Theater an der Wien im 3sat-Stream: Platée

April 4, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Gott Lagerfeld, Choupette und die neue Plus-Size-Muse

Eine Gurkenmaske für die künftige Göttergattin: Der brillante Marcel Beekman als Platée und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

Das Theater an der Wien zeigt via 3sat Robert Carsens bejubelte Inszenierung von „Platée“. Gestern Abend war TV-Premiere, in der Mediathek ist die Produktion noch bis 10. April kostenlos zu streamen: www.3sat.de/kultur/musik/platee-118.html – und gesagt werden kann, dass Rameaus Ballet bouffon unter der musikalischen Leitung von William Christie, der sein Ensemble Les Arts Florissants mit Verve dirigiert, einem Live-Erlebnis in kaum etwas nachsteht.

Da sich die Kamera immer wieder ans turbulente Treiben zoomt, sind die bestens aufgelegten Solistinnen und Solisten in Großaufnahme zu erleben, dies ein Positivum, das man den Kulturlockdown-bedingt auf den Bild- schirm verlegten Aufführungen abgewinnen mag – allen voran kommt’s hier dem brillanten Marcel Beekman als Platée zugute, der Tenor als selbstverliebte Sumpfnymphe auch was die Tontreffsicherheit betrifft herrlich neben der Spur und in diesem Käfig voller Opernnarren nicht nur punkto Exaltierheit eine ernsthafte Konkurrenz für Zaza.

„Nicht alle Tage lässt sich auf so hohem Niveau Musiktheater als Gesamtkunstwerk erleben“, stand an dieser Stelle anlässlich der Bühnen-Premiere. Robert Carsen hat das barocke Prachtstück mit einem Kunstgriff in die Gegenwart geholt: Das satirische Satyrspiel ereignet sich nun in der mondänen Modewelt. Rameaus Werk, 1745 zur Hochzeit von Louis, Dauphin von Viennois, in Versailles uraufgeführt, wird mitten in der Pariser Fashion Week wiedererweckt, ein Zerrbild der Reichen und Schönen einst und jetzt – von Ausstatter Gideon Davey allüberall mit spiegelnden, spiegelglatten Oberfläch(lichkeit)en verstärkt.

Die laut dem griechischen Dichter Pausanias wahrlich nicht mit Anmut gesegnete Platée hält sich also für ein unwiderstehliches Objekt der Begierden aller Männer, und setzt derart dem Berggott Cithéron zu, während eine vor Eifersucht rasende Junon die Menschen mit von Les Arts Florissants gewaltig-gewittrig umgesetzten Wetterkapriolen plagt. Da fassen Cithéron und Spezi Mercure einen Plan.

Jupiter höchstselbst soll vorgeben, die eitle Nymphe als neue Gattin auserkoren zu haben, Juno in die gefakte Hochzeitszeremonie platzen, und ob der Hässlichkeit ihrer Nebenbuhlerin erkennen, dass ihr notorischer Fremdgeher zur Untreue gar nicht fähig wäre. Es gibt ein On-dit, wonach die Frischvermählte des Dauphins, Infantin Maria Theresia, ebenfalls keine Augenweide gewesen sein soll …

Edwin Crossley-Mercer als Jupiter. Bild: © Werner Kmetitsch

Jeanine de Bique als La Folie. Bild: © Werner Kmetitsch

Cyril Auvity als Mercure und Marc Mauillon als „Garçon“ Cithéron. Bild: © Werner Kmetitsch

Nach dem oligaten Prolog (nicht ganz geglückt, durchtauchen!), währenddessen sich die von einem Bacchanal bezechten Thalie, Momus und Thespis aus ihren Chiton- und Chlamys-Leintüchern winden – Lagerfeld, über den noch zu sprechen sein wird, hätte ihnen in der Aufmachung längst den Kontrollverlust übers eigene Leben attestiert – und sie gegen gewagteste Haute-Couture-Kreationen tauschen, trippelt in Spa-Aufmachung und naja! Schönheitsmaske die Kreatur aus dem Teich herein – zum Gaudium der vornehmen Gesellschaft, die nach ihrer Orgie im angesagtesten Club des Olymp nun zum unfeinen Sturm auf die besten Pätze im Luxustempel bläst.

