Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper

August 9, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Hommage an einen Ausnahmekünstler

Bild: Anno Wilms, 1991 © Stiftung Anno Wilms

1955 als Sohn eines Bauarbeiters und einer Putzfrau in einem Armenviertel in São Paulo geboren, wurde Ismael Ivo zu einem der bekanntesten, erfolgreichsten, faszinierendsten Tänzer und ein weltweit gefeierter Choreograf. Als Initiator und Direktor von Festivals wie dem ImPulsTanz Festival in Wien, das er 1984 mit Karl Regensburger gründete und das zum größten europäischen Tanzfestival heranwuchs, hat er Tanzgeschichte geschrieben und wurde dafür 2019 mit dem Österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet.

Künstlerisch ging er enge Verbindungen mit Johann Kresnik, Marcia Haydée, Ushio Amagatsu, George Tabori, Koffi Kôkô und vielen anderen ein. Heute ist er eine Symbolfigur der afrobrasilianischen Emanzipation.

Der Band „Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“ versammelt Interviews aus verschiedenen Epochen seines Schaffens, Erinnerungen von Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter in Brasilien und Europa, Bildessays von Anno Wilms und Dieter Blum sowie ein umfassendes Werkverzeichnis.

So zeichnet die Publikation erstmals das Leben und Wirken eines Ausnahmekünstlers und -menschen nach. „Ismael Ivos Erbe ist im Wesentlichen immateriell, überliefert allein in den Erinnerungen an seine überwältigende Präsenz auf der Bühne, in den Fotogra­fien, Filmen und Videodokumentationen, in den Interviews, in den Bewegungsimpulsen, die er in zahllosen Workshops und Gesprächen gesetzt hat. Exemplarisch hat sich für uns mit diesem Projekt die Frage gestellt, wie eine Persönlichkeit, die in ihrem Wirken radikal auf körperliche Transformation und Vermittlung setzte, in einem Buch dargestellt werden kann“, so Johannes Odenthal und ImPulsTanz-Intendant Karl Regensburger über ihre „unvollendete Rekonstruktion eines Lebenswerks“.

In Interviews hat Ismael Ivo über die Prozesse des Verkörperns, des Aufnehmens von politischen, gesellschaftlichen, künstlerischen oder kulturellen Themen gesprochen: die konkrete Form eines ästhetischen Meta­bolismus. Er bezieht sich immer wieder auf das erste kulturelle Manifest der brasilianischen Moderne, auf die Antropofagia, mit der sich eine Gruppe von SchriftstellerInnen und Schriftstellern um Oswald de Andrade von der europäischen Kolonialisierung emanzipierte.

„Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“ ist der gelungene Versuch einer zeitgenössischen archäologischen „Grabung“, die in der Zusammenstellung vieler Perspektiven das Schaf­fen eines Ausnahmekünstler erfahrbar macht. Dabei wird deutlich, dass das Werk von Ismael Ivo vor allem auch durch die Verbindung mit seiner individuellen Biografie als Afrobrasilianer auf eine zukünftige Entwicklung der Performing Arts wirken wird. Die Themen Rassismus, Identität, post­- und neokoloniale Verwerfungen sind in seinem Werk substanziell ver­ankert.

„Mein schwarzer Körper steht in einer Beziehung zur Gesellschaft, und in dieser gibt es nun einmal Rassismus und Xenophobie, die sich in letzter Zeit verschärft haben. Man spürt das“, sagte Ivo etwa in einem Presse-Gespräch 2016 anlässlich seines Solos „Discordable – Bach“, und weiter: „Ich bin ein Optimist, noch immer, aber es ist nicht leicht. Wir leben in schwierigen Zeiten. Die französische Choreografin Maguy Marin sagte neulich zu mir: ,Wir Künstler müssen jetzt einen Plan zur Veränderung der Welt entwickeln.‘ Wir können die Probleme nicht lösen, aber die Kunst kann sie reflektieren. Mein Körper war immer politisch. Wir schauen in den Spiegel, wir sind nicht perfekt und werden es nie sein. Die Geschichte wiederholt sich. Ich möchte mich selbst als Lampe auf einen Altar stellen und den Menschen Impulse geben, über bestimmte Themen nachzudenken.“

Ismael Ivo verstarb im Pandemiejahr 2021 im Alter von 66 Jahren in seiner Heimatstadt Sao Paulo an einer Coronavirus-Infektion.

