Academy Awards Streaming: One Night in Miami

April 14, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Regina Kings Regiedebüt ist nominiert für drei Oscars

Kingsley Ben-Adir als Malcolm X, Aldis Hodge als Jim Brown, Eli Goree als Cassius Clay und Leslie Odom Jr. als Sam Cooke. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Für ihren ersten Kinospielfilm vereint Regisseurin Regina King vier Männer, die im Kampf gegen Rassismus in den USA Geschichte machten: die Boxlegende Cassius Clay aka Muhammad Ali, Bürgerrechtskämpfer und lange Zeit Nation-of-Islam-Frontman Malcolm X, NFL-Superstar Jim Brown und „Father of Soul“ Sam Cooke. Nach 57 Auszeichnungen und 177 Nominierungen empfiehlt sich das ins Programm von Amazon Prime Video aufgenommene Drama

„One Night in Miami“ jetzt auch für die Oscars. Nominiert sind Dramatiker Kemp Powers für das Beste adaptierte Drehbuch – nach seinem 2013 uraufgeführten Theaterstück, Leslie Odom Jr. für seine Verkörperung des Sam Cooke als Bester Nebendarsteller und Leslie Odom Jr. gemeinsam mit Sam Ashworth für den Besten Filmsong – „Speak Now“, der im Abspann zu hören ist. Hier noch einmal die Kritik vom Jänner:

Die Nacht, in der aus Cassius Clay Muhammad Ali wurde

Vier Afroamerikaner eines Nachts in einem spärlich möblierten Zimmer des Hampton House Motels in Miami, no Sex, no Drugs, no Rock’n’Roll, nur wie zum Hohn eine Packung Vanilleeis im Eiskasten. Eine Enttäuschung für Cassius Clay, der eben im Miami Beach Convention Center – unter Buhrufen einerseits und „I shook up the world!“ und „I am the greatest!“-Skandieren seinerseits – durch einen unerwarteten Sieg über Sonny Liston neuer Schwergewichts-Box-Weltmeister geworden ist.

Frustrierend für Sam Cooke, dessen Show im New Yorker Nachtclub Copacabana das ressentimentgeladene weiße Publikum erst kürzlich fluchtartig verließ, was den sonst so souveränen Soulisten derart aus der Fassung brachte, dass er über den Mikroständer stolperte …

Ein neuerlicher Dämpfer für Jim Brown, dessen Ausflug zu seinem Sponsor Mr. Carlton in Georgia, ganz kurz und sehr jovial: Beau Bridges, damit endete, dass dieser trotz des Lobs über seines Schützlings sportliche Erfolge und der Zusicherung jeder Art von Kooperation erklärte: „Du weißt ja, wir lassen keine Neger ins Haus“. Dies mit einer Selbstverständlichkeit, als handle es sich um eine Hausregel wie Schuhe ausziehen, die Rassentrennung so verinnerlicht, dass sie Carlton selbst gar nicht negativ auffiel. Ruhm, Repräsentationspolitik und Rassendiskriminierung, es nimmt einem den Atem …

Die frugale Feier ausgerichtet hat Malcolm X, der die Freunde zum Gespräch, zum Nachdenken, nicht zu einem Gelage einladen will, und – da hatte er sich bereits mit Nation-Leader Elijah Muhammad wegen Vorwürfen der Bereicherung, Sexaffären, der Korruption und eines „Lifestyles wie ein Pharao“ überworfen – der mit Champ Cassius weiterführende Pläne hat.

Die Nacht ist die des 25. Februars 1964, und das Treffen der vier tatsächlichen Freunde gab es wirklich, was allerdings gesprochen wurde, da beginnt die Fiktion. Der afroamerikanische Dramatiker Kemp Powers imaginierte die Gespräche für sein 2013 uraufgeführtes Theaterstück „One Night in Miami“. Für Filmregisseurin Regina King hat er seine „Momentaufnahme eines entscheidenden Augenblicks in der afroamerikanischen Geschichte mit weitreichenden Auswirkungen auf die Gesellschaft“ [© Zitat Powers] nun als Drehbuch adaptiert. Nach Corona-bedingt abgebrochenem Kinostart wurde das Drama ins Programm von Amazon Prime Video aufgenommen.