Ein Gewimmel und ein Gewusel ist das auf der Bühne, im Gerangel des Arnold Schoenberg Chors – geleitet von Erwin Ortner – sind Lookalikes von Anna Wintour bis Suzy Menkes auszumachen. Jede Figur eine Type, das trifft auch aufs Tanzensemble Anna Possarnig, Anna Konopska, Amanda Mitrevski, Felix Schnabel, Nikola Majtanova, Thomas Riess und Johann Ebert zu, für das Nicolas Paul Choreografien entwickelt hat, mit denen er seine Tänzervergangenheit bei Pina Bausch und John Neumeier nicht leugnen kann, die Herren mal als BDSM-Ballet, mal als Travestie-Grazien, die Damen affektiert beim Contredanse française, als Models auf dem Catwalk.

Marc Mauillon als „Garçon“ Cithéron und Cyril Auvity als des Göttervaters Faktotum Mercure sind nicht die einzigen, die’s im Rezitativ spöttisch und in den Arien stimmgewaltig können, die gesamte ausgesucht wohlklingende Besetzung harmoniert perfekt und ist auch schauspielerisch für jeden Jux zu haben. Mit fast frivolem Vergnügen delektiert sich Marcel Beekman an den von Rameau und seinem Librettisten Adrien-Joseph Le Valois d’Orville eingefügten Quaklauten für ihre Froschkönigin, jedes „Dis-donc!, Pourquoi? Quoi? Quoi?“ ein amphibischer Klagelaut. Die deutschsprachigen Untertitel der Fernsehaufzeichnung erleichtern den Zugang zu den französischen Textpointen und Doppeldeutigkeiten.

Und alldieweil die Handy-Hautevolee, die Smartphone-High-Society unterm Zentralgestirn der Discokugel prahlt und prunkt, steigt vom Modeolymp der Mode-Schöpfer herab, Edwin Crossley-Mercer als Jupiter im Lagerfeld-Style, eine lebendige Choupette im Arm, dem Model- und Medienhofstaat schon von der Showtreppe aus huldvoll zuwinkend. Für Platée gibt’s ein Geschenk im Chanel-Sackerl, was Wunder, dass Emilie Renard als Junon später Madame Coco im berühmten Bouclé-Kostüm gleichen wird, was Wunder, dass aber zunächst Platée von Jupiters Entourage hingerissen ist. Die Eitle in der Welt der Eitelkeiten …

Vom Gott ins Kameravisier genommen: Edwin Crossley-Mercer und Marcel Beekman. Bild: © Werner Kmetitsch

Paparazzo Auvity, Beekman, Crossley-Mercer, Mauillon und Padraic Rowan als Mommus. Bild: © Werner Kmetitsch

Fifty Shades of Platée: Beekman, das TänzerInnenensemble und der Arnold Schoenberg Chor. Bild: © Werner Kmetitsch

BDSM-Ballett: Beekman mit den Tänzern Johann Ebert, Jean-François Martin, Pavel Strasil und Joni Österlund. Bild: © Werner Kmetitsch

Beekman gestaltet das glamourös peinlich, Platée, die so gern eine glutäugige Kokette sein will und doch nur eine glubschäugige Tölpelin ist, deren geziertes Kieren allzu schnell in gewöhnliches Keifen wechselt. Mit welcher Lust Beekman Platée frohlocken, rumstöckeln, Junon verhöhnen lässt, nein, die Titelantiheldin ist keine Gute und von Beekman dazu mit ausreichend Testosteron im Timbre ausgerüstet. Mit wogendem Busen wirft sie sich Jupiter zu Füßen, der daraufhin eine Lagerfeld’sche Fotosession mit seiner Plus-Size-Muse beginnt – alles originalgetreu. Der supersympathische Marcel Beekman erobert die Herzen des Publikums mit einem Wimpernschlag, man wünscht Platée das Happy End, zu dem es nicht kommen wird.

Jeanine de Bique ist als La Folie in diesem Setting folgerichtig eine Lady Gaga, zu deren buchstäblicher Wahnsinnsarie – de Bique erhält von William Christie exzessiv Gelegenheit, den hypervirtuosen Koloraturen-Wirbel vorzuführen – das Ballett bei einem Bad-Romance-Tanz eindeutig Positionen probt, ebenso wie bei den amourösen Verrenkungen vor dem im Wortsinn Himmelbett im dritten Akt, eine Sinnlichkeit, die den Schabernack der Götter konterkariert.

