stadtTheater Walfischgasse: Zweifel

Januar 15, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Diese „Sister“ agiert beinhart

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm Bild: Sepp Gallauer

Anita Ammersfeld, Alexander Rossi, Johanna Withalm
Bild: Sepp Gallauer

Für ihre letzte Rolle am stadtTheater Walfischgasse wählte Intendantin Anita Ammersfeld eine, in der sie brilliert, wie in keiner tragischen  am eigenen Haus bisher. Sie zieht alle Register ihres schauspielerischen Könnens, ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung, verkörpert eine Figur, über die man sich ärgern kann, aber auch lachen – und vor allem Verständnis haben muss. Eingeschnürt, wie sie ist, ins Korsett der katholischen Kirche. Klug ausgesucht!

Gegeben wird „Zweifel“ von John Patrick Shanley. Pulitzer-Preis-, Drama-Desk-Award- und Tony-ausgezeichnet. Verfilmt mit Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman. Der Inhalt: St. Nicholas in der Bronx, New York. Der charismatische Pater Brendan Flynn versucht die strengen Sitten einer katholischen Schule auf den Kopf zu stellen, die mit eiserner Hand von Direktorin Schwester Lukas (Ammersfeld) geführt wird. Doch der Wind des politisch liberalen Wandels weht durch die Gemeinde und so nimmt die Schule ihren ersten schwarzen Schüler auf. Aber dann berichtet die naive Schwester James der autoritären Direktorin, dass Pater Flynn dem neuen Schüler zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Messwein ist im Spiel. Und ein Knabenunterhemdchen. Unverzüglich sieht sich Schwester Lukas zum Handeln gezwungen – mit verheerenden Folgen. Das Stück ruft unweigerlich die Missbrauchsfälle in Erinnerung, die die katholische Kirche in den letzten Jahren erschütterten …

Schwester Lukas ist keine „Sister Act“. Sie urteilt streng, agiert beinhart, betet ihre Regeln wie den Rosenkranz. Zufriedenheit ist das Laster Einfältiger. Zu denen gehört in ihren Augen Lehrerin Schwester James (Johanna Withalm), die den Glauben an das Gute im Menschen noch verinnerlicht hat. Lehrer, rügt sie sie, hätten von Gott Herz UND Verstand bekommen. Ersteres hat warm zu bleiben, Zweiterer muss kühl sein. So sehr unterdrückt die Direktorin ihre Gefühle, bewahrt sie stets Haltung, dass sie die anderer (möglicherweise?) missdeutet. Dabei  ist sie trotzdem mit trockenem Humor ausgestattet. Anita Ammersfeld spielt das fabelhaft und weiß den Publikumsjubel auf ihrer Seite.

Regisseurin Christine Wipplinger inszeniert das so straight, so auf „Minustemperatur“, so versteinert, wie die Gesellschaft, die sich im „steineren“ Bühnenbild von Walter Vogelweider bewegt. Ausschließlich wird hier um den heißen Brei herumgeredet. Wobei Shanleys Anliegen durchaus klar werden: „Zweifel“ erzählt vom äußerst schmalen Grat zwischen Überzeugung und Ungewissheit und von der veränderten Wahrnehmung unter den Vorzeichen eines Verdachts. Es hält die Schuldfrage über das Ende hinaus geschickt in der Schwebe und deutet die moralischen Abgründe auf beiden Seiten der Frontlinie an. Jeder Dialog dynamisiert die Handlung, doch keiner davon lässt für den Zuschauer eine letztgültige Schlussfolgerung, was richtig und was falsch ist, zu. Die „Wahrheit“ wird nicht einmal auf dem Nachhauseweg zu finden sein. Zu sehr kann man Fürs und Widers abwägen.

Denn der großartige Alexander Rossi, der unkonventionelle Priester und Lehrer Vater Flynn, bleibt ein undurchschaubarer Januskopf. Hält salbungsvolle Predigten, gibt sich allein im Kirchengarten seinen Wutausbrüchen hin, gibt für den schwarzen Schüler Donald, der vom eigenen Vater verprügelt wird, eine Art Ersatzvater, tauscht mit Schwester Lukas verbale Ohrfeigen aus. Dies die besten Szenen: der Machtkampf zwischen Direktorin und Lehrer, zwischen Priester und Nonne – in einer Funktion er ihr, in der anderen sie ihm unterstellt -, da wird sogar ausgefochten, wer in Besprechungen auf welchem Sessel sitzt. Rachelle Nkou wird als Donalds Mutter vorgeladen. Wütend spielt Nkou diese Mrs. Miller. Man möge sie doch bitte in all das nicht hineinziehen. Für ihren Sohn ist ihr lieber der „Klassenaufstieg“, die gute Schule, gefolgt vom besseren College, als die Frage, ob es da „Annäherungsversuche“ gegeben hätte. Auch das eine starke, aus der Warte der Figur fast verständliche, Aussage.

Schwester Lukas siegt, Vater Flynn wird versetzt. Ohne tatsächliche Beweise. Die „Zweifel“ bleiben also. Nur nicht daran, dass dies ein außergewöhnlicher Abend ist. Und der Wiener Theaterspielplan ohne das stadtTheater um eine spannende Spielstätte ärmer sein wird.

www.stadttheater.org

Wien, 15. 1. 2015

Anita Ammersfeld im Gespräch

März 13, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganze Wahrheiten aus dem stadtTheater

ammersfeld 9808-Sepp GallauerstadtTheater-Prinzipalin Anita Ammersfeld steht derzeit in Alan Ayckbourns Komödie „Halbe Wahrheiten“ auf der eigenen Bühne. Eine Doppelbelastung, die sie gerne auf sich nimmt. Denn es gilt zu sparen, wie sie im Gespräch mit mottingers-meinung.at erzählt. Die öffentliche Hand ist eine feste Faust, dabei warten demnächst spannende Produktionen.

