migrationshintergrund.am.arsch: Zucker – Büstenhalter

November 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine irrwitzige Satire auf Polen und den Rest der Welt

Die Geschenke der UdSSR an das polnische Volk werden immer noch angebetet: Suse Lichtenberger und Claudia Kottal. Bild: Alek Kawka

Nach der fabelhaften „Familie Tót“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17141) zeigt migrations-hintergrund. am.arsch (MAA*) nun im Off-Theater „Zucker – Büstenhalter“ von der polnischen Autorin Zyta Rudzka. Und auch diesmal haben Claudia Kottal, Anna Kramer und ihre Theatertruppe eine hierzulande so gut wie unbekannte, irrwitzige Satire auf das Leben in Osteuropa ausgesucht.

MAA* hat sich die Pflege von Dramatikerinnen und Dramatikern aus den Nachbarländern gleichsam zur Pflicht gemacht. Mit großem Erfolg, wie auch diesmal wieder zu sehen war. „Zucker – Büstenhalter“ erzählt vordergründig die Geschichte der Geschwister Zucker, David (Constanze Passin) und Mira (Suse Lichtenberger), deren Wäschegeschäft für Damen mehr und mehr den Bach hinuntergeht. Dies ausgerechnet zur 100-Jahr-Feier des Familienbetriebs, und schuld daran sind die Chinesen, deren Billigprodukte seit der Öffnung des Marktes die Supermärkte überfluten. 800 Millionen China-Büstenhalter warten in den Häfen der Niederlande!

David schickt Mira auf Sabotagetour, mit einer Schere bewaffnet schneidet sie flugs bis zu 100 BH-Träger täglich durch. Ist ja nichts wert, das Importzeugs. Gegen die heimische Qualitätsware, die früher Schauspielerinnen, Sportlerinnen und Sängerinnen – „in meinem BH eroberte sie die Scala“ – kleidete! Natürlich fliegen diese Machenschaften auf.

Suse Lichtenberger, Anna Kramer, Claudia Kottal, Julia Schanz, Katarzyna Radochońska und Constanze Passin … Bild: Alek Kawka

… können nicht nur spielen, sondern auch singen: „Boobies, Baby!“ Bild: Alek Kawka

Die Kapofurie (Anna Kramer als Sicherheitsbeauftragte im Einkaufscenter) hat Mira bald auf dem Radar. Und dann sind da noch Streuner (Claudia Kottal), ein vom Markt ausgespiener Arbeitsloser, der für seinen Lebensunterhalt Dosen sammelt (Motto: „Jeden Scheiß kann man wiederverwerten“, wie sich am Schluss zeigen wird), und die Blinde (Julia Schranz), die sich gegen Geld anmieten lässt, damit andere als „Begleitperson“ in den Genuss von Ermäßigungen kommen. Lauter Dinge also, die den chinesischen Flüchtling (Katarzyna Radochońska) an der neuen Heimat durchaus erstaunen …

Mit großer Leichtigkeit und viel Humor zeichnet Zyta Rudzka in ihrer Tragikomödie eine Gesellschaft, die vom Ultraliberalismus unter dessen politischen Befürwortern aus der Kurve getragen wurde, eingekeilt zwischen Postkommunismus, Katholizismus und den Kaczyński-Brüdern. Man konnte mit dem rasanten Systemwechsel einfach nicht Schritt halten, glaubt sich nun am Ende der Fahnenstange, jedenfalls von der EU stiefmütterlich behandelt, und sucht Zuflucht in der „guten, alten Zeit“ als die Völker der UdSSR Polen noch unkaputtbare Staubsauger namens Leika zum Geschenk machten.

Toilettenpapier allerdings Mangelware war. Regisseur Imre Lichtenberger Bozoki trägt mit seiner skurril-spöttischen Inszenierung Rudzkas Tonfall Rechnung. Das Ensemble agiert vom Feinsten, und versteht sich auf Wortwitz und Situationskomik. Immer wieder lässt Lichtenberger Bozoki die Darstellerinnen auch aus der Rolle fallen, dann philosophieren sie über Polen, Geld, das dort nicht in die Kultur, sondern in die Kirche fließt, eine mit Füßen getretene Verfassung und das Staatsfernsehen, über Österreich, wo auch schon Marktschreier die Angst vor allem irgend „anderen“ schüren – und über das Frauenbild in beiden Ländern.

Die Geschwister Zucker bereiten die 100-Jahr-Feier vor: Suse Lichtenberger und Constanze Passin. Bild: Alek Kawka

Fazit: Der Vergleich ist kein Vergleich, weil alles gleich ist, siehe „Häuslichkeit“ und „Brutpflegetrieb“ (O-Ton FPÖ). Rot-weiß trennt nur ein roter Stoffstreifen von Rot-weiß-rot. Die Intermezzi, die politischen Ansagen, hat MAA* selbst entwickelt. Radochońska erklärt mitunter auf Polnisch, von Kottal übersetzt, samt einem Segenswunsch für einen milden Winter, falls es die Menschen hierzulande so wie das polnische Volk auf die Straße treibt.

Auf einer Batterie von Monitoren (Bühne/Video von Alek Kawka und Martin Nussbaum) laufen die entsprechenden Bilder. Am Ende wird man vom Ende profitieren. Die Westler sind ja ganz verrückt auf Ostblock-Devotionalien und Überbleibsel des realen Sozialismus, daraus lässt sich ein Geschäft machen. Also gibt es für das Publikum, wie es die polnische Gastfreundschaft gebietet, Wodka und Brot. Und in der Firma Zucker viel selbstkomponierte und -getextete Musik zum großen Fest: „Boobies, Baby!“

www.maa.co.at

  1. 11. 2017

Volkstheater/Bezirke: Das Haus am See

Oktober 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Raue Schale, batzweicher Kern

Ein Bühnentraumpaar: Doris Weiner und Michael Abendroth. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Ich halte nur Ausschau nach etwas Interessantem, während ich drauf warte, dass ich wieder dran bin.“ Sagt Norman über Gespräche, die er (nicht) führt. Das ist so seine Art, die spöttisch-sarkastische, quasi seine Tarnung. Denn man weiß ja, wie’s so ist bei Männern – raue Schale, batzweicher Kern.