Was Regina King und Kamerafrau Tami Reiker mit dem scharfsinnigen Drehbuch gemacht haben, in dem sich alles um die Frage: das System unterwandern und von seinem Zentrum aus oder in der offenen Konfrontation bekämpfen?, ist auch dank der beiden visuellem Selbstvertrauen ein kluges und vielschichtiges Kammerspiel. Von Rückblenden zum Boxring, von mondänen Miami-Bildern zum Molotowcocktail. King weiß, was sie will, wenn sie ihre Protagonisten beim funzeligen Licht der schäbig-braunen Bude zusammenbringt: Sie will sie reden lassen und dass man ihnen zuhört, ihnen zuschaut, wie sie einander anblicken, wie sie aufeinander reagieren.

Sie will die Komplexität dieser „schwarzen Berühmtheiten“, die alle am Scheideweg ihres Lebens und ihrer Karrieren stehen, in ihrem gedanklichen Tiefgang, manche auch am Tiefpunkt zeigen. Ihre Innenperspektive auf die „schwarze Identität“, ihre illusionslose Sicht auf die persönliche und der anderen Situation und ihre Zweifel an den eigenen und der anderen Möglichkeiten. Ihre Unterschiede und Differenzen, ihre Sexyness, ihren Stolz, ihre Streitereien, ihre Ahnung vom gesellschaftspolitischen Gewicht, das ihnen bisweilen zukommt – und eine beinah prophetische Traurigkeit übers Scheitern und – den Tod.

Regina King und Eli Goree bei den Dreharbeiten. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Sam Cookes Show im Copacabana geht schief: Leslie Odom Jr. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Jim Brown machen die Streitereien immer ärgerlicher: Aldis Hodge. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Malcolm X hat eine Vorahnung seines Todes: Kingsley Ben-Adir. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Auf die eine oder andere Weise ist jedem der vier klar, dass sie lediglich die Clowns, die Spaßmacher, die Entertainer des weißen Publikums sind, geduldet nur so lange ihre Performance passt; und Ironie des Schicksals ist, dass Sam Cooke, der sich hier mit Malcolm X in der Causa Sich-den-Weißen-Andienen am heftigsten in die Haare kriegt, ein Jahr vor dem Aktivisten ermordet wurde. 1964 im Hacinda Motel in Los Angeles, von dessen Managerin unter bis heute ungeklärten Umständen, Malcolm X 1965 während eines Vortrags in New York, erschossen von drei Attentätern wegen seiner Kritik an Elijah Muhammad.

Noch aber ist alles eitel Wonne. Man sieht Malcolm X mit „Bruder“ Cassius beim Gebet, ein kleines Störgeräusch sind vor der Tür die beiden Leibwächter, Christian Magby als gutgelaunter Autogrammjäger Jamaal und Lance Reddick als gestrenger Gott-ist-groß-Bruder Kareem X. Dass die Investoren sauer sind, weil sich der Champ den „Demagogen“ zur spirituellen Unterstützung geholt hat, kann die Harmonie nicht trüben. Jimmy, eingesetzt als Co-Kommentator am Ring, wird bald zu Cassius Sparringpartner in Sachen Großmäuligkeit werden, Sam zum Entsetzen Malcolms den Flachmann aus dem Gitarrenkoffer zaubern.

Es amüsieren sich vier Charaktere, die unterschiedlicher kaum sein könnten und dennoch Buddies for Life sind, das lockere Mundwerk, der Tonfall zwischen ihnen ist entsprechend humorvoll hänselnd. „Nur weil ich ,militant‘ bin, heißt das nicht, dass ich nicht weiß, wie man sich’s gutgehen lässt“, feixt Malcolm unter Gelächter übers entdeckte Vanilleeis. Als Cassius Clay, dem „kein Rassist was anhaben kann, weil ich ein Sieger bin“, Brown foppt, warum er der Nation nicht beitrete, wehrt der ab mit: „Kennst du die Schweinekoteletts meiner Groß- mutter?“ Vom Feinsten auch Cookes Spruch: „Alle wollen ein Stück vom Kuchen, ich nicht, ich will das Rezept.“

Doch spätestens als Malcolm ausgerechnet den NFL-Runningback angreift, der den subtilen Football-Rassismus stets mit sprödem Wesen, schnoddrigem Charakter und brutaler Aufrichtigkeit kontert, weil Jim jüngst auf Filmschauspieler macht, wo er doch nur die „schwachen Opfer“ zu spielen bekäme, kippt die Stimmung.

