Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Chikago

Oktober 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Burgenland-Flucht in ein besseres Leben

Luka Vlatkovic, Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Die wortwiege ist vom Thalhof ins Winterdomizil Wien übersiedelt, und zeigt hier drei beachtenswerte Produktionen. Den Auftakt macht, als erste Uraufführung der neuen Serie „Szene Österreich“, der vielbeachtete, im Picus Verlag erschienene Roman „Chikago“ von Theodora Bauer in szenischer Fassung. Aufführungsort ist die Alte Bibliothek. Ein wahrhaft intimer Rahmen, dieser holzgetäfelte Raum.

Ein Bücherkabinett mit Galerie, darin eine lange Tafel, darauf Brot und alte Fotoalben und Schnaps, Äpfel und Affenhandpuppen. Ein Hackbrett, dem Schauspieler Luka Vlatkovic Sphärenklänge entlocken wird. Einmal mehr ist es wortwiege-Leiterin und Regisseurin Anna Maria Krassnigg gelungen, eine Spielstätte zu finden, die eine einzigartige Atmosphäre atmet. Gemeinsam mit Luka Vlatkovic und Nina C. Gabriel gestaltet Krassnigg die Bauer’schen Figuren, die Darsteller sind auch Erzähler, berichten von sich und über einander, aus den Perspektiven aller Protagonisten, und die sind nicht immer deckungsgleich.

„Chikago“ beginnt im Burgenland des Jahres 1921. Dort, an der noch jungen österreichisch-ungarischen Grenze, gibt es wenig außer Aufruhr und Armut, die große Hoffnung heißt „ins Amerika gehen“. Das will auch Feri, und die von ihm schwangere Katica natürlich mitnehmen, doch dann macht der Tod eines Gendarmen die Auswanderung zur Flucht, die nur durch Katicas „Zigeuner“-Halbschwester Anas beherztes Handeln überhaupt gelingt. Drüben angekommen, erfährt das Trio, dass im Land der unbegrenzten die Möglichkeiten doch sehr beschränkt sind. Katica stirbt bei der Geburt des Kindes, Feri wird zum Trinker, Ana muss den Säugling Josip alleine aufziehen …

Luka Vlatkovic. Bild: Christian Mair

Nina C. Gabriel und Anna Maria Krassnigg. Bild: Christian Mair

Mit kleinsten Gesten, gezielten Seitenblicken, illustrieren Gabriel als seelisch starke Ana, Krassnigg als kindlich gebliebene Katica und Vlatkovic als sanftmütiger Zögerling Feri den Text. Theodora Bauer hat für ihr Buch eine Sprache von brutaler Poesie erschaffen, „Wortbluten“ steht an einer Stelle, das Idiom der Zeit angepasst und sehr österreichisch, und die wortwiege-Besetzung versteht dies perfekt umzusetzen. Wiewohl die Schauspieler kaum jemals die Texthefte aus der Hand legen, ist Krassniggs szenische Skizze theatraler als so manche Norminszenierung.

Gemeinsam gelingt es ihnen, Bauers packendes Sittenbild zum Statement zur aktuellen Lage im Land zu machen. Denn dies gilt es zu bedenken, dass es Epochen gab, in denen auch Europäer auf der Suche nach einem besseren Leben in die weite Welt zogen. Aus dem Burgenland in die USA waren es etwa 100.000. Die Migrantenschicksale in „Chikago“ entlarven jegliche einseitige Sichtweise auf „Wirtschaftsflüchtlinge“ als unmenschlich und dumm, ebenso jedoch wird der American Way of Life als Mythos enttarnt.

Gegenwärtiger, auch aufschlussreicher, kann ein Kommentar zur Zeit kaum sein. Dabei braucht Bauer, und mit ihr Krassnigg, für ihre Auswanderergeschichte keinen erhobenen Zeigefinger. Mit sparsamen Mitteln, einem getauschten Gilet, einer Schiebermütze, einem anderen Schultertuch, Kostümbild: Antoaneta Stereva, wechseln die Schauspieler in neue Charaktere. Aus Josip wird Vlatkovics erwachsener Joe, aus Ana „Aunt Annie“, die sich bei den jüdischen Whites als Haushälterin verdingt. 1937 ist es geworden, beim historischen Streik bei Republic Steel rückt die Nationalgarde an und beendet diesen mit Gewalt. Und wieder gibt es ein Unglück, und Josip und Ana müssen zurück ins Burgenland. Von Chicago nach Chikago. Und damit in den aufkeimenden Nationalsozialismus. Für Josip verführerisch, für Ana als „Zigeunerin“ und „Judenfreundin“ hingegen …

