Werk X: Homohalal

Januar 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Swimmingpool die Phrasen verdreschen

Die feuchtfröhliche Trauerfeier der ehemaligen Votivkirchenbesetzer: Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Es lässt sich wirklich nicht (mehr) sagen. Was war die Aufregung? Gut, das Ganze hat sich auf dem Weg Wien – Uraufführung in Dresden – Wien vom Workshop- zum Theatertext geschliffen, dazu nun die fabelhafte Inszenierung, die die Komik der Situation unterfüttert und sich auch vor Slapstick nicht scheut. Man kann das spielen, heißt das, man kann das zeigen, heißt: dieser Tage auch Zivilcourage zeigen …

Ibrahim Amirs für diese Stadt so notwendige „Homohalal“ ist mit Verspätung endlich daheim angekommen. Das Werk X griff beherzt zu, nachdem das Volkstheater vor knapp zwei Jahren mit der Begründung, für den derzeit „stark von Angst und Hass geprägten“ „Ausländer“-Diskurs sei das Stück ungeeignet, den Rückzieher machte. Ali M. Abdullah hat mit dem ihm eigenen Sinn für Hintersinn inszeniert.

Und was zu sehen ist, ist eine bissige, bitterböse Komödie, zwar rotzfrech und alle Tabus brechend, aber doch so, dass gerade die wohlgesinnt an einer Gesellschaft Beteiligten vom Autor ihre Schelte abbekommen. Die linken, im Text so genannten „Wohlstandsgelangweilten“ wie die unterstellt ehemaligen „Ziegentreiber“, all die ach so liberal sich denkenden Vorbildmenschen mit und ohne Migrationshintergrund. Das weltanschaulich entsprechend in Einvernehmen stehende Premierenpublikum jauchzte vor Freude und applaudierte am Ende begeistert.

Renato Uz stellt einen Swimmingpool auf die Spielfläche, rund um den die Figuren ihre Phrasen erst (ver-)dreschen können, bevor sie mit ihnen untergehen. Ausgangspunkt von „Homohalal“ ist eine Trauerfeier für einen früheren Mitaktivisten, trifft sich am Rand des Bassins doch der harte Kern der Votivkirchenbesetzer vom Winter 2012. Das Jahr ist nun 2037, und wenn man Amir etwas vorwerfen kann, dann, dass er die Utopie in die Zuschauerköpfe pflanzen will, Österreich wäre bis dahin zum mitmenschlich freundlichen Miteinander-Staat gereift. Davor allerdings muss noch Entsetzliches passiert sein: „2022 brennende Muslime auf den Straßen von Traiskirchen und Kärnten“.

Die Party läuft …: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

… und eskaliert: Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

Dass einen solch plakative Sätze anbrüllen, ist Amirs in der Sache zwingende Art. Dezent-subtil ist hier nichts, auch die Inszenierung haut voll rein, die Trauerfeier der gelungen Integrierten und ihrer Helfer eskaliert mehr und mehr, als längst überwunden geglaubte Ressentiments und die landläufigen Vorurteile aufbrechen. Die Charaktere werden von ihrer Vergangenheit bewältigt, man reibt sich an Schuld und Sühne. Da war eine Abschiebung ins sogenannte sichere Herkunftsland, da war Folter wegen einer Nicht-Eheschließung, da war ein brennender Neonazi, und Auffanglager und Gefängnisse.

Ein Extempore über die türkisblaue Regierung, deren siegbringendes Thema und ihre Empörungsbewirtschaftung fehlt an dieser Stelle nicht. Immer wieder steigen die Schauspieler aus dem Stück aus, doch der Streit um Recht und unrecht handeln geht weiter. Das Politische wird wieder einmal privat.

Der tatsächlich kontrovers zu deutende Schlussmonolog über die Angst um und den Schutz für die mühsam aufgebaute neue Welt blieb der Wiener Fassung II mutig erhalten. Integration, sagt Amir, kann so weit gehen, dass man faschistisches Gedankengut für sich neu formuliert, die Angekommenen wollen keine Neuankömmlinge, und er zerlegt dabei die idealisierenden Klischees ebenso genüsslich wie die kriminalisierenden. Man muss nur oft genug links abbiegen, um nach rechts zu kommen, heißt es ja, und „Da stehen noch tausende von Abduls vor unseren Türen. Und die klopfen. Und wie sie klopfen“, heißt es da. Und am Ende: „Freiheit ist Sicherheit. Sicherheit ist Freiheit. Da gibt’s keine Kompromisse … Einer muss die Tür zuhalten.“

Abdul ist der mutmaßlich zu Tode gekommene Aktivist, der Radikale in der Truppe, Arthur Werner spielt ihn, ebenso wie den scheinbar vollauf assimilierten Said, der aber doch zum Berserker wird, als er erfährt, dass sein Sohn Jamal schwul ist. Christoph Griesser macht das herrlich mit Sprachfehler, und auch den Fundi-Bruder Jussuf. Constanze Passin ist Abduls Ex und Idealistin Albertina, Stephanie K. Schreiter Saids Frau Ghazala, erstere vor Verständnis für Flüchtlinge im Wortsinn triefend, zweitere auf dem Standpunkt, man habe sich, in Österreich angekommen, alles selbst erwirtschaftet. Daniel Wagner gibt das angepasste Partytier Umar, und den Vogel abschießt Yodit Tarikwa als Imamin Barbara, deren „positiver Rassismus“ darin endet, dass das „Allahu Akbar“ schließlich als Gospelsong intoniert wird. Amir hat in seinem Bühnenbiotop alle Tierchen ge(kenn)zeichnet.

