Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Lady Macbeth

November 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Stoff, aus dem man Kinotragödien macht

Katherine (Florence Pugh) wird gegen ihren Willen verheiratet … Bild: Polyfilm

England, 1856. Die schöne Katherine wird mit einem verbitterten und deutlich älteren Mann verheiratet. Die Ehe ist herzlos, Sex nicht existent, der Schwiegervater betrachtet sie als unerwünschte Bürde. In diesem Umfeld vereinsamt die lebenshungrige junge Frau zusehends. Als ihr Mann zu einer längeren Reise aufbricht und sie allein zurücklässt, erwacht Katherine aus ihrer Lethargie.

Sie beginnt eine leidenschaftliche Affäre mit einem rebellischen Stallburschen und ist schon bald nicht mehr bereit, ihr neu gewonnenes Glück wieder loszulassen. Ihr Ehemann kehrt zurück und entdeckt das Geheimnis. Da wird Katherine zur eiskalten Mörderin nicht nur an ihm. Sie wird sich niemandem mehr unterwerfen und sie schreckt vor nichts zurück, um zu bekommen, was sie begehrt …

„Lady Macbeth“ heißt der Film von William Oldroyd, der am Freitag in die heimischen Kinos kommt. Der 37-Jährige, der sich in England bisher als Theater-Regisseur einen Namen gemacht hat, unter anderem mit Shakespeare-Inszenierungen, gibt damit sein Langfilm-Debüt. Das allerdings nichts mit dem britischen Barden zu tun hat. Nicht Shakespeare, nicht sein „schottisches Stück“, ist die Vorlage, sondern die russische Novelle „Die Lady Macbeth von Mzensk“ von Nikolai Leskov, bekannt geworden durch die danach entstandene, von Stalin als zu subversiv verbotene Oper von Dmitri Schostakowitsch (mehr darüber in Julian Barnes‘ „Der Lärm der Zeit“, Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25545).

… und tröstet sich zum Missfallen ihres Mädchens Anna (Naomi Ackie) mit dem Knecht Sebastian (Cosmo Jarvis). Bild: Polyfilm

Übertragen nach Großbritannien, erweitert um die Figur der Kammerzofe Anna und mit Anklängen an Emily Brontës Roman „Sturmhöhe“, ist Oldroyd und seiner Drehbuchautorin Alice Birch ein furioses, düsteres, dabei stilles Drama gelungen, das zeigt, wohin Lieblosigkeit hie und Leidenschaft da eine Frau führen können. „Lady Macbeth“ ist der Stoff, aus dem man Kinotragödien macht.

Wie Oldroyd gänzlich auf Musik und über weite Strecken auch auf Worte verzichtet, macht das Klima dieses Films aus, wird allerdings gesprochen, knallen die Dialoge wie Peitschenhiebe. Figuren werden vorgeführt wie Dekor, und emanzipieren sich.

In diesem Sinne trägt den Historienfilm die Hauptdarstellerin, die grandiose Florence Pugh als Katherine, mit ihrem roten Haar gleich einer wilden Rose. Wie sie sich mit stoischem Widerspruchsgeist und kaum Gestik langsam vom verschreckten Mädchen in eine grausame und skrupellose Rächerin verwandelt, die sogar Hand an ein Kind legt und ein verräterisches Pferd tötet,  ist sehenswert. Ihr Blick wird zusehends fest und unerschrocken, ihr Lächeln höhnisch. Pugh gibt den Blick frei in die Abgründe einer menschlichen Seele, wenn sie durch die trostlosen Räume, die leeren Gänge, die windige Szenerie wandert. Die Farben des Films sind gedeckt, so nebelig grau-braun und hoffnungslos wie die Menschen, die er transportiert. „Mein Vater hat dich gekauft, zusammen mit einem Stück Land, auf dem nicht mal eine Kuh grasen kann“, wirft Ehemann Alexander Katherine an den Kopf.

