toxic dreams im Theatermuseum: After the End and Before the Beginning

Februar 12, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Installation mit Hamlet, Winnie und Woyzeck

Praktiziert den alten philosophischen Gedanken: Ich spreche, also bin ich: Stephanie Cummings als Winnie aus „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett. Bild: © Timotheus Tomicek

Wer fragt sich nicht manchmal nach dem Ende eines Films, eines Theaterstücks oder eines Buches wie die Geschichte eigentlich weitergeht, wie die darin Handelnden weiterleben? Oder wie es ihnen vor deren Anfang erging? Die Videoinstallation „After the End and Before the Beginning“ der Gruppe toxic dreams erzählt nun im Theatermuseum und in neun Kurzfilmen mögliche Vorgeschichten oder Fortschreibungen von ikonenhaften Charakteren aus klassischen Theaterstücken.

Unter den handelnden Personen befinden sich William Shakespeares Hamlet und Lady Macbeth, Friedrich Dürrenmatts Claire Zachanassian aus „Der Besuch der alten Dame“, oder Olga aus Anton Tschechows „Drei Schwestern“. Sie alle steigen in einen Wagen und während der Fahrt durch die Stadt ergeben sich Gespräche mit dem Chauffeur. Auf diese Weise erfahren die Besucherinnen und Besucher mehr darüber, wie sich das Leben der Figuren vor oder nach ihren Auftritten im Originalstück zugetragen haben könnte.

Hamlet, ein Experimentalfilmer, ist auf dem Weg zum Begräbnis seines Vaters und monologisiert über Filme, Schauspieler und die ultimative Story. Nora, die einst ohne Verbindungen zur Vergangenheit oder Perspektive einer Zukunft ihre Familie verlassen hat, ist mittlerweile aufstrebende Politikerin und bereitet im Taxi ihre Rede vor, in der sie ihre Wählerschaft über ihre Trennung von Mann und Kindern informieren will. Woyzeck kommt von der Beerdigung Maries und sucht aufgeregt ein Restaurant, um seinen Hunger zu stillen. Lady Macbeth ist Chefin eines Verbrechersyndikats, hat eben wieder jemanden um die Ecke gebracht und gibt dem Fahrer eine Einführung in die Kunst des Mordens. Nach einer weiteren lausigen Verabredung ist Blanche DuBois verzweifelt und möchte nur ziellos durch die Stadt kurven.

Markus Zettl als Hamlet von William Shakespeare. Bild: © Timotheus Tomicek

Nina Fog als Shakespeares Lady Macbeth. Bild: © Timotheus Tomicek

Susanne Gschwendtner als Eliza Doolittle. Bild: © Timotheus Tomicek

Ein Billigflugangebot ermöglichte Olga endlich den langersehnten Wochenendtrip in die Stadt ihrer Träume, Moskau, von dem sie nun zurückkehrt. Die Linguistikexpertin Eliza Doolittle, mittlerweile zur weiblichen Version ihres Erziehers Higgins verkommen, einsam, versnobt und überheblich, lässt sich zu einem Vortrag zum Thema Sprachanwendung chauffieren. Winnie, steckt irgendwo zwischen dem Davor und dem Danach, genießt ihre wöchentliche Rundfahrt durch die Natur und praktiziert den alten philosophischen Gedanken: Ich spreche, also bin ich. Claire Zachanassian, die reiche, angesehene alte Dame, fährt mit dem Leichnam ihres Liebhabers nach Capri zurück, um in der Internetshow „Celebrities Talk in a Family Car“ teilzunehmen.

Die Multi-Screen-Videoinstallation ist über mehrere Ausstellungsräume des Palais Lobkowitz verteilt. Die Besucherinnen und Besucher entscheiden selbst, welchem Charakter und welcher Geschichte sie folgen möchten. Jede Film-Station hat ein von alten Lichtspieltheatern inspiriertes Präsentationsdesign, das einen atmosphärischen Kontext zum Raum und den Werken des Theatermuseums und der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste herstellt.