MM: Sie sind als Intendantin des stadtTheaters Walfischgasse voll ausgelastet, stehen nun aber doch wieder einmal auf der eigenen Bühne, in Alan Ayckbourns „Halbe Wahrheiten“. Der Rolle der Sheila konnten Sie wohl nicht widerstehen?

Anita Ammersfeld: Ja, sie ist deshalb so besonders, weil Sheila ein Geheimnis verbirgt. Und das gilt es zu vermitteln in der Rolle. Sie durchschaut nicht immer alles gleich genau, aber mehr und mehr. Sie macht das Geschehen für sich schlüssig erklärbar. Sie lügt von allen am wenigstens – auch, wenn sie vorgibt, ein Verhältnis zu  haben. Am Ende ist sie die Strippenzieherin.

MM: Sheila ist eine Salondame mit Selbstironie …

Ammersfeld: Das wäre eine Rolle für die Nicoletti, die Degischer, die Almassy gewesen. Dieses Rollenfach ist heute nicht mehr in dem Ausmaß, wie’s früher war, vorhanden. Ich glaube auch, dass man heute die Theaterform Komödie, Schauspiel, wo solche Rollen gefragt sind, ganz anders interpretiert. Heute werden derlei Figuren lieber als schrullige „Tanten“ gezeigt. Die Elegance hat man leider aufgegeben.

MM: Ist Ihnen an Sheila auch persönlich manches nahe?

Ammersfeld: Ich bringe einiges für die Sheila mit. Regisseurin Carolin Pienkos hat das auch bemerkt und oft betont. Ich musste nicht an der Figur viel machen, sondern an der Interpretation. Das hat Carolin Pienkos mit mir auch gemacht. Sie ist eine sehr genaue Arbeiterin, sie schaut sehr genau hin und lenkt auch sehr genau. Ich spiele selten selber, ich schüttle mir das nicht aus dem Ärmel. Ich kann nicht sagen: Ich muss schnell Bürokram erledigen, ich finde, die Kollegen haben ein Recht, dass ich ihnen bei den Proben voll und ganz zur Verfügung stehe, bei der Sache bin.

 MM: Im stadtTheater kristallisiert sich allmählich ein Kern …

Ammersfeld: … ein harter Kern heraus.

 MM: Carolin Pienkos gehört dazu, Cornelius Obonya, Rupert Henning, Oliver Bayer, Fritz Egger … Das ist ja schon ein „Ensemble“.

Ammersfeld: Wenn das so leicht wäre! Es ist schwierig, weil wir eben kein fixes Ensemble haben. Es geht darum, die richtigen Leute in den richtigen Konstellationen zusammen zu bringen. Wir arbeiten Richtung anspruchsvolles Kammerspiel, mit kleiner Besetzung. Umso wichtiger ist, dass die Chemie zwischen allen Beteiligten stimmt. Und gleichzeitig geht’s darum, jene Künstler zu verpflichten, die fürs Haus interessant sind. Da führt man lange vorher schon Gespräche, weil die Besten natürlich auch bestens beschäftigt sind. Wenn eine Produktion ausfällt, können wir nicht einfach eine andere einschieben, weil eben kein Ensemble da ist, das einspringen könnte.

 MM: Sie holen sich auch Kollegen, die in ganz anderen Biotopen zuhause sind: Barbara Horvath vom Schauspielhaus Wien spielt in „Drei Mal Leben“, Hubsi Kramar in „Halbe Wahrheiten“ …

Ammersfeld: Sie hierher zu bringen, ist spannend. Diese Künstler haben eine ganz andere Zugangsweise zum Beruf. Das letztendlich zum Funktionieren zu bringen, sie sich einmal in einem anderen Biotop erproben zu lassen, ist spannend und aufregend. Ich glaube, dass unser Publikum die Vielschichtigkeit, die wir auf die Beine stellen, schätzt. Hubsi ist ein wunderbarer Kollege, einer, der für mich die richtige Haltung und Lebenseinstellung hat, selbst Theatermacher ist, ein Bühnenmensch ist. Ich bin froh und glücklich, mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Wir verstehen uns großartig, auch in seinen Ideologien. Er ist ein hochanständiger, völlig unkorrupter Mensch, geradeheraus bis zur Schmerzhaftigkeit. Und er schadet sich damit mitunter auch und es ist ihm wurscht. Das ist eine Haltung, die ich unglaublich bewundere. Wir sind sehr unterschiedlich: Die Lady und der Linke. Aber wir verstehen uns prächtig.

 MM: Wo nehmen Sie die Energie her?

Ammersfeld: Das frage ich mich manchmal auch. Ich habe die Sieben-Tage-Woche bei 14- bis 16-Stunden-Tagen. Wenn ich nicht im Theater bin, arbeite ich daheim am Schreibtisch.

