Albertina: American Photography

August 26, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Fotos als soziale Landkarte der Vereinigten Staaten

Joel Sternfeld: Staatlicher Campingplatz im Red Rock Park, Gallup, New Mexico, September, 1982. Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Courtesy Joel Sternfeld and Buchmann Galerie, Berlin 2021

Seit dieser Woche präsentiert die Albertina mit der Ausstellung „American Photography“ einen Überblick über die Entwicklung USamerikanischer Fotografie zwischen den 1930er und 2000erJahren.

Anhand der Werke von 33 Künstlerinnen und Künstlern werden essenzielle Strömungen vorgestellt, die den klassischen Motivkanon und fotografische Praktiken revolutionierten und bis heute weit über ihren Landesgrenzen hinaus wirkmächtig sind. Das Hauptaugenmerk der Arbeiten liegt auf der visuellen Vermessung der USA anhand

der Darstellung der Menschen und ihres Lebensumfeldes. Der oft durch alltägliche Begebenheiten visualisierte Mikrokosmos erlaubt Rückschlüsse auf USamerikanische  politische Zustände und soziale Verhältnisse der jeweiligen Zeit und hält das Land und seine Bewohnerinnen und Bewohner in all ihren Eigenheiten und Widersprüchen fest. Mehrfach gelingt es aus Europa eingewanderten Künstlerinnen und Künstlern, mit dem Blick von Außenseitern bisher unbekannte Aspekte wahrzunehmen und neue Impulse zu setzen.

Die Fotografinnen und Fotografen begegnen ihren Motiven unterwegs auf Roadtrips oder in den Großstädten, deren Dynamik sie in Schnappschüssen mit einer bis dahin unbekannten Unmittelbarkeit einfangen. Vermeintlich banale Insignien der Konsumkultur finden über die PopArt Eingang in doppelbödige Farbkompositionen. Nüchterne Dokumentationen und konzeptuelle Inszenierungen von zersiedelten Vorstädten zeigen menschliche Abgründe oder gescheiterte Wohlstandsträume. Sie stellen eine kritische Dekonstruktion des American Dream dar, die für viele der in der Ausstellung präsentierten Positionen kennzeichnend ist.

Die Ausstellung umfasst mit etwa 150 Werken viele der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen und Fotografen von William Eggleston über Diane Arbus bis zu Lewis Baltz und Gregory Crewdson. Sie speist sich aus den umfassenden Beständen der Albertina und wird durch Hauptwerke aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen der Welt ergänzt, jener von Trevor D. Traina, der auch als USBotschafter in Wien gewirkt hat.

www.albertina.at            Video: www.youtube.com/watch?v=X-088JYwlXU

26. 8. 2021

Nan Goldin: Jimmy Paulette auf Davids Fahrrad, NYC, 1991, 1991. Albertina, Wien – The Essl Collection © Nan Goldin. Marian Goodman Gallery | Bild: Peter Kainz

Garry Winogrand: Beverly Hills, California, 1978. Albertina, Wien © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco

Lee Friedlander: New York City, 1963. Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft © Lee Friedlander, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco, and Luhring Augustine, New York

Gregory Crewdson: Ohne Titel, 1998–2002. Albertina, Wien – The Essl Collection, Foto: Mischa Nawrata, Wien © Gregory Crewdson. Courtesy Gagosian

 

Streaming: American Gods, Staffel drei

Januar 13, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig

Shadow und Mr Wednesday unterwegs mit Betty the Barbarian: Ricky Whittle, Ian McShane und ein zum Wohnmobil mutierter Cadillac. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Seit 11. Jänner streamt Amazon die dritte Staffel der Starz-Television-Serie „American Gods“ nach der Vorlage von Neil Gaiman, jeden Montag eine neue der zehn Folgen, deren Anfang nun „A Winter’s Tale“ machte. Lange genug musste man drauf warten, hinter den Kulissen gab es Streit, bis „Dexter“- und „Dark Angel“-Mastermind Charles H. Eglee Jesse

Alexander als Showrunner ersetzte und Season 3 nach seinen Vorstellungen adaptierte. Die Story folgt Shadow, Ricky Whittle vor der Rache der Neuen Götter nun mit Haupthaar und Vollbart getarnt, der versucht, sich von den Machenschaften Mr Wednesdays loszureißen. Als Mike Ainsley verdingt er sich in Milwaukee als Stahlarbeiter, doch trotz seines trotzigen „Ich folge deinen Geboten nicht mehr“, erscheint der Allvater vor Ort, um ihn – im Wortsinn: Gott weiß warum – nach Lakeside, einem Kaff in the Middle of Nowhere von Wisconsin zu verfrachten.

