Theater in der Josefstadt: Jacobowsky und der Oberst

April 21, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit einem Lachen den Leidensweg entlang

Je länger die Flucht, je größer die Verzweiflung: Johannes Silberschneider, Matthias Franz Stein, Herbert Föttinger und Pauline Knof. Bild: Sepp Gallauer

Die Bühne ist so dunkel, wie die Aussichten duster. Im Pariser Hotel „Mon Repos et de la Rose“, dieses wegen nächtlicher Flugangriffe der Nazis in Finsternis getaucht, lernen einander der jüdische Kaufmann Jacobowsky und der polnische Oberst Tadeusz Boleslav Stjerbinsky kennen. Man wird zur Schicksals- gemeinschaft, weil ersterer ein Fluchtauto kaufen, das zweiterer fahren kann – zumindest sährrr gut geradeaus. Beide wollen zu den Schiffen, die an der Atlantikküste ablegen.

Der eine, um dem Konzentrationslager zu entgehen, der andere, weil er seiner Exilregierung in London wichtige Papiere zu überbringen hat. Doch da die Charaktere unterschiedlicher kaum sein könnten, wird die Stimmung während der Reise zunehmend angespannter. Aus diesem Umstand bezieht Franz Werfels von ihm so genannte Komödie einer Tragödie „Jacobowsky und der Oberst“, 1941/42 im amerikanischen Exil verfasst und eine Verarbeitung eigener Fluchterlebnisse, sowie derer des polnischen Bankiers Jakobowicz, ihren Witz. Am Theater in der Josefstadt hat nun Janusz Kica das Stück inszeniert, schnörkellos, ganz auf die Kraft des Textes und der grandiosen Darsteller setzend, wobei er die Figur Jacobowsky zusätzlich von ihrem allegorischen Charakter befreit. Der in allen Aspekten geglückte Abend ist ein weiterer starker Beitrag zum Spielzeitmotto des Hauses: „Flucht und Heimatlosigkeit“.

Johannes Silberschneider und Herbert Föttinger gestalten das Gegensatzpaar. Silberschneider füllt seine Rolle mit jener verschmitzten Ironie, die einem das Lachen entlang ihres Leidenswegs erst ermöglicht. Jacobowsky hat gelernt, dem Schrecken mit Galgenhumor zu begegnen, also macht Silberschneider Werfels überidealisiertes Geschöpf zum menschlichen Wesen, durch die Art, wie er deren Aperçus in höchster Abgeklärtheit zum besten gibt. Man glaubt diesem lebenslang Vertriebenen, der sich zwischen weltlichem Zweckoptimismus und biblischem Todesrealismus eingerichtet hat, dass er, wie er sagt, will, dass sich alle wohlfühlen, damit er sich selber wohlfühlen kann. Jacobowskys Leitsatz von den stets vorhandenen zwei Möglichkeiten, ist gleichsam das Motto des Stücks, und Silberschneider spielt ihn als feinsinnigen, überlegten Logiker, der es mit Finesse versteht, sogar der Wehrmacht einen Kanister Benzin abzuluchsen.

Dass so einer vom entfesselten Temperament Stjerbinskys gefordert ist, versteht sich. Herbert Föttinger ist als Silberschneiders Antagonist ein kongenialer Widerpart, zunächst eitler Haudegen und charmanter Womanizer, der für jede Dame „in der Kathedrale seines Herzens“ eine Kerze brennen hat, latent antisemitisch und ein arroganter Anschaffer. Föttinger zieht als grantiger, auf Jacobowsky immer eifersüchtigerer Offizier alle Komödienregister, sein polnischer Kunstakzent trägt zum Gaudium bei, doch während Stjerbinsky erst noch wehleidig jammert sährrr schwärmüttig zu sein, gibt Föttinger der Figur mehr und mehr Kontur, als Stjerbinsky tatsächlich am Verlust seines Status und seiner Uniform, muss er sich doch als Zivilist tarnen, zu kranken beginnt. Dieser Stjerbinsky berührt in seinem seelischen Abstieg so, dass Föttinger am Ende dessen Katharsis plausibel vermitteln kann.