Das Volkstheater tourt zum Saisonauftakt mit einer super sympathischen Produktion durch die Bezirke: „Das Haus am See“ von Ernst Thompson, und wer glaubt, sich an einen Oscar-prämierten Film erinnern zu können, den einzigen den Jane und Henry Fonda jemals miteinander gedreht haben (außerdem Henry Fondas letzter), Katherine Hepburn als weiterer Star mit dabei, der liegt ganz richtig.

Fürs Volkstheater sind nun Doris Weiner, Michael Abendroth und Steffi Krautz in deren Rollen geschlüpft, Weiner und Abendroth, die schon vergangene Saison bei „Halbe Wahrheiten“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=19438) gezeigt haben, wie gut sie als Bühnenpaar harmonieren. Die Leiterin des Volkstheaters in den Bezirken feiert mit dieser Premiere auch noch ihr 40-jähriges Bühnenjubiläum am Haus.

Inszeniert hat Ingo Berk, der sein Ensemble mit leichter, aber bestimmter Hand durch das Stück führt. Die Pointen sitzen, das Tempo und das Timing stimmen – und gemeinsam hat man aus den Figuren fein ziseliert Charaktere geschaffen. Ethel und Norman verbringen also ihren 48. Sommer am goldenen See, die immer gleiche Urlaubsdestination mit alljährlich denselben Freizeitvergnügungen, was in Normans Fall bedeutet: angeln, angeln, angeln … Dies Jahr soll außerdem sein 80. Geburtstag gefeiert werden, weshalb sich nach acht Jahren Absenz Tochter Chelsea angekündigt hat. Ihr Verhältnis zum Vater ist nicht friktionsfrei. Doch Chelsea will ihren Eltern ihren neuen Lebenspartner Bill vorstellen. Man reist an – mit Bills Sohn Billy im Schlepptau. Und der Teenager wird Normans Welt ziemlich auf den Kopf stellen …

Tochter Chelsea kommt nach acht Jahren Absenz wieder an den See: Steffi Krautz. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Bald wird er zum vielgeliebten Stiefenkel avancieren: Florian Appelius mit Doris Weiner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der Abend lebt vom so witzigen wie gewitzten verbalen Schlagabtausch zwischen Ethel und Norman. Sie nennt ihn „morbide“, er lacht sie aus, weil sie darauf besteht „in mittlerem Alter“ zu sein. „Du bist ein altes Muttchen“, korrigiert er sie, doch Ethel lässt sich von Normans bärbeißiger Art nicht die gute Laune nehmen. Weiner und Abendroth spielen das auf höchstem humoristischen Niveau, ihr Einander-Necken sozusagen extradry. Weiners Ethel wirkt immer so, als würde sie innerlich ein Liedchen über selektive Wahrnehmung trällern, während der Ehemann vor sich hin brummelt – natürlich hat Abendroth mit Normans unmöglichem Benehmen die meisten Lacher auf seiner Seite.

Dabei hängt über den Ferien eine dunkle Wolke: Norman verliert zunehmend sein Gedächtnis, auch hat er Herzprobleme, eine Tatsache, die selbst beim Publikum für einen kurzen Herzaussetzer sorgen wird. Abendroth zeigt sich in diesen Momenten als der große Charakterdarsteller, der er ist, wenn er etwa mit verstörtem Gesichtsausdruck vom aufgetragenen Beerensammeln zurückkommt, weil er den Weg durch den Wald nicht mehr gefunden hat.

Zu diesem Zyklus aus Vergessen-haben und Sich-wieder-erinnern-Können gehört wohl eine Wampanoag-Squaw, die die Umbauten in dem von Damian Hitz mit viel Liebe fürs Detail erdachten Bühnenbild – das Innere eines putzigen Häuschens mit Wohnbereich und Essplatz und zu erahnendem Aufgang in den ersten Stock – besorgt. Die eigentlichen Einwohner, vertrieben als aus ihrer Heimat „New England“ wurde …

Postbote Charlie macht sich immer noch Hoffnungen auf Chelsea: Doris Weiner und Dominik Warta. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Deren neuer Lover Bill übt sich als Paradeschwiegersohn: Michael Abendroth und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Abendroth stattet seinen Norman mit einer trotzig vorgeschobenen Unterlippe aus, als wolle er, da auf seine Endlichkeit zurückgeworfen, eine Verlängerung seiner Existenz fordern. Das geht freilich nicht ohne zynischen Kommentar ab, in diesem Falle lässt Norman wissen, dass er nur noch Kurzgeschichten lese, weil er sich mehr sowieso nicht merken kann und sich mehr vielleicht ohnedies nicht ausgeht. Weiners Ethel macht, was derlei Frauen in solchen Situationen tun: die eigene Angst hinunter schlucken und sich nichts anmerken lassen. Inszeniert sich Norman als Problemfall, so mimt sie seinen Puffer zur Welt.

In dieses Szenario platzt lautstark die Tochter. Steffi Krautz ist eine großartige Chelsea. Auch sie Typ raue Schale, weicher Kern. Lustig und bestens aufgelegt schlüpft sie bei der Fliegentür herein, doch ist durch Krautz‘ prägnantes Spiel die Befangenheit beim Wiedersehen beinah zum Greifen nahe. Das Tackling mit dem Vater geht denn auch sofort los, nie konnte sie seinen Ansprüchen auch nur irgend genügen, auch wenn die Mutter als Schiedsrichterin zu intervenieren versucht.

