Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

www.volkstheater.at

15. 5. 2019

Theater Drachengasse: All das Schöne

November 15, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liste für die Lust am Leben

Michaela Bilgeri und Andreas Dauböck spielen mit dem Publikum. Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Nummer eins: Schokolade, Nummer zwei: Wasserschlachten mit Wasserbomben, Nummer drei: Achterbahnen … So beginnt eine Reihenfolge der Dinge, die eine Siebenjährige nach dem Selbstmordversuch ihrer Mutter auflistet, um diese an „All das Schöne“ zu erinnern, für das es sich zu leben lohnt. Im Theater Drachengasse hat Esther Muschol den Monolog des britischen Dramatikers Duncan Macmillan inszeniert. Eine wunderbare One-Woman-Show für Schauspielerin Michaela Bilgeri, die sich von Andreas Dauböck musikalisch beistehen lässt.

Bilgeri holt sich für ihre Protagonistin auch Unterstützung aus dem Publikum. Noch bevor’s losgeht werden Zettel verteilt, darauf Worte und Halbsätze, wer einen in die Hand gedrückt bekommt, wird im Laufe des Abends seinen Punkt der Lebenslust-Liste laut vorzulesen haben. Bilgeri holt ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mitunter sogar Richtung Spielfläche ab. Eine wird spontan zur Tierärztin, aus einer ausgeborgten Fleecejacke und einem Kugelschreiber werden Hund und Spritze, einer wird zum Vater, eine Schulpsychologin, die, entledigt von Schuh und Strumpf, versucht sich dem verstörten Kind durch „Socki“ anzunähern.

Dass die Mitmach-Übung gelingt, dass die Gruppendynamik bald den ganzen Raum ergreift, ist Bilgeris und Dauböcks sympathischer Art zu danken. Nie sind die Interaktionen peinlich oder übergriffig oder erzwungen, im Gegenteil: die Stimmung ist froh gestimmt und offenherzig, erstaunlich wie die Leute mitgehen und wie sich manch einer als Bühnentalent entpuppt, verblüffend, wie man zur Gemeinschaft wird, wie man näher zusammenrückt. Der Abend wirkt trotz des schweren Themas leichtfüßig. Bilgeri turnt zwischen Sitz- und Satzreihen, spielt auf den Punkt, spielt mit Feuer und auch Verzweiflung, ist berührend und selbst gerührt, erzählt und erklärt und fragt und hinterfragt, und erweist sich insgesamt als großartige Entertainerin, die ihre Figur mit viel Humor, der nötigen Portion Galgenhumor ausstattet. Mutterwitz, mit dem sie die ständige Angst vor dem nächsten Absturz mit Anekdoten tarnt.

„Wenn etwas Schlimmes passiert, spürt das der Körper, bevor der Verstand weiß, was passiert ist“, sagt sie. Da ist es, zehn Jahre später, wieder so weit, die Mutter nach einem weiteren Suizidversuch wieder im Krankenhaus, und die nunmehr Teenager-Tochter, die ihr erst empfiehlt, keine Tabletten mehr zu nehmen, sondern „Spring von einer Scheiß-Brücke!“, setzt die Liste fort. Erweitert sie um „Wayne’s World“ und Johnny Depp. Macmillans liebenswerter, und ebenso dargebotener, Text lässt deutlich erkennen, was die ständige Sorge um die Mutter, was deren Depression mit der Familie macht, mit der Tochter, die mit dem Erwachsenwerden mehr und mehr mit der Furcht konfrontiert wird, so zu werden wie sie, mit dem schweigsamen Vater, der sich in seine Schallplattensammlung verkriecht.

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Bild: © Andreas Friess / picturedesk

Dauböck und Bilgeri geben dessen Lieblingsmusik live zum Besten. Von Johnny Cashs „Ring of Fire“ bis zur Vertonung der Konrad-Bayer-Lyrics „Glaubst i bin bled“ von der Worried Men Skiffle Group. Auch die Mutter in ihren besten Momenten ist anwesend, wenn sie am Klavier in der Küche sitzt und singt.  Doch eine Universitätsprofessorin lässt ausgerechnet den „Werther“ lesen, ein erster Freund wird erst zum Ehemann, dann zum Ex. Bilgeri bringt ihr Publikum mit ihrer Spontanität bis zum Küssen, und ja, ein bissl arbeitet da schon der Schadenfreude-Faktor, wenn man grad selber nicht drankommt.

