Volksoper: Die Csárdásfürstin

September 23, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erste Weltkrieg bricht übers Varieté herein

Applaus für die Csárdásfürstin: Lucian Krasznec als Edwin, Elissa Huber als Sylva Varescu, Chor und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Bild zu Beginn beweist bereits, dass hier nichts Patina angesetzt haben wird. Da sitzen Edwin und seine Verlobte in spe, Stasi, in der Bibliothek derer von und zu Lippert-Weylersheim, sie orgelt schon einmal elegisch ein paar „Schwalben“ heim, er langweilt sich über seiner Zeitungslektüre. Da bricht aus dem Hintergrund und das Bühnenbild entzwei Edwins Erinnerung an die Revuewelt der Sylva Varescu.

Das Budapester Sodom tanzt zwischen den Bücherwänden der Blaublüter. Heia, Heia, so beschwingt geht es her, wenn Regisseur Peter Lund an der Volksoper Emmerich Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ inszeniert. Lund hat sich jedmöglichem Ungarn-Kitsch entzogen, die Optik seiner Arbeit ist von eher Klimt’scher Anmutung, dazu ein Hauch Dada – sogar eine Hugo-Ball-Figur in kubistischem Kostüm ist auf der Bühne.

Nicht einen Moment verliert Lund die Entstehungszeit dieses Schlageralbums der silbernen Operettenära aus den Augen, uraufgeführt 1915, ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er kann, das hat er schon bei „Axel an der Himmelstür“ fulminant vorgeführt, den Staub wegblasen und trotzdem werktreu bleiben.

Jakob Semotan brilliert als Boni, mit ihm das Wiener Staatsballett. Bild: © Alfred Eschwé

Von bigott zu flott: Sigrid Hauser als Anhilte von und zu Lippert-Weylersheim. Bild: © Alfred Eschwé

Und so zeigt er – und wieder arbeitet er mit dem Stilmittel Film – Wochenschauaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg, Soldaten im Schützengraben, alte Zeitungsartikel über Siege und öfter noch Verluste, Flanieren über den Ringstraßenkorso und Fallen im Feld. Am Ende werden Kampfflieger übers „Habt euch lieb“ donnern, und man wird wissen, das Glück der frisch vereinten Paare hat ein Ablaufdatum. Wie’s der Feri Bácsi singt: „Weißt du, wie lange noch der Globus sich dreht / Ob es morgen nicht schon zu spät …“

Die spritzig-charmante Inszenierung ist unter der diesbezüglichen Leitung von Alfred Eschwé auch musikalisch in Höchstform. Das Volksopern-Orchester kann Walzer, Swing und Charleston vom Feinsten, der Chor des Hauses und das Wiener Staatsballett sind sowieso stets eine Freude.

Ein wahrer Glücksgriff ist Elissa Huber, die als Sylva ihr Volksoperndebüt gibt, die virtuos zwischen lyrischen Höhen und erdigen Tiefen changieren kann, und die darstellerisch Paprika im Blut hat. Lucian Krasznec steht ihr als klassischer Operettenkavalier Edwin – seine Rolle nach einem veritablen „Schwalben“-Streit mit Stasi um „Heut Nacht hab ich geträumt von dir“ aus Kálmáns „Veilchen vom Montmartre“ aufgewertet – sängerisch und schauspielerisch in nichts nach.

Sylva zerreißt Edwins Eheversprechen: Elissa Huber und Lucian Krasznec. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus den insgesamt hervorragenden Solistinnen und Solisten – etwa Wolfgang Gratschmaier als grummelig-gutmütiger Fürst von und zu Lippert-Weylersheim, Johanna Arrouas als Komtesse Stasi in Verwandlung vom grauen Entlein zum quicksteppenden Schwan, Axel Herrig als so skurriler wie altersweiser Feri Bácsi, der aus seinem Part immer wieder ein Kabinettstück macht – sticht Jakob Semotan als Graf Boni heraus.

