Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erglimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Rabenhof: Vatermord

Dezember 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Genüsslich gespielter Generationskonflikt

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

„Der Oide“ verspätet sich. Nicht zufällig, der Junior hat ihn nämlich absichtlich ins falsche Theater geschickt. Das lässt ihm Zeit, das Publikum auf die Ankunft des Papas vorzubereiten, dieser einst Theater- und Filmstar, jetzt hauptsächlich ein in seiner Villa versauernder Fernsehzuschauer – und, sagt der Sohn, schon ein bissl versulzt. Um die grauen Zellen wieder auf Vordermann zu bringen, soll dem Vater nun zum Revival verholfen werden. Im Rabenhof, und so beginnt dort der Abend „Vatermord“.

In dem Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein erstmals gemeinsam auf der Bühne stehen. Vor zwei Jahren verriet Stein in einem Gespräch (www.mottingers-meinung.at/?p=17699), dass man zusammen an einem Programm tüftle. Da probierte er sich gerade als Kabarettist neu aus, nun ist es also unter der Mitautorenschaft von Alfred Dorfer und Fritz Schindlecker so weit gekommen. Und nicht, dass man prinzipiell erwarte, wenn der Vater mit dem Sohne …, werde aus dem Familien-Nähkästchen geplaudert, so hat die Wuchteldruckerei doch einen wahrheitsgemäßen Kern. Und, apropos: Kern, weil wo Steinhauer drauf steht, auch Politsatire drin ist, gibt es den einen oder anderen Querschläger auf Kanzler Kurz und den von ihm so genannten „Landhäusl“.

Wobei sich Stein nicht nur als begnadeter Parodist in Sachen Echokammer-Effekte entpuppt, sondern auch als ein großartiger Komödiant, der vom Vater den Rhythmus im Blut und auch die Gesangsstimme geerbt hat. Die beiden schenken sich ein und schenken sich nichts, genüsslich wird dieser Generationskonflikt gespielt, wenn der eine erklärt, die abgenudelten Nummern nicht mittragen zu wollen, worauf der andere kontert, „die depperten Sketch“ hätten immerhin dessen Ausbildung finanziert.

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Bild: © Ingo Pertramer / Rabenhof

Drei Spielebenen schieben sich laut Text ineinander. Einerseits steht man schon mitten in der Show, andererseits probt man diese noch daheim, und dort auch einer gegen den anderen den Aufstand, und dann ist da noch Matthias‘ Tagebuch, aus dem er mit heiterer Verzweiflung rezitiert. Während die Männer nämlich über die richtige Konsistenz von Klopapier, das Kiffen und Karriere-Vergleiche streiten, zerbröckelt die überhebliche Fassade des Jüngeren mehr und mehr. Es stellt sich heraus, dass der Josefstadt-Schauspieler von ebendieser gekündigt wurde, und ihn auch die Freundin vor die Tür gesetzt hat.

Was die Frage aufwirft, wer denn nun tatsächlich das Comeback braucht, und ob der Vater wirklich die „Burn-Haut“ des Sohnes retten soll … „Er is a working poor mei Bua“, bedenkt sich Steinhauer, und weil das natürlich für Lacher sorgt, tadelt dieser Richtung Zuschauerraum: „Sie san scho sei Publikum.“ Regisseurin Caroline Welzl ist mit Erwin Steinhauer und Matthias Franz Stein ein supersympathischer Abend gelungen, lustig, hinterlistig und sprachverspielt. „Humor“, sagt Steinhauer an einer Stelle, „ist ein Platzhalter für Intelligenz.“ Besser lässt sich „Vatermord“ nicht beschreiben. Ach ja, was es mit dem auf sich, und warum eine Urne beinah das letzte Wort hat, das muss man sich selber anschauen.

Video: www.youtube.com/watch?v=MjUiW_eV_Js&feature=youtu.be

www.rabenhoftheater.com

  1. 12. 2018

Volksoper: Die Csárdásfürstin

September 23, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erste Weltkrieg bricht übers Varieté herein

Applaus für die Csárdásfürstin: Lucian Krasznec als Edwin, Elissa Huber als Sylva Varescu, Chor und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Bild zu Beginn beweist bereits, dass hier nichts Patina angesetzt haben wird. Da sitzen Edwin und seine Verlobte in spe, Stasi, in der Bibliothek derer von und zu Lippert-Weylersheim, sie orgelt schon einmal elegisch ein paar „Schwalben“ heim, er langweilt sich über seiner Zeitungslektüre. Da bricht aus dem Hintergrund und das Bühnenbild entzwei Edwins Erinnerung an die Revuewelt der Sylva Varescu.