Über den Herausgeber und die FotografInnen: Johannes Odenthal, Kunsthistoriker und Autor für Tanz, Performance und zeitgenössische Kunst, war von 2006 bis 2022 Programmbeauftragter der Akademie der Künste, Berlin. Anno Wilms (1935 – 2016) arbeitete als freiberufliche Fotografin. Dieter Blum arbeitete unter anderem für Stern, Der Spiegel, Time, National Geographic, FAZ-Magazin und SZ-Magazin.

Spector Books, Johannes Odenthal (Hrsg.): „Ismael Ivo. Ich glaube an den Körper“, Fachbuch, 240 Seiten mit Fotografien von Anno Wilms und Dieter Blum, 180 Schwarzweiß- und 40 Farbabbildungen. Erhältlich auch in einer englischsprachigen Fassung: „Ismael Ivo. I Believe in the Body“.

spectorbooks.com           ismaelivo.com           www.impulstanz.com

  1. 8. 2022

Mamuz Museum Mistelbach: Königreiche der Eisenzeit

März 17, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolute Herrscher und ihr Einfluss auf Europa

Königreiche der Eisenzeit. Bild: © Atelier Olschinsky

Das Mamuz Museum Mistelbach zeigt ab 19. März die neue Sonderausstellung „Königreiche der Eisenzeit“ und begibt sich damit auf die Suche nach den Spuren der frühen Eisenzeit. Mit dem Aufkommen des neuen Werkstoffs Eisen kam es im achten vorchristlichen Jahrhundert zu fundamentalen Umbrüchen in der Gesellschaft, die sich in zahlreichen technischen, wirtschaftlichen und religiösen Neuerungen niederschlugen.

An der Spitze der Gesellschaft bildete sich eine durch den Handel reich gewordene Elite, die unter monumentalen Grabhügeln prunkvoll bestattet wurde. Kostbare Grabbeigaben wie kunstvoll dekorierte Geschirrsets zeugen von üppigen Gastmählern an den Königshöfen. Mit einzigartigen archäologischen Objekten und spektakulären Rekonstruktionen vermittelt die Ausstellung unvergessliche Eindrücke von den ersten Königreichen Mitteleuropas.

Im 8. Jahrhundert v. Chr. begann in Mitteleuropa eine neue Epoche: die Eisenzeit. Eisen wurde zum wichtigsten Werkstoff für Werkzeuge, Schmuck, Gerätschaften und Waffen und lieferte zusammen mit verstärkten Handelsbeziehungen in den Mittelmeerraum die Grundlage für eine neue, stärker strukturierte Gesellschaft. Mit der nach dem berühmten Fundort in Oberösterreich benannten Hallstattkultur entstand eine völlig neue Kultur mit einer deutlich ausgeprägten Hierarchisierung in der Bevölkerung, wie zahlreiche Gräberfunde nachweisen. Eine hochrangige Oberschicht wurde in markanten Großgrabhügeln beigesetzt. Diese enthielten wertvolle Beigaben, darunter Waffen, Schmuckstücke, Importe aus dem Mittelmeerraum sowie große Geschirrsets für Festgelage im Jenseits und Kultgefäße.

Bronzene Statuette: Der Aulosbläser von Százhalombatta. Bild: Ádám Vágó, © Ungarisches Nationalmuseum

Grabstele aus Ditzingen-Hirschlanden. Bild: P. Frankenstein/H. Zwietasch, © Landesmuseum Württemberg

Bronzene Maske und Hände aus dem Kröllkogel. Bild: © Universalmuseum Joanneum

Doch was weiß man heute über die Anführer der frühen Eisenzeit und wie weit reichte ihre Macht? Man kennt weder die Namen der einzelnen Völker noch die ihrer Herrscher. Einzig archäologische Zeugnisse und die Schriftquellen antiker Hochkulturen im Mittelmeerraum geben Aufschlüsse über ihren Reichtum und Einfluss. Ausstellungskurator Fritz Preinfalk erklärt: „Zahlreiche Funde deuten darauf hin, dass an der Spitze der hallstattzeitlichen Gesellschaft absolute Herrscher standen, deren Gewalt über ein Territorium offenbar vererbbar war. Neben der weltlichen Macht übten sie offenbar auch religiöse Funktionen aus, weshalb die Bezeichnung dieser Personen als ,Kleinkönige‘ oder ,Sakralkönige‘ berechtigt erscheint, zumal diese Begriffe aus zeitgenössischen Schriftquellen benachbarter Völkerschaften bezeugt sind.“

