Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

Schauspielhaus Graz: Motel

Oktober 24, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Viktor Bodós neue Arbeit, diesmal aus eigener Feder

Sebastian Reiß, Stefan Suske, Jan Thümer Bild:  (c) Lupi Spuma

Sebastian Reiß, Stefan Suske, Jan Thümer
Bild: (c) Lupi Spuma

Mit einer weiteren Regiearbeit, diesmal aus eigener Feder, kommt Viktor Bodó am 24. Oktober ans Schauspielhaus Graz. Gemeinsam mit András Vinnai untersucht er die Verhältnisse in einem dubiosen „Motel“:  Ein Gasthaus an einer Landstraße und kein Gast in Sicht. Der Rezeptionist löst Kreuzworträtsel – bis der Direktor den Wegweiser zur nächsten Stadt einfach herumdreht. Aus dem leeren Motel wird im Nu ein stark frequentiertes »Fünf-Sterne-Hotel«. Die so zur Übernachtung Gezwungenen sind allerdings fragwürdige Existenzen: darunter drei Auftragskiller, die ihre Opfer schon mehrere Male verwechselt haben, weil ihr Chef Wilson seine Aufträge als Gedichte verfasst, die leicht zu missverstehen sind. Sechs Forscher kommen auf der Flucht vorbei – ihr Experiment ging schief, schwebt seither frei durch die Lüfte und erzeugt kollektive Bewusstseinsspaltung. In der Folge verhalten sich immer mehr Gäste ausgesprochen merkwürdig, nicht nur Udo und Olga, von denen man annehmen könnte, sie seien ein Liebespaar.

Missverständnis, Täuschung und Unwahrscheinliches: Der ungarische Regisseur Viktor Bodó kommt heuer mit einem eigenen Stück ans Schauspielhaus Graz, bei dem Fakt und Fiktion rivalisieren. Für seine spielwütigen und bildgewaltigen Regiearbeiten (u. a. Alice, Die Stunde da wir nichts voneinander wußten, Der Meister und Margarita) mehrfach preisgekrönt, stellt Bodó in Motel nun die Regeln des Theaters und der Vernunft in Frage. Was man zu wissen glaubt, wird immer aufs Neue in Frage gestellt durch aberwitzige Wendungen und rasante Verwechslungsmomente. Inmitten der Verrücktheit dieses Etablissements sitzt ein Autor, der alles, was um ihn herum geschieht, aufschreibt. Oder stand es schon vorher in seinem Manuskript? Wer hat eigentlich die Fäden in der Hand? Und kommt man aus diesem Motel jemals wieder hinaus?

Es spielen Thomas Frank, Pál Kárpáti, Evi Kehrstephan, Dániel Király, Niké Kurta, Katharina Paul, Sebastian Reiß, Stefan Suske, Zoltán Szabó, Jan Thümer, Péter Tóth,  András Vinnai und Franz-Xaver Zach.

Interview aus dem Programmheft:

MOTEL ist aus einem Stück von Harold Pinter entstanden. Wie ist das passiert?
Viktor Bodó: Zwei Schauspieler wollten ein Stück spielen, sie hatten gerade nichts zu tun und haben mich gebeten, mit ihnen Der stumme Diener von Harold Pinter zu machen. Wir haben mit der Arbeit begonnen, aber irgendwie hatten wir das Gefühl, dass wir noch eine Frau bräuchten, vielleicht eine Putzfrau. Wir haben András dazugeholt, damit er diese Figur dazuschreibt. Dann kam hinzu, dass ich meine Diplomarbeit am Katona Theater machen musste. András hat immer noch mehr Figuren dazugedichtet, und wir haben das ganze Stück Gábor Zsámbéki, dem damaligen Leiter des Katona Theaters, zu lesen gegeben. Der sagte, wir sollten es dort zusammen machen. Als wir das erfahren haben, haben wir noch viele Rollen und Situationen speziell für das Ensemble des Katona Theaters erfunden. András hat damals sehr viel geschrieben. Jedes Mal, wenn ich ihn angerufen habe, hat er entweder gerade geschrieben oder sich dafür vorbereitet, aber vielleicht hat er auch gelogen.
András Vinnai: Ich habe viel gelogen zu dieser Zeit.
VB: Einmal sind wir eine Weile in ein Sommerhaus am Balaton gefahren, um an MOTEL zu arbeiten. András hat seinen Hund mitgebracht und während der ganzen Woche herumgeschrien. Wenn der Hund nun weiter als fünf Meter von ihm entfernt war, hat er sofort nach ihm geschrien.
AV: Weil der See ganz nah war, und der Hund damals noch nicht so gut schwimmen konnte.
VB: Der See war zwanzig Kilometer weit entfernt. Und außerdem hat András Hühnerköpfe gekocht. Im Auto sind die Hühnerköpfe faul geworden. Es hat furchtbar gestunken und ich bin, statt am Stück zu arbeiten, dem Grund für diesen Gestank nachgegangen. Als ich einen Topfdeckel öffnete, haben mich 40 Hühneraugen angeschaut.