Das Budapester Sodom tanzt zwischen den Bücherwänden der Blaublüter. Heia, Heia, so beschwingt geht es her, wenn Regisseur Peter Lund an der Volksoper Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ inszeniert. Lund hat sich jedmöglichem Ungarn-Kitsch entzogen, die Optik seiner Arbeit ist von eher Klimt’scher Anmutung, dazu ein Hauch Dada – sogar eine Hugo-Ball-Figur in kubistischem Kostüm ist auf der Bühne.

Nicht einen Moment verliert Lund die Entstehungszeit dieses Schlageralbums der silbernen Operettenära aus den Augen, uraufgeführt 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er kann, das hat er schon bei „Axel an der Himmelstür“ fulminant vorgeführt, den Staub wegblasen und trotzdem werktreu bleiben.

Jakob Semotan brilliert als Boni, mit ihm das Wiener Staatsballett. Bild: © Alfred Eschwé

Von bigott zu flott: Sigrid Hauser als Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim. Bild: © Alfred Eschwé

Und so zeigt er – und wieder arbeitet er mit dem Stilmittel Film – Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Soldaten im Schützengraben, alte Zeitungsartikel über Siege und öfter noch Verluste, Flanieren über den Ringstraßenkorso und Fallen im Feld. Am Ende werden Kampfflieger übers „Habt euch lieb“ donnern, und man wird wissen, das Glück der frisch vereinten Paare hat ein Ablaufdatum. Wie’s der Feri Bácsi singt: „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht / Ob es morgen nicht schon zu spät …“

Die spritzig-charmante Inszenierung ist unter der diesbezüglichen Leitung von Alfred Eschwé auch musikalisch in Höchstform. Das Volksopern-Orchester kann Walzer, Swing und Charleston vom Feinsten, der Chor des Hauses und das Wiener Staatsballett sind sowieso stets eine Freude.

Ein wahrer Glücksgriff ist Elissa Huber, die als Sylva ihr Volksoperndebüt gibt, die virtuos zwischen lyrischen Höhen und erdigen Tiefen changieren kann, und die darstellerisch Paprika im Blut hat. Lucian Krasznec steht ihr als klassischer Operettenkavalier Edwin – seine Rolle nach einem veritablen „Schwalben“-Streit mit Stasi um „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ aus Kálmáns „Veilchen vom Montmartre“ aufgewertet – sängerisch und schauspielerisch in nichts nach.

Sylva zerreißt Edwins Eheversprechen: Elissa Huber und Lucian Krasznec. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus den insgesamt hervorragenden Solistinnen und Solisten – etwa Wolfgang Gratschmaier als grummelig-gutmütiger Fürst von und zu Lippert-Weylersheim, Johanna Arrouas als Komtesse Stasi in Verwandlung vom grauen Entlein zum quicksteppenden Schwan, Axel Herrig als so skurriler wie altersweiser Feri Bácsi, der aus seinem Part immer wieder ein Kabinettstück macht – sticht Jakob Semotan als Graf Boni heraus.

Semotan erweist sich als einwandfreier Komödiant, der mit den Mädis vom Chantant um die Wette über die Bühne wirbeln, singen, tanzen, spielen, und alles gleichzeitig kann. Kein Wunder, dass ihm die Herzen des Publikums zufliegen. Ein weiterer komischer Genuss ist naturgemäß Sigrid Hauser als Fürstin Anhilte, auch diese Rolle für ihre großartige Verkörperin vergrößert und ums Lied der „Hajmasi Hilda und Paul“ erweitert, eine bigotte Bissgurn, die sich als flotte Brettldiva entpuppen wird. Keine Frage, mit dieser „Csárdásfürstin“ fügt die Volksoper ihrem Spielplan ein weiteres Highlight hinzu.

www.volksoper.at

23. 9. 2018

Albertina: Alfred Seiland. Retrospektive

Juni 12, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Fotoreise von den USA bis in den Iran

Alfred Seiland: Truro, Massachusetts, USA, 1979. Privatbesitz © Alfred Seiland

Die Albertina widmet dem österreichischen Fotografen Alfred Seiland ab 13. Juni eine umfassende Ausstellung. Alfred Seiland ist einer der ersten österreichischen Fotografen, der sich zur Gänze der Farbfotografie verschrieben hat. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kulturräumen: von der Ost- und Westküste der USA über das Gebiet des antiken Römischen Reiches bis Österreich und dem heutigen Iran.