Luka Vlatkovic, Anna Maria Krassnigg und Nina C. Gabriel. Bild: Christian Mair

Chikago heißt bis heute ein Ortsteil von Kittsee, vermutlich so genannt, weil ab 1910 wegen der Wohnungsnot der Bevölkerung hier in kurzer Zeit gerade, „amerikanisch“ anmutende Gassen angelegt und entlang dieser Häuserblocks hochgezogen wurden. Der damals aus den USA heimkehrende Kittseer Josef Zambach soll gesagt haben, man baue die ja so schnell „wie in Chicago“.

„Chikago“, Theodora Bauers eindrücklicher Erzähltext, laut der wortwiege im Sinne eines kritischen, literarischen Volkstheaters zu verstehen, überzeugt auch in seiner szenischen Umsetzung. Regisseurin Anna Maria Krassnigg zeigt, wie viel mit nicht allzu viel geht, als Schauspielerin ist sie, wie auch Nina C. Gabriel und Luka Vlatkovic, einfach fantastisch. Alles in allem – ein Abend, den man gesehen haben muss.

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 10. 2018

Volkstheater: Alte Meister

Oktober 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei manische Dialogisierer

Rainer Galke, Lukas Holzhausen Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke, Lukas Holzhausen
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles Geschriebene ist Fälschung. Formulierte Thomas Bernhard. Das trifft im Maße auf diesen Abend zu. Am Volkstheater inszenierte Dušan David Pařízek Bernhards „Alte Meister“. Und nicht nur das. Der Regisseur des Jahres besorgte auch gleich die Bühnenfassung des Romans von Österreichs unfreiwilligstem Nationaldichter. Wie problematisch das sein muss, wird man noch sehen. Eines vorweg ist Pařízek hervorragend gelungen, er hat des Autors vorgenommene Kategorisierung seines Werks als Komödie als Arbeitsauftrag verstanden und diesen erfüllt.

So fabulieren, fighten, fressen sie nun auf der Bühne des Volkstheaters. Musikkritiker Reger, der seit drei Jahrzehnten an jedem zweiten Vormittag den fiktiven Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums aufsucht, nur um in Tintorettos „Weißbärtigem Mann“ einen gravierenden Fehler zu entdecken, und Museumswärter Irrsigler, der den fast hündisch verehrten Philosophen kunstvoll abschirmt und sein Denken beschützt. Irrsigler ist das Sprachrohr Regers, fast alles, das Irrsigler sagt, hat Reger gesagt, seit über dreißig Jahren redet Irrsigler Reger’sche Sätze im Reger-Tonfall. Reger redet nicht nur durch Irrsigler, er denkt auch durch ihn.

Naturgemäß das beste aus seinem Kopf. Lukas Holzhausen ist dieser höher gestellte Kulturmensch mit Kunstsinn, er bespiegelt sich in Pařízeks Bühnenbild via Overheadfolienfotos als manieristischer Griesgram, Rainer Galke sein dumper Burgenländer, dessen höchstes Begehr ein Arbeitsplatz in Uniform ist – lebenslänglich in dasselbe Gewand zu schlüpfen und dieses lebenslängliche Gewand nicht einmal selber bezahlen zu müssen! Pařízek gestaltet statt der typischen Bernhard-Figur eines manischen Monologisierers einen Dialog zweier gleichberechtigter Sprachermächtigter. Das ist in dieser Art neu.

