Theater in der Josefstadt: Der Engel mit der Posaune

September 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fulminanter Saisonauftakt mit einem Familienepos

Familie Alt: Michael Dangl, Maria Köstlinger, André Pohl, Silvia Meisterle, Alexander Absenger und Matthias Franz Stein. Bild: Sepp Gallauer

Das Theater in der Josefstadt eröffnete die Theatersaison 2017/18 mit einer außerordentlich großartigen Produktion. Gezeigt wurde Samstagabend die Uraufführung von Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“. Da wird mancher den Film mit dem Wessely-Hörbiger-Clan kennen, doch an der Josefstadt bezieht man sich auf Lothars Roman. Der Vordenker und Förderer der Wiener Kultur war gemeinsam mit Max Reinhardt von 1935 bis 1938 Direktor des Hauses.

Musste emigrieren, und veröffentlichte 1944 in den USA sein Opus Magnum – in Englisch. 1946 erschien das Buch erstmals in deutscher Sprache. Für die Josefstadt hat Susanne F. Wolf das 900 Seiten starke Werk dramatisiert. Eine feine, feinsinnige Arbeit, hat sie doch mit ruhiger Hand die Quintessenz der Familiensaga destilliert. Entstanden ist so ein sehr klarer, schlüssiger Text, dem es an nichts, heißt: keinem wichtigen Handlungsstrang, fehlt. Im Gegenteil: Wolf wertet das Ganze durch den ihr eigenen subtilen, mitunter sarkastischen Humor auf, ja, das Publikum darf inmitten all der Tragödien immer wieder über gelungene Bonmots und sprachliche Querschläger in den Dialogen lachen.

74 Szenen hat Wolf erarbeitet, die Janusz Kica inszeniert hat. Schlag auf Schlag geht da alles, Szenen greifen ineinander, überlappen teilweise, laufen teilweise parallel ab. Ein Drei-Stunden-Abend, der wie im Flug vergeht! Und nicht einen Durchhänger hat. Damit das funktionieren kann, gibt es ein einheitliches Bühnenbild von Karin Fritz, an dem sich allerdings nicht erschließt, warum der Wohnsitz einer ehrenwert-reichen Wiener Dynastie von Haus aus wie eine ausgebombte Brandruine ausschauen muss. Engel über dem Portal gibt’s übrigens keinen, die Kulisse ist mehr Innenansicht, weil doch Innenschau der Personen.

Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf mit Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Franz und Henriette Alt haben den ersten Zwist: Michael Dangl und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

„Der Engel mit der Posaune“ erzählt die Geschichte der Familie Alt und damit gleichsam die Geschichte des Hauses Österreich. Traditionshäuser im Wortsinn sind beide, die Alts residieren auf der Seilerstätte 10 (mit eben Engel über dem Eingang), eine Klavierbauerdynastie, auf deren Instrumenten weiland schon Mozart spielte. Die Situation ist beengt, die Verwandtschaft steigt sich auf die Füße und geht sich auf die Nerven, hat doch Stammvater Alt verfügt, dass niemand jemals aus dem Haus ausziehen darf, weil sonst sein Erbe verloren ist.

Franz Alt ist Firmenchef. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht seine Frau Henriette. Sie ist es, die die Historie von 1888 bis 1938 illustriert, war sie doch eine „Angedachte“ von Kronprinz Rudolf und wird sie doch, weil Halbjüdin, von den Nazis erschossen werden. Franz und Henriette haben drei Kinder: Hans, Hermann und Martha Monica. Außerdem anwesend: Franz‘ Bruder Otto Eberhard, ein Staatsanwalt, und Tante Sophie. Sohn Hans wird sich später in die Jüdin Selma verlieben, doch weil sein Bruder Hermann sich den Nazis zuwendet, wird diese Liebe kein gutes Ende nehmen. Selma wird vergiftet …

Derart also hat Ernst Lothar den Ersten Weltkrieg, den Untergang der Donaumonarchie, den Ständestaat und das `34er-Jahr und schließlich den „Anschluss“ in sein Familienepos eingeschrieben, fünf Jahrzehnte Politik – und wie sie die Menschen (be)traf. Regisseur Janusz Kica führt sein Ensemble gekonnt und gezielt durch diese Epoche, die manch einem im Geschichtsunterricht als unverdaulich großer Klumpen einer einzigen Katastrophe erschien. Kica beherrscht die große Kunst, die Schauspieler ihre Rollen entwickeln zu lassen, schließlich wird hier ganz schön gealtert; er macht aus den Figuren fein ziselierte Charaktere, die mit einer großen Wahrhaftigkeit „über die Rampe kommen“, und die zeigen, was die Zeit mit Menschen macht.