Du hast mehrfach erfolgreich Kafka inszeniert, u. a. Das Schloss. Hat MOTEL mit dieser Vorliebe zu tun? Oder andersrum, hat Kafka mit MOTEL zu tun?
VB:
Ja, ich denke schon. András und ich haben zusammen zwei Theateradaptionen von Kafka-Texten erstellt. Diese Kafka-Welt ist ja so reich in vielerlei Hinsicht, dass etwas davon hängen bleibt. Die Tatsache, dass die Dinge nicht unbedingt so sind, wie man glaubt, dass sie sind – dass hinter allem noch eine andere Wirklichkeit liegt, das hat mit Kafka zu tun. Nur machen wir in MOTEL einen Witz daraus, wir lassen es nicht in diese angstvolle Richtung gehen.

András, du hast zu Beginn der Proben gesagt, man sollte dieses Stück nicht nach Bedeutung forschend wahrnehmen. Was hast du gemeint?
AV:
Wir versuchen MOTEL so zu behandeln, als ob das eine Geschichte wäre, die man verfolgen und nachvollziehen kann, als ob sie ein Ziel hätte – aber eigentlich ist es eine Reihe von Betrügen. Was ich nicht mag, ist, wenn die ZuschauerInnen das Gefühl haben, dass sie etwas verstehen sollten, aber nichts verstehen.
VB: Ja, es ist besser, wenn die ZuschauerInnen darüber hinweggehen, wenn sie etwas nicht verstehen. Sie sollten so im Zuschauerraum sitzen, als ob ihnen alles klar wäre, auch wenn das nicht der Fall ist. Denn sonst haben sie einen schlechten Abend und wir wissen: Einen schlechten Theaterabend verzeiht man nie, nicht sich selbst und nicht den Autoren.

In eurem Stück gibt es den Autor Dexter, der alles, was in diesem MOTEL geschieht, geschrieben zu haben scheint. Bis ihm der Rezeptionist Güll ebenfalls ein Skript übergibt, in dem alle Umstände beschrieben sind, einschließlich der Figur Dexter. Es kommt zu einer Art Machtkampf zwischen den beiden, wer Beweger und wer Bewegtes ist, wer über die Wahrheit Bescheid weiß.
VB: Ich weiß, was die Wahrheit ist.
AV: Jetzt spricht der Regisseur aus dir und nicht der Autor.
VB: Meinst du Dexter, wenn du von einem Autor sprichst, oder dich selbst? Bist du Dexter? Hast du dich selbst da reingeschrieben?

Es geht stark darum, wer das Spiel in der Hand hat. Doch jedes Außerhalb-des-Spiels erweist sich als weitere Spielebene. Haben wir gar keinen Zugang zum Authentischen?
AV:
Genauso ist es. Es gibt keine Wirklichkeit außerhalb des Spiels.
VB: In dieser Zeit haben wir viel darüber gelernt, wie ein Stück und wie eine Vorstellung sein soll, also dass sie einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben soll. Es gab damals diese Kritik mir gegenüber, dass ich eine Geschichte nicht ordentlich beende, sondern dass es mehrere Enden gibt. Während man ja diese Dreier-Einheit von Anfang – Mitte – Ende beachten müsse. MOTEL war meine Diplomarbeit. Ich habe dann geschrieben, dass wir diese Dreier-Einheit vergessen sollten. Sie ist nicht mehr gültig und dieses Stück beweist warum. Es geht eigentlich gegen alle Dramenkonventionen. Ich erinnere mich, wie András die Kritik zu hören bekam, die Geschichte hätte kein Rückgrat. Da hat er eine Szene geschrieben, in der es noch ein Zimmer gibt, und dort befindet sich ein Rückgrat, das sagt: „Ich bin das Rückgrat der Geschichte.“

