Alles ist gut

November 29, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In aller Stille implodieren

Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz bringt als schweigendes Vergewaltigungsopfer Janne eine beachtliche Leistung. Bild: Trimafilm

„Alles gut“ oder „Danke, gut“, das sind die gesellschaftlich bevorzugten Floskeln, wenn es darum geht, Wogen zu glätten, ein Gegenüber zu beruhigen, eine Situation zu deeskalieren. In diesem Sinne ist wohl der Titel von Eva Trobischs Spielfilmdebüt zu verstehen:

„Alles ist gut“, ab Freitag in den Kinos, ist sozusagen das Mantra ihrer Protagonisten, der unendlich daran gelegen ist, „die Sache nicht so hoch zu hängen“. Die Sache ist immerhin eine Vergewaltigung. Doch Janne ist es gewohnt, ihr Dasein mittels der beständigen Beschwichtigung anderer zu bewältigen, und so schweigt sie auch diesmal. Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz spielt diese Janne, und ihr dabei zuzusehen, wie sie in aller Stille implodiert, ist ein bemerkenswertes Erlebnis.

Die Tat passiert nach einem Klassentreffen, von dem Janne den hochintellektuell anmutenden Martin mit nach Hause nimmt, der hat wie Janne einen sitzen, ist aber durchaus charmant, bis er zudringlich wird. „Echt jetzt?“, ist Jannes Verzweiflungsfrage, als er in sie dringt. Janne wird Martin bei ihrem Jugendfreund und späteren Arbeitgeber Robert wiedertreffen, und da ist noch ein Mann, der ihr Leben beherrscht: Piet, von dem man erfährt, dass er mit einem gemeinsam mit Janne gegründeten Buchverlag pleite gegangen ist, sich aber schon vorher rausgekauft und einen Bestseller veröffentlicht hat.

Piet hängt wie ein Schatten über der Beziehung, und da er der impulsive Typ ist, fragt man sich, ob Jannes kontrollierte Art, die Tatsache, dass sie alles auf sich abladen lässt, mit seinem schwierigen Charakter zu tun hat. Als Janne schneller als er einen neuen Job hat, nämlich Cheflektorin bei Robert, reagiert Piet mit aggressiver Gekränktheit und flüchtet sich in Sarkasmen. Und so macht Janne nicht nur ihren eigenen, sondern auch den Wert ihrer neuen Tätigkeit klein. Das alles erzählt Regisseurin und Drehbuchautorin Trobisch mit einer erschreckenden Beiläufigkeit; die Unaufgeregtheit, mit der sie im Film Unheil an Unheil reiht, wirkt auf den Betrachter ziemlich irritierend. Umso mehr, als sich Trobisch trotz des schweren Themas immer wieder eines kurzangebundenen, trockenen Humors bedient.

Wie mit der Situation umgehen? Aenne Schwarz als Janne mit Hans Löw als Martin. Bild: Trimafilm

Impulsiv trifft introvertiert: Aenne Schwarz als Janne und Andreas Döhler als deren Freund Piet. Bild: Trimafilm

Als Cast ist ein Best-of des Burg-, des Thalia Theaters und des Berliner Ensembles versammelt. Hans Löw ist als Martin zu sehen, Andreas Döhler als Piet. Tilo Nest ist als Robert sozusagen Jannes Gegenpol, ist er doch in einer Ehe mit einer viel jüngeren Frau und deren Kinderwunsch gefangen, hier wird die Situation explodieren, und sie ihn grün und blau treten, weil sie nicht schwanger wird. Falk Rockstroh hat einen Kurzauftritt als Insolvenzberater, Juliane Köhler einen als mondäne Autorin.

Sie alle beeindrucken mit ihrem reduzierten, spröden, nüchternen Spiel. Beinah verstörend zu nennen ist eine Szene, in der Löws Martin Schwarz‘ Janne in Roberts Verlag wiedersieht, seine Befangenheit schier greifbar, seine Augen, die um Absolution bitten, Wangenküsschen als Tarnung vor dem Chef.

