Burgtheater: Dies Irae – Tag des Zorns

Dezember 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction Apocalypse

Vor der Apokalypse ist postapokalyptisch: Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Florian Teichtmeister. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock von einem Hochhaus fällt. Und während er fällt, wiederholt er, wie um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s ganz gut, bis hierher lief’s ganz gut, jusqu’ici tout va bien, so far so good …“ So beginnt der französische Spielfilm „La Haine“ von Mathieu Kassovitz, so begann gestern die Endzeit-Oper „Dies Irae – Tag des Zorns“ am Burgtheater. Felix Rech, brillant als Pentheus in den „Bakchen“ (Rezension:

www.mottingers-meinung.at/?p=34408), saust entlang einer Fensterfassade steil bergab und zählt die Sekunden bis zu seinem Aufschlag, sein Gesichtsausdruck dabei gelassen, denn wie gesagt … Der Sturzflug des Schauspielers via Vidiwall ist nur einer der Wow-schau!-Effekte, den die Materialschlacht zum Thema Weltuntergang in knackigen zwei Stunden zeigt.

Kay Voges, designierter Volkstheaterdirektor, der sich mit dieser Arbeit erstmals dem Wiener Publikum präsentiert, Komponist und Tastenvirtuose Paul Wallfisch, Volkstheater-Voges‘ zukünftiges musikalisches Mastermind, und Dramaturg Alexander Kerlin sind angetreten, um der Eschatologie das von ihr erzeugte Entsetzen wie einen maroden Zahn zu ziehen. Dies mittels einer Pulp Fiction Apocalypse. Als würde der Sterbensschreck grundlos überbewertet, als wäre der Totentanz ein Rock’n’Roll samt Sex & Drugs, und auch Rech darf später, statt auf dem Erdboden sein Ende zu finden, mit Andrea Wenzl Liebe machen, und zwischen diesen Bezugspunkten kleiner Tod, Todestrieb, Todesangst changiert der ganze Abend.

Honi soit, der angesichts dieser Uraufführung denkt, Hausherr Martin Kušej klammere sich einmal mehr an sein Konzept vom männlich-martialisch-dunkelmetallischen Maschinentheater, wiewohl die Bühne von Daniel Roskamp derlei Bildern ähnelt. Anarchie, Kakophonie, das Chaos der Schöpfung sind bei dieser freien Assoziation Programm. Vom Labyrinth der Schauplätze, das über schmale Treppen und Durchgänge ins Innere eines Flugzeugrumpfes, einen Operationssaal, einen Love-Room und ein mit Zivilisationsresten zugemülltes Schlachtfeld reicht. Vom Samplen von Klassik, Rock und Pop, Schubert, Strauss, Britten, Prince – bis zu Carole Kings „I Feel the Earth Move“ als einer Art Leitmotiv.

Katharina Pichler und Mavie Hörbiger. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Felix Rech fällt und fällt und … Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Mit Zitaten von – selbstverständlich und mit Quellenangabe versehen – der Offenbarung des Johannes und des Buchs Hesekiel über Friedrich Nietzsche und Karl Kraus bis Kassandra und Greta Thunberg – Sinnsprüche unzähliger Weltuntergangspropheten entlarvt, ernstgenommen, als Erheiterung gedacht. Die „Rede des toten Christus“ von Jean Paul gibt dem Nihilismusgedanken gehörig Zunder, Hugo von Hofmannsthals „Die Zeit ist ein sonderbar Ding“ aus dem Rosenkavalier passt auch perfekt, all die gesungenen und gesprochenen Brocken aus dem literarischen Steinbruch. Erzählt werden keine einzelnen Geschichten, vorhanden sind weder Plot noch Protagonisten, vielmehr ereignet sich ein Knäuel an Dramen gleichzeitig. Kaleidoskopisch dreht sich ein Panoptikum, dreht sich die Bühne, Voges‘ und Wallfischs Doomsday-Loop gilt für alles und jeden. Man wolle, so Voges im Programmheft, so den „Moment vor dem Ende“ porträtieren, ohne dass der Moment selbst ein Ende finde. Mission accomplished!

Florian Teichtmeister kündigt als Flugkapitän der Air Mageddon den Flight to Gomorra an, schaltet dann allerdings auf Autopilot, um über Gottes Willen zu sinnieren, ergo: Panik bei Passagierin Dörte Lyssewski, nicht nur, weil etliche Mitreisende auf rätselhafte Weise spurlos verschwunden sind, siehe Stephen Kings „Langoliers“, sondern auch, weil die Maschine dabei ist, abzuschmieren. In einer Absteige namens Eden/Ende jagt ein Höhepunkt den nächsten, Live-Koitus mit Darstellern aus der heimischen Sex-Positive-Szene war vor der Premiere ja vollmundig angekündigt worden und natürlich kein Aufreger, und sind Wenzl und Resch wie Romeo und Julia Akt I, so Barbara Petritsch und Martin Schwab dieselben Akt V.