Es spielen: Stephanie Cumming die Winnie aus „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett, Nina Fog die Lady Macbeth, Susanne Gschwendtner die Eliza Doolittle aus „Pygmalion“ von George Berhard Shaw, Isabella Händler die Blanche DuBois aus „Endstation Sehnsucht“  von Tennessee Williams, Anna Mendelssohn Ibsens Nora,  Jutta Schwarz die Claire Zachanassian, Anat Stainberg Tschechows Olga aus den „Drei Schwestern“, Florian Tröbinger Büchners Woyzeck und Markus Zett den Hamlet. Text, Regie und Chauffeur: Yosi Wanunu. In englischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

www.toxicdreams.at           www.theatermuseum.at

12. 2. 2021

Streaming: Big-Bang-Theorie-Star Jim Parsons in „Hollywood“ und „The Boys in the Band“

Januar 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Traumfabrik wird endlich zum Equality-Land

Hoffnungsvolles Ausharren bei der Oscar-Verleihung: Joe Mantello, Jim Parsons, Dylan McDermott, Holland Taylor und Patti LuPone. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Oft wenn Hollywood sich den Rückspiegel seiner Goldenen Ära vorhält, entgleitet das Ergebnis ins Sentimentale. Nostalgie mit Melancholie. Da tut es gut, wenn einer die Suggestionskraft hat, die cinematographische Märchenpracht ins Sagenhafte zu übersteigern. Ryan Murphy und Ian Brennan haben’s getan, die beiden vormals verantwortlich für „Glee“, „Ratched“, „American Horror Story“, Murphy, dessen

Dienste sich Netflix 2018 für unvorstellbare 300 Millionen Dollar für fünf Jahre exklusiv sicherte, nun für die Netflix-Serie „Hollywood“, ein topaktuelles Gegennarrativ zur gängigen L.A. Story. Wird doch in dieser den Mythos aufmotzenden Hommage die Traumfabrik endlich zum Equality-Land, „Hollywood“ spielt in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, als das berühmte Sign tatsächlich noch um die vier Buchstaben L.A.N.D. länger war, und Murphy und Brennan zeigen ganz Tinseltown, als ob #BlackLivesMatter und der #LGBTQ-Pride darüber hinweggefegt wären.

Die sieben Episoden folgen einer Handvoll blutjunger Protagonistinnen und Protagonisten, die nach Rampenlicht, Ruhm und Reichtum streben, Ex-Soldat und Schauspielanfänger Jack Castello, Drehbuchdebütant Archie Coleman, Regieneuling Raymond Ainsley und die Schauspiel-Elevinnen Camille Washington und Claire Wood, in Klarnamen David Corenswet, Jeremy Pope, Darren Criss, Laura Harrier und Samara Weaving – Archie und Camille Afroamerikaner, sie die Lebenspartnerin des halbphilippinischen, aber „weiß“ wirkenden Raymond.

Claire die Undercover-Tochter von Studio Boss Ace Amberg aka Rob Reiner – und hauptsächlich ist es die „Alte Garde“, die „Hollywood“ darstellerisch wertvoll macht: „Two and a Half Man“-Mutter Holland Taylor und Joe Mantello als Produzentenduo Ellen Kincaid und Dick Samuels, Dylan McDermott als Tankstellengigolo Ernie West und Tony-Award-Gewinnerin Patti LuPone als Avis Amberg, die den Chefsessel ihres Göttergatten entert, als diesen bei einem Pantscherl der Herzkasperl holt.

Rock Hudson mit Lebenspartner Archie Coleman: Jake Picking und Jeremy Pope. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Tankstellen-Toy-Boys: Darren Criss und David Corenswet. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Probeaufnahmen für „Peg“: Jim Parsons und Jake Picking. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

And the Oscar goes to …: Jeremy Pope, Darren Criss und Laura Harrier. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

An nackter Haut und Sexszenen wird nicht gespart, vor allem, weil die Jungs als Brotjob Ernies illustre Kundschaft mit Blow Jobs beglücken. „Dreamland“ heißt das Codewort des Zapfsäulenbordells, wo auch Avis eine treue Freierin von Jack ist, und da kommt auch der grandios agierende Jim Parsons ins Spiel, als Hollywood-Agent Henry Willson, der die Herrenriege, bevor er sie unter Vertrag nimmt, erst einmal zur Fellatio bittet. Statt Besetzungscouch steht hier gleich ein komplettes -bett, 70 Jahre vor #MeToo, und Parsons ist brillant als von Selbsthass zerfressener Unsympath, fulminant sein Isadora-Duncan-Tanz mit den sieben Schleiern, der den sexuellen Missbrauch seines Klienten-Frischfleischs als Selbstverständlichkeit nimmt.

Der homosexuelle Henry Willson ist ein dem realen Leben entliehener Charakter, und Roy Fitzgerald, den in der Serie halb fiktionalisiert und ausdrucksstark Jake Picking verkörpert, war wirklich sein Schützling. Willson macht aus ihm „Rock Hudson“, auch Sekretärin Phyllis Gates, mit der Willson Hudson pro forma verheiratete, kommt vor. Aber laut Murphy und Brennan verliebt sich der schüchterne, nicht übermäßig helle Stiefvaterkomplexler Rock in Archie, die beiden werden ein Paar, das zum Happy End den Red Carpet Hand in Hand beschreiten wird.

