Theater Nestroyhof Hamakom: Falsch

März 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dämonischer Totentanz im dichten Theaternebel

Im Wortsinn eine Familienaufstellung: Barbara Gassner, Jakob Schneider, Florentin Groll, Katalin Zsigmondy, Thomas Kolle, Franz Xaver Zach und Marlene Hauser. Bild: © Marcel Köhler

Die Atmosphäre beim Eintritt in den Spielort – gespenstisch. Finsternis, die Schauspieler nur Schemen, dichte Nebelschwaden wabern durch den Raum, so dass die Zuschauertribüne fast nicht zu finden ist, also auf!, unsicheren Schrittes, denn der symbolisch ausgebreitete Ascheboden ist weich und uneben … Später werden Neonstäbe das Spiel erhellen, doch kein Licht ins Dunkel bringen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich vorgenommen, enigmatisch zu bleiben.

„Falsch“ heißt das Stück des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, geschrieben 1980, ein Jahr bevor er jung an Lungenkrebs starb, und es ist das unschätzbare Verdienst von Hausherr Frederic Lion diese wichtige Stimme für Wien wiederentdeckt zu haben. Dass er „Falsch“ im Theater Nestroyhof Hamakom als österreichische Erstaufführung zeigt, ist kaum zu glauben, und dennoch; in Frankreich haben die Brüder Dardenne den Stoff bereits 1986 verfilmt. Kalisky, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Vaters, entwirft hier ein surreales Szenario, Untote, die im Hamakom durch den von Andreas Braito geschaffenen Raum geistern, um das letzte gelebt habende Familienmitglied in ihren Kreis aufzunehmen.

Dieses heimgekehrte „Kind“, Josef, Joe, stürzt in New York aufs harte Pflaster, ob das Folgende Komatraum oder schon das Sterben ist, entschlüsselt sich nicht, hält Kalisky in seinen hybriden Welten doch an der Nichtendgültigkeit des Todes fest, ein Trauma erleidet Joe jedenfalls – denn als er aufwacht, in einer Nicht-Zeit, an einem Nicht-Ort, ist er umringt von der Verwandtschaft, die ihm bescheidet, es sei Berlin 1938. In einer dämonischen Tanzbar, mit Tomas Kolle an den Turntables, entwickelt sich nun eine erbarmungslose Generalabrechnung über Schuld und den Schutt verblasster Erinnerungen und die Realitätsverweigerung derer, die „vergessen, was sie vergessen wollen“.

Die Tante als Vaters Geliebte, die Mutter hat’s immer gewusst: Barbara Gassner und Florentin Groll. Bild: © Marcel Köhler

Die Brüder Joe und Gustav sind sich uneins in ihren Erinnerungen: Franz Xaver Zach und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Frederic Lion, zurückhaltend im szenischen Zugriff, hat Kaliskys großangelegtes Werk klug auf seine Essenz reduziert, hat den poetisch-brutalen Text in der ihm typischen Sprödheit inszeniert, ohne Schmus, ohne Sentiment, weil er immer dort, wo dies möglich gewesen wäre, auf Distanz zum Geschehen geht – doch gerade dadurch schafft er Momente einer Zerbrechlichkeit, eine Dünnhäutigkeit, ein Erspüren-Können von Vernichtung, das berührt und betroffen macht. Die sich versammelt haben, und nomen est omen, sind „die Falschs, die in die Geschichte des Jahrhunderts mehr tot als lebend eingegangen sind“:

Vater Jakob (Florentin Groll), Mutter Rachel (Katalin Zsigmondy), Tante Minna (Barbara Gassner), die in den Konzentrationslagern gestorben sind. Die beiden Brüder Georg und Gustav (Jakob Schneider und Thomas Kamper), die 1938 mit Joe (Franz Xaver Zach) nach New York emigriert waren, der jüngste, Benjamin (Thomas Kolle), der ebenfalls ermordet wurde. Und auch Lilli (Marlene Hauser) hat sich eingefunden, Joes Jugendliebe, die bei der Bombardierung Berlins umgekommen ist. Im Zwischenreich des Nachtlokals hat man nun beschlossen, einander die Wahrheiten – oder was man dafür hält – zu sagen.