MM: Einem Ondit zufolge greifen Sie in Inszenierungen ein, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Ammersfeld: Das haben Sie gehört? Das stimmt auch. Das ist eine Sache, mit der jeder, der mit mir arbeitet, rechnen muss. Aber es ist immer zum Besten der Produktion. Ich bin in vieler Hinsicht ein Bauchmensch, ich habe sensible Sensoren für Dinge und ich weiß mittlerweile auch genau, was hier am Haus verlangt wird und funktioniert und was nicht. Ich würde es als fahrlässig erachten, wenn ich darüber hinweggehen würde, wenn etwas möglicherweise in eine falsche Richtung ausufert – was aber mittlerweile höchst selten passiert. Denn am Ende des Tages bin ich für Auslastungszahlen und Einnahmen verantwortlich.

 MM: Das stimmt.

Ammersfeld: Wir müssen hier sehr genau rechnen. Und ich trage die Gesamtverantwortung. Es geht letzten Endes alles auf meinem Rücken aus, sowohl die Erfolge als auch die Misserfolge, die es mitunter auch gibt. Man sollte versuchen so wenig Fehler wie möglich zu machen, so wenig falsche Entscheidungen wie möglich zu treffen. Ich kann mir nicht nur den Lorbeer umhängen, ich muss auch den Karren aus der Scheiße ziehen. Und es war schon oft genug Feuer am Dach, obwohl wir sehr zusammenhalten, eine Familie sind. Aber keine Demokratie; einer – ich – muss Flagge und Rückgrat zeigen. Ich betrachte Theater als moralische Instanz, wir haben einen Auftrag. Den nehme ich voller Begeisterung auf mich. Mit so viel Kompromissen, wie sich nicht verhindern lassen.

 MM: Das stadtTheater ist auf einem guten Weg. Sie haben mit „Drei Mal Leben“, „Mord mit kleinen Fehlern“, „C(r)ash“, „Der Vorname“, „Halbe Wahrheiten“ … Erfolgsproduktionen eingefahren. Soll das der Weg sein? Unterhaltung mit Haltung?

Ammersfeld: Das war von Anfang an mein Anspruch. Wir wollen kleine Stücke auf hohem Niveau zeigen. Auch ein Krimi ist Unterhaltung. Ein Theaterabend soll etwas in den Köpfen der Zuschauer hinterlassen, soll zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Er soll die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung befeuern – und kleine Stücke können das oft sehr gut. Das geht auch bei uns gar nicht anders. Wir haben keine Senkbühne, keine Drehbühne, keine Seitbühne. Wir haben keine Bühnentiefe, keinen Schnürboden, wir haben fast keine Verwandlungsmöglichkeit – und da wird Kreativität – nicht aus dem Vollen schöpfen zu können, ohne, dass das Niveau auf der Strecke bleibt – in lichte Höhen geschraubt. DAS ist Theater.

MM: Motto: Not macht erfinderisch?

Ammersfeld: Unbedingt. Wir müssen mit 2500 Euro pro Bühnenbild auskommen. Da ernte ich oft verzweifelte Blicke, aber unser Budget erlaubt uns einfach nicht mehr. Ich kann nicht mehr Geld ausgeben, als ich habe. Und siehe da: Es ist sich immer noch ausgegangen. Meine Theaterleute müssen den moralischen Anspruch auch an sich selbst stellen, denn es würde mir beispielsweise nie einfallen, mir eine Schauspielergage zu zahlen, wenn ich auf der Bühne stehe. Ich habe ein Gehalt als Theaterleiterin, das muss reichen.

MM: Reizwort Förderungen?

Ammersfeld: Wir sind nach wie vor sehr gering gefördert, die Summe macht nicht einmal ein Sechstel unseres Budgets aus. Den Rest müssen wir selbst stemmen, selbst erwirtschaften. Wir wurden erst gar nicht gefördert, dann sehr geringfügig. In zweiten Jahr haben wir 50.000 Euro Baukostenzuschuss bekommen, dann waren’s 100.000, jetzt sind’s 300.000 Euro. Das ist auch keine Subvention, das ist eine Förderung. Wir haben pro Saison 40.000 Zuschauer, das heißt jeder Sitzplatz ist nicht 7,20 Euro gefördert. (Bei den Bundestheater: 110 Euro, bei den Vereinigten Bühnen Graz 123 Euro, Anm.) Wir sind vom Kontrollamt geprüft worden und haben eine römisch 1A bekommen. Die sagten, wir sind vorbildlich, obwohl Häuser unserer Größenordnung mit einem Vierfachen gefördert werden. Das haben wir halt nicht. Das Kontrollamt hat unsere Transparenz in allen Bereichen gelobt. Ich musste mir diese kaufmännischen Dinge ja auch aneignen, erarbeiten, als ich das Theater übernommen habe, und wurde punkto Knowhow sehr von meinem Mann Erwin Javor unterstützt.

MM: Kränkt, ärgert, frustiert, ist Ihnen wurscht, dass manche Journalisten und die Nestroy-Jury Berührungsängste mit dem stadtTheater haben?

Ammersfeld: Das kann  ich mir nicht erklären, achte auch ehrlich gesagt nicht allzu sehr darauf. Ich fühle mich von den Printmedien durchaus gut behandelt, allen voran von Werner Rosenberger und mottingers-meinung.at. Andere kommen, um uns zu verreißen, da ist mir lieber, sie kommen gar nicht. Ich mache hier meinen Job so gut ich kann. Also kann ich mich nicht ärgern. Was den Nestroy-Preis betrifft: Das ist nicht mein Hauptbegehren, dazu mache ich nicht Theater. Gut Ding braucht Weile. Also mal sehen 😉

MM: Was kommt nächste Spielzeit?