[Spoiler – Im Weiteren wird sich der Odinssohn dort mit seiner eigenen Göttlichkeit auseinandersetzen müssen, viele Fans halten ihn ja für Balder, man weiß es nicht – eine spirituelle Reise, auf der ihn die Orishas aus der Heimat seiner Mutter begleiten … – Spoiler Ende]

Bis dahin chauffiert ihn Mr Wednesday mit der vom schnittigen Cadillac zum schäbigen Wohnmobil mutierten, da reinkarnierten Betty the Barbarian rund um den nomen-est-omen Spirit Lake. In der ersten Szene sieht man Ian McShane mit irritierend strahlenden Dritten, heißt: neuem Gebiss, angetan mit Wotans Walleumhang, beim Stagediving während eines Konzerts der Viking-Metal-Band „Blood Death“ – deren Leadsänger Johan Wengren kein Geringerer als Marilyn Manson ist. Ein nordischer Musikberserker mit der AC/DC-Parole „Let There Be Blood“, der bei Gaiman nicht vorkommt, und aus dessen Shows Mr Wednesday Kraft schöpft.

Die Welt wird weiblich …: Dominique Jackson als Ms World. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

… kann bei Bedarf aber auch als Mann inkarnieren: Danny Trejo. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Blythe Danner als Göttin Demeter mit „Shadow“ Ricky Whittle. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Für die immer noch ausstehende Schlacht mit den „Parasiten der menschlichen Selbstzerstörung“, mit deren Vollzug es auch für Odin und Konsorten mit der Verehrung Essig wäre, den Neuen Göttern also, deren Reihen um so illustre Namen wie „Viral“ und „Trending“ erweitert wurden. Die globalisierte Welt ist höchst zeitgemäß eine weibliche Person of Color, Dominique Jackson als Ms World noch mächtiger, noch gefährlicher, noch gewalttätiger, die sich in Gestalt von Danny Tejo aber auch als Mann zeigen kann.

„American Gods 3“ ist unverändert grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig. Das verschmitzte Schlitzohr und der mürrische Sohnemann sind, alldieweil Ms World mit „Technical Boy“ Bruce Langley und der ihm verpflichteten Königin von Saba, Yetide Badaki als Bilquis, an ihren sinistren Plänen zur Unterwerfung der Menschheit werkt, unterwegs zu Whiskey Jack – ideal besetzt mit All-Time-Indianer und Kind der irokesischen Oneida Graham Greene. Er natürlich in Wahrheit der Gott Wisakedjak, der Kranich Manitu, und wie alle Götter auf Wednesday nicht gut zu sprechen. Haben doch dessen Gläubige, siehe Leif Eriksson, weiland die seinen abgeschlachtet.

Marily Manson als Johan Wengren, Sänger der Viking-Metal-Band „Blood Death“. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Laura und Mad Sweeney teilen sich ein Leben: Emily Browning und Pablo Schreiber. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Salim muss ohne seinen Dschinn auskommen: Omid Abtahi (re.) mit Mousa Kraish. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Graham Greene (li.) als Whiskey Jack aka Wisakedjak, der Kranich Manitou. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Whiskey Jack hat ergo kein Interesse am Kampf, umso mehr an Wednesdays bestem Kämpfer Shadow, in den surreal-schönen Bildern eines Zauberwalds fordert er ihn auf (erster Hinweis!) sein Schicksal zu erforschen und seine Mission anzunehmen, dazu der bewährte Country-Soundtrack von Nelson, Strait, Cash & Young. Und apropos, Wednesday: In Zeiten von „Fridays for Future“ wird es Zeit für den Auftritt von Demeter, Blythe Danner als griechische Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides, der Saat und der Jahreszeiten, die Hüterin von Wald und Flur und – welche Schönheit denn nicht? – eine ehemalige Odin-Geliebte.