Mit spektakulären Fundstücken, originalgetreuen Rekonstruktionen und Repliken zum Angreifen entführt das Mamuz auf eine Reise in die frühe Eisenzeit. Höhepunkte der Ausstellung sind hallstattzeitliche Grabbeigaben wie die bronzene Maske und die Hände sowie der Panzer und Helm aus dem Kröll-Schmid-Kogel bei Kleinklein in der Steiermark, die Aulosbläser-Figur aus Százhalombatta in Ungarn, der Vogelwagen aus Glasinac oder die Bronzene Stierfigur aus der Býčí skála-Höhle. Präsentiert werden zudem Nachbildungen des Kultwagens von Strettweg, des Goldhalsreifs aus Uttendorf und der Statue eines hallstattzeitlichen Fürsten aus Hirschlanden. Außerdem werden einige neue Fundstücke aus jüngsten Grabungen, wie die Gesichtsurne aus Schöngrabern, erstmals einem breiten Publikum präsentiert. Junge Besucherinnen und Besucher werden bei Kinderstationen eingeladen, das Leben in der Eisenzeit auf interaktive Weise kennenzulernen.

Der Fokus der Ausstellung liegt auf der Repräsentationskultur der herrschenden Eliten, die nicht zuletzt durch ihre internationale Vernetzung Mitteleuropa entscheidend geprägt haben. Funde aus dem Mittelmeerraum lassen auf einen intensiven Austausch mit den frühen mediterranen Hochkulturen schließen. „Die Hallstattkultur ist ein enorm faszinierendes Phänomen. Sie umfasste weite Teile Mitteleuropas, von Frankreich bis nach Ungarn. Ihre Nachbarn im Süden waren die Etrusker und die Griechen, mit denen man nicht nur Handel betrieb, sondern auch in einem regen Ideenaustausch verbunden war. Die Ausstellung in Mistelbach ist eine spannende Spurensuche nach den Eliten der frühen Eisenzeit, die für ihre Repräsentationskultur einheimische Traditionen mit neuartigen Ideen aus dem Mittelmeerraum verbanden“, so Franz Pieler, wissenschaftlicher Leiter des Mamuz.

Zu sehen bis 22. November. Link zur virtuellen Ausstellungseröffnung am 18. 3., 18 Uhr: www.youtube.com/watch?v=WKSRPI2sZTk

Der Vogelwagen aus Glasinac, Bosnien-Herzegowina. Bild: © Alice Schumacher, © Naturhistorisches Museum Wien

Kuh-Kälbchengefäß aus Hallstatt, Grab 671. Bild: Alice Schumacher, © Naturhistorisches Museum Wien

Darstellung der Hallstattkultur. Funde von Textilresten und Schmuck vermitteln, wie sich die Menschen der Eisenzeit kleideten. Bild: © Atelier Olschinsky

Kleidung einer wohlhabenden Frau: Das Schlauchkleid „Peplos“ wurde an den Schultern mit Fibeln befestigt. Dazu Tuch oder Schleier. Bild: © Atelier Olschinsky

Bronzene Stierfigur aus der Býčí skála-Höhle, Tschechische Republik. Bild: Alice Schumacher, © Naturhist. Museum Wien

Goldhalsreif aus Uttendorf, Oberösterreich. Bild: © OÖ Landes-Kultur GmbH, Land Oberösterreich

TIPP: Ab 19. März ist auch wieder das archäologische Freigelände im Mamuz Schloss Asparn an der Zaya geöffnet. Von der Steinzeit bis zum frühen Mittelalter geben originalgetreue Nachbauten von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden einen Einblick auf vergangene Lebenswelten Mitteleuropas. Hütten aus Lehm und Holz zeigen Wohn- und Arbeitsbereiche wie das Handwerk der Steinschläger, der Bronzegießer oder der Drechsler. Die Gebäude sind in Siedlungen der unterschiedlichen Epochen zusammengefasst, ergänzt durch Acker- und Gartenflächen. So sind die ersten Getreidesorten – Emmer und Dinkel – ebenso zu sehen, wie Erbsen, Bohnen und Färberpflanzen. Ein keltisches Heiligtum ist das Highlight, wie wohl das Ausstellungsgelände seit 2021 um ein Objekt reicher ist: eine frühmittelalterliche Kirche.