Said will keinen schwulen Sohn: Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Für derlei Groteske geht Ali. M. Abdullah ein hohes Tempo, die Pointen und das Timing sitzen, und was die Wasserspiele betrifft, na, da schont sich wirklich keiner. Auch das Publikum kriegt seinen Teil Nässe ab. Johnny Mhanna, ein syrischer Schauspieler, agiert als er selbst. Er habe schon x-mal vor Zuschauern seine Fluchtgeschichte erzählt, sagt er, und er sei beruflich quasi ausgebucht, weil derzeit jedes Wiener Theater für ein Flüchtlingsstück einen Quotenflüchtlingsschauspieler brauche. Auch für „Homohalal“ wäre er schon zum zweiten Mal angefragt worden. Was Johnny Mhanna stattdessen will, ist, endlich der Hamlet sein, oder auch eine Medea. Und das sind an diesem beklemmend ernsthaften Riesenspaß die berührenden Momente …

Ali M. Abdullah im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27960

werk-x.at/

  1. 1. 2018

Werk X: Ali M. Abdullah im Gespräch über „Homohalal“

Januar 18, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er inszeniert die Groteske von Ibrahim Amir

Die Votivkirchenbesetzung ist der Ausgangspunkt für „Homohalal“: Constanze Passin. Bild: © Yasmina Haddad

Heute Abend hat im Werk X Ibrahim Amirs Stück „Homohalal“ Premiere. Ausgangspunkt des Textes ist die international berühmt gewordene Votivkirchenbesetzung. Jahrzehnte später treffen Aktivisten und Betroffene wieder aufeinander – und alte Konflikte brechen neu auf. Dass dabei keine Seite wirklich gut wegkommt, ist bei Amirs Schreiben systemimmanent …

Im Februar 2016 erst nahm das Volkstheater die Uraufführung von „Homohalal“ wieder aus dem Spielplan, weil man die Groteske für „kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich“ hielt. Die Gerüchteküche brodelte – und kühlte wieder ab. Nun machte sich Regisseur Ali M. Abdullah, der gemeinsam mit Harald Posch das Werk X leitet, mit einer neuen Fassung an die Arbeit. Ein Gespräch:

MM: Nachdem das Volkstheater aufgegeben hatte, wie kam es zu der Idee „Homohalal“ im Werk X zu machen?

Ali M. Abdullah: Die Werke des Ibrahim Amir haben mich immer schon interessiert., „Habe die Ehre“ zum Beispiel fand ich total spannend. Deswegen ist es klar, dass ich den Autor verfolgt habe. Ich habe dann gehört „Homohalal“ sei umstritten, mehr möchte ich jetzt nicht dazu sagen, und da hat mich natürlich interessiert, was denn so umstritten sei. Das war ja wie bei einem verbotenen Roman, die Gerüchteküche brodelte, was wirklich war, wusste aber keiner, doch in der Zeitung stand, man möchte das Thema nicht so präsentieren, wie Ibrahim es geschrieben hat. Ich habe Kontakt mit ihm aufgenommen, er war aber über die Wien-Geschichte nicht so erfreut, und brachte das Stück in Dresden heraus.

MM: Daher gibt es eine vollkommen neue Fassung.

Abdullah: Für Dresden geschrieben, viel neu erarbeitet – und es ist ein ganz anderes Stück geworden. Er hat das wirklich auf Dresden, Zitat: „die toleranteste Stadt Deutschlands“, angepasst, mit AfD- und Pegida-Zitaten. Das war ein toller Erfolg, und damit hat er sich als internationaler Autor positioniert. Wir machen nun aus der Dresdner eine neue Wiener Fassung, was so viel heißt, als dass wir versuchen ein Konzentrat aus beidem zu machen. Die erste Wiener Fassung entstand ja aus einem Workshop mit Tina Leisch und Natalie Assmann und 25 wirklich gerade Geflüchteten, zumeist aus Syrien, Pakistan und Afghanistan stammenden Männern, notiert in den unterschiedlichsten Sprachen. Das hätte man als Regisseur und Dramaturgie fürs Volkstheater überarbeiten können …

MM: Was nun am Werk X geschieht?

Abdullah: Das ist ja klar. Wir arbeiten nicht seit gestern mit Texten, die nicht fertige Theatertexte sind, wie Romane und so. Es ist uns, glaube ich, ganz gut gelungen. „Homohalal“ ist ein ganz wichtiges Werk für Wien, wo so etwas wie die Besetzung der Votivkirche passiert ist. Das ist nicht nur national ein großes Ding gewesen, sondern auch international, dass Menschen aus einer Fluchtsituation kommend plötzlich in einem fremden Land ihre Menschenrechte eingefordert haben. Ich glaube, das ist einzigartig in dieser Größenordnung.