Ammersfeld: Wir werden im Oktober „Der Beweis“ von David Auburn herausbringen. Ein Krimi im Mathematikermilieu. Im Jänner wollen wir „Zweifel“ von John Patrick Shanley machen. Da geht’s um vermeintlichen Missbrauch in der Kirche. Ein spannendes relevantes Gesellschaftsstück. Da ist die Theaterdirektorin Ammersfeld mit der Schauspielerin Ammersfeld gerade in Diskussionen, ob sie mitspielen wird. Das habe ich mir mit mir noch nicht ausgemacht, ob ich mich selbst finanziell über den Tisch ziehe. (Sie lacht.)

MM: Ein Wunsch?

Ammersfeld: Es soll mit dem Rückenwind, der uns immer wieder Erfolg beschert, weitergehen.

www.stadttheater.org

www.mottingers-meinung.at/stadttheater-walfischgasse-halbe-wahrheiten/

Wien, 13. 3. 2014

stadtTheater Walfischgasse: Halbe Wahrheiten

März 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

So spielt man Alan Ayckbourn

Hubsi Kramar, Anita Ammersfeld Bild: Sabine Hauswirth

Hubsi Kramar, Anita Ammersfeld
Bild: Sabine Hauswirth

Endlich. Alan Ayckbourn. Es ist stadtTheater-Prinziplin Anita Ammersfeld anzurechnen, dass in Österreich wieder einmal eine Komödie des Londoner Stardramatikers auf dem Spielplan steht. Anderenorts meint man eine Scheu vor dessen kniffligen Beziehungstralalas wahrzunehmen. Es ist nicht leicht. Ayckbourn muss sitzen, à la minute, schnell muss es gehen, Schlag auf Schlag, sonst lösen sich Situationskomik und verbaler Infight in Langeweile auf. Ziehen wie ein Strudelteig ist da nicht drin. Regisseurin Carolin Pienkos, die dem stadtTheater unter anderem mit Autor Rubert Hennings „C(r)ash“ mit Ehemann Cornelius Obonya in der Hauptrolle und „Revanche“ zwei Kassenmagneten beschert hat, versteht es mit leichter Hand in Abgründe zu tauchen. Denn „seicht“ ist an Ayckbourns Edelboulevard nichts – eine Kunst, die die Briten meisterlich beherrschen. Pienkos hat den brillant-pointierten Text ebenso inszeniert. So macht man einen Ayckbourn!

Ein Paar Pantoffel löst diesmal die Irrungen und Wirrungen aus, sorgt für Versprechen und Versprecher – und am Ende noch für einen Knalleffekt. Der an dieser Stelle aber nicht verraten wird. Der junge, verliebte Greg findet die Unglücksschlapfen  unter dem Bett seiner Freundin. Ginny, schon mit einem Fuß im Zug, der sie zu ihren Eltern aufs Land bringen soll, hat keine Zeit mehr für Antworten. Auch nicht für eine auf Gregs Heiratsantrag. Also beschließt der geheim zu den Eltern ins Grüne vorauszufahren, man will schließlich seine Aufwartung machen und sich erklären. In der Idylle trifft Greg Sheila, freundlich, zuvorkommend, aber völlig ahnungslos, was dieser symphatische Fremde von ihr will. Tochter? Hat sie keine. Sondern Sheilas Ehemann ein Verhältnis mit Ginny. Und weil der Schelm denkt, wie er ist, unterstellt er seiner Frau ebenfalls eines. Da ist Greg nun natürlich ein passender Kandidat, will er doch bei Philip um die Hand Sheilas anhalten. Oder? Als auch noch Ginny auftaucht, ist das Chaos perfekt …

Das ausgezeichnete Darsteller-Quartett gibt unter Pienkos‘ Anleitung Vollgas. Allen voran Matthias Franz Stein, am Theater in der Josefstadt als Pfarrer Fürthauer in „Jägerstätter“ und demnächst als Franz-Ferdinand-Attentäter Danilo Ilic in „Die Schüsse von Sarajevo“ für die Kost zuständig, die einem im Hals stecken bleibt, beweist sich als begnadeter Komödiant. Auch, weil, wenn Komik sich stets in der Tragik gründet, sein Greg die tragische Figur des Ganzen ist. Ein so guter Mensch, dass er Böses nicht einmal argwöhnen kann, taumelt er planlos ob der Vorgänge durch die Handlung. Trocken, auch ein wenig trottelig. Es ist zu merken, dass er Spaß an der Sache hat. Apropos, trottelig: Der zweite Herr der Viererbande, Hubsi Kramar, kann’s auch sehr schön. Zuständig für die schönsten Oscar-Wilde-Inszenierungen Wiens, hat er sich das Very-British-Sein zu eigen gemacht. Er spielt es aus, in allen Klischees – von der Begeisterung für Golfspielen und Gartenpflege bis zu der für Orangenmarmelade, ist spleenig, abgedreht, gaga. Wie er sich dreht und windet, sein Schwindel droht aufzufliegen. Wunderbar eine Szene, wo er die Heckenschere im Kopf schon zum Mordinstrument auserkoren hat. Aber er ist eben doch nur ein Pantoffelheld. Anita Ammersfeld als Sheila hat ihr Schlitzohr mit süffisantem Sarkasmus im Griff. Erst überrumpelt, nimmt sie die Zügel mehr und mehr in die Hand. Aber weil man ja Grande Dame ist, natürlich so, dass es die Anwesenden nicht merken. Ammersfeld dirigiert mit einer höflichen Handbewegung, setzt mit einem Augenbrauenhochziehen Narreteien ein Ende. Sie genießt das Geheimnis, das sie umweht.  Und ertränkt Argumente der anderen in Kaffee. Ein wunderbare Leistung. Auch Sophie Prusa ist als Ginny geheimnisumwittert. Sie ist der Katalysator der Komödie, sprudelt über, um Spuren zu verwischen, verstrickt sich in halbe Wahrheiten und hat doch nicht die Chuzpe, die Lüge durchzuziehen. Punkto Manipulation findet Ginny in Sheila ihre Meisterin, Greg und Philip werden zu Marionetten an ihrem Gängelband.