Die Traumfabrik-Talente nämlich haben einen ebensolchen: Archie hat ein Drehbuch geschrieben, „Peg“ – Entwistle, die sich, da aus ihrem ersten Film geschnitten, 1932 vom Hollywood-H in den Tod stürzte, Raymond will Regie führen und die Titelrolle mit Camille besetzen, womit sie die erste Schwarze in einer Hauptrolle wäre. Eine Unternehmung, von der Avis und Ellen als emanzipierte Regentinnen eines rassistischen, schwulenfeindlichen, frauenverachtenden Hollywoods alsbald überzeugt sind, die jedoch, man wird es sehen, auch den Ku Klux Klan samt seinen brennenden Kreuzen auf den Plan ruft …

Queen Latifah als die erste schwarze Oscar-Preisträgerin Hattie McDaniel. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Michelle Krusiec als die um ihre Hauptrolle betrogene Anna May Wong. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Laura Harrier als Leinwandschönheit Camille Washington. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Viel nackte Haut, hier die von David Corenswet als Jack Costello. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Namedropping ist bei einer Produktion wie dieser gleichsam Pflicht, Tallulah Bankhead, Vivien Leigh und Noël Coward haben Kurzauftritte bei einem von George Cukors Erotikdinnern, bei dem Jack und Archie als Fill-up-Boys im Einsatz sind, Ernie himself exklusiv als Entspannung für die hochneurotische Vivien, der oberintrigante Henry Rock an den Mann ist gleich Dick bringen will, Hollywood eine Männerwelt, in der man im Wortsinn die Hose runterlassen und bei der Stange bleiben muss – und das alles zum wunderbar swingenden Soundtrack von Ella Fritzgerald bis Frank Sinatra und Sets, die nur möglich sind, wenn Geld keine große Sache ist.

Michelle Krusiec spielt Anna Mae Wong, zu dieser Zeit die weltweit prominenteste Filmschauspielerin chinesischer Herkunft, die um die Hauptrolle in der Pearl-S.-Buck-Verfilmung „Die gute Erde“ betrogen wurde, weil MGM sicherheitshalber die weiße Luise Rainer besetzte – die prompt einen Oscar erhielt, Queen Latifah Camilles Mentorin Hattie McDaniel, die für die Rolle der braven Sklavin Mammy in „Vom Winde verweht“ als erste Schwarze einen Academy Award, den Nebendarstellerinnen-Oscar bekam, und auf diese Art Figuren festgelegt blieb.

Berührend ist die Szene, in der sie Camille erzählt, man hätte sie bei der Preisverleihung von den anderen Nominierten getrennt und an einen Tisch in der hintersten Reihe gesetzt, weshalb Camille entschieden auf den ihren in der ersten Reihe bestehen müsse. Tatsächlich war erst Whoopi Goldberg im Jahr 1991 die zweite afroamerikanische Nebendarstellerinnen-Oscar-Preisträgerin, 2002 Halle Berry die bisher einzige schwarze Oscar-Preisträgerin in der Hauptdarstellerinnen-Kategorie.

Backstage-Bangen: Patti LuPone, Dylan McDermott, Holland Taylor und Samara Weaving. Bild: Saeed Adyani /Netflix ©2020

Soviel zu #OscarsSoWhite, wiewohl das am britischen Theater schon längst übliche Colorblind Casting allmählich zumindest die Bildschirme erobert (siehe: Bridgerton, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=43837). Im Gegensatz dazu wird sich in der schönen, heilen Flimmerwelt, in der die einzige maßgebliche Color die Technicolor ist, bereits im Vorspann gegenseitig den Hollywoodland-Schriftzug hochgeholfen, bis die Heldinnen und Helden mit einer Grandezza in den Sonnenaufgang blicken, die all das Behauptete wie wahr erscheinen lässt.

Murphy unterläuft das klassische, nach außen puritanisch-bigott-biedere, nach innen von Ressentiments beherrschte Hollywood optisch wie inhaltlich mit den Mitteln ebendieses klassischen Hollywoods. Das hat Charme. Die Serie, die mit ihrem kontrafaktischen Finale furios die Filmgeschichte umschreibt, hat deutlich mehr mit Tarantinos historisch freihändiger Hollywood-Fantasie zu tun als mit dem Harvey-Weinstein-Skandal. Sie ist, was die Traumfabrik im Idealfall immer schon war: erstklassige Unterhaltung. Mit Sprung im Spiegel.