Übers „Desertieren“ aus Deutschland, übers Überleben in Tagen, als in Berlin statt der Linden die Wachtürme die Schatten geworfen haben, übers Nicht-Leben-Können zwischen judenrein und „Juden raus!“. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater damals nicht zum Aufbruch gedrängt? Warum wurden daher so viele in der Familie Opfer des Holocausts? „Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, ist die schlichte Begründung, einer der zahlreichen bemerkenswerten Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Minnas Liebesaffäre zu Jakob wird aufgedeckt, die immer noch währende Eifersucht Rachels, Bens Verbitterung, wenn er den Brüdern aus den USA entgegenschreit „Ihr stinkt nach Leben!“, die Tatsache, dass Gustav, der so gern ein Broadway-Star geworden wäre, nur Wehrmachtsoffizier im Film sein durfte. Dies dafür 45 Mal.

Das letzte gemeinsame Sabbatfest eskaliert auch in der Wiederholung: Thomas Kolle, Marlene Hauser, Jakob Schneider und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Und während das letzte gemeinsame Sabbatfest wiederholt wird, Rachel Lilly als Nazi-Kind beschimpft und sogar posthum von der Tafel verstößt, die Existenzen in Übersee sind als mit Kokain und im Hudson River beendet entpuppen, hält das großartige Ensemble bei seiner Darstellung der Falschs wunderbar die Waage zwischen absurd, abstrakt und abgrundtief zärtlich zueinander. Gewalt und deren Schilderung folgt auf grausame Vorwürfe folgen auf grenzenlose Liebe.

In ihrem Nachruf schrieb LeMonde über Kalisky „alles ist Ironie, clownesk, großes metaphysisches Konzert in dieser unvollendeten Arbeit, die er uns hinterlässt“. Dem ist angesichts des Abends im Hamakom nichts hinzuzufügen, außer, wie beeindruckend er ist, zu Zeiten, da der Begriff Erinnerungskultur immer mehr zum bizarr-populistischen Modewort wird.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dCBtQl8nGz0

www.hamakom.at

  1. 3. 2019

Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

Love Machine

Januar 29, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Womanizer mit Waschbärbauch

Georgy Hillmaier wird vom ambitionslosen Musiker zum erfolgreichen Callboy: Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

„Sensibel, bissi Macho, lustig, aber ned bled“, solcherart charakterisiert Georgy Hillmaier das mängelfrei funktionierende Mannsbild, hat er doch selber mit dieser Grundausstattung den größten Erfolg. Wobei, apropos Grundausstattung, die wahrscheinlich längste Praline der Welt hat mit seinem guten Gedeihen im sogenannten ältesten Gewerbe schon auch etwas zu tun: Georgy Hillmaier bietet nämlich seit einiger Zeit als Callboy seine Liebesdienste an.

„Love Machine“ heißt folgerichtig die freche Filmkomödie von Andreas Schmied, die am Freitag in den Kinos anläuft, und in der Schauspieler und Kabarettist Thomas Stipsits den Georgy spielt. Der, ambitionsloses Mitglied einer Zwei-Mann-Combo für Geburtstage und andere Feiern, wird zunächst einmal vom Leben aus der Kurve getragen. Sein Musikerkollege stirbt mitten in einem Auftritt den plötzlichen Herztod, und weil Schulden da sind, verliert Georgy mit einem Schlag nicht nur den Job, sondern auch Auto und Wohnung. Eine Idee für eine neue Einnahmequelle muss also her, und eine solche hat Georgy mit dem Geistesblitz, er könnte doch professioneller Frauenverwöhner werden. Schwester Gitti unterstützt die Absicht nach anfänglicher Skepsis, kommt Georgy bei den Damen doch bestens an. Bald brummt das Geschäft – bis sich die Love Machine ernsthaft verliebt. Ein eher unpraktischer Gemütszustand in diesem Berufsfeld …

