Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2017

Akademietheater: paradies fluten. verirrte sinfonie

September 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Da geht die post- ab

Die Reifenhändlerfamilie: Peter Knaack, Elisabeth Orth, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Spannend war es in der Pause, als die Bühnenarbeiter die große Plastikplane zusammenlegten, den Unrat entsorgten, die Bühne putzten, jeder Handgriff mit Zweck und Ziel, ungekünstelt, uneitel, authentisch, die Bewegungen wie choreografiert …

Davor und danach gab es die Österreichische Erstaufführung von Thomas Köcks Kleist-Förderpreis-Stück „paradies fluten“, „teil eins der klimatrilogie“.

Das Ganze ist – zumindest in der Drei-Stunden-Zerdehnung von Regisseur Robert Borgmann – doch ein klein wenig geschwätzig und repetitiv. (Was nichts damit zu tun hat, dass Köck wie jeder gute Jelinek-Schüler in Textflächenblöcken und mit Textflächenblockwiederholungen arbeitet.) Köck will viel, das ehrt ihn, will den welterklärerischen Komplettentwurf, will seine Kapitalismus-, Konsumismus-, Klimaschutz-, Kautschukgewinnungs-, Und-überhaupt-alle-Katastrophen-und- Ungerechtigkeiten-dieser-Erde-Kritik in eine Perlenreihe kriegen; er reiht sie auf, die Schlagwörter, die die neoliberalen Suchmaschinen zum Laufen bringen.

Seine Schlussfolgerungen sind: BWL-Täuschung und Markt-Schreierei, und enden bei der obligatorischen Globalisierungs-Beanstandung, das Ergebnis ein frei-assoziativer Text, der sich selbst seinen Sinn bescheinigt. Fürs postfaktische Zeitalter also ein postmodernes, postnarratives Stück, postapocalypse now! Dabei – paradox – ist dieser hermetische Theaterabend bar jeder Sinnlichkeit so besoffen von sich und seinen Ideen, dass er gar nicht genug von sich kriegt.

Das neonfarbene Paar: Marta Kizyma und Christoph Radakovits mit Elisabeth Orth. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Und schwupps – Rokoko: Alina Fritsch, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt und Alina Fritsch als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und „Die von der Vorsehung Übersehene“. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In seiner sinfonie-Kakophonie verschränkt Köck im Wesentlichen zwei Handlungsstränge. Die Familiengeschichte. Gegenwart. Ein mittelständischer Kleingewerbetreibender, Autowerkstatt und Autoreifenverkauf, geht Pleite. Vorwürfe von der Frau, Kalmierungsversuche von der Großmutter. Man ergeht sich in großstädtisch-spätbürgerlichem Beziehungs-Kleinklein. Die Tochter wird später im prekären Ballettbetrieb versumpern, der Vater einen Schlaganfall erleiden.

Die Figuren sprechen von sich in der dritten Person, hart klingt das, sie erzählen von sich, statt auf- und miteinander zu (re)agieren; die fremde Haut, in die sie schlüpfen, sie soll den Schauspielern hier verfremdet bleiben. Elisabeth Orth, Peter Knaack, Katharina Lorenz und Aenne Schwarz bestreiten diesen Teil blut- und dreckverschmiert.

Handlung 2. Manaus zur Zeit des Kautschukbooms. Ende des 19. Jahrhunderts. Ein fiktiver deutscher Architekt namens Felix Nachtigall soll das Opernhaus Teatro Amazonas bauen. Im Gegensatz zu Fitzcarraldo ist er aber ein guter Mensch, und will die versklavten, gefolterten Indios vor den Kautschukbaronen retten (lesenswert und magenumdrehend dazu die Beiträge im Programmheft). Philipp Hauß gestaltet diese Rolle. Sylvie Rohrer wird als „der Entwicklungshelfer“ ausgewiesen, ist auf der Bühne aber tatsächlich eine hysterische Koloniallady, die um endlich ein bisschen Kultur in der Wildnis fleht.