Er auf dem Sterbebett sehnlichst auf eine komödiantische, keinesfalls bitte tragödische Erlösung wartend, sie immer noch unterwegs mit Brautkranz, beide sich ihrem Ende entgegen neigend. Exitus ist, wenn man trotzdem lacht. Markus Meyer macht einen versifften Hotelpagen-Riff-Raff, Sopranistin Kaoko Amano singt, dem Aussehen nach eine yūrei aus der Edo jidai, zum Steinerweichen schön, Elma Stefanía Ágústsdóttir, schon in der „Edda“ ein Gesamtkunstwerk (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35418), ist eine weitere von Voges‘ stolz-aufrechten Frauengestalten und schreitet als solche bedeutungsschwanger wispernd die Spielflächen ab. Mavie Hörbiger und Katharina Pichler agieren als untote Wladimir und Estragon, die ihr Warten auf … wiedergängerisch treppauf, treppab staksen lässt.

Runa Schymanski, Markus Meyer, Elma Stefanía Ágústsdóttir, Felix Rech und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Martin Schwab, Barbara Petritsch, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Materialschlacht auf dem Gräberfeld: Kaoko Amano, Andrea Wenzl und Felix Rech. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Runa Schymanski, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Yana Ermilova. Bild: Matthias Horn/Burgtheater

Die beiden haben den besten, weil clownesken Part, jedenfalls das großartigste Zwiegespräch: „Letzte Nacht bin ich dem Heiland begegnet.“ – „Und was hat er gesagt?“ – „Nichts.“ – „Immerhin.“ Wie aus dem Zauberfüllhorn träufeln Voges und Wallfisch immer wieder Neues, Skurriles, Albtraumhaftes in die Augen und Ohren des Publikums, ihr Multimediaspektakel gleichsam ein Absurdes Theater, in dem die Melancholia die Euphoria, erstere nach Lars von Trier, zweitere laut Sam Levinson, umarmt, die Live-Musik von Wallfisch, Percussionist Larry Mullins aka Toby Dammit und Violinist Simon Goff ein ebenso wichtiger Kitt der Collage, wie die Video-Art von Robi Voigt und die Video- und Lichtgestaltung von Voxi Bärenklau und die Castorf’schen Live-Kameras, heißt: innen spielen, nach außen projizieren – ein Teamwork, das dem A und Ω immerhin etwas Burlesque verleiht.

Führt doch der Weg die Figuren weder Richtung Himmel noch Hölle, sie stolpern vielmehr die Möbiusschleife entlang oder stecken zum Schluss wie Happy-Days-Winnie im Dreckshügel fest. Die Wenzl muss lautstark gebären, Lyssewski trägt als Schwarze Witwe den Seherinnen-Monolog aus der Orestie vor, Weihrauchduft wabert durch den Saal, es gibt Krieg und ein eigentlich längst postapokalyptisches Gräberfeld, Hesekiel 37, 1-14, in dem Runa Schymanski mit Space-Odyssey-Affenmaske nach Knochen wühlt, und die einzig weißgewandete Ágústsdóttir unter den von Mona Ulrich krähenschwarz Eingekleideten lädt zur Black Mass. Teichtmeister fragt via Leinwand den Vater nach dessen Verbleib, Schwab lebt Castellucci-gleich ab, Rech, von der Schubumkehr erfasst, fliegt nun hinan. Ob sich so das Volkstheater füllen lässt?

Fazit: „Dies Irae“ ist mehr Ausstattungs- als Sonstwas-Oper, Schauwert schlägt Story, weshalb sich Sinnsucher sinnlos im Hightech-Dickicht verirren. Die Technikabteilungen des Burgtheaters liefern eine Leistungsschau vom Feinsten, sie halten das Perpetuum mobile gekonnt in Bewegung, und aus dem Off kommt „Was ist los?“ – „Das Ende kommt.“ – „Das Ende?“ – „Vermutlich.“ Und wenn sie nicht gestorben sind, querverweisen sie noch heute.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

brut im Gewerbehaus – Nestervals „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“

November 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Nervensanatorium wird die Stille zur Mord-Nacht

Lauter nette Leit: Performer Astôn Matters aka Herr Rainer empfängt die Weihnachtsgäste in seinem Patientenzimmer. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Um die frohe Botschaft als erstes zu verkünden: Weil die Tickets in kürzester Zeit weg waren, hat Nesterval von 18. 11. bis 12. 12. neun Zusatztermine hinzugefügt. Die Expertentruppe für immersives Theater, die Vorgänger- produktion „Das Dorf“  ist für den Nestroy-Spezialpreis nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), lädt – auch diesmal in Kooperation mit brut Wien –  ins Gewerbe- haus zum Performance-Abenteuer „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“.

Eine weitere Episode aus der Geschichte der sagenumwobenen Familiendynastie, deren künstlerischer Teil sich mit Vorliebe dem Zirkus zuwandte, während die eigentlich Porzellanmacher sich im Zweiten Weltkrieg der Herstellung von Waffen widmeten – mittels Einsatz von Zwangsarbeitern, weshalb sich Magda Nesterval bei den Nürnberger Prozessen strafrechtlich verantworten musste. Tochter Martha entriss der Mutter schließlich die Vorstandsposition; ein Großteil des Vermögens ging in den „Nesterval Fonds für karitative Zwecke“ über – doch dann passierten die bis heute ungelösten Todesfälle im Familienhospiz Engel …

Soweit die Historie zur nun vom Ensemble dargebotenen Story. Es ist das Jahr 1954, es ist Weihnachten, und Anstaltsleiterin Oberschwester Martha Nesterval holt Freunde und Förderer des Hauses zum Christfest ins Nesterval’s Sanatorium Grimm. Keine Geringeren als die Gebrüder Jacob und Wilhelm haben für die Einrichtung eine Behandlungsform ausgeklügelt, die den Patientinnen und Patienten ein zu ihren psychischen Störungen passendes Märchen zuteilt – und die Besucher sind nun herzlich aufgefordert, sich mit dieser Therapie vertraut und mit den Pfleglingen bekannt zu machen.