An Menschen neu ist Ashley Reyes als Wednesdays „Verlobte“ Cordelia, Eric Johnson als Lakeside-Sheriff Mulligan und Julia Sweeney ebendort als Gemischtwarenladenbesitzerin. Die untote Laura Moon, Emily Browning, muss sich mit dem mausetoten Mad Sweeney, Pablo Schreiber, herumschlagen, der ja Odins Speer Gungnir, mit dem sie diesen niederstrecken will, kurz vorm Sterben in seinem geheimen Hort versteckt hat; Salim, Omid Abtahi, sich ohne seinen Lover-Dschinn durchschlagen, da Mousa Kraish ebenso seinen Job verlor, wie „Mr. Nancy aka Gott Anansi“ Orlando Jones.

Darüber gab’s in den Social Media allerhand böse Posts, die Fans entsetzt, dass zwei ihrer liebsten Stars aus dem Cast gestrichen wurden, Starz erklärend, dass diese Charaktere abgespielt seien – für Jones „die eindeutig falsche Botschaft ans afroamerikanische Publikum“, hinsichtlich Kraish in diesem Sinne keine frohe fürs nahöstliche und die LGBTQ-Community. Mit Rapper Wale als Orisha Chango und Herizen Guardiola als Yoruba-Göttin Oshun geht es nun weiter. Nächste Folge am 18. Jänner, Titel frei nach David Bowie: „Serious Moonlight“. Staffel eins und zwei sind ebenfalls via Amazon abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Vb8QUqvhWk           www.starz.com/us/en/series/31151          www.amazon.de          Leitfaden für Einsteiger: www.youtube.com/watch?v=-d0XXPkm9Ts

BUCHTIPPS: Neil Gaiman, „Nordische Mythen und Sagen“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704, Neil Gaiman: „Der Ozean am Ende der Straße“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704

  1. 1. 2021

Larry Beinhart: American Hero

September 26, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Buch zur US-Wahl: Wag The Dog – reloaded

Die Filmsatire mit Dustin Hoffmann und Robert De Niro kennt man, „Wag The Dog“ aus dem Jahr 1997, da war Bill Clinton US-Präsident, Operation Desert Fox und Monica Lewinsky noch ein bisschen hin – und das Demokraten-freundliche Hollywood nicht wirklich gewillt, seinem Kandidaten auf die Füße zu treten. Herauskam also eine vergnügliche schwarze Komödie über Macht und Medien und ein Staatsoberhaupt in Sex-Nöten. Brillant, zweifellos.

Aber: The Times They Are a-Changin‘, per 3. November bedroht Donald Trump die Welt damit, wiedergewählt werden zu wollen, und der Westend Verlag nahm dies zum Anlass, Larry Beinharts Roman und sehr frei verwendete Filmvorlage „American Hero“ 27 Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe neu aufzulegen. Ein in jeder Hinsicht starkes Buch, von Beinhart versehen mit neuem Vorwort, dem neuen Schlusskapitel „Verschwörung“ und beachtlichen 30 Seiten Anmerkungen, Fußnoten, Erläuterungen, Hintergrundinformationen und Beinharts Reflexionen übers Selbstverfasste.

To cut a long story short: Gegen die Urfassung ist die Leinwandadaption ein Ausflug auf den Ponyhof. Beinhart – Nomen est omen. „Die Wahrheit zu sagen ist harte Arbeit. Und wird schlecht bezahlt. Und oft will sie niemand wissen“, sind die ersten Sätze des Journalisten und Autors, bevor er die Leser im Michael-Moore-Modus über die Person John Yoo aufklärt, einst jener Justizminister unter George W. Bush, dessen Memoranden die Anwendung von Folter rechtfertigten, Guantanamo, Abu Ghraib und diverse Black Sites, nunmehr Autor von Gastkommentaren wie dem in der New York Times: „Hütet euch vor einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump.“

„Wir leben in einer Welt mit zu wenig Wahrheit und zu vieler institutionalisierter Lügen. Das wiederum hat den Weg bereitet für Donald Trump, Boris Johnson, Viktor Orbán und ihresgleichen“, schreibt Beinhart. Und dies Andocken ans Topaktuelle ist wichtig, denn der politische Antiheld des Buches ist George Bush senior, der zum Ende der Amtszeit Nr. 51 um die Nr. 52 bangt. Die Umfragewerte des 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten sind im Sturzflug, die Wiederwahl in Gefahr, der smarte Billy schon an der Schwelle zum Weißen Haus – und in der gemeinsamen Schlafkabine der Air Force One zeigt Außenminister Jim Baker seinem BFF „Bushie“, was er für einen schlechten Scherz hält. „Es war der Beginn einer zotigen Geschichte. Beide mochten sie Zoten“.

