Schloss Hof und Schloss Niederweiden: Die Sisi-Sonderausstellung wird verlängert und erweitert

März 15, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Neu: „Sisi als Medienstar“ und „Sisis Sohn Rudolf“

Schloss Niederweiden: Sisi – Mensch & Majestät. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Die Sisi-Sonderausstellung geht in Schloss Niederweiden und Schloss Hof ab sofort bis 26. Oktober in die Verlängerung und wird um zwei Ausstellungsbereiche erweitert. Zu sehen sind weiterhin die 400 ausgewählten Exponate aus dem persönlichen Besitz der Kaiserin Elisabeth. Von Schmuck, Kleidung und Schuhen bis hin zu Gemälden und Skulpturen, diese Objekte bringen den Besucherinnen und Besuchern die faszinierende und facettenreiche Persönlichkeit Elisabeths näher und geben fernab von Mythen und Klischees authentische Einblicke in das Leben und Wirken der Kaiserin.

Die Objekte zeugen von Freud und Leid, Sehnsüchten, Ängsten und Schicksalsschlägen einer Kaiserin, die viele Menschen auch heute noch in ihren Bann zieht. Klaus Panholzer, Geschäftsführer der Schönbrunn Group: „Wir freuen uns über den großen Erfolg dieser besonderen Ausstellung, die von unserer wissenschaftlichen Abteilung liebevoll kuratiert wurde, und wollen mit der Ausstellungsverlängerung den Gästen nochmals die einzigartige Kaiserin-Elisabeth-Sammlung präsentieren und sie für das imperiale Erbe begeistern.“

In Schloss Niederweiden wird in der Ausstellung ein besonderes Augenmerk auf die Rolle Elisabeths als beschützende, wohltätige Kaiserin gelegt. Auch ein Streifzug in ihre Kindheit in Bayern wird unternommen. Darauf aufbauend wird die Geschichte ihrer jungen Liebe zu Kaiser Franz Joseph mithilfe zahlreicher Porträts, Lithografien und Büsten erzählt. Die Vermählung des Kaiserpaares leitet zu Elisabeths Leben am Wiener Hof mit seinen strengen Hofregeln und ihrer kaiserlichen Familie über. Die Schwiegermutter und Tante Erzherzogin Sophie versuchte Elisabeth zu unterstützen, aber auch die Kaiserin nach ihren Vorstellungen zu formen und zu lenken. Der Erzherzogin wird in der Ausstellung ein eigener Bereich gewidmet.

Schloss Niederweiden: Sisi – Mensch & Majestät. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Schloss Niederweiden: Sisi – Mensch & Majestät. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Schloss Niederweiden: Sisi als Medienstar. Bild: © SKB Alexander Eugen Koller

Schloss Niederweiden: Sisi – Mensch & Majestät. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Aus der Ehe mit Kaiser Franz Joseph gingen drei Töchter und ein Sohn hervor. Deren Biografien werden ebenso wie der Tod und die Trauer in Elisabeths Leben beleuchtet. Dabei steht nicht der gewaltsame Tod der Kaiserin im Zentrum, sondern der Schmerz der Mutter, die zwei ihrer Kinder – Sophie und Rudolf – zu Grabe tragen musste. Außerdem wird ihrem Ruf als „makellose“ Schönheit und „Modeikone“ nachgegangen. Um Schicksalsschläge aufzuarbeiten und den Intrigen am Wiener Hof zu entkommen, konzentrierte sich Elisabeth auf sich selbst und auf ihr Erscheinungsbild, dem sie viele Stunden des Tages widmete. Die Ausstellung setzt sich zudem mit Elisabeth als Reisende auseinander, die sehr daran interessiert war, ferne Länder und fremde Kulturen kennenzulernen und der das Reisen darüber hinaus ein freieres Leben ermöglichte.