Denn Galke schenkt Holzhausen nichts. Angespannte Aufmerksamkeit in beiden Ecken des Kampfplatzes. Galke zwar beflissen, dem strengen Kunst-Richter zu gefallen, sein Leben eine einzige Prüfung, während der Holzhausen die Bernhard-Begriffe ganz Geistesaufbereitungsmaschine nahezu körperlich gebiert. Aber wer hier wen … nicht wahr? … ist eigentlich kaum mehr zu sagen. Weil die Welt bekanntlich ein Irrenhaus ist, könnte dieses Kunsthistorische Museum auch auf der Baumgartner Höhe stehen, Wärter ist ja schon da. Sozusagen Otto statt Richard Wagner. Der Herr des einen Ring entgeht der Reger-Schelte genauso wenig wie Beethoven, Mozart, Stifter, Dürer, Heidegger, Ur-Nazis allesamt, Staatskünstler und auch anderweitig Stümper, vom dubiosen habsburgischen Möchtegerngeschmack, schöngeistig widerlich, bis zu den provinzdilettantisch kulturbanausischen Sozialisten, Thomas Bernhard halt, und doch etwas mehr, denn Reger ist Witwer, und auch, wenn er seine Frau zur unglücklichsten überhaupt gemacht haben dürfte, er vermisst unverkennbar autobiographisch. Bernhard schrieb das Buch nach dem Tod von Hedwig Stavianicek. Regers Frau tritt auf. Mit nackten Männerbeinen und in schwarzen Stöckelschuhen. In einem Cocktailkleid. In ihr, der Abwesenden, liegt das tragische Grausen, die grausige Tragik des Bernhard-Texts. Auch diese Aufgabe teilen sich die vier Männer. Galke/Irrsigler; Holzhausen/Reger; in chemischem Sinne verwandt. Ein Wir-Denken im Wort-Strudel. Die Biografien verschwimmen zu einer.

Holzhausen und Galke agieren mit der szenischen Präsenz eines Clown-Duos. Von der Ohrfeigenorgie bis zum beherzten Biss in die Zehen wird an nichts gespart. Die Geige knarzt, der Strick wird um den Hals gelegt. Selbstverständlich das Selbstmordwort von einem, der im entscheidenden Moment vom Schemel steigt. In seiner Beamtenaktentasche hat Irrsigler alles, was Reger für seinen Irrsinn braucht. Kuhglocke, Papierschere für den Bilderstürmer, kalte Schnitzel. Rituale werden ausgeführt, Zigarettenrauch wird zum Nebeltag. Während sich der eine in Rage redet, versucht der andere mit Hilfe des Souffleurs das Burgenländische zu meistern. Düsseldorf grüßt Bruck an der Leitha. In ganz Europa gibt es kein ärmeres und kein schmutzigeres Land. Die Wiener reden den Burgenländern immer ein, dass das Burgenland ein schönes Land sei, weil sie diesen burgenländischen Schmutz und diesen burgenländischen Stumpfsinn auf Wienerisch perverse Weise als romantisch empfinden. „schware kindheid ghobt.“ – „Wie?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Wie?“ So unterhält man ein hiesiges Publikum. Man weiß nicht, ob es sie freut, im Stücksinn ist es eigentlich eine Beschimpfung, aber der Wahrheit verpflichtet, ist festzuhalten: Rainer Galke und Lukas Holzhausen haben das Zeug zu Publikumslieblingen.

Dass dem Abend dennoch etwas fehlt, hat nichts mit einer fehlenden Skandalkultur, mit einem Heutzutage, in dem keine Helden Platz haben, zu tun. Es ist auch schwer zu (be)schreiben, angesichts des eigenen Plädoyers, ein Stoff dürfe zwischen Medien changieren und sich wandeln. Und doch fehlt diesem Thomas-Bernhard-Abend der Thomas Bernhard. Die liturgische Litanei, die Wortkaskaden des Sprachkaskadeurs, dieses Eineinhalb Seiten ohne Punkt machen noch keinen ganzen Satz, dieses Atemholen ist etwas für Anfänger. Es fehlt auch an der Atzbacher’schen Distanz bei dessen gleichzeitig fehlender Distanziertheit. Im Roman ist der beobachtende Privatgelehrte Erzähler und Einschätzer, ein bezeichnender Bezeichner, tatsächlich ist alles, was an Nichthandlung geschieht, durch seine Wahrnehmung gefiltert, tatsächlich ist die Frage, was er wahr- und was falschnimmt. Eine Metaebene, die am Theater durchaus funktionieren kann, es bei Pařízek aber wohl nicht sollte. So bleibt ein perfekt performtes Duellduett. Von Dušan David Pařízek nach Thomas Bernhard. Tatsächlich am Abend in das Volkstheater und in Alte Meister gegangen. Die Vorstellung war hervorragend.  