Regina King, selbst Schauspielerin und Oscar-prämiert für ihre Rolle der Sharon Rivers in James Baldwins „Beale Street“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32324), versteht es, jedem Einzelnen in ihrem Ensemble den benötigten Raum zu geben, damit er Kontur gewinnen kann, um Konflikte und Zusammenhalt, Rivalität und verbindende Ideen, Wut und Verletzlichkeit sichtbar werden zu lassen. Dynamik entsteht in diesem Setting einzig durch die hitzigen Debatten.

King inszeniert mit flirrend emotionalem Flair; die vier Darsteller verleihen dem Film eine sagenhafte Authentizität: Eli Goree als Cassius Clay, Kingsley Ben-Adir als Malcolm X, Aldis Hodge als Jim Brown und Leslie Odom Jr. als Sam Cooke sind sensationell in ihren Rollen, sie eignen sich die Psyche der jeweiligen Leitfigur, der Vorreiter und Vorbilder an, der sarkastische Sam, das übermütige „Riesenbaby“ Cassius, Scherzkeks Jimmy, „der affektierte Malcolm“, schlüpfen in den Mythos, die Manierismen, die Widersprüche wie in einen seidigen Handschuh.

„Dieser Film“, sagt Regina King in einem Regiestatement, „ist ein Liebesbrief an die Erfahrungen des schwarzen Mannes in Amerika. Wie die jüngsten Morde an George Floyd und Breonna Taylor [und am 20-jährigen Daunte Wright vor drei Tagen in Minnesota, Anm.] gezeigt haben, ist unser Kampf um Gleichberechtigung leider noch lange nicht vorbei. Wir brauchen einander mehr denn je, unsere Stimmen sind zu einer vereint, unmöglich zu ignorieren und laut genug, um endlich gehört zu werden.“

Genau dies der Knackpunkt zwischen Sam Cooke und Malcolm X, dem Botschafter der Musik vs. dem Botschafter des Glaubens, der „Bourgeois-Neger“ gegen den „Nigga“. Der eine, überzeugt, dass es irgendwann keine weißen und schwarzen, sondern nur mehr „die Charts“ geben wird, muss sich vom anderen sagen lassen, er habe sich verirrt, weil er die Seele der Weißen berühren will, der erwidert punkto Propagandawort „weiße Teufel“: „Du machst die Leute nur zornig!“ Solcherart wird politisiert und provoziert, die Frage nach der Selbstermächtigung akut. Doch keiner gesteht alles ein, immer bleibt ein Rest, den man aus Eitelkeit oder Verlegenheit unterschlägt.

Kingsley Ben-Adir, Aldis Hodge und Leslie Odom Jr. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Aaron D. Alexander als Sonny Liston und Eli Goree. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Eli Goree und Michael Imperioli als Trainer Angelo Dundee. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Lance Reddick als Kareem X, Eli Goree und Kingsley Ben-Adir. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

Beinahe kommt’s auf der Dachterrasse zur Schlägerei, Sam und Malcolm lassen die Situation eskalieren, zwischen den Zeilen steht die Anschuldigung, dass X Clay „rekrutieren“ will, der gutmütige Cassius und der zunehmend ang‘fressene Jim kalmieren. Großartig, wie Odom Jr., Ben-Adir, Goree und Hodge diese Szene gestalten, allen voran der zweifach Oscar-nominierte Leslie Odom Jr. als Macher, Musiklabelgründer, Megaverdiener Sam Cooke, für den Freiheit – Schnickschnack: politisch oder religiös! – bei der wirtschaftlichen beginnt, und Kingsley Ben-Adir als grüblerischer, nichtsdestotrotz selbstgerechter, radikaler, die FBI-Hoover-Agenten vor seinem Fenster seinerseits bespitzelnder Malcolm X.

Ben-Adir, der auch schon Barack Obama spielte, wird in seiner Rolle zu jenem Intellektuellen, der mit seinen Worten die anderen hellauf begeistern, aber auch abgrundtief kränken kann, ein X, der so klarsichtig ist, dass er die Prekarität seines Standpunkts und inmitten der bessersituierten Freunde auch seiner Person begreift. Ben-Adir verleiht dem Bürgerrechtskämpfer eine zerrissene Komplexität und zugleich ein inneres Leuchten, die sich der Zuschauerin, dem Zuschauer so nachhaltig einprägen, dass man nicht anders kann, als sich mit dessen Zukunftsbild auseinanderzusetzen.