Eine Staffel zwei ist möglich, Fans betteln in den Social Media geradezu darum. Zum Ende der ersten entwickelt Jim Parsons als Henry Willson, Spoiler: der Saulus wird zum Paulus und arbeitet sich zum Produzenten hoch, das Script einer Liebesromanze zwischen zwei Männern mit Rock Hudson in der Hauptrolle, dies Henrys Buße für seine Sünden am schönen Vierschröter – und Avis scheint nicht abgeneigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, gewinnen sie zwar keinen Oscar, aber vielleicht einmal einen Emmy…

Trailer: www.youtube.com/watch?v=Q3EASLgzOcM            www.youtube.com/watch?v=W0WsEyqx0r4           www.netflix.com

FILMTIPP: The Boys in the Band

Jim Parsons und „Spock“ Zachary Quinto in der Broadway-Verfilmung

Tuc Watkins, Andrew Rannells, Matt Bomer, Jim Parsons, Zachary Quinto, Robin de Jesús, Brian Hutchison, Michael Benjamin Washington, Charlie Carver. Bild: S.E. White/Netflix ©2020

Und noch einmal Ryan Murphy, Joe Mantello – als Regisseur des Gay-Dramas – und Jim Parsons. „The Boys in the Band“ ist die Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks aus dem Jahr 1968 von Mart Crowley, für dessen Bildschirm-Variante Produzent Murphy versprach, ausschließlich die schwulen Schauspieler aus dem 2018er-Broadway-Revival zu besetzen. Es ist also New York in den 1960ern, und Michael, Jim Parsons, richtet für Harold, Zachary Quinto, eine

mitternächtliche Geburtstagsparty aus. Ein schönes Fest soll es werden, zu der Michael den gesamten Freundeskreis eingeladen hat: seinen Liebhaber Donald (Matt Bomer), den ob seines Lovers gelangweilten Larry (Andrew Rannells) mit Lebenspartner Hank (Tuc Watkins), den stilbewussten Chauvi Bernard (Michael Benjamin Washington) und den stets zu Scherzen aufgelegten Emory (Robin de Jesús). Anfangs ist die Stimmung ausgelassen, was sich liebt, das neckt sich, die Intellektuellen-Clique ist unter sich und genießt den Abend.

Jim Parsons mit de Jesús und Rannells. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Zachary Quinto mit Carver und de Jesús. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Dass der gutaussehende, jedoch kulturell weniger bewanderte Stricher Cowboy Tex (Charlie Carver), er ist Harolds Geschenk, nicht wirklich in die Runde passt, sorgt schon für erste zynische Kommentare. Problematisch wird es jedoch, als unangemeldet Alan (Brian Hutchison) auftaucht, ein früherer Kommilitone von Michael, der unbedingt mit ihm reden will und den Emory kurzerhand als homosexuell outet. Harold erscheint und hat für alle nur Gehässigkeiten übrig, doch dann verstrickt der beleidigt-betrunkene Michael seine Gäste in ein sadistisches Spiel: Jeder muss eine ehemalige heimliche Liebe anrufen, und dieser am Telefon ebendiese und seine Homosexualität gestehen. Und Essig ist’s mit der Feierlaune, die Situation eskaliert …

Wie in „The Boys in the Band“ gekeift, gelästert, gedemütigt wird, der Tonfall so giftig und untergriffig, das ist durchaus ein Vergnügen. Man merkt dem Cast an, dass er aufeinander eingespielt ist, alldieweil man sich fragt, warum die dargestellten Männer eigentlich miteinander befreundet sind. Auf Entgleisungen folgen Handgreif- lichkeiten folgt Selbsthass. Parsons und Quinto im Infight sind allemal ein Hit, nicht zuletzt, wenn Harold Michael auf den Kopf zusagt, dass der seine Homosexualität verabscheut und lieber ein Hetero wäre. Im Streit werden Geheimnisse gelüftet und unausgesprochene Gefühle offenbart, Hank trägt immer noch seinen Ehering, Bernard laboriert als „doppelte Minderheit“ an seiner Hautfarbe ebenso wie an seiner sexuellen Orientierung.