Und zwischen den Männern eine Frau, die kein Problem haben und keines sein will. Wobei ihre Verdrängungsstrategie die Narben nur noch tiefer treibt. Dass Trobisch Jannes heiklen Balanceakt, ihren Versuch, die Dinge rational durchzustehen, scheitern lässt, ist ein logischer Schlusspunkt. Aenne Schwarz brilliert in diesem Porträt einer Frau, die nicht als Opfer gesehen werden will, und dafür einen hohen Preis bezahlt. Wie sie hinter der kühlen, letztlich selbstzerstörerischen Fassade die Aufgewühltheit ihrer Figur erkennen lässt, das ist im Wortsinn großes Kino. „Alles ist gut“ wurde von Eva Trobisch vor #MeToo erdacht, und bringt die Debatte darum, um ein Schweigen, das Gewalt bestärkt und zulässt, dennoch auf den Punkt.

allesistgut-derfilm.de

  1. 11. 2018

Theater Drachengasse: All das Schöne

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liste für die Lust am Leben

Michaela Bilgeri und Andreas Dauböck spielen mit dem Publikum. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Nummer eins: Schokolade, Nummer zwei: Wasserschlachten mit Wasserbomben, Nummer drei: Achterbahnen … So beginnt eine Reihenfolge der Dinge, die eine Siebenjährige nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter auflistet, um diese an „All das Schöne“ zu erinnern, für das es sich zu leben lohnt. Im Theater Drachengasse hat Esther Muschol den Monolog des britischen Dramatikers Duncan Macmillan inszeniert. Eine wunderbare One-Woman-Show für Schauspielerin Michaela Bilgeri, die sich von Andreas Dauböck musikalisch beistehen lässt.

Bilgeri holt sich für ihre Protagonistin auch Unterstützung aus dem Publikum. Noch bevor’s losgeht werden Zettel verteilt, darauf Worte und Halbsätze, wer einen in die Hand gedrückt bekommt, wird im Laufe des Abends seinen Punkt der Lebenslust-Liste laut vorzulesen haben. Bilgeri holt ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mitunter sogar Richtung Spielfläche ab. Eine wird spontan zur Tierärztin, aus einer ausgeborgten Fleecejacke und einem Kugelschreiber werden Hund und Spritze, einer wird zum Vater, eine Schulpsychologin, die, entledigt von Schuh und Strumpf, versucht sich dem verstörten Kind durch „Socki“ anzunähern.

Dass die Mitmach-Übung gelingt, dass die Gruppendynamik bald den ganzen Raum ergreift, ist Bilgeris und Dauböcks sympathischer Art zu danken. Nie sind die Interaktionen peinlich oder übergriffig oder erzwungen, im Gegenteil: die Stimmung ist froh gestimmt und offenherzig, erstaunlich wie die Leute mitgehen und wie sich manch einer als Bühnentalent entpuppt, verblüffend, wie man zur Gemeinschaft wird, wie man näher zusammenrückt. Der Abend wirkt trotz des schweren Themas leichtfüßig. Bilgeri turnt zwischen Sitz- und Satzreihen, spielt auf den Punkt, spielt mit Feuer und auch Verzweiflung, ist berührend und selbst gerührt, erzählt und erklärt und fragt und hinterfragt, und erweist sich insgesamt als großartige Entertainerin, die ihre Figur mit viel Humor, der nötigen Portion Galgenhumor ausstattet. Mutterwitz, mit dem sie die ständige Angst vor dem nächsten Absturz mit Anekdoten tarnt.

„Wenn etwas Schlimmes passiert, spürt das der Körper, bevor der Verstand weiß, was passiert ist“, sagt sie. Da ist es, zehn Jahre später, wieder so weit, die Mutter nach einem weiteren Suizidversuch wieder im Krankenhaus, und die nunmehr Teenager-Tochter, die ihr erst empfiehlt, keine Tabletten mehr zu nehmen, sondern „Spring von einer Scheiß-Brücke!“, setzt die Liste fort. Erweitert sie um „Wayne’s World“ und Johnny Depp. Macmillans liebenswerter, und ebenso dargebotener, Text lässt deutlich erkennen, was die ständige Sorge um die Mutter, was deren Depression mit der Familie macht, mit der Tochter, die mit dem Erwachsenwerden mehr und mehr mit der Furcht konfrontiert wird, so zu werden wie sie, mit dem schweigsamen Vater, der sich in seine Schallplattensammlung verkriecht.