Franz, vom Schlaganfall gezeichnet: Michael Dangl, Matthias Franz Stein und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Das Ende: SS-Sturmbannführer Esk erschießt Henriette: Maria Köstlinger und Gerhard Kasal. Bild: Sepp Gallauer

Als Ehepaar Franz und Henriette Alt brillieren Michael Dangl und Maria Köstlinger. Sie sind einander im Eheunglück verbunden. Die Köstlinger gibt erst den Trotzkopf, der nicht Kronprinzenmätresse werden will, dann die Verbiesterte, weil in ungeliebter Ehe Verbundene. Biedermann Franz ist einfach zu wenig für diese exaltierte, emanzipierte Frau. Doch wird sie schließlich doch noch lieben, als es an Franz‘ Sterben geht. Dangl beginnt sozusagen als jovial-leutselig Verliebter, er repräsentiert eine Art Aufbruchsstimmung in die Moderne, ohne die ihm so wichtige Tradition zu verleugnen. Doch wird ihm im Ehealltag – und im Ersten Weltkrieg – quasi das Rückgrat gebrochen, und so wird auch er launisch, laut, zynisch, bis ihm schließlich ein Schlaganfall die Sprache, am Ende das Leben raubt.

Noch traditionalistischer als Franz ist sein Bruder Otto Eberhard, den André Pohl mit Verve als Paradebeispiel eines k.u.k.-Bürokraten gestaltet. Mit steifer Oberlippe muss dieser Mann der Konvention zur Kenntnis nehmen, dass Franz die unpassende Henriette heiratet, streng und hochmoralisch macht er ihr ein Leben lang ebendieses sauer, bis er sie altersmilde geworden um Freundschaft bittet. Nur eines ändert sich nicht: Hört er das Wort Sozialismus, beginnt seine Stirnader zu pochen.

Den bekümmerten Firmenerben Hans Alt gibt Alexander Absenger erst als Träumer, dann als Idealisten, bei den Alts ein Schimpfwort, gibt ihn als einen, der nicht tatkräftig ist, diesen Umstand aber bejammert, bis er schließlich zum Aufbegehrer und Arbeiterfreund wird. Dies impft ihm seine Geliebte Selma Rosner ein. Alma Hasun gibt der Sozialistin und Schauspielerin ein Profil als politische Analytikerin, die ihre Weltanschauung wie ein Votivtaferl vor sich herträgt, während Absenger gekonnt vom Elegiebürscherl zum Macher zur leeren Hülle nach Selmas Tod wird. Kica erlaubt sich mit Hans einen Kunstgriff: Absenger ist lange vor Hans‘ Geburt, von Beginn an, als Beobachter auf der Bühne, er hört sein Schicksal schon, bevor es begonnen hat. Immer wieder sind solche Figuren anwesend: Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf, der Franz und Henriette belauscht, bis er zur Pistole greift, und eine, die man für einen Polizeispitzel hält, die sich aber als Erpresser entpuppt.

Hans Alt liebt Selma Rosner: Alexander Absenger und Alma Hasun mit Maria Köstlinger und Johannes Seilern als Diener Simmerl. Bild: Sepp Gallauer

Zum „guten“ Bruder gibt es den „bösen“: Matthias Franz Stein als Hermann Alt sehr schön sinister, egal, ob er sich der Mutter, weil bei ihr nicht einmal zweite Wahl, erst andient, oder sie später vernichten will. Wie Stein an der Rampe sein nationalsozialistisches Bekenntnis ablegt, das ist beklemmend. Eine gelungene Darbietung, mit der er Hermann aus dem Schattendasein, das er im Roman führt, holt. Bleibt schließlich Silvia Meisterle als Martha Monica, das Kuckuckskind aus einer Affäre Henriettes mit dem Grafen Traun (auch ihn spielt Hutter), der alle im Haus bescheinigen, sie sei „bestürzend herzlich“. Marianne Nentwich gibt eine Glanzvorstellung als herrischer, so scharfzüngiger wie scharfsinniger Familiendragoner Tante Sophie.

