Werk X: Geschichten aus dem Wiener Wald

Oktober 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sportgymnastik mit Fascesbündeln

Die deutsch-afrikanischen Performer Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, Annick Prisca Agbadou, Hauke Heumann und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Dass Faschisten den Antifaschisten dieser Tage Faschismus vorwerfen, hält Hauke Heumann für eine beängstigende Skurrilität. Und während der Performer im Weiteren und mit Verweis auf aktuelle Vorkommnisse, Walter Lübcke und NPD-Stephan E., Halle und Stephan B., gelöschte Akten beim Verfassungsschutz, NSU, Beate Zschäpe und keine Suche nach etwaigen Unterstützern im Hintergrund, Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ ins Heute fortentwickelt, hat sich Annick

Prisca Agbadou einen Kittel mit Qualtinger-Prints übergeworfen, fungiert Gotta Depri längst als Lederhosenträger. Heimatkitsch trifft auf Kritik an ebendieser, und die Frage ist, wie viel faschistoide Tendenzen in diesem abgegriffenen Begriff stecken. Die sich diese stellen, sind das Künstlerkollektiv Gintersdorfer/Klaßen, Monika Gintersdorfer, Knut Klaßen und neben den bereits erwähnten Akteuren noch Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star, die im Werk X ihre Version des „Wiener Volksstück gegen das Wiener Volksstück“ (© Erich Kästner) zur Aufführung bringen. Dies mit den bewährten Methoden der deutsch-afrikanischen Truppe an ihrer einmaligen Schnittmenge von Drama und Tanz, Theater und Coupé Décalé, letzteres ein Musikstil von der Côte d’Ivoire, woher drei der Auftretenden stammen.

Ihr transkulturelles Konzept haben Gintersdorfer/Klaßen diesmal um die Musiker Der Nino aus Wien und Partnerin Natalie Ofenböck erweitert, für beide ist es die erste Theaterarbeit, in der sie nicht nur selbst komponierte Songs, teilweise nach Horváth-Originaltexten oder Ernst Arnolds „Draußen in der Wachau“ singen, sondern auch aus dieser Rolle treten, um eine auf der Spielfläche zu verkörpern. Die – auch im soziologischen Sinne – Struktur des Ganzen ist die Nacherzählung. Konkret geschieht’s da beispielsweise, dass Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star etwas auf Französisch berichtet, und wie er wichtig vor dem Publikum auf- und abstapft und dabei ausladend gestikuliert, folgt ihm Hauke Heumann in gleichem Schritt und Geste.

Heumanns Live-Übersetzungen sind sozusagen ein Gintersdorfer/Klaßen’sches Stilmittel, sein Nachhaken, Andersformulieren, Auslassen der Reibungskoeffizient zwischen den Ausdrucksformen, zwischen Charakter und Darsteller, zwischen Verstehen und Verhandeln. Heumanns Anmerkungen zur gezeigten Horváth-Interpretation, zu Stückinhalt und Inszenierungsweise ist die Inszenierung. Erklärt also Yao die Figur eines jungen, gut angezogenen Manns, konkretisiert ihn Heumann als Alfred, und stellt Der Nino lapidar fest: „Strizzi halt.“

Tanz den Horváth! Annick Prisca Agbadou, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star und Gotta Depri. Bild: © Alexander Gotter

Pervertierung der Sportgymnastik: Depri, Yao, Heumann und Agbadou beim Turnen mit den Fasces. Bild: © Alexander Gotter

Wie Afrika als Fundament unterm „Wiener Wald“ liegt, so die Kommentare vom Nino als komödiantisch-sarkastische Folie darüber. „Difficile est satiram non scribere“, bemerkt Der Nino dazu. Aus der Beschreibung wird allmählich Darstellung, Szene um Szene schält sich aus dem Geschilderten. Yao kriecht als – böse, man weiß es – Großmutter wie eine Spinne über den Boden und kreischt gellend nach der sauren Milch. Agbadou macht die Marianne, Yao als Rittmeister einen Rückwärtssalto, Depri tritt als wuchtiger Zauberkönig auf.