Auch Elisabeths letzten Jahren an der Seite Franz Josephs und ihrem Nachwirken widmet sich die Ausstellung. Elfriede Iby, wissenschaftliche Leiterin der Schönbrunn Group: „Jedes einzelne Objekt in der Ausstellung erzählt Geschichte und Geschichten und zeigt die Besonderheit und den Reichtum der Kaiserin-Elisabeth-Sammlung.“

Sommerkleid der Kaiserin Elisabeth aus der Korfu-Garderobe. Bild: © SKB A. E. Koller

Schloss Hof: Sisis Sohn Rudolf. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Goldenes Geschenkmedaillon der Kaiserin Elisabeth mit Porträtfotos der Kinder Gisela und Rudolf. Bild: © SKB A. E. Koller

Sisi als Medienstar

Elisabeths Leben mit all seinen Höhen und Tiefen fasziniert bis heute und wird nicht zuletzt deshalb auf der Bühne und im Film immer wieder thematisiert. Ein neuer Ausstellungsbereich befasst sich in Schloss Niederweiden mit der medialen Aufarbeitung der historischen Persönlichkeit „Kaiserin Elisabeth“ im Film und auf der Bühne – unvergessen die Filme von Ernst Marischka aus den 1950er-Jahren mit Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth und Karlheinz Böhm als Kaiser Franz Joseph in den Hauptrollen. Keine andere Filmproduktion hat das Bild der Kaiserin Elisabeth so nachhaltig geprägt und zur Mythenbildung rund um die Kaiserin beigetragen wie die Sissi-Trilogie von Ernst Marischka. Highlight des neuen Ausstellungsbereichs ist die Präsentation der spektakulären Kostüme des Erfolgs-Musicals „Elisabeth“ der Vereinigten Bühnen Wien, das im Sommer 2021 im Ehrenhof von Schloss Schönbrunn, dem Originalschauplatz, als konzertante Aufführung zu sehen ist.

Sisis Sohn Rudolf

In Schloss Hof erwartet die Besucherinnen und Besucher exklusiv ein zweiter Ausstellungsteil, dessen Schwerpunkt auf dem Kronprinzen Rudolf liegt, Elisabeths einzigem Sohn. Angefangen bei seiner Jagdleidenschaft über sein ausgeprägtes naturwissenschaftliches Interesse bis hin zu seinem Verhältnis zu Frauen und seiner Leidenschaft am Reisen – die Ausstellung rückt die private Seite des Kronprinzen in den Mittelpunkt. Die Ausstellung spannt dabei immer wieder einen Bogen zu Kaiserin Elisabeth. Mutter und Sohn waren sich in vielen Facetten durchaus ähnlich. Beide teilten das Interesse an der Natur oder die Freude am Reisen, wenngleich sich diese Gemeinsamkeiten unterschiedlich manifestierten. In der Ausstellung wird auf die charakterlichen Ähnlichkeiten der beiden immer wieder hingewiesen. Es wird aber auch der Frage nachgegangen, was von Rudolf blieb beziehungsweise von ihm in die Erinnerungskultur eingegangen ist.

Schloss Hof. Bild: © SKB Severin Wurnig

Schloss Hof: Sisis Sohn Rudolf. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Schloss Hof: Sisis Sohn Rudolf. Bild: © Dieter Nagl für SKB

Schloss Niederweiden. Bild: © SKB Severin Wurnig

Sisi Ticket Deluxe – Mit Sisi auf Reisen

Bis 26. Oktober ist zeitlich begrenzt wieder das beliebte Sisi Ticket Deluxe an allen Kassen und online unter www.imperialtickets.com erhältlich und einlösbar. Mit dem Kombiticket begeben sich die Gäste auf Kaiserin Elisabeths Spuren und können alle Standorte der Schönbrunn Group um 36 € statt 65,50 € besuchen. TIPP: Die „Sissi im Film“-Tour im Hofmobiliendepot: Auf den Spuren der historischen Kaiserin Sisi und der von Romy Schneider dargestellten Sissi aus Ernst Marischkas Filmen werden mit originalem Mobiliar nachgestellte Filmszenen, Filmausschnitte, Fotos, Plakate und Programmhefte sowie Informationen über den Regisseur und die Schauspielerinnen und Schauspieler gezeigt. www.hofmobiliendepot.at

www.schlosshof.at          Video: www.youtube.com/watch?v=UfTEnUC0bSo            www.youtube.com/watch?v=Vi-HOQbRYuM           www.youtube.com/watch?v=nG8fpxVDp4s&t=533s

15. 3. 2021

Haus der Geschichte: Web-Schau zum Nachkriegsfilm

Januar 19, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kino als Hort der heilen Welt