www.volkstheater.at

Rainer Galke und Lukas Holzhausen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15171

„Alte Meister. Komödie“, erschienen u. a. in: Suhrkamp Quarto, Thomas Bernhard. Die Romane. 1840 Seiten. Herausgegeben mit einem Nachwort von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler www.suhrkamp.de/suhrkamp_quarto_248.html

Wien, 19. 10. 2015

Neu am Volkstheater: Rainer Galke, Lukas Holzhausen

Oktober 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bernhard-Premiere mit „Alte Meister“

Lukas Holzhausen, Rainer Galke Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Lukas Holzhausen, Rainer Galke
Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Der eine kommt vom Düsseldorfer Schauspielhaus, der andere aus dem Züricher. Für beide ist es die erste schauspielerische Begegnung mit Thomas Bernhard. Rainer Galke und Lukas Holzhausen (mehr: www.volkstheater.at/person/rainer-galke/ www.volkstheater.at/person/lukas-holzhausen/) spielen am Volkstheater in Dušan David Pařízeks Regie „Alte Meister“, vom Regisseur des Jahres ist auch die Bühnenfassung: Seit dreißig Jahren besucht Musikphilosoph Reger das Kunsthistorische Museum, um im fiktiven Bordone-Saal Tintorettos Weißbärtigen Mann zu betrachten. Er will an diesem Meisterwerk einen „gravierenden Fehler“ entdecken. Museumswärter Irrsigler, der Reger seit ebenfalls dreißig Jahren kunstvoll abschirmt, ist von dieser seltsamen Tätigkeit in den Bann gezogen … Premiere ist am 18. Oktober. Galke und Holzhausen im Gespräch über Reger & Irrsigler, Jahreskarten fürs Museum und wie einem Bernhard „auf den Wecker gehen“ kann:

MM: Thomas Bernhard sagte einmal zu einer Journalistin: „Sie fragen mich Groscherlfragen und mir sollen die Hunderter aus dem Mund fallen“. Daran anschließend: Waren Sie schon im Kunsthistorischen Museum?

Rainer Galke: Ich war schon dort. Selbstverständlich. Und fürs Naturhistorische habe ich schon Jahreskarten besorgt, das begeistert meine Kinder nämlich mehr.

Lukas Holzhausen: Da war ich noch überhaupt nicht drin! Ist das interessant? Aber da ich davon ausgehe, dass Sie Ihre Frage auch ernst meinen: Es geht in „Alte Meister“ ums Kunsthistorische Museum nur als Vehikel für die Betrachtung, was Kunst für eine Gesellschaft bedeutet. Und die Figur Reger braucht einen Raum, in dem sie sich aufhalten kann, also geht sie ins Museum.

MM: Dušan David Pařízek hat Bernhards Roman für die Bühne bearbeitet. Im Roman kommen vor: Musikphilosoph Reger, Museumswärter Irrsigler, der Privatgelehrte Atzbacher, wenn man will Regers verstorbene Frau und ein Engländer. Sie sind zu zweit, Sie beschäftigen sich als Schauspieler beide erstmals mit Bernhard. Wie legen Sie’s an?

Galke: Also den Waliser haben wir gestrichen. Einen Reger gibt es auf jeden Fall. Einen Irrsigler wahrscheinlich auch. Wie das dann aufgelöst wird? Lassen Sie sich überraschen, wer in unserer Variante letztlich wessen Sprachrohr ist.

Holzhausen: Wir haben die Reflexionsebene, also, dass ständig einer berichtet, was der andere sagt, in die direkte Rede geholt, sonst wird es für das Publikum langweilig. Die formalen Verschachtelungen des Romans lösen wir auf. Wir lösen aber auch diese kabarettistische Sicht auf, die man auf Bernhard und sein Schimpfen in Österreich einnimmt, seit man ihn in den „normalen“ Literaturkanon geholt hat. Im Roman und jetzt im Stück gibt es einen Schmerzpunkt. Das ist der Tod von Regers geliebter Frau. Das habe ich selber erst beim dritten Mal Lesen gespürt, nachdem mir das Buch vorher wahnsinnig auf den Wecker gegangen ist. Nun spüre ich diesem Schmerz bis auf den Grund nach, der Frage, wie man’s überhaupt aushalten kann auf dieser Welt, in der Gewissheit weiterleben zu müssen. Das ist der Nährboden für die Selbstmordfantasien der Figur.