Noch sind Georgy und Gitti auf der Suche nach einer Geschäftsidee: Thomas Stipsits und Julia Edtmeier. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Fahrlehrerin Jadwiga wird Georgys große Liebe: Claudia Kottal und Thomas Stipsits. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Leicht hätte ein Stoff wie dieser zur Sexklamotte, zum Klamaukfilm werden können, doch Regisseur Schmied und sein Hauptdarsteller meistern bravourös die Gratwanderung zwischen gefühlvoll, kess und komisch. Für diesen Mix ist Thomas Stipsits eine Idealbesetzung. Mit Charme und Schmäh und dem ihm eigenen verschmitzten Lächeln gibt er den Womanizer mit dem wehmütigen Blick und dem Waschbärbauch. Wobei vor allem zweiterer Georgy auf die Kundinnen supersympathisch wirken lässt, sind etliche der einsamen Herzen doch in der Altersgruppe Fiftysomething, und sich der Attraktivität ihrer äußeren Erscheinung alles andere als sicher.

Gleich der erste Job scheint diesbezüglich in Peinlichkeit zu versinken, doch Georgy rettet die Situation mit dem Vorschlag, fürs Erste einmal miteinander zu reden. Klar, dass es zu mehr kommt, Stipsits lässt sich in seiner Rolle auf eine Reihe intimer Szenen ein, die kaum eine Spielart von Sex auslassen, und immer ist das Gezeigte stilvoll. Auch, wenn Oralverkehr mit Barbara Schöneberger natürlich zum Lachen ist. Der deutsche TV-Star ist nur eine der kongenialen Darstellerinnen rund um Stipsits‘ Georgy. Auch Lilian Klebow, Adele Neuhauser oder Julia Jelinek gehören zu dessen Klientel.

Mit seiner Ehefrau Katharina Straßer hat Stipsits außerdem eine köstliche Szene. Ihre Figur will Georgys Können geburtsanregend einsetzen – die Straßer dabei tatsächlich hochschwanger mit Töchterchen Lieselotte. Die grandiose Julia Edtmeier, bekannt als Teil der künstlerischen Leitung im Bronski & Grünberg (www.mottingers-meinung.at/?p=27524), ist als Georgys Schwester Gitti zu sehen, erst Waxingspezialistin im Beautysalon der Ulrike Beimpold, bis sie hauptberuflich zur – was Arbeitsaufträge betrifft unbarmherzigen und Leistung einfordernden – Zuhälterin wird.

Georgy wird optisch optimiert: Claudia Schwarz, Thomas Stipsits, Julia Edtmeier, Agnes Hausmann und Philipp Doboczky. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Durch das Ableben seines Bandleaders lernt Georgy dessen Schwester, die Fahrlehrerin Jadwiga, kennen – und ist vom ersten Augenblick an für sie entflammt. Claudia Kottal gestaltet diese seltsam verkorkste junge Frau ganz fabelhaft, zwischen einer Schroffheit und einer Verletzlichkeit, deren Ursache sich erst später herausstellen wird. Georgy jedenfalls muss sich nun entscheiden, ob er weiter Callboy sein oder seine Liebesangelegenheit vorantreiben will.

Glaubt er. Denn einer, von dem jede Frau genau das bekommt, was sie im Moment höchsten Glücks braucht, hat natürlich auch der ausgerechnet in Sexfragen komplizierten Jadwiga etwas zu bieten … „Love Machine“ ist Kinovergnügen pur, mit einem hinreißenden Cast an großartigen Schauspielerinnen und einem Thomas Stipsits, der sich kein Blatt vor den … nimmt. Anschauen!

