mumok: Pattern and Decoration

Februar 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kunst, die es versteht, Grenzen zu öffnen

Brad Davis: Night Cry, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Brad Davis

Ornament als Versprechen. So könnte das Motto der US-amerikanischen Bewegung Pattern and Decoration lauten, die sich Mitte der 1970er-Jahre formierte. In Abwandlung der bekannten Maxime von Adolf Loos –„Ornament undVerbrechen“– führt die Ausstellung „Pattern and Decoration. Ornament als Versprechen“, die ab 23. Februar im mumok zu sehen ist, die Bestände des Sammlerpaares Peter und Irene Ludwig zur größten Präsentation im deutschsprachigen Raum seit den 1980er-Jahren zusammen. Mit orientalisch anmutenden Mosaiken, monumentalen Textilcollagen, Malereien, Installationen und Performances.

So verfolgten feministisch engagierte Künstlerinnen und Künstler wie Miriam Schapiro, Joyce Kozloff, Valerie Jaudon oder Robert Kushner das Ziel, Farbe, Formenvielfalt und Emotion in die Kunst zurückzuholen. Das Dekorative und ihm nahe kunsthandwerkliche Techniken spielten dabei eine große Rolle: Unterschiedliche ornamentale Traditionen – von der islamischen über die nordamerikanisch-indianische bis zur Artdéco – fanden Eingang in die Werke und öffneten den Blick über den geografischen und historischen Tellerrand hinaus. Die Nähe zu Folklore und Kitsch wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern als Gegenentwurf zum „Purismus“ der Kunst der 1960er-Jahre ausdrücklich gesucht.

Pattern and Decoration lässt sich als paradigmatische Kunstströmung der 1970er-Jahre beschreiben, jenes schwer zu fassenden Jahrzehnts der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbrüche, in dem die sozialen und politischen Utopien auf erste Vorboten eines aufkeimenden Neoliberalismus trafen. Als „promisk“ kritisierte der amerikanische Kunsthistoriker Hal Foster die Kunst jener Dekade in seinem Artikel „The Problem of Pluralism“. Nach den „puren“Bestrebungen der 1960er-Jahre, allen voran der Minimal Art, mangle es der Kunst der 1970er-Jahre sowohl an Stil als auch an kritischem Bewusstsein.

Pattern and Decoration allerdings war aus Überzeugung „promisk“: „Wir weigerten uns, Kunstformen einer Hierarchie zu unterwerfen“, so beispielsweise Joyce Kozloff. „Für uns gab es weder Grenzen zwischen den Kunstformen der Welt noch ‚High‘ oder ‚Low Art‘.“ Und Robert Kushner: „Wir wollten das Spektrum dessen, was im offiziellen Kunstlexikon zugelassen war, erweitern. Textilien, großartig. Quilts – ja. Keramik – aber sicher. Teppiche – warum nicht. Wir schauten uns all diese Objekte im Hinblick auf ihren ästhetischen Wert und ihre reichen visuellen Vorzüge an und wollten, dass andere sie auch als Kunst wahrnahmen.“ Und schließlich Robert Zakanitch: „Die strikten Parameter der Moderne verloren ihre Bedeutung, und jenseits davon gab es prächtige Dinge zu erfühlen und zu malen – feine Muster, Ornamente, Designs aus allen Kulturen der Welt, Volkskunst – Dinge und Themen, die als zu feminin erachtet worden waren und daher als trivial galten.“

Kim MacConnel: Squid Decoration, 1979. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen © Kim MacConnel

Ned Smyth: Portale Fish & Fabric, 1979. mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig-Stiftung seit 1991. Bild: mumok © Ned Smyth

Geboren aus Diskussionen von miteinander befreundeten und bekannten Künstlern sowie der Kritikerin Amy Goldin, stellt Pattern and Decoration die vielleicht letzte Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts dar – und zugleich die erste, die über die Auseinandersetzung mit unterschiedlichsten dekorativen Traditionen eine tatsächlich globale Perspektive verfolgte. Die egalitären, kollektiven und lebenspraktischen Dimensionen, die Goldin als Eigenschaften des Dekorativen definierte, stehen dabei stellvertretend für das Programm von Pattern and Decoration: nämlich, was konventionell als „nieder“ eingestuft wurde – die Kunst von Frauen, Kunsthandwerk, Volkskunst und so weiter –, möglichst laut zu feiern.