MM: Das klingt alles todernst und tieftraurig. Der Autor nennt seinen Roman schon noch Komödie. Bei Bernhard ist das Eins-zu-Eins -Nehmen seiner Figuren ein schmaler Grat.

Holzhausen: Mich erinnert „Alte Meister“ sehr an Becketts „Endspiel“. Bernhard ist ein Ozean an Gedanken, da ist alles formuliert. Ich hätte nicht gedacht, dass er so ein zeitgemäßer Ausdruck für mein Lebensgefühl ist. Regers großer Schmerz ist eine singuläre Erscheinung in Bernhards Werk. Das heißt, das ist ein spezieller Aspekt, ein biografisch grundierter Aspekt. Ich hoffe trotzdem, dass es lustig ist. Der Roman heißt Komödie. Unser Stück ist eine intellektuelle Clownerie.

MM: Was ist für Sie an Thomas Bernhard das Allgemeingültige, was das österreichische?

Holzhausen lacht.

Galke: Persönlich gesprochen, es ist gerade schwer, in Österreich anzukommen und dieses Stück vor der Brust zu haben, wo einer auf alles schimpft, den Staat als marode bezeichnet, die Menschen verachtet. Wo ich doch gerade versuche, hier einen Fuß auf den Boden zu bringen und mein Leben für längere Zeit hier einzurichten. Andererseits ist natürlich, was er Reger über den Kulturbetrieb in den Mund legt, sehr drastisch, sehr überspitzt, zugleich sieht man aber auch Parallelen zu Deutschland, die durchaus der Wahrheit entsprechen.

Holzhausen: Ich bin zu kurz in Wien, um mich da festzulegen. Ich komme vom Schauspielhaus Zürich, und was die Schweiz betrifft, kann ich sagen, dass Kunst und Kultur dort viel nebensächlicher konsumiert werden als hier. Die Schweizer machen alles richtig, das ist das beste Land der Welt, mit dieser Mentalität lässt man sich doch nichts sagen. Die Schweizer „brauchen“ das Theater nicht, diese merkwürdig vergängliche Kunst, die man nicht im Salon aufstellen oder aufhängen kann, mit der man vor Freunden nicht protzen kann. Ich debütiere ja erst in Wien, aber ich beobachte, wie viele ins Volkstheater, das ja nun wirklich nicht wenige Sitzplätze hat, kommen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich als Kulturnation versteht, dass hier Kunst alles ist. Sieht man ja auch an den Touristenströmen. In der Schweiz würde sich niemand im Theater so beschimpfen lassen, die Schweizer würden so viel Selbstkritik nicht ertragen, Jelinek, Handke, Schwab, die Einmischung in den politischen Diskurs, da würden die Leute gar nicht reingehen. In Österreich ist man mit dem Theater per Du, in Wien ist das Bedürfnis sich aufzuregen ein ganz eigener Antrieb.

MM: Denken Sie, dass das noch so ist? Das Theater als Erregungsanstalt?

Galke: Ich glaube schon. Darum haben wir uns auch am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo ich zuletzt engagiert war, bemüht. Man kann sich aber nur über etwas empören, dass im tiefsten Kern wahr ist. Das aufzuzeigen war die Stärke Thomas Bernhards. Wir versuchen das Zeitlose an seiner Kritik in den Vordergrund zu stellen, dann meine ich, könnte es heute auch möglich sein, dass sich jemand aufregt.

Holzhausen: Es ist viel schwieriger geworden am Theater Skandal zu erzeugen, dafür gibt es jetzt andere Foren. Die Kämpfe verlagern sich in die sozialen Netzwerke. Skandal ist aber gar nicht unser Ziel, wir wollen zwei Figuren zeigen und was sie mit- und aneinander haben. Reger ist bewegt von Bernhards paranoidem Gedankengebilde, Staatskünstler zu sein. Das ist erzählenswert. Und wie der einfachere Irrsigler im Gegensatz zu ihm gut leben kann.

MM: Irrsigler ist Burgenländer. Kennen Sie schon einen Burgenländerwitz?