András, du hast gemeinsam mit Viktor während der Probenzeit hier in Graz weiter am Text gearbeitet. Was kam neu hinzu?
AV:
Wir haben den Autorenkonflikt, also den Streit darum, wer schreibt, wer der Urheber ist, weiterentwickelt, und es gab auch Versuche, gewisse Dinge abzurunden. Aber das hat immer nur wieder neue Stränge verursacht. Es beginnt sofort zu wuchern. Wir werden wieder etwas rausschmeißen müssen. Ich hatte ein bisschen das Gefühl, als ob die zehn Jahre, die zwischen den beiden Inszenierungen liegen, einfach weg wären.

Viktor, diese Inszenierung ist deine letzte Arbeit in der Intendanz von Anna Badora am Schauspielhaus Graz. Du hast vom ersten Jahr an hier inszeniert, bist einer der zentralen Regisseure dieser Zeit. In MOTEL kommen einige Zitate aus deinen früheren Grazer Arbeiten vor. Hältst du damit Rückschau?
VB: Ja, es ist ein Resümee. András und ich haben zusammen hier angefangen. Er hat ja damals auch die Adaption von Das Schloss geschrieben. Und jetzt arbeiten wir auch am Schluss zusammen. Es gibt in der Aufführung viele Motive, die für diejenigen interessant sein werden, die alle Inszenierungen von mir hier gesehen haben, denn ich versuche, aus allen meinen Grazer Produktionen Motive in MOTEL einzuschleusen.

Noch sind wir ja hier und die Premiere steht bevor. Aber wenn du zurückblickst: Was ist, was war das Schauspielhaus Graz für dich?
VB: Ich habe viel von diesem Theater bekommen. Hier habe ich begonnen, auf der großen Bühne zu arbeiten. Zu Hause hatte man mich noch nicht auf die großen Bühnen eingeladen, ich habe immer so kleine Studio-Stücke gemacht. Hier habe ich gelernt, wie man mit so einem Budget umgeht, wie man auf der großen Bühne arbeitet. Und es wurde mir hier sehr viel Vertrauen entgegengebracht. Ich wusste jedes Jahr, dass ich eine nächste Inszenierung in Graz haben werde, das war eine Sicherheit. Und dass wir gemeinsame Produktionen mit der Szputnyik Shipping Company machen konnten, hat dazu geführt, dass wir überhaupt bestehen konnten. Zu vielen SchauspielerInnen des Grazer Ensembles habe ich freundschaftliche Beziehungen, aber auch zu den Leuten von der Technik und in den Büros. Das Grazer Publikum war sehr freundlich. In vielen Situationen hätten wir auch scheitern können. Es war ein gutes Gefühl, dass es hier immer ein Interesse für unsere Arbeit gab und die Menschen neugierig waren. Das wünschen wir uns natürlich auch für MOTEL, denn das wollen wir ja nun spielen!

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 24. 10. 2014

Theater Brett: Das Schicksal der Anderen

März 11, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Uraufführung nach dem Bestseller

„Mellettem elférsz” von Krisztián Grecsó

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Bild: © Collegium Hungaricum Wien/ Theater Brett

Am 18. März hat im Theater Brett „Das Schicksal der Anderen“ nach dem Roman des ungarischen Autors Krisztián Grecsó Premiere. Regie führt András Léner; es spielen Nika Brettschneider, Lukas Johne, Jakub Kavin, Sophie Resch, Agnieszka Salamon und Martin Vischer.