Semotan erweist sich als einwandfreier Komödiant, der mit den Mädis vom Chantant um die Wette über die Bühne wirbeln, singen, tanzen, spielen, und alles gleichzeitig kann. Kein Wunder, dass ihm die Herzen des Publikums zufliegen. Ein weiterer komischer Genuss ist naturgemäß Sigrid Hauser als Fürstin Anhilte, auch diese Rolle für ihre großartige Verkörperin vergrößert und ums Lied der „Hajmasi Hilda und Paul“ erweitert, eine bigotte Bissgurn, die sich als flotte Brettldiva entpuppen wird. Keine Frage, mit dieser „Csárdásfürstin“ fügt die Volksoper ihrem Spielplan ein weiteres Highlight hinzu.

www.volksoper.at

23. 9. 2018

Albertina: Alfred Seiland. Retrospektive

Juni 12, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Fotoreise von den USA bis in den Iran

Alfred Seiland: Truro, Massachusetts, USA, 1979. Privatbesitz © Alfred Seiland

Die Albertina widmet dem österreichischen Fotografen Alfred Seiland ab 13. Juni eine umfassende Ausstellung. Alfred Seiland ist einer der ersten österreichischen Fotografen, der sich zur Gänze der Farbfotografie verschrieben hat. Im Mittelpunkt seines Werkes steht die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Kulturräumen: von der Ost- und Westküste der USA über das Gebiet des antiken Römischen Reiches bis Österreich und dem heutigen Iran.

Seine dokumentarischen Fotografien bestechen durch ihre ausgewogenen Farbabstufungen bei größtmöglicher Schärfe, die sich über alle Bildebenen erstreckt. Die Albertina präsentiert in dieser Ausstellung fünf seiner umfangreichen Serien. In seinen Aufnahmen gibt Seiland den Bildeindruck wieder, den er selbst bei der Aufnahme vor Ort hatte – aufgrund der durchgehenden Bildschärfe sind alle Bildelemente gleichwertig, vom nächsten Vordergrund – zum weitesten Hintergrundmotiv.

Alfred Seiland: Jupitertempel, Damaskus, Syrien, 2011. Besitz des Künstlers © Alfred Seiland

Alfred Seiland: Proleb, Österreich, 1981. Albertina, Wien © Alfred Seiland

Alfred Seiland: Wildwood, New Jersey, USA, 1983. Albertina, Wien © Alfred Seiland

Ab 1975 reist Alfred Seiland wiederholt in die USA, wo er den Aufstieg der Farbfotografie als Kunstfotografie miterlebt und sich bereits 1979 entschließt, nur mehr in Farbe zu arbeiten. Bis in die 1970er-Jahre hatte die klassische Kunstfotografie schwarz-weiß zu sein: Die Farbe war bis dahin aufgrund ihrer Verwendung in der Werbe- und Modefotografie für die künstlerische Fotografie verpönt. Für seine früheste Serie „East Coast – West Coast“ (1979 – 1986) entstehen in den USA exakt komponierte, atmosphärisch dichte Aufnahmen, die spezifische Licht- und Raumsituationen wiedergeben.

Es ist dasselbe Amerika der Neonschilder, der weiten Landschaften und Straßen, die die amerikanischen Wegbereiter der Farbfotografie wenige Jahre zuvor aufgenommen hatten. Seiland fotografiert bewusst an den gleichen Orten wie seine großen Vorbilder der jüngsten amerikanischen Farbfotografie Joel Meyerowitz, Stephen Shore und William Eggleston. Im Unterschied zu den Amerikanern begegnet der Europäer Alfred Seiland einer ihm kulturell fr emden Landschaft. Er entwickelt eine zutiefst eigenständige Blickweise auf ihm geradezu exotisch anmutende Motive wie riesige Werbetafeln, Neonschilder oder Motels.