Jede Rolle in dieser Produktion ist großartig besetzt: Alexandra Krismer als kämpferische Sozialistin Mizzi Hübner; Michael Schönborn als Schulprofessor Miklau eine Art Lehrer Lämpel; Gerhard Kasal erst als Erpresser Jonescu, dann als dessen Nachfahre SS-Sturmbannführer Esk; Wojo von Brouwer, der als Vorarbeiter und Gewerkschafter Czerny auch seine Klavierkünste präsentieren darf; vor allem aber:

Johannes Seilern, der als kauziger, gern französisch parlierender, loyaler Diener Simmerl nicht nur ein Kabinettstück gestaltet, sondern seine „Gnädige Frau“ in den Tod begleiten wird. All das untermalt die atmosphärisch gewaltige Musik von Kyrre Kvam, die den Szenen die richtige Temperatur gibt. Kicas Inszenierung funktioniert mit sparsamsten Mitteln, die deshalb umso mehr wirken. Als einzigen „Gag“ erlaubt er sich einen Klavierflügel, der einmal von oben auf Hans herabschwebt. Vor allem nach der Pause gelingen ihm starke, gespenstische Bilder. Und wenn am Ende Alexander Absengers Hans „aus dem Untergrund“ seine Hornek’sche Rede hält, den Nationalwahn schilt und Toleranzbereitschaft lobt, dann haben Ernst Lothar und Susanne F. Wolf den Abend endgültig angedockt. Welch ein Ende von einem Anfang! Nun muss 2017/18 einfach ein gutes Theaterjahr werden.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Weltmuseum Wien: André Hellers Eröffnungsfest

Mai 16, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Tag der offenen Tür am 25./26. Oktober

Der Orient vor der Haustüre. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Nach drei Jahren Umbau ist es demnächst soweit: Das neu gestaltete Weltmuseum Wien wird am 25. Oktober mit einer neuen Schausammlung und mehreren Sonderausstellungen wiedereröffnet. Das wird gefeiert – mit einem sinnlichen Kaleidoskop aus theatralischen und musikalischen Splittern unterschiedlicher Kulturen auf einer Open-Air-Bühne am Heldenplatz unter der künstlerischen Leitung von André Heller.

Nach der Show und am 26. Oktober kann man das neue Museum mit seinen weltberühmten Objekten bei freiem Eintritt besichtigen.

Das neue Weltmuseum versteht sich als Ort, der Menschen und Kulturen auf einzigartige Weise miteinander verbindet. Das Museum hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich mit der kulturellen Vielfalt der Menschheit zu befassen und mit seinen weltumspannenden Sammlungen Österreichs reichhaltige historische Beziehungen zur Welt zu dokumentieren. Die Bedeutung des Hauses hat Universalkünstler André Heller dazu inspiriert, das Bühnenfest für die große Wiedereröffnung zu konzipieren. Gemeinsam mit internationalen Künstlern wird er am Abend des 25. Oktobers auf einer Bühne am Heldenplatz ein Zeichen für Toleranz, Respekt und Miteinander setzen. Die Öffentlichkeit wird bei freiem Eintritt zahlreiche Auftritte herausragender Künstler, die zum Teil erstmals in Österreich zu sehen sind, erleben können. Nach der Eröffnungsfeier wird das Weltmuseum Wien zugänglich sein. Bei freiem Eintritt können Besucher bis ein Uhr nachts das neue Museum erkunden. Diese Möglichkeit besteht außerdem am Nationalfeiertag von 13 bis 21 Uhr.

„Wir freuen uns außerordentlich über zwei Dinge: Einerseits, dass wir heute endlich das offizielle Eröffnungsdatum bekanntgeben konnten, auf das wir in den vergangenen Jahren hingearbeitet haben. Andererseits, dass uns ein so großartiger und weltbekannter Künstler wie André Heller das schönste Geschenk zur Wiedereröffnung macht, indem er sich bereiterklärt hat, unsere Bühnenshow zu kuratieren. Das ist eine große Ehre und macht uns sehr stolz“, so Direktor Steven Engelsman bei der Pressekonferenz am Dienstagmittag. „Wir alle im Weltmuseum Wien können die Wiedereröffnung kaum erwarten. Wir sind im Endspurt und es sind nur noch vier Monate für die Fertigstellung übrig geblieben. Ganz Österreich kann auf das neue Museum voller schöner Überraschungen gespannt sein.“

