Wiener Festwochen: Saint Genet – Promised Ends: The Slow Arrow of Sorrow and Madness

Mai 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie man den toten Kaninchen die Bilder erklärt

Baso Fibonacci in seiner „Storm still“-Pose. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Hier nun der Satz, den Rezensenten fürchten, wie der Teufel das Weihwasser: Ehrlich? Ich habe es nicht verstanden. Hab’ aber all die Zuschauer beneidet, die durch die Reihen ausbrechend das Weite gesucht und gefunden haben, eine Möglichkeit, die einem als Berichterstatter ja verwehrt ist. Der neue Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin himself gab eine Einführung ins Werk.

Erzählte, er hätte noch nie eine Vorstellung erlebt, bei der das Publikum nicht nach spätestens einer Dreiviertelstunde in Tränen ausgebrochen wäre – und es fragt sich: Weil es keine Fluchtmöglichkeit sah oder weil es die Karten ohne Geld-zurück-Garantie erworben hatte?

Also: Saint Genet – „Promised Ends. The Slow Arrow of Sorrow and Madness“. Das ist der finale Teil eines Triptychons, dessen Anfänge ins damals von Zierhofer-Kin verantwortete Donaufestivals zurückreichen. Saint Genet ist ein KünstlerInnenkollektiv rund um Derrick Ryan Claude Mitchell, er eine Art Master of Ceremony und jede seiner Arbeiten ein work in progress. Eine „Handlung“, das Pfui-Wort für Performer, sollte es diesmal auch geben: Die Donner Party, benannt nach ihrem „Führer“ George Donner, Siedler, die 1846 auf dem Weg in den Westen der USA in der Sierra Nevada von einem Schneesturm überrascht wurden. Es starben die meisten von ihnen. Laut Tagebucheintragungen überlebten nur die, die sich kannibalistisch am Fleisch der Verstorbenen bedienten.

Dreißig Minuten vor tatsächlichem Vorstellungsbeginn darf man in die Halle G des MuseumsQuartier eintreten. Quasi um die Situation abzuchecken. Unter einem Neonröhren-Lichtskulpturen-Arrangement von Ben Zamora, das man schon von „Frail Affinities“ kennt, hat sich Mitchell Blutegel an die Arme gelegt, es blutet, er zittert und trinkt Rotwein (?), rund um ihn sind Joseph-Beuysisch tote weiße Kaninchen arrangiert. Die Art von Futtertieren, die man für Abgottschlangen und ähnliche Nachtwesen braucht. Sein Ensemble macht sich derweil mit mehr Alkohol und angeblich Äther dicht. Auf die Frage, ob man diesbezüglich-besäufnisch als Publikum mitmischen dürfe, wird panisch mit dem Kopf geschüttelt. Die Russen der vergangenen Jahre waren da punkto Wodka-Ausgabe entspannter, aber naja, die Vereinigten Staaten, immer ein bissl verklemmt …

Pietà mit totem Kaninchen und Kunstblut: Baso Fibonacci und Matt Drews lassen sich beträufeln. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Derrick Ryan Claude Mitchell  (hinten links) mit zwei seiner Performerinnen. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Womit einen ergo die Frage umtreibt, wie „echt“ das alles sein kann. Zu arrangiert, zu kalkuliert, zu spekulativ spektakulär erscheint die Ekstase, dieses Hochamt des Horrors, als dass man daran festhalten könnte. Und das Schlimmste: Man ist nicht einmal schockiert (mutmaßlich die ultimative Intention dahinter), sondern vom zweieinhalbstündigen more of the same maximal angeödet. Die Vision ist eine zum Kunstraum ernannte Werkshalle in Seattle, in der sich schnöselige Pseudos pseudointellektuell selbstbefriedigen – und wie weit ist das von der offenbar angesteuerten The Factory oder Samuel Taylor Coleridge oder Thomas de Quincey entfernt! Des Puirtaners Lust auf Selbstgeiselung!