Und Ágnes Hamvas‘ Raumgestaltung gibt immer weitere Listenplätze preis, und viele davon legen eigene Erinnerungen an „All das Schöne“ frei. Bis eine Million will die Ich-Erzählerin kommen. Im Foyer liegt nicht zuletzt deshalb ein Buch auf, in das das Publikum selbst seine schönsten Dinge eintragen kann. Neben „schwanger sein“ und „ein Kind zur Welt bringen“, dies wohl als Frage darauf, warum das Macmillans Mutterfigur nicht Lebensgrund genug ist, steht da:

Zu sehen, wie Jamie Cullum nach seinem Konzert auf der Donaubühne Tulln beim Schlussapplaus samt Band ins Wasser sprang. Na bitte. Bis 24. November kann man sich noch in die Liste eintragen.

www.drachengasse.at

  1. 11. 2018

Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

www.josefstadt.org

  1. 3. 2018

Sommerszene Salzburg

Juni 16, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER / A D V E R T O R I A L

All you need

Doris Uhlich „more than naked“  Bild: © Andrea Salzmann

Doris Uhlich „more than naked“
Bild: © Andrea Salzmann

Unter dem Motto all you need stellt die Sommerszene Salzburg 2014 das zeitgenössische darstellende Kunstschaffen und insbesondere die performativen Künste ins Zentrum: Vom 25. Juni bis 5. Juli werden bei dem von Intendantin Angela Glechner kuratierten Festival 15 Produktionen von nationalen und internationalen Künstlern präsentiert, darunter 12 Österreich-Premieren. Einmal mehr ist die Sommerszene Plattform für gesellschaftspolitische Fragen und partizipative Formate, für tänzerisch-musikalische Dialoge und installative Performances.

TANZ und THEATER

Die belgische Gruppe Peeping Tom, die mit ihren grandiosen Stücken international für Furore gesorgt hat, eröffnet mit ihrer neuen Produktion Vader die diesjährige Sommerszene. Dabei setzen sie sich mit dem brisanten gesellschaftspolitischen Thema des Altwerdens auseinander: In Vader, das als österreichische Erstaufführung zu sehen ist, erschaffen das Ensemble und sein 75-jähriger Protagonist mittels virtuoser Verknüpfung von berauschenden Bildwelten und furiosen Tanzsequenzen eine hyperreale Welt, die den Betrachter nicht mehr loslässt. (Österreich-Premiere – Mi 25. und Do 26. Juni, 20:00 Uhr, republic – Künstlergespräch nach der Vorstellung am 26. Juni)

In diesem Sommer zeigt die Ausnahmechoreographin Anne Teresa de Keersmaeker ihr Meisterwerk Vortex Temporum als einzigen Österreich-Termin in Salzburg. In der Auseinandersetzung mit dem gleichnamigen Spätwerk des französischen Komponisten Gérard Grisey, das sie mit Tänzern von Rosas und Musikern des Ictus Ensemble zur Aufführung bringt, fügen sich eindrucksvoll Klänge, Gesten, Bewegungen und die Dynamik des Raums zu einem autonomen Ganzen zusammen. (Österreich-Premiere – Sa 28. und So 29. Juni, 20:00 Uhr, republic – Künstlergespräch nach der Vorstellung am 29. Juni)

Die österreichische Choreographin Doris Uhlich erarbeitet eigens für die Sommerszene mit Studierenden des Tanzzentrums SEAD eine neue Version ihrer Erfolgsproduktion more than naked. 20 nackte Tänzer zelebrieren bei der von Uhlich entwickelten Fetttanztechnik die Befreiung von ästethischen Bildern von Tanz und Nacktheit: Ein schamlos-unschuldiger wie grandioser Diskurs zum Thema Körper. (Do 3. und Sa 5. Juli, 20:00 Uhr, republic)

Der im internationalen Ausstellungskontext renommierte Tino Seghal kommt mit (ohne Titel) (2000) zur Sommerszene. Das legendäre Solo ist sein Brückenschlag von theatralisch-choreographischen Arbeiten hin zur Bildenden Kunst und ein Meilenstein des kollektiven zeitgenössischen Tanzgedächtnisses. Dieses „Museum des Tanzes“, das in der virtuosen Interpretation von Frank Willens die radikalen Ideen und die wegweisenden Konzepte der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts präsentiert, ist erstmals in Österreich zu sehen. (Österreich-Premiere – Di 1., 19:00 Uhr und Mi 2. Juli, 20:00 Uhr, Rainberghalle – Künstlergespräch nach der Vorstellung am 2. Juli)

Die Argentinierin Cecilia Bengolea und der Franzose François Chaignaud, Shootingstars der internationalen Tanzszene, haben 2013 mit altered natives’ Say Yes to Another Excess — TWERK das Salzburger Publikum begeistert. In diesem Jahr sind sie mit der Österreich-Premiere von Dub Love zu Gast. Dabei wagen sie gemeinsam mit Ana Pi und DJ High Elements einen faszinierenden Spagat zwischen westlicher Spitzentanztechnik und jamaikanischen Reggae-Klängen. (Österreich-Premiere – Fr 27., 20:00 Uhr und Sa 28. Juni, 21:30 Uhr, ARGEkultur)

Mit der rechten Maustaste hier klicken, um Bilder downzuloaden. Um Ihre Privatsphäre besser zu schützen, hat Outlook den automatischen Download dieses Bilds vom Internet verhindert.