Ein österreichisches Mosaik Brasiliens. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Geschichten aus Mesoamerika. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Das Herzstück des neuen Museums wird die von Grund auf neu konzipierte Schausammlung sein. In 14 Sälen, die sich wie eine Perlenkette von Geschichten aneinanderreihen, werden die zentralen Bestände gezeigt und aus zeitgemäßer Sicht interpretiert. Sie werden insgesamt 3.127 Objekte und zahlreiche Fotographien zeigen. Dabei werden oft überraschende Verbindungen zwischen Österreich und der Welt sichtbar gemacht. Alle Besucher werden dazu eingeladen, die weltumspannenden Sammlungen – darunter der berühmte Federkopfschmuck „Penacho“, die Sammlung des James Cook oder die Objekte der Brasilien-Expedition des Johann Natterer – neu zu entdecken.

Einen ersten Einblick in die neu gestaltete Schausammlung ermöglichte am Dienstag die Präsentation des bereits fertiggestellten Saales „Im Schatten des Kolonialismus“. Dieser Raum beschäftigt sich mit der kolonialen Vergangenheit und der damit verbundenen Entfaltung ethnographischer Museen. Auch das Weltmuseum Wien profitierte von der kolonialen Expansion Europas und die Erwerbsgeschichten vieler Gegenstände erzählen von Aneignung und kolonialer Gewalt. Während die Kolonien nach den Zweiten Weltkrieg sukzessive ihre Unabhängigkeit erstritten und in diese entlassen wurden, schien die Zeit in den ethnographischen Museen stillgestanden zu sein. Nur zögerlich wurden die scheinbar zeitlosen Vorstellungen vom Eigenen und vom Fremden erst ab den 1980er-Jahren hinterfragt. Heute stellen sich die ethnographischen Museen ihrer eigenen kolonialen Vergangenheit, nicht nur um ein Bewusstsein für diese zu schaffen, sondern auch um daraus zu lernen. Denn die Art und Weise, wie in der Gegenwart mit den Sammlungen und den damit verbundenen Menschen umgegangen wird, prägt das Bild ethnographischer Museen in der Zukunft.

Südsee: Begegnungen mit dem verlorenen Paradies. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Benin und Äthiopien. Kunst, Macht, Widerstand. Bild: © ARGE Ralph Appelbaum Associates / Hoskins Architects

Mit der Wiedereröffnung werden ergänzend zur Schausammlung auch fünf Sonderausstellungen zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler – darunter Lisl Ponger und Dejan Kaludjerović – im Hochparterre und Mezzanin eröffnen, die einen anderen Blick auf ethnographische Themen bieten und zeitgenössische Akzente setzen. Im neuen cook café & bistro in der Säulenhalle kann man sich verköstigen lassen und im Museumsshops das spannende Sortiment erkunden.

www.weltmuseumwien.at

Wien, 16. 5. 2017

Rabenhof: Holodrio – Lass mich Dein Dreckstück sein

Februar 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Hommage an André Heller

Eine Heller-Show nicht als Kabarett, sondern als Cabaret: Oliver Welter, Lucy McEvil und Christoph Krutzler. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof Theater hat Hausherr Thomas Gratzer eine Hommage an André Heller auf die Bühne gehoben. Zum Siebzigsten Prosatexte, Dialoge, Chansons aus den 1970ern, zeitlose Preziosen des selbsternannten Eulenspiegels aus Wien, dessen Narrenkappe immer auch Gelehrtenhut war und dessen Schellen zu Jux und Jammer läuteten. Nunmehr zum Gärtner in Seelenlandschaften gereift, hat sich Heller von da Musi verabschiedet, umso schöner ist es, sein frühes Schaffen wieder neu zu entdecken.

Gratzer hat sich dazu mit Lucy McEvil, Oliver Welter und Christoph Krutzler ein formidables Trio zusammengestellt; am Klavier ist Alf Peherstorfer zugange. Welter hat die Lieder neu arrangiert, dies bewusst reduziert, und ist so der Falle entschlüpft, den Abend in die Heller-Parodie gleiten oder zum Plagiat werden zu lassen. Nein, hier wird eigenständig Kunst gemacht: Ganz im Sinne des Schönbrunner Schmähtandlers wird nicht Kabarett, sondern Cabaret geboten, ein Flic Flac der Fantasie Thomas Gratzers, bevölkert von Hellers kuriosen Menschenwesen. Der Souffler ist da und Freund Schnuckenack, Leon Wolke und der kleine Pauli Grünwald. Das Wienerherz mag golden sein, aber des G’miat ist pechschwarz, weiß der Poet, und so gibt er einem warm/kalt, Tief- und Abgründiges – einmal als leiser, weiser Lyriker, dann als polternder Brachialdichter. Heller geißelt sich selbst so genussvoll wie andere.