Die Obszönität ist ein letzter Brief des am Gehirntumor dahinsichenden Politberaters Lee Atwater, Macher von Ronald Reagan und George Bush senior und Mentor von Jim Baker und George W., und was er Bushie senior als Notfallplan vom Sterbebett aus vorschlägt, ist nichts Geringeres als ein Krieg. Ein Krieg als Medienereignis, ein siegreicher selbstverständlich, „den Amerika lieben kann – im Fernsehen“, geführt nicht von Generälen, sondern von einem Filmregisseur: „Zieh in den Krieg. Das ist die klassische Antwort auf unlösbare Probleme im Inland.“ Ein Schelm, wer nun an der Bushens liebsten Gegenspieler, den Irak, denkt, der im Roman tatsächlich seine Rolle bekommen wird, und auch wenn in den Trump-USA „nur“ rundumschlagende Verbalattacken und diese hierzulande gegen Asylwerber et al geritten werden, klar ist: ein Feindbild fürs Stimmvolk muss her.

So weit, so „Wag The Dog“. Der Dummie im Seehund-Pyjama, der Trumpisch lamentiert, dass ihm kein Respekt erwiesen werde, ist erst entsetzt, sieht bald aber: „Extremismus bei der Verteidigung hoher Werte ist keine Untugend.“ Schnitt. Und ein Wechsel der Schrifttypen von Böse zu Gut. Denn die beinhart erzählte Realsatire ist auch ein Krimi noir mit einem abgefuckten Privatdetektiv als Ich-Erzähler, ein Vietnamkriegsveteran, der sich in eine Love Story mit einem Hollywood-Vamp verstrickt, Joe Broz ♥ Magdalena Lazlo, „Maggie“, das ist wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, und hervorragend ist, wie Beinhart zwischen seinen Parallelerzählungen im Tonfall wechseln kann,

Zum Ganzen kommt’s, weil der Star wissen will, was es mit einem aus fadenscheinigen Gründen abgesagten Filmprojekt mit ihr in der Hauptrolle auf sich hat, und warum sie seit ihrem Nachfragen von unbekannt in Furcht versetzt und eingeschüchtert wird. Der Leser weiß es mittlerweile, Regisseur John Lincoln Beagle wurde von oberster Stelle abgezogen, um sich dem größeren Projekt „Krieg“ zu widmen. Großartig ist nicht nur Beinharts enormer Rechercheaufwand, die Fakten, mit denen er seine Fiktion – wenn’s denn eine ist, erdet. Er entwirft ein Sittenbild der USA seit 1898, seit „Tearing Down the Spanish Flag“ von Blackton und Smith, malt es zum opulenten Schlachtengemälde aus, und verknüpft seine Heerschar an Nebenfiguren an ihren Nebenschauplätzen zum amerikanischen Quilt.

Strahlende Hollywood-Galas, düstere Spelunken, unglamouröse Bespitzelungen, Schauspiel- und Doppelagenten, Studiobosse, Namedropping ohne Ende – am schönsten ein Party-„Platoon“-Gespräch mit Tom Berenger, der Joe als „echt“ erkennt und von Maggies neuem Lover und „Manager“ hingerissen ist, fabelhafte Charaktere wie Maggies mürrische irische Haushälterin Mrs. Mulligan, Joes afroamerikanischer Frontfreund Steve und dessen halbwüchsiger Maggie-Fan-Sohn Martin, von Beinhart beißend o-tönend hingerotzte Klatschkolumnen und Politanalysen, Unterkapitel mit der Überschrift „Propaganda“.

Bild: pixabay.com

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Die WASPs, die Skull and Bones, die Golf spielenden Golfkriegsbetreiber, ein ganzes Geheimdienstgeschwader aus Bushs CIA-Zeiten, Panama-Intervention, Stichwort: Noriega, von den USA erst gemacht, dann gestürzt, der US-Sparkassenskandal von 1990, damals noch „die größte Pleite der Weltgeschichte“ genannt und George W. mutmaßlich darin involviert, texanischer Südstaatenspirit vs Denkmalstürmer, Skrupellosigkeit, Präpotenz, Geschichtsunwissenheit, Geschichtsklitterung – es ist eine Farce, die bis ins Heute reicht.