Der Schlusspunkt jeder Modeschau ist bekanntlich das Hochzeitskleid, das flugs von Mannequin-Maß auf Curvy Model ausgelassen werden muss, Platée – ein Bild von einer Braut, doch das dicke Ende naht mit Spott und Hohn, Body Shaming und keine Shape Wear, nirgendwo. Der allmächtige Männerbund hat das Mannweib besiegt. Der zuvor von Thespis mittels Rotwein ausgeknockte Amour, Emmanuelle de Negri, will ihr zu Hilfe eilen, da besinnt sich Platée darauf, dass Amours Pfeil auch eine Waffe ist … das ist berührend. Das macht die Inszenierung besonders. Beekman avancierte damit auf der Bühne zum akklamierten Liebling aller.

Fazit: Robert Carsens witzig-spritzige Regie besticht mit 1001 detailverliebt umgesetzten Einfällen zum Werk, das er in bravouröser Weise und in Verbindung mit der raffinierten Ausstattung Gideon Daveys neudeutet. Mit seiner präzisen Beobachtungsgabe und einem Händchen für Personenführung macht Carsen die Gesellschaftssatire in „Platée“ heutigen Zuschauerinnen und Zuschauern begreiflich – in modernem, aber absolut schlüssigem Ambiente, in dem der Text auch manch herrlich aktuell-komischen Doppelsinn erhält. Musikalisch ist ohnedies alles vom Feinsten. Les Arts Florissants machen ihrem Namen alle Ehre, sie lassen die „Platée“ zur Sumpfdotterblume erblühen, die Nymphe, für die’s keine Seerosen, lat.: Nymphaea, regnet.

Auf 3sat bis 10. April kostenlos zu streamen: www.3sat.de/kultur/musik/platee-118.html         Trailer: www.youtube.com/watch?v=OLUJaDis850           www.theater-wien.at

4. 4. 2021

Academy Awards Streaming: Gary Oldman ist „Mank“

März 20, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

David Finchers Meisterwerk ist nominiert für zehn Oscars

Ein ziemlich verkaterter Mank am William-Randolph-Hearst-Privatset: Gary Oldman und Amanda Seyfried als Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mit den meisten, das sind dieses Jahr zehn Nominierungen geht der Netflix-Film „Mank“ ins Rennen um die Academy Awards 2021, und zwar in den Oscar-Kategorien: Bester Film, David Fincher für Beste Regie, Gary Oldman als Bester Hauptdarsteller, Amanda Seyfried als Beste Nebendarstellerin, Erik Messerschmidt für Beste Kamera, Donald Graham Burt

und Jan Pascale für Bestes Szenenbild, Trish Summerville für Bestes Kostümdesign, Trent Reznor und Atticus Ross für Beste Filmmusik, Gigi Williams und Team für Bestes Makeup und Frisuren sowie Ren Kylce und Team für Besten Ton. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen November:

The Making of „Citizen Cane“ und Hollywoods Fake News

Einer der außerordentlichen Eindrücke in diesem Film sind die Fade-Outs. Langsam kommen sie, zögerlich, kein Schwarz soll die Sequenz zu schnell beenden, stattdessen ein Moment des Unerledigten bleiben, könnt‘ ich zum Augenblicke sagen …, bis schließlich die Gegenwart von 1940 in Flashbacks aus den Dreißigerjahren entschwindet. Dazu auf der Schreibmaschine getippte Szenenüberschriften – Schauplatz, Tageszeit, Situation …

David Fincher hat für Netflix „Mank“ gedreht, die Story um die Entstehungsgeschichte des Filmdramas „Citizen Kane“, Orson Welles‘ Hollywood-Einstand mit ihm als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent, bis heute auf der Top-Ten-Liste der besten Filme aller Zeiten – und wie jedes Meisterwerk von einem Mythos umrankt. Dieser hier betrifft Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz, der im Abspann gerade mal als Co. genannt wird, alldieweil US-Kritikstar Pauline Kael schon 1971 im New Yorker auf Manks alleinige Autorschaft verwies. Ein Essay, den Davids Vater Jack Fincher bereits vor Jahrzehnten für sein Script studierte.

