Kammerspiele: Gemeinsam ist Alzheimer schöner

September 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glücklich ist, wer vergisst …

Statt Tabletten-Suizid zu begehen, erfinden sie ein Shakespeare-Stück: Johannes Krisch und Maria Köstlinger als „Er“ und „Sie“. Bild: Herbert Neubauer

Sex & Drugs & Rock’n’Roll. Mit Position eins und drei fängt es an, zum Beatles-Song „Why Don’t We Do It in the Road?“, Position zwei wird zum Schluss geprobt. Ein erotisches Gerangel wird zum Kuss, französisch, denn es ist 1968 und in Paris stehen die Studenten auf, und „Er“ und „Sie“ skandieren: „Wir sind frei!“ Sind sie nicht, Johannes und Helga, wie ihre Namen später offenbar werden, denn mitten im Sorbonner Mai stehen statt Barrikaden zwei Rollstühle.

Die beiden Alten sind in einer Greisenverwahranstalt gefangen, zwar soll sie luxuriös sein, die Seniorenresidenz „Herbstfreude“, doch die verschiebbaren Wände des Bühnenbilds von Florian Etti sind nicht nur prosekturweiß verfliest, sie öffnen sich auch wie von Geisterhand zu größeren, verengen sich zu kleinsten Räumen – der Mensch als Versuchskaninchen im Laborlabyrinth, ein Eindruck, den eine Stimme von oben noch verstärkt. Und doch ist es ein Labyrinth im Kopf …

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde nun endlich Peter Turrinis Alterswerk „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ zur #Corona-bedingt verschobenen Uraufführung gebracht, Alexander Kubelka hat die Tragikomödie inszeniert, klug und einfühlsam und mit viel Spiel-Raum für seine Darsteller. Diese sind Maria Köstlinger und Johannes Krisch, welch ein Gewinn der Mann für die Josefstadt ist!, und vom ersten Augenblick an wird man vom Charme der beiden mitgerissen.

Selten zuvor hat man sich bei einem Turrini-Stück mehr gefragt, wie viel biografischer Peter drinsteckt, vom frühen Egomanen und Weiberer, der keine Zeit für Frau und Kind erübrigt, vom Job als Hotelsekretär in Bibione, vom politischen Provokateur zum gesetzten Grandseigneur … bis zum im Programmheft abgedruckten Interview über „Zerbröselung“ und den Tod, der ihm sogar beim Nordic Walking folgt: „Ich nehme keine Termine mehr wahr, fahre nirgendwo hin, sperre mich in mein Arbeitszimmer ein und schreibe so lange, bis ich vom Sessel rutsche.“

Ja, mag man sagen, vieles an diesem Demenztext ist trivial, er ist eben – wie das Leben so spielt. Eine Liebe, die in die Jahre gekommen ist. Zwei Entfremdete, die sich dank ihres zunehmend sich verabschiedenden Gedächtnis neu verleidenschaftlichen. Ihre lichten Momente sind die schwärzesten, wenn sie sich an Verletzungen, enttarnte Seitensprünge, die Gleichgültigkeit des anderen erinnern, wenn die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, dann tobt der Ehekrieg aufs Neue, die wie Kanonenkugeln abgeschossenen Worte aber nicht schwer, sondern beim Einschlag mit dem Turrini-typischen Humor explodierend.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Glücklich also ist, wer vergisst. Johannes und Helga ahnen die meiste Zeit nur dunkel, was es mit ihrer Zweisamkeit in der Altersheim-Einsamkeit auf sich hat, doch hätten sie da das Herz am rechten Fleck. Aber das Gehirn schaltet sich ein und macht sie zu den Kuratoren ihrer eigenen Retrospektive. Nach dem ersten hochpoetischen Telefonat via – Achtung: Sinnbild! – Toilettenpapierrollen wird der Rollstuhl zum Rollschuh, denn bei Bedarf sind die Gangunsicheren bestens zu Fuß, es wird ein Kind gezeugt, der eben noch flammende Pamphlete verfassende Revolutionär übernimmt nun doch Vaters Papierfabrik, wie berührend das ist, wenn sich Johannes von seinen Lebensplänen verabschiedet.