MM: Das ist ja auch der Ausgangspunkt der Geschichte.

Abdullah: Ja, wird haben auch einen Darsteller dabei, der, wie er selber sagt, Fluchterfahrung hat. Er kommt genau aus dem Zusammenhang. Bei der letzten Probe erst hat er wieder gesagt, dieses Stück ist das erste Mal, dass diese Menschen eine Stimme bekommen.

MM: Seit der Votivkirchen-Besetzung ist das politische Klima kälter geworden. Die vorformulierte Angst war, man wolle mit „Homohalal“ die Ausländerfeindlichkeit nicht weiter schüren. Diese haben Sie nicht? Kann sich das Werk X diesbezüglich auf sein Publikum verlassen?

Abdullah: Der Zuschauer denkt sich, was er will. Natürlich sind der Autor und der Regisseur bemüht, eine stringente oder aufklärerische Haltung zu haben, aber sicher sind wir uns da nie. Ich habe 1991 ein Stück über Neo-Nazis gemacht, von einem ultralinken Autor, und es sind Neo-Nazis drinnen gesessen und fanden’s großartig. Das kann immer passieren. Ich denke aber, dass wir einiges Aktuelles eingebaut haben, so dass der Zuschauer die Idee kapiert, wenn er denn will. Wichtig ist, dass er sich mit dem Thema beschäftigt, und in einer Tiefe, wie es das Stück auch tut. Mit einer Utopie, wie es das Stück auch tut. Ich hoffe, dass wir es so rüberbringen, dass man erkennt, wo es hinführt, nämlich, dass nichts Schwarzweiß ist. Das Stück spielt im Jahr 2037, das heißt, wir reden von einer Zukunft, die vielleicht so oder so aussieht.

MM: Der Ausgangspunkt ist eine Trauerfeier, bei der Votivkirchenaktivisten aller möglichen Herkünfte noch einmal zusammenkommen …

Abdullah: Genau. Das war die Ursprungsidee der Wiener Fassung: Ehemalige Asylwerber sind eingebürgert, haben die Staatsbürgerschaft, sind in der Gesellschaft angekommen, haben die Werte angenommen, sind integriert oder assimiliert – und plötzlich sagt der 18-jährige Sohn, er sei schwul. Und los geht der Wertediskurs. Das haben wir ganz stark mitgenommen, das ist das Zentrale. Dazu kommt eine Bewertung der politischen Situation jetzt. Das Stück ist eine Komödie, aber diese Komödie ist nicht gleich Komödie. Ibrahim Amir arbeitet auf drei Ebenen, der komödiantischen, einer tagespolitisch agitativen, die tief und ernsthaft ist, und der des dokumentarischen Theaters. Dokumentarisch in dem Sinne, dass jemand an dem Abend seine wahre Geschichte erzählt. Deswegen ist die Komödie Transportmittel für die Beschäftigung mit einer Jetztzeit, einer Zukunft und einer politischen Haltung.

MM: Im Stück sagt die Figur Rouni, er wäre der Quotenflüchtling in dem Ganzen. Braucht man heute auf dem Spielplan ein Quotenflüchtlingsstück?

Abdullah: In meiner Betrachtungsweise sind wir schon darüber hinaus. Als wir in die praktische Arbeitsweise gegangen sind, haben wir aber gesagt, das Publikum vielleicht noch nicht. Wir müssen einen Schritt nach dem anderen nehmen, und so haben wir den Schauspieler mit Fluchterfahrung dabei, und es ist gut so. Er spielt den Rouni, und dieser Rouni will den Hamlet spielen, nicht der Flüchtling sein, und das ist gut so, das muss erzählt werden, das ist gesellschaftspolitisch wichtig.

Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Arthur Werner und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

Arthur Werner (vorne), Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Constanze Passin, Yodit Tarikwa und Daniel Wagner. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Apropos, gesellschaftspolitisch. Zuletzt war im Haus das Münchner Residenztheater zu Gast. Da wurde im Foyer die Bandiera rossa gesungen. Wie positioniert sich das Werk X? Als linkes Widerstandsnest?

Abdullah: Unsere Haltung ist klar, unsere Ansichten sind über die Jahre, die wir hier Theater machen, klar. Wir machen Theater mit Themen und Texten, von denen wir glauben, dass sie gesagt werden müssen. Wenn man das so bezeichnet, dann, ja, nehme ich das so an. Aber letzten Endes geht es nicht um einen äußerlichen, agitativen Charakter, da könnten wir unser Geld für etwas anderes ausgeben, sondern es geht tatsächlich um Kunst und darum, gute, spannende Aufführungen zu machen – die natürlich einen politischen Impetus haben sollten, denn sonst wären sie kein Beitrag zu einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung von Hier und Jetzt. Natürlich bietet sich die aktuelle politische Situation an, wir lesen jeden Tag auf der Probe die Zeitung, tauschen uns aus über den neuesten Spruch der Regierung … Das gehört mit dazu zu einem zeitgenössischen Künstler, dass er sich damit auseinandersetzt, und dass das in die Kunst mit einfließt.