Matthias Franz Stein und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Pauline Knof und Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Herbert Föttinger und Johannes Silberschneider. Bild: Sepp Gallauer

So wie zwischen Silberschneider und Föttinger die Pointen sitzen, so verstehen auch Matthias Franz Stein als Szabuniewicz und Pauline Knof als des Obersts Geliebte Marianne diese zu setzen. Stein gelingt als ergebenem Pfeifendeckel perfekte Sidekick-Komik. Dass er sich auf der Flucht „nur keine Weiber“ wünscht, ist allerdings zwecklos, holt sein Befehlshaber doch auf der Fahrt zum Meer seine Liebste Marianne ab, und Pauline Knof ist ganz wunderbar als lieblich-naive Tagträumerin, bevor sie ihre Marianne zur einzig noch handlungsfähigen Person entwickelt. Je verzagter Jacobowsky wird, je schwächer der Oberst, umso stärker sie.

Nicht umsonst hat Werfel für sie den Namen der Nationalfigur der Franzosen gewählt, und so ist es nur folgerichtig, dass Knofs Marianne das Schlussbild gehört, in dem sie sich, schwarz gekleidet und mit Pistole im Anschlag, als Mitglied der Résistance ausgibt. Kica gelingen großartige Szenen, komisch, wenn sich Marianne und Stjerbinsky beim Wiedersehen ein hochtheatralisches Drama liefern, das Jacobowsky ob des lebensgefährlichen Zeitverlusts fassungslos kommentiert, tragisch, wenn der Oberst wegen einer Gestapo-Kontrolle zum Geisteskranken mutieren muss, den die „Gattin“ mithilfe des Aushilfsirrenwärters Szabuniewicz in die nächste Klinik zu bringen gedenkt. Auch diese Farce natürlich ein Trick, der Jacobowsky eingefallen ist.

Wie Janusz Kica mit Silberschneider, Föttinger, Knof und Stein detailreiche Charakterstudien erarbeitet hat, so tat er das ebenso in den zwei Dutzend Miniaturen. Wie es ein Markenzeichen des Ensembletheaters Josefstadt ist, ist die Produktion durchwegs luxuriös besetzt: mit Ulli Maier als resoluter Hotel-Chefin Madame Bouffier, Alma Hasun als leidenschaftlicher „leichter Person“ oder Gerhard Kasal als gutgläubigem deutschen Oberleutnant. Alexander Absenger ist als zynischer „tragischer Herr“ zu sehen, Johannes Seilern als sich unantastbar glaubender Membre de l’Académie Française, Siegfried Walther als um Ruhe bemühter Wirt Clairon, Therese Lohner als unnachgiebiges Mädchen Mariannes, Ginette, Patrick Seletzky als grausamer Gestapo-Mann.

Ulli Fessls „alte Dame aus Arras“ wird nicht umsonst ein „Kraftwerk an Panik“ genannt, Ulrich Reinthaller überzeugt als zwiespältiger britischer Agent, Michael Schönborn als Flic, der erst nach Dienstschluss mitfühlend werden darf. Ihnen allen bietet die Aufführung dank Kicas kluger Regie einiges an Entfaltungsmöglichkeit. Kica zeigt all das ohne krampfhaften Dreh ins Heute, sind Werfels Themen von Zukunft, die aus Zusammenhalt entsteht, und Vertrauen, das alle Feindseligkeiten überwindet, doch ohnedies zeitlos. Dass sich ohne viel geistigen Aufwand dennoch Assoziationen zur Gegenwart herstellen lassen, liest sich auch in einem Text Georg Stefan Trollers im Programmheft. Wenn der Autor dort über den Emigranten als, von den Staaten, in die er flieht, „Illegalen“, „Störfaktor“, „Parasiten“ gesehenen schreibt, kann man nicht anders, als an ein Österreich zu denken, dass es seit Kurzem wieder gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=nnlEZf2lC7g          www.josefstadt.org

  1. 4. 2019

Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

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  1. 11. 2018

Theater in der Josefstadt: In der Löwengrube

März 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An der Stammeszugehörigkeit wächst die Schauspielerei

Muss die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, nun putzen: Florian Teichtmeister als Arthur Kirsch und Alexander Absenger als Strassky. Bild: Moritz Schell

Es beginnt mit Shakespeares Shylock und Buhrufen und Pfiffen aus dem „Publikum“. Aufruhr im Zuschauerraum. Der angeheuerte Politpöbel kommt freilich vom Band, und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was dagegen sagen möchte … Am Theater in der Josefstadt hatte anlässlich dessen 70. Geburtstags Felix Mitterers „In der Löwengrube“ Premiere, hatte Erstaufführung am Haus, womit das Stück dank Direktor Herbert Föttinger seiner ursprünglichen Bestimmung nun endlich zugeführt ist.