PERFORMANCES und INSTALLATIVE FORMATE

2013 überzeugte die in Paris lebende Regisseurin Ivana Müller mit ihrer gewitzten Sozialchoreographie In Common. Diesmal lädt sie mit ihrem aktuellen Bühnenstück Positions zur vergnüglichen Lehrstunde ein, indem sie mit zwölf Akteuren einen erfrischenden Blick auf das allgegenwärtige Thema Ökonomie wirft und mit menschlichen Tableaux Vivants unsere Wertegesellschaft auf den Prüfstand stellt. (Österreich-Premiere – Mo 30. Juni und Di 1. Juli, 20:00 Uhr, ARGEkultur)

Ein Chor aus sechs Schauspielern und Tänzern führt in Maria Jerez’ Performance Ba-deedly-deedly-deedly-dum ba-boop-be-doop! in kollektive wie individuelle Erinnerungswelten. Die spanische Künstlerin, die im vergangenen Jahr bei der Sommerszene bei Legends & Rumors zu sehen war, kreiert – ähnlich einem Filmsoundtrack – große Emotionen, ohne einer logischen Storyline zu folgen. (Österreich-Premiere – Fr 4. und Sa 5. Juli, 18:00 Uhr, ARGEkultur)

Mit automatisch – idiotisch – als ob – genau präsentieren die Künstler Lisa Hinterreithner und Julius Deutschbauer eine Schau zwischen automatischem und maschinischem Schaffen, die sowohl als selbstbetriebene, als auch als vom Publikum bespielbare Performance zu erleben ist. (Österreich-Premiere – Fr 27. und Sa 28. Juni, 18:00 Uhr, Kavernen 1595)

Mit der Installation Gesprächsgegenstände führt die Salzburger Künstlerin Andrea Maurer in einen versteckten Raum im Gebäude der SZENE: Dort erwartet die Besucher eine Sammlung von Alltagsgegenständen, die durch analoge und digitale Verfahren präpariert werden und die bekannten Zusammenhänge zwischen Objekt und Bedeutung, Erscheinung und Funktion auf den Kopf stellen. (Do 26. bis Sa 28. Juni und Do 3. bis Sa 5. Juli, 19:00–22:00 Uhr, SZENE Studio)

DIE SOMMERSZENE IM STADTRAUM

Auch in diesem Jahr macht die Sommerszene den Stadtraum zur Bühne: Die Norwegerin Mette Edvardsen inszeniert in Time has fallen asleep in the afternoon sunshine mit einer sechsköpfigen Gruppe eine Bibliothek der lebenden Bücher. Die performativen Lesungen bestechen in ihrer Unmittelbarkeit und huldigen einem selten gewordenen Kulturgut: dem Zuhören. (Österreich-Premiere – Do 26. und Fr 27. Juni, 12:00–17:00 Uhr; Sa 28. Juni, 10:00–14:00 Uhr, Stadt:Bibliothek)

Erstmals in Österreich zu erleben ist Domini Públic von Roger Bernat/FFF, mit dem der Katalane bereits in über 20 Ländern erfolgreich gastierte. In dieser partizipativen Gruppenchoreographie entwirft Bernat ein tempo- und facettenreiches Frage- und Antwort-Szenario und schafft gemeinsam mit dem Publikum ein gesellschaftspolitisches Spiegelbild unserer Zeit. (Österreich-Premiere – Sa 28. und So 29. Juni, 17:00 Uhr,  Treffpunkt republic)

Das Theaterkolletiv Die Rabtaldirndln hat im vergangenen Jahr eine kuriose Wallfahrt auf den Kapuzinerberg unternommen. Diesmal richtet das Grazer Damenquintett an unterschiedlichen Plätzen der Stadt Die mobile Ambulanz ein und bietet mittels sardonisch-spöttischer Diagnosen Hilfe an, wo Not im, am und um den Körper ist. (Österreich-Premiere – Mo 30. Juni, 10:00–13:00 Uhr, Stadt:Bibliothek; Di 1. Juli, 14:00–18:00 Uhr, Alter Markt; Mi 2. Juli, 14:00–18:00 Uhr, Freibad Leopoldskron; Do 3. Juli, 9:00–13:00 Uhr)