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Die Hits dürfen natürlich nicht fehlen. Die wahren Abenteuer sind im Kopf. Rudolfo Valentino. Für immer jung. „A Zigeina mecht I sein“ wird zum Country Song. Lucy McEvil wünscht Jean Harlow guten Morgen, die Schauspielerin und Diseuse ist wie immer Elegance mit Augenzwinkern. Ihr kommt auch die Aufgabe zu, dem André Heller auf den Grund zu gehen. Ihn literarisch durch seine Familien- und Beziehungshöllen zu begleiten, durch Künstlerlust und -frust. Wie’s Schicksal eben so aufspielt. Die Kindheit war kein Zuckerlschlecken.

Es gibt eine Angst, die macht klein
Die macht einen krank und allein
Und es gibt eine Angst, die macht klug
Mutiger, freier von Selbstbetrug

Interpretiert das Ensemble. Und entschlüsseln das Geheimnis hinter dem Titel des Abends. Holodrio – war in den Latz von Hellers Kinderlederhose gestickt. Man wird mitgenommen zum Krampfaderncontest ins Gasthaus Urdil, erfährt, wofür der Maskenhändler eine Blutmaschine braucht, und wie’s einem nationalsozialistischen Fleischerehepaar ergeht. Naked-Lunch-Frontmann Welter spielt Gitarre, Krutzler bläst die Tuba, Miss McEvil streichelt die Ukulele. Charmant ist das, wenn’s dem Welter beim Dialektsingen den Kärntner raushaut. Krutzler ist schon per Leibesfülle und Stimmvolumen quasi als Qualtinger im Einsatz. Das Premierenpublikum dankte für die Darbietungen mit tosendem Applaus. Und forderte Zugabe. Die’s natürlich gab. Als dann, gengan’S schaun.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 15. 2. 2017

Theater in der Josefstadt: Die Verdammten

November 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Familienbande beim Machtspiel

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Die neuen Zeiten fordern die Alten als Opfer: Heribert Sasse (M.) als Joachim von Essenbeck mit Meo Wulf, Bettina Hauenschild, André Pohl, Peter Scholz, Peter Kremer und Raphael von Bargen. Bild: Erich Reismann

Regisseur Elmar Goerden zeigt an der Josefstadt seine Interpretation von Viscontis „Die Verdammten“, und, dass diese Inszenierung wie mit spitzen Nadeln unter die Haut fährt, zeigte sich beim begeisterten Schlussapplaus, bei dem Andrea Jonasson minutenlang darum rang aus ihrer Rolle zurück in die Realität zu kommen.

Da hatte ihre Sophie von Essenbeck die Vergewaltigung durch und die Eheschließung mit dem eigenen Sohn und schließlich ihr Leben gerade hinter sich gebracht, die Grande Dame des Theaters von dieser Szene schwer gebeutelt, tat sich doch da für sie eine völlig neue Dimension menschlicher Abgründe auf – und natürlich gelang der Jonasson die Darstellung dieser Fallstudie, dieses Sündenfalls mit Bravour.

So wie sie freilich der Fluchtpunkt des Abends ist, hat Goerden mit dem ganzen Ensemble präzise und mit Hingabe ans Detail an den Figuren gearbeitet, hat mit ihm prägnante Charaktere entworfen; allen voran der eben erst für den Nachwuchs-Nestroy nominiert gewesene Meo Wulf, seit dieser Saison Ensemblemitglied am Haus, ist ganz fabelhaft. An seinem Günther von Essenbeck erklären sich Goerdens Intentionen glasklar, er wird dort deutlich, wo Visconti 1969 nur andeutete, ist deshalb nicht weniger subtil, wenn’s um politische bis sexuelle Vorlieben geht, aber aggressiver, wenn er die Familienbande beim Machtspiel abbildet.