Yao protestiert, geriert sich als großer Schauspieler und will zum Gaudium der Zuschauer sofort alle Rollen übernehmen. Depri und Yao schwärmen von der Valerie als selbstbewusster Frau, die Witwe sei ihre Lieblingsfigur, so die beiden, die „Draffiggantin“ führt Der Nino im Depressiv-Dialekt aus, weil sie eine ist, die sich nimmt, was sie braucht. Heißt: Sex. Und apropos: Später im Maxim wird Heumann mitteilen, dass auf Valeries hysterische Anfälle hier verzichtet wird: „Die Frauenschreie müssen wir auslassen, wir machen nicht so psychologisches Theater“, sagt er heiter entschuldigend.

In dieser Ansage über Verfremdung liegt ein tieferes Verständnis für Horváth, trotz oder eben gerade wegen der Anti-Einstellung des Abends – anti- psychologischer Annäherung, anti- kathartischem Effekt, anti- sogar Exzess. Wer wen oder über wen spricht, ändert sich ständig. Der Text durchläuft das Ensemble. Das uneigentliche Sprechen der Horváth’schen Figuren erfindet sich bei Gintersdorfer/Klaßen solcherart neu und aufs Extrem zugespitzt. Über den grotesk energischen Studenten Erich, dieser ein Vorbote des Nationalsozialismus, er laut Heumann die Repräsentationsfigur Deutschlands, kommt der zum eingangs beschriebenen Exkurs.

Und zur Rhythmischen Sportgymnastik als Kern der Gintersdorfer/Klaßen-Arbeit. Ausgehend von Mariannes Wunsch, diese einmal zu studieren, und der Pervertierung desselben, wenn sie am Ende ihres Weges als Nackttänzerin strippt, befasst sich die Gruppe sowohl mit den Theorien eines Émile Jaques-Dalcrozes, der durch die Gymnastik die Gesellschaft von ihren Zwängen befreit wissen wollte, als auch mit der Förderung der „organischen Volksgemeinschaft“ im Dritten Reich.

Neue Wienerlieder nach Horváth-Texten: Yao, Der Nino aus Wien, Heumann, Natalie Ofenböck im Spiegel und Depri. Bild: © Alexander Gotter

Qualtingerkittel trifft auf Lederhosenträger: Annick Prisca Agbadou und Gotta Depri, hinten: Natalie Ofenböck. Bild: © Alexander Gotter

In ihren „Geschichten aus dem Wiener Wald“ bewegen sich die Performer permanent im Raum, nach Art der Turnsportchoreografien vollführen sie Tanzschritte und Sprünge, „verbiegen“ sich im Wortsinn und in politischem, und verwenden als „Gerät“ schließlich schwarze Fasces, die Rutenbündel der italienischen Faschisten, übernommen von den Römern als äußeres Attribut der Herrschergewalt. Ein krasses Bild, wie die körperliche Offenbarung der Seele in Riefenstahl-Optik versinkt, wie Freikörperkultur und Reformpädagogik in NSDAP’sche Zucht und Ordnung kippen. Derart geben einem Gintersdorfer/Klaßen kaltwarm.

Auf eine großartige Szene an der schönen blauen Donau, wo Heumann als Valerie beim Umziehen von Alfred, vom Zauberkönig und von Erich bespechtelt wird, folgt die „pikante“, in Wahrheit brutale im Nachtclub, Der Nino aus Wien und Natalie Ofenböck singen „Jeder hat einen Traum, aber wahr wird er kaum“. Beim Heurigen zeigen die alsbaldigen Herrenmenschen im Spiegel ihre Fratzen, und drehen diesen natürlich genüsslich Richtung Zuschauertribüne. Wie’s für die Marianne ausgeht, ist bekannt, und als abschließendes Lied erklingt Oskars Verlobungsfeierdrohung: „Du wirst meiner Liebe nicht entgehen …“