Dass das stadtTheater Walfischgasse mit dieser Produktion voll ins Schwarze getroffen hat, ist die ganze Wahrheit. Man hat dort derzeit einen wohlverdienten Lauf. Das Premierenpublikum war amüsiert und dankte mit langem Applaus.

www.stadttheater.org

Weitere Erfolgsproduktionen des stadtTheaters:

www.mottingers-meinung.at/in-den-fusstapfen-von-michael-caine

www.mottingers-meinung.at/oliver-baier-in-der-walfischgasse

www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

Wien, 6. 3. 2014

stadtTheater Walfischgasse: „Enigma“

November 14, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein rätselhaftes Spiel von Éric-Emmanuel Schmitt

Bild: © Lukas Beck

Bild: © Lukas Beck

Nach der erfolgreichen Uraufführung von Rupert Hennings „C(r)ash“ mit Claudia Kottal, Stefano Bernardin  und Cornelius Obonya zauberte Theatermacherin Anita Ammersfeld mit „Enigma“ nun die nächste Produktion auf die Bühne des stadtTheater Walfischgasse, die das Potenzial zum Publikumsmagneten hat. Isabella Suppanz inszenierte den Text von Bestsellerautor Éric-Emmanuel Schmitt – und selten war Schroffes so feinfühlig, Unverschämtes so liebevoll. Denn die beiden Herren auf der Bühne, Christian Pätzold und Alexander Rossi, schenken einander ganz schon ein. Mehr als nur Alkohol. In dieser Dreiecksbeziehung, in der die dritte Person, die „Hauptrolle“ fehlt – weshalb auch Edward Elgars „Variations énigmatiques“ für Stück und Aufführung Pate standen -, fallen Lebensentwürfe, Lebenslügen in sich zusammen wie Kartenhäuser. Wobei von Anfang an klar ist, dass die zwei ein rätselhaftes Spiel miteinander treiben. Nur welches? Der Inhalt: Literaturnobelpreisträger Abel Znorko (Pätzold), eitler Einsiedler auf einer norwegischen Insel, gewährt einem Journalisten Audienz für ein Interview. Das heißt: Zuerst schießt er einmal auf ihn. Aber weil so ein 21. Buch, ein Liebesbrieferoman, auch beworben gehört – also bitte …  Doch dieser Erik Larson (Rossi) lässt sich vom Ruhmreichen nicht einschüchtern, er weiß mehr über Fakten und Fiktion als dem Autor lieb sein kann. Die beiden teilen nämlich ein Stück Vergangenheit. Des Dichters Schöpfung, Eva Larmor, ist mehr als nur eine Kopfgeburt: H. M. Cherchez la femme! Und der Krimi, ein Duell mit Worten wie Schwertern, beginnt …

In Suppanz‘ Regie läuft das alles in hohem Tempo ab. Kaum Zeit, Atem zu holen. Weder für die auf der Bühne, noch für die davor. Schmitts Sätze sind klar und klug. Letztlich lässt er seine Protagonisten Konzepte von Liebe erörtern, wie sie widersprüchlicher nicht sein könnten: die Amour fou, die zur platonischen, reinen Geistesgemeinschaft wird. Die Aufopferung am Altar des anderen, die im einsamen Herzen endet. Jetzt schauen wir noch wie durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich nur Teile, dann aber werde ich erkennen, wie auch ich erkannt sein werde. Pätzold ist ein prächtiger Znorko. Anfangs ganz arroganter Schwadroneur, gewaltig und gewalttätig, spröde, unzugänglich; wunderbar, wie er sich in seiner Glorie suhlt, Larsen das Buch signiert, ohne das der darum gebeten hätte. Dumm nennt er ihn und seine Fragen, worauf der Journalist erst einmal tut, wovon alle Zunftmitglieder schon geträumt haben: ER packt zusammen und erklärt das Gespräch für beendet. Nein, da muss ihm der Nobelbepreiste nachlaufen, er hat der Welt doch so viel Wichtiges zu verkünden. Etwas Exklusives? Gut. Schnapp, die Falle ist zu. Die Masken fallen. Von Szene zu Szene wechseln die Machtverhältnisse zwischen den Männern. Bis … und Abel liegt am Boden, vom selbsternannten Übermenschen zum nackten Menschlein geworden. Rossis Larson, die ehrliche Haut, diese Verkörperung der gefühlten Seele, hat nämlich mehr zu bieten, als die „Wäschetrockner-Banalitäten“, wie Znorko ihm vorwirft. Er ist seit Langem sein Geliebter.