Wie stets auf dem schmalen Grat von Fakt und Fiktion balancierend, geleiten einen 23 Performer, Drag Artists und Schauspieler durch den Abend, wobei das Publikum von Fräulein Stulle aka Martha Nesterval, der freundlichen Schwester Tabea, ist gleich Julia Fuchs, und den Geschwistern Berger, der herrischen Sibille, der hantigen Elsa und dem für die Punsch-Ausschank im Frühstücksraum zuständige Hons (Pamina Puls, Sabine Anders und Lu Ki), empfangen und zwecks Besichtigung per bunten Armbinden in Kleingruppen aufgeteilt wird. Eines der Dinge, die erfährt, wer aufmerksam zuhört, ist, dass die jene Namen nur angstvoll wispernden Patienten die Bergers als „die teuflischen Drei“ titulieren.

Die Insassen des Sanatoriums sind nämlich weit weniger irre, als von ihnen behauptet wird, und wieder einmal haben Herr Finnland und sein aus Autorin Frau Löfberg und Ausstatterin Andrea Konrad bestehendes Leading Team ein Denk-Spiel erdacht, das es zwischen Krippenspiel und dem „Wichteln“ genannten Verteilen kleiner Geschenke zu durchschauen gilt. Sachte und sensibel heißt es nun zu den verstörten Seelen vorzudringen. Des Rätsels Lösung lautet, je mehr man interagiert, Fragen stellt und Schlüsse zieht, desto erkenntnisreicher gestaltet sich die Sache, also ausschwärmen und Informationen einholen, schließlich gibt es für die siegreiche Mann- und Frauschaft ein Präsentpaket zu gewinnen.

Willy Mutzenpachner aka Herr Friedrich flüchtet vor Männern bis auf den Kaminsims. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Herr Finnland und Frau Löfberg vor den Weihnachtssocken, in denen die Tätertipps deponiert werden. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Nachdem man sich derart durch die Verhaltensregeln studiert hat, vom Personal vorm notorischen Lügner mit dem Gestiefelten-Kater-Syndrom gewarnt und punkto der Selbstmordabsichten des von Andy Reiter verkörperten Herrn Anton beruhigt, vom Pulloverzipfel zuzelnden Helmut des Herrn Walanka zur Krippe geführt und über seine Funktion als König Melchior beim folgenden Spiel in Kenntnis gesetzt wurde, beginnt ebendieses. Aber: ein Schrei, Antons entleibter Körper liegt im Stiegenhaus, ein Schwächeanfall ob der Aufregung beschwichtigt Fräulein Martha.

Doch wer Augen hat zu sehen – um an dieser Stelle die Offenbarung des Johannes zu zitieren. Zur Ablenkung der Gäste dürfen diese nun die Patientenzimmer und Behandlungsräume inspizieren, jedes einzelne mit Röhrenradio oder einstmals als „Psyche“ bezeichneter Spiegelkommode bis in diverse Fifties-Details liebevoll dekoriert, und von den Bewohnern mit rotem Riesenkugelmobile, einem papierenen Schneeflockenwald oder einer Geschenkpaket- pyramide verschönert. Wer – je nach Sichtweise – Glück oder Pech hat, kann aber auch von den Ehrengästen weil Geldgebern, der hochschwangeren Helga und ihrem Ehemann Tomasz Nesterval, abgefangen werden.

Um bei herablassend genäseltem Smalltalk in den schier endlosen Lobgesang über die regelmäßigen Finanzspritzen für ihre Kranken einzustimmen. Längst ist da klar, die feucht-fröhliche Adventstimmung ist eine vorgegaukelte, die Stichworte dazu: Abzocke und Unfreiwilligkeit, und zumal hier einer mit Vergnügen über den anderen tratscht und dessen Geheimnisse ausplaudert, tun sich allmählich gewaltige Abgründe auf. Die bigotte Atmosphäre von Betstuhl, Kruzifix, Heiligenbüste verwandelt sich ins Bedrohliche, das heimelige Licht scheint plötzlich düsterer, was eben noch skurril war, wird spooky, denn was Nesterval im Gewerbehaus veranstalten, ist im Wortsinn ein Psychothriller. In dessen Verlauf es logischerweise nicht bei einer Leiche bleiben kann.

Von Tobsuchtsanfällen und Tränen, von Zoff hinter verschlossenen Türen und Todesahnungen beim Kartenlegen, vom unerlaubten Entwenden einer Akte bis zum Unzucht-Gekreische bei einer Séance, erlebt jeder Zuschauer den Abend so, wie er ihn sich arrangiert. Allemal interessant ist es, Willy Mutzenpachners Herrn Friedrich in der Isolierzelle aufzusuchen, allerdings Achtung: der „Froschkönig“ fürchtet sich vor Männern. Auch eine Begegnung mit dem im Rollstuhl sitzenden Fräulein Adelheid, ist gleich Laura Hermann, mit Johannes Scheutz‘ an den „Sieben Geißlein“ leidenden Herrn Konrad im Arztzimmer und mit dem großen Herz des Ganzen, Romy Hrubeš‘ auralesendem Fräulein Charlotte, sind aufschlussreich. Denn niemand im Sanatorium Grimm ist ohne Schuld, die meisten jenseits von Gut bei Böse, und Katz-und-Maus ihr bevorzugtes Spiel.