MM: Das bringt mich zurück zur Wiener Fassung II. In der Dresdner Fassung werden Frauke Petri und Lutz Baumann konkret angesprochen. Wird es so etwas auch geben? …

Abdullah: Es wird in Wien verankert, samt Querverweisen zur österreichischen und Wiener Politik. Wir werden sehen, wer aller vorkommt.

MM: … und die andere Frage? In der Dresdner Fassung steht eine der Figuren plötzlich mit einem Benzinkanister in der Hand da. Bedeutet das in Wien etwas anderes als im Osten Deutschlands, wo Asylantenheime brannten?

Abdullah: Ja, aber wenn die Figur sagt, erinnert ihr euch noch an 2022 als die Muslime brannten, dann ist das in Dresden und in Wien genauso vorstellbar. Ein paar Querverweise anderer Natur gibt es, die sich nicht auf die AfD, sondern auf andere, einheimische politische Gruppierungen beziehen, und schon bist du hier.

MM: Im Zuge der angesprochenen Trauerfeier brechen die alten Vorurteile, die man überwunden glaubte, zwischen den Betroffenen wieder auf. Wie kann man Vorurteilen begegnen? Mit Humanismus? Glauben Sie an Humanismus?

Abdullah: Privat und persönlich ja. Die Kunst hat einen anderen Auftrag, den ich so empfinde, dass ich aufzeige, was gerade gesellschaftspolitisch passiert, mit einer Art Analyse einen verdichteten theatralen Anstoß gebe, der einen Zuschauer zum Nachdenken bringt. Da geht es darum, sich zu fragen, mit welchen Mitteln man das machen möchte. Ob man unbedingt provozieren muss, oder ob man das mit leisen Tönen hinkriegt. Aber im Prinzip geht es darum aufzurütteln. Dafür ist „Homohalal“ gerade richtig: explosiv, grell, aufrüttelnd – und auch unangenehm. Es wird einem übel, bei den Sachen, die da gesagt werden. Und auch die linke Willkommenskultur und wie die sich falsch verhalten hat, darüber haben wir noch gar nicht gesprochen, geht es ja auch. Man wird sehen, wie man den Zuschauer mit diesem heißen Thema packen kann. Wir werden jedenfalls zu Gesprächen über „Homohalal“ einladen.

MM: Für mich gab es beim Lesen keine Position, keine Figur, mit der ich mich gern identifizieren möchte.

Abdullah: Das geht mir auch so, das ist eigenartig, das funktioniert bei dem Stück nicht. Das ist ein spannender Aspekt, dass man sich fragt, wo bin ich denn hier, hier bin ich ja nirgends.

MM: Themenwechsel: Das Werk X hat für ein Jahr die Wiener Wortstaetten unter seinem Dach aufgenommen. Wie kam es dazu?

Abdullah: Die Wiener Wortstaetten, die an den wichtigsten, nachhaltigsten Autorenprojekten arbeiten, Ibrahim Amir, um es zu sagen, kommt daher, bekommen derzeit keine Subventionen mehr. Sie kriegen von der Theaterjury plötzlich kein Geld mehr. Das ist ein Skandal, wie ich finde, und da wir mit ihnen auch persönlich immer wieder in sehr gutem Kontakt sind, stellen wir für frei Büros zur Verfügung. Um dieses Projekt am Leben zu erhalten. Aber natürlich steht aus, dass die Stadt Wien sagt, auch eine Theaterjury kann einmal einen Fehler machen, und ihr Urteil revidieren.

MM: Man kann die Wiener Wortstaetten ja nicht an stattgehabten Aufführungen messen.

Abdullah: Genau. Die arbeiten sehr viel im Workshopbereich und auch in Tryouts, von denen die Öffentlichkeit nicht so viel mitbekommt. Wenn eine Theaterjury aber nur noch darauf schaut, wieviele Vorstellungen produziert werden, dann ist das der Anfang vom Ende. Es wäre also notwendig, dass eine Revidierung des Urteils stattfindet. Sonst wäre das ein Reputationsschaden für Österreich.

Arthur Werner, Christoph Griesser, Stephanie K. Schreiter, Daniel Wagner, Constanze Passin und Yodit Tarikwa. Bild: © Yasmina Haddad

MM: Im Werk X-Eldorado gibt es jetzt eine Kuratorin. Das heißt, in Zeiten, da alle sparen, haben Sie sich einen dritten Kopf auf die Führungsebene geholt?

Abdullah: Das war ein Wunsch der Politik und der Theaterjury. Wir haben prinzipiell gesehen, dass es gut sein könnte, wenn wir zusätzliche Kräfte haben für die Auseinandersetzung mit der freien Szene. Die Stadt Wien wollte mehr, als wir diesbezüglich bislang geboten haben, und hat für dieses Modell plädiert. Es ist mit Cornelia Anhaus sehr gut besetzt, wobei zu sagen ist, dass Harald Posch und ich nicht in der Jury waren, aber wir finden ihre Ernennung großartig. Sie ist eine tolle Persönlichkeit.

MM: Und das Eldorado ist nun ein Gastspielhaus?