Doch auch Jim Brown hat ein Scharmützel mit dem „hellhäutigen“ Malcolm X und dessen harter Linie: „Wir sind nicht alle gleich“, schreit er, und: „Wem willst Du eigentlich etwas beweisen? Den Weißen, oder doch vielleicht den Schwarzen?“ Wie sehr er die selbsternannt vorurteilsfreien, „toleranten“ Liberalen hasse, die „sich auf die Schulter klopfen, weil sie uns fast wie Menschen behandeln“. Da seien ihm ja die ehrlichen Rednecks aus dem Rust Belt oder die hinterwäldlerischen Hillbillys mit ihrem erdigen, offenen Schwarzenhass lieber! Erst Cassius Clay spricht’s aus: „Wir brauchen Macht!“ Black Power! Es hört sich an wie Sätze von heute.

King gibt’s den Zuschauerinnen und Zuschauern kalt-warm, auf Explosion folgt innere Einkehr, Malcolm, der Sams Wirkung auf dessen Fans bei einem Konzert in Boston miterlebt hat, als er mit ihnen, weil die Tonanlage streikte, eine Acapella-Version seines Hits „Chain Gang“ sang, sagt: „Du könntest die lauteste Stimme von uns allen sein!“ In einer Vorausblende sieht man Sam Cooke bei einem Fernsehauftritt, bei dem er zum ersten Mal seinen Polit-Song, die spätere Hymne der Bürgerrechtsbewegung, „A Change Is Gonna Coming“ präsentiert. Applaus im Studio danach: Null.

[Hintergrund: Sam Cooke und seine Ehefrau Barbara wollten in einem Hotel in Shreveport, Louisiana, übernachten, doch ein nervöser Rezeptionist verkündete, es gäbe keine freien Betten mehr – (weil man prinzipiell keine Zimmer an Afroamerikaner vermietete). Cooke verlangte nach dem Manager, während Barbara versuchte, ihn mit der Warnung „They’ll kill you“ zum Gehen zu bewegen. Der Sänger soll darauf geantwortet haben „They ain’t gonna kill me, because I’m Sam Cooke“. Nachdem es gelungen war, den Sänger zum Verlassen des Hotels zu überreden, fuhren er und sein Gefolge laut hupend und schimpfend davon. In der Innenstadt wurden sie von der Polizei empfangen und wegen Landfriedensbruchs festgenommen. Die New York Times titelte am nächsten Tag „Negro Bandleader Held in Shreveport“.]

„One Night in Miami“ ist ein Film über Männer, die erkennen, dass sie Geschichte machen, und die diese Aufgabe gut machen wollen – wenn auch, wie das heutige Publikum weiß, manche nur für allzu kurze Zeit. Kunst und Kultur von Afroamerikanern hat eine politische Verantwortung, solange die dominante Kultur die herrschenden Machtverhältnisse frohgemut reproduziert. Regina King weiß das nur zu gut, und deswegen strebt ihr Film keiner versöhnlichen Auflösung zu. Ihre Verpflichtung angesichts der Tatsache, dass „täglich Schwarze in den Straßen sterben“ können die vier Protagonisten nämlich nicht restlos klären. King lässt die Divergenzen eines aufwühlenden Abends bestehen, den keiner, auch nicht das Publikum, unverändert verlassen wird.

Dafür steigt zum Schluss doch noch ein Fest. In der Motel-Bar. Da hat Malcolm X sein Geheimnis endlich gelüftet, er gedenke eine neue Organisation zu gründen und wünsche sich Cassius Clay als treibende Kraft hinter seiner Vision. Und die Presse hat die Celebrities aufgestöbert. Im Blitzlichtgewitter und vor laufenden Kameras teilt Cassius Clay mit Malcolm X an der Seite der Öffentlichkeit mit, dass er seinen Sklavennamen ablege, der Nation of Islam beitrete und von nun an Muhammad Ali heiße.