Paul Hilton gestaltet ihn voller Zweifel und düsterer Begierden, ein Mann der seinen Selbsthass an der Frau auslässt. Und damit seinen Untergang besiegelt. Denn in ihrem Wunsch nach Freiheit verliert Katherine jedes Maß und Ziel. Sie will nicht hübsch leiden, setzt sich auch nicht mit List und Tücke, sondern mit roher Gewalt zur Wehr. Beobachtet von Kammerzofe Anna, gespielt von Naomi Ackie, die ihre Herrin mit immer mehr Abscheu in den Augen beobachtet. Bemerkenswert, dass sich Alice Birch hier jeder Frauensolidarität verschließt, Katherine bietet sie, Anna nimmt sie nicht an, dabei wird auch die in diesem Haushalt gedemütigt, muss etwa einmal vorm Hausherrn wie ein Hund auf allen vieren kriechen. Vierter in diesem Unglücksbunde ist schließlich Cosmo Jarvis als Knecht Sebastian, auch ihn wird Katherine ausliefern, als ihr der Boden unter den Füßen brennt. „Eher möchte ich, dass du stirbst, als dass du meine Gefühle anzweifelst“, sagt sie einmal zu ihm …

Aus der unerfahrenen jungen Frau wird eine eiskalte Mörderin: Florence Pugh. Bild: Polyfilm

„Lady Macbeth“, dieses intime, mit starrer Kamera fotografierte Kammerspiel, ist ein gefährlicher Film. Er zieht den Betrachter mit seiner kargen und gerade deshalb seltsam opulenten Schönheit in seinen Bann. Lange, zu lange?, hat man Mitleid mit dieser Katherine, bis sie selbst das Blatt wendet. Florence Pugh ist eine Kinoentdeckung, von der man in nächster Zukunft hoffentlich noch viel hören und sehen wird.

Der zweite, dem man dies wünscht, ist Regisseur Oldroyd. Ihm ist ein hervorragendes Drama des jungen britischen Kinos gelungen, vordergründig hermetisch in der Welt des 19. Jahrhunderts verankert und doch so modern in den Mitteln, dass es in der Gegenwart berührt.

www.ladymacbeth-film.de

www.ladymacbethfilm.com

  1. 11. 2017

Staatsballett in der Volksoper: Die Schneekönigin

Dezember 4, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Corder treibt Andersens Märchen auf die Spitze

Olga Esina Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Olga Esina
Bild: Johannes Ifkovits/Volksoper Wien

Am 8. Dezember findet mit Michael Corders abendfüllendem Ballett „Die Schneekönigin“ die erste Saisonpremiere des Wiener Staatsballetts in der Volksoper statt. Mit seinem dreiaktigen Ballett, frei nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, stellt sich der Londoner Regisseur und Choreograph nicht zuletzt auf Grund seiner Musikauswahl – Sergej Prokofjews letzte Ballettmusik „Die steinerne Blume“ und weitere Werke, neu arrangiert von Julian Philips – ganz in die „russisch-britische“ Entwicklungslinie des Handlungsballetts und legt einen Märchentanz vor, der sich vergleichbar dem „Nussknacker“ und dabei vor allem mit seiner beherzigenswerten Botschaft gleichermaßen an Jung wie Alt wendet: Die berührende Geschichte von Gerda und Kay feiert die Liebe als Lebenskraft, die wegen ihrer Beständigkeit und verbunden mit der mitfühlenden Gabe zu verzeihen, über die selbstsüchtige Schneekönigin triumphiert.