Von mehreren Seiten und einander immer wieder in die Quere kommend wird um John Lincoln Beagle ein umfassender Überwachungsapparat aufgebaut, der zum Schutz seiner neuen Aktivität auch vorm Äußersten nicht zurückschreckt, was seine Sekretärin Kitty zwar knapp überlebt, seinen Videothekar Teddy Brody allerdings zum Kollateralschaden macht. Alldieweil arbeitet Beagle am politisch Problematischen. Wer könnten die Schurken, der Schurkenstaat sein? „Vielleicht waren Terroristen die Lösung … Die Terroristen waren meistens Araber … Die Terroristen waren meistens Moslems. Die reaktionären Kräfte des Aberglaubens und der Unterdrückung des Ostens … Szenario: Der Präsident wird von Terroristen gekidnappt … Das Land zur Hysterie aufpeitschen … Wenn sie sich in Libyen verstecken, marschieren wir in Libyen ein. Syrien. Dann Syrien … Christen gegen Moslems! Voilà – Titel des Projekts: Die Kreuzzüge.“

Wie gesagt, eine literarische Farce – wenn’s denn eine ist. Wie viele sich todernst nehmende Filme in der Art es doch gibt: „White House Down“, „Air Force One“, „Olympus Has Fallen“, sogar Ben Kingsley in „Iron Man 3“ als Terroristen-Darsteller Trevor alias Mandarin. Sorgen um billige Statisten und teure Spezialeffekte hat Beagle nicht, sein Krieg wird wirklich sein, weiß er, „Menschen würden dabei sterben. Die Vorstellung erfüllte ihn mit einem Gefühl von Macht, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.“ Und während Beinhart die Beziehung von Joe und Maggie zunehmend in den Filmeinstellungen eines Romantic Dramas schildert, und Joe endlich auf die Gleichung „John Lincoln Beagle arbeitet an einem Kriegsfilm minus Niemand wird für einen Film ermordet ist gleich John Lincoln Beagle arbeitet an einem Krieg“ kommt, der Leser längst auf dem Wissenstand eines Sachbuchs ist, fallen herrlich gruselige, zum Lachen, wenn’s nicht so wäre – Sätze:

„Auf den Krieg“, sagte Bush. „Auf einen guten Krieg.“ „Eines wüsste ich gern“, sagte Baker. „Gegen wen ziehen wir in den Krieg?“ „Ich weiß nicht. Das ist noch in Entwicklung.“ / „Amerika braucht einen Krieg, um sich daran zu erinnern, wie es ist zu siegen. Die nächste Generation muss in der Schlacht geprüft werden, muss siegen und weitermachen, mit Zuversicht und Stolz.“ © Medienmogul David Hartmann. Man kreiert ein Szenario à la Super- bowl, Phase des Anheizens, Play-offs, reingehen, den Feind schlagen, heimkehren, Siegesparade. Und weil die USA so wirklich siegreich nur im Zweiten Weltkrieg waren, soll ein zweiter Hitler aus dem Hut gezaubert werden.

„Das Schlachtfeld sollte im Nahen Osten oder in Nordafrika sein, sagte Beagle und erläuterte wieso. Dort gäbe es eine anständige Auswahl von Hitlers: Muammar al-Gaddafi, Hafiz alAssad, Saddam Hussein, Rafsandschāni oder – auch das muss man in Erwägung ziehen – ein neuer Ayatollah.“ „… genau, Saddam Hussein. Er ist ein Freund von mir“, sagte der Präsident verschmitzt. „Wir können zu Saddam Hussein sagen: ,Wie wär’s, wenn du z.B. Kuweit besetzt – du wirst in der arabischen Welt wie ein Held dastehen, so groß wie Hitler.‘ Dann gibt es Krieg, und möge der Beste gewinnen. Er mag einen guten Kampf.“ Deckname der Militäroperation: American Hero. Der Krieg, ein Medienrauschen, das wie ein zäher Brei alle Wahrheit erstickt.