Dank des Nebengeschäfts des Herrn Theodor von Bernhard Hablé wird die Spurensuche zwar zumindest kurzzeitig unbeschwerter, doch schon erklingt aus dem Frühstücksraum „Jingle Bells“ als schwermütige Trauermusik. Das ist der Moment, an dem Operation Dunkle Weihnacht beginnt … Bei der Premiere entpuppte sich übrigens Gruppe grün als Meisterdetektive, obwohl Herrn Finnlands Maxime ja die vom Dabeisein ist, das alles ist. „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“ ist ein Mordsspaß, bei dem einmal hingehen und mitmachen nicht ausreicht, um alle Facetten dieser verrückten Vorführung genießen zu können. Und wenn sie nicht gemeuchelt sind, dann metzeln sie noch heute …

Video: www.youtube.com/watch?v=7t3yirtPOSU           www.nesterval.at           brut-wien.at

  1. 11. 2019

Burgtheater: Die Edda

Oktober 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Heidenspaß mit Göttern, Monstern, Helden

Das Selbstopfer Odins: In der Rolle des Allvaters hängt sich Markus Hering an Yggdrasil, den Weltenbaum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Stimmung, die Stimme ist hypnotisch. Beschwörend erbietet sie Ehrfurcht den göttlichen Geschlechtern Heimdahls und dem Allvater, bevor sie erzählt, wie er, Odin, die Menschenwelt Midgard schuf, den Eschenholz- mann Ask und die Ulmenfrau Embla, wie er sich zur Erlangung von Weisheit und Wissen erst am Weltenbaum Yggdrasil erhängte, bevor er an Mimirs Quelle ein Auge dafür gab. Nebel wabert von der Bühne übers Publikum, das Licht ist schwefelgelb-fahl, als Elma Stefanía Ágústsdóttir in isländischer Sprache die Völuspá, die Weissagung der Seherin, spricht.

Ihr deutschsprachiges Pendant Dorothee Hartinger als die Völva rezitiert sie ihr nach. Und noch während die beiden sich in Rage reden, werden sie schon vom Fenriswolf der Stacyian Jackson umschlichen, dieser ein Symbol fürs Ende, wird doch seine Entfesselung dereinst die Ragnarök beginnen lassen. Auftritt der Nornen, der Schicksalsfrauen, Andrea Wenzl als vergangenes Fatum Urd, Marie-Luise Stockinger als die gegenwärtig werdende Verdandi und Mavie Hörbiger als zukünftige Schuld Skuld, und auch sie sind um beängstigende Prophezeiungen nicht verlegen.

Langsam, die Unsterblichen haben bekanntlich alle Zeit der Ewigkeit, befestigen die Bühnenarbeiter Yggdrasil am Schnürboden. „Wisst ihr, was das bedeutet?“, schreien die Schauspielerinnen immer wieder in den Zuschauerraum, und, ja, man weiß es. Weil die isländischen Theaterschaffenden, Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson und Autor Mikael Torfason, zweiterer nunmehr Wahlwiener, seit seine Frau Elma Stefanía Ágústsdóttir von Martin Kušej ans Burgtheater engagiert wurde, es verstehen, die nordischen Mythen einfach verständlich und ergo zugänglich zu präsentieren.

Die Kinder des Loki: Marta Kizyma, Stacyian Jackson, Elma Stefanía Ágústsdóttir und Musiker Gabriel Cazex. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Nornen: Marie-Luise Stockinger, Mavie Hörbiger, Andrea Wenzl mit Dorothee Hartinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Entsprechend wurde „Die Edda“ gestern, bei der Premiere der Wiener Fassung, gefeiert, diese – entgegen der preisgekrönten Inszenierung aus Hannover – angereichert um Torfasons mit hiesigen Darstellern erarbeiteten Texten, aber gleichbleibend hintersinnig und humorvoll. Diese Edda mit ihren verblüffenden Bildern, wunderbaren Liedern, starken schauspielerischen Leistungen und, ja: abyssischen Einsichten, wirkt als Einstiegsdroge ins Epos lange nach. Das feierliche Pathos des großen Ganzen konterkarieren Arnarsson und Torfason mit schrulligen Miniaturen, Dietmar König macht sogar auf Sekundärliteratur-Erklärbär.

Oder mit Backstage-Situationen, bei denen die Bühnenarbeiter ebenso ins Geschehen eingebaut werden, wie eine sichtlich verdutzte Maskenbildnerin. Arnarsson setzt auf die hohe Professionalität seines Casts, die ihrerseits ganz aus dem Geist der Improvisation entsteht. Auf konvulsivische Verzweiflung folgt gefakte Freundschaft folgt die gegenseitige Verarsche der Götter, denn alles ist hier Lug und Trug – bis mitten unter den sich tummelnden Riesen, Zwergen, Monstern, plötzlich Markus Hering als Mikael einen Torfason-Monolog auf dessen Vater Torfi Geirmundsson hält.