„Ich denke meine Produktion ist sehr opulent. Sie führt uns von Kays Dorf über die Zigeuner- bis in eine magische Welt,“ sagt Corder, der Spezialist für Ballette im klassischen Stil, im Interview. „Es wird mit Sicherheit keine Zweifel daran geben, dass die Zuschauer ein Tanzspektakel erleben werden.“ Eineinhalb Jahre hat Corder an der Umsetzung seiner ihn schon ein halbes Leben lang begleitenden Idee gearbeitet. Nun freut er sich zum ersten Mal in Wien zu sein: „Weil Wien eine der wichtigsten Kulturhauptstädte der Welt ist, und weil das Publikum hier virtuosen Tanz zu schätzen weiß.“ Die Schneekönigin ist für ihn „eine aufregende und erotische Frau, aber auch der Tod – wie es der Winter eben ist: in Momenten schön, in anderen aber gefährlich. Simpler gesagt, wer Eislaufen gehen will, muss sich warm anziehen,“ lacht Corder.

Die detailreiche Ausstattung des Ballettabends, darunter der bezaubernde Eispalast, stammt von Mark Bailey. Es dirigiert Martin Yates; es tanzen Olga Esina/Schneekönigin, Davide Dato/Kay, Alice Firenze/Gerda, Ketevan Papava/Zigeunerin und Mihail Sosnovschi/Zigeuner.

www.wiener-staatsballett.at

www.volksoper.at

Wien, 4. 12. 2015

Schubert Theater: Alice

Oktober 21, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Figurentheater für Erwachsene nach Lewis Carroll

Bild: Schubert Theater

Bild: Schubert Theater

Lewis Carrolls zeitlose Nonsense Romane bilden die Grundlage für die neue Figurentheater Produktion des Schubert Theaters. Folgen Sie ab 23. Oktober Alice in die Abgründe des Kaninchenbaus. Eine Reise in die Tiefen einer Kinderseele, die in einer Welt voller merkwürdiger Regeln immer wieder versucht, den Sinn herauszufinden. Eine Welt die nicht verstanden werden kann. Öffnen Sie die Tür in eine Welt voller Paradoxa und Absurditäten, Traum und Albtraum zugleich.

In der Regie von Simon Meusburger spielen Franziska Singer, Manuela Linshalm, Christoph Hackenberg, Tine Hagemann und Andrea Köhler in dieser radikalen Version von Alice im Wunderland.

Puppendesign: Claudia Six

Puppenbau: Claudia Six und Lisa Zingerle

Kostüm: Lisa Zingerle

Animation: Karoline Riha

Bühne: Max Mackinger

Alice: Franziska Singer

Puppenspieler: Manuela Linshalm, Christoph Hackenberg, Tine Hagemann, Andrea Köhler

Buch und Regie: Simon Meusburger

http://schuberttheater.at

Wien, 21. 10.2014

Dany Boon: Super-Hypochonder

April 10, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wehwehchen kommt selten allein

Dr. Dimitri Zvenka (Kad Merad), Romain Faubert (Dany Boon) Bild: Prokino

Dr. Dimitri Zvenka (Kad Merad), Romain Faubert (Dany Boon)
Bild: Prokino

Lachen bis der Arzt kommt. Frankreichs Superstar Dany Boon ist nach „Willkommen bei den Sch’tiis“ wieder ein ganz großer Film gelungen. Nur führt er diesmal nicht eine, seine Nation vor, sondern eigentlich uns alle. Dany Boon präsentiert eine romantische Farce vollgestopft mit Action rund um die Angst vor Krankheit beziehungsweise der Angst vor den eigenen Mitmenschen. Der Film ist gut geschrieben und gut inszeniert. Die Schauspieler sind exzellent in Szene gesetzt – vor allem Dany Boon selber und Publikumsliebling Kad Merad, aber auch die eigentliche Entdeckung des Casts: Alice Pol. Der Filmemacher präsentiert sich auf der Höhe seiner Kunst, wenn er sich mit viel Selbstironie über seine eigenen Neurosen lustig macht. Ein Witz jagt den nächsten, und sein burleskes Zusammenspiel mit Merad stellt ein gut getimtes Gegengewicht zum Ernst der angesprochenen Themen dar.