So ziemlich allgegenwärtig in diesem Geduldsspiel sind, goldgesichtig, Sabine Haupt als „Die von der Prophezeiung Vergessene“ und Alina Fritsch als „Die von der Vorhersehung Übersehene“. Sie fügen zum Enigmatischen das Mythologische hinzu, changierend zwischen einem Dasein als Parzen und Wladimira und Estrella.

Gleich zu Beginn nimmt Haupt die Universumsperspektive ein. Schildert die Ausdehnung und den Zerfall der Sonne in Milliarden von Jahren, roter Riese, weißer Zwerg. Die Sonne wird die Erde erst verstrahlen, dann vergasen, sagt sie. Das ist Köcks „Poetik des Transvisuellen“, und die Bilder dazu sind diametral banal. Im Wesentlichen wird im Wortsinn im Gatsch gespielt. Die Flut hat ihre Schlammmassen hinterlassen.

Des Weiteren kommen vor: ein in Neonfarben gestrichenes Paar (Marta Kizyma und Christoph Radakovits), das sich wie wahnsinnig auf die nächste Finanzblase freut, drei Klischee-Schwarze, Nancy Mensah-Offei, Marie-Christiane Nishimwe und Sopranistin Bibiana Nwobilo, die eine Handvoll Arien zum Besten gibt, ein UNO-Soldat und Rokoko-Kostüme. Warum? Man weiß es nicht. Sven Dolinski, ausgestattet mit dem Mantra „Why Should I Want To Be In This Picture?“, Anna Sophie Krenn und Leonhard Hugger gehören ebenfalls zu diesem immer wieder über die Bühne driftenden Chor. Mittels ihm schiebt Köck auch noch zwischen die Szenen seine mäandernden Wortströme: „aber / es entsteigen der materialflut aufgescheuchte erinnerungen / ohne eigentümer“.

Philipp Hauß als Architekt mit Marie-Christiane Nishimwe, Nancy Mensah-Offei, Marta Kizyma (im Vordergrund) und Ensemble. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Köck hält die Überflutung des Theaters mit seinen Textmengen von Stück zu Stück konsequent durch. Er macht sie zu seinem ästhetischen, ja zum „politischen“ Prinzip, die Überforderung gleichsam zum Programm. Die Burgkräfte kann das freilich nicht wegschwemmen, so richtig mit Verve ist aber auch kaum einer bei der Sache.

Am ehesten schaffen es noch Peter Knaack als psychisch und ökonomisch an der mühsam errungenen Selbstständigkeit gescheiterter Vater und Philipp Hauß als Beobachter, wie der Reichtum Manaus in der abebbenden Konjunktur erst den Bach und dann den Amazonas runtergeht, ihren Rollen Seele einzuhauchen. Gemeinsam (obwohl nie zusammen in einer Szene) verkörpern sie eine in Alternativelosigkeit verfangene Gegenwart und jenen Imperfekt, der das angerichtet hat, was Status Quo ist.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2017

Volkstheater: Hangmen (Die Henker)

Januar 26, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Recht geht vom Pub aus

Alles beginnt mit der Frage, ob hier ein Unschuldiger gehenkt wurde: Sebastian Klein, Jürgen Weisert, Kaspar Locher, Mario Schober und Lukas Holzhausen. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Am Mittwoch, am Tag der Premiere, wurden in Kuwait erstmals nach vier Jahren wieder Menschen hingerichtet. In den USA wartet der Charleston-Killer auf seine Exekution. In der Türkei setzt Staatschef Erdoğan alles daran, die Todesstrafe wieder einzuführen. Es ist also ein hochaktuelles, ein brisantes Thema, dem sich das Volkstheater mit seiner jüngsten Premiere im Volx/Margareten widmet. Lukas Holzhausen, als Schauspieler eine erste Kraft am Haus, führt nach „Halbe Wahrheiten“ erneut Regie, diesmal bei der bitterbösen Komödie „Hangmen (Die Henker)“ des britischen Dramatikers Martin McDonagh, und er hat auch eine Hauptrolle übernommen.

