Wiener Festwochen: Die Orestie

Mai 31, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Demokratie für die Laborratten

Klytaimestra (Marie Löcker) und Volk. Bild: Armin Smailovic

Sollte einem die Schädeldecke nach hinten rutschen, so der Tipp von Dramaturg Matthias Günther am Ende seiner gutgelaunten Werkeinführung: „Schieben Sie sie einfach wieder nach vorne!“ Äh, ja. Ersan Mondtag Shootingstar hat zweifellos viel und farbenprächtige Fantasie, seine Fassung von Aischylos‘ „Orestie“ oszilliert zwischen Pathos und Klamauk – ein spannender Mix, für den man alles, nur nicht spaßbefreit sein darf.

Die Ansage, den Anspruch, sich wieder auf die Archaik des antiken Theaters zu besinnen, erfüllt der Abend, der vom Thalia ans Theater an der Wien übersiedelt ist, allerdings in vielerlei Hinsicht nicht. Das beginnt mit der Sprache, die so typisch deutsches Stadttheater ist. Mit einem Hauch Schnoddrigkeit und Mut zur Schreierei bis zur Outrage. Wenn Sebastian Zimmler als Orest sich in der Plattenbausiedlung – Mondtag, der seine Inszenierungen gern auch biografisch verankert, denkt hier wohl an den Berliner Kiez seiner Kindheit – die rachsüchtige Seele aus dem Leib brüllt, wartet man unwillkürlich darauf, dass von einem der Balkone ein „Ruhe!“ in den Innenhof erschallt. Im Wiener Gemeindebau wär’s mit Garantie so. Bevor die Stiege vier endlich ins Spiel kommt, passiert aber eine Menge.

Mondtag hat sich das Haus des Atreus‘ als Laborrattenstaat erdacht (honi soit …, wem hier der Neuenfels‘sche Skandal-Lohengrin einfällt). Das macht insofern Un/sinn, als die alten Griechen schon zu satyrnartigen Bocksmasken und großen Schwänzen griffen. Vor der Kulisse einer Glyptothek stehen die Darsteller in Stasis auf einer kleinen, roten Drehbühne. Ihr Singsang als Bürgerchor, unterstützt von einem Altonaer Gesangschor, der die Musik von Jazzer Max Andrzejewski interpretiert, erzählt die Geschichte von Flaute für die Flotte, Opferung Iphigenies, bis Heimkehr Agamemnon und Totschlag. Das ist, dank des hohen Tons von Walter Jens‘ Übersetzung, tatsächlich gewaltig. Marie Löcker tritt mit brüchiger Erotik als Klytaimestra aus der Masse hervor, André Szymanski als totengleich wandelnder Agamemnon, Paul Schröder als Aigisth.

Kassandra irritiert als Wickelkind im Weidenkorb. Bild: Armin Smailovic

Warum Kassandra ein Wickelkind im Weidenkörbchen sein muss, erschließt sich wiederum nicht. Das Babygebrabbel wird als die Fremdsprache der Seherin gedeutet, von der keiner versteht, was sie sagen will. Die ästhetische Setzung ist jedenfalls stark, Form bestimmt den Inhalt. Und erst auf den zweiten Blick sind die kleinen Irritationen zu entdecken: ein Shirt auf dem „Geil“ steht, eine Tasche mit der Aufschrift „Club Azur“.

Das weist schon hin auf das Folgende, wenn sich die Kulisse dreht, und die Aufführung zwischen Blumenbalkon und Sat-Schüssel angelangt ist. Als ob hinter jeder marmornen Fassade die Kleinbürgerlichkeit hauste. Und Klytaimestra und Aigisth winken gar königlich aus dem Spießbürgeridyll ins Volk hinunter. Da wird nun vieles lächerlich bis zum Lachen. Eine Urne wird aufs Chaos von Thomas Niehaus geworfen, die Sätze sind jetzt von Mondtag und modern. Als hätte manch einer ein „Also, wissen Sie, nee …“ auf den Lippen.