Während man sich in familiären Zweikämpfen fetzt, übt Günther Wiederschwinger als Bill der zukünftige Paradeschwiegersohn zu sein. Dominik Warta ist als Postbote Charlie ein gutmütiger Einfaltspinsel, der sich, war er doch etliche Sommer lang Chelseas Jugendschwarm, immer noch Chancen ausrechnet.

Und dann ist da noch Billy. Und dann rücken Chelsea und Bill mit ihrem Anliegen heraus. Sie wollen Billy für den Rest der Ferien bei Ethel und Norman lassen, um in Europa die traute Zweisamkeit zu üben. So geschieht’s – und der Junge wird für Norman zum wahren Jungbrunnen. Florian Appelius macht aus Billy einen sich obercool gebenden 16-Jährigen, aber wie er dasteht, wie bestellt und nicht abgeholt, in Normans und Ethels Holzhausrustikalität, das ist schon sehr fein und nuanciert gespielt. Bald wird sich Norman „voll fett“ in Jugendsprech üben und Billy seine Liebe zum Angeln entdecken …

„Das Haus am See“ ist das elegante Beispiel eines aus dem englischsprachigen Raum kommenden well-made play. Die Aufführung besticht dank Ingo Berks Regie bei aller Komödiantik durch große Wahrhaftigkeit und Ernsthaftigkeit – und vor allem durch den Charme des Darsteller-Sextett, das die Wärme und Zuneigung, die diese komplizierte Familie letztendlich doch zusammenhält, jede Sekunde spüren lässt. Ein gelungener Auftakt für die Bezirke-Tournee 2017/18, ein Abend, auf den man sich freuen kann.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

I Am Not Your Negro

Juni 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einer langen Nacht Reise in den Tag

James Baldwin bringt mit seinen Thesen einen TV-Moderator ins Schleudern. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Ein Auto fährt über einen dieser halbseidenen, spärlich beleuchteten US-Boulevards, es ist dunkel draußen, und aus dem Off ertönt die Stimme von Hollywoodlegende Samuel L. Jackson. „Ich spreche als Angehöriger einer gewissen Demokratie und eines sehr komplexen Landes, das darauf besteht, sehr engstirnig zu sein“, sagt er. Und: „Ich bin kein Objekt, auch nicht für Wohltätigkeit, ich bin ein Bürger dieses Landes.“ Und: „Ich bin kein Neger, ihr habt den Neger erfunden.“

Diese Sätze sind aus dem Jahr 1979. Der hierzulande viel zu wenige bekannte Autor James Baldwin hat sie zu Papier gebracht. „Remember this House“ heißen die nur 30 Seiten umfassenden Notizen, die der Schriftsteller unter dem Eindruck der Ermordung seiner Freunde Medgar Evers, Malcolm X und Martin Luther King jr. verfasst hat. Regisseur Raoul Peck, der heuer bereits mit seinem Spielfilm „Der junge Karl Marx“ erfreute (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24375), macht sie zum Ausgangspunkt seines Dokumentarfilms „I Am Not Your Negro“, der seit 15. Juni in den heimischen Kinos läuft. Jackson, wie erwähnt, spricht. Hypnotisch, eindringlich. Auf der Leinwand nachzulesen sind Briefwechsel von Baldwin mit seinem Literaturagenten Jay Acton.

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Was Peck gelungen ist, ist ein eindrückliches Psychogramm eines Landes, das sich als Neuerfinder der Demokratie seit Athen verstanden wissen will – und dennoch tief in Vorurteilen gegenüber Hautfarbe, Herkunft, Religion steckt. Mit harten Schnitten montiert er die Unfassbarkeiten aneinander, die sich im land of the free ganz ohne Weiteres ereignet haben. Da wird Baldwin, immer auch ein „Medienmanager“, in einer Fernsehdiskussion gefragt, warum die „Neger“ (sic!) so hoffnungslos traurig wären.

Und als er dem TV-Moderator etwas von Verschleppung und Sklaverei und immer noch Chancenungleichheit erzählt, ist dieser ahnungslos fassungslos – und holt rasch den nächsten Studiogast. Da sagt eine Zeitzeugin: „Gott vergibt Mord und Ehebruch, aber er ist sehr böse auf alle, die für Integration sind.“ Dazu Fotocollagen und Filmausschnitte: Little Rock 1957, die Birmingham-Kampagne 1963, Oakland 1968 … King Kong, Tarzan, Onkel Tom’s Hütte. Es wird eine der besten Sequenzen sein, wenn Malcolm X in einer Talkrunde Martin Luther King jr. anklagt, er wäre ein „moderner Onkel Tom“.

James Baldwin steht in der Mitte. Er ist in seinen Auftritten weniger pastoral als King, weniger aggressiv als X. Er argumentiert. Sehr klug, sehr fundiert, sehr charismatisch. Ruhig und unaufgeregt. Das verunsichert die Weißen. Und während er sich schilt als Antirassist „the great black hope of the great white father“ zu sein, legt das FBI schon einen Akt an. Er kommt auf den Sicherheitsindex als gefährlich „berühmtes“ Subjekt – im Akt steht: Er wird gelesen. Von beiden Seiten. Skandal!