Alle Veranstaltungstermine, von den Erlebniswochenenden „Brot backen“ und „Bogenschießen“ bis zu „Steinschleudern“ und „Survival“, von den Abenteuerführungen in den Osterferien bis zu Workshops zu Themen wie „Lebensmittel haltbar machen“ und „Käse herstellen“ über Waffen gießen, schärfen und einem Versuch als MammutjägerIn bis zur Fertigung von Glasperlen und Ledertaschen (eine Nacht im Museum darf natürlich auch nicht fehlen) hier: www.mamuz.at/de/veranstaltungen

www.mamuz.at           Videos: www.youtube.com/watch?v=M7fT-rfr1FU        www.youtube.com/watch?v=J5lwkslrlY8

17. 3. 2022

Wiener Festwochen – Nature Theater of Oklahoma: Burt Turrido. An Opera

August 28, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Folkslied von der toten Erde

Bild: © Jessica Schaefer

Ein Schiffbruch, eine letzte bewohnbare Insel, Liebe, Tod und unbefleckte Empfängnis – das sind nur einige der Komponenten, aus denen das Nature Theater of Oklahoma einmal mehr ein Spektakel – nun: komponiert. Die auf übermütige, überbordende, überfordernde Produktionen eingeschworene Performance-Truppe rund um Kelly Copper und Pavol Liška hat sich für ihre jüngste Bühnen- dekonstruktion nämlich des Formats Oper angenommen.

„Burt Turrido. An Opera“ heißt diese Spätvorstellung der diesjährigen Wiener Festwochen, zu sehen noch am 29. und 30. August im Theater Akzent, und es gibt für beide Termine noch Karten, und wer Gefallen an vier Stunden Country-Western-Klima-Apokalypse zu finden vermag, der sollte sich den Abend keinesfalls entgehen lassen. Die New Yorker Szeneavantgardisten, wie immer changierend zwischen Dada und Gaga, singen ein Folkslied von der toten Erde, was weniger mit Gustav Mahler denn mit Richard Wagner zu tun hat, an dessen „Fliegenden Holländer“ inhaltlich zu orientieren die Sich-zur-Schau-Steller immerhin behaupten.

Im Line-Dance-Gleichschritt tänzeln drei Hillbilly-Geister über die verbliebenen Bretter, die deren Welt bedeuten, eins der Gespenster rettet einen Schiffbrüchigen vorm Ertrinken nach Banana-Island. Die -republik enttarnt sich tatsächlich als solche, das jüngste Gericht ist sozusagen der tägliche Überlebenskampf um den letzten Bissen Brot, auf dieser Insel, die den einzig besiedelbaren Ort nach der globalen Klimakatastrophe markierte.

Flugs wird der Seemann zum Gefangenen gemacht. „Are you jealous / Of a slave? / A silly thing / For a king …“ Doch warum Ressourcen teilen? Weshalb einem Klima-/Flüchtling beistehen? Das nach dem mysteriösen Zirkus in Franz Kafkas „Amerika“-Fragment benannte Ensemble entwirft im hohen, mit blaubemalten Schwungtüchern und Sperrholzbändern simulierten Wellengang ein Zerrbild für Zeitgenossen, die an Seh-Krankheit leiden, und wie schamlos fröhlich Gesellschaftskritik sein kann, zeigt sich im Folgenden.

Bild: © Jessica Schaefer

Bild: © Jessica Schaefer

Inmitten kitschiger Kulisse, pathostriefender Exzentrik und Robert M. Johansons Fahrstuhlmusik-Fiddles landet „Burt Turrido“ im absurdesten Honky Tonk ever. Sorry, dass einem Rodgers und Hammerstein durch den Kopf spuken, aber ständig wabert Herzschmerz, sehnsüchtige oder nicht erwiderte Liebe durchs wildromantische Setting. „Oklahoma!“ wortwörtlich, Nonsens mit gewaltig Hintersinn, alles ganz fabelhafte Hausmacher-Art, respekt- und grenzenlos, wie man’s zuletzt beim mittlerweile legendären Jelinek-Projekt „Kinder der Toten“ beim steirischen herbst erlebt hat.