Nach der Pause eine eindrückliche, schwarze Albtraumszene, die sich von Atreus und Thyestes zu Aigisth, der längst als Witzfigur zur Abschlachtung freigegeben ist, und Orest entwickelt. Das ist von großer Intensität, wenn Agamemnon, als Toter auf seinem Grab sitzend, dem Sohn den Doppelmord befiehlt. Kein Wunder hier, dass Zimmler Hamlet und Jesus zitiert, er wird schließlich vor dem roten Vorhang zum durch die Erinyen Verpesteten, will eine Beichte ablegen, wird aber durch höhere Macht – Apollon – zum Demagogen, der aufhetzt, statt zu gestehen. Das ist schon sehr geschickt gelöst, samt Björn Meyer als Elektra.

Am Ende finden sich alle im Tiefgaragen-Tempel von Athene – Cathérine Seifert, die für die Übersiedlung die vom deutschen Feuilleton bemängelte Merkel-Raute und SMS-Sucht offenbar abgelegt hat – wieder und die Plädoyers beginnen. Der Hohe Rat wird eingesetzt, und sofort setzt Zank und Hader wieder ein. Unter Ratten ist eben keine Demokratie möglich, diese zarte Pflanze, die derzeit gerade vielerorts zertreten wird. Sagt Ersan Mondtag und verdreht Aischylos‘ Happy End in ein hämisches Moment. Zum Schluss gab’s Riesenjubel und Applaus für einen Abend, der die Balance zwischen Erhabenen und Groteskem sucht, und doch zu sehr in Zweiteres entgleitet. Die alte Kreativenregel „Kill your darlings!“ lass‘ die Einfälle weg, auf die du am stolzesten bist und die du am schönsten findest – hätte dieser Inszenierung gutgetan.

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  1. 5. 2018

Theater in der Josefstadt: In der Löwengrube

März 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An der Stammeszugehörigkeit wächst die Schauspielerei

Muss die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, nun putzen: Florian Teichtmeister als Arthur Kirsch und Alexander Absenger als Strassky. Bild: Moritz Schell

Es beginnt mit Shakespeares Shylock und Buhrufen und Pfiffen aus dem „Publikum“. Aufruhr im Zuschauerraum. Der angeheuerte Politpöbel kommt freilich vom Band, und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was dagegen sagen möchte … Am Theater in der Josefstadt hatte anlässlich dessen 70. Geburtstags Felix Mitterers „In der Löwengrube“ Premiere, hatte Erstaufführung am Haus, womit das Stück dank Direktor Herbert Föttinger seiner ursprünglichen Bestimmung nun endlich zugeführt ist.

Denn der von Otto Schenk in den 1990er-Jahren initiierte, dann aber für die Bühne nicht umgesetzte Schreibauftrag an den nunmehrigen Jubilar ist eine Josefstädter Geschichte. Eine true story sozusagen. Mitterers Tragifarce erzählt vom Wiener jüdischen Schauspieler Leo Reuss, der sich im Dritten Reich als schauspielerisches Naturtalent aus den heimischen Bergen ausgab, um zu einem Engagement zu kommen. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Diamants, vermittelte seine Entdeckung nach Wien.

Es folgte ein Engagement an der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels in seinem Kampf gegen „Kulturbolschewismus und jüdische Dekadenz“ war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich – oder der Akteur selbst, da gehen die Quellen nicht konform – ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika, wo er in Hollywood wegen seines deutschsprachigen Akzents ausgerechnet in Nazi-Rollen besetzt wurde. Für ihre Inszenierung nun hat Regisseurin Stephanie Mohr ein feines Ensemble um sich versammelt, das einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Florian Teichtmeister, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Mohr stellt ein Panoptikum seltsamer Gestalten auf die von Miriam Busch bis auf ein paar Stühle leergelassene Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Peter Scholz als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Mohrs gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Ausdrücklichkeit, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig „jiddelnd“, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. André Pohl wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von einschlägigen Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Teichtmeister gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt. “Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen?“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Der Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl mischt das Theaterensemble auf: André Pohl, Florian Teichtmeister, Tobias Reinthaller und Peter Scholz. Bild: Moritz Schell

Die Diva denkt zuerst an die Karriere: Florian Teichtmeister, Pauline Knof als Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Teichtmeister ist herrlich als „Reschpektsperson“, als Bauernphilosoph und Politpolterer für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als blondes Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl. Der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Teichtmeister in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt, und wie er als solcher mit kleinen Gesten Verachtung darstellt.

Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: das Schaf im Wolfspelz. Teichtmeister spielt Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems. Etwa, wenn er nicht nur Wahrheiten über die anderen austeilt, sondern auch solche über sich selbst einstecken muss. Denn mit der richtigen „Stammeszugeörigkeit“ wächst, scheint’s, die Schauspielkunst.

Famos ist auch Scholz als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, ein Feigling auch, aber das mit einer Vehemenz, dass man ihm seine Ergebenheit, mit der er das System letztlich nur düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Alexander Strobele als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass. Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Alexander Absenger als seine Abgötter fürchtender „Bösewicht“, Pohl als letztlich übel zugerichteter Intrigant und Tobias Reinthaller als jugendlichem Liebhaber von Alma Hasuns Olga, verlieren zunehmend die Nerven. Pauline Knof gibt die Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Claudius von Stolzmann hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke aufzwingt. Von Stolzmann hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt von der Stimme bis zur Gestik eine glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten. Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber mutmaßlich eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseurin Mohr findet für ihre Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, ihre Schauspieler treffen den von ihr vorgegebenen Ton zwischen komödiantischem Auftrumpfen und sensibler Nachdenklichkeit perfekt.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=j873Eo_rGRs

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  1. 3. 2018

 

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

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  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Der Engel mit der Posaune

September 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fulminanter Saisonauftakt mit einem Familienepos

Familie Alt: Michael Dangl, Maria Köstlinger, André Pohl, Silvia Meisterle, Alexander Absenger und Matthias Franz Stein. Bild: Sepp Gallauer

Das Theater in der Josefstadt eröffnete die Theatersaison 2017/18 mit einer außerordentlich großartigen Produktion. Gezeigt wurde Samstagabend die Uraufführung von Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“. Da wird mancher den Film mit dem Wessely-Hörbiger-Clan kennen, doch an der Josefstadt bezieht man sich auf Lothars Roman. Der Vordenker und Förderer der Wiener Kultur war gemeinsam mit Max Reinhardt von 1935 bis 1938 Direktor des Hauses.

Musste emigrieren, und veröffentlichte 1944 in den USA sein Opus Magnum – in Englisch. 1946 erschien das Buch erstmals in deutscher Sprache. Für die Josefstadt hat Susanne F. Wolf das 900 Seiten starke Werk dramatisiert. Eine feine, feinsinnige Arbeit, hat sie doch mit ruhiger Hand die Quintessenz der Familiensaga destilliert. Entstanden ist so ein sehr klarer, schlüssiger Text, dem es an nichts, heißt: keinem wichtigen Handlungsstrang, fehlt. Im Gegenteil: Wolf wertet das Ganze durch den ihr eigenen subtilen, mitunter sarkastischen Humor auf, ja, das Publikum darf inmitten all der Tragödien immer wieder über gelungene Bonmots und sprachliche Querschläger in den Dialogen lachen.

74 Szenen hat Wolf erarbeitet, die Janusz Kica inszeniert hat. Schlag auf Schlag geht da alles, Szenen greifen ineinander, überlappen teilweise, laufen teilweise parallel ab. Ein Drei-Stunden-Abend, der wie im Flug vergeht! Und nicht einen Durchhänger hat. Damit das funktionieren kann, gibt es ein einheitliches Bühnenbild von Karin Fritz, an dem sich allerdings nicht erschließt, warum der Wohnsitz einer ehrenwert-reichen Wiener Dynastie von Haus aus wie eine ausgebombte Brandruine ausschauen muss. Engel über dem Portal gibt’s übrigens keinen, die Kulisse ist mehr Innenansicht, weil doch Innenschau der Personen.

Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf mit Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Franz und Henriette Alt haben den ersten Zwist: Michael Dangl und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

„Der Engel mit der Posaune“ erzählt die Geschichte der Familie Alt und damit gleichsam die Geschichte des Hauses Österreich. Traditionshäuser im Wortsinn sind beide, die Alts residieren auf der Seilerstätte 10 (mit eben Engel über dem Eingang), eine Klavierbauerdynastie, auf deren Instrumenten weiland schon Mozart spielte. Die Situation ist beengt, die Verwandtschaft steigt sich auf die Füße und geht sich auf die Nerven, hat doch Stammvater Alt verfügt, dass niemand jemals aus dem Haus ausziehen darf, weil sonst sein Erbe verloren ist.