Seine dokumentarischen Fotografien bestechen durch ihre ausgewogenen Farbabstufungen bei größtmöglicher Schärfe, die sich über alle Bildebenen erstreckt. Die Albertina präsentiert in dieser Ausstellung fünf seiner umfangreichen Serien. In seinen Aufnahmen gibt Seiland den Bildeindruck wieder, den er selbst bei der Aufnahme vor Ort hatte – aufgrund der durchgehenden Bildschärfe sind alle Bildelemente gleichwertig, vom nächsten Vordergrund – zum weitesten Hintergrundmotiv.

Alfred Seiland: Jupitertempel, Damaskus, Syrien, 2011. Besitz des Künstlers © Alfred Seiland

Alfred Seiland: Proleb, Österreich, 1981. Albertina, Wien © Alfred Seiland

Alfred Seiland: Wildwood, New Jersey, USA, 1983. Albertina, Wien © Alfred Seiland

Ab 1975 reist Alfred Seiland wiederholt in die USA, wo er den Aufstieg der Farbfotografie als Kunstfotografie miterlebt und sich bereits 1979 entschließt, nur mehr in Farbe zu arbeiten. Bis in die 1970er-Jahre hatte die klassische Kunstfotografie schwarz-weiß zu sein: Die Farbe war bis dahin aufgrund ihrer Verwendung in der Werbe- und Modefotografie für die künstlerische Fotografie verpönt. Für seine früheste Serie „East Coast – West Coast“ (1979 – 1986) entstehen in den USA exakt komponierte, atmosphärisch dichte Aufnahmen, die spezifische Licht- und Raumsituationen wiedergeben.

Es ist dasselbe Amerika der Neonschilder, der weiten Landschaften und Straßen, die die amerikanischen Wegbereiter der Farbfotografie wenige Jahre zuvor aufgenommen hatten. Seiland fotografiert bewusst an den gleichen Orten wie seine großen Vorbilder der jüngsten amerikanischen Farbfotografie Joel Meyerowitz, Stephen Shore und William Eggleston. Im Unterschied zu den Amerikanern begegnet der Europäer Alfred Seiland einer ihm kulturell fr emden Landschaft. Er entwickelt eine zutiefst eigenständige Blickweise auf ihm geradezu exotisch anmutende Motive wie riesige Werbetafeln, Neonschilder oder Motels.

Angeregt durch Aufträge für Magazine, beginnt Alfred Seiland, sich genauer mit dem Thema Österreich auseinanderzusetzen. Mit der Werkgruppe „Österreich“ entstehen zwischen 1981 und 1995 Arbeiten, die weder einen nostalgischen noch einen auf andere Weise verklärenden Blick auf das eigene Land werfen. Die Fotografien zeichnen sich vielmehr durch eine realistische, ungeschminkte Wiedergabe der Wirklichkeit aus. Für eine international vielfach ausgezeichnete Kampagne der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) fotografiert er zwischen 1995 und 2001 berühmte Persönlichkeiten in aufwendigen Inszenierungen, die genau auf die Abgebildeten zugeschnitten sind.
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In einem 2006 begonnenen Zyklus widmet sich Alfred Seiland der Gegenüberstellung von historischen Stätten und zeitgenössischem Leben auf dem Gebiet des antiken Römischen Reiches und beleuchtet so das Spannungsverhältnis von Antike und Gegenwart. Aus dieser bisher mehr als 130 Aufnahmen zählenden Werkgruppe „Imperium Romanum“ hat sich die neueste Serie über den Iran von heute entwickelt, die in dieser Retrospektive erstmals präsentiert wird.
12. 6. 2018