Das als Grenzerfahrung angekündigte Ganze gibt sich noch einen weiteren Bezug. King Lear. Weniger Shakespeare, mehr Kurosawa und Goddard. Der körperbehinderte, kettenrauchende Akteur (hauptberuflich bildender Künstler) Baso Fibonacci spricht, auf einem Gips-Storm-still liegend Sätze, die aufgrund seiner einmaligen Stimme Sogcharakter entwickeln. Eine Gruppe von Performerinnen, inklusive Cordelia, hat ihn auf diesen Thron seiner Versehrtheit gehoben, nun startet sein fear and loathing. Lavinia Vago, Francesca Frewer, Adriana Cubides und die Wienerin Steffi Wieser machen sowohl die stummen Tänzerinnen als auch den beinah antik anmutenden Chor der am Ritual Teilnehmenden. Sie tragen Nichts bis Durchsichtiges, sie hüllen sich in ihre Verausgabung, den Schweiß, die auf sie getätigten sexuell-brutalen Übergriffe, danach werden sie wie zur Belohnung in goldmetallenen Rettungsdecken geborgen.

Mitchell souffliert die Sätze via Mikrophon. Es geht um enemy, perverse und apologise. Auf den Seiten laufen Spruchbänder ab, und freilich landet man bei Trump und den jüngsten Daten/Taten der Geschichte der Vereinigten Staaten – wie auch nicht? Was sonst könnte die Nabelschau-Nation der Welt über ihr Star-Spangled Banner zu sagen haben? Son of a bitch wird oft gemurmelt, und fucking, und immer noch glaubt man keiner Geste auch nur ein Wort. Die kindliche Narretei steuert einem Höhepunkt zu, Schlagoberstorten werden in Gesichter geworfen, „Nabel“-Schnüre aus Mündern gezogen, die Musik von „Rocky“ läuft vom Band (es gibt aber auch eine Live-Band) und Riesenpumpkins aus Plastik blasen sich auf. Die Geburt der USA aus dem Geist von Halloween, darüber wusste schon Charlie Browns Freund Linus Auskunft zu geben.

Die kalkulierte Ekstase unterm Lichtobjekt. Bild: Nurith Wagner-Strauss

Die Stimmung kippt von heiter bis hysterisch. Fibonaccis Pietà wird vom nackten Tänzer/Choreografen Matt Drews komplettiert. Mitchell macht den Hohepriester, dirigiert von seinem Pult aus das Geschehen, schreit „Harder!“, wenn Lily Nguyen, das Opferlamm der Inszenierung, von Drews vergewaltigt wird, ruft „Easy!“, wenn das Ensemble versucht den gelähmten Fibonacci zu bewegen, und schimpft über nicht eingeschaltete Mikrophone.

Auch zärtliche Momente gibt es, ein leises Geschehen, im Nebel entrückt. Das Ding, immer wieder muss man an Jan Lauwers „Shimmering Beast“ denken, hängt im Weg und nimmt allen auf der Haupttribüne Sitzenden den Blick aufs Bühnengeschehen. Der halbherzig rechts und links mit einer Handvoll Plätzen als „Arena“ bestuhlte Saal eignet sich eben nur bedingt für derlei Happenings.

150 Minuten später, nach Verschleiß von vielen chinesischen Neujahrskrachern, christlichen Wunderkerzen, Honig und anderen Klebrigkeiten, ist der Hochseilakt zwischen Erhabenheit und Elend überstanden. Viele sind da längst gegangen, andere sitzen drinnen. Es wird hell, niemand kommt auf die Spielfläche zurück, der Applaus setzt entsprechend zögerlich ein. Einzig Fibonacci bleibt ohne seinen Rollstuhl hilflos am Boden liegend zurück und stöhnt. Kommt noch was? War überhaupt was? Mit „Gewaltakten und Grenzüberschreitungen“ prahlt Saint Genet gerne, auf das Theater der Grausamkeit beruft man sich. Heiliger Antonin Artaud, blicke gnädig herab auf deine Jünger! Opulenz und Dekadenz allein ergeben noch kein Manifest.

www.festwochen.at

Wien, 17. 5. 2017

Kunsthalle Wien: Andrea Büttner. Beggars and iPhones

Juni 6, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Menschliche Gesten vom Bitten und Wegwischen

Andrea Büttner, Beggar, 2015, Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles, © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Bild: Jaka Babnik

Andrea Büttner, Beggar, 2015, Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles, © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Bild: Jaka Babnik

„Beggars“ nennt Andrea Büttner eine Werkreihe großformatiger Holzschnitte, die ab 8. Juni in der Kunsthalle Wien Karlsplatz zu sehen ist, und die zeichenhaft reduzierte Frontalansichten körperverhüllter Gestalten mit nach unten weisenden Händen zeigen. Büttner beschäftigt sich mit der nonverbalen Artikulation des Menschen. Eines ihrer Hauptinteressen gilt körpersprachlichen Gesten und Haltungen, die, in Bild-Zeichen übersetzt, weit über den Zeitpunkt ihres Entstehens hinaus les- und verstehbar bleiben. So reduziert sie etwa Ernst Barlachs Figur der „Verhüllten Bettlerin“ aus dem Jahr 1919 über das Medium Holzschnitt auf deren Ausdruck. Trotz der damit erfolgten „Abstraktion“ bleibt der Inhalt verständlich.