Ein paar Anachronismen legen darüber hinaus dar, worum’s hier geht, Haltung bewahren, Stellung beziehen in Tagen wie diesen; Goerden porträtiert eine innerlich verwahrloste Industrie-Aristokratie, die Aushöhlung eines altgedienten, ausgedienten Anstands, dem die Stunde mit der der Parteiaufsteiger und ihrer Wirtschaftsmetzen schlägt. So wird ihm dieser Teil von Viscontis Deutscher Trilogie zur irrwitzig eleganten Totenfeier, ein Requiem auf Ehrlichkeit und Ehrenhaftigkeit, nun wo die Mörder der Ehre die Treue schworen. Auch das ästhetisch reduzierte Bühnenbild von Silvia Merlo und Ulf Stengl, letzterer besorgte die Textfassung, atmet Eiseskälte, das einzige, das in dieser Atmosphäre brennt ist der Hass, der alle um- und antreibt. Und der Reichstag. Im Februar 1933 entscheiden sich die Schicksale, im kleineren Rahmen der Bühne geschieht all das, was sich im Großen tatsächlich ereignete, bis hin zum Kampf der SS gegen die SA, bis hin zur „Nacht der langen Messer“. Der Krupp-Clan diente Visconti als Beispiel für seine von Essenbecks.

Der Clan ist groß. Der regierende Familienpatriarch ist der neuen Generation und ihren Plänen, sich der Führung des „Führers“ zu überantworten, im Weg. Er wird beseitigt. Es beginnt ein Hauen und Stechen, die Witwe des ältesten Sohnes will ihren Geliebten in Amt und Würden wissen, der zweitälteste Sohn dagegen seinen Sprössling, der Ehemann der Tochter ist strikter Nazigegner und wird mit seiner Familie flüchten müssen. Und mitten drin der Cousin, ein SS-Mann, der die Fäden zieht, die den vermeintlichen Machern längst aus den Händen geglitten sind. Wie in den Shakespeare’schen Königsdramen, in denen immer der, der die oberste Stufe zur Regentschaft erklommen hat, fallen muss, so ist es auch hier. Jeder neue Anwärter auf den Vorstandsdirektorenthron verheddert sich noch mehr im Fangnetz des Nationalsozialismus, die Gefälligkeiten, die Berlin gewährt sind allzu verlockend, bis dem letzten zwar als Alleinherrscher das Firmenimperium überschrieben wird, er sich aber im schwarzen Dienstrock dem Dritten Reich verschrieben hat.

Der Handlanger wird Herrenmensch: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Der Handlanger will Herrenmensch werden: André Pohl als Friedrich Bruckmann und Andrea Jonasson als Sophie von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Spielchen kosten mehr als ein Leben: Meo Wulf als Günther und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Die neckischen Jungsspielchen kosten Günther das Leben: Meo Wulf und Alexander Absenger als Martin von Essenbeck. Bild: Erich Reismann

Das gesamte Ensemble agiert exzellent. Andrea Jonasson überzeugt als die ihren Sohn Martin inzestuös begluckenden Witwe Sophie von Essenbeck, zu deren Zuckerbrot-und-Peitsche-Prinzip der Griff in den Schritt ebenso gehört, wie die täglichen Demütigungen. Beide Erziehungsmethoden wendet sie auch bei ihrem Geliebten an, André Pohl im verbiesterten Buchhaltermodus als Friedrich Bruckmann, der versucht, sich aus der Handlangerhaltung zum Herrenmenschen aufzubäumen. Pohl gestaltet Bruckmann als die Art Bürokrat, wie sie dem NS-Regime die Mittel und Wege für ihren Massenmord lieferten, er bleibt ein spröder Unsympath bis zum Ende. Sophies Mittel zum Zweck.

Im Gegensatz dazu ist Alexander Absenger als Sophies Sohn Martin von Essenbeck die Süffisanz im Smoking. So er denn einen trägt. Absenger hat es in seiner ersten großen Rolle an der Josefstadt gleich mit der ersten großen Rolle von Viscontis Muse Helmut Berger zu tun, eine Aufgabe, die ihm großartig gelingt. Er hat sich ein eigenes androgynes Flair angeeignet, ist weniger elegisch diabolisch, als vielmehr lauthals entgleisend, die feine Gesellschaft mit seinen Eskapaden brüskierend, doch in den Augen glimmt neben der Lust auf die Lust von Beginn an die auf die Macht. Seine starke Performance krönt Absenger mit der wohl berühmtesten Szene, der Parodie auf Marlene Dietrichs „Blauen Engel“ Lola, die er in Straps und Zylinder wie ein Boxer im Ring um sich schlagend und zu einem Schlagzeugsolo bestreitet.