Angeregt durch Aufträge für Magazine, beginnt Alfred Seiland, sich genauer mit dem Thema Österreich auseinanderzusetzen. Mit der Werkgruppe „Österreich“ entstehen zwischen 1981 und 1995 Arbeiten, die weder einen nostalgischen noch einen auf andere Weise verklärenden Blick auf das eigene Land werfen. Die Fotografien zeichnen sich vielmehr durch eine realistische, ungeschminkte Wiedergabe der Wirklichkeit aus. Für eine international vielfach ausgezeichnete Kampagne der Frankfurter Allgemeinen Zeitung („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) fotografiert er zwischen 1995 und 2001 berühmte Persönlichkeiten in aufwendigen Inszenierungen, die genau auf die Abgebildeten zugeschnitten sind.
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In einem 2006 begonnenen Zyklus widmet sich Alfred Seiland der Gegenüberstellung von historischen Stätten und zeitgenössischem Leben auf dem Gebiet des antiken Römischen Reiches und beleuchtet so das Spannungsverhältnis von Antike und Gegenwart. Aus dieser bisher mehr als 130 Aufnahmen zählenden Werkgruppe „Imperium Romanum“ hat sich die neueste Serie über den Iran von heute entwickelt, die in dieser Retrospektive erstmals präsentiert wird.
12. 6. 2018

Volksoper: Der Opernball

Februar 18, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Charmelos statt schamlos

Kristiane Kaiser als Angelika, Sieglinde Feldhofer als Helene, Ursula Pfitzner als Margarete, Helga Papouschek als Palmyra, Kurt Schreibmayer als Theophil, Marco Di Sapia als Paul, Almira Elmadfa als Henri und Carsten Süß als Georg. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Gleich zu Beginn wird der running gag via Bühnenansage verkündet: Weil die Staatsoper heuer auslässt, findet „Der Opernball“ in der Volksoper statt. Nun, gar so stolz braucht man auf die Neuerwerbung nicht zu sein. Axel Köhlers Inszenierung, die die ursprünglich in Paris stattfindende Handlung nach Wien verlegt, wirkt eher wie ein ziemlich ordinäres Gschnas.

Vor allem im zweiten Akt nahmen Köhler und seine Ausstatter Timo Dentler und Okarina Peter die Übersiedlung vom Haus am Ring an den Gürtel allzu wörtlich, und zollten der ehemals sündigen Meile mit einem seltsamen Etablissement Tribut. Doch selbst hier geht’s statt schamlos nur charmelos zu. Es ist erstaunlich, das sonst so elegant frivol agierende Volksopern-Ensemble darstellerisch so hilflos zu sehen.

Aber der Reihe nach. Hebt sich der Vorhang, sieht man etwas, dass ein elegantes Wiener Loft sein soll, tatsächlich aber wie die Innenausstattung eines Luxusdampfers anmutet. Durch ein Bullauge ist das Riesenrad – und damit Wien – zu erkennen. In dieser Pappenstiel’schen Wohnung treffen nun neben dem Besitzerehepaar die Wimmers, die Schachtelhubers, deren Neffe Henri und Haushaltshilfe Helene aufeinander. Die Herren haben Amouren im Kopf, die Frauen stellen Fallen in Form von rosa Dominos. Billetten laden zum Ball, das Verwirr- und Verwechslungsspiel beginnt: „Gehen wir ins Chambre séparée“ …

Die musikalische Nummer vom One-Hit-Wonder Richard Heuberger. Mehr als diesmal wär‘ aber allemal drin gewesen, doch mangelt es der Regie völlig an Ideen (außer, dass man E-Mails auf Laptop und Handy liest), sei’s Ironie oder auch die Möglichkeit für Parodie. So holpern man hölzern durch den ersten Akt, der gefühlt viel länger ist, als die Uhr hergibt. Danach Nachtclub mit Pinups und Kojen fürs Tête-à-Tête, die wie weibliche Rundungen aussehen. Aus einem „Erlebniskeller“ strömen SM- und Crossgenderpärchen. Das hat mit Opernball so viel zu tun, wie Schnellimbiss mit Haubenrestaurant. Für den dritten Akt geht es zurück auf den Dampfer. Der nimmt nun zwar etwas Fahrt auf, als sich die Verwicklungen entwirren, doch insgesamt ist kaum mehr was zu retten.