Die Figur des Bettlers in ihrer stark abstrahierten Form hat die Künstlerin mehrfach ins Medium des Holzschnitts übersetzt – ein Resultat langjähriger Auseinandersetzung mit Ikonografien der Armut in der bildenden Kunst. Die Gesten der Bittstellung – die ausgestreckten Hände – und der Beschämung – die Verhüllung – bringt Büttner hier auf eine einfache, in mehreren Variationen vorgeführte Bildformel. Unsichtbar hingegen bleibt gemeinhin der „Ausdruck“ einer individuellen und heute zugleich massenhaft vollzogenen „Geste“, nämlich der des manuellen Wischens auf den Displays unserer Mobiltelefone.

Andrea Büttners „iPhone etchings“ zeigen persönliche Fingerspuren, die sie bei diversen Suchen im Netz auf ihrem Smartphone hinterlassen hat, stark vergrößert und ins Medium der Farbradierung übersetzt. In ihrer „Stereoscopic slide show from the Whitehouse collection (mosses and field trips)“ wiederum sind Personen zu sehen, die sich in unterschiedlichen Posen – sich beugend, am Boden kriechend – forschend mit dem unter ihnen befindlichen Wiesengrund befassen. Dabei kommt auch ein Potenzial des Fallens und Laufenlassens zum Ausdruck, das Andrea Büttner prinzipiell als ein Mittel der Überwindung und Unterwanderung von Grenzen und Autoritäten dient.

Andrea Büttner, Stereoscopic slide show from the Whitehouse collection (mosses and field trips) (Detail), 2014, Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles. © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Bild: Harold und Patricia Whitehouse © National Museum of Wales

Andrea Büttner, Stereoscopic slide show from the Whitehouse collection (mosses and field trips) (Detail), 2014, Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles. © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Bild: Harold und Patricia Whitehouse © National Museum of Wales

Andrea Büttner, Phone Etching, 2015, Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles. © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Bild: Jaka Babnik

Andrea Büttner, Phone Etching, 2015, Courtesy Hollybush Gardens, London und David Kordansky Gallery, Los Angeles. © Andrea Büttner / VG Bild-Kunst, Bonn 2016, Bild: Jaka Babnik

Mit ihren installativen, vorzugsweise selbst konzipierten Werkarrangements war Büttner bereits in zahlreichen international führenden Kunstinstitutionen, auf Biennalen und 2012 auch auf der documenta vertreten. Für ihre erste Einzelausstellung in Österreich hat sie ein spezielles Setting entworfen, das sich vom Außenraum zu einem klassischen „Cube“-Innenraum entwickelt, in dem sie ihre zwei- und dreidimensionalen Arbeiten präsentiert. Neben Holzschnitten und Radierungen zeigt sie auch Hinterglasmalereien, Fotocollagen, 3D-Fotoscreenings und eine Installation aus getrockneten Moosbeeten. Zwischen 2010 und 2014 beschäftigte sich die Künstlerin nämlich in Cardiff mit Moosen, um in der Folge Beete mit zunächst frischem Moos als Installationen in ihren Ausstellungen einzusetzen.

Moos wächst zumeist am Boden und im Schatten anderer Pflanzen, wird von der Botanik den „niederen Pflanzen“ zugeordnet und ist für den Menschen von geringem wirtschaftlichem Nutzen. Aus der Nähe und nur für sich betrachtet verkehren sich derartige De-/Klassifizierungen aber in die reine Bewunderung des Naturschönen.  Nur ein Beispiel für Büttners unspektakulär wirkenden Raum-Assemblagen, die im Unscheinbaren den Wert von „Kultur“ entdecken.

www.kunsthallewien.at

Wie, 6. 6. 2016

Dora Deliyska: Mit ihren „Danzas“ im Porgy & Bess

April 29, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Tänze von Bizet und Piazzolla bis Breinschmid

 Dora Deliyska. Bild: Nancy Horovitz

Dora Deliyska. Bild: Nancy Horovitz

Bisher lagen vor allem die Partituren großer Romantiker auf Dora Deliyskas Konzertflügel: Schumann, Schubert, vor allem Franz Liszt. Doch es war zu erwarten, dass sich eine energie- und emotionsgeladene Pianistin wie sie früher oder später der Tanzmusik widmen würde. Das Ergebnis liegt nun vor, in Form der CD „Danzas“, erschienen bei Gramola und vorgestellt beim Konzert „Dora & Friends“ am 4. Mai im Porgy & Bess.