Denn der von Otto Schenk in den 1990er-Jahren initiierte, dann aber für die Bühne nicht umgesetzte Schreibauftrag an den nunmehrigen Jubilar ist eine Josefstädter Geschichte. Eine true story sozusagen. Mitterers Tragifarce erzählt vom Wiener jüdischen Schauspieler Leo Reuss, der sich im Dritten Reich als schauspielerisches Naturtalent aus den heimischen Bergen ausgab, um zu einem Engagement zu kommen. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Diamants, vermittelte seine Entdeckung nach Wien.

Es folgte ein Engagement an der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels in seinem Kampf gegen „Kulturbolschewismus und jüdische Dekadenz“ war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich – oder der Akteur selbst, da gehen die Quellen nicht konform – ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika, wo er in Hollywood wegen seines deutschsprachigen Akzents ausgerechnet in Nazi-Rollen besetzt wurde. Für ihre Inszenierung nun hat Regisseurin Stephanie Mohr ein feines Ensemble um sich versammelt, das einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Florian Teichtmeister, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Mohr stellt ein Panoptikum seltsamer Gestalten auf die von Miriam Busch bis auf ein paar Stühle leergelassene Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Peter Scholz als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Mohrs gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Ausdrücklichkeit, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig „jiddelnd“, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. André Pohl wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von einschlägigen Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Teichtmeister gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt. “Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen?“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Der Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl mischt das Theaterensemble auf: André Pohl, Florian Teichtmeister, Tobias Reinthaller und Peter Scholz. Bild: Moritz Schell

Die Diva denkt zuerst an die Karriere: Florian Teichtmeister, Pauline Knof als Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger und Alexander Absenger. Bild: Moritz Schell

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Teichtmeister ist herrlich als „Reschpektsperson“, als Bauernphilosoph und Politpolterer für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als blondes Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl. Der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Teichtmeister in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt, und wie er als solcher mit kleinen Gesten Verachtung darstellt.

Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: das Schaf im Wolfspelz. Teichtmeister spielt Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems. Etwa, wenn er nicht nur Wahrheiten über die anderen austeilt, sondern auch solche über sich selbst einstecken muss. Denn mit der richtigen „Stammeszugeörigkeit“ wächst, scheint’s, die Schauspielkunst.

Famos ist auch Scholz als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, ein Feigling auch, aber das mit einer Vehemenz, dass man ihm seine Ergebenheit, mit der er das System letztlich nur düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Alexander Strobele als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass. Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Alexander Absenger als seine Abgötter fürchtender „Bösewicht“, Pohl als letztlich übel zugerichteter Intrigant und Tobias Reinthaller als jugendlichem Liebhaber von Alma Hasuns Olga, verlieren zunehmend die Nerven. Pauline Knof gibt die Kirsch-Ehefrau Helene Schwaiger als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Claudius von Stolzmann hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke aufzwingt. Von Stolzmann hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt von der Stimme bis zur Gestik eine glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten. Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber mutmaßlich eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseurin Mohr findet für ihre Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, ihre Schauspieler treffen den von ihr vorgegebenen Ton zwischen komödiantischem Auftrumpfen und sensibler Nachdenklichkeit perfekt.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=j873Eo_rGRs

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  1. 3. 2018

 

Theater in der Josefstadt: Professor Bernhardi

November 17, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Heraufdämmern einer neuen Zeit

Der Herrscher und der Kronprinz-Gegenspieler: Herbert Föttinger als Bernhardi, Florian Teichtmeister als Ebenwald. Bild: Sepp Gallauer

Arthur Schnitzlers „Professor Bernhardi“ ist stets das Stück zur Zeit, geht es um Kalkül und politisches Kleingeld. Selten aber tritt das so zutage, wie in der Inszenierung von Janusz Kica am Theater in der Josefstadt, die Donnerstagabend Premiere hatte. Beinah fröstelt es einen ob der Aktualität der hier gesagten Sätze. Kica arbeitet das Heraufdämmern einer neuen Zeit, den Schnitzler’schen Subtext, mit scharfer Klinge heraus, dabei steht ihm ein exzellent agierendes Ensemble zur Seite, beinah zwei Dutzend der Spitzenkräfte des Hauses, mit Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger in der Titelrolle – ein primus inter pares. Mutmaßlich noch nie war Föttinger so brillant denn als Professor Bernhardi.