Die Deutschmeister, Regie: Ernst Marischka, A 1955, Jupiter Film

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien hierzulande vielen nicht nur die Zukunft, sondern auch eine eigene Identität höchst unsicher. Darauf reagierte die österreichische Filmindustrie: Mit neuen Produktionen vermittelte sie dem Publikum auf unterhaltsame Weise die Eigenarten und Vorzüge des „Österreichischen“. Die unmittelbare Vergangenheit berührte das Kino kaum. Stattdessen bot es Ablenkung durch lustige Verwechslungskomödien, schwungvolle Melodien und

Bilderbuchlandschaften. Der historische Kostümfilm übersprang das Dritte Reich, den „Anschluss“ und den Nationalsozialismus und ließ Österreichs glorreiche Vergangenheit in der Habsburgermonarchie wiederaufleben und das Land damit in neuem altem Glanz erstrahlen.

In der Web-Ausstellung „Österreich als filmischer Sehnsuchtsort“ zeigt das Haus der Geschichte Österreich diese zeitgeschichtlichen Zusammenhänge auf. „Das Kino der Nachkriegszeit erreichte hunderttausende Menschen und beeinflusste damit die österreichische Identität weit wirkungsvoller als jedes Regierungsprogramm. In der Bewerbung des ‚Österreichischen‘ schlug man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Hier verbanden sich die Zielsetzungen der politischen Eliten auf ideale Weise mit den Interessen der Filmindustrie und den Sehnsüchten der Menschen“, sagt hdgö-Direktorin Monika Sommer.

Die heimische Filmindustrie stellte sich nur zu gern in den Dienst des nationalen Identitätsprojekts. Sie war durch alliierte Exportverbote vom größten Absatzmarkt Deutschland abgekoppelt und gleichzeitig bemüht, von der eigenen Mitwirkung in der nationalsozialistischen Filmwirtschaft abzulenken. Anhand von Filmausschnitten berühmt gewordener Werke greift das hdgö vier Aspekte auf:

Die Fiakermilli, Regie: Arthur Maria Rabenalt, A 1953, Jupiter Film

Die Welt dreht sich verkehrt, Regie: J. A. Hübler-Kahla, A 1947, Jupiter Film

Der Engel mit der Posaune, Regie: Karl Hartl, A 1948, Jupiter Film

„Tanzen statt schießen“ hieß es für österreichische Soldaten. Der Kostümfilm ersetzte die belastete Wehrmachtsuniform durch die makellose blaue k.u.k.-Uniform und verwandelte deren Träger in einen sanftmütigen, musikalischen Genius. Der österreichische Soldat schwärmt für Mehlspeisen und Musik, sitzt den lieben langen Tag im Kaffeehaus oder bringt der Herzenstrauten ein Ständchen dar. Gewalt und Töten sind ihm wesensfremd – siehe „Kaiserwalzer”, Regie von Franz Antel, aus dem Jahr 1953 (Trailer), oder „Die Deutschmeister”, Regie von Ernst Marischka, aus dem Jahr 1955. www.hdgoe.at/tanzen_schiessen

 

„Starke Frauen im Nachkriegskino“ zeigt zunächst selbstbewusste Frauen, die sich weder von Männern noch von Geldnot abhalten ließen, ihre Ziele zu erreichen. Solche emanzipatorischen Vorbilder, wie in „Rendezvous im Salzkammergut”, Regie von Alfred Stöger, aus dem Jahr 1948, verschwanden bald wieder von der Leinwand. In „Die Fiakermilli”, Regie von Arthur Maria Rabenalt, aus dem Jahr 1953, tauchten sie noch einmal auf, mit Erni Mangold in einer der erotischsten Szenen des österreichischen Kinos – siehe Trailer. www.hdgoe.at/selbstbewusst_erotisch

 

„Österreich – Immer Opfer?“ Nach 1945 wies Österreich jegliche Mitschuld an Krieg und Holocaust von sich und präsentierte sich als „erstes Opfer“ der Aggression durch Hitler-Deutschland. Johannes Alexander Hübler-Kahlas ironische Komödie „Die Welt dreht sich verkehrt” aus dem Jahr 1947 greift diese Opferthese auf und verfolgt ihre historischen Wurzeln bis in die Keltenzeit. „Der Engel mit der Posaune”, Regie von Karl Hartl, aus dem Jahr 1948, 2017 in einer Bühnenfassung am Theater in der Josefstadt zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25769) hingegen thematisiert die Beteiligung von Österreicherinnen und Österreicher am Holocaust – siehe Trailer. www.hdgoe.at/oesterreich_opfer