Abdullah: In dem wir kooperieren. Es gibt einen eigenen technischen Spielstättenverantwortlichen, es gibt mehr Gelder mit Homepage, Presse, Marketing, und es gibt eine Dramaturgin, die ausschließlich für diesen Ort arbeitet. Das ist die wesentliche Verbesserung. Für eine Koproduktionsstätte im Sinne von Tanzquartier oder brut reicht es für 550.000 Euro nicht. Das ist zu niedrig dotiert.

MM: Konkret heißt das, man stellt sich bei Frau Anhaus mit seinem Projekt vor und bekommt Spieltage zugeteilt?

Abdullah: Genau. Verkürzt ist es das. Voraussetzung ist allerdings, dass man bereits subventioniert ist.

werk-x.at

18. 1. 2018

Volx/Margareten: Heimwärts

Januar 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas durch die tragikomische Groteske

Unter der Fuchtel des tückisch-türkischen Beamten: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Die Geschichte ist so abenteuerlich absurd, dass sie so ähnlich passiert sein muss. Und das ist sie auch. Mit einem Onkel von Autor Ibrahim Amir. Zwei knappe Wochen, bevor im Werk X die vom Volkstheater aufgegebene Wien-Premiere von „Homohalal“ stattfinden wird, zeigt das Haus im Volx/Margareten dessen Stück „Heimwärts“. Darin macht sich eine Gruppe Menschen auf, den todkranken Hussein von Wien zurück nach Aleppo zu bringen.

Mehr als 40 Jahre hat der in Österreich gelebt, ist längst Staatsbürger, doch will er umgeben von seiner Familie in der Heimat beerdigt werden. Allein, Hussein stirbt schon unterwegs. Ausgerechnet in der Transitzone in der Türkei. Und so beginnt ein steiniger Behördenweg um die Ausstellung eines Totenscheins, der die Weiterreise mit der Leiche ermöglicht, um den letzten Wunsch des Onkels zu erfüllen …

Die junge deutschtürkische Regisseurin Pinar Karabulut legt mit dieser Inszenierung ihre erste Arbeit in Österreich vor. Sie überdreht Amirs tragikomische Groteske, dreht am Rad bis zum Anschlag. Alles ist bunt, laut und schrill, das verwischt nicht wenig Amirs Zwischentöne, überplärrt seine melancholische Baseline, mit der er die Begriffe Herkunft, Heimat und die aus beiden resultierende Identität durchdekliniert. Denn diese sind, ja diese bedeuten für alle Figuren im Stück etwas anderes.

Gemäß dem Stefan-Zweig’schen Satz, der Migrant hätte keine neue Heimat gefunden, sondern nur seine alte verloren, fühlen sich Hussein und sein – wie früher auch der Autor Medizin studierender – Neffe Khaled. Es ist einer der traurigsten und poetischsten Sätze, wenn Hussein über Wien und die Wiener sagt: „Ich kam nie dem Gefühl nah, auf Deutsch geliebt zu werden.“

Der die beiden begleitende Arzt Osman wiederum ist gebürtiger Türke und in extremem Zwiespalt zwischen seinen Gefühlen um seine türkische Identität und der Politik in seiner Heimat. Die Krankenschwester Simone ist eine Transgender-Person und definiert ihr Ichbewusstsein über ihr tatsächliches Geschlecht, ein Twist, den das Stück nicht wirklich auch noch gebraucht hätte. Und schließlich sind da ein Hitler gutheißender Grenzer und sein höherer Beamter Bekir, Gastarbeiterkind und Türkeirückkehrer und als solcher nicht ernst genommen und ergo ein besonders radikaler Verfechter des Türkentums …

Selfie mit Leiche: Günter Franzmeier und Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Khaled argumentiert um sein Leben: Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Für dieses Roadmovietheater hat Aleksandra Pavlović einen plüschroten Mix aus zu überwindendem Berg, Bürokratenthron und verwachsenem Auto erdacht, dazu eine Moscheenuhr, auf der die Zeit(en) immer wieder neu zu stellen ist beziehungsweise sind. Die überzeichneten Charaktere agieren mit ebensolcher Mimik und Gestik, so dass mitunter weniger Vollgas mehr gewesen wäre (was auch auf die Kostüme zutrifft).

Einzig Günter Franzmeier bleibt bei sich und macht aus Hussein eine Art Nathan den Weisen II. Dass die Figur nicht versteht, dass sie verstorben ist, sondern sich immer erneut ins Geschehen um sie einmischen will, macht wohl den Reiz der Rolle aus. In Rückblenden erzählt dieser Hussein sein Leben, dabei auch der schönste, einzig stille Moment der Aufführung, als er von seiner flüchtigen Liebe zur Polin Annamaria berichtet, er dem Faschismus Syriens, sie dem Kommunismus entkommen. Eine Liebe ohne Happy End, denn: „Wie sollen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Sprache übers Gebrochensein reden?“

Übertitel, auf die das Volkstheater so stolz ist, gab es diesmal keine. So erfährt man in den langen, auf Türkisch gesprochenen Passagen das „Fremdsein“ aus erster Hand. Ein gewollter Effekt und die Ahnung, dass etwas Lustiges abläuft, wenn das kundige Publikum rundum auflacht. Nur manche Szenen werden auf Deutsch wiederholt.