Galke: Ach, das sind die hiesigen Ostfriesen! Wie viele Burgenländer braucht man um eine Glühbirne …

MM: Schön! Wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem österreichischen, dem berühmten deutschen und dem noch viel berühmteren Schweizer Humor?

Holzhausen: Humor ist in der Schweiz eine Erbärmlichkeit. Ich bin Österreich die Kabarettisten, allen voran Josef Hader, sehr neidig. Wie der Gemeines ganz charmant und unterhaltsam präsentieren kann.

Galke: Das ist ja das Gemeine daran. Das ist die Falle, in die wir Deutschen im Umgang mit den Österreichern gern tappen. Deutscher Humor ist Schenkelklopfen und Vier-Viertel-Takt-Klatschen. Der qualitätsvolle beschränkt sich auf Loriot und Hape Kerkeling. Ende. Und weil vorhin die Autoren Jelinek, Schwab etc. genannt wurden: In Deutschland wird streng getrennt zwischen Unterhaltung und tiefernster Aussage, da fehlt es an der Leichtigkeit solcher Dramatiker.

MM: Erzählen Sie mal was über sich: Männedorf trifft Meerburg in Wien. Wie soll das werden?

Galke: Als ich mich mit Anna Badora wegen des Engagements getroffen habe, war ich zum ersten Mal in Wien. Ich bin ganz neu und ganz zurückhaltend und sehr devot und warte, was passieren wird. Bis jetzt waren alle sehr nett und zuvorkommend. Meine Familie ist da, meine Kinder werden in der Schule sprachlich zu kleinen Wienern. Ich muss mal gucken, dass ich alles verstehe, was sie sagen. Warum sagen Sie eigentlich zum Kellner „Herr Ober“?

MM: Weil er im Caféhaus der Herr ist und hierarchisch ober den Gästen steht. Ich weiß es nicht.

Holzhausen: Was das werden soll? Viel Spaß am Spielen! Meine Frau Anja Herden ist jetzt auch hier am Haus. Das freut uns sehr. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich gemeinsam zu präsentieren? Wir freuen uns, bei einem Neuanfang dabei zu sein, wir freuen uns über Anna Badoras Mut, Neues zu versuchen. Wir lieben die leicht abgefuckte Optik des Hauses, aber da soll sich ja bald was tun.

MM: Anja Herden ist in der Volx-Bezirke-Produktion von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15092) zu sehen. Auch Sie werden in den Bezirken arbeiten, Sie inszenieren Thomas Glavinics erstes Bühnenstück „Mugshots“ im April 2016. Apropos, abgefuckt …

Holzhausen: Jaja, ich war schon auf Spielortebesichtigungstour. Großartig, was es da zu sehen gibt. SiMM City! Ich habe zunächst Sin City verstanden. Ich überlege schon, wie ich eine Produktion für so viele verschiedene Stätten adaptieren kann. Aber sehen Sie, das ist wieder was Tolles, wie hier in Wien Theater zu den Leuten gebracht wird.

MM: Um zum Ende noch eine Groscherlfrage anzubringen: Auf einem ersten Foto zu „Alte Meister“ zeigen Sie beide viel Bein. Was hat’s damit auf sich?

Holzhausen: Das ist unsere Art zu sagen: Sire, geben Sie Beinfreiheit.

Galke: Wir haben einfach die Beine, die man zeigen kann, insofern verstehe ich Ihre Frage nicht.

www.volkstheater.at

www.rainergalke.de

Außerdem Neu am Volkstheater:

Nils Rovira-Muñoz: www.mottingers-meinung.at/?p=14477

Jan Thümer: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 6. 10. 2015

Arnulf Rainer Museum: Rainer und die alte Kunst

November 8, 2013 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Sogar die Mona Lisa hat er übermalt