Volksoper: Der Opernball

Februar 18, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Charmelos statt schamlos

Kristiane Kaiser als Angelika, Sieglinde Feldhofer als Helene, Ursula Pfitzner als Margarete, Helga Papouschek als Palmyra, Kurt Schreibmayer als Theophil, Marco Di Sapia als Paul, Almira Elmadfa als Henri und Carsten Süß als Georg. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Gleich zu Beginn wird der running gag via Bühnenansage verkündet: Weil die Staatsoper heuer auslässt, findet „Der Opernball“ in der Volksoper statt. Nun, gar so stolz braucht man auf die Neuerwerbung nicht zu sein. Axel Köhlers Inszenierung, die die ursprünglich in Paris stattfindende Handlung nach Wien verlegt, wirkt eher wie ein ziemlich ordinäres Gschnas.

Vor allem im zweiten Akt nahmen Köhler und seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter die Übersiedlung vom Haus am Ring an den Gürtel allzu wörtlich, und zollten der ehemals sündigen Meile mit einem seltsamen Etablissement Tribut. Doch selbst hier geht’s statt schamlos nur charmelos zu. Es ist erstaunlich, das sonst so elegant frivol agierende Volksopern-Ensemble darstellerisch so hilflos zu sehen.

Aber der Reihe nach. Hebt sich der Vorhang, sieht man etwas, dass ein elegantes Wiener Loft sein soll, tatsächlich aber wie die Innenausstattung eines Luxusdampfers anmutet. Durch ein Bullauge ist das Riesenrad – und damit Wien – zu erkennen. In dieser Pappenstiel’schen Wohnung treffen nun neben dem Besitzerehepaar die Wimmers, die Schachtelhubers, deren Neffe Henri und Haushaltshilfe Helene aufeinander. Die Herren haben Amouren im Kopf, die Frauen stellen Fallen in Form von rosa Dominos. Billetten laden zum Ball, das Verwirr- und Verwechslungsspiel beginnt: „Gehen wir ins Chambre séparée“ …

Die musikalische Nummer vom One-Hit-Wonder Richard Heuberger. Mehr als diesmal wär‘ aber allemal drin gewesen, doch mangelt es der Regie völlig an Ideen (außer, dass man E-Mails auf Laptop und Handy liest), sei’s Ironie oder auch die Möglichkeit für Parodie. So holpern man hölzern durch den ersten Akt, der gefühlt viel länger ist, als die Uhr hergibt. Danach Nachtclub mit Pinups und Kojen fürs Tête-à-Tête, die wie weibliche Rundungen aussehen. Aus einem „Erlebniskeller“ strömen SM- und Crossgenderpärchen. Das hat mit Opernball so viel zu tun, wie Schnellimbiss mit Haubenrestaurant. Für den dritten Akt geht es zurück auf den Dampfer. Der nimmt nun zwar etwas Fahrt auf, als sich die Verwicklungen entwirren, doch insgesamt ist kaum mehr was zu retten.

Vor dem „Chambre séparée“: Ursula Pfitzner als Margarete, Sieglinde Feldhofer als Helene und Carsten Süß als Georg: Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das gilt auf fürs Musikalische. Dirigent Alfred Eschwé beginnt zwar fröhlich-schmissig, doch irgendwann hat er beschlossen, es nur noch krachen zu lassen. Lyrische Momente gehen ihm komplett unter. Unter den Solistinnen und Solisten erfreuen Amira Elmadfa als Henri mit ihrem schönen Mezzo und ihrer Spielfreude, Sieglinde Feldhofers silbrig glänzender Sopran als quicksilbrige Helene und Marco Di Sapia, der als Paul Wimmer auch für Komödiantik sorgt.

Der übrige Cast (Kristiane Kaiser, Carsten Süss, Ursula Pfitzner, Martina Dorak) bleibt blass, Boris Eder, als Oberkellner Philipp ein aufgelegtes Gustostückerl, lässt man erst gar nicht ins Spiel kommen. Erfreulich ist ein Wiedersehen mit den Volksopern-Urgesteinen Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer als Palmyra und Theophil Schachtelhuber. Am Ende gab es freundlichen Applaus ohne große Bravo-Rufe, für die Regie ein paar kräftige Buhs.

www.volksoper.at

  1. 2. 2018