wirklich gewordenen Heimat nicht abrechnen.

So zu hören im Volkstheater, wo Nikolaus Habjan unterstützt von der Musicbanda Franui und einem exzellenten fünfköpfigen Ensemble eine fabelhafte Hommage an den Meister des gallbitteren Humors zur Uraufführung brachte. Dem Premierenpublikum präsentierte sich Habjan auch auf der Bühne; der Regisseur und Puppenbauer übernahm den Part des erkrankten Christoph Rothenbuchner – und bewies sich einmal mehr als großartiger Schauspieler, Kavalierbariton und selbstverständlich Kunstpfeifer. Das Team, das der Tausendsassa um sich versammelt hat, ist mit Claudia Sabitzer, Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Stefan Suske und – Neuzugang am Haus – Isabella Knöll nicht nur handverlesen, sondern zu Teilen auch handgenäht.

Denn natürlich bevölkert Habjan das grausliche Kreisler-Universum mit seinen grotesken Klappmaulpuppen. Da darf weder die desillusionierte Chansonette noch das einäugige Elschen fehlen, da haben kriecherische Staatsbeamte, verzweifelte Triangelspieler und original Wiener Grantscherm ihren Auftritt. Und der Sensenmann. Logisch. Einer muss ja die Goldenen Herzerln am Schlagen hindern und die Wiener in die ewige Walzerseligkeit befördern. Oder so. Genau weiß man’s nicht, was Kreisler, Überlebender, Weltdurchschauer, Einzelgänger, und vor allem dies: ein Anarchist, mit seinen Zeitgenossen vorhatte. Von wegen: Vom End‘ an geht’s bergab …

„Die Geflügelzucht“: Stefan Suske und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Isabella Knöll interpretiert das messerscharfe „Ich kann tanzen“ – mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

1938, mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, musste Kreisler in die USA emigrieren. Er nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, arbeitete in New York als Nachtclubmusiker, später in Hollywood, und kehrte 1955 nach Österreich zurück. Dagegen aber, Österreicher zu sein, hat er sich seither verwehrt,denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland ,geflüchtet wurde‘, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück.“

Für Kreisler muss man den Begriff Evergreen neu formulieren als Everblack, in der Marietta-Bar sang er seine „Nichtarischen Arien“, die Heimatlieder eines Heimatlosen, seine höllisch gemütlichen Hassliebeserklärungen an die Stadt und ihre Bürger. Seine Sehnsucht darüber, wie schön „Wien ohne Wiener“ wäre, ist nicht nur titelgebend für die Inszenierung am Volkstheater, sondern auch eingangs zu hören. Der von Habjan gestaltete Liederabend ist eine schräge, schrille Revue, zu 100 Prozent Kreisler, seine Texte auch zwischen den Chansons platziert – und die Musik von Franui unter der Leitung von Andreas Schett exakt passend. Wie schon Kreisler selbst zitiert und interpretiert man, mal klingt’s wie geschrammelt, mal beinah kurt-weill’isch, volkslied- oder operettenhaft mit Harfe, Zither und Hackbrett, mal geht’s im Tangorhythmus, mal im Dreivierteltakt –  und wenn ein Ton ganz besonders daneben fährt, dann darf man annehmen, dass der Kreisler seine Freud‘ daran gehabt hätte.

In paillettenschillernden Conferencierfracks treten die Darsteller auf, die Attitüde: gefeanzt, das heißt vordergründig freundlich, aber tatsächlich das Gegenüber sarkastisch verspotten. Einem schmierigen Fremden-an-der-Nase-Führer fällt Habjan ins Wort: „Der Stephansdom ist nicht das Wahrzeichen von Wien, sondern seine Diagnose.“ Stefan Suske hat große Chansonier-Momente mit „Bidla Buh“ als Frauenmörder und mit „Der Witz“. Günter Franzmeier tritt auf mit verwegen mephistophelischer Haar- und Barttracht. Zu zweit bewegt man die Puppen, spricht ihre Figuren, macht aber auch den Erzähler. Franzmeiers Geflügelzüchter scheitert an Suskes Beamtenschädel, reüssiert aber in der Frage „Was tut man um zu sein“.

„Bidla Buh“: Stefan Suske ist ein grandioser Frauenmörder. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer als desillusionierte Chansonette mit Puppen-Alter-Ego: „Zu leise für mich“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Frühlingslied vom „Taubenvergiften“ im Park darf nicht fehlen, Claudia Sabitzer als überlebensgroßer rachsüchtiger Vogel, der genau so zum Giftopfer wird wie die böswilligen Ausstreuer. Nikolaus Habjan böhmakelt sich durch den „Bluntschli“. Gábor Biedermann entführt seine Liebste auf eine Kopfreise in die Karibik, weil „Zu Hause ist der Tod“, und will als Ober seine Gäste mit Handgranaten beseitigen: „Dann geht’s mir gut“. Gewaltfantasien in Zeilen wieIch muss ja nicht der erste sein – Ich bleib‘ gern in der Masse! Doch werd‘ ich nicht der letzte sein – Ich weiß ja, wie ich hasse!“ klingen wieder oder immer noch erschreckend aktuell.