Der österreichische Architekt Adolf Loos kriminalisierte das Dekor in seiner berühmt-berüchtigten Streitschrift „Ornament und Verbrechen“, die 1908 in Reaktion auf den Wiener Jugendstil entstand. Seine Abwesenheit sei Indikator einer hohen Kulturentwicklung; seine Fertigung ein „Verbrechen an der Volkswirtschaft“. Ornament als Versprechen, der Untertitel der Ausstellung, verkehrt die Loos’sche Polemik im Sinne der Anliegen von Pattern and Decoration: Tritt die eine Position in unverkennbar misogynem und kolonialistischem Tonfall für eine „High Art“ein,so wird auf der anderen Seite nach Alternativen zu den Werten der westlichen Industriestaaten gesucht – nach anderen Geschlechterverhältnissen und kulturellen Identitäten und nach einem neuen Kunstbegriff.

Joe Zucker: Two Malay Pirates in the South China Sea, 1978. Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen. Bild: Carl Brunn / Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen© Joe Zucker

Peter und Irene Ludwig haben den Wert dieser Kunst schon früh erkannt und Pattern and Decoration durch systematische Ankäufe zu einem der Schwerpunkte ihrer Sammlung ausgebaut: Auf ihren Reisen in die USA Ende der 1970er-Jahre erwarben sie etwa siebzig Arbeiten, von denen sich heute der Großteil im Ludwig Forum für Internationale Kunst Aachen und eine ebenfalls umfassende Werkgruppe im mumok –Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien befindet.

Das in Kooperation realisierte Projekt führt die Bestände der beiden Museen erstmals wieder zusammen, was ermöglicht, dass diese Kunstform mehr als vierzig Jahre nach ihrer Gründung einer Neubewertung unterzogen werden kann. Denn die Fragen, die die Künstlerinnen und Künstler stellten, erfahren heute, in einer noch viel stärker globalisierten und von Machtasymmetrien gekennzeichneten Welt, eine brisante Aktualisierung. Zu einem Zeitpunkt, da sich Gräben vertiefen und Grenzen schließen, erinnert Pattern and Decoration daran, was es zu gewinnen gilt, wenn die Kanäle offenbleiben.

www.mumok.at

20. 2. 2019

Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Aggregat Valudskis: Verwandlungen oder Ungern als Mensch

April 11, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch, der Sau wird, hat kein Schwein gehabt

Das Aggregat Valudskis performt Texte von Darrieussecq, Kafka und Dahl: Martina Spitzer, Martin Bermoser und Julia Schranz. Bild: Deniz Arslan

Und als das Weib schlussendlich vor Vergnügen grunzt, hundeheult der Mann mit ihr um die Wette, und gemeinsam wiehert und kikerikit und schluckauft man sich dem Happy End entgegen. Happy wife, happy life, sozusagen, das tut gut, nach all den Entgleisungen und Sadismen und im Wortsinn Kopf-, nein: vielmehr Körperlosigkeiten, die in den vergangenen 75 Minuten zu sehen waren …

Das Aggregat Valudskis hat seinen Regisseur Arturas Valudskis zu einer weiteren Produktion nach Wien gebeten. Der Hörsaal der Akademie der bildenden Künste dient diesmal als Spielort, ein herrlich desolater Raum mit enger Holztribüne, zu erreichen über treppab, treppab Gänge bis in den universitären Orkus. Gruselig ist es da unten, genau die richtige, unangenehm intime Atmosphäre, die das Aggregat braucht, um Komplizenschaft mit seinem Publikum herzustellen.

Kommt Valudskis, wird Theater zu Ereignis. So auch diesmal. Der Bühnenmagier ist nicht nur einer der stilistisch maßgeblichen Regisseure in Österreich, sondern auch ein bemerkenswerter Mensch. 1963 in Litauen geboren, verweigerte er als 18-Jähriger den Dienst im Afghanistankrieg und wurde in der Folge in eine Nervenklinik eingewiesen. Er machte Untergrundtheater und Theater im Gefängnis, fand später bei einem Kapuzinermönch Schutz vor dem KGB, und kam 1994 mit einem Stipendium nach Salzburg, wo er sein „Theater Panoptikum“ eröffnete. Die Schauspieler Markus Kofler, Martin Bermoser und Julia Schranz gründeten später in Wien das nach ihm benannte Aggregat. Statt Kofler ist bei der aktuellen Produktion Martina Spitzer die Dritte im Bunde.