Dazwischen Werbebilder von steppenden, fröhlichen, glubschäugigen, breit grinsenden Afroamerikanern. Alltagsrassismus. Am besten: runde, gesunde „Negermama“. Dazwischen Filmkritik. Peck zeigt den latenten Rassismus in Klassikern wie „Flucht in Ketten“ oder „Rat mal, wer zum Essen kommt“. Und die bahnbrechende Szene in „In der Hitze der Nacht“, als Sheriff Rod Steiger am Filmende zu Detective Sidney Poitier sagt: „Passen Sie gut auf sich auf.“ Es ist schier unglaublich, was Baldwin alles in 30 Seiten packen konnte. Er selbst war übrigens lebenslänglich John-Wayne-Fan: „Auch, wenn mir klar ist, dass die Indianer, die er in seinen Filmen hinmetzelt, in Wahrheit ich sind.“

Malcolm X umringt von der Presse. Bild: Edition Salzgeber/Polyfilm

Sehr schön auch ein Aufklärungsfilm des Wirtschaftsministeriums aus den 1970er-Jahren, in dem der Handel darüber informiert wird, er möge sich die neu erworbene Kaufkraft der Schwarzen, die 15 Milliarden Dollar „Negermarkt“ doch nicht entgehen lassen. Dazwischen Politik, Reden, Aufmärsche „Weiße Viertel den Weißen“ mit Hakenkreuzfahne, Segregation, Rosa Louise Parks, eine schwarze Schülerin, 15, die auf dem Schulweg bespuckt wird, und die strange fruit hanging from the poplar trees.

Bob Dylan singt „Only a Pawn in Their Game“. X spricht mit erhobener Faust, King spricht mit hingehaltener Wange, James Baldwin wie er immer und immer wieder auf sein Amerikanertum pocht, Sammy Davis jr., Harry Belafonte – beide in einer spannenden Runde mit Marlon Brando und Charlton Heston. Weibliche Stimme: nur eine. Lorraine Hansberry. Die Autorin starb mit 34 Jahren an Krebs.

Spärlich fügt Peck Aktuelles ein. Rodney King 1991, Tamir Rice 2014, Alton Sterling und Philando Castile 2016, andere Bilder vom System getöteter – ja – Kinder seit den 1990er-Jahren, Ferguson, Baltimore, Charleston …

James Baldwin trifft Bobby Kennedy. Der soll ein schwarzes Mädchen an seinem ersten Schultag begleiten. Baldwin nennt es politisches Engagement, Kennedy eine sinnlose moralische Geste. Dann die Rede, 1965: In 40 Jahren werde es in den USA einen schwarzen Präsidenten geben, prophezeit Kennedy. Ja, lacht Baldwin, „wenn wir uns nach 400 Jahren, nachdem wir in dieses Land verschleppt wurden, immer noch brav benehmen. Schnitt. Die Obamas. Aber ach.

www.not-your-negro.de

Wien, 23. 6. 2017

Salon5 am Thalhof: Power To Hurt

August 13, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Raphael von Bargen rockt William Shakespeare

Raphael von Bargen. Bild: Andrea Klem

Raphael von Bargen schlüpft in die Rollen von Shakespeares Verliebten und Verbrechern. Bild: Andrea Klem

Der Salon5 hat zum Shakespeare-Jahr seine Produktion „Power To Hurt“ gepimpt und zeigt in seinem Sommerquartier am Thalhof nun eine erweiterte Version. Komponist und Sound-Designer Christian Mair hat gemeinsam mit Schauspieler Raphael von Bargen Texte des britischen Barden vertont. Dunkel-schillernde Bluesballaden und auch ein paar Punkrocksongs sind so entstanden, die die beiden live – Mair an Gitarre, Bass und Keyboard, Bargen als Sänger, mit Saxophon und Klarinette – performen.

Regisseurin Anna Maria Krassnigg fügte dem Abend eine Kinobühnenschau hinzu, im Vorjahr hat sie diese alte Kunstform für „La Pasada“ höchst erfolgreich wiederbelebt, nun zeigt sie traumhafte Bilder von mystischen Orten, die mit den Worten Shakespeares in perfekte Korrespondenz treten. Generell hat das Ganze Gothic Chic.

„Power To Hurt“ bezieht sich auf Sonett Nr. 94 aus „Richard III.“, es ist der Auftakt des Programms, und mit Verbrechern und Verliebten geht es weiter, mit Menschen außerhalb der gesellschaftlichen Norm, mit deren Leid und Lust und Grausamkeit. Bargen singt von der Macht und der Willensstärke sich und andere zu verletzen, von den Dramen Richard II. bis Macbeth bis zu den schönsten Sonetten. Das berühmte „Shall I Compare“ (Nr. 18) ist ebenso dabei wie das doppelbödige „My Name Is Will“ (Nr. 136), Bargens Lieblingsstück, wie er in einem Interview mit Norbert Mayer sagte. Richard II. klagt über „King’s Pain“ und Richard III. über den „Glorious Summer“ des Sohnes – und nicht wie auf Deutsch meist übersetzt der Sonne – Yorks.

Bargens Bühnenpräsenz zieht einem schier den Boden unter den Füßen weg. Mit Rockstar-Attitüde bestreitet er sein Konzert, sein Timbre verwandt dem eines Whitfield Crane. All die verlorenen Seelen Shakespeares scheint er wiedergefunden zu haben, wie er da kreischt und greint und nach Vergeltung ruft und um Gnade winselt, die von ihm gestalteten Figuren sind von allen guten Geistern längst verlassen und von ungezählten bösen gejagt. Dazwischen gibt er sich erotisch-zotig, lässt die Hüften kreisen, und die Gedanken der Zuhörer, wenn er von rotem Licht bestrahlt das frivole „Roses Are Red“ zum besten gibt.