Die Attentätersehnsüchte des „kleinen Mannes“ im Anti-Demokratie-Song. Beim „Begräbnis der Freiheit“ hebt sich einem schon der Magen, mehr noch bei der Hexenjagd auf eine Unerwünschte, die mit Fußtritt ins Jenseits befördert wird, und wer glaubt, die Puppe, die das „Kapitalistenlied“ zum besten gibt, hätte Ähnlichkeit, mit einem, der sich am Sonntag zur Wahl stellt … tjahaha … Das „Lied für den Kärntner Männerchor“ gibt’s obendrauf. „Wien ohne Wiener“ ist ein hinreißend gerissener Abend über eine gute, alte Zeit, die schon wieder so schlecht ist, wie sie’s immer war.

Er ist ein langsam abgekletzeltes Pflaster auf der Heimatnarbe aller Blut- und Bodenlosen. Ist die Aufforderung „Niemals Vergessen – zu singen“. Habjan und seine Truppe glänzen vom ersten bis zum letzten Takt, sie geben den Puppen, aber auch sich selber Raum. Isabella Knöll singt (das persönliche Lieblings-)Lied „Ich kann tanzen“, Günter Franzmeier legt sich zum Schluss aufs „Totenbett“: „I kenn kan Strauß, kan Lipizzaner und kan ‚Knabenchor. Weil i mein Lebtog mit der Oabeit zu beschäftigt wor. I find kan Mozart und kan Haydn und kan Schubert schön – I hab a aanzigs Moi den Hitler g’sehn …“

Was man darauf noch sagen kann? Ah ja! „Haallo!“

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Minna von Barnhelm

Juli 1, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Happy End mit Kriegsversehrtencombo

Minna holt sich ihren Tellheim zurück: Andreas Patton und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Erschöpft und kriegsmüde lungern sie an der rostfarbenen Wirtshauswand, spielen nachlässig ein wenig Telemann und Zeitgenossen, die Teletanten Mienensingers, dieses invalide Quartett rund um Michael Pogo Kreiner. Sie geben die melancholische Baseline des Abends vor. Doch mitten unter ihnen schlägt einer laut und mit Elan die große Trommel, als wolle er mit dem Schlägel die Schicksalsschläge, die seinen Herrn trafen, zu Brei schlagen. Dessen Gespenster allerdings sind schwer zu bannen. Der Trommler ist Just, Tellheims ergebener, ergo streitlustiger Bedienter, das Stück „Minna von Barnhelm“.

Bei den Sommerspielen Perchtoldsdorf zeigt Regisseurin Veronika Glatzner ihre Interpretation von Lessings Lustspiel. Sehr präzise hat sie dessen Text in Szene gesetzt, ohne ihn an einer Zeit oder einem Ort festzumachen. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter, bewegender Abend mit glänzenden Darstellern, die es verstehen, die Komik zwischen den Zeilen zu bedienen, ohne dass es komisch wirkt. Die Perchtoldsdorfer „Minna“ wird so zu einem subtilen Stück Sommertheater.

Auf beinah schon intime Weise gewährt Glatzner dem Publikum Zugang zum Seelenleben der Protagonisten, sie ziseliert die von Lessing vorbereiteten zwischenmenschlichen Feinheiten. Es sind nur Momente, die alles klären: Minna fasst Tellheim am rechten Arm, merkt, dass der taub ist. Der Major verzieht vor Schreck kurz das Gesicht – und erzählt ist seine Geschichte.

Marie und Paul Sturminger haben für die Irrungen und Wirrungen der Herzen eine Drehbühne entworfen, eine schäbige Herberge – auf der einen Seite Minnas Zimmer, auf der anderen die Wirtsstube -, deren Mittelpunkt ein zugiges, verschachteltes Stiegenhaus ist. Durch dieses stürzen, kriechen, rennen die Menschen treppauf, treppab. Hier wird geflirtet, Trübsal geblasen oder sich versteckt, hier zieht man einander das Geld aus der Tasche und die Verlobungsringe vom Finger. Immer wieder bleibt der eine oder andere Darsteller nach seinem Auftritt in einem Winkel dieser Escher’schen Anordnung Teil der Szene, so dass man ihn in seinem „privaten“ Tun weiter erleben kann.