Drei Stunden lang entrollt sich das Spiel für Männer (mit Alma Hasun in der einzigen Frauenrolle der Krankenschwester Ludmilla) in der renommierten Privatklinik Elisabethinum. Hierarchien werden ausgelotet, Intrigen und Pläne geschmiedet, Machtkämpfe um Karrierebestrebungen ausgetragen. Da begeht Bernhardi fast im Wortsinn den „Kardinalfehler“. Er lässt einen Pfarrer nicht zu einer Sterbenden vor, die sich in ihren letzten Stunden in einem euphorischen Zustand befindet.

Er möchte ihr einen schönen Tod bereiten, die Letzte Ölung soll sie nicht erschrecken. Die Frau stirbt ohne Salbung, und ein unfassbare Hexenjagd gegen den „Juden“ setzt sich in Gang. Etwas, das man heute wohl Dirty Campaigning nennen würde … Föttinger hat sich den Bernhardi anverwandelt, er holt die Figur nahe an sich heran. So nahe, dass man sicher meint Dinge, wie „Dass ich im Ernstfall der Mann bin durchzusetzen, was ich will, habe ich schon einige Male bewiesen“ oder „Es ist immer meine Gewohnheit gewesen, den Leuten ins Gesicht zu sagen, was ich denke“, nicht nur aus dem Mund des Klinik-, sondern auch des Theaterdirektors schon im Wortlaut gehört zu haben. Viel von sich hat er in die Figur fließen lassen. Föttingers Bernhardi ist erst ein nonchalanter, dennoch apodiktischer Herrscher, changierend zwischen dem freundlichen Wissen um seine Bedeutung und deren Überschätzung, als er den Sturm auf sich zukommen sieht. Dann aber ist er bereit, den Preis für seine Integrität zu bezahlen.

Auf ironische Art hinterfragt er die ernstesten Angelegenheiten, wie Kicas Arbeit überhaupt bemüht ist, den schwarzen Humor der Götter in Weiß, den sarkastischen Grundton des Schnitzler-Textes nicht in der Gedankenschwere des Themas versinken zu lassen. Fürs Ende, nach Bernhardis Verbüßung seiner Haftstrafe, hat sich Föttinger weder ein Aufbegehren noch die Resignation überlegt. Sein Bernhardi ist ruhiger geworden, auch grantiger. Mitten im Weltanschauungskonflikt tritt er leise ab. Er will mit Politik, die ihn mittels einer nicht namentlich genannten Parlamentspartei erst zum Buhmann degradierte, nun – die Liberalen natürlich – zur Lichtgestalt machen will, nichts zu tun haben.

Die Ärzteschaft in heller Aufregung: Wojo van Brouwer, Johannes Seilern, Alexander Strömer, André Pohl, Peter Scholz und Michael König. Bild: Sepp Gallauer

Hochwürden hat keine Handschlagqualität: Matthias Franz Stein mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Aussprache mit dem Minister: Bernhard Schir als Teflonmann Flint mit Herbert Föttinger. Bild: Sepp Gallauer

Womit er der einzige ist. In Kicas Lesart macht jeder Politik, selbst der Geistliche, Matthias Franz Stein hat als Franz Reder seinen großen Auftritt nach der Pause, der die Moral seiner Kirche über medizinische Barmherzigkeit stellt, und der keinen Präzedenzfall schaffen wollte, indem er auf sein Recht aufs Sakrament verzichtete. Das Elisabethinum ist in zwei Lager gespalten. Für Bernhardi sind André Pohl als Ehrenmann Dr. Cyprian, Michael König als aufbrausender Dr. Pflugfelder oder – ganz wunderbar – Johannes Seilern als schelmischer Idealist Dr. Löwenstein.