Franz Alt ist Firmenchef. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht seine Frau Henriette. Sie ist es, die die Historie von 1888 bis 1938 illustriert, war sie doch eine „Angedachte“ von Kronprinz Rudolf und wird sie doch, weil Halbjüdin, von den Nazis erschossen werden. Franz und Henriette haben drei Kinder: Hans, Hermann und Martha Monica. Außerdem anwesend: Franz‘ Bruder Otto Eberhard, ein Staatsanwalt, und Tante Sophie. Sohn Hans wird sich später in die Jüdin Selma verlieben, doch weil sein Bruder Hermann sich den Nazis zuwendet, wird diese Liebe kein gutes Ende nehmen. Selma wird vergiftet …

Derart also hat Ernst Lothar den Ersten Weltkrieg, den Untergang der Donaumonarchie, den Ständestaat und das `34er-Jahr und schließlich den „Anschluss“ in sein Familienepos eingeschrieben, fünf Jahrzehnte Politik – und wie sie die Menschen (be)traf. Regisseur Janusz Kica führt sein Ensemble gekonnt und gezielt durch diese Epoche, die manch einem im Geschichtsunterricht als unverdaulich großer Klumpen einer einzigen Katastrophe erschien. Kica beherrscht die große Kunst, die Schauspieler ihre Rollen entwickeln zu lassen, schließlich wird hier ganz schön gealtert; er macht aus den Figuren fein ziselierte Charaktere, die mit einer großen Wahrhaftigkeit „über die Rampe kommen“, und die zeigen, was die Zeit mit Menschen macht.

Franz, vom Schlaganfall gezeichnet: Michael Dangl, Matthias Franz Stein und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Das Ende: SS-Sturmbannführer Esk erschießt Henriette: Maria Köstlinger und Gerhard Kasal. Bild: Sepp Gallauer

Als Ehepaar Franz und Henriette Alt brillieren Michael Dangl und Maria Köstlinger. Sie sind einander im Eheunglück verbunden. Die Köstlinger gibt erst den Trotzkopf, der nicht Kronprinzenmätresse werden will, dann die Verbiesterte, weil in ungeliebter Ehe Verbundene. Biedermann Franz ist einfach zu wenig für diese exaltierte, emanzipierte Frau. Doch wird sie schließlich doch noch lieben, als es an Franz‘ Sterben geht. Dangl beginnt sozusagen als jovial-leutselig Verliebter, er repräsentiert eine Art Aufbruchsstimmung in die Moderne, ohne die ihm so wichtige Tradition zu verleugnen. Doch wird ihm im Ehealltag – und im Ersten Weltkrieg – quasi das Rückgrat gebrochen, und so wird auch er launisch, laut, zynisch, bis ihm schließlich ein Schlaganfall die Sprache, am Ende das Leben raubt.

Noch traditionalistischer als Franz ist sein Bruder Otto Eberhard, den André Pohl mit Verve als Paradebeispiel eines k.u.k.-Bürokraten gestaltet. Mit steifer Oberlippe muss dieser Mann der Konvention zur Kenntnis nehmen, dass Franz die unpassende Henriette heiratet, streng und hochmoralisch macht er ihr ein Leben lang ebendieses sauer, bis er sie altersmilde geworden um Freundschaft bittet. Nur eines ändert sich nicht: Hört er das Wort Sozialismus, beginnt seine Stirnader zu pochen.

Den bekümmerten Firmenerben Hans Alt gibt Alexander Absenger erst als Träumer, dann als Idealisten, bei den Alts ein Schimpfwort, gibt ihn als einen, der nicht tatkräftig ist, diesen Umstand aber bejammert, bis er schließlich zum Aufbegehrer und Arbeiterfreund wird. Dies impft ihm seine Geliebte Selma Rosner ein. Alma Hasun gibt der Sozialistin und Schauspielerin ein Profil als politische Analytikerin, die ihre Weltanschauung wie ein Votivtaferl vor sich herträgt, während Absenger gekonnt vom Elegiebürscherl zum Macher zur leeren Hülle nach Selmas Tod wird. Kica erlaubt sich mit Hans einen Kunstgriff: Absenger ist lange vor Hans‘ Geburt, von Beginn an, als Beobachter auf der Bühne, er hört sein Schicksal schon, bevor es begonnen hat. Immer wieder sind solche Figuren anwesend: Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf, der Franz und Henriette belauscht, bis er zur Pistole greift, und eine, die man für einen Polizeispitzel hält, die sich aber als Erpresser entpuppt.