Deutsch gesprochene „Dialoge“ hat Krassnigg dazu neu eingefügt. Shakespeares Fair Boy, die Sonette 1 bis 126 richten sich offensichtlich an einen jungen Mann, in der Tradition Petrarcas die Verkörperung einer übersexuellen, reinen Liebe, und die später als überaus irdische Verführerin eingeführte Dark Lady dürfen auftreten. Als Bargens weißes und schwarzes Handschuhgesicht, sozusagen die rechte Hand Gottes und die linke des Teufels, kommentieren sie das Geschehen, spotten über die Nöte und Zwänge der Shakespeare’schen Charaktere und treten in einen heißen Disput über Wert und Wollen seiner Minnegesänge. So sorgen sie für den heiteren Part des Abends.

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Bild: Martin Schwanda

Den das Publikum am Ende endlich heftig akklamiert. Während des Auftritts nämlich hat es sich jede Gefühlsregung verboten, und dass angesichts eines glänzenden Performers auf der Bühne, der dort sein Innerstes nach außen stülpte. Doch es schien fast, als hätten Schlegel-Tieck ihre bildungsbürgerlichen Skelettfinger aus dem Grab erhoben, um das Auditorium zu ermahnen: Du sollst bei Shakespeare weder johlen noch juchzen noch mit den Füßen trampeln noch mit dem Kopf wippen. Wobei das dem wilden Will doch sicher gefallen hätte. Wer also noch aus Fleisch und Blut ist, raus an den Thalhof. Raphael von Bargen rockt das Haus. Cheers, Baby!

Weitere Vorstellungen am 13. und 14. August.

Trailer: vimeo.com/174442456     vimeo.com/174442675     vimeo.com/175189299

Anna Maria Krassnigg im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20807

salon5.at

Wien, 13. 8. 2016

Salon 5 am Thalhof: Anna Maria Krassnigg im Gespräch

Juni 15, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sie inszeniert Dostojewskijs „Der Idiot“ und Shakespeare-Texte als musikalische Kinobühnenschau

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Anna Maria Krassnigg. Bild: Teresa Zötl

Der Salon 5 begibt sich demnächst in die Sommerfrische. Bereits zum zweiten Mal bespielt die kreative Truppe rund um dessen Gründerin und künstlerische Leiterin Anna Maria Krassnigg den Thalhof an der Rax. „Jenseits von Gut und Böse“ lautet das diesjährige Motto unter dem die Theatermacherin ein Schauspiel nach Dostojewskijs Roman „Der Idiot“, die musikalische Kinobühnenschau „Power to Hurt“ nach Shakespeare-Texten, Schnitzler und Jelinek und Herrn Grillparzer versammelt. Die Saison startet am 10. August, der Kartenvorverkauf hat bereits begonnen.

Anna Maria Krassnigg im Gespräch über ein Gebäude, das Geschichte atmet, ihr Programm inmitten einer beginnenden Zeitenwende, die Wiederentdeckung einer alten Kunst für ein junges Publikum und wie sie diesem zeigen will, was „die schrullige alte Tante Theater“ tatsächlich so kann:

MM: Für Theaterbegeisterte, die es noch nicht wissen: Was ist der Salon 5?

Anna Maria Krassnigg: Der Salon 5 ist ein Theaterlabel, das mit einem sehr zeitgenössischen Blick Ausgrabungen verfolgt. Das heißt, Texte, die sonst am Theater nicht vorkommen, sei es, weil sie zu einer Art verdrängter Literatur gehören, sei es, weil man sie nicht auf der Bühne vermuten möchte, obwohl es hochdramatische Texte sind, zur Aufführung bringt. Davor, danach, manchmal auch mittendrin, gibt es intensiven Austausch mit dem Publikum, den wir Salongespräche nennen. Wir möchten zeigen, dass Theater wie ein Musikclub funktionieren kann: dass man sich darüber austauschen und unterhalten kann, ohne, dass Experten von einem Podium herunter dozieren.

MM: Der Salon 5 geht an verschiedene Spielorte, nun geht er in die Sommerfrische an die Rax. Warum bespielen Sie heuer zum zweiten Mal den Thalhof?

Krassnigg: Wir sind verliebt in verwundete Räume, in Orte, die Geschichte haben, Geschichte erzählen aufgrund der Menschen, die an ihnen jahrhundertelang ein- und ausgegangen sind. Das betrifft die alte Turnhalle im Brick 5, den Nestroyhof, das Metrokino – und ganz stark den Thalhof. Er hat mich nach Reichenau gelockt. Ich bekam vor dreieinhalb Jahren das Angebot, dort etwas zu machen, hab‘ ihn mir angeschaut und bin ihm sofort verfallen. Das Gebäude hat etwas Magisches, eine märchenhafte, mystische Ausstrahlung. Man spürt auf eine merkwürdige Art, dass dort 400 Jahre lang gedacht und gedichtet wurde. Das belegt das berühmte Gästebuch. Die Wiener Bohémiens haben dort den Sommer über geschrieben: Freud einen Teil der „Traumdeutung“, Schnitzler, Grillparzer, Hebbel, Ebner-Eschenbach … Leo Perutz und Felix Salten. Man hat das Gefühl, die großen Geister leben immer noch in diesem Speisesaal. Und obwohl wir wahrlich genug Baustellen habe, sagte ich spontan, in dieser Atmosphäre möchte ich Geschichten erzählen.

MM: Am 10. August startet die zweite Saison nach der höchst erfolgreichen ersten. Wie funktioniert die Nachbarschaft mit den sehr arrivierten Festspielen Reichenau?