Der kongolesische Choreograph und Tänzer Faustin Linyekula zählt zu den führenden zeitgenössischen Künstlern Afrikas. Im Hof des Bürgerspitals erzählt er in Le Cargo einen berührenden Monolog aus Tanz und Text über ein Leben zwischen Tradition und Moderne, über gängige Klischees und utopische Wünsche, über persönliche Sehnsüchte und politische Realitäten. (Do 3. und Fr 4. Juli, 22:00 Uhr, Bürgerspitalhof – Künstlergespräch nach der Vorstellung am 4. Juli)

DIE SOMMERSZENE FEIERT

Am Abschlusswochenende widmet sich Jan Plewka, Frontmann der deutschen Popband Selig, in seinem gefeierten Musiktheaterabend Sound of Silence mit Songs von Simon & Garfunkel dem kollektiven Musik-Gedächtnis und lädt zu einer berührenden Reise zu den Klassikern des Pop. (Österreich-Premiere – Fr 4. Juli, 20:00 Uhr, republic)
Tags darauf wird auch in diesem Jahr zur Letzten Nacht geladen: Im Anschluss an ihre kultverdächtige Aufführung von more than naked animiert Doris Uhlich am DJ-Pult das tanzfreudige Publikum. (Sa 5. Juli, ab 21:00 Uhr, republic)

www.szene-salzburg.net

Was hat Autor Wolfram Lotz eigentlich geraucht?

Februar 8, 2013 in Bühne

Wir sind alle nichts als Weltraumschrott

Am Akademietheater hatte „Einige Nachrichten an das All“ Premiere. Das war… Besonders.

Was hat Autor Wolfram Lotz eigentlich geraucht, als er „Einige Nachrichten an das All“ schrieb? Na, egal. Er ist eben einer, der sich konventioneller Dramatik konsequent widersetzt. Der ein surrealistisches Bild malt und es dem Publikum hinwirft: So, und jetzt denkt euch was dazu. Seine neuesten „Nachrichten“ wurden nun am Akademietheater aufgeführt. In ihnen geht es um: Alles. Oder nichts – und den Versuch, dieses Nichts zu begreifen. Um den Unsinn des Lebens an sich und der Welt im Besonderen. Um Existenz und Angst darum.

Schwer zu toppen

Der deutsch-chilenische Regisseur Ant Romero Nunes hat aus diesem Konglomerat einen besonderen Abend geschaffen. Mit poetisch-zärtlichen Momenten, mit komischen, mit verzweifelten – und ein paar langweiligen.

Sein Bühnenbildner Florian Lösche und ein Team aus Video- und Sounddesignern aber haben was hingestellt, das diese Saison schwer zu toppen sein wird: Wände aus Quadern, die sich beliebig zu Kreuzen oder dorischen Säulen verschieben. Auf sie werden Räume projiziert. Oder die westliche Kulturgeschichte im Schnellgang – bis sie in sich zusammenbricht und ein Baby sitzen bleibt (Erklärung folgt). Und Matthias Matschke, der Gangnam Style mit -zigfachen digitalen Ichs tanzt.

Zur Handlung hangeln

Womit man bei der … äh … Handlung wäre. Oder aus Platzgründen zumindest bei Teilen davon. Matschke spielt sehr super den Moderator der „Show“. Um seine Popularität zu belegen, zeigt er (auf den Quadern) Google-Einträge auf seinen Namen, Blutwerte, dass die Vorstellung gerade live auf Facebook läuft… Das Publikum johlt.

Matschke soll „Promis“ aller Zeiten von Schriftsteller Kleist über Naturforscher Rafinesque bis Staatssekretär Lopatka (alle: Fabian Krüger) dazu bringen, nur ein Wort ins All zu schicken. Die Übung misslingt. Und ist langatmig. Dafür sind da aber noch Purl Schweitzke und Lum (berührend: Burg-Debütantin Jasna Fritzi Bauer und Daniel Sträßer), zwei clowneske Clochards, die wissen, dass sie nur Theaterfiguren sind – und mit dem Autor hadern, weil er ihnen kein schöneres Bühnenleben gab. Sie möchten ein Kind. Siehe oben. Bleibt der große Ignaz Kirchner. Er gibt die ständig störenden „Fußnoten“ zum Stück. Und erklärt abschließend, wir wären alle Weltraumschrott. Interessant. Wehe, Sie fragen warum!