Der als Zeuge Jehovas dem Sohn die lebensrettende Bluttransfusion verweigerte, von den Ärzten aber ausgetrickst wurde, und, als ein fix vorhergesagter Weltuntergang nicht stattfand, zur alten Island-Religion und zum Alkoholismus wechselte. Schließlich seien die Protagonisten der Edda allesamt stramme Säufer. Es ist dies der Gänsehautmoment, wenn die Aufführung derart die Familiengeschichte des Schriftstellers mit der historischen Schrift verbindet, sein persönliches Wohl und Wehe mit dem aller existierenden Wesen verknüpft. Es scheint, als würde der ins Unendliche wabernde, sich selbst umschlingende Sagenstoff durch diesen nur allzu menschlichen Einschub geerdet.

Baldur und Loki: Jan Bülow und Markus Hering, hinten: Marie-Luise Stockinger als Thor. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marie-Luise Stockinger spielt Thor und seine um ihre Haarpracht beraubte Frau Sif. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein Dutzend Akteure schlüpfen in Arnarssons und Torfasons Edda-Kaleidoskop in bis zu drei Charaktere, mal schnoddrig, mal souverän auftretend, schart man sich um Odins Galgenbaum, als dieser hangelt sich Markus Hering anfangs von dessen Stamm zu seinen Stämmen herab. Unter der Leuchtröhrenwalze von Bühnenbildner Wolfgang Menardi erstrahlen Dorothee Hartinger als Frigg, Andrea Wenzl als Freyja, Jan Bülow als ihr Bruder Freyr, später als Baldur. Hering und Hartinger sind in Anatomie-Bodysuits auch die ersten Midgard-Bewohner Ask und Embla, und unternehmen als solche einen dialogischen Ausflug zu Adam und Eva.

Ein ironisches Geplänkel um den Biss in den Apfel, ein Querverweis auf den einen Urquell, aus dem offenbar alle Schöpfungsgeschichten sich ergießen, dies wohl ebenso zu deuten, wie das hintergründige Hereinschieben der Lupa Capitolina, alldieweil an der Rampe Odin gegen Freyja kämpft, Andrea Wenzl als aufmüpfige Vanin, die von den Asen nicht an den Riesen Thrymur, auch in dieser Rolle: Dietmar König, verheiratet werden will. Marie-Luise Stockinger spielt sowohl Thor, als auch dessen Ehefrau, die schöne Sif, die Gattin wie der Donnergott aber bald glatzköpfig, nachdem Loki der Sif ihre goldblonde Haarpracht geklaut hat.

„Alufolie“, brüllt der mit explosivem Temperament ausgestattete Thor den mit einem silbernen Glitzeranzug angetanen Loki an – Florian Teichtmeister als Verschlagenheit in Person, der sich nichtsdestotrotz im Wortsinn von Gott und der Welt missverstanden fühlt. Seine drei mit der Riesin Angrboda gezeugten Monsterkinder zeigen in den fantastischen Kostümen von Karen Briem Elma Stefanía Ágústsdóttir als Hel, Stacyian Jackson als Fenriswolf und Marta Kizyma als Midgardschlange. Zwischen Tragi- und -komik, von archaisch zu anarchisch zu aberwitzig, changieren die Edda-Episoden, die das Ensemble zum Besten gibt:

Dietmar König, Teichtmeister, Kizyma, Stockinger, Jackson, Ágústsdóttir, Bülow, Hörbiger und Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odin bekämpft Freyja, die Bühnenarbeiter bewegen die Lupa Capitolina: Andrea Wenzel vs. Markus Hering. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Odins schmerzhafte, per Speer durchgeführte Entfernung seines linken Auges für einen Schluck aus Mimirs Brunnen. Lokis in Heiterkeit scheiternder Versuch, die Zwerge zu überreden, Sif neue Locken aus Echtgold zu gießen. Die nur durch Heimtücke gelungene Fesselung des Fenriswolfs, für die Kriegsgott Tyr eine Hand verlieren muss. Baldurs Ermordung mit einem Mistelzweig, den seine Mutter Frigg vergessen hat, um Gnade für den Sohn zu bitten – worauf der strahlende Lichtgott mit christlicher Sonnenkrone neugeboren erscheint. Dass der „rote Faden“, der auf der Bühne von Hand zu Hand gereicht wird, dick wie ein Seil ist, verwundert nicht.

Köstlich ist vor allem der sprachliche Schlagabtausch zwischen Teichtmeisters Loki und Stockingers Thor, die zwischen hohem Ton und scharfzüngigem Slang switchen. Wie aber Teichtmeister Lokis Hass auf die Verwandtschaft „hechelt“, wie er dessen Bestrafung durch das Gift einer Schlange gestaltet, da zeichnet er den sinistren Spaßvogel, den gewandten Gestaltwandler mit einer dramatischen Tiefe aus, die ihn zum Dreh- und Angelpunkt der Produktion erhebt.