Vergangenes Jahr in London uraufgeführt wurde die makabre Krimi-Groteske mit dem Laurence-Olivier-Award für das beste Stück ausgezeichnet. Zu Recht, wie sich nun bei der österreichischen Erstaufführung zeigt. In Holzhausens Händen funktioniert der britische Humor auch in deutschsprachiger Übersetzung formidabel. Der Abend ist so extra dry wie ein gut geschüttelter Martini, er bietet zweieinhalb Stunden beste Unterhaltung mit einem gut gelaunten, spielfreudigen Ensemble – und er ist tatsächlich sehr spannend.

McDonagh, in den 90er-Jahren als Wunderkind der In-Yer-Face-Bewegung gehypt, erweist sich auch im neuen Jahrtausend als Meister seines Fachs. Wann immer man glaubt, seinem Stück auf der Spur zu sein, macht er einen Twist und führt einen auf eine neue Fährte. Die Handlung der „Hangmen“ dockt an der Realität an. Es ist 1965 und es ist der Tag der Abschaffung der Todesstrafe in Großbritannien. Der letzte Henker des Landes, Harry Wade, betreibt im nordenglischen Oldham ein Pub, dort hält er Hof vor seinem versoffenen Fanklub, in diesem seltsamen Idyll, das er sich geschaffen hat. Der Frieden wird gestört, als auf einmal die Frage im Raum steht, ob ein gewisser James Hennessy vor zwei Jahren unschuldig gehenkt wurde. Er soll ein Mädchen ermordet haben, doch hatte er bis zum Schluss seine Unschuld beteuert. Die letzten Worte des Delinquenten waren ein Fluch, mit dem er Wade und seinen Assistenten Syd belegte.

Auftreten nun eben dieser Syd, der seinen ehemaligen Vorgesetzten vor einem mysteriösen Mann warnen will, ein neugieriger Lokalreporter, der eine heiße Story wittert, und jener bedrohlich wirkende Fremde, der aus seiner Abneigung gegenüber dem Wirt und seinen Stammgästen kein Hehl macht. Und dann ist plötzlich Wades Tochter Shirley verschwunden … Es ist ein hartgesottener Menschenschlag, den der Autor vorführt, eine letztlich feige Bande, die sich schwer entscheiden kann, ob sie Frauen, Fremde oder Schwule mehr verabscheut und gern beleidigende Witzchen über all die macht, die nicht in ihr kleingeistiges Weltbild passen.

Am Beispiel dieses Mikrokosmos zeigt McDonagh, wie es ist, wenn das Recht vom Pub ausgeht. Er hat der öffentlichen Meinung aufs Maul geschaut, den auch im Englischen gebräuchlichen Begriff „Volk“ kritisch unter die Lupe genommen, ergo übernimmt der Stammtisch bei ihm das Sagen. Die Schreihälse setzen sich durch und setzen schließlich auf Selbstjustiz, ein Fanal ihrer Unzufriedenheit mit der Politik und der Rechtsprechung, das dieser Tage seine Entsprechung in Demonstrationszügen findet, bei denen selbst gebastelte Galgen für verhasste Volksvertreter mitgeführt werden. Die „Hangmen“ beginnen und enden mit einer Hinrichtung. Holzhausen stellt das durchaus drastisch dar, diese Szenen fahren von einem Moment auf den anderen unter die Haut, schockieren mit einer atemraubenden Skrupellosigkeit, hatte man sich doch eben noch am Wortwitz und am skurrilen Spiel erfreut.

Auch diesmal hat Holzhausen präzise und prägnant gearbeitet. Er macht aus McDonaghs Figuren fein ziselierte Charaktere, jeder noch so kleinen Rolle – etwa Kaspar Locher als Hennessy – verleiht er mit seiner Inszenierung Profil; die Pointen sind auf den Punkt gesetzt, wenn sie wie lapidare Bemerkungen auf den Bühnenboden fallengelassen werden. Die Dialoge sind teilweise ungeheuerlich, etwa wenn das Hängen als humanste Tötungsmethode gepriesen wird, ist doch die Guillotine zu blutig und vor allem (!) zu Französisch und der elektrische Stuhl „Ami-Schwachsinn“. Wer will seine Verbrecher schon gebrutzelt wie ein Steak?