Dass das Anti-Elysium zustande kam, ist übrigens der Generosität des Schauspiel Frankfurt zu danken, wo eine Aufführung des Auftragswerks fürs Festival „Frankfurter Positionen“ COV19-bedingt ausfallen musste, man der Truppe aber dennoch Haus und Werkstätten zur Verfügung stellte, um ihr Vaudeville samt seinem Strand voller Plastikmüll in Fischernetzen, einer Meeresbrühe von vergifteten Fischen und Dutzenden Totenpuppen – all jene, denen das rettende Ufer zur verbotenen Zone deklariert wurde – zu fertigen (Bühne: Luka Curk, Kostüme: Anna Sünkel).

Fußnote zum Insel-Bild: Als Kelly Copper und Pavol Liška am Libretto schrieben, versuchte Trump gerade, Grönland samt seinen Gas- und Ölreserven zu ergattern, etwa im Tausch gegen Costa Rica. Kein politischer Eisbrecher – die Antworten aus Nuuk und Kopenhagen auf das Kaufangebot des US-Präsidenten waren unmissverständlich …

Die Darstellerinnen und Darsteller Gabel Eiben, Anne Gridley, Robert M. Johanson, Bence Mezei und Kadence Neill teilen sich auf die Figuren Emily, das selbsternannte Königspaar Karen und Bob sowie Joseph, Karens verflossenen Liebhaber, der in einem Verlies neben einem Berg von Leichen dahinvegetiert, und dem gestrandeten Fremdling „Burt Turrido“ auf – und naturgemäß sind sie alle großartig, vor allem aber Gabel Eiben mit seinem bauschigen Backenbart und Bence Mezei in den vorstellbar knappsten Jeans-Hotpants, der sich noch dazu als flinkfüßiger Schuhplattler-Profi erweist.

Komponist Johanson, der schon bei „Life and Times“ – 2009 im Kasino des Burgtheaters – die preisgekrönte Musik beisteuerte, ist ein grotesk grausamer König Bob, Anne Gridley seine stets neue Opfer fordernde Schreckschrauben-Königin. Und wahrhaft ist die Sache mit dem gitarrenlastigen Nashville Sound und den Klavierballaden eine Königsidee – dies wohltönend-wehmütige, letztlich lakonische Erzählen Armer-Leute-Storys von Unentrinnbarkeit und Schicksalsergebenheit in der Larger-than-Life-Behauptung des Genres Oper.

Was Wunder, landen am Ende noch Aliens, auf dass ein Kindlein geboren werde, das auf einem Narwal lachend-brabbelnd in die Zukunft reitet. „Burt Turrido. An Opera“ ist eine opulente Show, die mit Augenzwinkern tagesaktuelle Themen aufmischt, in der Zart und Zynisch sich die Hände reiben, den unsympathischen Figuren zum Trotz hochsympathisch – und mit einem Hoffnungsschimmer wie einer Songzeile der Carter Family … there’s a silver linin‘ behind every cloud …

www.festwochen.at          Trailer: www.youtube.com/watch?v=ghisQIJFiJQ           oktheater.org

  1. 8. 2021

Oper im Steinbruch St. Margarethen – live plus online: Turandot

Juli 16, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Pretiöse Prinzessin zwischen Elfenbeinschnitzereien

Martina Serafin als Turandot. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Ein Jahr musste das Publikum CoV19-bedingt auf diese „Turandot“ warten. Nun war man bei der Premiere am Mittwoch entsprechend erwartungsvoll – und wurde aufs Feinste überrascht. US-Regisseur Thaddeus Strassberger und sein Bühnenbildner Paul Tate dePoo, nicht zu vergessen der für die 117 teils 15 Kilo schweren Kostüme verant- wortliche italienische Designer Giuseppe Palella bieten ein Bühnenspektakel, wie man’s nicht alle Tage sieht.

In dem von kostbarerer chinesischer Elfenbeinschnitzerei inspirierten Setting tummeln sich Todesdämonen und Skelettschädel, Feuer-Ninjas und in Leder gekleidete Scharfrichterinnen, Akrobaten und Statisten im blauweiß der Ming Vasen, als in der Dynastie sehr beliebte Affenkannen gekleidete Tänzer servieren Tee und Opiumpfeifen, streng dreinblickende Laternenträger stolzieren im zweiten Akt durch die Sitzreihen.