Schmitt entwirft zwei mögliche Männermodelle, die Pätzold und Rossi unter Isabella Suppanz‘ Anleitung intensivst mit Leben füllen. Bravo! In „Enigma“ legt Schmitt sensibel, intim beinah Zeugnis über die Liebe ab. Dass hinter jeder Wendung schon die nächste wartet, ist das Rezept für Spannung und Spaß in diesem Spiel. Denn es darf an diesem Abend auch gelacht werden – schon allein beim Ansehen der Freude, die die beiden Darsteller mit dem Stoff haben. Sein Schluss aber ist einfach umwerfend.

www.stadttheater.org

C(r)ash: www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-badet-in-selbstmitleid

www.mottingers-meinung.at/cornelius-obonya-im-gespraech

Interview zu Enigma: www.mottingers-meinung.at/walfischgasse-enigma-von-eric-emmanuel-schmitt

Wien, 14. 11. 2013

Walfischgasse: „Enigma“ von Éric-Emmanuel Schmitt

November 12, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Gespräch mit Regisseurin Isabella Suppanz und den

Darstellern Christian Pätzold und Alexander Rossi

Alexander Rossi, Christian Pätzold Bild: © Sepp Gallauer

Alexander Rossi, Christian Pätzold
Bild: © Sepp Gallauer

Im stadtTheater Walfischgasse hat am 13. November „Enigma“ von Éric-Emmanuel Schmitt Premiere. Schmitt ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen französischsprachigen Autoren; er wurde bereits zweimal mit dem Prix Molière ausgezeichnet und 2001 mit dem „Grand Prix du Théâtre“ der Académie française; sein international bekanntestes Werk ist „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ wohl durch die Verfilmung mit Omar Sharif in der Hauptrolle. Das stadtTheater spielte schon 2009 Schmitts „Kleine Eheverbrechen“ mit Prinzipalin Anita Ammersfeld in einer der beiden Hauptrollen. Inhalt von „Enigma“: Abel Znorko, Nobelpreisträger für Literatur, lebt zurückgezogen auf einer norwegischen Insel. Nach Jahren überrascht er die Öffentlichkeit mit seinem neuen Buch, einem Briefroman eines Mann und einer Frau – ein sensibles und intimes Zeugnis einer außergewöhnlichen Liebe. Erik Larsen, Journalist eines Provinzblattes, gelingt es, die Zusage für ein Interview mit dem als exzentrisch und egomanisch geltenden Autor zu erhalten. Schon Larsens Ankunft auf der Insel gibt Anlass zur Sorge über die psychische Verfassung Znorkos. Er inszeniert sich als gewalttätig, spröde und unzugänglich. Doch Larsen lässt sich nicht einschüchtern und zwingt Znorko zu einem Wort-Duell auf Leben und Tod. In packenden Dialogen macht Éric-Emmanuel Schmitt das Publikum zu Zeugen einer Enthüllung – Lebenslügen, Verrat und Masken der Männlichkeit werden aufgedeckt. Aus den erzwungenen Bekenntnissen der beiden Männer entsteht das Bild einer rätselhaften Frau aus der Vergangenheit. Der Titel „Enigma“ bezieht sich auf Edward Elgars Komposition „Variations énigmatiques“, 14 seiner Freunde gewidmet, bei der nie das Hauptthema gespielt wird und der wichtigste Charakter niemals auftritt. Ein Gleichnis über die Rätselhaftigkeit der Liebe. In seinem durch stets neue Wendungen immer wieder überraschenden Zweipersonenstück beschreibt Schmitt die Problematik zwischenmenschlicher Beziehungen im Allgemeinen und der Liebe im Besonderen. Fernsehstar Christian Pätzold (als Abel Znorko), der schon mit Regisseuren wie Benoît Jacquot, Doris Dörrie, Carlo Rola und Zoltan Spirandelli gedreht hat, und Alexander Rossi (als Erik Larsen), der wiederum in der Regie von Claus Peymann, Leander Haußmann, George Tabori, Hans Neuenfels oder Matthias Hartmann an den unterschiedlichsten Theatern spielte, sind die beiden Kontrahenten in einer Inszenierung von Isabella Suppanz, die „Enigma“ als erste Regiearbeit nach ihrer langjährigen Intendanz am Landestheater Niederösterreich auswählte. Ein wunderbar ernsthaft unernstes Gespräch:

Christian Pätzold: Sie haben Ihr Diktiergerät bereit. Gut. Legen wir los. Ich habe in dem Stück einen schönen Satz, der lautet: „Die Leute, die mich aufnehmen, legen mir später Sätze in den Mund, die ich nie gesagt habe.“ (Allgemeines Gelächter.)

Alexander Rossi: „Nimmt Ihr Gerät uns jetzt auf?“ Auch ein Stückzitat. Dann schnell was Intelligentes sagen.

MM: Fein, dann fange ich damit bei Frau Suppanz an: Das ist Ihre erste Inszenierung als wieder freie Regisseurin. Warum dieses Stück? Warum mit den Herren Rossi und Pätzold?

Isabella Suppanz: Weil es mich interessiert hat, einmal ein Stück mit zwei Männern zu machen. Wir kennen Beziehungskisten, die sind in allen Varianten ausgeleuchtet und auf der Bühne sichtbar gemacht worden, aber die diesbezügliche Auseinandersetzung zweier Männer – das ist einmal ein spannendes Stück.