„Verwandungen oder Ungern als Mensch“ heißt der Abend, für den sich das Team von Texten inspirieren ließ, in denen die Tierwerdung des Menschen verhandelt wird. Im Roman „Schweinerei“ von Marie Darrieussecq wird die namenlose Mitarbeiterin eines Massageinstituts und eigentlich Prostituierte nach und nach zu einer Sau. Gregor Samsa hat sich in Franz Kafkas „Verwandlung“ bekanntlich „zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt“.  Und in Roald Dahls Erzählung „William und Mary“ lebt der Philosoph und Ehemann William nach seinem physischen Krebstod als leibloses Bewusstsein weiter, weil der Arzt sein Gehirn samt einem Auge an ein künstliches Herz angeschlossen hat. Ein Triumph für seine Frau Mary, die sich sehr skurril für die erlittenen Lieblosig- und Grausamkeiten am nun Wehrlosen rächt …

Valudskis verknüpft assoziativ Fragmente aus den Texten zu seiner Analyse gesellschaftlicher Dysfunktionalität. Lakonisch lässt er die Schauspieler seine Sätze über Systeme in den Saal sprechen. Wie immer treiben ihn Fragen nach der existenziellen Beschädigung des einzelnen und seiner Bedrängnis im und durchs Kollektiv um. Es geht dem „Katholiken aus Versehen“ (© Valudskis) nie um weniger als Gott und die Welt, immer auch um Schuld, um Politik und ihre totalitären Auswüchse sowieso, um Lähmung, die aus Druck entsteht – und diesmal auch um ein Quäntchen Quantenphysik. Julia Schranz macht sich in einem großartigen Monolog an die Erforschung des Wesens der Dinge, heißt in diesem Fall: der Teilchen.

Übers Unsagbare wird gesummt. Bild: Deniz Arslan

Drei Weißclowns bei der Arbeit. Bild: Daniel Wolf

Wobei, gesagt wird beim Aggregat wenig mit Worten. Valudskis absurdes, surrealistisch „schwarzes Theater“ bedient sich der Sprache nur, wenn es sein muss. Diesmal mitunter sogar im Dialekt. In Endlosschleife wird übers ohnedies Unaussprechliche, übers Unsägliche gebrabbelt und gemurmelt und gesummt, auch Schreibversuche an der Hörsaaltafel scheitern ein ums andere Mal. Das Ringen um Ausdruck spielt sich aber vor allem in Mimik und Gestik ab, jede Zuckung wohldosiert, minimalistisch.

Es bedarf so hervorragend pantomimischer Körperkünstler, dreier Virtuosen wie Schranz, Spitzer und Bermoser, um das über die Rampe zu bringen: Valudskis feinen, subtilen Sinn für Humor, seinen Nonsens mit Hintersinn, mit dem er die alltäglichen Un/Menschlichkeiten entlarvt. Er ist ein Daniil Charms dieser Tage.

Und so werden in „Verwandlungen oder Ungern als Mensch“ Hände zu Insekten, und Finger strecken sich wie Fühler aus. Da wird Schranz von ihrer eigenen Physis überrollt.

Und Spitzer schaut so schreckerfüllt-erstaunt, so bösartig-bestürzt drein, wie wohl nur sie es kann. Da formt Bermoser für die Frauen eine Zeitungsblüte, die durchs freudige Gießen freilich „verwelken“ muss. Aggregat Valudskis, das ist – Clowneske mit melancholischer Baseline, das sind drei Weißclowns bei der Arbeit. Wer auftritt, wird von den Bühnenpartnern per Hand rauf-, wer abtritt runtergekurbelt, ex und hopp – denn gestorben wird mit natürlicher Regelmäßigkeit –  verschwindet man hinterm Katheder. Das Ganze ist, um animalisch zu bleiben, ziemlich ausgefuchst. Die Darsteller werfen sich mit Verve in unerqui(e)ckliche Verhörsituationen und andere Verlegenheiten; Menschenelend und Tierleid ist überall, wo Gott los ist … und trotzdem oder gerade deshalb ist die Aufführung zum Lachen. Eine Brille, ein Tischtuch, zwei Stühle und drei Wassergläser sind alles, was an Requisiten benötigt wird, um ganze literarische Universen entstehen zu lassen.