Wäre Michael lieber ein Hetero? Jim Parsons und Matt Bomer als Lover Donald. Bild: Scott Everett White /Netflix ©2020

Förmlich sieht man die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, und fantastisch gespielt ist die Hassliebe, die die das Kammerspiel dominierenden Michael und Harold von Jim Parsons und Zachary Quinto verbindet. An keiner Stelle weiß man, ob man die beiden von Herzen verabscheuen oder mit ihnen leiden soll. Abseits von #LGBTQ sind dies die universellen Themen: Freundschaft und dennoch die Lust an Verletzungen, das Verlangen nach Liebe und trotzdem das Zurückstoßen derer, die es tun, Worte und wie sie zu Stichwaffen werden. Kurz gesagt: „The Boys in the Band“ ist absolut sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=862Pb9oDDAo           www.youtube.com/watch?v=WAIQbHJ9sAk           www.netflix.com

  1. 1. 2021

Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil

Oktober 31, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

mumok: Eine malerische Biosphäre für Mensch und Tier

Performance auf derBodenmalerei: Elise Lammer and Julie Monot, with Hugo Canoilas: Becoming Dog, 2020. Bild: Klaus Pichler. © Hugo Canoilas, Julie Monotand Elise Lamme

Ab 6. November zeigt das mumok die Schau „Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil“. Der Kapsch Contemporary Art Preisträger 2020 versetzt dazu den Ausstellungsraum in eine betretbare Bühne der Malerei: Über die gesamte Bodenfläche zieht sich auf textilem Grund ein malerisches Szenario ineinander verfließender Formen mit inselartigen Zentren. Das Blau des Grundes und die darauf gesetzten tentakulären Farbwesen aus Wolle und Glas erinnern an eine belebte maritime Landschaft von unabwägbarer Tiefe.

In Zeiten der #Corona-Krise, die das physical distancing zum neuen Überlebensprinzip erhoben hat, sieht man sich in eine unentrinnbare malerische Biosphäre einbezogen, in der Verführerisches und Bedrohliches, Organisches und Technoides zugleich aufscheinen. Eine Bühne der Kunst- und Selbsterfahrung bietet diese Bodenmalerei nicht nur für die Betrachter, sie ist auch der Auftrittsort für die von Elise Lammer und Julie Monot auf Einladung des Künstlers entwickelte Performance „Becoming Dog“, in der als Hunde verkleidete Akteure auftreten, um das hierarchische Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu hinterfragen und neue Potenziale der Empathie zu erkunden. Menschliches und Tierisches erscheint hier wie in einer Travestie ineinander geblendet, um vorgebliche Gewissheiten über Identität und Einzigartigkeit zur Diskussion zu stellen.

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Making of: Hugo Canoilas. On the extremes of good and evil. Kapsch Cont. Art Prize 2020. © mumok, Bild: Klaus Pichler

Hugo Canoilas nutzt die Tradition und Geschichte der Malerei und Objektkunst, um sie in Verbindung mit installativen und performativen Strategien neu zu bestimmen und zu erweitern. Er nimmt dabei auf aktuelle gesellschaftspolitische Entwicklungen sowie die damit verknüpften philosophischen und kunsttheoretischen Diskurse Bezug. Die Ausgangslage bilden miteinander verzahnte Themen wie die Klimakatastrophe, die Umweltzerstörung, die Migration und die sich vertiefende Kluft zwischen Arm und Reich, deren Virulenz durch #Corona eine Art pandemischen Katalysator erhält. Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit diesen Entwicklungen und ihren Folgen findet der Künstler vor allem in jenen posthumanistischen Denkströmungen, die ein anthropozentrisch-hierarchisch erstarrtes Weltbild infrage stellen und einen einfühlsamen Umgang des Menschen mit der Natur und seiner kreatürlichen Umwelt einfordern.

Der Blick von oben auf die Malerei darunter weckt Erinnerungen an digitale Landschaftsszenarien, die wie aus der Perspektive einer Drohne aufgenommen sind. Der hier offerierte Perspektivenwechsel kann auch metaphorisch als Abweichung und Distanznahme zu eingeübten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen im Gesellschaftlichen begriffen werden, um anders und womöglich auch näher an die Dinge heranzukommen

www.mumok.at

31. 10. 2020

Theater an der Wien: Porgy and Bess

Oktober 21, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Catfish Row als Flüchtlingslager an Europas Küste

Das Container-Bühnenbild von Katrin Lea Tag, vorne mit Fussball Eric Greene als Porgy und Jeanine de Bique als Bess. Bild: © Monika Rittershaus

Deutlicher kann man #BlackLivesMatter nicht singen. Der beinortheste Held, eben von der Missachtung des Gesetzes zurück, ergeht sich in Liebe zur Anti-Heldin, während sich rundum die Gesichter verdüstern. Ist doch die untreue Drogensüchtige mit ihrem Dealer nach New York abgehauen. Macht nichts, meint Porgy, weder Wegstrecke noch Gehbehinderung können ihn aufhalten, seine Bess zu retten.