So detailverliebt ist diese wie in den Felsen gemeißelte Fantasiewelt, das Reich von Kaiser Altoum von einer drehbaren Kugel symbolisiert, Turandot gefangen in der golden ausgekleideten Lade eines gigantischen Schmuckkästchens, dass man den Farbenrausch mit dem Auge kaum fassen kann. Die amerikanischen Lichtdesigner JAX Messenger und Driscoll Otto tauchen die Freilichtbühne und den Stein von St. Margarethen spektakulär in sich immer verwandelndes Licht.

Donata D’Annunzio Lombardi als Liù. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Turandot mit der Maske von Ahnfrau Lo-uling. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Benedikt Kobel als greiser Kaiser Altoum. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Wie praktisch also, dass die Inszenierung noch fünf Tage in der tvthek.orf.at und mindestens 30 Tage auf www.myfidelio.at zu streamen (mit deutschen Untertiteln) ist, so dass man vom burgenländischen großen Ganzen – 7.000 Quadratmeter Bühnenfläche gearbeitet, 50 Tonnen Gerüstkonstruktion, ein Gewirr aus Brücken und Treppen – nun via Bildschirm auf die Nahaufnahme zoomen kann. Das funktioniert – gestern erprobt – bei den packenden Bildern bestechend gut, die Aufzeichnung als Mehrwert zum Live-Erlebnis, etwa wenn der Mandarino per Geisterschiff, der fernöstliche Charon gewandet in einen Mantel aus Totenköpfen auf oder der Geist der tapferen Liù in ebendieser Barke von der Bühne gleitet.

Musikalisch überzeugt die Produktion, Dirigent Giuseppe Finzi, der Puccini-Fachmann erstmals in St. Margarethen am Pult, führt mit ruhiger Hand verlässlich durch die Aufführung. Das ungarische Piedra Festivalorchester ist den Solistinnen und Solisten ein aufmerksamer Partner. Ebenfalls hinter der Bühne singt – durchwegs eindrucksvoll – der Philharmonia Chor Wien unter Leitung von Walter Zeh.

Wer hier nun, inmitten der raumgreifenden Tableaus, seine emotionalen Mauern niederreißen muss, ist Martina Serafin, die Intendanten-Bruder Daniel Serafin als Turandot auserkoren hat. Die Turandot gilt als eine der Paraderollen der österreichischen Sopranistin. Sie hat sie bereits an der MET und in der Arena di Verona gesungen. Hier ist sie zunächst eine exzentrische Erscheinung, die sich die Alte-Frau-Maske ihrer Ahnfrau Lo-uling vors Gesicht hält, die grell geschminkte Greisin von vor 1000 Jahren: „Jetzt lebst du in mir noch einmal …“

Das Totenschiff des Mandarino. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Opulentes Bühnenbild. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Andrea Shin als Prinz Calaf. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Der kaiserliche Garten. Bild: © Esterhazy/Jerzy Bin

Die allmähliche Herzerweichung der Turandot vermag Serafin auch auf der riesigen Spielfläche zu vermitteln. Die stärksten Momente hat sie stimmlich in der ausdrucksstarken Mittellage, weniger in den expressiv-überspannten Spitzentönen -und für geschmeidiges Phrasieren bleibt im Wortsinn hier wenig Spielraum.

Unter den Sängern sticht Andrea Shin als Calaf hervor. Der hierzulande ausgebildete Südkoreaner meistert die Aufgabe, die wohl am häufigsten plattgewalzte Event-Arie zu beleben: „Nessun dorma“ klingt bei ihm gestalterisch durchdacht und auch in der Höhe souverän. Ein würdiger Partner für Martina Serafin, zwei stolze Protagonisten, die sich im Steinbruch begegnen.