Nikolaus Barton als loyaler Diener Just tut alles, um seinen Herrn vor weiterem Schaden zu bewahren. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Die teletanten Mienensingers: Petra Staduan, Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas und Judith Prieler. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Marie-Christine Friedrich ist eine hinreißende Minna. Emanzipiert und doch hyperventilierend schmachtend, wenn sie von ihrer großen Liebe Tellheim spricht, klug und doch spitzbübisch fröhlich, wenn sie an den Streich denkt, den sie für ihn ersinnt. Friedrichs Minna ist die praktizierte Aufklärung, ein wenig manieriert im Auftreten, ein bisschen artifiziell in der Gestik, und doch bricht sie das alles sofort wieder mit ihrer köstlich ironischen Mimik. Sie weiß mit der überspannten Logik ihres Verlobten nicht das Geringste anzufangen – und trotzdem versteht sie ihn. Das ist die Kunst der Frauen. Wenn sie erst beschlossen haben, das Glück in die eigenen Hände zu nehmen.

Zur Seite steht ihr die großartige Anna Unterberger als Franziska. Als resches, puckhaftes Kammerkätzchen agiert Unterberger sozusagen gebremst. Selbst im Beisein ihrer Herrin benimmt sie sich völlig ungeniert und mit Augenmerk aufs eigene Interesse – siehe den minnenden Sölder Paul Werner, den Roman Blumenschein gibt. Mit Friedrich und Unterberger macht Glatzner ihre „Minna“ zum Frauen-Power-Stück.

Im Stiegenhaus, wo man sich trifft: Roman Blumenschein, Nikolaus Barton, Anna Unterberger und Marie-Christine Friedrich. Bild: @ Lalo Jodlbauer

Nicht nur mit steifem Arm, sondern auch mit Stiff Upper Lip spielt Andreas Patton den Tellheim. Er suhlt sich geradezu in seinem Unglück, kann formidabel wahlweise trotzig oder betropetzt dreinschauen. Sehr schön, wie er jeden Brief recht umständlich mithilfe seiner Füße oder Zähne aufmachen muss, die Prozedur sein „Ecce homo“.

Patton, diese Saison eine Art Spezialist für gar nicht lustige Lustspielhelden (siehe sein Fernando in der Volkstheater-„Stella“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810), fügt dem in den Wirren des Siebenjährigen Krieges abgewirtschafteten, vergrübelten Major eine nicht oft ausgespielte Facette hinzu. Eine ewiggültig moderne. Er zeigt in seiner Darstellung nicht nur selbstbeschädigenden Stolz und falsch kanalisiertes Ehrgefühl, weshalb er die geliebte Frau vor der Ehe mit einem „Krüppel“ bewahren will, sondern ebenso, wie der Verlust von ökonomischer Freiheit nach und nach das Selbstwertgefühl ermordet …

Nikolaus Barton ist als Tellheims Bedienter Just ein Kraftlackel; misstrauisch, weil eben loyal, lässt er über seinen Herrn nichts kommen. Dominik Warta ist ein naseweiser, neugieriger Wirt.

Den beiden gelten im Wesentlichen die Lacher der Zuschauer. Am Ende reihen sie sich alle auf und singen mit den Mienensingers Michael Pogo Kreiner, Raphael Nicholas, Judith Prieler und Petra Staduan Telemanns „Glück“: Als stilvolles Finale einer so poetischen wie unterhaltsamen Aufführung. Viel Applaus und großer Jubel.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

  1. 6. 2017

Volkstheater in den Bezirken: Stella

April 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein besonders bizarrer flotter Dreier

Regisseur Robert Gerloff macht aus „Stella“ eine knallbunte Komödie: Hanna Binder, Andreas Patton, Bettina Ernst, Günther Wiederschwinger, Doris Weiner, Constanze Winkler und Sofie Gross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Natürlich singt Stella „Fernando“. ABBA, das ist an diesem Abend so aufgelegt, das kann gar nicht anders sein. Und natürlich meldet sich der so angebetete Kriegsveteran mit einem hingeschmetterten „Hoch auf dem gelben Wagen“ zurück. Schließlich beginnen doch alle Herzensirrungen und -wirrungen in der Poststation. Robert Gerloff hat für das Volkstheater in den Bezirken Goethes „Stella“ inszeniert, keine Bange: nicht als Sing-along.