Da liegt also Mank im Bett, nach einem Autounfall mit Liegegips verarztet, auf einer Ranch in der Mojave-Wüste 85 Meilen nordöstlich von Los Angeles, wo, so hoffen die ihn dort einquartiert haben vergeblich, für den Alkoholiker nichts Hochprozentiges, dafür eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre zu finden ist. Das lädierte Bein ist gleichsam Sinnbild einer angeknacksten Karriere, Mank hat es sich mit MGM-Boss Louis B. Mayer verscherzt, jetzt soll die in Ungnade gefallene Edelfeder im Auftrag von RKO ein Drehbuch für Orson Welles verfassen.

Welles wer? Das neue Boy Wonder von der Ostküste gibt sein Traumfabrik-Debüt und hat dafür von RKO Carte blanche bekommen, seine „War of the Worlds“-Massenpanik eilt dem 24-Jährigen als Ruf voraus – und Tom Burke spielt einen sich selbst vergötternden Egomanen, der von seinem Genie einfach hingerissen ist. Eine Ich-Sucht, vor den lasterhaften, lästerlichen Mank geworfen, als wären‘s Schnapsperlen ins Whiskeyglas. Sechzig Tage hat er Zeit, so lange haben’s nicht einmal die biblischen Propheten in der Trockenzone ausgehalten. Zur Inspiration lässt sich Mank ergo erst einmal von der deutsch-jüdischen Haushälterin und Pflegerin Fräulein Freda, Monika Gossmann ehrenwert und ergeben, die Hausbar füllen, was wiederum der neuen, resoluten, moralisch entrüsteten Sekretärin Mrs. Rita Alexander, Lily Collins, nicht behagt.

Charles Dance als Medienmogul und Kane-Vorbild William Randolph Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Amanda Seyfried als dessen Dauergeliebte und Schauspielerin Marion Davies. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Tom Burke gibt den selbstverliebten Wonder Boy Orson Welles. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Oldman mit Arliss Howard als Louis B. Mayer und Tom Pelphrey als Manks Bruder Joe. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Gary Oldman in einer platonischen Ménage à trois, das Eheweib „poor Sara“, Tuppence Middleton wunderbar krisengeschmiedet, hat er zuhause gelassen, so ist Oldmans Mank: ein charmant ramponiertes, kauziges Scheusal, einer, der mit seinen pointierten Sagern und wohldosierten Beleidigungen die zynische Zier jeder Party ist, belesen, ein Poet, ein Philosoph, ein Philanthrop, letzteres gut versteckt (in einem Küchengespräch erfährt etwa Rita, dass Mank Fredas ganzes Dorf vor den Nazis in die USA gerettet hat), liebenswert, wenn er jemanden mag, was ihn demjenigen gegenüber hilflos macht, Oldman – in jeder Hinsicht ein Sympathicus.

David Fincher hat den „Citizen Kane“ en détail erforscht, konterkariert Welles‘ Deep Focus Cinematography, seine Point-of-View-Shots mit einer Nonchalance und Nachlässigkeit ähnlich der seines Protagonisten, während die Vorspanntitel das Golden Age in La La Land imitieren, Fincher verwichene Manierismen neu interpretiert. Nicht nur jenem dem aktuellen Kino abhandengekommenen Stilmittel Abblende wird gefrönt, künstlich eingefügte Kratzer und Marker sollen den Eindruck erwecken, dass man hier tatsächlich Filmrollen eingelegt hat. Fincher lässt seinen Film so ein eigenes, warmes Timbre entwickeln, diese achtsame inszenatorische Geste ist dem Regisseur offensichtlich Herzenssache.

Doch wiewohl von Kameramann Erik Messerschmidt in versonnen-traumverlorenem Schwarzweiß festgehalten, ist „Mank“ keine verwehte Nostalgie, keine Sentimentalität, keine schluchzenden Geigen à la anno Schnee, sondern eine durch und durch zeitgenössische Produktion. Fincher verschiebt die Perspektiven, die Betrachtungsweisen und Standpunkte, er erzählt, was sonst selten der Erzählung für Wert befunden wird. Finchers Rückblendenstruktur arrangiert die Geschehnisse neu, ordnet deren Chronologie um, flicht historisch nicht verbürgte Figuren oder Episoden ein und stellt legendäre Sätze in einen anderen Kontext. Mankiewicz‘ zweitberühmtesten Satz „There, but for the grace of God, goes God“ ruft Oldman Orson Welles hinterher.