Die „Summertime“ ist zwar vorüber, aber im Gelobten Land für alle Platz. Also auf, never give up, never give in – das bessere Leben muss einfach ums nächste Eck liegen … Wohl jeder kennt „Porgy and Bess“ und die wunderschönen Melodien, nur aufgeführt wird George Gershwins Meisterwerk in Europa selten. Das liegt zum einen an der strikt vorgeschriebenen Besetzung, zum anderen an der Genregrenzen sprengenden Komposition, diese mit Blue Notes, Spirituals und Swing ein Opera meets Popculture, an das sich die wenigsten heranwagen.

Das Theater an der Wien hat den Grenzgang nun gewagt, nach mehr als 50 Jahren die erste szenische Premiere in der Stadt – und alles gewonnen. Ein beglücktes Publikum bedankte mit Jubel und Applaus nicht nur die Aufführung, sondern auch den Mut, diese – in #Corona-Zeiten – zu planen und auszuführen. Ging doch die vereinbarte Kooperation mit der Cape Town Opera in Kapstadt Pandemie-bedingt in die Binsen; die Anreise der Choristen aus Südafrika wurde unmöglich, weshalb das Theater an der Wien in Windeseile einen internationalen Cast aus vier Kontinenten zusammenstellen musste.

Norman Garrett und Zwakele Tshabalala. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique und Eric Greene. Bild: © Monika Rittershaus

Zwakele Tshabalala und Tichina Vaughn. Bild: © Monika Rittershaus

Dies durchaus nicht gegen das Ansinnen des südafrikanischen Regisseurs Matthew Wild. Der im Programmheft-Interview seine Intentionen, in seiner Inszenierung die globale Migrationsdebatte zu thematisieren, so formuliert: „Unsere Produktion ist in unserer Gegenwart angesiedelt, an der Peripherie einer nicht genauer bezeichneten europäischen Küstenstadt, wo wir die Catfish Row neu erfinden als eine multi-kulturelle Gemeinschaft von Flüchtlingen und Asylwerbern, die gezwungen waren, ihre Heimatländer zu verlassen …“ – das bessere Leben, es muss einfach ums nächste Eck liegen …

Die Überführung von Gershwins Opernpersonal in die Problemzone der Gegenwart erweist sich als stimmig. Als Schauplatz hat Ausstatterin Katrin Lea Tag eine Containersiedlung entworfen, 32 Stück verteilt auf drei drehbare Stockwerke, ideal für Massenszenen, Parallelerzählungen und als Versteck für intime Arien und Duette. Den Gedanken, dass die Menschen in Moria froh wären, wenn …, darf man dabei nicht zu Ende führen, ebenso wenig wie den an die eine Hijab tragende Frau als klischeehafte Kostümierung von – Zitat Wild – multikulturell, ebenso wenig wie jenen, ob statt des Hurricans eine Altkleidersammlung über dem Ganzen niedergegangen sei. Denn die Solistinnen und Solisten, Ensemble wie Tänzerinnen und Tänzer überzeugen auf ganzer Linie.

Allen voran Norman Garrett als Crown. Als brutaler Ex-Lover von Bess verströmt sein Klang-/Körper die krude Erotik eines wilden Tiers. US-Bariton-Kollege Eric Greene als Porgy steht Garrett in beidem in nichts nach. Er ist trotz Krücke eine imposante Erscheinung und geht mit seiner samtig-souligen Stimme, man merkt’s, den Zuschauerinnen unter die Haut. Schön, wie sich dieser leichtgläubige Tropf zu einer ungeahnt empfindsamen Intensität steigert, Greene ein Quarterback-Goliath mit David’scher Seele. Schön auch, wie kristallklar und grazil die aus Trinidad stammende Jeanine De Bique ihren Sopran zu führen versteht, ihre Bess ein liebenswerter, aber in seiner Labilität verlorener Junkie.

