Bronski & Grünberg: Rigoletto – Denn er hat es nicht anders VERDIent

November 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Hampelmann und sein Hofstaat blöder Clowns

Lisa Reichetseder, Julia Edtmeier, Aleksandra Corovic, Rouven Stöhr, Stefan Lasko, Lukas Strasser und Max Konrad. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg, dies Jahr für den Nestroy-Spezialpreis nominiert gewesen, zeigt als aktuelle Produktion „Rigoletto“ mit dem Untertitel „Denn er hat es nicht anders VERDIent“. Das schon als Hinweis darauf, dass hier natürlich nicht große Oper gegeben, sondern eine der feinen Grotesken gezeigt wird, für die sich das Theater im neunten Bezirk mehr und mehr einen guten Namen macht. Text und Bühnenbild sind von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki, Regie führte Alex Pschill.

Und wie! Pschill spielt seine ganze Kammerspiele-Erfahrung an Klipp-Klapp-Komödie aus, nur dreht er die Schraube weiter, überdreht sie, bis eine überdrehte Aufführung hervorschnellt, skurril, absurd und absolut zum Totlachen. Letzteres vor allem ein Verdienst der wunderbaren Julia Edtmeier, die als Rigoletto so erbarmungswürdig komisch ist, so verbissen ernsthaft im allgemeinen Wahnsinn, der sie umzingelt, dass man gar nicht anders kann, als ihren Hofnarren mitleidig zu mögen.

Wiewohl die Figuren ganz nahe bei Verdi geführt werden, ist der traurige Berufspossenreißer nicht der einzige Clown weit und breit. Edtmeier, Dymnicki und Pschill legen ihr Stück als Analyse dieses Seinszustands an.

Vom Arlecchino – tatsächlich lässt Pschill seine Darsteller etliche Lazzi spielen – bis zu Pennywise ist die Bandbreite ja groß, und so regiert hier ein böser Hampelmann über einen Hofstaat blöder Hanswurste. Rouven Stöhr ist dieser Herzog von Mantua, ein erotomanischer Einfaltspinsel, dem die meiste Zeit die Zunge aus dem Hals hängt, wenn er sich über die Ehefrauen seiner Untergebenen hermacht. Wie im Scherenschritt strampelt er über die Bühne, und lacht wie ein Wolf knapp vorm Zubeißen, glaubt einer, sich seinen Wünschen widersetzen zu können. Stöhr verpackt in die Rolle so viel Irresein, wie sie zulässt, sein Herzog ist ein gefährlicher Machtmensch, hinter dessen Charme das Verderben lauert.

Umringt ist er von Max Konrads „Ceprano“, Lukas Strassers „Marullo“ und Stefan Laskos „Bianco“ (er auch für die Musik zuständig, erstaunlich in wie vielen Variationen man „Caro nome“ und „La donna è mobile“ intonieren kann, erstere Arie einmal sogar als Orgasmus), drei Tölpel und Handlanger, die ihren Herrn hasslieben und ihre Rache an ihm stattdessen an Rigoletto ausleben wollen. Herrliche Szenen entstehen da, wenn das Trio versucht, sich im Tausend-Türen-Palast zu verstecken, um Gildas habhaft zu werden. Die Tochter des Rigoletto gestaltet Lisa Reichetseder hart an der Grenze zu einer modernen Colombina, als eine lebenslustige und selbstsichere Figur, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und mit ihren 18 Jahren endlich wissen will, was die Männer-/Welt zu bieten hat. Aleksandra Corovic ist ein schön sinistrer Sparafucile.

Dreh- und Angelpunkt der durch Crowdfunding finanzierten Inszenierung ist aber, wie gesagt, Julia Edtmeiers Rigoletto. Laborierend an einer Déformation professionnelle ist dieser Außenseiter, ausgestattet mit einem Mikrophon wie ein – in diesem Falle schlechter – Stand-up-Comedian, in jeder Beziehung unlustig. Seine Witze zünden nicht, und auch, wenn er der Versuchung nicht widerstehen kann, auf der berühmten Bananenschale auszurutschen, findet das keiner komisch. Die Augen stets unstet, die zuckenden Mundwinkel nach unten gezogen, die Finger dauernd in angespannter Bewegung, so agiert Edtmeier als einer, der das Schlimmste – die Schändung seiner Tochter – verhindern will, und doch versagen muss.

Alles endet nicht in einem Sack, sondern mit einem Koffer. Doch wer da drin steckt … unbedingt anschauen!

www.bronski-gruenberg.at

27. 11. 2017

Salzburger Festspiele: YDP I • Hinkemann 2014

August 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Böse fährt mit uns Karussell

Gang zum Schützengraben

Durch Granattrichter,
Schmutzige Pfützen,
Stapfen sie.
Über Soldaten,
Frierend im Erdloch,
Stolpern sie.
 