Das Wiener Theater Brett wird in Koproduktion mit dem Balassi Institut–Collegium Hungaricum Wien der Schauplatz einer einzigartigen österreichisch-ungarischen Produktion. Der preisgekrönte Bestseller-Roman des jungen Autors Krisztián Grecsó kommt als Theaterstück in deutscher Sprache unter der Regie von András Léner in hochkarätiger Besetzung erstmals auf die Bühne. Der Hauptdarsteller wird niemand geringerer als Martin Vischer sein,der zuvor im Wiener Schauspielhaus als Princip brillierte und 2014 von Joachim Lottmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Jahrhundertbegabung gepriesen wurde. Die aufwändige Produktion ist eines der Highlights dieses Jahres im Theater Brett, das heuer bereits sein 30-jähriges Bestehen feiert. Das Theaterstück wirkt wie ein vertracktes Märchen von parallelen Lebensgeschichten, basierend auf dem Familienroman von Krisztián Grecsó. Mellettem elférsz.
Dem Werk liegt die Idee zugrunde, dass neben Genen und Bräuchen auch unsere Geschichten und Schicksale weitervererbt werden. Die Taten vergangener Generationen, ihre Fehler und Verdienste, können bis in die Gegenwart nachwirken. Der Protagonist des Theaterstücks lebt im Budapest der Gegenwart. Er wird durch das schmerzhafte Ende einer Beziehung, das Auffinden des Tagebuches seiner Großmutter und durch einen Brief, der das Familienlegendar hinterfragt, zu seinem Weg der Identitätssuche veranlasst. Das Leben und die Geschichte dieses jungen Mannes, der sich selbst sucht, wahrnimmt, deutet, entfalten sich parallel dazu, wie er langsam an immer mehr oftmals geheime, wahre Geschichten der Familie gelangt. Alles, was der Protagonist erlebt und erfährt, sehen wir in parallel ablaufenden Geschichten erzählt, die das generationenübergreifende Leben auf einem Bauernhof und in einer Fabrik in den 1930er, 1960er und 1970er Jahren beleuchten. So erfahren wir etwa von einer sich vertiefenden Freundschaft zwischen zwei Männern im Umfeld einer Hanffabrik. (Später tritt einer von ihnen in einen Kirchenorden ein. Seine Geschichte wird zu einer Art Umkehrung der Jonas-Geschichte.) In den 1950er Jahren verliebt sich ein Bauarbeiter hoffnungslos in ein Mädchen aus dem Bürgerstand. Es entwickelt sich ein stürmisches Liebesdreieck, das von einer alten Dame aus der heutigen Zeit nacherzählt wird. Den zeitgeschichtlichen Hintergrund liefern die großen Zäsuren des 20. Jahrhunderts: der Zweite Weltkrieg, die Revolution von ’56 und die Wende 1989/90. Die Geschichten, in denen es stets um Liebe, Träume und die Beziehung zwischen Mann und Frau geht, spielen sich vor dem Hintergrund dieses sich wandelnden Osteuropas ab.
Der junge ungarische Autor Krisztián Grecsó begann seine literarische Karriere mit Gedichten, feierteseinen ersten großen Erfolg im Jahre 2001 aber mit seinem skandalösen Novellenband Pletykaanyu (übersetzt: Tratschtante). Seitdem erhielt er zahlreiche Preise und seine debütierende Bühnenarbeit Cigányok (übersetzt: ZigeunerInnen) wird seit vier Jahren mit großem Erfolg im József-Katona-Theater (Budapest) gespielt. Sein letzter Roman, Mellettem elférsz (2012), war monatelang der Spitzenreiter der ungarischen Bestsellerlisten und gleichzeitig auch der Roman des Jahres. In der turbulenten Welt des 20. Jahrhunderts begleitet uns der Autor auf eine Reise durch das Karpatenbecken und darüber hinaus, von Rumänien und Siebenbürgen bis nach Österreich und zu den Alpen. Von der Welt der Dienerschicht in den 1930er Jahren gelangen wir über die Budapester Arbeiterschicht der 1950er Jahre bis zu den Ruinenkneipen der Gegenwart.
Dem Stück gelingt es, das alles nicht bloß aufzuzählen und aufzulisten, sondern genussvoll bei den einzelnen Geschichten zu verweilen: Ehen zerfallen, Liebesgeschichten werden neu entfacht. In seiner Regiearbeit beschäftigt sich András Léner oft mit jenen Fragen, die für alle aktuell und wichtig sind: die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Familie, den Wurzeln und der Geschichte. Die zwei jungen HauptdarstellerInnen des Stücks, die österreichische Sophie Resch und der schweizerisch-ungarische MartinVischer, sind dem Wiener Publikum aus vielen Kurzfilmen, Theater- und Performanceaufführungen bekannt.