Im April 1967 wurde ebendiesem der Weltmeistertitel aberkannt, nachdem er sich geweigert hatte, den Wehrdienst in Vietnam anzutreten. „Nein“, sagte Muhammad Ali, „ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt sichern zu helfen.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ZprXMxKg–w          www.youtube.com/watch?v=K8vf_Cmh9nY           www.amazon.de

14. 4. 2021

IndieFlix / LaCinetek: Streamen abseits des Mainstreams

November 28, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Hier wird der Indie-Film zum Patschenkino

Screenshot: IndieFlix

Der Hinweis einer Leserin, dass sie im #Lockdown mit dem Angebot eines populären Streamingdienstes „bald durch“ sei, setzte das Team von mottingers-meinung.at auf die Fährte alternativer Anbieter. Und siehe, es gibt durchaus solche, die Independent Filme und Genre-Klassiker ins Patschenkino bringen. Getreu dem Motto „Streame lieber ungewöhnlich“ arbeitet etwa das US-Service IndieFlix, das etwa 1000 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme im Angebot hat.

In acht Live- und Watch-Free-Channels lassen sich die filmischen Lieblingsmomente mit der Community teilen, kann man Kommentare abgeben und animierte GIFs via eines integrierten Tools kreieren. Im Stream-On-Demand sind derzeit unter anderem „Yemeniettes“ von Shawn David Thompson und Leon Shahabian über drei jemenitische Mädchen, die sich im zerstörten Land als Jungunternehmerinnen versuchen, der hochdekorierte Animationsfilm des Australiers Mike A. Smith, „Cooped“, über einen Hund, der entdecken muss, dass es hinter den eigenen vier Wänden eine weite Welt gibt, Alejandro Jodorowskys „La Montaña sagrada“ oder an Serien „The Roy Rogers Show“ und „The Lucy Show“ zu sehen. IndieFlix ist außerdem Partner vieler Filmfestivals, jetzt etwa kann man sich ins isländische Stony Brook Festival einloggen. www.indieflix.com

Screenshot: LaCinetek

LaCinetek, sowohl in Deutsch wie Französisch aufzurufen, lässt einen von mehr als 64 Star-Regisseurinnen und -Regisseuren kuratierte Best-of-Listen durchstöbern, die bis in die goldene Stummfilmära reichen. Das Angebot umfasst derzeit etwa 1500 Spielfilme sowie Dokus und Kurzfilme, die einem Olivier Assayas, die Dardenne-Brüder, Jessica Hausner, Maren Ade, Costa-Gavras, Todd Haynes, Aki Kaurismaki, François Ozon, Park Chan-woo, Christian Petzold, Agnès Varda oder Wim Wenders ans Herz legen.

Dieser Tage aktuell laufen:Deutschland im Jahre Null“ von Roberto Rossellini, der bei seinen Erkundungsfahrten durchs kriegszerstörte Berlin jene Laiendarsteller fand, die noch unter dem Schock des Krieges seine Geschichte umsetzten; kompromisslos zeigt Rossellini in seinem neorealistischen Stil ihre Not und verknüpft sie mit einer fiktionalen Tragödie, die erschütternden Kameraaufnahmen der zerbombten Stadt machen den Film nicht nur zu einem wichtigen Zeitdokument, er gilt auch als einer der wichtigsten Trümmerfilme; „Ich klage an“ von Abel Gance und eine Hommage-Reihe an Michel Piccoli. lacinetek.de          www.lacinetek.com/fr-en

Screenshot: StarzPLay

Der Anbieter StarzPlay mag’s etwas breitenwirksamer, kann aber mit seinen Original and Exclusive Series Series punkten, etwa der britischen Produktion „MotherFatherSon“, in der Richard Gere als Medientycoon und Multimilliardär seinen selbstzerstörerischen Sohn vergeblich aufs Übernehmen des Imperiums vorzubereiten versucht. Oder „The Great“, eine US-Comedydrama-Serie über Katharina die Große mit Elle Fanning und Nicholas Hoult, Staffel ist zwei gerade im

Werden, den Black-Swan-Ableger „Flesh and Bone“ übers mörderische Ballettbusiness – und „Pennyworth“, nicht Pennywise!, über Vorleben von Bruce Wayne’s legendärem Butler als CIA-Spion. www.starz.com/de/en