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Dauböck und Bilgeri geben dessen Lieblingsmusik live zum Besten. Von Johnny Cashs „Ring of Fire“ bis zur Vertonung der Konrad-Bayer-Lyrics „Glaubst i bin bled“ von der Worried Men Skiffle Group. Auch die Mutter in ihren besten Momenten ist anwesend, wenn sie am Klavier in der Küche sitzt und singt.  Doch eine Universitätsprofessorin lässt ausgerechnet den „Werther“ lesen, ein erster Freund wird erst zum Ehemann, dann zum Ex. Bilgeri bringt ihr Publikum mit ihrer Spontanität bis zum Küssen, und ja, ein bissl arbeitet da schon der Schadenfreude-Faktor, wenn man grad selber nicht drankommt.

Und Ágnes Hamvas‘ Raumgestaltung gibt immer weitere Listenplätze preis, und viele davon legen eigene Erinnerungen an „All das Schöne“ frei. Bis eine Million will die Ich-Erzählerin kommen. Im Foyer liegt nicht zuletzt deshalb ein Buch auf, in das das Publikum selbst seine schönsten Dinge eintragen kann. Neben „schwanger sein“ und „ein Kind zur Welt bringen“, dies wohl als Frage darauf, warum das Macmillans Mutterfigur nicht Lebensgrund genug ist, steht da:

Zu sehen, wie Jamie Cullum nach seinem Konzert auf der Donaubühne Tulln beim Schlussapplaus samt Band ins Wasser sprang. Na bitte. Bis 24. November kann man sich noch in die Liste eintragen.

www.drachengasse.at

  1. 11. 2018

Stadtsaal – Andreas Vitásek: Austrophobia

Oktober 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein tiefer Blick in die Untiefen der Seele

Bild: Udo Leitner

Kein Schmäh. Die Angststörung gibt es tatsächlich. Von Ärzten definiert als Furcht vor Österreich und den hier lebenden Menschen, als ein Erschrecken vor der hiesigen Kultur. Ob Andreas Vitásek wirklich darunter leidet? … naja, sein aktuelles Programm bewegt sich schließlich nicht umsonst virtuos im Wechselschritt zwischen erlebt und erfunden. „Austrophobia“ heißt es, ist das 13.

Und gut ist’s, dass der Vitásek kein Triskaidekaphobiker ist, sonst hätte er damit nämlich arg Probleme. Man merkt, dem Kabarettisten geht es diesmal um Krankheit. Also, die der Seele. Er riskiert einen tiefen Blick in die Untiefen der österreichischen. Und in die eigene, weil die doch auch nur eine einheimische ist. Lieber aber, sagt er, fährt er weg, als dass er „heimkommt“, da hat er so ein kindheitliches Sprachtrauma von Ins-Heim-kommen, „wennst nicht brav bist“. Überhaupt, der Heimat-Begriff, das ganze Dirndlgetue im Servusland, ist ihm eher suspekt. Zuhause, sagt er, ist dort, wo man gerne kackt, Heimat ist, wo man begraben sein will. Und „fremdeln“ habe immer mit einem direkt und diesem Ein-bissl-mag-ich-mich-selber-nicht-Gefühl zu tun.

Vitásek arbeitet sich am F-Wort ab. So kommt er von den Wiener Philharmoniker zu Sigmund Freud und Falco (dessen Spruch „Jetzt ist es aus, das schaff ich nimma“ anlässlich des Nr.1-US-Chartplatzes typisch für den österreichischen Minderwertigkeitskomplex sei), und apropos Spruch: von Fred Sinowatz zum französischen Norbert-Hofer-Fan – ein Pariser Taxifahrer vom Flughafen auf dem Weg in die Stadt. Zur Vergangenheit, die nach der Gegenwart greift, sowieso, und nach dem hierzulande so beliebten Sich-aus-der-Verantwortung-Stehlen. Wählen, sagt er, ist wie Zähne putzen, wenn man es nicht macht, wird’s braun. Vitásek schießt subtil scharf, wenn er seine pointierten Beobachtungen in Pointen verwandelt.