MM: Wie sind Sie auf „Enigma“ gekommen? Éric-Emmanuel Schmitt ist ein Name, als ob die Sonne aufgeht.

Suppanz: Das ist ja bei dem Wetter vielleicht ganz gut, wenn die Sonne aufgeht. Nein, ernsthaft: Ich war einerseits schon länger dran, hatte andererseits meine Vorbehalte gegenüber dem Stück, weil da sehr viel mäandert und sehr viel ausufert, aber mit ein bisschen Straffung geht’s gut. Anita Ammersfeld hat mich gefragt, ob ich das machen möchte. Und ich möchte. Und ich habe das Gefühl, dass wir in diesem Theater sehr willkommen sind.

Rossi: „Enigma“ muss man als Theatermacher in die Hand nehmen. Ein kleines Lifting – und dann klappt das auf der Bühne wunderbar.

Pätzold: Ein Wort noch zum Haus: Frau Ammersfeld macht einen sehr klugen Spielplan. Ich habe ja lange nicht in Wien Theater gespielt, damals gab’s das stadttheater Walfischgasse noch nicht. Und ich bin äußerst positiv überrascht, über die Dinge, die hier passieren.

MM: Lassen Sie mich die Fragen um die Figuren, die Sie verkörpern erweitern: Abel Znorko – kein Mensch heißt so – und Erik Larsen. Was interessiert einen an den Charakteren?

Pätzold: Dass Abel Znorko kein Durchschnittsmensch ist. Das ist eine Superrolle, ein Fest für einen Schauspieler, eine Herausforderung, so viele verschiedene Facetten, so viele Emotionen zu zeigen. Von einer arroganten Fassade zum kleinen Würmchen. Das finde ich toll. Ich will nicht zu viel verraten, aber im Schwäbischen, wo ich herkomme, würde man sagen, er ist einer, dem man „den Roscht runtertuat“, der mit seinen üblichen Textbausteinen nicht mehr weiterkommt, der Erfahrungen macht, die ihm den Boden unter den Füßen wegziehen. Das ist eine spannende Geschichte. Einer, der sich jenseits des Polarkreises auf eine einsame Insel zurückgezogen hat – und plötzlich bricht die Außenwelt dort ein … Aber ich darf nicht zu viel verraten.

Rossi: Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen habe, kam ich eigentlich ziemlich ins Schwitzen, weil alles so sentimental und kitschig war. So kam es mir zumindest vor. Dann habe ich aber eine sehr kluge Konstruktion entdeckt, eine Behauptung darüber, was Menschen miteinander erleben – über Räume und Distanzen hinweg. Und dann nahm ich diese Figur Erik Larsen wahr, die sich innerhalb einer sehr kurzen Zeit sehr stark verändert, eine riesige Biografie hat. Dann lässt ein alter Mann einen jungen Mann tanzen, dann lässt ein junger Mann einen alten Mann tanzen – in sein Schicksal hinein und (nicht wieder) heraus. Die Machtverhältnisse ändern sich ja mehrmals … Aber – wie Christian schon sagte – wir dürfen nicht zu viel verraten.

MM: Der Dreh- und Angelpunkt des Textes, das sei verraten, ist die Liebe. Das zeigt sich auch in der von Znorko erfundenen Romanfigur „Eva Larmor“. Darin steht sowohl das Wort Liebe als auch Träne. Gleichzeitig ist es/sie Schmitts Cherchez la femme.

Suppanz: Das sehe ich genau so. Eigentlich ist es ihre Geschichte, der man atemlos folgt. Das Geheimnis, das im Raum steht, hat etwas Krimihaftes; das Publikum kann raten und entschlüsseln, bis die Wahrheit aufgedeckt ist.

Pätzold: Wobei es nicht wirklich um ein Verbrechen geht.

Suppanz: Das ist die Frage. Erik würde das anders sehen.

Pätzold: Ich denke, es geht um die unterschiedlichen Entwürfe von Liebe. Im Stück gibt es drei: Die Amour fou, das heißt sich nach jemandem fleischlich verzehren. Dann das absolute Gegenteil davon: Eine Liebe, die nur auf der geistigen Ebene existiert, die totale Sublimation, eine reife, reine, fast „religiöse“ Liebe. Und dann Larsens Konzept, nämlich das tägliche Für-einander-da-Sein, Für-einander-Sorgen, sich nahe zu sein. Das prallt im Stück aufeinander. Znorko ist letztlich ein absoluter Mensche: Entweder Amour fou oder geistige Liebe. Etwas anderes gibt es für ihn nicht. Wer nicht seiner Meinung ist – das betrifft übrigens auch literarische Fragen -, den macht er fertig. Eine wahnsinnige Haltung. In der er sich sicher fühlt – und aus der er von Larsen völlig rausgekippt wird. Bis er nur noch ein kleines wimmerndes Menschlein ist. Ein schlotterndes Skelett in einem feindlichen, günstigsten Falls gleichgültigen Universum. So bezeichnet Znorko Larsen, aber er selber IST so.

Rossi: Für Erik bedeutet Liebe alles: von Sex bis Wäsche waschen, ein Leben miteinander verbringen. Das sieht Abel anders. Ausnützerisch. Die beiden Protagonisten machen einander jedenfalls wahnsinnig viel vor. Da muss man als Schauspieler das Bauchgefühl und den Kopf in der Waage halten.