Ein Wahlkämpfer, der andere der Fake News bezichtigt, während er selbst auf alternative Fakten setzt. Das ist so gut, das kann kein hardboiled Thriller erfinden. Larry Beinharts Abhandlung darüber, wer wen in der Hand hat, und wie Deutungshoheit die Machtverhältnisse bestimmt, ist das Buch zur Stunde. „Dies ist eine frei erfundene Geschichte“, endet Beinhart sein Buch, um dann eine Liste von 39 Ungereimtheiten anzufügen. Ob’s für Joe Broz – seine Name übrigens, das sei hier noch erwähnt, von Josip Broz Tito inspiriert – und Magdalena Lazlo ein Happy End gibt? Daumen drücken! Ebenso Wien am 11. Oktober und der Welt am 3. November.

Über den Autor: Larry Beinhart, geboren 1947, wuchs im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf und lebt heute in Woodstock. Er arbeitet derzeit als Journalist für den englischsprachigen Ableger von Al Jazeera und hat 2015 einen neuen Roman geschrieben: „Zombiepharm“, eine ausgesprochen witzige und kluge Satire auf das öffentliche und private Erziehungs(un)wesen nicht nur in den USA. Manipulation, PR, Propaganda in Wirtschaft und Politik sind als Themen all seiner Bücher stets im Hintergrund präsent.

Westend Verlag, Larry Beinhart: „American Hero“, Roman, 458 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Peter Torberg und Jürgen Bürger.

www.westendverlag.de          Aktueller Kommentar von Larry Beinhart: www.westendverlag.de/kommentare/krieg-als-inszeniertes-medienereignis

BUCHTIPP zum Thema: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 oder wie der Observer schrieb: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

  1. 9. 2020

A Good American

März 16, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Whistleblower sagt, er hätte 9/11 verhindern können

Bill Binney. Bild: A Good American

Bill Binney. Bild: A Good American

Sympathisch ist das alles nicht. Daran können auch die eingestreuselten Bilder von Waldvögeleins und Eichhörnchen nichts ändern. Da sitzt ein Mann im Rollstuhl und ist ein echter Patriot. Ein US-Patriot, wohlgemerkt. Er sagt Sätze wie „Bitte nie um Erlaubnis, sondern um Vergebung, wenn du musst.“

Und erklärt, er hätte die Privatsphäre jedes amerikanischen Bürgers geschützt. Über andere – kein Wort. Die Welt ist ein Dorf, wenn man auf ihrer richtigen Seite sitzt. Bill Binney war einmal das Mastermind des NSA. Ein Analyst, ein genialer Crypto-Mathematiker und Code-Breaker, ein Algorithmenmagier. Ein Spion. Das Pfui-Wort kommt natürlich nicht vor in der Filmdokumentation des Oberösterreichers Friedrich Moser mit dem Titel „A Good American“. Sie ist ab 18. März in den heimischen Kinos zu sehen. Und ihr großes Verdienst ist es, einen inside Geheimdienst schauen zu lassen. Man erfährt Haarsträubendes über die Eigenmächtigkeiten der NSA, über Splittergruppen innerhalb der Agency, und wie sie die politisch Verantwortlichen blöd aus der Wäsche schauen lassen. Während eine fröhliche und vor allem finanzstarke Packelei mit Privatfirmen über unser aller Sicherheit wacht. Oder: uns alle sicher überwacht. „A Good American“ ist ein aufschlussreicher Film, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen mag. Die Doku ist Politthriller und Psychogramm eines Whistleblowers. Denn vieles, was Binney und seine Kampfgefährten von sich geben, ist selbstentlarvend. Moser bleibt den ganzen Film über angenehm zurückgelehnt; er stellt dar, er wertet nicht. Und er wertet nicht aus.

Was ohnedies Binneys Aufgabe war und ist. Der Problemlöser von Staatsgnaden hat jetzt die eigene Regierung im Nacken. Sorry, liebe Sam Adams Associates for Integrity in Intelligence, aber sympathisch ist das alles nicht. Bill Binney ist ein kalter Krieger, den „Sowjets“ seit dem Prager Frühling auf den Fersen. Ein Beispiel für amerikanisches Wissen und Nichtstun von der Tet-Offensive über Afghanistan, einem Konflikt, den man erfolgreich den Russen vererbt hat, bis zu 9/11. Binney sagt, niemand wollte von ihm etwas hören, über den „Kameltreiber, der in der Wüste mit dem Koran rumfuchtelt“. Dabei hätte er den Anschlag auf das World Trade Center verhindern können. Die gewissermaßen Gegenseite Binneys kommt nicht zu Wort. Michael Hayden, Maureen Baginski, etc. hätten auf Interviewanfragen nicht geantwortet, heißt es. Doch auch mögliche andere Quellen außerhalb des inneren Kreises des Protagonisten, Gespräche abseits derer mit Ed Loomis, Kirk Wiebe oder Diane Roark, hätten dieser Doku Gewicht verliehen. So bleibt … es zu glauben …? Bill Binney entpuppt sich als aus dem selben Holz geschnitzt, wie der Staat, der den nunmehrigen Whistleblower verfolgt. Er sieht sich als erster Weltenwächter und gleichzeitig als erstes Opfer von eigentlich eh allen. Das in seiner Paranoia gleichgeschaltete Hollywood beweist ja nicht umsonst monatlich, dass sämtliche Schurken dieser Erde ausschließlich dem US-Präsidenten ans Leben wollen.