Thomas Stipsits im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31440

lovemachine.derfilm.at

  1. 1. 2019

Love Machine: Thomas Stipsits im Gespräch

Januar 21, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Schreck der Frauen vor dem Sixpack

Thomas Stipsits: Von der Zwei-Mann-Combo ins Callboy-Business. Georgy Hillmaier stellt sich und seinen Körper der Damenwelt entgeltlich zur Verfügung. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Kein Job, keine Wohnung und nur noch 8% Handyakku? Kein Problem für Thomas Stipsits, der im Film „Love Machine“ den arbeitslosen Musiker Georgy Hillmaier spielt. Am Tiefpunkt von dessen Leben eröffnet sich für Georgy nämlich eine unerwartete Karrierechance. Als Callboy bringt er künftig zahlenden Kundinnen viel Freude – und das nicht in erster Linie wegen seines Luxuskörpers. Dass er sich schließlich allerdings verliebt, macht das Ganze nicht unkomplizierter …

Am 1. Februar startet die freche Komödie von Regisseur Andreas Schmied in den Kinos. Mit dabei: Claudia Kottal, Julia Edtmeier, Ulrike Beimpold, Barbara Schöneberger, Lilian Klebow, Adele Neuhauser, Julia Jelinek und Katharina Straßer. Thomas Stipsits im Gespräch:

MM: „Love Machine“ Georgy Hillmaier verfügt über eine sagenhafte Grundausstattung, ich habe überlegt, wie wir ein seriöses Gespräch führen wollen, ohne die wahrscheinlich längste Praline der Welt zu erwähnen, aber …

Thomas Stipsits: Ja, darauf kommen die Leute immer wieder zurück. Fragen Sie einfach, wie es Sie überkommt.

MM: Gut also, was hat Sie daran angesprochen, in diese Filmkomödie einzusteigen?

Stipsits: Ich fand zum einen die Idee lustig, zum anderen hat mir gefallen, dass Andreas Schmied diesen Film inszenieren würde, weil ich ihn als Regisseur sehr schätze und mit ihm sehr gut kann. Ich habe bei ihm noch nie vor der Kamera gearbeitet, aber wir haben schon gemeinsam geschrieben und ich sollte schon mit einer kleinen Rolle bei „Die Werkstürmer“ dabei sein. Aber dann hat mir Wolfgang Murnberger eine Hauptrolle in „Steirerblut“ angeboten, und Andreas hat gesagt: Mach das! Was „Love Machine“ betrifft, hatten wir sofort den Konsens, dass dieses interessante Thema keine Sexklamotte, kein Slapstick oder Klamauk werden darf. Die Gefahr ist bei so etwas sehr hoch, deshalb gab es im Vorfeld auch viele Gespräche und Proben, damit die Szenen wirklich Intelligenz und Sinnlichkeit besitzen.

MM: Georgy ist der Womanizer mit dem wehmütigen Blick. Ein ungefährlicher Durchschnittsmann, der zum Superliebhaber wird. Ist das eine Figurencharakterisierung, die Ihnen entgegenkommt?

Stipsits: Natürlich liegen mir solche Figuren, weil ich abseits der Bühne eher kein offensiver Mensch bin. Ich bin ein großer Diplomat, gehe Streitereien lieber aus dem Weg, und ich glaube, dass mir Georgy darin nicht unähnlich ist. Ich habe mir vor Beginn der Dreharbeiten „Willkommen Mr. Chance“ mit Peter Sellers angeschaut, darin spielt er einen Gärtner, der eine gewisse Bauernschläue besitzt und unter einer Käseglocke durchs Leben wandelt, ohne dass ihm etwas passiert. Georgy Hillmaier ist ein ähnlicher Typ. Er macht sich wenig Gedanken, er hat keinen Plan fürs Leben, alles passiert ihm. Letztlich auch diese Callboy-Sache.

MM: Mit der Georgy gerade reüssiert, weil er kein Chippendale ist.