Alldieweil haben auch die alten Freunde Neues zu bieten. Netflix “The Boys in the Band“ mit Zachary Quinto und TBBT-Jim Parsons über eine schwule Party, die aus den Fugen gerät. Ab 4. Dezember: „Mank“, David Finchers Filmbiografie von Herman J. Mankiewicz, mit Gray Oldman in der Titelrolle, Amanda Seyfried und Charles Dance. Ron Howards „The Hillbilly Elegie“ mit Glenn Close und Amy Adams. Oder „The Trial oft he Chicago 7“ über einen Gerichtsprozess gegen Anti-Vietnam-Demonstranten mit Eddie Redmayne, Joseph Gordon-Levitt und Sacha Baron Cohen. Dessen „Borat 2“ zum US-Wahlkampf gerade auf Amazon Prime Video läuft. Wo auch schon die Mystery-Comedy-Serie „Truth Seekers“ mit Nick Frost und Simon Pegg über ein paar Hobby-Ghostbusters zu finden ist – mit Kinolegende Malcolm McDowell als grummeligem Godfather.

www.indieflix.com           lacinetek.de          www.lacinetek.com/fr-en           www.starz.com/de/en

28. 11. 2020

Wiener Festwochen: Simon McBurneys „The Encounter“

Juni 3, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahren Abenteuer entstehen im Kopf

Bild: Robbie Jack

Simon McBurney entführt die Zuhörer in die wilde Welt des Amazonas. Bild: Robbie Jack

Der Moment, an dem man hätte Mäuschen sein wollen, ist der, an dem Simon McBurney zu seinem Complicite-Theatertechniker sagte: Du, ich hab‘ da eine Idee, ich spiele den ganzen Regenwald und noch ein halbes Dutzend Figuren, wie, denkst du, können wir das umsetzen?, und die Augen seines Gegenüber vermutlich immer größer wurden, bis – die Idee. Der geniale britische Bühnenzauberer ist wieder Gast der Wiener Festwochen.

Im Museumsquartier zeigt er seine umjubelte One-Man-Performance „The Encounter“. Die ist, gleichsam als Weiterentwicklung von weiland Spalding Grays „Swimming to Cambodia“, nichts weniger als eine Neudefinition des Begriffs Theater, eine Neuerfindung der alten Tradition der Geschichtenerzähler, und für das Publikum eine völlig neue Theatererfahrung. Ist man doch diesmal angehalten zuzuhören, statt hinzusehen.

McBurney berichtet auf der Grundlage von Petru Popescus Buch „Amazon Beaming“ über den amerikanischen Fotojournalisten Loren McIntyre, den Mann, der 1971 die Quelle des Amazonas entdeckte. Bevor ihm das glückte, erlebte er allerdings das Abenteuer seines Lebens. Er folgte 1969 wochenlang einem Stamm Mayoruna, dem indigenen Volk der Jaguar, das sich in Berufung auf seinen stolzen Stammvater Gesichtsverzierungen aus Holzstäbchen wie Schnurrhaare durch die Wangen sticht. Damals galten die Mayoruna als „unentdeckt“, denn, wie McIntryre feststellen sollte, sie waren auf der Flucht vor der „Zivilisation“, oder besser deren Auswüchsen. Zu viele ihrer Menschen waren im Kautschukkrieg und wegen der Erdölgier der Weißen getötet worden, nun strebten sie immer weiter dem Herzen des Urwalds zu, ihr Häuptling, von McIntrye Barnacle genannt, auf der Suche nach dem „Anfang“ – und der Fotograf sollte noch herausfinden, ob dieser nicht tatsächlich das Ende einer ganzen Gemeinschaft meinen sollte …

Total mikrofoniert und mit allen Tricks des Soundentwicklers Sennheiser ausgestattet, verlegt McBurney die Geschichte in die Fantasie seiner Zuhörer. Auf der mit weniger Versatzstücken versehenen und im Halbdunkel gehaltenen Bühne gibt es nämlich nicht viel zu erkennen, die Eindrücke sind diesmal akustische. Via Kopfhörer taucht man ein in eine exotische Welt, McBurney nennt sie als McIntyre „mein schönes Gefängnis“, sie ist gefährlich und faszinierend und beunruhigend, voll unbekannter Geräusche und nie gehörter Töne. Ein binauraler Kunstkopf dient sozusagen als Antagonist, über ihn ist ein komplexer Mix aus Livegeschehen und vorher aufgenommenem Sound möglich. Eine Cessna fliegt über die Köpfe der Zuschauer, so laut, dass der Saal vibriert; seinen Marsch über den Dschungelboden markiert McBurney durch Herumtrampeln auf raschelnden VHS-Kassettenbändern; Moskitosurren wird auf dem Kamm geblasen. Atmet er einem über die Schulter, glaubt man das heiße Hauchen im Ohr zu spüren; und wenn der Darsteller von seiner fünfjährigen Tochter bei der Arbeit gestört wird, eine Tür geht auf, Licht fällt herein, eine Kinderstimme klingt hell, schaut man sich unwillkürlich nach dem kleinen Mädchen um. Die Kakophonie im Kopf ist mitunter überwältigend.