Henker und Pub-Besitzer Harry Wade mit seinem Fanklub: Mario Schober, Alfred Schibor, Jürgen Weisert, Lukas Holzhausen und Sebastian Klein. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein geheimnisvoller Eindringling stört die Kleinstadtruhe: Alfred Schibor, Rainer Galke, Jürgen Weisert und Mario Schober. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Ein gutes Dutzend Kollegen setzt der Regisseur in Szene und sie alle agieren ganz großartig. Holzhausen selbst ist als Harry Wade ein selbstgerechter Unsympath, ein eitler Zyniker, ein absolutistischer Herrscher in seinem bierdurchtränkten Reich, was nicht nur Steffi Krautz als seine desillusionierte, dem Gin verfallene Gattin Alice und Alina Schaller als motzige Tochter Shirley zu spüren bekommen, sondern auch die Pub-Besucher Jürgen Weisert, Alfred Schibor und Mario Schober. Sebastian Klein hütet als sinistrer Syd ein Sex-Geheimnis, Nils Rovira-Muñoz gestaltet den Journalisten als hin und her gerissen zwischen sensationsgeil und gerade noch ehrenhaft, Günter Wiederschwinger ist ein mitgefangener, mitgehangener Polizeiinspektor.

Vor allem aber brilliert Rainer Galke als seltsamer Eindringling Mooney. Wie er von hier auf jetzt von freundlich zu feindlich umschaltet, weist ihn als verdienten Nestroy-Preisträger in der Kategorie bester Schauspieler aus. Egal, wie leutselig dieser Mooney gerade ist, immer schwingt der Sarkasmus in Galkes Stimme mit, immer befeuert er die gegenseitigen Beschuldigungen mit seinen lächelnd vorgebrachten Provokationen, und als er sich endlich an Shirley heranmacht, hat sich das so amüsierte wie schockierte Publikum längst Gedanken darüber gemacht, welche Art Perverser dieser Mooney eigentlich ist. Eine Glanzleistung liefert zum Ende auch Michael Abendroth als Wades Henkerkonkurrent Albert Pierrepoint ab. Abendroth macht aus seinem kurzen Auftritt ein satirisches Kabinettstück über Arroganz und Anmaßung und die Frage, ob eine Gesellschaft das Recht hat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Albert Pierrepoint gab es wirklich. 1905 geboren entstammt er einer Henkerdynastie, trat in die Fußstapfen seines Vaters, richtete nach dem Zweiten Weltkrieg auch Nazis in Deutschland und in Österreich in der britisch besetzten Steiermark hin und wurde schließlich Pub-Besitzer. Der von ihm exekutierte Fall Timothy Evans trug zum Meinungsumschwung über die Todesstrafe in Großbritannien bei. Evans wurde für die Ermordung seiner Frau und Tochter gehenkt, eine Tat, die wie sich später herausstellte, sein Nachbar begangen hatte …

www.volkstheater.at

Wien, 26. 1. 2017

Kunsthaus Graz: Bittersüße Transformation

Mai 25, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Todes-Trieb und die Lust am Leib

Kateřina Vincourová, "From Inside Out", 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Kateřina Vincourová, „From Inside Out“, 2006, Courtesy der Künstlerin und Fait Gallery, Bild: Martin Polák

Es sieht aus, wie ein gequälter, weil überdehnter Leib und entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als mit Bällen gefüllte Korsagenskulptur. Eine Stehlampe leuchtet aus den Lippen, eine Torsohaut wird zur kaputten Hängematte. Es sind seltsame Objekte, die beim Presserundgang im Kunsthaus Graz zu entdecken sind.

Ab 26. Mai treten in der Ausstellung „Bittersüße Transformation“ drei Bildhauerinnen über Generationen hinweg in einen Dialog über den Körper als Material, die schaffende Hand und das darin eingebrannte historische und gesellschaftliche Erbe. Ausgangspunkt ist das Schaffen der Polin Alina Szapocznikow, die als eine der wegweisenden Bildhauerinnen der Nachkriegszeit gilt. Ihre experimentellen Plastiken aus unterschiedlichen Materialien stehen im Dialog mit den Werken einer jüngeren Künstlerinnen-Generation: Die aus Frankreich stammende Camille Henrot – seit der Verleihung des Silbernen Löwen der Biennale von Venedig 2013 einem größeren Publikum bekannt – widmet sich in ihren filmischen und grafischen Arbeiten dem von eifriger Neugier getriebenen Menschen des digitalen Zeitalters. Kateřina Vincourová aus Prag wiederum ist bekannt für ihre vom Feminismus inspirierten Arbeiten, die in einer forschenden Auseinandersetzung mit einer kapitalistischen Konsumhaltung entstehen.