Vor dem „Chambre séparée“: Ursula Pfitzner als Margarete, Sieglinde Feldhofer als Helene und Carsten Süß als Georg: Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Das gilt auf fürs Musikalische. Dirigent Alfred Eschwé beginnt zwar fröhlich-schmissig, doch irgendwann hat er beschlossen, es nur noch krachen zu lassen. Lyrische Momente gehen ihm komplett unter. Unter den Solistinnen und Solisten erfreuen Amira Elmadfa als Henri mit ihrem schönen Mezzo und ihrer Spielfreude, Sieglinde Feldhofers silbrig glänzender Sopran als quicksilbrige Helene und Marco Di Sapia, der als Paul Wimmer auch für Komödiantik sorgt.

Der übrige Cast (Kristiane Kaiser, Carsten Süss, Ursula Pfitzner, Martina Dorak) bleibt blass, Boris Eder, als Oberkellner Philipp ein aufgelegtes Gustostückerl, lässt man erst gar nicht ins Spiel kommen. Erfreulich ist ein Wiedersehen mit den Volksopern-Urgesteinen Helga Papouschek und Kurt Schreibmayer als Palmyra und Theophil Schachtelhuber. Am Ende gab es freundlichen Applaus ohne große Bravo-Rufe, für die Regie ein paar kräftige Buhs.

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  1. 2. 2018

Stadtsaal – Alfred Dorfer: und …

Oktober 25, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Stück, das zu wenig politisch ist

Bild: Ernesto Gelles

Wo sein Zorn geblieben sei, fragt ein Theaterdirektor, den Alfred Dorfer spielt, den Alfred Dorfer, den Alfred Dorfer spielt. Der, also Nummer zwei, winkt ab. Mitte Fünfzig und altersmilde, das ist der neue Lebensplan, und tatsächlich turnt der Kabarettstar im Wiener Stadtsaal mit nie geahnter Leichtigkeit und Gelassenheit durch sein aktuelles Programm „und …“ Was nicht heißt, dass ihm der Biss verloren gegangen ist, nur hinschnappen und sich verbeißen will er nicht mehr.

Weil, sagt er, in jedem Zyniker doch ein zartes Herz schlage, und sich immer das „bissige Satire“ nenne, das umgemünzt auf Politik nichts anderes als Populismus sei. Da will er nicht (mehr) mitmachen. Das Kabarettproblem ist ja bekannt, dass die „oben“ und die „unten“ eh immer eines Geistes sind. Vornehmlich, weil die anderen gar nicht erst kommen. Und so kommt’s zu Alfred Dorfers volksbildnerisch politischer Forderung: die „Links-Rechts-Scheiße“ hinter uns zu lassen und „endlich unseren Verstand zu benutzen“.

Ein gewagter Ansatz, so knapp nach der Wahl. Man fühlt sich von ihm in „und …“ immer wieder aufs Glatteis geführt. Sieben Jahre hatte sich Dorfer Zeit gelassen, um sich nach Tourneen durch den deutschen Sprachraum, einer nachgeholten Dissertation und kleineren Lehraufträgen an der Uni seinen Bühnenmonolog zu überlegen. Dessen Kern ist ein Umzug, oder wie die eigene Urgroßmutter sagte: Lieba drei Moi obrennt, ois a Moi um’zogen.  Und so sitzt er auf seiner Bananenkistenbühne und denkt (erstmals ohne Band) laut nach. Über Gewesenes und Seiendes, Veränderung und Neuanfang, und Philosophisches.

„Dinge wahrzunehmen ist der Keim der Intelligenz“, zitiert er Laotse. Dorfer bedient sich in seinem Solo mehrmals beim Unter-dem-Mandelbaum-Sitzer. Was dem aktuellen Träger des Deutschen Kabarettpreises nämlich gegen den Strich geht, und was der chinesische Vordenker auf seine Art vorformuliert habe, ist die unhinterfragende „Instanzengläubigkeit“ selbsterklärter Intellektueller, eine allgemeine Tendenz sich lieber auf den Hausverstand der Hauszeitung als aufs eigene Hirn zu verlassen. Ausgeteilt wird in „und …“ gegen denkfaule Besserwisser wie gegen die Sexgrapscher von Köln. Gegen letztere zieht er mit dem neu aufgekommenen „Vulgärfeminismus“ ins Feld: „Unsare Weiber belästig’n mia scho söba!“ Die Allianzen werden immer unheilvoller. Dorfer macht klar, „dass es nicht wichtig ist, wer was sagt, sondern wer was sagt“. Er fürchtet eine Zukunft, in der Idealisten nur noch nützliche Idioten sind.