Auf der Gegenseite gehen die Christen in Stellung. „Gegenüber anständigen Juden gibt es keinen Antisemitismus“, befindet Christian Nickel als Dr. Filitz mit vor Empörung zitternder Unterlippe ob der Affäre Bernhardi und droht zu demissionieren. Peter Scholz‘ Dr. Adler versucht sich mit Opportunismus über die Runden zu retten, doch selbst das Bernhardi-Protegé Wenger (Alexander Strömer) stellt sich gegen seinen Beförderer …

Kica lässt das alles in großer Einfachheit und Klarheit spielen. Keine Geste ist hier zu viel, kein Tonfall eine Übertreibung, die Aufführung ist so straight, wie die Männer, die in ihr auftreten. Das Bühnenbild ist weiß-grau-karg; zwei verschiebbare Wände und ein paar Versatzstücke genügen Kica, um Klinik und Privatwohnung des Professors anzudeuten.

Mit Föttinger dominieren zwei Darsteller das Geschehen. Florian Teichtmeister ist als Vizedirektor Dr. Ebenwald der Kronprinz-Gegenspieler und outet sich gleich in der ersten Szene als Antisemit. Weil Bernhardi bei der Klärung einer Fachfrage die Oberhand behalten hat, schießt er mit judenfeindlichem Geschütz: „Große Freude in Israel – wie?“

Gallig süffisant und gleichzeitig jovial dauergrinsend ist Teichtmeisters Ebenwald (im Pausengespräch meinte jemand: „Zum Speiben gut!“), ein ehemaliger Burschenschafter mit immer noch buberlhaftem Charme, den die Überzeugung verließ, als sie der Karriere schadete. Nun kann sie wieder hochkochen. Bernhard Schir überzeugt als Minister Flint (mit einem großartig bärbeißig-beamteten Martin Zauner als Hofrat Winkler an seiner Seite), ein eitler, großsprecherischer Teflonmann, als Politiker ein so guter Schauspieler, dass er seine Parolen bald selber glaubt. Schir gestaltet den Flint als Karl-Kraus’sche Figur. Er sei der Mann, der eben mache, was gemacht werden müsse, kommt ihm locker über die Lippen. Auch solche Aussagen erkennt man aus diesen Tagen wieder.

Bernhardis Maxime „Du sollst dich nicht in die Nähe der Politik begeben“ hält Föttinger übrigens nicht immer durch. In einer Werbekampagne zu Saisonbeginn produzierte die Josefstadt selbst satirische Fake News. Unter anderem fand sich da die „Meldung“, HC Strache gehe für ein Jahr in Bildungskarenz. Das veranlasste die FPÖ im Gemeinderat zu einer Anfrage an Andreas Mailath-Pokorny: Wegen der „Ehrenrührigkeit“ der Aussage solle er die Subventionsgelder vom Theater zurückfordern. Der Kulturstadtrat hat naturgemäß abgelehnt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=uk82aGywkiM

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  1. 11. 2017

Theater in der Josefstadt: Der Engel mit der Posaune

September 3, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fulminanter Saisonauftakt mit einem Familienepos

Familie Alt: Michael Dangl, Maria Köstlinger, André Pohl, Silvia Meisterle, Alexander Absenger und Matthias Franz Stein. Bild: Sepp Gallauer

Das Theater in der Josefstadt eröffnete die Theatersaison 2017/18 mit einer außerordentlich großartigen Produktion. Gezeigt wurde Samstagabend die Uraufführung von Ernst Lothars „Der Engel mit der Posaune“. Da wird mancher den Film mit dem Wessely-Hörbiger-Clan kennen, doch an der Josefstadt bezieht man sich auf Lothars Roman. Der Vordenker und Förderer der Wiener Kultur war gemeinsam mit Max Reinhardt von 1935 bis 1938 Direktor des Hauses.

Musste emigrieren, und veröffentlichte 1944 in den USA sein Opus Magnum – in Englisch. 1946 erschien das Buch erstmals in deutscher Sprache. Für die Josefstadt hat Susanne F. Wolf das 900 Seiten starke Werk dramatisiert. Eine feine, feinsinnige Arbeit, hat sie doch mit ruhiger Hand die Quintessenz der Familiensaga destilliert. Entstanden ist so ein sehr klarer, schlüssiger Text, dem es an nichts, heißt: keinem wichtigen Handlungsstrang, fehlt. Im Gegenteil: Wolf wertet das Ganze durch den ihr eigenen subtilen, mitunter sarkastischen Humor auf, ja, das Publikum darf inmitten all der Tragödien immer wieder über gelungene Bonmots und sprachliche Querschläger in den Dialogen lachen.