Ein Opfer dieser Zeitvertreibe, das Mädchen Lisa kommt bei Goerden nicht vor, wird sein Cousin Günther, der zwischen der Ausstellung seiner homosexuellen Neigungen durch Martin und den Terrormethoden, mit denen ihn sein Vater Konstantin ins Unternehmen treiben will, aufgerieben wird.

Meo Wulf macht sich mit seiner Darstellung des Günther zu einem der Hauptdarsteller, jedenfalls zum Sympathieträger für die Emotionen der Zuschauer, er macht aus Günther einen sensiblen, musisch hochbegabten jungen Mann, ein Schaf im Wolfrudel, einen Schöngeist, der sich dem Sarkasmus ergibt, bevor er sich schließlich – anders als im Film, wo seinem „jungen, puren, absoluten Hass“ die große Zukunft prophezeit wird – aufgibt. Heribert Sasse brilliert als gemütliches, gutgelauntes Clanoberhaupt Joachim von Essenbeck, der beides gerade so lange ist, wie es nach seinen Wünschen geht. Er ist ein letzter Vertreter und Verfechter der alten Ordnung, und Sasse gestaltet ihn ergo als einen, der im Gestern lebt, einen, der nie über den „Heldentod“ seines ältesten Sohnes hinweggekommen ist, leicht senil, aber kaisertreu. Peter Kremer ist als Günthers wütender, enttäuschter, später von der Verwandtschaft abservierter Vater Konstantin zu sehen.

Und so wie dieser SA-Mitglied, ist Wolf von Aschenbach SS-Hauptsturmführer. Raphael von Bargen gibt diesem kaltschnäuzigen Intriganten, der den aufkommenden Weltenbrand lapidar kommentiert, Profil. Wie von Bargen den charmant herumtollenden „Onkel“ für die Thallmann-Mädchen gibt, während er für deren Eltern – Peter Scholz und Bettina Hauenschild, die, mit einem weißen Lavoir in der Villa unterwegs, die Familie im Wortsinn reinwaschen will – schon den Transport ins KZ Dachau organisiert, das ist Schauspielerei vom Feinsten. Mit den Mädchen wird er auch, als Ersatz für die Massakerszene am Weissee, Hans Baumanns Ode an den Wahnsinn singen. „Es zittern die morschen Knochen“ als Kinderlied. Als Einladung an den nächsten Jahrgang. Es ist gruselig. Schon wieder. Denn heute, da hört uns … und morgen …?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AhF_HhMgE_c

www.josefstadt.org

Wien, 11. 11. 2016

Volksoper: Hoffmanns Erzählungen

Oktober 16, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Jacques Offenbach vom Sockel geholt

Beate Ritter triumphiert als Olympia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Eine mannstolle Metall-Colombina: Beate Ritter singt sich als Olympia von Höhepunkt zu Höhepunkt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Teufel macht von Anfang an das Spiel, erzählt, wie er bei der Uraufführung das Wiener Ringtheater in Flammen aufgehen ließ und später in Paris das Orchestermaterial vernichtete, weil ihn Jacques Offenbach in „Orpheus in der Unterwelt“ verlacht hatte. Das sind die Mythen und Legenden, die sich um dessen einzige große Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ranken, und in der Brandruine von 1881 findet denn auch die Aufführung von André Barbe und Renaud Doucet an der Volksoper statt.

Das französische Regie-Dreamteam stellt eine gothic graphic novel auf die Bühne, bewegt sich so gewitzt entlang von E. T. A. Hoffmanns romantischen Schauergeschichten, die Fülle an Grauen-Grusel-Gänsehaut-Ideen, ihre überbordende Liebe zu Details hätte auch drei Inszenierungen befüllt. Und so wie einen die wilde Jagd optisch umbraust, alles ist hier Temperament und Tempo, so ist auch das Dirigat von Gerrit Prießnitz weniger subtil als scharf geschliffener Sturm und Drang. Da scheint es fast Konzept zu sein, dass ihm im Giulietta-Akt kurz, aber heftig die Zügel entgleiten, wenn’s im gestreckten Galopp dem Ende zu geht.

Barbe und Doucet haben Jacques Offenbach im Wortsinn von seinem Sockel geholt. Als bronzenes Männlein turnt er durch die Szenerie, dirigiert da, gestikuliert dort, immer ein paar Partiturblätter bei der Hand; Christian Drescher verleiht ihm Gestalt und Stimme, wenn der Komponist wie zum Gaudium in die Rollen der Faktoten Cochenille, Franz und Pitichinaccio schlüpft. Beim Grande Finale schließlich wird er von seinen Figuren geehrt und gefeiert werden.