Der Inhalt: Für Romain Faubert (Boon) ist die Welt ein Ort voll bösartiger Bazillen, die an jeder Ecke lauern und nur darauf warten, seinen Körper mit unaussprechlichen Krankheiten zu infizieren. Faubert ist ein wahrer Hypochonder und Neurotiker – und ziemlich allein. Mit seinen 39 Jahren hat er weder Frau noch Kind, und sein einziger Freund ist sein Arzt Dr. Dimitri Zvenka (Merad), der den fatalen Fehler gemacht hat, Romain in sein Herz zu schließen . Eine Tatsache, die er mittlerweile bitter bereut. Romains Ängste, Neurosen und Phobien enden Mal um Mal in einer großen Katastrophe. Um seinen „Lieblingspatienten“ loszuwerden, heckt Dimitri einen Plan aus: Er hilft Romain dabei, endlich die Frau seiner Träume zu finden. Bei diesem Vorhaben lässt er nichts unversucht – er lädt ihn zu Partys ein, meldet ihn bei einer Singlebörse an und zeigt ihm, wie man eine Frau verführt. Doch die Frau, die sich in Romain verliebt und ihn so nimmt, wie er ist, muss scheinbar noch geboren werden. Da greift Dimitri zu einem letzten Mittel: „Schocktherapie“. Romain soll ihn bei einer Hilfsaktion in der Bananenrepublik Tscherkistan unterstützen. Als der eingebildete Kranke dabei mit dem Revoluzzer eines kleinen Landes irgendwo im Wilden Osten verwechselt wird, verliebt sich ausgerechnet Dimitris Schwester Anna (Pol) in ihn. Und schon nimmt das Unheil seinen Lauf…

Ein Gespräch mit Dany Boon

Lassen Sie uns doch die Wahrheit sprechen Der Super-Hypochonder, das sind doch im Grunde Sie selbst, nicht wahr? Dany Boon: Das Thema der Hypochondrie geht mir in der Tat ziemlich nahe. Da ich mich mittlerweile in einem Alter befinde, in dem ich für meine Handlungen und Neurosen selbst verantwortlich bin, muss ich mir – wie viele andere Künstler und Entertainer – eingestehen, dass mir die Vorstellung von Krankheit Angst einjagt. Sobald ich auch nur das geringste Symptom aufweise, bin ich überzeugt, dass es extrem schwerwiegend und nicht heilbar sein könnte: Bei 38,5 Grad Körpertemperatur liege ich im Sterben. Ich telefoniere deshalb regelmäßig mit meinem Arzt. Er heißt Roland – er hat übrigens einen Auftritt im Film – und ist nach 20 Jahren ein Freund geworden. Ich gebe zu, dass ich die Telefonnummer seiner Praxis auswendig weiß, und gestehe, dass ich sogar seine Privatnummer besitze, die stets auf meinem Nachttisch bereit liegt. Er hat es schon oft bereut, dass er sie mir verraten hat. Aber jetzt mal ernsthaft: Meine Hypochondrie ist eine Krankheit, die mein Umfeld, meine Frau und meine Kinder nur schwer ertragen. Ich achte daher dermaßen gut darauf auf, nicht krank zu werden, dass ich meine ganze Lebensweise geändert habe: Ich treibe sehr viel Sport, ich achte auf eine ausgewogene Ernährung. Was übrigens wieder andere Neurosen weckt, weil ich plötzlich an meine Eltern denke, die stets immer nur die günstigsten Lebensmittel gekauft haben.