Denn man erkennt sie nach und nach: Bermoser als Gregor Samsa auf dem Rücken strampelnd, Spitzer als Mary, die ihrem Kopfmann frech den Zigarettenrauch ins übriggebliebene Auge bläst, Schranz als Sau mit Schlachtungsängsten. Ihr scheeler Blick sagt alles. Valudskis sagt mit seinem Gedankenexperiment über Instinkte dem wiedergängerischen Ungeist des Ewiggestrigen den Kampf an. Auf dem Programmzettel zitiert er einen weiteren experimentellen Humoristen der Verzweiflung, den bulgarischen Autor Georgi Gospodinov. Das letzte Wort hat dann Martina Spitzer mit Ernst Jandl – doch verdreht sie’s zum Vorteil fürs Steinobst:

ich bekreuzige mich
vor jeder kirche
ich bezwetschkige mich
vor jedem obstgarten

wie ich letzteres
tue weiss jeder katholik
wie ich ersteres tue
ich allein …

Zu sehen bis 23. April, Karten: valudskis@gmail.com

Arturas Valudskis im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=17254

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis

Wien, 11. 4. 2017

Yiyun Li: Schöner als die Einsamkeit

Februar 4, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Vergangenheit vom Tiananmen Platz holt alle ein

Li_24906_MR.inddBeijing, Ende der 1980er-Jahre: Drei ungleiche Freunde wachsen im gleichen Häuserblock auf. Die beiden fast gleichaltrigen Boyang und Moran, und die ältere Studentin Shaoai, ein kritischer, zu kritischer Geist für seine Zeit. Für sie sind die alten Rollenbilder schon längst überholt. Ihr gegenüber stellt die chinesische Autorin Yiyun Li in ihrem Roman „Schöner als die Einsamkeit“ die alten, traditionellen Denk- und Handlungsmuster ihrer Eltern und Mitbewohner. Ein Konflikt, der nicht gelöst werden kann. Diese Menschen gehen ihrer gewohnten Arbeit nach und schauen, dass sie über die Runden kommen: mehr schlecht als recht – in einem Land, in dem eigenständiges (kritisches) Denken und Meinungsäußerung tabu sind, dafür aber der Kapitalismus seinen Einzug hält.

Das Leben geht seinen gewohnten Lauf, bis die 15-jährige Ruyu die scheinbare Idylle stört. Die „Hinterwäldlerin“, ein streng katholisch erzogenes Waisenmädchen aus der Provinz, wurde von ihren beiden Tanten in die chinesische Hauptstadt geschickt und wohnt fortan bei Shaoai und ihren Eltern. Für Ruyu ist Peking eine fremde Welt, wie ein anderer Stern. Einfühlsam erzählt Yiyun Li von den Eindrücken, die auf das junge Mädchen einströmen, ihrem Denken und Handeln, das für die anderen mehr als befremdlich erscheint. „Beijing machte, dass sie sich klein vorkam, aber als schlimmer noch empfand sie, dass den Menschen ihre Kleinheit gleichgültig war.“ Doch je mehr Zeit die vier Jugendlichen zusammen verbringen, umso mehr kommen auch Motive wie erste Liebe, Hass und Eifersucht ins Spiel. Die Spannungen untereinander steigen.

Während für die einen das Leben weitergeht, erfährt der Leser über Shaoai, dass erst vor Kurzem das Massaker auf dem Tiananmen Platz stattgefunden hat. Die zum größten Teil studentischen Proteste am 4. Juni 1989 endeten in einem Blutbad. Einem Blutbad, das der offiziellen Geschichtsschreibung der KP zufolge, gar nicht stattgefunden hat, und auch von den Bewohnern des Wohnhofs nicht thematisiert wird. Einzig Shaoai war involviert und sympathisierte mit den Demonstranten für mehr Freiheit in China. Doch das Regime duldet kein Aufbegehren. Im Herbst 1989 wird sie der Universität verwiesen. Für ihre Eltern bricht eine Welt zusammen.