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Spielmacher: Josef Wagner, hier als Doktor Mirakel, mit Anja-Nina Bahrmann als Antonia. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In der Lasterhöhle der Giulietta: Mirko Roschkowski als Hoffmann und Juliette Mars als Muse/Niklaus. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Zu den schönsten Pop-up-Bildern dieses Cherchez la femme! gehören die Offenbach’sche Kopfmaschine in Lutters „Höllenbar“, das Labor des Spalanzani, in dem sich eine verrückte Cyborg-Gesellschaft amüsiert, und der Schneepalast der ihre Seele aushauchenden und bereits als halbes Röntgenbild erscheinenden Antonia. Ach, die Anatomie der Liebe. Dass allerdings auch hier, im Überleiten zum verruchten Venedig, nicht auf Gags und Gimmicks verzichtet werden konnte, Dr. Mirakel macht auf Max Schreck, die Walküren-Mutter aufersteht, als ob der Geist von Richard Wagner einen schlechten Tag gehabt hätte, ist schade.

Gerade die ohnedies schon als solche angedachte Eiswelt der Antonia hätte sich für einen Temperaturwechsel in dieser überhitzten Aufführung voller sexueller Anspielungen angeboten, der eine Zäsur an dieser Stelle gutgestanden hätte. Als ein Zur-Ruhe-kommen auf der Bühne und im Zuschauerraum, als ein stillerer Albtraum inmitten der irren Nachtmahre.

Als Dämon der Kunst brilliert einmal mehr Josef Wagner. Wie er den Lindorf, Coppelius, Dr. Mirakel oder einen Mussolini’schen Dapertutto gestaltet, kann man’s wohl sagen: Sein Name ist Legion. Sehr schön auch die lebende Köpfekiste, die Coppelius zur Anpreisung seines optischen Sortiments an der Leine mit sich führt. Wagner, am Haus zuletzt ein fabelhafter Don Giovanni, überzeugt darstellerisch wie gesanglich, ist ein gespenstischer und unheimlicher Spielmacher, mal berechnender Zyniker, mal kalter Nihilist, dann wieder so superschurkisch wie ein Comic-Bösewicht. Welch eine Show!

An seiner Seite wird Mirko Roschkowski als Hoffmann mit seiner stattlichen Statur und seiner schön timbrierten Stimme mit fast immer sicherer Höhe in das Format seiner Rolle bald hineinwachsen, er überzeugt fürs Erste mit seiner sehr charmanten und sympathischen Studiosus-Art. Aus der ausgezeichneten Gesamtleistung stechen Juliette Mars als Muse/Niklas mit satirischen Zwischentönen, Anja-Nina Bahrmann als hinreißend lyrische Antonia und Stefan Cerny vor allem als Krespel hervor. Einige Gesangsstücke wurden im französischen Original belassen: die berühmte Barkarole samt Hoffmanns „Chant bachique“, die Romanze der Antonia und ihr Liebesduett mit Hoffmann und die „Air“ der Olympia.

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.). Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das große Finale wird zur Hommage an Offenbach: Christian Drescher (M.) als in Bronze gegossener Komponist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Als diese holt sich Beate Ritter verdient den größten Applaus ab. Ihre Olympia ist eine von Offenbach per Fernbedienung gesteuerte und bald überdrehte Colombina, eine mannstolle Roboterfrau, die sich im Laufe ihres Auftritts zum bestrapsten Sextoy entblättert. Ob das eine Doppel-D-Körbchen freiwillig oder unfreiwillig abging, man wird’s nie erfahren, klar ist jedenfalls, dass Ritters einwandfreie Koloraturen in vielfacher Hinsicht ein Höhepunkt sind.

Zum Schluss gab’s großen Jubel, nur da und dort blieben ein paar Bemurmler, denen das Ganze zu wenig Weihetempel war. Die Arbeit von André Barbe und Renaud Doucet aber macht einfach Spaß, sie ist ein fantastisches Spektakel, gedacht für ein Publikum, das sich in einen Regierausch entführen und von Eindrücken trunken machen lassen will. Heißt: Wenn hier einer lieber in den Keller lachen geht, muss es schon der Auerbach’sche sein.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=PplGIV313lU

www.volksoper.at

Wien, 16. 10. 2016