Stipsits: Genau. Ich denke, dass sich Frauen mehr schrecken, wenn einer mit Sixpack bei der Tür reinkommt. Trotzdem war es mir wichtig, als er die erste Kundin trifft, dass es beiden ein bissl peinlich ist. Er schlägt ihr vor, nur zu reden, und das meint er auch ernst. Er ist ein Seelenstreichler, und er bewertet nichts großartig, Frauen können ihren seelischen Müll bei ihm abladen, und er wird das nicht aburteilen.

MM: Als Mitglied dieser Gruppe, haben mich diese ganzen Fiftysomething-Frauen sehr berührt. Es ist tatsächlich nicht leicht, in diesem Alter noch einen g’scheiten Mann zu finden.

Stipsits: Das ist schön, wenn Sie so etwas sagen. Zwischen Georgy und seinen Kundinnen geht es nämlich schon um eine gewisse Art von Zuneigung, und auch wenn sie erkauft wird, will Georgy den Frauen nicht dieses Gefühl geben. Er schätzt seine Kundinnen wert, und er wächst an den Begegnungen selber menschlich, er ist anfangs viel oberflächlicher, bevor er sich auf diese „Heldenreise“ begibt. Ulrike Beimpold, die im Film auch mitspielt, hat gesagt, dass Georgy über den Sex zur Liebe findet.

MM: Sind Rollen wie Georgy Hillmaier solche, die Sie suchen? Mit Ihrem Gschau könnten Sie doch gut einmal einen Verbrecher spielen.

Stipsits: Das wäre sicher reizbar, einmal einen unsympathischen Charakter zu spielen. Es wird mir nachgesagt, dass mich nicht alle, aber manche, sehr sympathisch finden. Auf der Bühne, im Film. Und dafür kann ich halt nichts, das ist mir irgendwie angeboren.

Mit Barbara Schöneberger. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

Mit Katharina Straßer. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie waren in „Love Machine“ fast der einzige Mann am Set. Wie war’s mit so vielen Frauen?

Stipsits: Grundsätzlich einmal: schön. Gerade im Film gibt es viele Frauen, die hinter der Kamera arbeiten. Ich möchte mich jetzt wirklich nicht blöd einschleimen, aber Frauen am Set bringen eine gewisse Ruhe rein. Sie sind nicht so schnell aggressiv, sie sind Teamplayer, nicht auf dem Egotrip. Sie haben das große Ganze im Auge, sie schauen, dass sich jeder wohlfühlt, und versuchen, das Team in Harmonie zusammenzuhalten. Natürlich kommen in Gesprächen unter Frauen Themen auf, wo ich denke, das ist nicht meins, aber da muss ich ja nicht mitreden.

MM: Im Film gibt es themenbezogen viele intime Szenen, sei’s allein, sei’s zu zweit. Sie geben in diesen sehr viel von sich her. Wie schwierig ist das?

Stipsits: Das werde ich auch im privaten Bereich oft gefragt, und ich kann nur sagen, da haben sich die Proben, die Andreas Schmied angeregt hat, wieder einmal bezahlt gemacht, um die erste Scheu voreinander zu nehmen. Viele der Darstellerinnen kannte ich schon privat, Adele Neuhauser, Julia Jelinek, Claudia Kottal, aber herauszufinden, wie sich eine Sexszene anfühlt, das ist noch einmal etwas anderes. Andreas sagte uns: Macht, wie ihr euch wohlfühlt, ich bestehe auf nichts, es muss nur als Ganzes richtig rüberkommen. Eine Sexszene vor der Kamera, mit Leidenschaft auf Knopfdruck, hat nichts Prickelndes, und bei „Love Machine“ gab es keinen Moment, in dem jemand sagte, er fühlt sich jetzt ungut. Ich bin ja oft nackt im Film, aber ich hatte nie ein Schamgefühl, weil ich in diesem Team sicher aufgehoben war.

MM: Und konkret? Wie ist es mit Barbara Schöneberger im Schoß?