Hans Alt liebt Selma Rosner: Alexander Absenger und Alma Hasun mit Maria Köstlinger und Johannes Seilern als Diener Simmerl. Bild: Sepp Gallauer

Zum „guten“ Bruder gibt es den „bösen“: Matthias Franz Stein als Hermann Alt sehr schön sinister, egal, ob er sich der Mutter, weil bei ihr nicht einmal zweite Wahl, erst andient, oder sie später vernichten will. Wie Stein an der Rampe sein nationalsozialistisches Bekenntnis ablegt, das ist beklemmend. Eine gelungene Darbietung, mit der er Hermann aus dem Schattendasein, das er im Roman führt, holt. Bleibt schließlich Silvia Meisterle als Martha Monica, das Kuckuckskind aus einer Affäre Henriettes mit dem Grafen Traun (auch ihn spielt Hutter), der alle im Haus bescheinigen, sie sei „bestürzend herzlich“. Marianne Nentwich gibt eine Glanzvorstellung als herrischer, so scharfzüngiger wie scharfsinniger Familiendragoner Tante Sophie.

Jede Rolle in dieser Produktion ist großartig besetzt: Alexandra Krismer als kämpferische Sozialistin Mizzi Hübner; Michael Schönborn als Schulprofessor Miklau eine Art Lehrer Lämpel; Gerhard Kasal erst als Erpresser Jonescu, dann als dessen Nachfahre SS-Sturmbannführer Esk; Wojo von Brouwer, der als Vorarbeiter und Gewerkschafter Czerny auch seine Klavierkünste präsentieren darf; vor allem aber:

Johannes Seilern, der als kauziger, gern französisch parlierender, loyaler Diener Simmerl nicht nur ein Kabinettstück gestaltet, sondern seine „Gnädige Frau“ in den Tod begleiten wird. All das untermalt die atmosphärisch gewaltige Musik von Kyrre Kvam, die den Szenen die richtige Temperatur gibt. Kicas Inszenierung funktioniert mit sparsamsten Mitteln, die deshalb umso mehr wirken. Als einzigen „Gag“ erlaubt er sich einen Klavierflügel, der einmal von oben auf Hans herabschwebt. Vor allem nach der Pause gelingen ihm starke, gespenstische Bilder. Und wenn am Ende Alexander Absengers Hans „aus dem Untergrund“ seine Hornek’sche Rede hält, den Nationalwahn schilt und Toleranzbereitschaft lobt, dann haben Ernst Lothar und Susanne F. Wolf den Abend endgültig angedockt. Welch ein Ende von einem Anfang! Nun muss 2017/18 einfach ein gutes Theaterjahr werden.

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  1. 9. 2017

Weltmuseum Wien: André Hellers Eröffnungsfest

Mai 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Tag der offenen Tür am 25./26. Oktober

Der Orient vor der Haustüre. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Nach drei Jahren Umbau ist es demnächst soweit: Das neu gestaltete Weltmuseum Wien wird am 25. Oktober mit einer neuen Schausammlung und mehreren Sonderausstellungen wiedereröffnet. Das wird gefeiert – mit einem sinnlichen Kaleidoskop aus theatralischen und musikalischen Splittern unterschiedlicher Kulturen auf einer Open-Air-Bühne am Heldenplatz unter der künstlerischen Leitung von André Heller.

Nach der Show und am 26. Oktober kann man das neue Museum mit seinen weltberühmten Objekten bei freiem Eintritt besichtigen.