© ARNULF RAINER MUSEUM, Bild: Robert Zahornicky

© ARNULF RAINER MUSEUM,
Bild: Robert Zahornicky

Die Ausstellung RAINER UND DIE ALTE KUNST eröffnet am 9. November im Arnulf Rainer Museum in Baden. Seit mehr als vier Jahrzehnten setzt sich Arnulf Rainer in Malereien und Grafiken mit ausdrucksstarken Porträts der Kunstgeschichte auseinander. Die Ausstellung zeigt seine Überarbeitungen von Werken alter Meister wie Rembrandt Harmenszoon van Rijn, Leonardo da Vinci, Antonio Canova, neben Serien zu Francisco de Goya, Vincent van Gogh und Franz Xaver Messerschmidt. Am 9. November um 15 Uhr wird die von Peter Weiermair kuratierte Schau im Arnulf Rainer Museum im ehemaligen Frauenbad in Baden bei Wien eröffnet. „Ich hatte es satt, immer nur mich selbst zu überzeichnen“ so Arnulf Rainer, der nach den Serien „Face Farces“ und „Body Poses“ in den 1970ern begann, mit fremden Vorlagen zu arbeiten. Erste Inspiration fand er in den grotesken „Charakterköpfen“ des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt aus dem 18. Jahrhundert. Klassische Skulpturen der Griechen und Römer, Selbstbildnisse der Niederländer Rembrandt und van Gogh, die Bildniskunst der Renaissance, Radierungen von Goya oder klassizistische Werke von Canova folgten. Fotografien bilden dabei den Ausgangspunkt seiner „parasitären Überarbeitungen“ in unterschiedlichen Medien. Die Ausstellung RAINER UND DIE ALTE KUNST ist nach Künstlern und Epochen gegliedert, um Rainers stilistischen Wandel zu verdeutlichen: Bei den Reproduktionen der Skulpturen von Messerschmidt und den existenziellen Selbstdarstellungen von Rembrandt und van Gogh ist eine stark expressive, nervöse, grafische Überarbeitung die Regel. Der Formdisziplin klassischer Skulpturen sowie der Renaissanceporträts, darunter Leonardo da Vincis „Mona Lisa“, begegnet Rainer indes mit farbigen Bahnen, sowie Methoden der Ver- und Entschleierung. „Was diese Ausstellung in ihren jeweiligen Kapiteln demonstriert, ist, neben dem kontinuierlichen Interesse Arnulf Rainers an der alten Kunst in deren Tradition er sich als Maler versteht, vor allem die Veränderung seiner Sprache von einer fast kämpferisch, energetischen Auseinandersetzung mit dem gegenüberstehenden Porträt zu einer von Harmonie und Farbe bestimmten Feier des schönen Antlitzes“, so Weiermair.

Rainers Arbeiten zu Antonio Canova gegenübergestellt wird der erst kürzlich restaurierte Gipsabguss „Verlassene Psyche“ des Canova Schülers Pietro Tenerani. Außerdem ergänzt die Marmorskulptur „Harpokrates von Johann Christian Friedrich Wilhelm Beyer die Serie von Rainers Überarbeitungen mythologischer Stiche. Beide Skulpturen sind Leihgaben der Glyptothek der Akademie der bildenden Künste Wien. RAINER UND DIE ALTE KUNST ist von 10. November 2013 bis 13. April 2014 täglich von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Im Rahmen der Ausstellung finden Führungen und Abendveranstaltungen statt, darunter die Lese/Performance „Die Letzten ihrer Art“ mit Adele Neuhauser und Edi Nulz am 16. November. Kinder und Jugendliche können in Führungen mit LUCY ELECTRIC das Museum bei Nacht erleben, ihren Geburtstag feiern, oder in Atelier-Workshops eigene Projekte verwirklichen. Seit 2009 zeigt das Arnulf Rainer Museum in jährlich zwei Ausstellungen, monografisch sowie im Dialog mit Zeitgenossen und Weggefährten, das vielfältige Werk des international renommierten  Künstlers (*1929) aus Baden. RAINER UND DIE ALTE KUNST wird von Prof. Peter Weiermair, ehemaliger Direktor des Frankfurter Kunstvereins, des Salzburger Rupertinums, der Galleria d’Arte Moderna in Bologna sowie langjähriger Präsident des IKT – International Association of Curators of Contemporary Art, kuratiert. Er realisierte die erste große Retrospektive Arnulf Rainers in der Galleria d´Arte Moderna, Bologna und stellte Rainers „Hiroshima“ im Frankfurter Kunstverein aus. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen des Kurators sowie Texten von Arnulf Rainer.
www.arnulf-rainer-museum.at

Wien, 8. 11. 2013