Bild: Udo Leitner

Bild: Udo Leitner

Dass er dabei den Firnis von blenderischen Politoberflächen kratzt, das Regierungs-F nicht mehr als, aber doch eine durchlaufende Fußnote im Text, hat er nach seiner Beschäftigung mit Otto Grünmandl weiter intensiviert. Politisch ist er kein Trottel, und privat kennt er sich aus. Nichts nützt es, dass Frau und Tochter die „billigen Witze“ aus dem Programm entfernt wissen wollten, sie kommen ebenso gnadenlos vor, wie der familieneigene Mops, dieser illegal eingewanderte Slowake und Leckerli-Bettler in Erste-Bezirk-Boutiquen.

Und natürlich Vater Vitásek, der aus der damaligen Tschechoslowakei gekommene Schneidermeister. Bei „Migrationshintergrund“, sagt Vitásek Sohn, denkt er immer an Fototapeten. Viel mehr ist bei ihm mit dem Vokabel nicht anzufangen.

Vitásek erzählt Geschichte über G’schichtln, er hangelt sich mit enormen Tempo durch seine Assoziationsketten, probt den Spagat über persönliche und mentalitätsmäßige, aktuell politische bis austrohistorische Abgründe, verschont auch sich selber nicht.

Schildert schelmisch entrische Öffi-Begegnungen mit dem geneigten oder nicht geneigten Publikum, und wie das goldene Wienerherz beim Brandweiner absäuft. Dass der Humor ein morbider ist, mag damit zu tun haben, dass, wie er sagt, die Frequenz der Begräbnisbesuche mit 62 doch zunimmt. Ein alter Bekannter taucht nach zehn Jahren Exil in der Puppenkiste ergo auch wieder auf. Der kleine Tod. Und der ist, sang schon Georg Kreisler, selbstredend ein Wiener. Mit seinem „Zippe-Zappe“ muss er neuerdings allerdings aufpassen, weil, ein falsches Wort und er wird an den André Heller verkauft.

www.vitasek.at/

www.stadtsaal.com/

  1. 10. 2018

Volksoper: Gasparone

Juni 3, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Inszeniert mit ironischem Augenzwinkern

Sebastian Geyer als „Der Fremde“. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Sehr schwungvoll und sehr Wienerisch geriet der „Gasparone“ an der Volksoper. Da darf die Garde des Bürgermeisters angetan als heimische Polizisten Strafzettel ans Publikum verteilen, ebendieser Nasoni den Spritzwein ordern und ordentlich Dialekt gesprochen werden. Regisseur Olivier Tambosi hat sich für die 1931-Fassung des Millöcker-Werks entschieden, mit allen Hits von „Denk ich an dich, schwarze Ninetta“ über „Er soll dein Herr sein! Wie stolz das klingt!“  bis „Nur Gold will ich haben und Edelgestein“, inklusive des größten Schlagers „Dunkelrote Rosen, bring’ ich, schöne Frau“, der ja ursprünglich aus der „Diana“ stammt.

Tambosi setzt damit auf eine Zeit in der das Singspiel in der Bearbeitung von Ernst Steffan und Paul Knepler schon zur Revueoperette mutiert war. Dem Rechnung tragend zeigt sich das Ensemble tanzfreudig, weder Solisten noch Chor stehen kaum eine Minute still, und das Volksopernorchester unter der musikalischen Leitung von Andreas Schüller, der für ein Lied des Bürgermeisters sogar die Bühne erklimmt, um dort Klavier zu spielen, zeigt dazu, was es kann – von Walzer über Tarantella bis Tango.