Helga verabschiedet sich vom Studium, wird frustshoppende, den Feng-Shui-Garten pflegende Hausfrau und Mutter, exzellente Gastgeberin, doch im Bett kalt und kälter, Johannes, nun Großunternehmer, lässt dagegen nichts anbrennen. Die Zeit verrinnt, die Zeiten zerrinnen ineinander … Es ist ein Schauspielerfest, das an den Kammerspielen zu sehen ist, und Johannes Krisch ein kongenialer Rappelkopf zum Menschenfreund Turrini. Virtuos meistert er die unzähligen Nuancen, die Turrini ihm zugeschrieben hat. Wie er schaut, wenn sie die Leporello-Liste seiner Amouren entrollt, wie ein Kind, das man beim Kekse klauen erwischt hat. Mit zittriger Hand will er sich rechtfertigen, dann zerspringt er in verzweifelt-(komischem) Zorn, der in die Ecke argumentierte Mann. Womit Krisch die mitleidigen Lacher des Publikums gewiss sind.

Maria Köstlingers Helga aber ist die Machthaberin der Spielchen, eine nüchtern-süffisante Gattin zum kauzig vor sich hin schwadronierenden Gespons. Es ist, als würde im gegenwärtigen Verfall Helgas übersprungene Emanzipation stattfinden. Die vom großen Macho-Tier ein Leben lang kleingehaltene Frau bekommt ihre späte Rache und macht aus ihrer Waffe der stillen Sturheit endlich lautstarkes Aufbegehren. Welch eine Szene, wenn er ihr kellnernde Liebhaber beim Strandurlaub vorwirft, und sie ihm hysterisch lachend vormacht, wie sie ein ganzes Heer von ihnen als „Glocken von Bibione“ Aufstellung nehmen hat lassen. Ein paar Minuten später weiß sie nicht mehr, wie Zähneputzen geht, und er hilft ihr liebevoll mit Zahnbürste und Zahnpasta.

Die gemeinsame Sprache ist das, was Männer und Frauen trennt, feixt Turrini. Will sie über Gefühle reden, sagt er, jetzt komme sie schon wieder mit ihrer Psychologie daher. Eine Schelmin, die behauptet, derlei Sätze im persönlichen Beziehungswirrwarr noch nie gehört zu haben, und gleichzeitig entwirft Turrini mit seinen beiden Figuren ein gesellschaftliches Sittenbild seiner Generation bis heute. Es liegt an Krischs Johannes diesen Polit-Rappel, Anklage des Systems und zugleich Selbstanklage seiner Zeitgenossenschaft, förmlich auszukotzen.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Als darob auf den Plan gerufene Big Brothers fungieren Roman Schmelzer und Michael Dangl, als Stimmen der Heimleitung aus dem Lautsprecher, der erste, der von seinen Schäfchen „angenommen und geliebt“ werden will, und dies derart fröhlich aufgedreht, dass es im Selbstmord enden muss, der andere ein aalglatter MBA-Gottöberst, der mit  „Bewohnermanagement“ beschäftigt ist.

Helgas und Johannes‘ Welt reduziert sich, auch räumlich, weil der sich mit einem Auslandsgeschäft verspekuliert habende Sohn und Erbe statt des Appartements nur noch ein Zimmer zu zahlen bereit ist. Der Enkel kommt, auch das kennt man, der schlechte Vater wird ein guter Großvater, der mit hinreißender Begeisterung mit den Spielzeugautos fuhrwerkt. Helga schneidet derweil die Blumen aus ihrem Kleidchen und klebt sie an die Wand. Wunderbar sind überhaupt die Kostüme von Elisabeth Strauß für die Köstlinger: vom mausgrauen Faltenrock zum pastellrosa Liebestöter zum mondänen Turniertanzoutfit.