 

„Schuldig oder nicht schuldig?“ Diese Frage sparte das österreichische Kino weitgehend aus. Doch es gab Ausnahmen, wie ein Filmausschnitt aus Eduard von Borsodys „Die Frau am Weg”  aus dem Jahr 1948 belegt. Der Film zeigt die unmenschliche Haltung eines österreichischen Grenzbeamten auf, der sich auf seine Pflicht beruft – siehe Trailer. www.hdgoe.at/schuldig_nichtschuldig

 

www.hdgoe.at

19. 1. 2021

Als wir tanzten

September 2, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein queerer Liebesfilm mit sanfter Hoffnungsbotschaft

Und die Frage, wer hier wen liebt …: Bachi Valishvili als Irakli, Levan Gelbakhiani als Merab und Ana Javakishvili als Mari. Bild: Anka Gujabidze

Stolz und traditionsbewusst. Regisseur und Drehbuchautor Levan Akin braucht nur wenige Minuten, um sein Sittenbild einer fremden, einer befremdlichen Welt zu skizzieren. In der Akademie des georgischen Nationalballetts in Tiflis sind die Studentinnen und Studenten beim Training – und Lehrmeister Aleko kein Mann der vielen Worte. Merab tanzt mit Mari den Acharuli und verfehlt dabei, „gerade wie ein

Nagel“ zu sein. Außerdem sei sein Blick „zu neckisch“. „Der georgische Nationaltanz basiert auf Männlichkeit, im georgischen Tanz ist kein Platz für Schwäche“, befiehlt Aleko, und: „Im georgischen Nationaltanz gibt es keine Sexualität.“ Nun, für die schwedisch-georgische Koproduktion „Als wir tanzten“, die am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, mag das nicht gelten. Der international gefeierte, in Georgien wild bekämpfte Film ist ein queerer Liebesfilm mit einer sanften Hoffnungsbotschaft; sein Schöpfer Levan Akin verbindet ein Tanzdrama mit einem Coming-of-Age mit einem Coming-Out, er erzählt mittels seines Protagonisten Merab die Geschichte einer Emanzipation aus verkrusteten, paternalistischen Strukturen.

Merabs Traum also ist es, einen fixen Platz im Ensemble zu bekommen. Von seiner Tanzpartnerin Mari, die beiden zusammengeschweißt seit sie zehn Jahre alt waren, eben noch ziemlich offensiv bemuttert und beflirtet, erfährt Merab plötzlich ernstzunehmende Konkurrenz von Neuzugang Irakli – bis sich die Rivalität der beiden in sexuelles Begehren und schließlich in eine verbotene Liebe verwandelt, die erste für Merab …

Levan Akin und Kamerafrau Lisabi Fridell verstehen es meisterlich, den eisernen Wind vergangener Sowjetzeiten, der in Georgien politisch betrachtet trotz aller „Fuck Russia“-Demonstrationen nach wie vor weht, den Ballett-Drill samt herausragender Tanzszenen, den stark kulturell aufgeladenen Patriotismus dieser Nation, die homophobe Stimmung im konservativen, von orthodoxen Dogmen durchtränkten Land mit einer universellen Love Story zu durchbrechen. Aus scheuen Blicken werden zarte Berührungen, von Fridell in goldenes Licht getaucht, doch dass dieses georgische „Brokeback Mountain“ gelingt, ist dem Paar Levan Gelbakhiani als Merab und Bachi Valishvili als Irakli zu danken.

Ersterer tatsächlich Mitglied der zeitgenössischen Ballettkompanie von Giorgi Aleksidse, zweiterer Schauspieler mit sieben Jahren Erfahrung im Nationaltanz, beide, wie sie im Interview sagen, zögerlich die Rollen wegen des homoerotischen Themas anzunehmen, die nun im intimen Spiel alles geben. Selten sieht man Liebesszenen von solcher Intensität bei gleichzeitig Unschuld.