Der sardonische Welles geistert meist als sagenumwobene Telefonstimme durch den Äther; viel näher als ihm ist Fincher den Figuren in den Rückblenden. Diese beginnen 1930, als Mank nach durchfeierter Nacht und hinlänglich verkatert auf Hearst Castle erwacht, Schloss und Anwesen samt Privatzoo des Medienmoguls William Randolph Hearst, den Grandseigneur Charles Dance als ebensolchen gibt, ein Machtmensch, ein Massenmanipulator, Meinungs- und Ministermacher und von den ihm Verpflichteten bestenfalls amüsiert.

Mank stolpert mitten in Dreharbeiten auf Hearsts Privatset – und wie Charles Dance auf dem Kamerawagen heransaust, ist vom Feinsten. Die folgenden geschliffenen Dialoge sind im englischen O-Ton noch gewitzter. Wenn Oldmans Mank mit den „supporting devices“ per Augenwinkern eindeutig den versteckten Alkohol meint, doch auf Deutsch mit dem durchaus korrekten Vokabel „Stützvorrichtung“ (für den geh-gehandicapten) übersetzt wird, so trifft das eben nicht den Kern von Vater Finchers Komödiantik.

Gary Oldman mit Lily Collins als Sekretärin und Alkohollehrling Rita Alexander. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Monika Gossmann als deutsch-jüdische Pflegerin Fräulein Freda. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Angewidert sieht Mank Louis B. Mayers Fake News: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Mayer verkündet Lohnkürzungen für die Studiobelegschaft: Arliss Howard. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Fincher-Sohn gibt Hearst durch die Flashbacks eine zentrale Rolle im zunehmend eskalierenden Konflikt. Durch den Alkoholnebel wabern Manks Erinnerungen und befeuern den Schreibprozess, Hearst ist Kane, ach, Rosebud! Hearst wird mit Mank noch Schlittenfahren, doch vorerst lernt er dessen Dauergeliebte, Ex-Ziegfeld-Follie, Schauspielerin Marion Davies kennen, Amanda Seyfried als Wasserstoffblondine mit wachem Verstand, in der Mank eine Seelenverwandte findet.

Die Studiobosse, die an Hearsts Intrigenfäden wie Marionetten zappeln, werden vorgestellt, allen voran Arliss Howard als maliziöser, vom Machtrausch mickriger Männer angesäuselter Louis B. Mayer. Bezeichnend eine Wirtschaftskrisen-Szene in der Mayer der als „meine Mischpoche“ geherzten Studio-Belegschaft mit blumigen Worten die Hälfte der Gehälter abschwatzt. Diese Chuzpe macht sogar Mank sprachlos.

Der Republikaner Hearst bedient sich der Suggestivkraft des Kinos, um im kalifornischen Gouverneurs-Wahlkampf von 1934 eine schmutzige Kampagne gegen den Schriftsteller und Sozialisten Upton Sinclair zu führen, und seinen Mann Frank Merriam groß zu machen. Fincher zeigt den politischen Druck auf die MGM-Künstlerinnen und -Künstler, die ohne eine Widerrede zu wagen in Mayers Anti-Sinclair-Fonds einzahlen müssen. Der an Felix E. Feist angelehnte Shelly Metcalf, Jamie McShane, zeigt Mank schließlich, was Mayer ihm als erste Regie-Chance angepriesen hat:

„Interviews“ mit Merriam-Wählern und Sinclair-Gegnern, allesamt gecastete Schauspielerinnen und Schauspieler, arbeitslose Mimen, die sich um die Mitwirkung in den Propagandaspots rissen, Fake News made by Film Industry, und mag Manks Prinzipienfestigkeit auch nur bis zur nächsten Bar reichen, diese Korruptheit stößt ihm saurer auf als Sodbrennen. Es ereignet sich Eskalation eins bei der Wahlabendparty im Trocadero Nachtclub, als Mank sein heute hochaktuelles: Man muss nur lang und laut genug die Unwahrheit sagen … vom Stapel lässt.