„Einer der Hauptgründe, warum wir in Kriege schlittern sind Fehler der Regierenden. Weil sie entweder falsch oder gar nicht informiert sind“, sagt Binney. Für diese Informationen wollte er sorgen. Mit einem Datensammlungs- und Analysesystem namens ThinThread wollte der Mann mit dem ausgewiesenen bullshit-Radar die Bösewichte in den Kommunikationsnetzwerken finden. Heißt: In beinah Echtzeit die gesamte kommunizierende Bevölkerung überwachen, zweieinhalb Milliarden Telefonanschlüsse, in denen Muster menschlichen Verhaltens untersucht und interpretiert hätten werden sollen. Aber keine Angst, so die Doku, alles nur eine Metadatenanalyse. Es sei nicht um Inhalte, sondern um Vernetzungen gegangenen, also wer mit wem, aber nicht worüber. Man hätte nur das Muster, den Fingerabdruck des digitalen Verhaltens von Verdächtigen gesucht. Die „Unschuldigen“ wären weggefiltert worden, für die Aufdeckung von Identitäten hätte es einer richterlichen Verfügung bedurft. Schöne neue Welt. Das kann man … glauben …? Dass Binney in der Agency „großer Satan“ genannt wurde, hatte nichts mit ethischen Bedenken zu tun, sondern damit, dass die Kollegen befürchteten, ihre Schnüfflerjobs an eine Maschine zu verlieren.

Mag sein, dass für den Strukturensucher Binney das Individuum nur ein Punkt auf einer Zeitlinie ist. SMS, Mail, ein Anruf, Kreditkartengebrauch, jede Handlung nur ein Punkt auf einer Zeitlinie. Nachvollziehbar, verfolgbar, bis ins Privateste. Den Reinen ist alles rein, steht in der Bibel. Und Binney ist zweifellos überzeugt von der Reinheit und Schönheit von Zahlen. Atemlos liest man die weltweiten Rezensionen dieser Doku, wenn einem selbst die Begeisterung fürs Ausgeforschtwerden durch Geheimdienste und andere demokratiepolitisch hirntote Illuminaten fehlt. „Als alle begannen, über die böse NSA herzuziehen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und die Amerikaner auszubuhen, sagte ich mir – Moment einmal, ganz so einfach ist das sicher nicht! Als ich 1988 meinen Militärdienst leistete und wir die Rote Armee an unseren Grenzen hatten, waren wir da nicht alle froh gewesen, dass die NSA in unseren Horchposten saß und die Sowjets ausspähte?“, heißt es im Regiestatement von Friedrich Moser. Es ist ein weiterer Verdienst seines Films, der sich in weiten Teilen mit einem Computerprogramm und dessen Funktionsweise befasst, diese technischen Prozesse anschaulich und unter weitgehendem Verzicht auf den Fachjargon darzustellen.

Es kam, man weiß es, anders. Es kam das teure Trailblazer-Programm. An dem sich, so wird im Film argumentiert und Maureen Baginski mit dem Satz „9/11 ist ein Geschenk an die NSA“ zitiert, wieder etliche bereichern konnten. Trailblazer, das Schlüsselwörtersystem, öffnete alle Schleusen zur Speicherung und Totalüberwachung. Das Ausmaß ist größer als je gedacht, weiß man seit Edward Snowden. 2007 stürmte eine Gruppe von bewaffneten FBI-Agenten Binneys Wohnung; er berichtet, dass „die NSA und das FBI damals Anklagepunkte gegen meine Kollegen und mich fingierten, sodass sie einen Haftbefehl bekamen.“ ThinTread wird in der Doku als von der NSA vernichtet bezeichnet. Binney sagte als erster Zeuge vor dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss aus. Der Saulus als Paulus. Moser sagt, für ihn sei „A Good American“ in erster Linie ein Film über Moral. Eine dänische Filmzeitschrift schreibt: „The message is scary: NSA monitors to make money – not to protect.“ Über die Moral von der Geschichte sagt „A Good American“ aber nichts – weder aus dem einen, noch aus dem anderen Grund, überwacht werden mag ich nicht.