Die am Premierenabend von Donata D’Annunzio gesungene Liù erhielt bereits beim ersten Auftritt Szenenapplaus. Die italienische Puccini-Spezialistin nützt ihre Auftritte für feine Linienführung und berührend gestaltete Zwischentöne. Alessandro Guerzoni als entthronter Timur ist ihr mit seiner mahnenden Bass-Stimme ein ebenbürtiges Gegenüber. Für die Rollen der Minister Ping, Pang und Pong konnten mit Leo An, Jonathan Winell und Enrico Casari ebenso profilierte wie spielfreudige Sänger verpflichtet werden. Mit Kammersänger Benedikt Kobel verleiht ein langjähriges/tragendes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper dem greisen Kaiser Altoum Statur und Charakter. Ein beeindruckender Abend, der mit großem Jubel für alle Beteiligten endete.

www.operimsteinbruch.at      esterhazy.at           tvthek.orf.at/profile/Erlebnis-Buehne/13890354/Erlebnis-Buehne-Aus-der-Oper-im-Steinbruch-Turandot/14098791           www.myfidelio.at

  1. 7. 2021

Künstlerhaus: Ode an die Langsamkeit

Juli 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wiener radelt in sieben Jahren um die Welt

Gustav Sztavjanik und F. J. Davar, Zweiradfahrer, Weltreise 1924 – 1931

Durch Zufall erhält der Maler, Grafiker und Objektkünstler Hermann Härtel zwei Koffer voll mit Zeitungsausschnitten der Weltpresse, Bestätigungen von Konsulaten, herrlichen Lichtbildern, Pokale und anderes mehr von Edd Sztavjanik, dem Neffen von Gustav Sztavjanik, „zur Durchsicht“.

Härtel hat sich seit vielen Jahrzehnten als Trittrollerfahrer, Radfahrer und als Objektbauer von Sparkrafträdern mit dem Zweirad auseinandergesetzt. Fasziniert von dieser Radreise beschließt Hermann Härtel,

eine imaginäre Zweiradreise im Künstlerhaus zu gestalten. In der seit diesem Wochenende zu sehenden Ausstellung „Ode an die Langsamkeit“ unternimmt er eine fiktive Fahrt und zeigt sozusagen in den Radspuren von Gustav Sztavjanik intuitive Zeichnungen und Zweiradobjekte. Die Geschichte hinter der historischen Begebenheit: Der 17jährige Wiener Gustav Sztavjanik hilft dem indischen Zweiradweltreisenden F. J. Davar bei einem Patschen in der Gumpendorfer Straße. Aus dieser Zufallsbekanntschaft entsteht eine Reise in ferne Länder. Ein gefährliches Abenteuer wartet auf beide. Drei Ausrüstungsgegenstände dürfen laut Gustav nicht vergessen werden: Gesundheit, Humor und Ausdauer.Für diese Reise wählte er: Das einfachste Reisefahrzeug, welches sich Menschen mit bescheidenen Mitteln leisten können das Fahrrad.“ Mit diesem einfachen Transportmittel fährt Gustav Sztavjanik rund um die Welt.

F. J. Davar und Gustav Sztavjanik beim Zeitungsinterview in Osaka

Gustav Sztavjanik – 24-Stunden-Rennen am 24.12.1927 in Santiago de Chile

Empfang in Bombay, F. J. Davar und Gustav Sztavjanik

Vom 19. November 1924 bis 11. Oktober 1931, insgesamt 7 Jahre, dauert diese Reise. Sie führt durch vier Kontinente. Die beiden Zweiradfahrer legen insgesamt 110.000 Kilometer zurück und radeln durch 47 Länder. 1931 werden Sztavjanikund Davar in Wien auf der Boschberghöhe in Favoriten von 20.000 jubelnden Menschen stürmisch begrüßt. Im Jahr 1935 stellte Gustav Sztavjanik in der Ausstellung OESTARA (Oesterreichische Arbeit im Ausland) im Künstlerhaus seine Reiseutensilien aus. Neben anderen Österreichern aus unterschiedlichen Fachgebieten findet er nicht nur für seine radfahrerischen Leistungen, sondern für seine völkerverbindenden Erfolge und die ihm zugeschriebene national repräsentative Rolle große Anerkennung.

Das Fahrrad, eine Ode an die Langsamkeit, ist ein Apparat gegen die Zeit, gegen Opazität und für eine heile Umwelt. Das Weiterführen dieser Zweiradgeschichte, die dem vorgegebenen Drall analog scheint, ist ein sublimes Gleiten in die Jetztzeit in ein weites Feld.

TIPP: Das Zweirad – Gespräch aus der Ausstellung. 30. Juli, 18 Uhr, Künstlerhaus Factory. Über die Zukunft des Fahrrades, die damit verbundenen Stadtentwicklungen und Möglichkeiten: mit Hermann Härtel und Gästen. Anmeldung unter kunstvermittlung@k-haus.at erforderlich.

www.k-haus.at

11. 7. 2021