Stipsits: Sehr lustig. Sie ist wirklich grandios, ich kannte sie nicht, aber sie ist genau so, wie ich es mir gedacht habe, jemand, der gute Laune am Set verbreitet, und das ist auch immer wieder schön, dass diese ganz Großen total nett sind. Sie hatte einen eigenen Maskenbildner mit, der auch unfassbar witzig war, der auch sofort unseren Schmäh mitgemacht hat. Wir haben viel gelacht. Barbara musste Oralverkehr-Geräusche machen, und fragt den Tonmann, ob das Okay war, und er sagt im Vorbeigehen so nebenbei: Das Lutschen war gut. Das führt natürlich schon zu Heiterkeit.

MM: Sie haben mit Katharina Straßer eine Geburtsszene. Sind da private Erfahrungen eingeflossen?

Stipsits: Bei uns war’s viel konzentrierter und viel ruhiger. (Er lacht.) Aber natürlich ist es so, wenn man den fertigen Film sieht, und man weiß, da war die Tochter im Bauch von der Kathi …

MM: Der Schwangerschaftsbauch ist echt?

Stipsits: Jaja, Andreas wollte unbedingt, dass Kathi mitspielt, dann kam dieses Ereignis dazu, und so hat er für sie extra diese Szene geschrieben. Wir haben die zwei Wochen vor dem eigentlichen Drehstart aufgenommen, damit es sich mit dem Mutterschutz ausgeht.

MM: Da wir beim Thema sind: Sie sind seit September zum zweiten Mal Vater, nach Emil eine Lieselotte. Wieviel Humor braucht man als Eltern?

Stipsits: Viel. Sie ist sehr brav, das muss man sagen. Emil kostet uns schon Nerven. Lieselotte findet meine – Kathi nennt das – „Show“ noch lustig, der Emil nicht mehr so, der ist schon ein anspruchsvolles Publikum, da muss man das Programm sehr oft wechseln, damit man den bei Laune hält. Wenn’s ihm fad ist, steht er mittendrin auf und geht und ich bleib über mit meiner Performance. Das ist die ärgste Art zu sagen: Das gefällt mir überhaupt nicht. Aber Kathi und ich sagen im Spaß immer: Aber man kriegt ja so viel zurück.

Mit Julia Jelinek und Adele Neuhauser. Bild: © Allegro Film/Philipp Brozsek

Die große Liebe: Claudia Kottal als Fahrlehrerin Jadwiga. Bild: © Allegro Film/Felipe Kolm

MM: Sie haben Ihre Karriere als Kabarettist begonnen. Wieso der Schritt zum Schauspieler?

Stipsits: Das war immer ein geheimer Wunsch.

MM: Und woher das Talent?

Stipsits: Das ist eine gute Frage. Vielleicht, weil wir eine lustige Familie sind, mein Vater, meine Mutter und mein Bruder. Natürlich habe ich mich am Anfang gefragt: Kann ich das wirklich oder unterliege ich meiner eigenen Selbstüberschätzung? Ich bin sozialisiert worden mit dem österreichischen Kabarettfilm, „Indien“, „Hinterholz 8“, „Muttertag“, und damals dachte ich schon, das wär’s, einmal in einem Film mitzuspielen. Ich hatte das große Glück, auf Kolleginnen und Kollegen zu treffen, erfahrene Leute, die mir Tipps mitgegeben haben. Marion Mitterhammer, mit der ich „Wie man leben soll“ gemacht habe, war zum Beispiel so eine.

MM: Aber als größtenteils Solokünstler, wie einfach sind Sie in Film- oder Fernsehprojekten zu führen? Ich habe oftmals den Eindruck, Sätze, die Sie da sprechen, sind original von Ihnen.