Tanz auf dem Altkleiderberg. Bild: © Monika Rittershaus

Jeanine de Bique als Bess (Mi.). Bild: © Monika Rittershaus

Eric Greene als Porgy. Bild: © Monika Rittershaus

Norman Garrett als Crown. Bild: © Monika Rittershaus

Als Milieustudien fügten sich die von Louisa Ann Talbot choreographierten Tanzszenen organisch in die Handlung ein. Der von der Metropolitan Opera ausgezeichneten und von der New York Times für ihr „distinctive earthy coloring“ gefeierten Brandie Sutton kommt als bekopftuchter Muslima Clara die Aufgabe zu, mit einer „Summertime“ im strömenden Regen den größten Hit der Oper zu präsentieren. Ryan Speedo Green als christlicher Ehemann und mit seinem Boot untergehender Jake verleiht seiner Figur ein starkes gesangliches wie darstellerisches Profil. Und apropos: Der südafrikanische „Sportin’ Life“ Zwakele Thabalala stattet den Rauschgifthändler in Baseball-Kappe und Zuhälter-Anzug mit einem aufreizenden Machismo aus.

Großartig sein Prügelbeziehen von Tichina Vaughn als blondgefärbter Maria, sein angekratztes Angebergehabe ist für den einen oder anderen Lacher gut und sängerisch wie von Speed befeuert. Selbiges gilt auch für das um Jazzmusiker erweiterte Wiener KammerOrchester – special extended unter der Laid-Back-Leitung des afrobritischen Gershwin-Spezialisten Wayne Marshall, das mal mit Big Band Sound die Dezibel-Skala sprengt, wenn’s auf der Bühne heftig, mal butterweiche, leise Jazztöne erklingen lässt, wenn’s romantisch wird. Marshall verzichtete auf allzu viel Schmelz & Schmalz bei Standards wie „I Loves You, Porgy“, „I Got Plenty o’ Nuttin’“ oder „It Ain’t Necessarily So“ und dirigiert einen für CD-Aufnahmen umschmeichelte Ohren ungewohnt harten, aber zum Geschehen oberhalb des Grabens passenden Gershwin.

Die Vorstellungen bis inklusive Samstag sind restlos ausverkauft. Bleibt zu hoffen, dass jemand daran gedacht hat, diesen fulminanten Abend auf Film zu verewigen. Special thanks to Intendant Roland Geyer und seinem Team. Mit seiner Beherztheit, das „Porgy and Bess“-Projekt trotz aller Widrigkeiten nicht aufzugeben, beweist er einmal mehr, dass das Überwinden von Zäunen und Verzagtheit stets ein Türöffner zur Vielfalt anderer Welten ist.

www.theater-wien.at

  1. 10. 2020

Das MAK zeigt „Raimund Abraham. Angles and Angels“

Juni 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zeichnungen, Modelle und Prototypen ab 16. Juni

Raimund Abraham: Universal House, 1967. Print, koloriert. Privatsammlung. Bild: © MAK/Georg Mayer

Die ursprünglich ab Ende März geplante und aufgrund der #Corona-Krise verschobene MAK-Ausstellung „Raimund Abraham. Angles and Angels“ wird nun von 16. Juni bis 18. Oktober gezeigt. Die Ausstellung ist ab 16. Juni, 18 Uhr zugänglich. Das MAK widmet dem österreichisch-amerikanischen Architekten, der sein Œuvre in enger Verbindung zu Kunst, Philosophie, Literatur und Film entwickelte, diese Personale.

Ausgehend von der Zeichnung als Denkmodell für sein visionäres Werk werden etwa 50 Skizzen, Collagen, Modelle und Entwürfe zu realisierten und unrealisierten Projekten sowie Prototypen von Möbeln gezeigt, die das Spannungsfeld zwischen individuellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen seiner Zeit ausloten.

Raimund Abraham verstand sich vielmehr als Theoretiker denn als bauender Architekt. Im Manifest „Eyes Digging“ aus dem Jahr 2001 werden sein forschender Zugang zu Architektur und die Bedeutung visionärer Schriftsteller, Philosophen, Dichter, Theoretiker und Komponisten wie Stéphane Mallarmé, James Joyce, Ludwig Wittgenstein und Arnold Schönberg für seine experimentelle architektonische Praxis deutlich. In seine elementaren, reduzierten Entwürfe ließ er archetypische und neo-futuristische Grundformen einfließen.

1967/68 bespielten Raimund Abraham, Hans Hollein und Walter Pichler zu dritt die Ausstellung „Architectural Fantasies: Drawings from the Collection“ im MoMA –The Museum of Modern Art in New York, wo Abraham Arbeiten zu den Themen, Utopie, Stadt und Environment zeigte. In den frühen 1960er-Jahren interessierte sich Abraham auch für die Ursprünge der Baukultur und publizierte in „Elementare Architektur“ zum landwirtschaftlichen Bauen im Alpenraum. Er untersuchte die Grundsätze der Architektur und wollte zu einer elementaren Grammatik des Bauens finden.