Klar wird die Truppe für Politaktivisten, und da Hussein und Khaled Kurden sind, auch noch für Terroristen gehalten. Kaspar Locher als Khaled und Günther Wiederschwinger als Osman spielen daher die meiste Zeit knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs. Isabella Knöll ist als anpassungswillige Simone schön peinlich. Ein Kabinettstück als tückisch-türkische Beamte versuchen Oktay Güneş und Sebastian Pass als Bekir.

Am Ende kommt der Putschversuch gegen Erdogan und mit ihm das Chaos. Ein entwurzelter Toter hält die vaterländische Rede an das Volk und Heimat hat plötzlich mit Ehre, Treue und Glauben zu tun. Und einmal mehr verwundert, dass die, die mit den selben Schlagworten um sich schlagen, jene sind, die sich am wenigsten leiden können …

Isabella Knöll im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27780

www.volkstheater.at

  1. 1. 2017

Neu am Volkstheater: Isabella Knöll

Januar 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie spielt in „Heimwärts“ von Ibrahim Amir

Isabella Knöll. Bild: © www.lupispuma.com/Volkstheater

Wenn sie spricht, wenn sie lacht, dann ist das Ganzkörperaction. Isabella Knöll (mehr: www.volkstheater.at/person/isabella-knoell/), seit dieser Saison neues Ensemblemitglied am Volkstheater, ist das, was man landläufig ein Temperamentsbündel nennt. Mit „Höllenangst“ und „Wien ohne Wiener“ hat die gebürtige Oberösterreicherin schon zwei schöne Publikumserfolge zu verbuchen. Nun steht am Freitag die nächste Premiere an. Ein Gespräch:

MM: Sie haben am 5. Jänner im Volx/Margareten Premiere mit Ibrahim Amirs „Heimwärts“. Möchten Sie kurz erzählen, worum’s geht?

Isabella Knöll: Zusammengefasst kann man sagen, es ist eine politische Komödie. Das macht die Probenzeit bislang sehr spannend. Ich beschäftige mich mit für mich ganz neuen Dingen: Der Geschichte der Türkei, Erdogan und dem Putschversuch, der Situation der Kurden dort. Wir haben uns zwei Wochen reingekniet, Dokus geschaut, viel diskutiert. Auf einer weiteren Ebene geht es dann, wie der Titel schon sagt, um den Heimatbegriff. Welche Bedeutung hat Heimat?

Der Inhalt ist: Wir versuchen Khaleds Onkel Hussein von Wien nach Syrien zu bringen, quasi die Flüchtlingsroute retour, weil er in seiner Heimat begraben werden möchte. Er hat Krebs und stirbt in der Transitzone in der Türkei. Und wir versuchen dann mit der Leiche über die Türkei nach Syrien zu kommen. Auf diesem Backround basieren und entstehen dann die individuellen Probleme, die jede einzelne Figur hat.

MM: Ihre Figur heißt Simone. Wie ist die so?

Knöll: Ich spiele eine Transgenderperson. Simone war vorher ein Mann und hat sich umoperieren lassen zu einer Frau. Ihre Heimatthematik betrifft die eigene Identität. Das ist megaspannend … Ich habe vor Kurzem eine Frau getroffen, die diese sogenannte Transition, diesen Weg gegangen ist, um besser zu verstehen wie das ist. Die größte Erkenntnis war wahrscheinlich, dass Menschen, die sich mit ihrem Geburtsgeschlecht nicht ident fühlen, das meistens schon von klein auf spüren beziehungsweise wissen. Simone ist außerdem Krankenschwester, eine sehr resolute Person, wenn’s drauf ankommt … allerdings auch manchmal zu bemüht. Sie versucht in der Türkei eine Vorzeigefreundin ihres türkisch-österreichischen Freund Osman zu sein, was sie in so einige Fettnäpfchen treten lässt.

MM: Was ist für Sie Heimat?

Knöll: Menschen, definitiv. Ich bin jetzt zum 16. Mal umgezogen, war in Deutschland und in Rumänien zu Hause, ich habe längst kein Kinderzimmer mehr, oder ein Elternhaus. Ich habe also keine Mauern, die ich als Heimat festmachen könnte. Es sind Familie und Freunde, die Heimat sind.

MM: Lassen Sie bei den Proben Tagespolitik in die Arbeit einfließen?

Knöll: Absolut. Wir besprechen viel, was grade um uns passiert. Das sind schon sehr heftige Problematiken, mit denen man sich da auseinanderzusetzen hat. Politische Willkür, Folter, Krieg, Flucht … „Heimwärts“ handelt davon, überzieht die Themen ins Komödiantische, wird sehr absurd … aber das ist Tagespolitik ja auch.

MM: Regisseurin Pinar Karabulut inszeniert zum ersten Mal in Österreich. Wie ist es mit ihr?

Knöll: Toll. Ich mag sie sehr gerne, sie ist eine ganz quirlige Person und hat 1000 Ideen. Sie hat einen türkischen familiären Hintergrund, was bei der Arbeit sehr hilfreich ist, denn es wird im Stück viel Türkisch gesprochen … Ich habe großen Respekt, wie gut die Kollegen das mittlerweile können. Lan!

MM: Lassen Sie uns über Sie sprechen. Sie hatten ihren ersten großen Auftritt mit der Jungen Burg und waren Regieassistentin in Linz. Sie wollten Theater von beiden Seiten kennenlernen?