Beim Training kommen sich Irakli und Merab näher: Bachi Valishvili und Levan Gelbakhiani. Bild: Lisabi Fridell

Die Clique rund um Mari, Merab und Irakli unterwegs in den Straßen von Tiflis. Bild: Lisabi Fridell

Im Landhaus von Maris Vater wird zu ABBA Disco getanzt. Bild: Lisabi Fridell

Die Hochzeit von David und Sopo: Giorgi Tsereteli und Ana Makharadze. Bild: Lisabi Fridell

Levan Gelbakhiani, nunmehr einer der European Shooting Stars der Berlinale 2020, gestaltet den Merab als sensiblen, feinnervigen Jüngling, der so gar nicht in seine grobe Umgebung passen will. Als etwa Mari ihn mit einem geborgten Kondom zum „ersten Mal“ auffordert, sind das Momente, in denen Gelbakhiani aus seinem Gesicht ein ganzes Alphabet an Emotionen ablesen lässt. Gelbakhiani brilliert, wenn er derart eine neue Form männlicher Verletzlichkeit auf die Leinwand bringt.

Bachi Valishvilis Irakli dagegen ist der vor Freude sprühende Macho, der wohlerzogene Charmebolzen, so scheint zumindest, was sich später als Tarnung gegen Schwulenschläger entpuppen wird, der die jungenhafte Rangelei um eine Zigarette für den Frontalangriff auf Merab nutzt. Valishvilis Ausstrahlung ist groß, der Sexualität, die es im Tanzsaal nicht geben darf, gibt er eine neue, eine paradoxe Dimension. Denn der weiche Merab und der starke Irakli werden auch als Tänzer, beim Khanjluri, ein Traumpaar.

Dass Tiflis realiter mehr als die dreieinhalbtausend Kilometer vom studentischen Sehnsuchtsort London entfernt ist, zeigt Levan Akin nicht nur an den ärmlichen Verhältnissen, in denen Merab mit Mutter und Großmutter lebt. Akin stellt Arbeitslosigkeit neben Ausweglosigkeit, den Leistungsdruck, der auf den Tanzenden lastet, neben wegen all dieser Dinge unausweichliche familiäre Konflikte. Diesen räumt „Als wir tanzten“ viel Platz ein, was immer wieder zu unerwarteten Storylines führt.

Im Ensemble wird überraschend ein Platz frei, weil ein Tänzer aus diesem gefeuert wird, nachdem seine Romanze mit einem Mann – und auch noch Armenier! – offenbar wurde. Später erfährt man, dass „Zaza“ nur blieb, sich als Stricher zu verkaufen. Merabs rebellischer Tunichtgut-Bruder David, den Giorgi Tsereteli mit sozusagen permanent geballten Fäusten spielt, wird erst zum Kleinkriminellen, damit der Familie der Strom wieder eingeschaltet wird, und später zum Hochzeiter, als er Maris Freundin Sopo schwängert – womit deren Tanzkarriereträume beendet sind.

Akin zeigt das im Untergrund gedeihende regenbogenfarbene Tiflis, Schwulenclubs, in denen zu Techno abgetanzt wird, wobei sich erweisen wird, dass das Partyleben nicht zum Training passt, zeigt die Georgier als pathetisch-poetischen Menschenschlag, der sich im Männergesang übt, während die Jugend zu ABBA ausflippt. Zeigt, wie Braut Sopo mit den Frauen in einem Zimmer tanzt, während sich der Bräutigam im anderen Zimmer prügelt – typisch möchte man da sagen, doch David rauft sich wegen Merab, den ein Mitschüler als „Schwuchtel“ beschimpft hat – und Merab muss zugeben, dass er recht hat …

Der Moment der Wahrheit beim Vortanzen für das Georgische Nationalballett: Levan Gelbakhiani als Merab. Bild: Edition Salzgeber

„Als wir tanzten“ wurde vergangenes Jahr in Cannes gefeiert und seither rund um den Globus ausgezeichnet. In Georgien waren die Reaktionen kontroverser. Sowohl die Dreharbeiten als auch die Filmpremiere fanden unter Todesdrohungen und ergo unter Polizeischutz statt. Die Georgische Orthodoxe Kirche sowie einige rechtsextreme Gruppen hatten den Film öffentlich verurteilt und angekündigt,

die Kinobesucherinnen und -besucher vom Eintritt abhalten zu wollen. Die Kirche bezeichnete den Film in einer offiziellen Stellungnahme als „Popularisierung von Sodomitenbeziehungen“ und als „großen Angriff auf die Kirche und die nationalen Werte“. Die rechtsextreme Gruppe „Georgian March“ hatte in einer Pressekonferenz mitgeteilt, einen „Korridor der Schande“ bilden zu wollen. Am Tag der Uraufführung hielten sie homophobe Reden, verbrannten eine Regenbogenflagge und zeigten Plakate wie „Stoppt LGBT-Propaganda in Georgien“ und „Homosexualität ist Sünde und Krankheit“, die Polizei wurde mit Feuerwerkskörpern angegriffen.