Der Verweis von der Uni ist quasi auch der Katalysator für die kommenden Ereignisse. Ruyu stiehlt bei einem gemeinsamen Besuch mit Boyang an der Universität, an der seine Mutter forscht, Gift. Moran kommt in einen Gewissenskonflikt: Soll sie Ruyus Tat melden? Schließlich wird Shaoai vergiftet und lebt 21 Jahre als Pflegefall. Ob Mordversuch, Selbstmord oder ein Versehen? Der Vorfall wird nicht aufgeklärt. Die Autorin gibt bewusst keine klare Antwort. Eigentlich spielt das auch keine Rolle. Die Clique zerbricht. Nur einer der drei Jugendlichen ist in Beijing zurückgeblieben: Boyang wird im neuen China mit Immobilien reich, während Moran und Ruyu das Land verlassen und in die Emigration in die USA gehen – um auch dort kein Glück und keine Heimat zu finden.

„Schöner als die Einsamkeit“ beginnt 21 Jahre nach den dramatischen Ereignissen in einem Krematorium, wo die kurz zuvor verstorbene Shaoai verbrannt wird. In Rückblenden wird die Geschichte aufgefächert. Die Autorin springt zwischen den Zeiten und zeichnet den weiteren Lebensweg der drei Protagonisten zwei Jahrzehnte später und, wie es ihnen über die Jahre ergangen ist, nach. In ihrem gelungenen Mix aus Thriller und Liebesgeschichte gibt Yiyun Li leicht und intensiv ein pessimistisches Bild einer verlorenen Generation, einsamer Menschen und gescheiterter Beziehungen und Ehen. Emotionslos, kühl beschreibt sie das Leben ohne Höhepunkte, bis die Protagonisten nach 20 Jahren die verdrängte Vergangenheit einholt. Ein stimmungsvoller, durchaus sozialpolitischer (in den USA geschriebener) Roman, der nicht mit Kritik am chinesischen Regime, aber auch am „American Way of Life“ spart, und doch ohne große Gesten auskommt.

Über die Autorin:
Yiyun Li, 1972 geboren, wuchs in Beijing auf und lebt seit 1996 in den USA. Ihre Kurzgeschichten und Essays wurden u.a. im New Yorker und in der Paris Review veröffentlicht. Bei Hanser erschienen sind bereits „Die Sterblichen“ (2009) und die Erzählungen „Tausende Jahre frommes Beten“ (2011), für den sie u. a. den PEN/Hemingway Award und den Guardian First Book Award erhielt. Yiyun Li lehrt in einem Masterprogramm für kreatives Schreiben am Mills College in Kalifornien. 2014 erhielt sie den Benjamin H. Danks Award, verliehen von der American Academy of Arts and Letters.

Carl Hanser Verlag, Yiyun Li: „Schöner als die Einsamkeit“, Roman, 352 Seiten. Aus dem Englischen von Anette Grube.

www.hanser-literaturverlage.de

Wien, 4. 2. 2016

Belvedere: Mehr als ZERO – Hans Bischoffshausen

Oktober 7, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Österreichs Meister der Monochromie

Bischoffshausen vor Gemälde "Der Mann mit dem Schmetterling 1954“, um 1960 © Archiv Bischoffshausen, 2015, Bild: Belvedere, Wien

Bischoffshausen vor Gemälde „Der Mann mit dem Schmetterling 1954“, um 1960 © Archiv Bischoffshausen, 2015, Bild: Belvedere, Wien

Ab 8. Oktober würdigt das Belvedere den Kärntner Maler Hans Bischoffshausen mit einer großen retrospektiven Ausstellung. Titel: „Mehr als ZERO“. Der 1927 in Feld am See geborene Künstler zählt zu den wesentlichen Vertretern der österreichischen Nachkriegsavantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre. Seine Ausstellungen in Venedig, Mailand und Paris ließen Bischoffshausen erste Erfahrungen mit der ZERO-Bewegung und der Malerei der Monochromie machen.