Doch der junge Duisburger Regisseur, in Deutschland längst bekannt als Spezialist für humoristische Lesarten und entfesselte Figuren, hat im Trauerspiel die Komödie entdeckt. Und das ist so frech und frisch, so schrill und schräg, so temperamentvoll und temporeich, dass die zwei Stunden Aufführung eine reine Freude sind. Gerloff hat mit Gabriela Neubauer (Bühne) und Johanna Hlawica (Kostüme) eine bonbonbunte Welt zerzauster Perücken und ausladender Reifröcke erdacht, bei den beiden sitzengelassenen Damen ist „Schnürbrust“ ja quasi Pflicht, und durchpflügt diese nun mit hunderterlei stimmig-spaßigen Ideen, bei denen stets die Wertschätzung von Goethes geschliffener Sprache im Vordergrund steht. Dessen Zitatenschatzkästleinsätze finden sich im Bühnenbild mit „… und der Geliebte ist überall, Alles für den Geliebten“, wie auf Glückskeksen – man speist gemeinsam aus Chinapappschachteln – oder auf Stellas und Cäciliens Schnupftüchern.“ Nichts ist bleibend“ ist in das der zweiten gestickt.

Wenn etwas jemandes „Grille“ ist, zirpt eine ebensolche, überhaupt durchkreuzen Tierlaute vom Hahnenschrei bis zum Ebergrunzen jegliche Chance des Pathos‘ aufzukommen. Fliegen einem die Gedanken hoch, muss sich sein gegenüber tief ducken. Und muss Töchterchen Lucie über eines stillschweigen, dann über die finanziellen Vater-litäten, in denen sie sich wegen des Fehlverhaltens ihres Erzeugers befindet. Er, der als Offizier eben noch „half die sterbende Freiheit der edlen Korsen unterdrücken“, bringt als Gastgeschenk von dort, als wär‘s im Auftrag des Geheimrats, Käse mit. Kein Wunder, dass da Stellas Keksherzen gebrochen aus dem Ofen kommen …

Ein Mann zwischen der Geliebten: Hanna Binder und Andreas Patton … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und der Ehefrau: Andreas Patton und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch Gerloff kann mehr als Gags, Gimmicks und Kalauer. Er bringt dem Ganzen eine moderne Note bei. Fernando, bei Goethe noch der verzweifelt Doppelliebende, der hehre Leidende an der Situation, wird vom dramatischen Sockel geholt. Andreas Patton, schauspielerisch wie immer fabelhaft, macht aus ihm einen ziemlichen Pantoffelhelden (tatsächlich trägt er auch nur noch einen Soldatenstiefel und ein Stiefeletterl) – und konterkariert so das „Verständnis“, das der Tunichtgut und Seitenspringer für sich beansprucht, und das ihm im Original auch entgegengebracht wird. Wenn Stella und Cäcilie hier seine Treulosigkeit vergeben, so schimmert hinter dem Gnadenakt die Heuchelei durch. Hanna Binder als Geliebte und Bettina Ernst als Ehefrau (an beide ergeht ein Extrapreis fürs Gesichter schneiden – von angeekelt bis höchst angetan) sind einander verwandtere Seelen als mit dem Herrn der Schöpfung. Und weil’s ihm die beiden, mit Lucie eigentlich: die drei, mitunter ganz schön keifzangig geben, freut man sich als Frau insgeheim diebisch, dass Fernando sein weiteres Schicksal nun zwischen diesen Moiren verbringen darf.

Denn selbstverständlich bezieht sich die Inszenierung auf das Ende von 1775. Das Gleichnis vom Ritter von Gleichen wird erzählt, ja, Goethe selbst tritt auf, um dem Publikum zu versichern, dass es doch weder Klostergang noch Selbstmord ernsthaft sehen wolle – und so einigt man sich auf „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“. Er habe nur „ein repräsentatives Männerbild“ entworfen, entschuldigt sich der Autor – und man ahnt, dass dieser hier ein besonders bizarrer flotter Dreier werden wird.

Mit dem großartig komödiantischen Trio Patton-Binder-Ernst agiert das gesamte Ensemble voll von Spiellust. Sofie Gross ist eine glubschäugige Lucie, die ihren Teenager-Sturkopf kaum mit der antrainierten Mädchen-Lieblichkeit zu kaschieren vermag. Doris Weiner ist eine hinreißende, klatschsüchtige Postmeisterin in einem entzückenden Tutu-Hosenanzug. Günther Wiederschwinger spielt als Postillon/Verwalter sein Talent für Slapstick aus – und gemeinsam mit Doris Weiner auch Trompete und Posaune.

Singt sich nach „Fernando“ die Seele aus dem Hals: Hanna Binder, Sofie Gross und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Constanze Winkler schließlich darf nicht nur als Goethe himself auftreten, sondern sie spielt auch das Annchen und den Bedienten Stellas. Der heißt zwar mal Friedrich mal Wilhelm mal Heinrich, macht Lucie aber unter jedem Namen Avancen. Mit dem Teppichklopfer Popoklatsch auf die Tournüre – auch da mag man sich schon vorstellen, wie es weitergeht. Am Ende wird noch einmal gesungen: Georg Danzer – „Heute ist der Tag“.

www.volkstheater.at

Wien, 29. 4. 2017