Auf derlei Aktionen begründet sich der Film, so Levan Akin im Interview: „2013 wurde ich Zeuge, wie eine Gruppe von mutigen jungen Menschen in Tiflis versuchte, eine Pride Parade zu veranstalten. Sie wurden jedoch von Tausenden Teilnehmern einer Gegendemonstration attackiert, organisiert von der Orthodoxen Christlichen Kirche. Da wusste ich, dass ich mich diesem Thema in irgendeiner Weise widmen muss.“ Offiziell ist Homosexualität in Georgien nicht illegal.

Am Ende von „Als wir tanzten“ spielt Levan Akin mit der georgischen Gesellschaft, deren Nationaltänze zu Sowjetzeiten zweifellos etwas Widerständiges hatten, denen im Film aber zunehmend der traditionalistische Ursprungsglaube entzogen wird, ein doppeltes Spiel. Er lässt Irakli in einer Flut an familiärer Verantwortung, Furcht vor Entdeckung und dem Zwang, Geld zu verdienen, buchstäblich ertrinken. In einem Geschwistergespräch erhält Merab von David das brüderliche Ein/Verständnis für seine Homosexualität samt dem Rat, schleunigst aus Georgien abzuhauen. Und so tritt Merab zum Vortanzen an.

Mit einem neuen Stil, einer Männlichkeit, die das Martialische nicht braucht, mit einer eleganten Energie, die das Rituelle der Bewegungen aufweicht. Mit Aufruhr im Blick und Revolution in jeder Geste. Wie Merab die klassischen Schritte ganz anders interpretiert, wird, so kann gemutmaßt werden, seine Karriere im Nationalballett zerstört, zugleich aber fliegt er damit in seine Freiheit.

Interview mit Levan Akin und Levan Gelbakhiani: www.youtube.com/watch?v=h0HY-NmnoUU           www.youtube.com/watch?v=2dEM1w629Ts           www.facebook.com/andthenwedanced

2. 9. 2020

10 Jahre theaterfink: Jubiläum der Vienna Street Puppets

Juli 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theresia K., dem Einedrahra und dem Lechner Edi

Theresia entsorgt ihren erschlagenen Ehemann (Walter Kukla) in der Buttn. Das Publikum marschiert mit. Bild: Hans-Georg Sedlak

Der theaterfink, Wiens einziges kontinuierlich spielendes Stationentheater im öffentlichen Raum, begeht sein Zehn-Jahres-Jubiläum. Und fliegt erstmals auch auf Landpartie. Gemeinsam mit dem Publikum wandern die Darsteller zu historischen Schauplätzen der Wiener Kriminalgeschichte und erzählen meist vergessene Ereignisse vor Ort. Durch Schauspiel, Puppenspiel und musikalischem Treibstoff werden so historische Begebenheiten lebendig und in Bezug zur Gegenwart gesetzt.

Zum Geburtstag ihrer „Straßengang“ lassen die Leiterinnen Susita Fink und Karin Sedlak die Highlights der vergangenen Jahre noch einmal aufleben. In der Inneren Stadt wird ab 12. Juli das „Abschiedslied der zum Tode verurteilten Theresia K** oder Als Resi ‘s Hackl zur Hülf’ holte!“ neu begangen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25243). Theresia Kandl, geboren am 10. Juni 1785, wuchs in Atzgersdorf bei Wien in einem angesehenen Elternhaus auf. Sie entwickelte sich zu einer außergewöhnlichen und aufmüpfigen Schönheit. Eine verbotene Liebschaft, ein uneheliches Kind und eine erzwungene Ehe später fand ihr turbulentes Leben ein jähes Ende. Als erste und einzige Frau wurde sie an der Hinrichtungsstätte „Spinnerin am Kreuz“ im Alter von nur 23 Jahren wegen Mordes an ihrem Gatten öffentlich gehängt …

Im Rahmen des Viertelfestivals Niederösterreich ist ab 2. August auf Schloss Kottingbrunn „Da Einedrahra kauft a Schloss!“ zu sehen. Peter Ritter von Bohr, angesehener Maler, Unternehmer, Aktionär, Bankengründer, Adeliger und Geldfälscher, eventuell auch Mörder, wird danach ab 16. August bei „Hin und Weg“ in Litschau sein Unwesen treiben, ab 24. August heißt es dann in Gallizien und Klagenfurt „Da Einedrahra hält Hochzeit!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21440).