An solchen Stellen bekommt Finchers Film politische Tiefenschärfe. Später, in der 1940er-Mojave, wird er seinem Bruder Joe, Tom Pelphrey als schmucker Bursche eine Art Mank 2.0, der ihn vorm beruflichen Selbstmord warnt, heißt: sich nicht mit Hearst anzulegen, bescheiden: „Wir müssen achtsamer sein!“ – „Weswegen?“ – „Wegen der Menschen, die im Dunkeln sitzen …“ [Joseph wird als Autor-Regisseur und Oscarsammler von „All about Eve“ mit Bette Davis, „Julius Cäsar“ mit Marlon Brando bis „Cleopatra“ mit Elizabeth Taylor und Richard Burton, zuletzt „Sleuth“ mit Laurence Olivier und Michael Cane, den älteren übertreffen, Anm.]

Partycrasher Mank blamiert Mayer und sich selbst: Gary Oldman. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Not amused: Arliss Howard als Mayer und Charles Dance als Hearst. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Die Wahlnacht 1934: Tuppence Middleton als „die arme Sara“ (M.). Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Ein Oscar fürs Beste Original-Drehbuch: Gary Oldman als Mank. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Abblende, Aufblende, 1937 und wieder Party. Sturzbetrunken und streitlustig stürmt Mank den Hearst-Zirkus, um ihm sein Sinclair-Komplott vor die Füße zu werfen. Bevor er auf den Teppich kotzt. Der „Hofnarr“ wird vom Hausherrn persönlich hinausgeworfen. Dies die famose Schlüsselszene des Ganzen in der Mankiewicz vor Hearst schon seine Fabel eines megalomanischen Zeitungszaren skizziert. Ein Moment wie ein fiebriger Albtraum, für den Fincher manche Takes bis zu hundertmal wiederholt haben soll. In der Wüste verlangt Mank vom angereisten Orson Welles indes seinen Credit, davor hatte er auf Rechte und Nennung verzichtet, es steht also in zwei Zeitzonen Spitz auf Knopf. Welles‘ Wutausbruch nützt Mank sofort für die Trennungsszene zwischen Kane und seiner zweiten Frau.

Mehr als zwei Stunden lang begeistert Gary Oldman als Mank in Finchers detailreicher Charakterstudie eines sozial unverträglichen Menschen im Minenfeld gesellschaftlicher Konventionen. Welch hochentzündliche Reibefläche, dieser Traumfabrik-Insider, der stets Hollywoods Außenseiter war, welch eine Rolle, dieser überbezahlte, unterforderte in-der-Regel-der-einzige-im-Raum Intellektuelle mit seiner rücksichtslosen Integrität.

In der schönsten Szene spazieren Mank und „Pops“ Starlet Marion bei einem unschuldig-nächtlichen Tête-à-Tête durch Hearsts Privatzoo, vorbei an den Schemen von Giraffen, Raubkatzen und Elefanten. Ein surreales Szenario mit Serengeti-Tonspur, und die beiden um nichts weniger Gefangene des Studiosystems als die Kreaturen im Tiergarten. Mank sagt: „Ich bin wie eine Ratte in einer selbstgebauten Falle, die ich repariere, sobald Gefahr besteht, ihr zu entkommen.“ Und eine Vorahnung von Kanes goldenem Käfig Xanadu, Manks krönender Schöpfung, von deren Genesis niemand überraschter ist als er selbst, liegt in der Luft.

Der Rest ist Geschichte: „Citizen Kane“ wurde 1942 mit neun Oscar-Nominierungen bedacht, darunter Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, und bei jeder Nennung von Hearst-Getreuen ausgebuht. Schließlich ging der Academy Award in der Kategorie Bestes Original-Drehbuch an Welles und Mankiewicz, die beide der Verleihung fern geblieben waren, Welles, weil er bereits in Mexiko drehte. Auf die Frage der ihm nachgefolgten Journalisten, ob er seinem Mitpreisträger medial etwas ausrichten wolle, antwortet er zumindest im Film: „Tell him he can kiss my ass.“ Am 25. April wird man wissen, wie David Finchers Hommage wie Demontage des klassischen Hollywood abgeschnitten hat.

Trailer/engl.: www.youtube.com/watch?v=aSfX-nrg-lI     www.youtube.com/watch?v=qDFI6EbEF8c     Behind the Scenes: www.youtube.com/watch?v=49LWiBUCauU     www.netflix.com

20. 3. 2021