Im Verwelken lässt Turrini seine Geschöpfe die schönsten Blüten treiben. Fabelhaft etwa, wie sie den Tabletten-Suizid vorbereiten, von den lyrischen Bezeichnungen für die Medikamente aber so verzaubert sind, dass sie mit ihnen der Protagonisten Namen einer Shakespeare’schen Tragödie erfinden. Ein Werk mit Happy End, selbstverständlich. Wie auch Turrinis, der seinen Figuren knapp vor Eskalation ein endgültiges Fremdsein verschriebt. Man siezt sich in diesem dramaturgischen, von Köstlinger und Krisch berückend dargebotenem PS, doch man liebt sich auf den letzten ersten Blick.

Und wie Turrini seine Schutzbefohlenen mal vorm Tod in den Walzer rettet, mal im Flugzeug Richtung Märchen entfleuchen lässt, so auch diesmal: „Er“ führt seine „Sie“ in den Sonnenuntergang, führt sie zum Traualtar, und ihr Brautschleier ist – Toilettenpapier …

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=hoW6URBSI3s

  1. 9. 2020

Justus Neumann: „Alzheimer Symphonie“

September 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein König spielt den Lear

Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet, blast!
Ihr Katarakte, Wolkenbrüche, speit,
Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt!
Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze,
Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,
Versengt mein weißes Haupt! Du Donner, schmetternd
Schlag flach das mächtige Rund der Welt; zerbrecht
Die Formen der Natur, tilg alle Keime,
Daraus der undankbare Mensch entsteht.

Justus Neumann und Maschine  Bild: (c) schaexpir B. Stadlbauer

Justus Neumann und Maschine
Bild: (c) schaexpir B. Stadlbauer

Das ist der Monolog aus Shakespeares „König Lear“, dritter Akt, zweite Szene: Still Storm, an den sich Justus Neumann als alternder Schauspieler nicht und nicht erinnern kann. Einmal – die Schmuckstückszene dieser liebenswert-großartigen Aufführung -gelingt es ihm: Mit Hilfe von an die 30 Requisiten, die ihm ein Knabe bringt: Föhn, Insektenspray, Luftballons samt Holzhammer, einem Küchenmessbecher, in dem Schachtürme und ein Plastikkänguru „ersäuft“ werden, Schneebesen, Sexheft und einer Bert-Brecht-Fotografie … Zwei Jahre nach seinem „Nibelungenlied“ hat Neumann sein australisches Zirkuszelt wieder im Museumsquartier vor dem Dschungel Wien aufgeschlagen. Und zeigt dort seine jüngste Produktion „Alzheimer Symphonie“. Ein skurriles Maschinentheater, bei dem man weinen müsste und doch lachen mag, weil mit Neumann einmal mehr die Fantasie über Bord geht, und er, der sich auch Clown nennt, die Angst des Menschen vor dem Abgrund des Lebensendes wie auf dem Hochseil ausbalanciert. Ganz große Kunst! Beklemmend, wenn er sagt: „Man findet die Tür nicht mehr.“ Und damit sowohl den Bühneneingang als auch den Eintritt ins eigene Hirn meint. Melancholisch, wenn er sich an Applaus „wie ein Wasserfall“ erinnert. Verzweifelt, wenn er „Mmh“ zum Zeitwort erklärt. Seinen Socken aus einer Dose eingelegter Pfirsiche isst – und das nicht wissenhaft, wie Tramp Chaplin seinen Schuh. Politisch, wenn der das Wort Demokratie mit (Theater-) Direktion verwechselt, wo er einst Geld für den Bau von Lears Burgmauern einforderte – und abgeschmettert wurde: „Aus Nichts kann nichts entstehen.“ Vergnüglich, wenn er die Banalität des Daseins zu dessen Qualität macht, im Zwiegespräch mit einer Ameise das fehlende Salz zur Eierspeis‘ beklagt.