Fazit: Diese zugleich Innenschau- wie Außenblickproduktion, die eine schon wieder nach rechts schunkelnde Gesellschaft in ihrer volksdümmlichen Gemütlichkeit und ihrem entmenschten Ausgrenzertum aufs Korn nimmt, ist eine der hervorragendsten, die das Werk X bis dato geboten hat. Ein würdiger Auftakt der unter dem Spielzeitmotto „Heimat und Arschloch“ stehenden Saison, der mit Bravour abgeschlossene Beweis, dass weder „Vaterland“ noch „Muttersprache“, sondern nur Individualität Identität erschafft.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=deXvxHFhwbY                werk-x.at           www.gintersdorferklassen.org

  1. 10. 2019

John Banville/Benjamin Black: Alchimie einer Mordnacht

Oktober 27, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

In Prag geht ein perverser Mörder um

Vom deutschsprachigen Titel darf man sich nicht abschrecken lassen, im Original heißt das Buch „Wolf On A String“, dies einerseits als „Wolfston“ der heulende, flackernde Laut, den Streichinstrumente beim Spielen einer bestimmten Note machen, und der mit einer gewissen Schenke zu tun haben wird; andererseits wird sich im Verlauf der Ereignisse natürlich entschlüsseln, wer da als bestialisch mordendes Untier gleich einem Lykanthropen nächtens durch Prag schleicht.

John Banville hat unter seinem Krimi-Pseudonym Benjamin Black diesmal einen historischen Roman verfasst. Zwar wird an Leichen, Menschen wie Haustieren, nicht gespart, und doch besticht „Alchimie einer Mordnacht“ nicht in erster Linie durch eine Whodunit-Handlung, sondern durch das meisterliche Heraufbeschwören der Stadt an der Moldau um die Jahrhundertwende 1599/1600. Alles ist hier sinister und Unheil verheißend, allmächtig der Aberglaube, jeder setzt hier auf Maskierung und Verschleierungstaktik.

Black malt ein so düsteres Sprach- wie Sittengemälde, seine überbordende Erzählung strotzt vor blumigen Bildern, Beispiel: „Der Tisch war leer und glänzte auf eine seltsame Art unheilvoll, die großen Stühle standen reglos da, und doch schienen sie gespannt auf etwas zu warten, wie sprungbereite Jagdhunde auf den Pfiff ihres Herrn“, und kuriosen Charakteren. Ein Panoptikum an Alchemisten und Mystikern, Naturphilosophen und Astronomen bevölkert die Seiten, Tycho Brahe und Johannes Keppler haben selbstverständlich ihren Platz, aber auch der britische „Hexenmeister“ Edward Kelley und dessen Stieftochter Elizabeth Jane Weston werden wichtige Rollen spielen.

Unters Verbriefte mischt Black frei Erfundenes. Und so gelangt der junge Christian Stern, Bastard des Bischofs von Regensburg, nach Prag, in der Hoffnung, am Hof des exzentrischen und vom Okkultismus besessenen Habsburgers Rudolf II. Karriere zu machen. In seiner ersten – durchzechten – Nacht findet Stern im Schnee eine ziemlich übel zugerichtete Mädchenleiche, Magdalena, Tochter des Leibarztes Seiner Kaiserlichen Majestät, Ulrich Kroll. Erst verdächtigt und in den Gefängnisturm verbracht, wird Stern von Rudolf bald als Ermittler im Mordfall auserkoren, war die 16-Jährige doch des Herrschers „jüngstes Spielzeug“. Ihm vom Vater höchstpersönlich ins Bett gelegt. Doch da gab es auch einen Verlobten, und der ist nun logischerweise Hauptverdächtiger – bis sein zu Tode gefolterter Körper aus dem Fluss gefischt wird.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Black konfrontiert seinen Protagonisten nun mit der Phantasmagorie, der paranoid intriganten Welt des Hofes, die Höflinge allesamt von „nervöser Wachsamkeit“, und Stern, der als gealterter Mann und über die Distanz des Dreißigjährigen Krieges von seinem Prager Abenteuer berichtet, gesteht dem Leser ein, er hätte sich viel Kummer erspart, „hätte ich aufmerksamer darauf geachtet, was um mich herum in stillen Ecken und hinter halb geschlossenen Türen gesagt wurde“. So aber lässt er sich bedrohen, beunruhigen, beschwichtigen, wird, sagt er selber, zum „Spielzeug diverser Spaßvögel“.