Das „Einedrahra“-Ensemble. Bild: Joseph Vonblon

theaterfink-Leiterin Susita Fink. Bild: Susita Fink

Eva Billisich und die schöne Resi. Bild: Susita Fink

Viel Publikum fürs Straßentheater. Bild: Susita Fink

Als Neuinszenierung zeigen Susita Fink und Ensemble ab 9. September in Wien-Erdberg Jura Soyfers „Der Lechner Edi schaut ins Paradies“. Inhalt: Der Lechner Edi ist arbeitslos. Schuld daran ist der Motor, der ihn in seiner Fabrik ersetzt hat. Als er Rache an dem Motor üben will, offenbart ihm dieser, dass auch er ausrangiert wurde.  Schuld daran sind wiederum der Lechner Edi und seinesgleichen, da aufgrund der Wirtschaftskrise keiner mehr kauft. Gemeinsam mit Edis Freundin Fritzi begeben sich die beiden Arbeitslosen auf eine Zeitreise, um den wahren Schuldigen ausfindig zu machen. Aber wo nimmt das Übel seinen Anfang? Irgendwer muss doch immer Schuld haben.

theaterfink bringt nun Jura Soyfers im Jahre 1936 entstandenes Stück aufs Pflaster und zeigt, dass es nichts an Aktualität und politischer Brisanz eingebüßt hat.  Bespielt werden dabei historische Plätze aus der Jugend Jura Soyfers in Erdberg sowie Produktionsstätten und Betriebe, wo immer noch von Hand geschaffen wird. Es spielen Walter Kukla, Claudia Hisberger und Susita Fink, musikalisch begleitet von Walther Soyka.

Susita Fink und Karin Sedlak im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=25205

Videos:

www.youtube.com/watch?v=zADRAM-TN74

 

www.theaterfink.at

9. 7. 2019

mumok: Pattern and Decoration

Februar 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunst, die es versteht, Grenzen zu öffnen

Brad Davis: Night Cry, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Brad Davis

Ornament als Versprechen. So könnte das Motto der US-amerikanischen Bewegung Pattern and Decoration lauten, die sich Mitte der 1970er-Jahre formierte. In Abwandlung der bekannten Maxime von Adolf Loos –„Ornament undVerbrechen“– führt die Ausstellung „Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen“, die ab 23. Februar im mumok zu sehen ist, die Bestände des Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig zur größten Präsentation im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren zusammen. Mit orientalisch anmutenden Mosaiken, monumentalen Textilcollagen, Malereien, Installationen und Performances.

So verfolgten feministisch engagierte Künstlerinnen und Künstler wie Miriam Schapiro, Joyce Kozloff, Valerie Jaudon oder Robert Kushner das Ziel, Farbe, Formenvielfalt und Emotion in die Kunst zurückzuholen. Das Dekorative und ihm nahe kunsthandwerkliche Techniken spielten dabei eine große Rolle: Unterschiedliche ornamentale Traditionen – von der islamischen über die nordamerikanisch-indianische bis zur Artdéco – fanden Eingang in die Werke und öffneten den Blick über den geografischen und historischen Tellerrand hinaus. Die Nähe zu Folklore und Kitsch wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern als Gegenentwurf zum „Purismus“ der Kunst der 1960er-Jahre ausdrücklich gesucht.

Pattern and Decoration lässt sich als paradigmatische Kunstströmung der 1970er-Jahre beschreiben, jenes schwer zu fassenden Jahrzehnts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, in dem die sozialen und politischen Utopien auf erste Vorboten eines aufkeimenden Neoliberalismus trafen. Als „promisk“ kritisierte der amerikanische Kunsthistoriker Hal Foster die Kunst jener Dekade in seinem Artikel „The Problem of Pluralism“. Nach den „puren“Bestrebungen der 1960er-Jahre, allen voran der Minimal Art, mangle es der Kunst der 1970er-Jahre sowohl an Stil als auch an kritischem Bewusstsein.