Raimund Abraham: Megabridge, 1964. Collage. Privatsammlung. Bild: © MAK/Georg Mayer

Raimund Abraham: ohne Titel, 1960er Jahre. Collage. Privatsammlung. Bild: © MAK/Georg Mayer

Raimund Abraham: Kugel-Projekt für das MAK-Terrassenplateau im Garten, 1991. Bild: © MAK/Georg Mayer

Raimund Abraham: Nine Projects for Venice. City of Twofold Vision, 1980. Privatsammlung. Bild: © MAK/Georg Mayer

Abrahams umfangreiches zeichnerisches Werk steht im Mittelpunkt der Ausstellung. Anfang der 1960er-Jahre entstanden Skizzen und Collagen für visionäre Räume, Gebäude und utopische Stadtmodelle, was mit zahlreichen Beispielen thematisiert wird. Die kolorierte Collage „Ohne Titel“ suggeriert beispielsweise mit geometrischen Formen aus Erde, Wasser und Luft eine Landschaft der Zukunft. „Megabridge“, „Continuous Building Project“, „Universal House“ und „Moon Crater City“ stehen exemplarisch für Abrahams Studien zu „linearen Städten“. Sie beschreiben architektonische Environments, die sich auf die klassizistische Revolutionsarchitektur und Manifestationen der 1960er -Jahre beziehen – wie die Erschließung des Weltraums und modulare Entwürfe der britischen Architekturgruppe Archigram. Diese Ideen entwickelte Abraham 1991 im nicht realisierten Kugel-Projekt für das MAK-Terrassenplateau im Museumsgarten weiter.

Raimund Abraham war national und international mit Künstlern, Architekten und Filmschaffenden vernetzt und unter anderem mit Hermann Nitsch, Dieter Roth, Peter Kubelka, Walter Pichler, Hans Hollein, Vito Acconci, Peter Eisenman und Lebbeus Woods oder dem Filmregisseur Jonas Mekas verbunden. Mekas widmete Abraham mit „Scenes from the Life of Raimund Abraham“ 2013 eine sechsstündige Hommage, die als Teil des Rahmenprogramms zur Ausstellung im MAK-Vortragssaal gezeigt wird.

Raimund Abraham: Wohn- und Geschäftshaus Friedrichstraße, Berlin, 1987. Bild: © Wolfgang Woessner/MAK

Exemplarisch für Abrahams Spiel mit Geometrie, Arithmetik und Proportion steht das unrealisierte Projekt „House for Euklid“ aus dem Jahr 1983. Architektur wird hier als Bewegung und Mechanismus aufgefasst, um dem kinetischen Raum sowie den Möglichkeiten der Unendlichkeit eine Form zu geben. Die politische Symbolkraft von Architektur verdeutlichte er in der Skizze Kirche an der Berliner Mauer. Der nicht realisierte Beitrag kann als Symbol für die gesellschaftliche Einheit in Deutschland und in Europa gelesen werden.

Raimund Abrahams Hauptwerk, der spektakuläre Neubau des Austrian Cultural Forum in New York im Jahr 2002, zählt zu den bedeutendsten Beiträgen zeitgenössischer Architektur in Manhattan. MAK-Generaldirektor Christoph Thun-Hohenstein begleitete als damaliger Direktor des Austrian Cultural Forum,

das 1942 als Institution des Widerstands während des national- sozialistischen Regimes gegründet worden war,  die Fertigstellung und Eröffnung des neuen Gebäudes und war für die inhaltliche Bespielung des Hauses bis 2007 verantwortlich. Abraham, der das Hochhaus pointiert als „Guillotine“ bezeichnete, brach die monotone Höhenentwicklung des 84 Meter hohen und 7,5 Meter schmalen Gebäudes mit versetzten Fassadenelementen und einem surrealen Spiel der Oberflächen aus Glas, Aluminium und Zink.

Als eines seiner Spätwerke plante Raimund Abraham das posthum fertiggestellte „Haus für Musiker“ im Rahmen des Projekts Museumsinsel Hombroich auf dem Gelände einer ehemaligen NATO-Raketenstation in Neuss in Deutschland. „Das Bauwerk ist kein Gebäude, sondern eine Stadt für vier Bewohner. Die Grundidee für das Bauwerk wird bestimmt durch ein gleichseitiges Dreieck. Dreieck und Kreis bilden den Mittelpunkt. Wenn Architektur sich der Skulptur nähert, ist das Kunst“ – so Abraham über einen seiner letzten Entwürfe.

www.mak.at

11. 6. 2020