Deliyska hat exquisite und im Konzertsaal selten zu hörende Stücke zusammengestellt, musikalische Schätze, die bislang oft im Verborgenen geblieben waren. Dazu zählen das spanische Tanzkolorit eines Georges Bizets, verarbeitet von Greg Anderson in seiner „Carmen Fantasy“ für zwei Klaviere, „Le grand Tango“ von Astor Piazzolla in einer Fassung für Viola und Klavier, Béla Bartóks „Tänze im Bulgarischen Rhythmus“ oder die drei Danzas argentinas von Alberto Ginastera. Deliyska, die bekennende musikalische Grenzgängerin, schickt den Zuhörer leidenschaftlich und hochvirtuos auf eine Entdeckungsreise durch die temperamentvolle Welt des Tanzes. Nicht zuletzt stehen der Tango von Igor Stravinsky, hier in einer Bearbeitung für Violine und Klavier, und „Balkandrom“ von Georg Breinschmid auf dem Programm.

cover1Damit bei letzterem der Groove stimmt, ansonsten so lyrisch zart wie an anderer Stelle kraftvoll musiziert wird, hat sich Dora Deliyska ein paar besondere Tanzpartner für ihr Projekt auserkoren: Luca Monti am Klavier, Yury Revich und Florian Willeitner mit den Violinen, Nora Schwarzberg mit der Viola, und Georg Breinschmid am Bass begleiten sie. Das Klassik-Magazin „Pizzicato“ kürte „Danzas“ übrigens bereits zu „einer der spektakulärsten Klavierplatten, die in letzter Zeit produziert wurden“. Das Live-Konzert dazu am kommenden Mittwoch sollte man keineswegs versäumen! Vor allem Stravinsky arrangiert von Samuel Dushkin ist ein höchster Genuss.

Danzas: Dora and friends. Anderson / Bartók / Piazzolla / Stravinsky / Ginastera Deliyska / Monti / Schwarzberg / Revich / Breinschmid. Erschienen bei Gramola.

Zur Künstlerin:

Geboren und aufgewachsen ist Dora Deliyska in der nordbulgarischen Stadt Pleven. Von ihrer Mutter, einer Opernsängerin, hat sie die Musikalität und die Liebe zur Bühne geerbt. Mit fünf Jahren bekommt Deliyska ihren ersten Klavierunterricht, später probiert sie sich an der Geige, singt im Chor, tanzt Ballett und spielt Theater. Mit Zwanzig zieht es die Künstlerin nach Wien, wo sie an der Musikuniversität studiert. 2008 erscheint das erste Soloalbum der Pianistin mit Werken von Franz Liszt, drei Jahre später folgt das umjubelte Debüt im Wiener Musikverein. Längst zählt Deliyska zu den wichtigsten Liszt- und Schubertinterpretinnen ihrer Generation und gastiert regelmäßig in den großen Konzertsälen Europas und Asiens.

doradeliyska.net

www.gramola.at

www.porgy.at

Wien, 29. 4. 2016

Theatermuseum: Five Truths. Shakespeares Wahrheit und die Kunst der Regie

April 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Katie Mitchell zeigt Ophelias Wahnsinn hoch fünf

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Five Truths Video Installation. Bild: © Gareth Fry

Wie unterscheiden sich die Regiestile von fünf der einflussreichsten europäischen Theaterpraktikern des 20. Jahrhunderts? Wie würden Konstantin Stanislawski, Antonin Artaud, Bertolt Brecht, Jerzy Grotowski oder Peter Brook die berühmte Wahnsinnsszene der Ophelia aus Shakespeares Hamlet inszenieren?