Seine zunächst düstere und materialbezogene Kunst entwickelte sich im Sinne des Purismus von ZERO hin zu klaren Formen und Strukturen. Bischoffshausens monochrome Strukturbilder der 1960er-Jahre sind Ausdruck seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Stille, über die er die Welt zu begreifen versuchte. „Ich treibe die Askese bis zum Ende“, beschrieb der Künstler seine Intention. Unvergessen auch jener „Club 2“ im Jahr 1979, in dem er eine Schweigeminute forderte.

Die Schau in der Orangerie des Belvedere beschränkt sich nicht nur auf die ZERO-Periode Bischoffshausens, sie widmet sich allen bildnerischen Hauptwerken des Multitalents. Aufgezeigt werden die künstlerischen Wechselbeziehungen zu Malerkollegen aus Frankreich, Deutschland, Italien und Holland. „Wo, wenn nicht im Museum für österreichische Kunst sollte diese kultur- und kunsthistorische Aufarbeitung geleistet und gezeigt werden?“, betont Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressekonferenz am Mittwoch und ergänzt: „Zumal die kritische Aufarbeitung und Revision wichtiger Kapitel der heimischen Nachkriegskunstgeschichte in diesem Museum einen festen Ort und konzentrierte Kompetenz gefunden hat.“

Bischoffshausens reduziertes, die Grenzen der Malerei auslotendes, materialbezogenes Schaffen hatte er im Zusammenhang mit seinen Reisen nach Italien und Frankreich bereits sehr früh entwickelt. Ausstellungsbesuche in Galerien von Venedig und Mailand legten den Grundstein zu einer Kunst, die immer weiter die Grenzen der Malerei ertastete. War sein Schaffen anfänglich noch von einer gestischen, abstrakten Malerei geprägt, fand er mit Materialien wie Sand, Zement, Lochungen oder Brandspuren zu einer neuen Formensprache. „Mit Arnulf Rainer, Maria Lassnig, Friedensreich Hundertwasser, Josef Mikl, Markus Prachensky und Hans Staudacher gehörte Bischoffshausen zu den Künstlern, die bereits Mitte der 1950er-Jahre innerhalb der internationalen Avantgardeszene auf sich aufmerksam machten“, sagt Ausstellungskurator Harald Krejci. In Österreich war Bischoffshausen nicht unumstritten. So schrieb etwa Walther Nowotny von der Volkszeitung anlässlich einer ZERO-Schau: „Die vier Künstler … bezeichnen sich also als Nullen. Ja – da möchte ich nicht widersprechen.“

Die Freundschaft mit dem italienischen Avantgardekünstler Lucio Fontana, der durch seine Schnittbilder weltberühmt wurde, öffnete Bischoffshausens Werkbegriff, an dem er nach seinem Umzug nach Paris 1959 konsequent weiterarbeitete. Bischoffshausen fand rasch Eingang in die französische Künstlerszene. Der bildende Künstler und ZERO-Vertreter Bernard Aubertin wurde zu einem wichtigen Wegbegleiter. Zwischen 1962 und 1965 nahm Bischoffshausens Karriere einen intensiven Verlauf, Ausstellungen in Frankreich und Deutschland sowie Beteiligungen in Italien waren die Folge. Kontakte zur internationalen Künstlergruppierung NUL um Jan Schoonhoven ermöglichten ihm, auch in Holland künstlerisch zu reüssieren. Ebenso sind seine Freundschaften mit Herman de Vries oder Heinz Mack Thema der Ausstellung.

Die Ausstellung versucht, den Bogen von den ersten Materialbildern der 1950er-Jahre bis zur Pariser Zeit der ZERO-Bewegung zu spannen. Erstmals werden aber auch die 1970er- und 1980er-Jahre beleuchtet. Bischoffshausen gehört heute neben seinem Künstlerfreund Erwin Thorn zu den wenigen österreichischen Vertretern der ZERO-Bewegung. Zu Unrecht ist er in Europa wenig bekannt. Dass Bischoffshausen genau wusste, in welche Richtung seine Kunst gehen würde, zeigt eine Anekdote, über die er seinen Schwiegereltern in einem Brief schrieb: „Ein Galerietrottel sagte zu mir: Was wollen Sie? Was Sie machen ist das Ende der Malerei. Sie irren sich, habe ich geantwortet, hier beginnt die moderne Malerei überhaupt erst.“

www.belvedere.at

Wien, 7. 10. 2015