Krassnigg: Ich kenne die Festspiele als Zuschauerin und als Beteiligte, ich habe dort schon inszeniert, Daniel Kehlmanns „Ruhm“, das war eine sehr schöne Arbeit. Danach hat sich zwar keine Zusammenarbeit mehr ergeben, aber nun haben wir vergangenen Sommer auf die gute Nachbarschaft getrunken, denn es geht sich beides wunderbar aus. Die Festspiele toben im Juli, wir toben im August. Man kann in Reichenau also von Juli bis September durchgehend Theater, Diskussion, Geist, Lust, Unterhaltung erleben.

MM: Ihr Programm passen Sie sozusagen an den Spielort Thalhof an.

Krassnigg: Ja, da bin ich wieder bei den großen Geistern, deren Schätze wir zu heben versuchen. In diesem Sinne haben wir 2015 mit Robert Neumanns „Hochstaplernovelle“ eröffnet, auch er ja ein ehemaliger Thalhofgast und heute ein leider eher unbekannter, nicht ausreichend geschätzter Autor. Dieser Raum schreit nach bestimmten Stoffen, das ist ein austriakischer Speisesaal in all seinem Prunk, der mitten in den Bergen stehend eine stark italienische Ausstrahlung hat. Die Südbahnstrecke Wien-Triest scheint sich in diesem Saal zu treffen. Wir suchen also Stoffe, die dort ihre Wirkung entfalten können, mehr, als es ihnen auf einer Guckkastenbühne gelingen könnte, auch wenn diese Bühne technisch besser ausgestattet ist. Der Genius loci ist die Inspiration für unsere Inszenierungen.

MM: Es gibt zwei Mottos: Für den Salon 5 ist es „In plot we trust“, für die diesjährige Thalhof-Saison „Jenseits von Gut und Böse“. Was wollen Sie damit sagen?

Krassnigg: „In plot we trust“ ist aus einem sehr ernsthaften Scherz entstanden. Wir haben etwas gesucht, an das alle, vom Autor über den Schauspieler bis zum Bühnentechniker, glauben. Da sind wir auf den Plot gekommen, die Narration, weil wir alle der Meinung sind, dass Geschichte und Zeitgeschichte über Geschichten zu erzählen lustvoller, genauer erfassbar und näher am Publikum ist, als wenn man das Erzählen lässt. Wir sind also alle leidenschaftliche Erzähler, aber mit sehr unterschiedlichen ästhetischen Verfahren und einem jeweils anderen Rhythmus. Ich arbeite sehr gerne mit Spielplanklammern, die es allerdings bei mir vor dem Spielplan gibt, nicht erst, wenn die gezeigten Stücke schon feststehen. „Jenseits von Gut und Böse“ ist etwas, das uns im Moment umtreibt. Damit meine ich das Phänomen, dass die Grenzen, die Definitionen diesbezüglich nicht erst seit vergangenem Sommer verschwimmen. Diese moralphilosophischen Fragen nach Gut und Böse und einem jenseits davon, wollen wir anhand des Spielplans abhandeln.

MM: Beispielsweise mit Ihrer großen Produktion, einem Schauspiel nach Dostojewskijs „Der Idiot“. Sie haben die Spielfassung erarbeitet und führen Regie.

Krassnigg: Das ist der klassische Stoff zum Thema, weil er sich an den Fragen „Wer ist der gute Mensch?“ und „Was würde er in der Gesellschaft anrichten, wenn er in Reinkultur wirksam würde?“ abarbeitet. Im Roman ist Fürst Myschkin eine Art wiedergeborener St. Petersburger Jesus, der – flapsig gesagt – die Stadt aufmischt, in Liebesgeschichten und Rivalitäten gerät, und eine unglaubliche Bewegung auslöst, von der Walter Benjamin sagt, sie sei ein „ungeheurer Kratereinsturz“. Das Bemerkenswerte am Roman ist, dass er tatsächlich gut, böse, hell, dunkel auf eine sehr tiefe, existenzielle, radikale Weise abhandelt. „Der Idiot“ ist spannend wie ein Krimi und dabei wahnsinnig komisch. Dazu kommt, dass man diese Menschen kennt; die sind nicht aus der Vergangenheit, die könnten heute aus der Straßenbahn steigen. Das Ganze gipfelt im Sommer in Pawlowsk – da kann der Thalhof dann seine Datscha-Qualitäten ausspielen.

Raphael von Bargen performt "Power to Hurt". Bild: Nora Scheidl

Raphael von Bargen performt „Power to Hurt“. Bild: Nora Scheidl

Der Thalhof. Bild: Christian Mair

Der Thalhof: Im ehemaligen Speise-, heute Theatersaal lebt der Geist seiner berühmten Gäste weiter. Bild: Christian Mair

MM: Eine weitere Premiere ist „Power to Hurt“, eine Weiterentwicklung des Abends, der schon im Brick 5 zu sehen war. Nun wurde aus der Aufführung eine Kinobühnenschau. Diese Form darstellender Kunst haben Sie voriges Jahr mit „Pasada“ wiederentdeckt. Was kann man sich darunter vorstellen?

Krassnigg: „Power to Hurt“ ist ein Projekt, das vernäht ist zwischen dem Schauspieler/Sänger Raphael von Bargen, dem Musiker/Komponisten Christian Mair und mir als Film- und Theaterregisseurin. Es ist eine extreme Teamarbeit, bei der ich uns eher als Band sehen möchte. Wir wollten es noch einmal genauer, größer und für mehr Publikum machen. Es passt zum Motto, denn Raphael von Bargen singt und spielt die größten Bösewichte der Theaterliteratur, zum anderen ist es auch ein wenig unser Beitrag zum Shakespeare-Jahr. Es ist eine sehr spezielle Bergung von Monologen und Sonetten, die als Kinobühnenschau dargeboten wird, also als Verschmelzung von Bühnen- und Filmelementen mit Musik. Da kommt eine opulente, sinnliche dritte Form heraus. Die Welle aus Musik, Bild, einem Extremschauspieler und dieser unglaublichen Literatur, die auf einen zurollt, ist sehr eigen und sehr traumartig.