Wenzls Fruchtbarkeitsgöttin Freyja wirft sich den Männern lustvoll an den Hals, nur um sie später ins Unglück zu stürzen. Mavie Hörbiger verstört auch als Riesin Elli, sie das Alter schlechthin, das sogar Thor bei einem Ringkampf in die Knie zwingt. Alles an dieser Edda ist Jonglage, Persiflage, Slapstick und Sarkasmus rund um die andauernden Themen des Werden, Wachsen und Vergehen, weshalb aus dem Heidenspaß mit Helden schnell tödlicher Ernst werden kann. Als nach der Pause der kahle Weltenbaum von einem Baugerüst umstellt ist, und Musiker Gabriel Cazes „My Body Is A Cage“ von Arcade Fire intoniert, ist der Weg endgültig frei für wilde Assoziationen über Willen, Zwang und Fügung. Die Figuren turnen am Gerippe des Lebens, das Gute wie das Böse, Baldur wie Loki, sind wie auch die Welt zum Untergang verdammt. Der Stammbaum der Götter fällt im Schnee zusammen – und so beginnt das Spiel von Neuem.

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BUCHTIPP: Wissen, wo der Hammer hängt – Neil Gaiman: Nordische Mythen und Sagen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531

  1. 10. 2019

Burgtheater: Faust

September 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pulp Fiction ohne Professor und Teufelspudel

Mephisto und Faust gehen in den Infight: Bibiana Beglau und Werner Wölbern begeistern das Burgtheater-Publikum. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tschin! Bumm! Krach! Ohne lange zu fackeln gehen zwei Alte in Flammen auf, daneben wird gekokst, geschossen und gefickt, und die diversen dazugehörigen Körpersäfte fließen in Strömen. Am Burgtheater hatte gestern Abend Martin Kušejs „Faust“-Inszenierung aus dem Resi Wiener Premiere, und der ist in dessen Interpretation ein abgefuckter Übeltäter, das Haar fett, Hemd und Hose schlampig, ein Macher, dem’s bereits aufs Gemeinste ans Eingemachte ging.

So, dass er sich von Gott und der Welt nichts mehr vorgauckeln lässt. War er mal Banker, Börsenmakler? Auf jeden Fall ein wachstumsfanatischer Kapitalist – und sicher ein Todsünder, dessen Hochmut, Habgier, Hemmungslosigkeit Kušej als spukhafte, sogwirksame Pulp Fiction präsentiert. Ein Vorhaben, für das er nicht nur der Tragödie ersten und zweiten Teil ineinanderschiebt, sondern auch Neuverfasstes von Autor Albert Ostermaier verwendet. So beginnt die Aufführung denn auch mit Barbara Petritsch und Jürgen Stössinger als Philemon und Baucis, deren Sterben im Faust’schen Feuer gleich einmal die Richtung des programmatisch Kommenden vorgibt: Zeit, die aufs Elitär-Europäische beschränkten Bildungsalleinansprüche niederzubrennen!

Der bis ins Parkett fegende Gluthauch geht ebenso aufs Konto von Ausstatter Aleksandar Denić wie das Bühnenbild, eine sich ständig drehende Kulisse, angesiedelt zwischen „Modern Times“ und „Metropolis“, nachtfarbene Industriearchitektur samt Kran, als wär’s die Zeche, die Faust noch bezahlen wird müssen. Werner Wölbern spielt diesen von seinen Trieben fiebrig Getriebenen, der auf der Suche nach Erlösung durch Denićs zweigeschossiges Labyrinth irrt, wobei ihm der Daseinssinn nicht nach Metaphysik oder Aufklärung, weder nach hohem Geist noch tieferer Erkenntnis steht, sondern danach, jedes Tages Lust zu maximieren. „Honi soit qui mal y pense“ prangt in Leuchtbuchstaben über dem Ganzen, und schon wird der Osterspaziergang zum obszönen Akt.

Faust fackelt Philemons und Baucis ab: Werner Wölbern. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Tanz mit dem Teufel: Werner Wölbern und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Passanten flanieren nicht durch den Frühling, sondern sind Schlägertypen und deren Schlampen, eine verdorbene Brut, wo’s jeder mit jedem treibt. „Hier bin ich Mensch“, zitiert Wölbern den Geheimratstext, muss sich aber whiskeytrunken von Jörg Lichtensteins Wagner – Typ: Seicherl im Strickpullunder, einer, der den Chef in Weissglut versetzt – erst zum Kotzen bringen lassen, bevor er sich ins Getümmel werfen kann. Alldieweil Auftritt Bibiana Beglau als Mephisto, der Luziferin rechte Hand so geschwärzt wie das Leder, das sie sich vom Leib reißt und dabei zwei immer noch schwärende Wunden, wo einstmals ihre Engelsflügel waren, entblößt.

Nach ihrer furiosen Martha in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34528), stellt sich die Beglau dem Burgtheater-Publikum nun endgültig als das Theaterwunder vor, das sie ist. Beglaus schockierend schamloser Exhibitionismus kennt keine Schranken, die lasziven Verbiegungen ihres Körpers und ihrer Stimme, die zwischen lapidaren Ansagen und hinterlistigem Aufstacheln mal bricht, mal schrillt, sind ebenso atemraubend wie ihr bestrapstes Vorführen von Vulgarität. Noch traumatisiert vom Höllensturz, agiert sie manisch in ihrem Krieg gegen Gott, ist aber abgeklärt, was das Wesen seiner Geschöpfe betrifft, und beides kommentiert sie mit boshaft schlauem Witz. Wenn schon Goethe seinen Mephisto als „Spottgeburt aus Dreck und Feuer“ gedichtet hat, so kommt Beglau dieser Charakterisierung bestechend nahe.