Stipsits: Das stimmt, weil ich bis jetzt immer mit Leuten arbeiten konnte, wo das absolut erwünscht war. Am Anfang habe ich gefragt, ob ich etwas so oder so sagen darf, das mache ich jetzt nicht mehr. Ich sag’s einfach, ich mache mir die Sätze mundgerecht. Es gibt eben Dialoge, bei denen man sich denkt: So redet niemand. Da ist es schon mein Bestreben, etwas zu finden, das zwar dasselbe heißt, aber anders formuliert ist.

MM: Sie haben für Ihre Kabarettprogramme Figuren kreiert, die mittlerweile legendär geworden sind. Man denke nur an Unteroffizier Steinschleifer. Wie erschaffen Sie die?

Stipsits: Im konkreten Fall stammt die Idee von meinem Papa, weil der so jemanden in seiner Ausbildung hatte. Ein sehr netter Kerl, der aufgrund seines S-Fehlers immer ausgelacht wurde. Ansonsten bin ich jemand der Leute beobachtet, in der Straßenbahn oder wo immer ich bin. Das Kabarett lebt ja von der Beobachtung, weniger von der Übertreibung. Oder ich treffe jemanden, von dem ich mir denke, der könnte was für die Bühne sein.

MM: Wie in Ihrem Buch „Das Glück hat einen Vogel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26349), Kurzgeschichten nach Vornamen von A bis Z, drunter auch diverse Familienmitglieder. Mögen die das?

Stipsits: Teilweise. (Er lacht.) Sie sehen das alle mit einem Augenzwinkern. Bei der Familie sitzt man halt an der Quelle, und es ist immer leichter über Dinge zu schreiben oder zu reden, von denen man Ahnung hat, als man saugt sich irgendetwas aus den Fingern. Die Geschichten im Buch sind teils wahr, teils Fiktion, aber keine ist quasi ganz erfunden.

MM: Nun hätten Sie mit Lieselotte ein neues L.

Stipsits: Ja, ich mache aber lieber ein neues Buch. Einen Stinatz-Krimi mit einer Art Columbo-Kommissar.

MM: Apropos, Stinatz: Sie touren derzeit mit den „Stinatzer Delikatessen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28317), die zwei Drittel Best-of, ein Drittel neu sind. Wann kommt ganz neu?

Stipsits: Die „Delikatessen“ waren als Übergangsprogramm gedacht. Jetzt ist aber die Nachfrage so groß, was mich sehr freut, dass sie sicher noch bis 2020 laufen werden. Ich habe zwar schon Ideen fürs neue Programm, aber ich mache mir da keinen Stress. Ich habe neue Nummern, von denen ich weiß, sie funktionieren, und dabei belasse ich es einmal. Das gilt auch fürs Auftreten mit Manuel Rubey. Wir haben Ende des Jahres 2018 mit „Gott & Söhne“ aufgehört, und die Pause, die wir jetzt einlegen ist rein künstlerischer Natur. Privat verstehen wir uns bestens, aber um uns künstlerisch nicht zu wiederholen, macht jetzt jeder einmal sein Ding, und danach treffen wir uns wieder mit neu gefülltem Rucksack. Heißt: Stipsits & Rubey wird auf alle Fälle weitergehen.

MM: Sie arbeiten auch an einem Griechenland-Projekt, Ihr Lieblingsland.

Stipsits: Ein Kinofilm, eine Aussteigerkomödie mit bewusst starken Alexis-Sorbas-Motiven, die ich gemeinsam mit Harald Sicheritz und Georg Weissgram geschrieben habe, und in der wir der Frage nachgehen, warum es gerade über Griechenland diese „Irgendwann bleib‘ i dann dort“-Gedanken gibt. Ein Teil ist schon finanziert, auf einen „Topf“ warten wir noch. Wenn alles klappt, werden wir im Mai, Juni drehen. Mit Kathi. Das wird dann Family-Urlaub und Dreh in einem.

MM: Um nun noch einmal auf die Einstiegsfrage nach der Grundausstattung zurückzukommen …

Stipsits: Dazu muss ich schweigen!

Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=31598

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21. 1. 2019