Das neue Weltmuseum versteht sich als Ort, der Menschen und Kulturen auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit der kulturellen Vielfalt der Menschheit zu befassen und mit seinen weltumspannenden Sammlungen Österreichs reichhaltige historische Beziehungen zur Welt zu dokumentieren. Die Bedeutung des Hauses hat Universalkünstler André Heller dazu inspiriert, das Bühnenfest für die große Wiedereröffnung zu konzipieren. Gemeinsam mit internationalen Künstlern wird er am Abend des 25. Oktobers auf einer Bühne am Heldenplatz ein Zeichen für Toleranz, Respekt und Miteinander setzen. Die Öffentlichkeit wird bei freiem Eintritt zahlreiche Auftritte herausragender Künstler, die zum Teil erstmals in Österreich zu sehen sind, erleben können. Nach der Eröffnungsfeier wird das Weltmuseum Wien zugänglich sein. Bei freiem Eintritt können Besucher bis ein Uhr nachts das neue Museum erkunden. Diese Möglichkeit besteht außerdem am Nationalfeiertag von 13 bis 21 Uhr.

„Wir freuen uns außerordentlich über zwei Dinge: Einerseits, dass wir heute endlich das offizielle Eröffnungsdatum bekanntgeben konnten, auf das wir in den vergangenen Jahren hingearbeitet haben. Andererseits, dass uns ein so großartiger und weltbekannter Künstler wie André Heller das schönste Geschenk zur Wiedereröffnung macht, indem er sich bereiterklärt hat, unsere Bühnenshow zu kuratieren. Das ist eine große Ehre und macht uns sehr stolz“, so Direktor Steven Engelsman bei der Pressekonferenz am Dienstagmittag. „Wir alle im Weltmuseum Wien können die Wiedereröffnung kaum erwarten. Wir sind im Endspurt und es sind nur noch vier Monate für die Fertigstellung übrig geblieben. Ganz Österreich kann auf das neue Museum voller schöner Überraschungen gespannt sein.“

Ein österreichisches Mosaik Brasiliens. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Geschichten aus Mesoamerika. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Das Herzstück des neuen Museums wird die von Grund auf neu konzipierte Schausammlung sein. In 14 Sälen, die sich wie eine Perlenkette von Geschichten aneinanderreihen, werden die zentralen Bestände gezeigt und aus zeitgemäßer Sicht interpretiert. Sie werden insgesamt 3.127 Objekte und zahlreiche Fotographien zeigen. Dabei werden oft überraschende Verbindungen zwischen Österreich und der Welt sichtbar gemacht. Alle Besucher werden dazu eingeladen, die weltumspannenden Sammlungen – darunter der berühmte Federkopfschmuck „Penacho“, die Sammlung des James Cook oder die Objekte der Brasilien-Expedition des Johann Natterer – neu zu entdecken.

Einen ersten Einblick in die neu gestaltete Schausammlung ermöglichte am Dienstag die Präsentation des bereits fertiggestellten Saales „Im Schatten des Kolonialismus“. Dieser Raum beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit und der damit verbundenen Entfaltung ethnographischer Museen. Auch das Weltmuseum Wien profitierte von der kolonialen Expansion Europas und die Erwerbsgeschichten vieler Gegenstände erzählen von Aneignung und kolonialer Gewalt. Während die Kolonien nach den Zweiten Weltkrieg sukzessive ihre Unabhängigkeit erstritten und in diese entlassen wurden, schien die Zeit in den ethnographischen Museen stillgestanden zu sein. Nur zögerlich wurden die scheinbar zeitlosen Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden erst ab den 1980er-Jahren hinterfragt. Heute stellen sich die ethnographischen Museen ihrer eigenen kolonialen Vergangenheit, nicht nur um ein Bewusstsein für diese zu schaffen, sondern auch um daraus zu lernen. Denn die Art und Weise, wie in der Gegenwart mit den Sammlungen und den damit verbundenen Menschen umgegangen wird, prägt das Bild ethnographischer Museen in der Zukunft.

Südsee: Begegnungen mit dem verlorenen Paradies. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Benin und Äthiopien. Kunst, Macht, Widerstand. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Mit der Wiedereröffnung werden ergänzend zur Schausammlung auch fünf Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler – darunter Lisl Ponger und Dejan Kaludjerović – im Hochparterre und Mezzanin eröffnen, die einen anderen Blick auf ethnographische Themen bieten und zeitgenössische Akzente setzen. Im neuen cook café & bistro in der Säulenhalle kann man sich verköstigen lassen und im Museumsshops das spannende Sortiment erkunden.

www.weltmuseumwien.at

Wien, 16. 5. 2017