www.agoodamerican.org

Wien, 16. 3. 2016

Theater an der Wien: American Lulu

Dezember 4, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Olga Neuwirth schreibt Alban Berg neu

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Szene mit Marisol Montalvo (als Lulu), Jacques-Greg Belobo (als Clarence, vorne) und Ensemble
Bild: Iko Freese/drama-berlin.de

Alban Berg hinterließ 1935 Lulu ohne den dritten Akt. Friedrich Cerha durfte 1979 auf der Basis von Bergs Skizzen eine „vollständige“ Version konstruieren, die bislang die einzige Möglichkeit darstellte, das Stück ganz zu erleben. Seit 2005 sind die Rechte an Bergs Musik frei und die Komponistin Olga Neuwirth beschloss, einen neuen weiblichen Blick auf die „mythische Frauengestalt“ zu werfen. Um den Geschehnissen mehr gesellschaftspolitische Relevanz zu verleihen, versetzte sie Lulus Schicksal in das Amerika der 1950er und 1970er Jahre. Neuwirths Lulu ist schwarz. Zum Thema der Frauendiskriminierung tritt das der Rassendiskriminierung dadurch hinzu.

Premiere ist am 7. Dezember.

Im New Orleans der 1950er Jahre hat Dr. Bloom die schöne junge Schwarze Lulu aus der Gosse geholt und zu seiner Geliebten gemacht. Er möchte sich jedoch nicht zu ihr bekennen und verheiratet sie an einen Professor. Als sie diesen mit einem Fotografen betrügt, stirbt der Professor an einem Schlaganfall. Auch die anschließende Ehe mit dem Fotografen endet für den Gatten tödlich: Er erschießt sich, als er das Verhältnis Lulus zu Bloom durchschaut. Danach gelingt es Lulu, Bloom zu heiraten, denn nur ihn glaubt sie wirklich zu lieben, aber auch ihn betrügt sie. Im daraus entstehenden Streit erschießt sie Bloom und muss ins Gefängnis.
Auch Frauen verfallen Lulus Charme: Die Sängerin Eleanor liebt sie und befreit Lulu unter großen persönlichen Opfern aus dem Gefängnis. Mit Blooms Sohn Jimmy flieht Lulu nach New York. Dort arbeitet sie bis in die 1970er Jahre erfolgreich als Luxuscallgirl, aber in ihr sterben alle Gefühle ab. Als auch Eleanor sie verlässt, sieht sich Lulu allein den Konsequenzen ihres Berufs ausgeliefert.

Zur Heldin wird in Neuwirths Oper neben Lulu die zweite weibliche Figur Eleanor, Bergs Gräfin Geschwitz. Verkörpert wird diese von der texanischen Bluessängerin Della Miles, die unter anderem neben Whitney Houston und Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne stand. In der Titelrolle ist Marisol Montalvo zu erleben, die mit ihrer explosiven Bühnenpräsenz und gesanglichen Stärke in der Titelpartie von Bergs Lulu unter anderem das Opernpublikum der Opéra national de Paris begeisterte. Die musikalische Leitung übernimmt der Komponist und Dirigent Johannes Kalitzke, ein herausragender Künstler in Sachen Neuer Musik, der zuletzt mit der Uraufführung seiner Oper Die Besessenen (2010) am Theater an der Wien zu erleben war. Es spielt bei diesem Gastspiel das Orchester der Komischen Oper Berlin. Gesamtkonzept und Neuinterpretation von Alban Bergs Oper „Lulu“ von Olga Neuwirth (2006-2011);  Regie und Ausstattung: Kirill Serebrennikov.

www.theater-wien.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=FMalfG3w8eQ&list=UUX6c0PHxisw54HEz7UG0XHg

Wien, 4. 12. 2014