Camille Henrot, "Faciathérapie (Mina Hebbaz)", aus: "Sculptures Massées", 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Camille Henrot, „Faciathérapie (Mina Hebbaz)“, aus: „Sculptures Massées“, 2011, Courtesy der Künstlerin und kamel mennour, Pairs, © ADAGP Camille Henrot / Bildrecht, Wien, 2016. Bild: Fabrice Seixas

Alina Szapocznikow, "Lampe-bouche" [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Alina Szapocznikow, „Lampe-bouche“ [Illuminated Lips], 1966, Privatsammlung Courtesy The Estate of Alina Szapocznikow / Piotr Stanisławski / Galerie Loevenbruck, Paris, © Bildrecht, Wien, 2016, Bild: Fabrice Gousset

Allen Arbeiten gemeinsam ist eine seltsame Erotik, sie wirken auf den Betrachter, als wäre der Todes-Trieb der Höhepunkt menschlicher Lust. Das verstört und lädt gerade deshalb zum näheren Hinschauen ein. Eine bemerkenswerte Schau. Eine Empfehlung.

www.museum-joanneum.at/kunsthaus-graz

Wien, 25. 5. 2016

Burgtheater: Wassa Schelesnowa

Oktober 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Kriegenburgs andere Art der Kapitalismuskritik

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel). Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Weil bereits viel bemurmelt, ein: Ja. Sie ist wieder einmal ein Star, die Bühne von Andreas Kriegenburg, diesmal eigentlich gestaltet von Harald B. Thor. Über den Kriegenburg-Stil zu schreiben, ist müßig, man sah von ihm schon Kafka an der Kletterwand oder davonrutschende „Diebe“, der Wirkungsästhet ist eben auch ein Wirkungsmechaniker, wie ihn die Süddeutsche einmal nannte. Auch diesmal ist die Spielfläche in Schieflage geraten, als ein an Seilen festgezurrtes Floß auf den wilden Wellen der Welt. Sie kippt den Darstellern im Verlauf der Handlung mehr und mehr unter den Füßen weg, steht am Ende fast senkrecht, lässt aber unter sich genug Platz um „die da oben“ zu belauschen und auszuspionieren. So viel zum Schauwert der Inszenierung.

Andreas Kriegburg zeigt am Burgtheater seine Interpretation von Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“. Direktorin Karin Bergmann lud den ehemaligen Klaus-Bachler’schen Hausregisseur zu dieser Arbeit ein; Kriegenburg, gebürtiger DDRler, der sich dereinst als Tischler am Magdeburger Gorki-Theater mit der Bühnenbegeisterung ansteckte, entschied sich für die 1910er Urfassung des Dramas, geschrieben unter dem Eindruck des St. Petersburger Blutsonntags und in der DDR eher ungern gesehen, in der weniger parteiideologisch zugespitzt als in der Version von 1935 die knallharte Ziegeleibesitzerin im Mittelpunkt steht. Sie ist mörderische Mutter und wildes Weib, eine, die alles unternehmen wird, um ihr Unternehmen zu retten. Nicht (nur) aus Selbstsucht, es gilt mit dem Familienbetrieb das Familienerbe zu bewahren.