Knöll: Ja … Das hat sich so ergeben. Ich hab mich damals zum Spaß an der Jungen Burg beworben, das war ein tolles Format, die haben mich dann genommen und wir hatten als „Hysterikon“-Ensemble eine sehr aufregende, narrische Zeit. Später als Regieassistentin, hat´s mich oft gejuckt, da habe ich oft gedacht, „geht’s weg do, i moch des!“ Aber ist von außen immer leichter zu „gschaftelhubern“.

MM: Und wie kam’s zur Entscheidung auf und nicht hinter der Bühne stehen zu wollen?

Knöll: Ich wusste immer, dass ich das machen will. Ich wollte aber vorher noch was anderes studieren und ins Ausland wollt‘ ich auch noch. Also hab ich vorher ein Studium der Kultur- und Sozialanthropologie begonnen und dann in Rumänien als Betreuerin in einem Kinderheim gearbeitet. Danach kam ich zufällig zur Regieassistenz. In der Zeit war ich zwischendurch eh schon immer wieder mal Vorsprechen. Das war schon auch ein breiter Weg. In Frankfurt hat´s dann geklappt, was ein Segen war … Und jetzt … Ich leb‘ ja in Wahrheit grade meinen Traum, weil ich wirklich explizit ans Volkstheater wollte. Ich wusste, da gibt es Aufbruchstimmung, da gibt es Anna Badora, das hat mich gereizt. Und bumm! Jetzt ist es wirklich so …

In „Höllenangst“ mit Luka Vlatković, Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In „Wien ohne Wiener“ mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

MM: Sie sind sehr lebendig. Ich habe Sie zum ersten Mal in „Höllenangst“ gesehen“, …

Knöll: (sie lacht) Die Hüpfrolle.

MM: … da hatte ich den Eindruck, dass Sie eine sehr körperliche Schauspielerin sind. Wie ist das Verhältnis von Bauch und Kopf?

Knöll: Erst im Kopf verstehen, dann im Körper ausrasten. Oder irgendwie so … Das ist auch immer anders. Aber im Bestfall ist beides on board, wie im Leben ja auch.

MM: Sie sind ja bei einem Performancekollektiv. Kommt das daher?

Knöll: Bin ich! Das läuft parallel. Wir haben noch als Studierende ein Kollektiv gebildet: „sisu&company“. Sisu ist ein finnischer Begriff, der als nicht übersetzbar gilt, es ist so etwas wie krankhafter Ehrgeiz. Wir sind sechs junge, theatergeile Leute, und versuchen, wenn wir Zeit haben, uns zu treffen, und gemeinsam etwas zu erarbeiten. Ein Stück haben wir mittlerweile im Repertoire „Sisu“ heißt das, wie wir, ein anderes ist in Vorbereitung. Das läuft dann so, dass wir Auftrittsmöglichkeiten organisieren, unseren Bus das „Nasenmobil“ anstarten, das Bühnenbild reinschmeißen, uns reinschmeißen und geht schon los … Wir probieren aus, Theaterformen, uns selbst … Sisu ist ein bisschen unser Labor.

MM: In „Wien ohne Wiener“ sind Sie auch zu sehen. Wo haben Sie Ihre Musikalität her?

Knöll: Von der Familie sicher nicht. (Sie lacht.) Ich habe immer gern gesungen. Mein erster Hit war „Über jedes Bacherl geht ein Brückerl“, ein Evergreen.

MM: Das heißt, Sie waren von Kindesbeinen weg eine Rampensau.

Knöll: Wenn überhaupt, erst Rampenferkel, dann upgrade zur Sau.

MM: Was macht Sie als Künstlerin aus? Wann geht das Feuer an?

Knöll: Ich kann das gar nicht erklären, wenn’s im Bauch kribbelt, wenn da Bilder losgehen, wenn ich Lust kriege diesen Text zu sagen und zu spielen. Lust ist eh fast alles. Die kommt manchmal ganz von selbst über einen und manchmal muss man sie erst suchen.

MM: Was mögen Sie gar nicht?

Knöll: Kaputte Rolltreppen. Wahnsinnig deprimierend.

MM: Lampenfieber?

Knöll: Furchtbar. Vor allem bei Premieren. Ich kriege alle Zustände, Schweißhände, Wallungen und alles. Langsam bin ich wenigstens auf den Proben nicht mehr ganz so nervös. Ich hatte anfangs großen Respekt vor den erfahrenen Kollegen … Da piepst man so ein bisschen scheu etwas Text vor sich hin und auf einmal kommt einem so richtig Bombe gleich etwas zurück, da war ich anfangs ganz fertig, positiv fertig. Mittlerweile hab ich schon ein bisschen mehr Routine. Seit meinem Einstieg in den Beruf, im Mai, habe ich jetzt etwa 40 Vorstellungen am Volkstheater gespielt … Und ja … langsam kommt das, worauf ich mich von Beginn an sehr gefreut habe und was man halt nicht lernen kann: Berufserfahrung. „Ein Traumjob“, um „Heimwärts“ zu zitieren.