MM: Das heißt, es wird nicht mit Live-Kamera gearbeitet, sondern der Film ist ein eigenständiges, vorher gefertigtes Element der Aufführung? Kinobühnenschau ist die Korrespondenz zweier Medien?

Krassnigg: Das drückt es exakt aus. Diese Form des Theaterspielens ist an der Schwelle vom Stummfilm zum Tonfilm entstanden. Da gab es große Schauspieler, begnadete Erzähler, die live zu den Bildern Text gesprochen haben. Das Publikum hat das sehr geliebt. Man hat das dann weitergesponnen und das Live-Element Theater in Verhältnis zum Medium Film gesetzt. Damit wurden bestimmte Ebenen, die sich dafür eignen, Visionen, Träume, Zeitsprünge, Nachtsequenzen, erarbeitet, und dazu gab’s Schauspiel auf der Bühne. Es ist überhaupt nicht zu vergleichen mit Videozuspielungen oder Live-Kamera, weil zwei unabhängige künstlerische Erzählweisen nur durch die Geschichte zusammenkommen. Der große Spaß daran ist die Kunst der Übergänge, wie die Film- und die Bühnenwelt ineinander verschmelzen, damit der Zuschauer sie als zwei Hälften einer ganzen Geschichte sieht. Es gibt auch im „Idiot“ einen gewissen Anteil kinobühnenschauhafter Elemente. Das hat sich inhaltlich aufgedrängt und ist auch optisch sehr stark.

MM: Sie gehören dem Leitungsteam des Max-Reinhardt-Seminars an, Sie unterrichten Regie. Studenten können sich am Thalhof mit einer eigenen Produktion erproben, sind aber auch als Publikum herzlich willkommen. Es gibt U25-Tickets um 2,50 Euro?

Krassnigg: Genau, das ist ein Teil meiner Welt. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, größere Kontexte wie ein Festival programmatisch zu bevölkern, ohne meine Studierenden einzubeziehen. Das ist mir ein Herzensanliegen. Dieses Jahr gibt es eine Sonderkooperation mit der Internationalen Sommerakademie der Universität für Musik und darstellende Kunst. Jens Bluhm beleuchtet das Thema „Jenseits von Gut und Böse“ aus der Geschlechterperspektive, er wird einen unbekannten Schnitzler, „Die Braut“, eine Vorstudie zur „Traumnovelle“, Jelineks „Krankheit oder moderne Frauen“ entgegensetzen. Die Collage wird gespielt von Studenten des Max-Reinhardt-Seminars. Dazu musizieren Studierende des Joseph Haydn Instituts. Das freut mich besonders, weil Kollege Johannes Meissl, der dortige Institutsvorstand und wunderbare Geiger, sie das Thalhof Quartett genannt wird. Was nun das Publikum betrifft, so wollen wir eine Einladung aussprechen an all die Menschen, die Sommerfestivals sonst nicht besuchen – beispielsweise aus Kostengründen. Wir haben eben das U25-Ticket, aber auch weitere Ermäßigungen, Vorteilscards und Abos.

MM: Sie gehen täglich in ein Haus voller enthusiastischer junger Theaterschaffender. In den Zuschauerräumen ist diese Generation dünn gesät. Woran liegt das? Was läuft da falsch? Das Angebot?

Krassnigg: Die Frage ist sehr gut. Ästhetiken altern halt wie Menschen auch. Meiner Ansicht nach sind drei Dinge wichtig: Es muss eine Preispolitik geben, die für junge Leute erschwinglich ist. Die gibt es vielerorts, daran liegt es nicht hauptsächlich, dennoch ist das wahnsinnig wichtig. Zum zweiten: Es wird überall über Kulturvermittlung gesprochen, aber was diese schrullige alte Tante Theater tatsächlich kann, wird nicht vermittelt. Das muss man jeder neuen Generation neu sagen, das geht nicht von selbst. Dazu darf es ruhig originellere Anstrengungen geben. Und das dritte, das ich an meinen Kindern oder deren Freunden oder auch Studierenden beobachte, ist, dass es letztendlich zu wenige Geschichten gibt. Im Gegensatz zum Kino, wo derzeit eine Menge großartiger Drehbuchautoren intelligentes Storytelling entwerfen. Jugendliche wären also sowohl über ihre Ästhetiken abholbar, als auch mit gut gemachter Narration. Oder anders gesagt: Theater als reine Kunstanstrengung ist für Unter-25 überhaupt nicht interessant.

MM: Eine klare Absage ans L’art pour l’art!

Krassnigg: Ich halte dieses „Wir wissen, wie’s geht, und daher ist es uns schon fad“ für falsch. Wir wissen nie, wie es geht. Große Werke verändern sich mit der Zeit, man liest nach zehn Jahren ein Stück ganz anders, hört ganz andere Stimmen. Die Partitur ist plötzlich wie neu. Damit muss man als Theaterarbeitender umgehen. Man bewegt sich auf dem Grat zwischen Zeitgenossentum, zwischen Frische und dem Das-Heute-Erzählen, und der Werktreue. Es kann beim Inszenieren nicht darum gehen, ein Profipublikum von Theater heute abwärts mit der außergewöhnlichsten Neuverwurschtung eines Klassikers hinter dem Ofen hervorzulocken, weil, gähn, das haben wir ja alles schon x-mal gesehen. Das als einziger Angang an die dreidimensionale Narration eines großen Textes ist sehr, sehr dünn. Damit kann man Berufsbeschäftigte erfreuen und für sich ein gewisses Ranking erzeugen, aber nicht Zuschauer. Die haben ganz andere Sehnsüchte.