Wien, 11. 3. 2014

Salzburger Pfingstfestspiele

Mai 14, 2013 in Tipps

Cecilia Bartolis Thema ist „das Opfer“

Keine Honorarpflicht bei aktueller Berichterstattung über die Salzburger Festspiele und Nennung des Fotocredits.

Cecilia Bartoli und John Osborn
Bild: © Hans Jörg Michel

Von 17. bis 20. Mai finden die diesjährigen Salzburger Pfingstfestspiele statt. Die beherrschende Thematik im neuen Programm ist der Begriff des „Opfers“. Besonderes Interesse hat Cecilia Bartoli, die Künstlerische Leiterin der Pfingstfestspiele, an der Doppeldeutigkeit, die sichtbar wird, wenn man das deutsche Wort „Opfer“ übersetzt: „So bedeutet es zum Beispiel im Englischen ebenso ,sacrifice‘ wie ,victim‘. Doch ist der Unterschied in Tat und Wahrheit nicht in den meisten Fällen einer der Perspektive? Schließlich gibt es kein Opfer ohne Geopfertes, ohne Opfergabe – die Frage ist nur, auf welcher Seite man sich wiederfindet“, so die Bartoli. Die Begriffe umfassen die unterschiedlichen Aspekte von Opferung, Opfersein und Hingabe und spiegeln sich in den verschiedenartigen Veranstaltungen der Pfingstfestspiele wider. Unter dem Übertitel LiebesOPFER singt Bartoli selbst die Titelheldin in der Oper „Norma von Vincenzo Bellini, die erstmals szenisch auf historischen Instrumenten und in einer neuen kritischen Edition von Riccardo Minasi und Maurizio Biondi in Salzburg aufgeführt wird. Giovanni Antonini übernimmt die musikalische Leitung. Moshe Leiser und Patrice Caurier werden die Oper inszenieren. Mit ihrer Stückauswahl wollte Cecilia Bartoli den grundlegenden Konflikt zwischen Pflicht und Herzenswünschen einer jeden Person zum Thema machen. Die Hauptfigur befindet sich genau in diesem Zwiespalt und entscheidet sich letztlich für die Selbstopferung auf dem Scheiterhaufen. Mit Bartoli auf der Bühne: Rebeca Olvera, John Osborn, Michele Pertusi, Liliana Nikiteanu und Reinaldo Macias.

In sechs weiteren Programmen unter den Titeln MusikalischesOPFER, FrühlingsOPFER, BiblischesOPFER, PolitischesOPFER, ReligiösesOPFER und VersöhnungsOPFER sind als Mitwirkende unter anderem András Schiff, Valery Gergiev mit dem Ballett, Chor und Orchester des Mariinski-Theaters aus St. Petersburg, Diego Fasolis, Franco Fagioli, Javier Camarena, Roberta Invernizzi, I Barocchisti, Vadim Repin, Ildar Abdrazakov, das Hagen Quartett und Alfred Brendel, René Pape, den Wiener Singverein, Daniel Barenboim und sein West-Eastern Divan Orchestra zu erleben. Zum ersten Mal wird bei den Salzburger Pfingstfestspielen ein zweites Werk szenisch aufgeführt: Igor Strawinskys Ballett „Le Sacre du printemps“ ist genau 100 Jahre nach seiner skandalträchtigen Uraufführung in der rekonstruierten Originalfassung von Vaslav Nijinskys Choreografie und in der archaischen, von fauvistischen Farbkombinationen beherrschten Ausstattung von Nicholas Roerich, vereint mit weiteren Meisterwerken aus dem Erbe der Ballets Russes mit Künstlern des Mariinski-Theaters, St. Petersburg, zu erleben.

Begleitend zeigt DAS KINO den Film „Offret“ (Opfer) von Andrei Tarkowski, dessen Filmstills die Bildsprache des Pfingstprogrammes prägen. In der Rauchmühle wird als VisuellesOPFER zudem eine multimediale Ausstellung des Philharmonia Orchestra und Esa-Pekka Salonen präsentiert.

www.salzburgerfestspiele.at

www.salzburgerfestspiele.at/spielplan-pfingsten

http://salzburgerfestspiele.at/Portals/0/Pfingsten_2013_Programm_Web.pdf

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 5. 2013