Als da wären der misstrauische Hofmeister Felix Wenzel und der geschmeidige Kammerherr Philipp Lang, dieser konvertierter Jude und ebenfalls ein Geliebter des bisexuellen Rudolf, der elegante, hochnäsige Zwerg Jeppe Schenckel, der gönnerhafte Girolamo Malaspina, Nuntius des Heiligen Vaters in Rom, Rudolfs offizielle Mätresse und Mutter seiner sechs Kinder, Caterina Sardo, eigentlich Katharina Strada, eine „bleiche, weichhäutige Puppe, mit der zu viel gespielt worden war“ und mit der Christian Stern trotz besseren Wissens und ihrer „amüsierten Verachtung“ für ihn eine Affäre beginnt, und Rudolfs und Caterinas ältester Sohn Don Giulio d’Austria – über den in den Geschichtsbüchern nachzulesen sich lohnt.

Lange bleibt es Stern, und mit ihm dem Leser, rätselhaft, wer da mit wem Allianzen bildet, wer da mit wem in Gegnerschaft steht. Klar ist ihm nur, dass er sich zum eigenen Überleben für eine Seite entscheiden wird müssen, doch welche sind da überhaupt? Keine erscheint weniger gefährlich und mächtig als die andere. Dazu sitzt Caterina im Wortsinn wie ein Sukkubus auf Stern. „Wahnsinn! Wahnsinn, Begehren und angsterfüllte Wonne: Darin lag mein Problem“, weiß er. Und sagt beinah prophetisch an anderer Stelle: „Wir leben in der Überzeugung, dass wir in Sicherheit sind, dass das Eis unter uns nicht brechen wird, dass der Blitz den Baum nicht trifft, unter dem wir uns vor dem Unwetter schützen, dass die Tür nicht aufspringt und die Soldaten nicht die Treppe hinaufstapfen, um uns aus dem Bett zu zerren. Doch in unserem tiefsten Inneren wissen wir, dass das alles nur ein Irrglaube ist …“

Dass Blacks kunstvoll geknüpfte Verstrickungen – dies ein kleiner Spoiler – schlussendlich nach mehr als einem Täter und mehr als einem Motiv, sie reichen von Eifersucht bis zur staatspolitischen Angelegenheit, verlangen, ist klar. „Alchimie einer Mordnacht“ braucht zwar ein wenig, bis es in Schwung kommt, doch dann ist es ein wahrer Pageturner. Ein spannendes, historisch kenntnisreiches Lesevergnügen, mit dem John Banville einmal mehr beweist, dass er als Benjamin Black auch Krimiliteratur zu Gold veredeln kann.

Über den Autor: John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen literarischen Autoren. Sein umfangreiches Werk wurde mehrfach, auch international, ausgezeichnet, zuletzt mit dem Franz-Kafka-Literaturpreis, dem Man Booker Prize für „Die See“ und 2013 mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Banville lebt und arbeitet in Dublin und schreibt unter dem Pseudonym Benjamin Black Krimis und Thriller. Diese Geschichten spielen größtenteils im Irland der 1950er-Jahre, rund um den Pathologen und nicht immer trockenen Alkoholiker Quirke. Lediglich der Thriller „Der Lemur“ ist im New York der Gegenwart angesiedelt. Und auch Blacks letzter Krimi-Noir „Die Blonde mit den schwarzen Augen“ weicht von dieser Regel ab: Er ereignet sich in Kalifornien, und der ermittelnde Privatdetektiv ist die berühmte Figur des Schriftstellers Raymond Chandler – Philip Marlowe.

Kiepenheuer und Witsch, John Banville alias Benjamin Black: „Alchimie einer Mordnacht“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Elke Link.

www.benjaminblackbooks.com

www.kiwi-verlag.de

  1. 10. 2018