Pattern and Decoration allerdings war aus Überzeugung „promisk“: „Wir weigerten uns, Kunstformen einer Hierarchie zu unterwerfen“, so beispielsweise Joyce Kozloff. „Für uns gab es weder Grenzen zwischen den Kunstformen der Welt noch ‚High‘ oder ‚Low Art‘.“ Und Robert Kushner: „Wir wollten das Spektrum dessen, was im offiziellen Kunstlexikon zugelassen war, erweitern. Textilien, großartig. Quilts – ja. Keramik – aber sicher. Teppiche – warum nicht. Wir schauten uns all diese Objekte im Hinblick auf ihren ästhetischen Wert und ihre reichen visuellen Vorzüge an und wollten, dass andere sie auch als Kunst wahrnahmen.“ Und schließlich Robert Zakanitch: „Die strikten Parameter der Moderne verloren ihre Bedeutung, und jenseits davon gab es prächtige Dinge zu erfühlen und zu malen – feine Muster, Ornamente, Designs aus allen Kulturen der Welt, Volkskunst – Dinge und Themen, die als zu feminin erachtet worden waren und daher als trivial galten.“

Kim MacConnel: Squid Decoration, 1979. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen © Kim MacConnel

Ned Smyth: Portale Fish & Fabric, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Ned Smyth

Geboren aus Diskussionen von miteinander befreundeten und bekannten Künstlern sowie der Kritikerin Amy Goldin, stellt Pattern and Decoration die vielleicht letzte Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts dar – und zugleich die erste, die über die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten dekorativen Traditionen eine tatsächlich globale Perspektive verfolgte. Die egalitären, kollektiven und lebenspraktischen Dimensionen, die Goldin als Eigenschaften des Dekorativen definierte, stehen dabei stellvertretend für das Programm von Pattern and Decoration: nämlich, was konventionell als „nieder“ eingestuft wurde – die Kunst von Frauen, Kunsthandwerk, Volkskunst und so weiter –, möglichst laut zu feiern.

Der österreichische Architekt Adolf Loos kriminalisierte das Dekor in seiner berühmt-berüchtigten Streitschrift „Ornament und Verbrechen“, die 1908 in Reaktion auf den Wiener Jugendstil entstand. Seine Abwesenheit sei Indikator einer hohen Kulturentwicklung; seine Fertigung ein „Verbrechen an der Volkswirtschaft“. Ornament als Versprechen, der Untertitel der Ausstellung, verkehrt die Loos’sche Polemik im Sinne der Anliegen von Pattern and Decoration: Tritt die eine Position in unverkennbar misogynem und kolonialistischem Tonfall für eine „High Art“ein,so wird auf der anderen Seite nach Alternativen zu den Werten der westlichen Industriestaaten gesucht – nach anderen Geschlechterverhältnissen und kulturellen Identitäten und nach einem neuen Kunstbegriff.

Joe Zucker: Two Malay Pirates in the South China Sea, 1978. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen© Joe Zucker

Peter und Irene Ludwig haben den Wert dieser Kunst schon früh erkannt und Pattern and Decoration durch systematische Ankäufe zu einem der Schwerpunkte ihrer Sammlung ausgebaut: Auf ihren Reisen in die USA Ende der 1970er-Jahre erwarben sie etwa siebzig Arbeiten, von denen sich heute der Großteil im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen und eine ebenfalls umfassende Werkgruppe im mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien befindet.

Das in Kooperation realisierte Projekt führt die Bestände der beiden Museen erstmals wieder zusammen, was ermöglicht, dass diese Kunstform mehr als vierzig Jahre nach ihrer Gründung einer Neubewertung unterzogen werden kann. Denn die Fragen, die die Künstlerinnen und Künstler stellten, erfahren heute, in einer noch viel stärker globalisierten und von Machtasymmetrien gekennzeichneten Welt, eine brisante Aktualisierung. Zu einem Zeitpunkt, da sich Gräben vertiefen und Grenzen schließen, erinnert Pattern and Decoration daran, was es zu gewinnen gilt, wenn die Kanäle offenbleiben.

www.mumok.at

20. 2. 2019