Denn außer Justus Neumann hat diese Aufführung einen zweiten Hauptdarsteller. Einen Star, sozusagen. Einen vollautomatisierten „Rollstuhl“, eine Überlebensmaschine, den Alltag im Kleinen. Er ist Küche mit funktionstüchtigem Herd zum Eier anbraten, Kaffee kochen, Toast machen; Bad mit Dusche zum Haare shampoonieren und föhnen (!); Sportplatz fürs Solo-Tischtennis, Bett und Bibliothek mit einem Fotoalbum, in dem der Darsteller weder seine Mutter noch sich selbst als Firmling („Warum schaut der so finster? Und da – auf dem Bild auch!“) erkennt. Schminkspiegel, Garderobe? Oder ist diese tragikomische Gestalt, die mit allen Tricks und Mitteln der Logik gegen das unaufhaltsame Vergessen ankämpft, dement wie Don Quijote gegen die Riesen/Windmühlen, längst in einer Anstalt? Die Umgebung bröckelt wie eine alte Fassade. Neumann philosophiert über Gott an sich und die Welt im Besonderen, über Sein oder Nichtsein (auch wenn das ein anderer Shakespeare ist), mit tiefstem Ernst und hochgradig lustig und umgekehrt. Und wär’s nicht Neumann, man müsste sich danach tatsächlich Sorgen um die eigene Zukunft machen. So aber hat man einen Hoffnungsschimmer fürs Ende. Friede. An der Hand des Knaben darf der Schauspieler endlich das, was er sich schon so lange wünscht: „Heim gehen!“ Das begeisterte Publikum hätte das noch nicht gewollt.

„Vergessen ist die glücklichste Erfindung, die es gibt“, sagt Justus Neumann. Und dieses eine Mal muss man ihm widersprechen. Denn die „Alzheimer Symphonie“ wird – lange – unvergesslich bleiben.

www.dschungelwien.at

Trailer: www.mottingers-meinung.at/justus-neumann-kommt-mit-dem-circus-elysium

Wien, 4. 9. 2013

Justus Neumann kommt mit dem Circus Elysium

August 26, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Alzheimer Symphonie

Bild: Wolfgang Kalal

Bild: Wolfgang Kalal

Ab 3. September bis 9. Oktober zeigt Justus Neumann im Wiener Museumsquartier, Hof 2 im Zirkuszelt vor dem DSCHUNGEL WIEN, seine „Alzheimer Symphonie“. Inhalt: Ein alternder Schauspieler vergisst während einer Aufführung von Shakespeares König Lear, seinen Text. Die Erinnerung an seine Theaterwelt verschwimmt immer mehr und Verbindungen zu seiner Umgebung bröckeln langsam ab. Mit allen Tricks und Mitteln der Logik gegen das unaufhaltsame Vergessen anzukämpfen, ist vergeblich. Es schleicht sich langsam in alle Ecken seines Lebens. Er kann sich weder an die Namen seiner Söhne noch an das Gesicht seiner Mutter erinnern. Er findet seine Socken in der Suppe und isst sie, ohne die Situation zu hinterfragen. Eine Maschine ermöglicht ihm seinen Alltag zu bewältigen. Sie ist Küche mit Herd, Bad mit Dusche, Sportplatz und Bibliothek. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich dem Schicksal zu überlassen. Dadurch öffnet sich ihm eine neue Welt. Friede, statt Kampf mit sich selber tritt ein. “Alzheimer Symphonie” ist ein skurriles, musikalisches Maschinentheater, das die Qualitäten des Lebens bis ins Persönlichste hinterfragt und uns die Hoffnung geben kann, dass das Vergessen nichts anders ist, als die wunderbarste Befreiung von einem trostlosen Alltag und einem banalen Leben. Unbedingt sehenswert!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=f7TpK1Wreao

Wien, 26. 8. 2013