Die Inszenierung mit ironischem Augenzwinkern ist ein über weite Strecken würdiger Abschluss einer gelungenen Saison. Der Inhalt: Im beschaulichen Städtchen Trapani hat sich’s jeder gerichtet. Der korrupte Nasoni versucht eine profitable Ehe zwischen der reichen Witwe Carlotta und seinem Nichtsnutzsohn Sindulfo zu stiften. Wirt Benozzo ist gleichzeitig Chef einer Schmugglerbande und nur in Bedrängnis, wenn seine Frau Sora Liebesdienste von ihm erwartet. Benozzo war es auch, der die Legende vom Räuberhauptmann Gasparone in Umlauf gebracht hat, so ein Superschurke kommt ihm gerade recht, um die eigenen Vergehen zu vertuschen. Da steht eines Tages ein Fremder auf dem Hauptplatz. Ist er der böse Geist, den man einmal zu oft beschworen hat? Unruhe macht sich breit. Vor allem, als sich herausstellt, dass der Unbekannte nicht nur die Umtriebe durchschaut, sondern sich auch in Carlotta verliebt hat …

Christian Graf als Luigi, Marco Di Sapia als Benozzo, Gerhard Ernst als Baboleno Nasoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerhard Ernst mit Mara Mastalir als Carlotta und Johanna Arrouas als Sora. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Bühnenbildner Andreas Wilkens hat dafür eine Hügellandschaft erdacht, die mal mit Teppichen, mal mit Zeitungsschlagzeilen ausgelegt ist. Das erste Bild ist eine Bettenburg, in der die Bewohner Trapanis unsanft aus dem Schlaf gerissen werden, später gibt’s Strand, Mond und ein Motorboot, das in den Himmel entschwebt. In dieser Kulisse begeistert vor allen anderen Gerhard Ernst als Nasoni. Ernst stellt einen Politikerschlingel erster Güte auf die Bühne, weiß im richtigen Moment zu rühren, dann wieder das Publikum zum Lachen zu bringen. Herrlich die Verhörszene mit Carlotta und Sora, in der er – ganz Klischee des hiesigen Beamten – erst einmal die Brotzeit auspackt, bevor’s ans Eingemachte geht.

Ihm in nichts nach stehen Marco Di Sapia als Benozzo und Johanna Arrouas als Sora. Die beiden geben ein temperamentvolles Buffopaar, das nicht nur darstellerisch, sondern auch stimmlich überzeugt. Christian Graf als Luigi ist auf dem besten Wege, ein neuer Publikumsliebling am Haus zu werden. Dass gegen dieses Quartett, das auch den meisten Applaus bekam, schwer anzukommen ist, musste das erste Paar, Mara Mastalir als Carlotta und Volksopern-Debütant Sebastian Geyer als Fremder, erfahren.

Doch während Mastalir ihre Partie noch ordentlich erledigte, blieb Geyer, obwohl in mephistophelisches Rot gewandet, in jeder Hinsicht blass. Und ziemlich schwer verständlich. Auch David Sitka als Sindulfo schaffte es nicht wirklich, aus seiner prinzipiell dankbaren Rolle etwas zu machen. Alles in allem aber ist dieser „Gasparone“ ein Gute-Laune-Abend, bei dem man sich zum letzten Mal in dieser Spielzeit gepflegt unterhalten kann. Jetzt heißt es abwarten, was die nächste bringt.

www.volksoper.at

  1. 6. 2018

aktionstheater ensemble: Swing. Dance To The Right

Januar 12, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Beispiel der Pinguine

„Die sind ja so was von brutal, die Pinguine“: Susanne Brandt und das aktionstheater ensemble. Bild: Gerhard Breitwieser

Es war ja so angekündigt, im Falle eines Rechtsrucks in Österreich etwas Unterhaltsames zu machen. Nun trat das aktionstheater ensemble im Werk X zusammen, um mit seiner jüngsten Produktion „Swing. Dance To The Right“ dieses Versprechen wahr zu machen. Natürlich nicht ohne vorherige geheime Wahl, ein Nachfragen im verehrten Publikum, ob dieses eh „Ein bisschen was Freches“ und „Nichts Kompliziertes“ wünsche. Klar, dass zur Abstimmung nur die erste Reihe gebeten war.