74 Szenen hat Wolf erarbeitet, die Janusz Kica inszeniert hat. Schlag auf Schlag geht da alles, Szenen greifen ineinander, überlappen teilweise, laufen teilweise parallel ab. Ein Drei-Stunden-Abend, der wie im Flug vergeht! Und nicht einen Durchhänger hat. Damit das funktionieren kann, gibt es ein einheitliches Bühnenbild von Karin Fritz, an dem sich allerdings nicht erschließt, warum der Wohnsitz einer ehrenwert-reichen Wiener Dynastie von Haus aus wie eine ausgebombte Brandruine ausschauen muss. Engel über dem Portal gibt’s übrigens keinen, die Kulisse ist mehr Innenansicht, weil doch Innenschau der Personen.

Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf mit Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Franz und Henriette Alt haben den ersten Zwist: Michael Dangl und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

„Der Engel mit der Posaune“ erzählt die Geschichte der Familie Alt und damit gleichsam die Geschichte des Hauses Österreich. Traditionshäuser im Wortsinn sind beide, die Alts residieren auf der Seilerstätte 10 (mit eben Engel über dem Eingang), eine Klavierbauerdynastie, auf deren Instrumenten weiland schon Mozart spielte. Die Situation ist beengt, die Verwandtschaft steigt sich auf die Füße und geht sich auf die Nerven, hat doch Stammvater Alt verfügt, dass niemand jemals aus dem Haus ausziehen darf, weil sonst sein Erbe verloren ist.

Franz Alt ist Firmenchef. Doch im Mittelpunkt der Handlung steht seine Frau Henriette. Sie ist es, die die Historie von 1888 bis 1938 illustriert, war sie doch eine „Angedachte“ von Kronprinz Rudolf und wird sie doch, weil Halbjüdin, von den Nazis erschossen werden. Franz und Henriette haben drei Kinder: Hans, Hermann und Martha Monica. Außerdem anwesend: Franz‘ Bruder Otto Eberhard, ein Staatsanwalt, und Tante Sophie. Sohn Hans wird sich später in die Jüdin Selma verlieben, doch weil sein Bruder Hermann sich den Nazis zuwendet, wird diese Liebe kein gutes Ende nehmen. Selma wird vergiftet …

Derart also hat Ernst Lothar den Ersten Weltkrieg, den Untergang der Donaumonarchie, den Ständestaat und das `34er-Jahr und schließlich den „Anschluss“ in sein Familienepos eingeschrieben, fünf Jahrzehnte Politik – und wie sie die Menschen (be)traf. Regisseur Janusz Kica führt sein Ensemble gekonnt und gezielt durch diese Epoche, die manch einem im Geschichtsunterricht als unverdaulich großer Klumpen einer einzigen Katastrophe erschien. Kica beherrscht die große Kunst, die Schauspieler ihre Rollen entwickeln zu lassen, schließlich wird hier ganz schön gealtert; er macht aus den Figuren fein ziselierte Charaktere, die mit einer großen Wahrhaftigkeit „über die Rampe kommen“, und die zeigen, was die Zeit mit Menschen macht.

Franz, vom Schlaganfall gezeichnet: Michael Dangl, Matthias Franz Stein und Maria Köstlinger. Bild: Sepp Gallauer

Das Ende: SS-Sturmbannführer Esk erschießt Henriette: Maria Köstlinger und Gerhard Kasal. Bild: Sepp Gallauer

Als Ehepaar Franz und Henriette Alt brillieren Michael Dangl und Maria Köstlinger. Sie sind einander im Eheunglück verbunden. Die Köstlinger gibt erst den Trotzkopf, der nicht Kronprinzenmätresse werden will, dann die Verbiesterte, weil in ungeliebter Ehe Verbundene. Biedermann Franz ist einfach zu wenig für diese exaltierte, emanzipierte Frau. Doch wird sie schließlich doch noch lieben, als es an Franz‘ Sterben geht. Dangl beginnt sozusagen als jovial-leutselig Verliebter, er repräsentiert eine Art Aufbruchsstimmung in die Moderne, ohne die ihm so wichtige Tradition zu verleugnen. Doch wird ihm im Ehealltag – und im Ersten Weltkrieg – quasi das Rückgrat gebrochen, und so wird auch er launisch, laut, zynisch, bis ihm schließlich ein Schlaganfall die Sprache, am Ende das Leben raubt.