Ist der Film ein Mittel, sich Ihre Hypochondrie aus zutreiben?
Boon: Es steckt zunächst einmal die Idee dahinter, sich mithilfe von sehr viel Selbstironie darüber lustig zu machen. Man bringt andere immer am besten zum Lachen, wenn man sich selbst lächerlich macht. Je ehrlicher und persönlicher die Geschichte ist, desto stärker wirken die komödiantischen Szenen und desto weiter kann man den Wahnsinn und die Verrücktheit treiben. Wie im Film öffne ich selbst Türen mit dem Ellenbogen, und ich wasche mir immer die Hände, nachdem ich die Zahlenkombination auf dem elektronischen Türschloss gedrückt habe. Ich glaube, ich würde es vorziehen, eine Treppe hinunterzustürz en, als mich am Geländer festzuhalten.
Der Film behandelt auch den sehr aktuellen Trend zur Selbstdiagnose via Internet.

Boon: Es genügt, ein Schlagwort bei Google einzugeben, und schon findet man Bilder und Beschreibungen von der Krankheit, an der man zu leiden glaubt. In den verschiedenen Foren finden sich absolut dramatische und verblüffende Erfahrungsberichte und Aussagen. Mein lieber Freund und Allgemeinarzt hat mir erzählt, dass es heute selbst auf Mediziner-Konferenzen Debatten zum Thema Selbstdiagnose gibt. Die Ärzte müssen inzwischen mit Patienten fertig werden, die nicht mehr nur mit einem Leiden zu ihnen kommen, sondern bereits mit einer Diagnose.
Der Film dreht sich nicht nur ums Thema der Hypochondrie, sondern greift auch andere Themen auf – wie die Frage nach Identität oder Beziehungen zwischen Mann und Frau …
Boon: Deshalb hat die Ausarbeitung des Projekts auch mehr Zeit in Anspruch genommen. Hypochondrie ist für sich genommen kein Thema für eine Komödie, weil sie Vorstellungen und Figuren allzu negativ herausstellt, und die Möglichkeiten sind sehr beschränkt. Meine Idee war also zu zeigen, wie ein Hypochonder lebt, festgemacht daran, was es für meine Frau oder meine Mutter bedeutet, mit einem Hypochonder zusammenzuleben. Mir war es wichtig zu zeigen, wie schwierig es für einen Typen wie Romain ist, der noch dazu als Fotograf für Medizinlexika arbeitet, Beziehungen mit anderen Menschen aufzubauen. Grundsätzlich ist die Hypochondrie ein sehr bürgerliches Phänomen, weil man für seine Leiden die nötige Zeit und das nötige Kleingeld haben muss. Kurzum, mich hat interessiert, wie dieser Kerl trotz seiner Neurosen die Liebe findet. Hier kommt die Figur von Kad ins Spiel. Romain denkt zu Unrecht, dass Dimitri sein bester Freund sei. Aber Dimitri denkt nur daran, wie er für Romain die passende Frau finden kann, damit er von ihm befreit ist und es ihm endlich besser geht. Von daher behandelt der Film nicht nur die Krankheit, sondern es geht auch um die Suche nach Liebe und das Bild, das Frauen von Männern haben. Von diesem Moment an und mithilfe der Nebenhandlung, die die Revolution in Tscherkistan thematisiert, kann sich Romain als Held stilisieren – und das wiederum gibt ihm Bestätigung im wahren Leben. Nebenher ändert er auch das Leben von Anna, die sich in ihrer Ehe und in ihrem Alltag langweilt. Sie verfällt dem Charme dieses „Helden“, der sie an ihre Wurzeln erinnert und wieder mit ihrer slawischen Identität in Berührung bringt. Manchmal habe ich sogar während des Drehs noch Dinge geändert, wie etwa die Szene zwischen Alice und mir, als sie nur noch auf Tscherkistanisch mit mir sprechen will. All das führte übrigens noch zu einem Szenario, das sich ziemlich in die Länge zog, und wir haben Sachen gedreht, die dann doch wieder rausgeflogen sind.