„Wassa Schelesnowa“ ist derzeit groß in Mode, von Stephan Kimmig bis Dieter Giesing, von Berlin bis Hamburg, was sich versteht: Das Stück ist die ideale Folie für Kapitalismuskritik. Ein hippes Chromglasambiente, ein paar Designerklamotten – und schon ist man in einem kaltschnäuzigen Management-Heute, in dem Geld Gott ist und zwecks Gewinnmaximierung angebeten wird. Für einen wie Kriegenburg ist das Ausstellen fieser Finanzzombies freilich zu billig, er geht auf Risiko und hält seine Bilder in erstarrten, russischestheater Klischees fest. Von Samowar bis Sitzbank leidet hier alles an Tschechow’scher Schwermut, inklusive den obligaten Ausbrüchen in hysterischen Ennui oder in nervenflatternd-erotischen Irrsinn oder einer Bedrohung von unerwarteter Seite. Andrea Schraad hat ihre Kostüme dem angepasst, das Ensemble ist je nach sozialem Status von Schmutzigweiß bis Creme gewandet, einzig die aufmüpfige Tochter Anna geht in Zitronengelb. Kriegenburg macht so die Herr-Knecht-Verhältnisse klar. Das ist radikaler gedacht, als es aussieht. Eine subtilere Art der Kapitalismuskritik eben. Der Regisseur zeigt, wie privat Politik ist, zeigt eine von ihrer Zeit verhaftete Endzeitgesellschaft. Er hat mit stilsicherer Hand und viel Gefühl für Sprachtempo gleichsam inszeniert und choreografiert. Zweieinhalb Sternstunden lang kann man den ausgezeichneten Schauspielern bei der Arbeit zusehen. Bühnenbild hin oder her, die Burg hat ihre Stars und die verstehen ihre Handwerkskunst.

Allen voran Christiane von Poelnitz als Wassa. Sie ist die „Dulderin und Sünderin“, wie von Gorki erfunden, eine Queen über ihre Firma, eine gequälte und daher andere quälende Familienvorsitzende unter lauter antriebslosen Angehörigen. Ergo tut es ihr am Ende zwar schon um die verlorenen Seelen leid, aber: Wer nichts tut, gedeiht nicht; die upperclassige Kronosin frisst ihre Kinder. Christiane von Poelnitz ist selbst im ersten Schweigen und Leiden überlebensgroß, im späteren spinnenschnellen Zuschlagen sowieso. Andrea Wenzl, Martin Vischer und Tino Hillebrand bilden das Trio, das versucht gegen den Mutterwahn zu bestehen. Wunderbar, wie Wenzl erst zögert, dann erschauert, um sich schließlich in Wassas Pläne einbeziehen zu lassen. Vischers Semjon ist ein unnützer Schwätzer, seine Frau Natalja (Frida-Lovisa Hamann bleibt ein bisschen blass) geht mit ihrer Bigotterie allen auf den Senkel. Hillebrand pflegt als jüngerer Sohn Pawel einen Minderwertigkeitskomplex wegen seiner verpatzten Körperlichkeit, und heult Rotz und Wasser, weil seine junge Ehefrau Aenne Schwarz auf Onkel Prochors (Peter Knaack) Schoß Hühott-Pferdchen-reitet. Er wird einer von Lipa angezettelten Intrige zum Opfer fallen, Alina Fritsch erzählt lebhaft diese Dienstmädchen-Biografie. Sabine Haupt dient als entfernte Verwandte Dunjestschka abgeklärt, kalt und intrigant. Als letzter Mann muss auch Dietmar Königs schleimiger Gutsverwalter – und lange Zeit Wassas sexuelles Wärmekissen – Michailo Wassiljewitsch zu Grunde gehen.

Eine von vielen schönen Regieideen ist, wie Haupt und Fritsch anfangs Leintücher zusammenlegen, auf denen stummfilmspruchartig ihre Dialoge zu lesen sind. „Du Huhn!“ – „Oh je!“, steht da. Auch „Nur Geduld!“ Die haben die Frauen, bis das Patriarchat endlich ausgerottet ist. Dann bleibt eine Weiberwirtschaft in Formation Familienaufstellung zurück. Glücklich oder auch nur zufrieden ist hier keine(r). Außer das heftig applaudierende Publikum.

www.burgtheater.at

Ausstellungstipp: Kunstforum Wien: Liebe in Zeiten der Revolution. Künstlerpaare der russischen Avantgarde www.mottingers-meinung.at/?p=15325

Wien, 27. 10. 2015