Das aktionstheater ensemble spiegelt von jeher die Gesellschaft. Und so wurden auch nur die Vornesitzer später mit Punschkrapferl verwöhnt. Die Österreich-Synonym-Süßspeise: außen zuckerlrosa, innen braun und mit ganz viel Inländerrum … Martin Gruber und sein Ensemble sind also angetreten, um – Zitat –„jene Stimmungen einzufangen, welche der beängstigende österreichische ,Tanz nach rechts‘ in der Gesellschaft und im Einzelnen evoziert: Narzissmus, Machismo, Frauenfeindlichkeit, Empathielosigkeit“. Sie tun dies in einem infernalischen Mix aus Sprache, Musik und Tanz. Und am Beispiel der Pinguine.

Im Gleichschritt tanzt! Michaela Bilgeri, Susanne Brandt, Martin Hemmer, Isabella Jescke und Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

Die nämlich sind so brutal, wie’s der Mensch nur sein kann. Gleichsam gleichgeschaltet in ihrem Sich-um-die-Gruppe-Drehen. Ein trauriges „Plitsch, Platsch, Pinguin“-Lied macht leitmotivisch klar, wie’s dem ergeht, der sich absondert: Erfrieren oder – naja, nebbich, Süd- oder Nordpol – Eisbär. Susanne Brandt weiß derlei zu berichten, und auch vom neuen BH vom neuen Freud, der ihr aber offenbar ein blaues Auge eintrug. Nicolaas van Diepen macht derweil den Vortänzer.

Immer schön die Mitte behalten. Das ist ganz wichtig für die kollektive Stimmung. Schließlich geht’s um die Bewegung. Dass er anschließend mit einer imaginären Pumpgun die Genussregion Österreich zerschießt, ist nur ein weiterer Loop auf dieser Hochschaubahn der Entsolidarisierung. Die sich hier spöttisch auf  Irrationalität reimt. Martin Gruber ironisiert das einheimische Spießerleben mit Kirscheneinkochen und Kindermachen bis zum Anschlag. Da kann’s Isabella Jeschke passieren, dass sie nach einem „total faschistischen“ Dirndlkirtag die verletzte Seele in einem Nazi entdeckt, während rund um den „halbdeutschen“ Martin Hemmer der Streit entbrennt, ob man hierzulande Sahne statt Schlagobers – beides natürlich gedacht für die Punschkrapferl – sagen dürfe. Kein Wunder, dass der arme Mann den ganzen Abend über so verschreckt dreinschaut.

Mit einer imaginären Pumpgun wird die Genussregion Österreich genüsslich zerschossen: Nicolaas van Diepen. Bild: Stefan Hauer

„Afghanen, Syrer, Tschuschen, lecker, lecker, lecker …“, singt die Brandt, während Michaela Bilgeri versucht den alten Cinesenwitz vom „Lang Fing Fang“ zu erzählen. Ach, es geht doch nichts über sprachspielerischen Chauvinismus. Und überhaupt die Chinesen mit ihrem Organhandel und dem nachgebauten Hallstatt! Das übrigens irgendwie mit dem blauen Auge zu tun haben dürfte. Andreas Dauböck intoniert den Chinesen-Kontrabass-Song.

Der Tanz wird immer mehr zu einem „Rechts um!“-Kommando, die Tänzer loten im Gleichschritt das ganze Spektrum des Grotesken aus. Das bunte Treiben konterkariert Bella Angoras schwarzweißes Schattenspielvideo. Kommandogeber van Diepen erklärt statt eines festen Standpunktes den aktuellen Schwingpunkt: Den Schwung der vorigen Bewegung für die nächste Bewegung verwenden, und so tun, als ob es eine neue Bewegung wäre, obwohl es noch die alte ist. So geht’s zu, wenn man die erste Reihe gewähren lässt, während sich die übrigen ins „Rien ne va plus“-Bewusstsein zurücklehnen. „Swing. Dance To The Right“ ist die durchchoreografierte Analyse dieses entsetzlichen Ist-Zustandes, chaotisch, poetisch, komisch – und unerbittlich. Pinguin, merke dir: Wer aus dem Takt fällt, den holt die soziale Kälte. Und einer wird des anderen Fressfeind.

www.aktionstheater.at

  1. 1. 2018