Pätzold: Dem schließe ich mich an, vor allem, weil wir ja das Ende kennen. Ich muss also meine Emotionen sehr genau timen, um nicht schon in der Mitte so zu agieren, wie es erst der Schluss verlangt. Das ist die Gefahr, die ein Stück mit so vielen Ver- und Entwirrungen birgt: Dass ich einen „Ton“ spiele, der erst 15 Seiten später verlangt wird. Das ist handwerklich durchaus harte Arbeit. Da muss man analytisch sehr genau sein, muss vom Kopf her steuern, was wann an Emotionen kommt. Wiewohl beides zusammengehört: Da gibt’s Momente, wo der „Bauch“ auch mal Pause hat.

Rossi: Stimmt. Das Schwierige ist, immer am Punkt zu sein. Alles zu wissen und nicht sagen, nicht zeigen zu dürfen. Wie in diesem Interview. (Wieder Lachen.)

MM: Wie empfinden Sie Schmitts Sprache?

Suppanz: Wir sind von der Übersetzung immer wieder aufs Original zurückgegangen. Dort kommt mir vieles eleganter vor. „Schmitts Sprache“ ist blumig, haarscharf daneben, hält einer Überprüfung oft nicht stand. Sie ist formal sehr schwierig, kippt immer wieder ins Epische, ins Lyrische. Aber die Situation, das scheibchenweise Anbringen von Wahrheit, das hält stand. Und das ist das Schöne an Schmitt. Die Schauspieler müssen aber mehr sein, als Schmitts Figurenentwurf. Znorko ist bei ihm eine Art Hemingway für Arme. Pardon, wenn ich kritisch bin, aber da zeigt Christian Pätzold mehr als vorgegeben. Schmitt ist emotional. Er ist sehr gut, was Stückaufbau, was Plot betrifft, aber in den Wortfindungen geht’s mit ihm durch. Da gibt’s ordentlich Kitsch, da lässt er nichts anbrennen – und es funktioniert. Aber nur, wenn man sich nicht draufsetzt, sondern zügelt.

Pätzold: Schmitt liebt es Lebenskonzepte zu predigen. Sowohl in seinen Theaterstücken als auch in seiner Prosa. Was übrigens auch sehr verkaufsträchtig ist. Im Französischen liest er sich wunderbar, da fühlt man sich wohl und hat am Schluss einen Geschmack im Mund, als ob man zu viele Cremetörtchen gegessen hätte. Er kann ungeheuer spannend schreiben, aber manchmal auch furchtbar betroffen, in Situationen, wo das gar nicht geht. Da muss man sich auf der Bühne anbrüllen, nicht einander in die Arme sinken, wie er es will. Das macht die Arbeit an Schmitt so aufregend: Man ist ständig bemüht, ihm auf die Schliche zu kommen. Manches Überbordende wegzulassen, um auf ein Gerüst zu kommen, das super ist.

MM: Herr Rossi, suchen Sie auch das Glück in diesem Stück?

Rossi: (lacht: Mein Vater hatte sogar einen Hund, der Gaston hieß.) Aber wenn Sie nach meiner Meinung zum Autor fragen: Mir kommt der Text manchmal ein bisschen schwülstig vor. Er will in eine emotionelle Breite, was durchaus liebenswürdig ist, aber nicht immer angebracht. Auch seine Regieanweisungen sind sehr plakativ.

Suppanz: Aber ich glaube nicht, dass das spekulativ ist, Schmitt ist einfach so.

Pätzold: Wenn man Zuckerguss wegnimmt, kommen viele Erfahrungen, die wir alle mit der Liebe gemacht haben, hervor. Die muss man einfach hinstellen. Damit das Publikum sagen kann: Das ist spannend, da muss ich drüber nachdenken, denn: Ich bekomme keine Lösungen geliefert. Das ist das Problem mit Schmitt – er liefert immer die Lösung mit.

MM: Welche Reaktion wollen Sie also im Publikum hervorrufen?

Suppanz: Wachsamstes Interesse. Dass das Publikum zwischen den Positionen der Protagonisten hin- und herschaut wie bei einem Tennismatch, sich fragt: Wer hat jetzt recht? Wobei keiner Unrecht hat. Weder der Liebesberserker noch der mit der Wäschetonnenphilosophie.

Rossi: Schmitt transportiert einfach zwei mögliche Männermodelle. Zwei Extremvarianten.

Pätzold: Zwei verschiedene Arten zu leben, die sich nicht ausschließen, sondern sich gegenseitig brauchen.

Rossi: So, dass das Beharren im Widerspruch das geistig Befruchtende ist.

MM: Beinah biblisch. Schmitt befasst sich ja auch gerne mit Religionsfragen: Abel – alttestamentarisch, Erik – neues Testament.

Suppanz: Und nicht umsonst heißt diese Figur von ÉRIC-Emmanuel Schmitt Erik. Und dann gibt’s den großen Abel. Das ist so bedeutungsaufgeladen.

MM: Ja, Schmitt ist immer im neunten Monat bedeutungsschwanger. Wie sind die Proben? Auch alles Liebe?

Rossi: Wir fetzen uns schon auch mal. Das ist existenziell.

Pätzold: Kunst ist ohne Reibung und ohne Reibungswärme undenkbar. (Und noch einmal Lachen.)

www.stadttheater.org

Wien, 12. 11. 2013