MM: Sie bilden einen Gutteil der kommenden Regiegeneration aus. Wenn Sie selbst inszenieren, wie sehr stehen Sie bei Ihren Studierenden auf dem Prüfstand punkto Vermittlung und deren Umsetzung?

Krassnigg: Total! Als ich noch im Ausland inszeniert habe, war mir wohler in meiner Haut, das war gemütlicher. Ich habe es mit den härtesten aller Kritiker zu tun, denn Studierende, das kennen wir von uns selber, reklamieren für sich das Weltwissen. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber es hat in der Gegenseitigkeit eine große Fairness. Meine Professur ist ein Beruf, den viele gerne hätten. Es ist eine Gnade, etwas, das man liebt, weitergeben zu können, und damit auch noch Geld zu verdienen. Ich hatte Glück dahin zu kommen, da darf man dann auch nicht wehleidig sein und Kritik nicht aushalten. Von meinen Studierenden „begutachtet“ zu werden ist unbequem und anstrengend, aber das hindert mich am Einschlafen.

Das Leitungsteam des Salon5 am Thalhof: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild:Martin Schwanda

Das Leitungsteam des Salon 5 bereitet die aktuelle Thalhof-Saison vor: Christian Mair und Anna Maria Krassnigg. Bild: Martin Schwanda

MM: Sprechen wir über die Menschen, die dieses Jahr den Thalhof bevölkern werden …

Krassigg: Die italienische Schriftstellerin Natalia Ginzburg hat einmal auf die Frage, warum sie beim damals sehr kleinen Einaudi Verlag bleibt, geantwortet, er sei eine Familie, mit der man arbeitet. Sie meinte damit nicht, dass man gemeinsam Eierspeis‘ kocht, sondern, dass sehr unterschiedliche Menschen eine enthusiastische thematische Verbundenheit für ein Produkt haben. So ist das bei uns auch. Der Salon 5 besteht aus zum Teil sehr gegensätzlichen Menschen. Ganz wichtig ist da Christian Mair, einer der besten Komponisten, die ich kenne, der, weil Musiker auch oft Zahlengenies sind, „so nebenbei“ auch noch unser kaufmännischer Leiter ist. Er ist der ruhende Pol in unserem Wanderzirkus. Lydia Hofmann ist ein Faun, eine der größten Bildbegabungen dieser Tage, eine noch junge Bühnenbildnerin aus der Wonder-Klasse, außerdem Malerin, Skulpteurin, die es immer noch mit uns aushält, obwohl unser Budget viel zu klein ist für das, was sie eigentlich könnte. Sie prägt die Ästhetik des Salon von unseren berühmt-berüchtigten Foyers mit den Lampenschirmen bis zur Bühne. Und Antoaneta Stereva ist eine Designerin, die ihren sensiblen und exzentrischen Stil jahrelang in Theater und Film sowie der internationalen Mode geschliffen hat.

MM: Dann gibt es alte Wegbegleiter …

Krassnigg: … wie eben Raphael von Bargen oder Daniel F. Kamen, der mein Myschkin sein wird. Er ist in Österreich viel zu wenig bekannt, ein einmaliger Darsteller, zutiefst dramatisch und dabei extrem komödiantisch. Dazu laden wir gern Gäste ein, wie Maxi Blaha, die mit ihren eigenwilligen Projekten nicht in den Mainstream gehört. Heuer zeigt sie ein Doppelporträt Bachmann/Jelinek, „Es gibt mich nur im Spiegelbild“, darauf freue ich mich schon sehr. Eine Neuentdeckung ist Michaela Saba. Von ihr wird man ganz viel hören. Sie ist eines der eigenartigsten, schönsten und begabtesten Wesen, die das Reinhardt-Seminar in den vergangenen Jahren ausgespuckt hat.

MM: Werden all Ihre Bemühungen auch von den Subventionsgebern gewürdigt?

Krassnigg: Wie kann ich das formulieren, ohne zu klagen? Denn es gibt in dem Sinn nichts zu klagen, weil wir erstaunlicherweise, obwohl Geld überall knapper wird, doch arbeiten können. Wir entwickeln Konzepte weiter, wir erforschen neue Formen. Wir wollen nicht nur – hoffentlich – ein Publikum beschenken, sondern uns ganz ernsthaft fragen: Was geht mit dieser Kunst? Uns interessiert dieses Laborhafte. Die Anerkennung dafür differenziert. Der Bund fördert unsere Arbeit konsequent nicht – so geht es vielen geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Wir werden subventioniert von der Stadt Wien und vom Land Niederösterreich, da ist es sehr schön, dass es kein Topferldenken, keine Bundeslandgrenzen mehr gibt. So können Produktion, wie „Pasada“ vom Thalhof ins Metro Kinokulturhaus wandern. Das Publikum ging da sehr mit, es wollte sehen, was der neue Raum mit der Produktion macht – und das ist ja auch etwas, das uns interessiert.

MM: Apropos, wandern: Eine kleine Herbstvorschau?

Krassnigg: Anna Poloni wird ihre über „Camera Clara“, „Carambolage“ und „Pasada“ geführte Tetralogie mit „Albergo Dante“ beenden. Das wird eine Art von höllischem Hotel, in dem eine Untersuchung von privat und politisch stattfinden wird, die großen Kämpfe im Kleinen – und die falschen Leute werden sie austragen. Und es wird der Spielfilm von „La Pasada“ herauskommen. Wir sind gerade im Endtonschnitt, jetzt gilt es Dinge wie, welcher Verleih, welches Festival zu entscheiden.

salon5.at

Wien, 15. 6. 2016