Für ihre Video-Installation hat die berühmte britische Regisseurin Katie Mitchell, die in Österreich zuletzt bei den Salzburger Festspielen ihre Arbeit „Forbidden Zone“ zeigte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10209), diese eine Szene mit ein und derselben Schauspielerin im Stil dieser fünf maßgeblichen Regisseure inszeniert und gefilmt. Das Theatermuseum zeigt die „touring installation“ des Victoria and Albert Museum ab 21. April zum 400. Todestag von William Shakespeare.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7oxnyRl8e8A

www.theatermuseum.at

Wien, 19. 4. 2016

Kunsthalle Wien: Die Ausstellung zum Selbermachen

Februar 18, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

One, No One and One Hundred Thousand

Jonathan Monk: Jonathan Monk presents three chairs and a coat rack by Franz West, 2016. Courtesy der Künstler und Franz West Privatstiftung. Bild: Maximilian Pramatarov

Jonathan Monk: Jonathan Monk presents three chairs and a coat rack by Franz West, 2016. Courtesy der Künstler und Franz West Privatstiftung.
Bild: Maximilian Pramatarov

Die Kunsthalle Wien Karlsplatz zeigt ab 19. Februar die Ausstellung „One, No One and One Hundred Thousand“. Die Schau basiert auf der literarischen Vorgehensweise der Gruppe Oulipo, vor allem auf deren Idee einer „Werkstatt für Potentielle Literatur“. Nach dem Vorbild von deren Gründungsmitglied Raymond Queneau will auch die Kunsthalle-Aktion Inspiration und Kreativität bei den Betrachtern fördern. „One, No One and One Hundred Thousand“ ist gedacht als eine Art „Maschine“, die immer andere Ausstellungen produziert. Die Besucher sind eingeladen mitzumachen, zu gestalten und die Ideen des Künstlers mit ihren eigenen zu überlagern. Sie sind wie Hauptdarsteller, die zu Co-Produzenten werden.

Neun Künstlerinnen und Künstler haben den Auftrag erhalten, neue Werke zu entwickeln. Das Resultat sind Arbeiten, die sowohl in sich als auch in der Positionierung flexibel sind und die Idee der „hunderttausend“ Möglichkeiten in sich tragen. Jason Dodge, der häufig alltägliche Dinge im Ausstellungsraum positioniert, nennt seinen Beitrag „What the living do“. Es sind Abfallprodukte wie Papier, Kronkorken oder Verpackungsmaterialien, die die Besucher im Raum verteilen können. „Handle with handles“ von Phanos Kyriacou besteht aus sechs Terrakotta-Abgüssen von Wasserkanistern aus Plastik. Adriana Laras Werk „Opening Hours“ hingegen ist ein Readymade, das mit dem Faktor Zeit spielt. Inspiriert von der Wandlungsfähigkeit, die dem Werk von Franz West innewohnt und dessen Idee aufgreifend, dass Kunst benutzt werden soll, zeigt Jonathan Monk in einem Akt der Aneignung „Jonathan Monk presents three chairs and a coat rack by Franz West – vier Möbel von Franz West“.

Die Künstlerin Marlie Mul wiederum hat für die Ausstellung die Arbeit „Hammer“ produziert: zwei überdimensionierte Hämmer aus einem flexiblen Material. „Joy in Paperwork“ nennt Amalia Pica ihre Serie von Papierarbeiten, die mit Bürostempeln bedruckt wurden. Lina Viste Grønli stellt der Ausstellung vier hölzerne, auf Räder montierte Buchstaben zur Verfügung, die sie „AAHHAHAAHAHA“ nennt. Große Wandlungsfähigkeit und damit nahezu unbegrenzte Präsentationsmöglichkeiten lässt sich auch aus der Arbeit „Graffiti Blind“ des Künstlers Martin Soto Climent ableiten. Eine Jalousie kann hier unterschiedliche Formen annehmen. Darren Bader schließlich stellt mit „8/12“ die Besucher vor die Aufgabe, die nur aus diesem Titel bestehende Arbeit durch subjektive Interpretation als Werk in die Ausstellung einzubringen.

Der erste, der die Kunstwerke in der Ausstellung positioniert, ist Kurator Luca Lo Pinto, mit dessen Set-up die Schau eröffnet wird. Ab dann sind die Besucher eingeladen, ihre eigenen Ausstellungen zu konzipieren und die Werke nach persönlichen Vorstellungen im Raum zu präsentieren. Ein Mitarbeiter der Kunsthalle Wien wird jede neu gestaltete Anordnung fotografieren. Die so entstandenen Fotos bilden die Grundlage für den Katalog. Außerdem wird ein Polaroid von jeder Ausstellungsansicht gemacht und an die Wand gehängt, so dass ein Bildertagebuch entsteht.

www.kunsthallewien.at

Wien, 18. 2. 2016