Zum Pakt mit Faust trägt Mephisto später eine blutbefleckte Metzgerschürze – sie hat wohl wo gemetzelt -, bevor sie dessen Verlangen nach Exzess-Erlebnissen erst auf einer Technoparty, dann im Fight Club à la „Auerbachs Walpurgisnacht“ zu stillen versucht. Faust wird, bei ersterer zugedröhnt, im zweiteren vermöbelt, von der Sadomaso-Hexe verjüngt. Marie-Luise Stockinger nimmt als solche in blonder Beautyqueen-Aufmachung schon mal Margaretes wichtigste Sätze vorweg, vom ungeleiteten Fräulein zur Gretchenfrage, bis sie sich bei Mephisto an die Fellfellatio macht, ein gekicherter Orgasmus, dessen „besondren Saft“ Faust zu schlucken bekommt.

Jungbrunnen-Sex bei der Hexe: Bibiana Beglau, Werner Wölbern und Marie-Luise Stockinger. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Alexandra Henkel als Frau Marthe, Werner Wölbern, Andrea Wenzl als Margarete und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Margaretes blutiges Ende im weiß getünchten Kerker: Werner Wölbern und Andrea Wenzl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Den surrealen Dreier Faust-Mephisto-Hexe wird Regisseur Kušej später im flotten Vierer Faust-Mephisto-Margarete-Frau Marthe spiegeln, Alexandra Henkel dabei eine miniberockte, sexbesessene Nutte, die besonders gern Mephistos hengstlangen Schwengel zwischen ihren Schenkeln aufnimmt, Andrea Wenzl als Margarete hingegen unschuldig keck wie ihres Erfinders Heideröslein. Dass ihr Leben in einem tarantinoesken Babyblutbad endet, Margaretes Kammer/Kerker ist als Rotkontrast der einzige weiße Raum im Setting, ist eben – Pulp Fiction. Samt Overkill an Waffenhändlern, Geldwäschern, Zuhältern, Terroristen und einem kindlichen Selbstmordattentäter.

Neben Petritsch, sie auch Margaretes hier hinzugefügte Mutter, Henkel und Stockinger, sind die Rollen des Valentin mit Daniel Jesch, eines jungen Manns mit Max Gindorff, eines Flaneurs der Nacht mit Arthur Klemt und eines Mafiapaten mit Robert Reinagl neu besetzt. Herzstück der Aufführung ist aber der intellektuelle Infight von Faust und Mephisto, der gefühlsverwahrloste Sichverwirklicher, der längst begriffen hat, dass da nichts mehr ist, das „die Welt im Innersten zusammenhält“, und der tatsächlich arme Teufel, der sein Leiden an Gott und ebendieser mit flapsigem Sarkasmus zu übertünchen trachtet.

Wobei das Aufeinanderprallen der beiden, der sleeken Androgynen mit dem herrischen Alphamann, etwas durchaus Herb-Erotisches hat, wenn sie ihm nach Unterzeichnen des Pakts brünstig über den Mund leckt oder er sie wegen Befehlsverweigerung in einer Beischlafpose zu Boden ringt. Zum Ende, Margaretens Ende, schließlich der finale gemeinsame Blick ins Publikum, um mit diesem unisono festzustellen, dass das alles eigentlich nichts gebracht hat. Das ist Nihilismus der heftigsten Sorte!

Wenn Martin Kušej sein Mitbringsel aus München als Faust-Schlag in die Magengrube der hiesigen Zuschauer geplant hat, so ist die Übung gelungen. Mit viel Effekt hat er Goethes Werk auf Endzeitthriller gebürstet, hat es zum ekelhaften Endspiel einer geilen, gierigen Gesellschaft gemacht, in der keine Kraft mehr Gutes schafft. „Faust“ aus Kušejs Sicht ist ein Bühnen-„Film noir“ mit der Wucht jener Theaterüberforderungen, mit denen sich der neue Burgtheaterdirektor dereinst seinen guten Namen gemacht hat. Dass er fürs Haus ein Händchen hat, zeigt sich mit dieser Inszenierung, die in vielerlei Hinsicht nahtlos an Ulrich Rasches Saisoneröffnungs-„Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408) anschließt, allemal.

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  1. 9. 2019

TheaterArche: Das Programm der Saison 2019/20

Juli 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Crowdfunding für „MAUER“ und „HiKiKoMoRi“

MAUER: Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova. Bild: Jakub Kavin

Nach der fulminanten Eröffnungsproduktion „Anstoß – Ein Sportstück“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31865) im Jänner dieses Jahres hat sich das Team der TheaterArche für seine erste komplette Saison 2019/20 einiges vorgenommen. Geplant sind vier Eigenproduktionen, ein einwöchiges Festival und zahlreiche Gastspiele, wie zuletzt der gefeierte Čechov-Abend von Arturas Valudskis und seinem „Aggregat“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33317).

MAUER ist der Titel der ersten Eigenproduktion, die am 7. November – anlässlich des Falls der Berliner Mauer vor 30 Jahren – uraufgeführt wird. Jakub Kavin, künstlerischer Leiter der TheaterArche, hat die Textcollage nach einem Stück von Thyl Hanscho erdacht, und um autobiografische Berichte von Vaclav Havel, Schilderungen des Grenzsoldaten Jürgen Fuchs von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, Erzählungen eines ehemaligen Auftragskillers, zahlreicher Flüchtender aus Lateinamerika sowie diversen anderen autobiografischen Erinnerungen ergänzt.