Was die Form des Films anbelangt, gibt es natürlich Szenen reinster Komödie, wie Sie es seit Langem meisterlich beherrschen. Allerdings erwartet Sie das Publikum vielleicht eher weniger in den Bereichen der Romantik oder Action. Doch auch hier beweisen Sie ein gutes Händchen als Regisseur.
Boon: Ich nehme das als Kompliment. Ich wollte meine Hauptfigur in Situationen führen, die sie zur Veränderung zwingen – und das passiert mithilfe verschiedener Genres. Das war nicht immer einfach. Ich habe Monate damit zugebracht. Für die spektakuläreren Szenen haben wir viel vorab gearbeitet, auch mit Storyboards, wie etwa bei der Szene eines Gefängnisangriffs. Unseren Dreharbeiten in Ungarn gingen monatelange Drehortbesichtigungen und Castingtermine voraus, weil ich „echte Slawengesich ter“ haben wollte.
Hat es Ihnen Spaß gemacht, die Actionszenen zu drehen?
Boon: Aber ja, ich habe es genossen! Wir hatten eine Woche dafür Zeit, haben  in einem ehemaligen Atomschutzraum gedreht, der während der Sowjetära gebaut worden war und sich in einem Teil von Budapest befindet, einer unglaublichen Stadt, in der es nur Fabriken gibt, in denen rund um die Uhr gearbeitet wird. An dieser Stelle muss ich die Kameraarbeit von Romain Winding huldigen, der mir bei „Leb wohl, meine Königin!“ von Benoît Jacquot aufgefallen war und eine fantastische Arbeit geleistet hat.
Eine Herausforderung  bestand sicher darin, die Erwartung des Publikums nicht zu enttäuschen, weil Sie wieder mit Kad Merad, mit dem Sie schon bei „Willkommen bei den Sch’tiis“gearbeitet haben, vor der Kamera stehen.
Boon: Sicherlich. Und ich kann Ihnen sagen, das war ein echtes Wiedersehen! Ich hatte schon vergessen, wie großartig es ist, mit Kad vor der Kamera zu stehen und wie selbstverständlich unser Zusammenspiel funktioniert. Er ist ein exzellenter Komödiant, und ich liebe es, ihn zu inszenieren und noch mehr, ihn ein wenig zu martern. Gleich bei den ersten gemeins amen Szenen habe ich diese Zusammengehörigkeit zwischen uns verspürt – das war wieder ganz offensichtlich. Wir mussten darauf achten, dass wir uns nicht wiederholen, man muss seine Figuren vielmehr ganz leibhaftig zum Leben erwecken, damit es erneut auf der Leinwand funktioniert. Es soll ja nicht der Eindruck entstehen, die Beziehung zwischen Dimitri und Romain basiere auf einer latenten Homosexualität.


Alle Schauspieler, egal ob wir von den Stars oder den Statisten sprechen, haben die extreme Aufmerksamkeit betont, die Sie ihnen entgegenbringen.

Boon: Das finde ich einfach wichtig. Ich finde es unerträglich, wenn Figuren, die weniger im Vordergrund stehen oder weniger wichtig sind, vernachlässigt werden oder gar schlecht wegkommen im Film. Das wirft mich aus der Geschichte raus. Ich will keine Pappkameraden sehen.
Jeder Ihrer Filme wird aufgrund des Erfolgs des jeweils vorangegangenen mit großer Spannung erwartet. Erzeugt das Druck?
Boon: Ich gehe von dem Prinzip aus, dass ein Film so viele Zuschauer bekommt, wie er verdient hat. Der „Super-Hypochonder“ wird also das Leben haben, das er haben soll. Diesen Druck kenne ich seit den „Sch’tis“ – aber er hat mich nie daran gehindert, mich frei und glücklich zu fühlen bei dem, was ich tue. Mein Hauptziel ist, die Leute zum Lachen zu bringen und mein Publikum gut zu unterhalten.Das Wichtigste ist immer die Beziehung zum Publikum.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=oWIknA_XHyI

Wien, 10. 4. 2014