Noch traditionalistischer als Franz ist sein Bruder Otto Eberhard, den André Pohl mit Verve als Paradebeispiel eines k.u.k.-Bürokraten gestaltet. Mit steifer Oberlippe muss dieser Mann der Konvention zur Kenntnis nehmen, dass Franz die unpassende Henriette heiratet, streng und hochmoralisch macht er ihr ein Leben lang ebendieses sauer, bis er sie altersmilde geworden um Freundschaft bittet. Nur eines ändert sich nicht: Hört er das Wort Sozialismus, beginnt seine Stirnader zu pochen.

Den bekümmerten Firmenerben Hans Alt gibt Alexander Absenger erst als Träumer, dann als Idealisten, bei den Alts ein Schimpfwort, gibt ihn als einen, der nicht tatkräftig ist, diesen Umstand aber bejammert, bis er schließlich zum Aufbegehrer und Arbeiterfreund wird. Dies impft ihm seine Geliebte Selma Rosner ein. Alma Hasun gibt der Sozialistin und Schauspielerin ein Profil als politische Analytikerin, die ihre Weltanschauung wie ein Votivtaferl vor sich herträgt, während Absenger gekonnt vom Elegiebürscherl zum Macher zur leeren Hülle nach Selmas Tod wird. Kica erlaubt sich mit Hans einen Kunstgriff: Absenger ist lange vor Hans‘ Geburt, von Beginn an, als Beobachter auf der Bühne, er hört sein Schicksal schon, bevor es begonnen hat. Immer wieder sind solche Figuren anwesend: Xaver Hutter als Kronprinz Rudolf, der Franz und Henriette belauscht, bis er zur Pistole greift, und eine, die man für einen Polizeispitzel hält, die sich aber als Erpresser entpuppt.

Hans Alt liebt Selma Rosner: Alexander Absenger und Alma Hasun mit Maria Köstlinger und Johannes Seilern als Diener Simmerl. Bild: Sepp Gallauer

Zum „guten“ Bruder gibt es den „bösen“: Matthias Franz Stein als Hermann Alt sehr schön sinister, egal, ob er sich der Mutter, weil bei ihr nicht einmal zweite Wahl, erst andient, oder sie später vernichten will. Wie Stein an der Rampe sein nationalsozialistisches Bekenntnis ablegt, das ist beklemmend. Eine gelungene Darbietung, mit der er Hermann aus dem Schattendasein, das er im Roman führt, holt. Bleibt schließlich Silvia Meisterle als Martha Monica, das Kuckuckskind aus einer Affäre Henriettes mit dem Grafen Traun (auch ihn spielt Hutter), der alle im Haus bescheinigen, sie sei „bestürzend herzlich“. Marianne Nentwich gibt eine Glanzvorstellung als herrischer, so scharfzüngiger wie scharfsinniger Familiendragoner Tante Sophie.

Jede Rolle in dieser Produktion ist großartig besetzt: Alexandra Krismer als kämpferische Sozialistin Mizzi Hübner; Michael Schönborn als Schulprofessor Miklau eine Art Lehrer Lämpel; Gerhard Kasal erst als Erpresser Jonescu, dann als dessen Nachfahre SS-Sturmbannführer Esk; Wojo von Brouwer, der als Vorarbeiter und Gewerkschafter Czerny auch seine Klavierkünste präsentieren darf; vor allem aber:

Johannes Seilern, der als kauziger, gern französisch parlierender, loyaler Diener Simmerl nicht nur ein Kabinettstück gestaltet, sondern seine „Gnädige Frau“ in den Tod begleiten wird. All das untermalt die atmosphärisch gewaltige Musik von Kyrre Kvam, die den Szenen die richtige Temperatur gibt. Kicas Inszenierung funktioniert mit sparsamsten Mitteln, die deshalb umso mehr wirken. Als einzigen „Gag“ erlaubt er sich einen Klavierflügel, der einmal von oben auf Hans herabschwebt. Vor allem nach der Pause gelingen ihm starke, gespenstische Bilder. Und wenn am Ende Alexander Absengers Hans „aus dem Untergrund“ seine Hornek’sche Rede hält, den Nationalwahn schilt und Toleranzbereitschaft lobt, dann haben Ernst Lothar und Susanne F. Wolf den Abend endgültig angedockt. Welch ein Ende von einem Anfang! Nun muss 2017/18 einfach ein gutes Theaterjahr werden.

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  1. 9. 2017