Proben zu MAUER: Regisseur Jakub Kavin mit Schauspieler Bernhardt Jammernegg. Bild: Jakub Kavin

Proben zu MAUER mit Andrea Novacescu und Maksymilian Suwiczak. Bild: Jakub Kavin

Wie stets wird die Inszenierung in kollektiver Forschungsarbeit entwickelt. Kavin: „Wir wollen die physischen wie psychologischen Mauern die Menschen umgeben, voneinander trennen, einsperren oder auch beschützen, untersuchen. Der Abend wird eine theatrale Reise rund um die Welt, vom ehemaligen Osteuropa, nach China, bis zur Mauer, die Donald Trump errichten möchte. Es geht also um Mauern einst und heute, in den Köpfen und in der Realität.“

Umgesetzt wird das Projekt von zehn Schauspielerinnen und Schauspielern, Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova, in sechs Muttersprachen – Deutsch, Polnisch, Rumänisch, Serbisch, Tschechisch und Ungarisch. Die Musik kommt von Jammernegg, Jost und Suwiczak.

Für „MAUER“ läuft wieder ein Crowdfunding, wobei mehr als zwei Drittel bereits finanziert sind. Für die restlichen knapp 5000 Euro bleiben 37 Tage Zeit, um sich ein Premierenticket samt Sekt, ein Saison-Abo, eine Wohnzimmerlesung oder Schauspielunterricht zu gönnen – oder das Theater für einen Tag zu mieten.

Video: www.youtube.com/watch?v=fkG2C6GpWlE           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/mauer

Nach der österreichischen Erstaufführung von NITTEL – BLINDE NACHT, einem Drama von Simon Kronberg über ein Pogrom in der Weihnachtszeit 1941, am 19. Dezember in der Regie von Christoph Prückner, folgt am 19. März als nächste Eigenproduktion HIKIKOMORI, ein Theaterstück nach einer Idee von Jakub Kavin, ein „schizophrener Monolog“, geschrieben im dialogisch-schriftstellerischen Ping Pong von Sophie Reyer und Thyl Hanscho, den Koloratursopranistin und Schauspielerin Manami Okazaki (www.manami-okazaki.com) mit Klavier und Saxophon als Spielpartner performen wird.

Regisseur Kavin: „Auf unserer Forschungsreise nach Japan haben wir versucht, uns möglichst tiefgreifend mit dem Phänomen Hikikomori auseinanderzusetzen. Es ist ein Begriff für junge Menschen, die nach Schulverweigerung oder Arbeitsunfähigkeit viele Jahre zu Hause bleiben, ein Syndrom, ein Tabu, eine Volkskrankheit, die in Japan jeder kennt. Laut einer Studie haben sich in Japan 700.000 Menschen, die im Durchschnitt 33 Jahre alt sind, auf diese Weise zurückgezogen. Das bedeutet, es gibt heute bereits 50-Jährige, die seit 35 Jahren zu Hause eingesperrt sind, sich von ihren 80-jährigen Eltern das Essen vor die Tür stellen lassen und nie aus ihrem Zimmer kommen …“

Manami Okazaki performt „HiKiKoMoRi“. Bild: Jakub Kavin

Manami Okazaki wird den Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Frustrationen, die diese Rückzugsbevölkerung plagen, mit ihrem Gesang, ihrer Sprache und ihren Instrumenten Ausdruck verleihen, wird vom überspannten Nichtstun zum unkoordinierten Alles-auf-einmal-Machen wechseln, vom Messi zum Putzteufel, von Mager- zu Fresssucht – bis die Absurditäten überhand nehmen …

Auch für diese Produktion, die im Mai kommenden Jahres nach Japan übersiedeln soll, läuft ein Crowdfunding – nur noch sechs Tage werden unter anderem Wohnzimmerkonzerte oder ein Geburtstagsständchen angeboten. Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=hXRz-mtt6UM           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/hikikomori

Als vierte Eigenproduktion schließlich stehen im April/Mai entweder DIE SCHAMLOSEN – eine Textcollage von Nagy Vilmos mit Texten von Daniil Charms oder VERSUCHE EINES LEBENS – eine Stückentwicklung von Thyl Hanscho auf dem Programm. „Hier müssen wir noch aus produktionstechnischen Gründen, auf die finale Entscheidung warten, welches Stück schlussendlich im Frühjahr gespielt wird. Das andere Stück folgt dann im Herbst 2020“, so Kavin, der für den Jänner 2020, genauer: 13. bis 19., ein FESTIVAL DER VIELFALT verspricht: „Mit Tanztheater, diverser Musik, Clownerie und Kabarett bereiten wir eine bunte und internationale Woche vor. Dies Festival soll ein weiterer Schritt dazu sein, die TheaterArche als Haus für die vielfältige, spartenübergreifende Freie Wiener Szene zu etablieren“.

Womit die Sprache nun auf die Gastspiele kommt, von denen Kavin seinem Publikum vorerst drei ans Herz legen möchte: von 8. bis 12. Oktober „Blasted“ von Sarah Kane im englischen Original, eine Koproduktion Mental Eclipse Theatre House und Vienna Theatre Project, von 18. bis 20. Oktober „Yogur Piano“ von Gon Ramos aus Madrid und ergo auf Spanisch, und von 5. bis 8. Dezember das surreale Zirkustheater „Picknick For One“.

www.theaterarche.at

  1. 7. 2019