Aller Fakt ist Fake, die Illusion dazu perfekt und McBurney ein großer Entertainer. Er hat sichtlich Spaß an seinen Spielereien und spielt mit ihnen virtuos. Als McIntyre – im rechten Mikrofon – hat er sich eine tiefe Stimme mit Yankee-Akzent zugelegt, als Einheimischer Cambio gibt er im linken Mikrofon den Tenor. Solcherart tritt er nicht nur in Dialog mit dem Publikum, das er immer wieder direkt anspricht, sondern auch mit sich selbst. Und da ist mehr. McIntyre kommunizierte mit Barnacle nämlich in einer transzendenten Sprache. Die beiden Männer unterhielten sich im Kopf miteinander, und kamen dort über alle Gegensätze und Unterschiede hinweg zu dem Schluss, Freunde sein zu wollen. McBurney geht es in seiner Arbeit um Bewusstsein und dessen Erweiterung, wobei natürlich auch Naturdrogen eine Rolle spielen, er hinterfragt den Begriff der Zeit und wie die Zivilisierten sich davon treiben lassen, er führt nicht nur durch den Amazonas, sondern auch an seinen Londoner Schreibtisch. Das Projekt und seine Entwicklung verschmelzen auf mehreren Ebenen, und dass das alles funktioniert, zeigt einmal mehr wie großartig dieser unkonventionelle Theatermacher ist.

Bild: Gianmarco Bresadola

Ein binauraler Kunstkopf ist Gegenspieler … Bild: Gianmarco Bresadola

Bild: Gianmarco Bresadola

… gleichzeitig aber auch der einzige Freund. Bild: Gianmarco Bresadola

Doch bei aller Poesie dieser atemberaubenden Aufführung, McBurney verdeutlicht auch die größeren, die politischen Zusammenhänge. „The Encounter“ ist ein Rousseau’sches Requiem auf die indigenen Völker, ein Dutzend Gespräche hat McBurney in dessen Vorbereitung geführt, er hat den Amazonas selbst bereist und ebenfalls Mayorunas getroffen (siehe die Links „Simon McBurney im Gespräch“ und „Simon McBurneys Amazon Diary, I + II“ unten). Als deren Stellvertreter schildert er nun die Gewalt, die ein Teil der Erde dem anderen in seinem Profitstreben antut, und wenn Barnacles Leute sich am Ende vom „Anfang“ in einer Zeremonie von ihren wenigen Besitztümern trennen, nutzt er das um auf die heutige Überflussgesellschaft und deren Konsumrausch hinzuweisen. Schließlich steht aber wieder seine Tochter im Raum. Sie will eine Gute-Nacht-Geschichte hören und McBurney liest ihr aus Popescus Buch eine Mayoruna-Legende vor. Wie der Amazonas wegen eines dummen Bubenstreichs vom Himmel stürzte und wie die Menschen über das Schicksal ihres Flusses des Lebens weinten, ein Mythos, vergleichbar mit dem christlichen von der Vertreibung aus dem Paradies. Die Mayoruna kämpfen heute mit der Hilfe internationaler Rechtsanwälte um ihr Landrecht und die Erhaltung ihres Lebensraums.

Videoausschnitt „The Encounter“: www.youtube.com/watch?v=vKWv001zJ_Y

Simon McBurney im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=2cxnzcsHuKM&index=2&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

Simon McBurneys Amazon Diary, I + II: www.youtube.com/watch?v=ZioqgcYWXVQ&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7  www.youtube.com/watch?v=VX2zFnPEj98&feature=youtu.be&list=PLLEx0tB8K9bTNP8Z7i6GTBD61ttEOGUo7

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen: www.mottingers-meinung.at/?p=20487

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt: www.mottingers-meinung.at/?p=20380

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 3. 6. 2016