MM: Im März kommt die nächste Premiere. Sie sind die Beatrice in „Viel Lärm um nichts“.

Knöll: Ja … die erste große Rolle. Ich freue mich sehr auf Regisseur Sebastian Schug, auf die Kollegen, mit denen ich bis jetzt noch nicht das Vergnügen hatte, auf die Shakespeare-Gaudi ganz generell. Aber jetzt soll erstmal das Neue Jahr kommen. Neues Spiel, neues Glück. Ich steh voll im Saft.

www.volkstheater.at

2. 1. 2018

Volkstheater: Verzicht auf „Homohalal“-Premiere

Februar 8, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlings-Diskurs „von Angst und Hass geprägt“

21726785770_2a2a5521ac_bDie Leitung des Volkstheaters hat beschlossen, das ursprünglich als letzte Premiere dieser Spielzeit im Haupthaus geplante Stück „Homohalal“ von Ibrahim Amir zu diesem Zeitpunkt nicht zur Uraufführung zu bringen. Dies wurde heute mit einer Aussendung mitgeteilt. Zitat: „Seitdem die große Fluchtbewegung aus Syrien und dem Irak Mitteleuropa unübersehbar erreicht hat, haben sich die Vorzeichen für eine Inszenierung von ,Homohalal‘ verändert. Der öffentliche Diskurs über Geflüchtete ist zur Zeit stark von Angst und Hass geprägt. In dieser Situation ist eine Dystopie – so vielschichtig und komisch sie im Fall von ,Homohalal‘ sein mag – kein geeignetes Mittel zur Auseinandersetzung über die Zukunft schutzsuchender Menschen in Österreich.“

Amirs Stück entstand 2013 und entwickelte ausgehend vom Refugee Protest Camp im Wiener Sigmund-Freud-Park und in der Votivkirche einen Ausblick in die Zukunft: Im Jahr 2033 begegnet sich eine Gruppe ehemaliger österreichischer und migrantischer Aktivisten wieder und es wird Bilanz gezogen. War es den einst Geflüchteten möglich, in Österreich Fuß zu fassen? Hat jemals eine Annäherung zwischen den privilegierten Unterstützern und den Geflüchteten stattgefunden? Ist man sich überhaupt auf Augenhöhe begegnet? „Amirs Antworten fielen kritisch aus und legten den Blick frei auf Tendenzen einer Gegenwart, die womöglich zu jener behaupteten Zukunft führen“, so das Volkstheater, das mit dem Autor weiterhin „in künstlerischer Verbindung“ bleiben will. Statt „Homohalal“ steht nun Neil Simons Stück „Brooklyn Memoiren“ auf dem Spielplan. Es spielt im Einwandererviertel Brooklyn Ende der 1930er-Jahre und „verhält sich“, so das Haus, „auf andere Weise zum Thema Migration“. Regisseur ist wie geplant Sarantos Zervoulakos. Premierentermin ist unverändert der 22. April.

In Unkenntnis des Textes von Ibrahim Amir sei trotzdem gesagt, dass es schade ist, dass das Volkstheater sich diese Chance zur erweiterten Diskussion entgehen lässt. Es scheint, als hätte auch das sonst von Anna Badora so mutig geleitete Haus beschlossen, sich in dieser Debatte, die mehr und mehr rechts überlassen wird, in die Verstummung zurückzuziehen. Es brauchte aber dringend Stimmen, die wie kürzlich der Philosoph Richard David Precht feststellen: 1. Wir müssen Flüchtlinge aufnehmen, weil wir gar nicht anders können. 2. Ich glaube, dass es dabei sehr viele Schwierigkeiten geben wird. 3. Wir werden es trotzdem tun. Und es ist annehmen zu wollen, dass sowohl Künstler als auch Publikum des Volkstheaters Amirs Text als Denkanstoß in diese Richtung nutzen hätten können.

Ibrahim Amir ist Kurde und wurde 1984 in Aleppo in Syrien geboren. Er studierte Theater- und Medienwissenschaft an der Universität Aleppo. Die Fortsetzung seines Studiums wurde ihm nach drei Semestern aus politischen Gründen verboten. Er kam 2002 nach Wien, wo er das Studium der Medizin aufnahm und auch erfolgreich abschloss. 2009 erhielt er den Exil-Literaturpreis „schreiben zwischen den kulturen“ für die Kurzgeschichte „In jener Nacht schlief sie tief”. Im Rahmen der Wiener Wortstaetten verfasste er die Ehrenmordkomödie “Habe die Ehre“. Sie wurde 2013 in der Inszenierung von Hans Escher uraufgeführt. Die Produktion wurde mit dem Nestroy-Preis in der Kategorie “Beste Off-Produktion” ausgezeichnet, das Stück seither an zahlreichen deutschsprachigen Theatern inszeniert. Sein jüngstes, im vergangenen November in Köln uraufgeführtes Auftragswerk „Stirb, bevor du stirbst“ bezeichnete die Kritik als sehenswerte, die Verhältnisse karikierende „Salafisten-Soap“.

www.volkstheater.at

Mehr zum Thema in Gerald Igor Hauzenbergers Filmdoku „Last Shelter“: www.mottingers-meinung.at/?p=16248

Wien, 8. 2. 2016