Ratten huschen pfeifend übern Weg,
Sturmregen klopft mit Totenfingern
An faulenden Türen.
Leuchtraketen
Pestlaternen…
 
Zum Graben zum Graben.

Ernst Toller (1915)

Christian Ehrich (Budenbesitzer), Katharina Schmidt (Grete Hinkemann), Daniel Christensen (Paul Großhahn), Jonas Anders (Hinkemann) Bild: © Sebastian Hoppe

Christian Ehrich (Budenbesitzer), Katharina Schmidt (Grete Hinkemann), Daniel Christensen (Paul Großhahn), Jonas Anders (Hinkemann)
Bild: © Sebastian Hoppe

Es ist eine große Freude, dass sich der junge serbischstämmige Regisseur und bekennende Gavrilo-Princip-Fan Miloš Lolić für das letzte Young Directors Project (Sponsor Montblanc zieht sich zurück) der Salzburger Festspiele Ernst Tollers zu Unrecht vergessenes Drama „Hinkemann“ ausgesucht hat. 1921/22 entstand diese Tragödie. In Festungshaft. Toller entging nur knapp einem Todesurteil wegen seiner führenden Rolle in der Münchner Räterepublik. Bevor die Nazis die Macht übernahmen, emigrierte er in die USA und nahm sich dort 1939 das Leben.

„Hinkemann“, einst kriegswilliger Frontkämpfer aus großbürgerlich-jüdischer Familie, kommt nicht nur als geschlagener Krieger mit  sprechendem Namen aus dem Abschlachten zurück. Ihn hat es körperlich – und damit seelisch – schlimmer getroffen. Der Mann ist „kein Mann mehr“, ihm wurden die Genitalien weggeschossen. Überlebt  hat er, doch Toller macht kenntlich, warum dieses Leben kein Leben mehr sein kann. Nur auf dem Rummelplatz findet der Kriegsgeschädigte noch Arbeit: als „Homunkulus, der stärkste Mann der Welt“, der Ratten und Mäusen auf offener Bühne die Kehle durchbeißt – wie es die deutsche Kriegsmacht ihren Feinden geschworen hatte. Und das Karussell dreht und dreht sich, das Böse fährt darin im Kreis, Hinkemann hängt sich zum Schluss daran auf; wie der emigrierte Autor im Mayflower Hotel am Central Park in New York.

Welch ein starkes Stück! Toller, ganz Kind des Expressionismus, wütet wortgewaltig durch die Szenerie. Er zeigt wie die „Masse Mensch“ zu „Maschinenstürmern“ wird. Dass „Nie wieder Friede“ herrschen werde, hört man in jeder Zeile. Hinkemann, gezeichnet als Borcherts Beckmann-Vorfahr, dieser bereits eine Ahnung von Danny aus Simon Stephens „Motortown“ …  Lolić lässt Tollers heiligen Furor weniger spielen als unterspielen. Mit Augenmaß und feinem Pinsel, wie ein Archäologe, trägt er die Erdkruste ab, unter der die Toten und Untoten auf Wiederauferstehung harren. Die Schicht an Scham, Schmach, Verrat, Verzweiflung, die eine ganze Generation unter sich begraben hat, muss erst abgetragen werden, bevor darunter die grell geschminkten Fratzen der Zukunft zum Vorschein kommen. Weil: Alle die da sozialistisch, trotzkistisch, anarchistisch in der Kneipe diskutieren, können Hinkemann nicht helfen (sie sind bereits  Nichts Ahnende Zyklon b Initalisierte) – vor einem fehlenden Penis versagen die Parteibücher.

Das Ensemble des Düsseldorfer Schauspielhauses (Koproduktion) spielt brav. Jonas Anders als Hinkemann sucht in der Unterhose Gott Priapos, dem er als einer phallischen Statue höhnisch opfert; Katharina Schmidt trägt als Ehefrau Grete mit Gretefrisur das ganze Drama am Kopf: gebunden, aber sich auflösend. Sie wird sich Paul (Daniel Christensen hätte hormongesteuerter sein können) als Hinkemann-Ersatz in die Arme und dann aus dem Fenster werfen. Christian Ehrich als im Kasernenton herumkommandierender Budenbesitzer ist ein echter Schinder. Man glaubt ihm, dass er sich den Menschenschindern bald anschließen wird. Alles in allem liefert Lolić eine dem YDP würdige Arbeit ab. Mal sehen, wie’s im Herbst in Düsseldorf läuft.

Wien, 2. 8. 2014

www.salzburgerfestspiele.at

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