Bild: Ernesto Gelles

Diese Brandpredigten schlittern, mitten unter Plädoyers fürs Stehpinkeln als Männlichkeitssymbol und den obligaten Witzchen über Veganer und Kevin-Kinder (die übrigens genauer betrachtet allmählich das mittlere Management besetzen und unser, der Mittfünfziger, Vorgesetzte werden …), blitzeisglatt durchs Gesagte und verschwinden ebenso schnell wieder. Das ist konsequent gemacht, denn Dorfer macht dessen Beiläufigkeit und Beliebigkeit diesmal zum Programm, und streut zwischendurch die Pointen ins Publikum, als Sand für Lachtränenaugen.

Und so ist eine der schöneren von Dorfers Weisheiten: „Ich denke, also bin ich: Wenn ich beim Aldi zwei Bananen stehle und mir nichts dabei denke, war ich es dann nicht?“, und eine der fordernden: „Wann hat in der Menschheitsgeschichte dieser Schwachsinn begonnen, dass man Dinge trennt, die man im Grunde nur unterscheiden kann?“

Dorfer schlüpft von einer Rolle in die nächste. Gibt Studienkollegen, Nachbarn, einen einfältigen, was sonst?, Journalisten, Gastarbeiter, Osteuropamafiosi und einen Schwyzer mit Sprengstoffgürtel. Er tritt als sein jüngeres Ich ins Zwiegespräch mit der Mutter und ihrer Frage, warum er sich eine so depperte Arbeit ausgesucht hat, „wo du dein Geld damit verdienst, dass sie dich auslachen.“ Virtuos und temporeich agiert Dorfer in den von ihm erdachten Parallelwelten, spielt mit den Figuren und deren Perspektiven, und macht sein Solo damit zu einem Ein-Mann-Theater.

Die Story mit dem Theaterdirektor geht natürlich auch zu Ende, der Dorfers Stück trotz Auftrag schließlich um die Burg nicht wollte. Weil: „Es war in keinster Weise politisch.“ Da blieb wohl nichts anderes übrig, als zurück auf die Kabarettbühne. In der Zugabe macht Dorfer das deutlich. „Ich weiß, warum er jetzt wieder spielt, weil’s nix geworden ist mit seiner Partei“, imitiert er einen angeödeten Zuschauer. Wobei, ist das nicht ein anderer, der nach seinem Gang in die Politik gerade „Der Kanzler“ wird?

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  1. 10. 2017

Kammerspiele: Die 39 Stufen

Oktober 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suspense, Slapstick und Stummfilmmomente

Im schottischen Hochmoor wird scharf geschossen: Ruth Brauer-Kvam als Pamela und Alexander Pschill als Richard Hannay. Bild: Rita Newman

Sie wissen, was ein MacGuffin ist? Nein, nicht einer der schottischen Sonderlinge, denen Richard Hannay bei seiner Flucht durch die Hochmoornebel in die Hände fällt. Alfred Hitchcock hat den Begriff für seine Filme erfunden, für ein beliebiges Ding, das keinen anderen Nutzen hat, als die Handlung voranzutreiben. „Die 39 Stufen“ sind ein MacGuffin.

In des Meisters Werk aus dem Jahr 1935 erfährt man nicht viel mehr, als dass dies die Bezeichnung für einen den Briten feindlichen Spionagering wäre, der brisanteste Geheimdokumente von der Insel schaffen will. Ein Unschuldiger, eben Hannay, er noch dazu Kanadier, wird in die Story verstrickt, bald des Frauenmordes bezichtigt, alles rennet, rettet, flüchtet, die Handlung verwickelt sich immer mehr, die Bedrohung lauert auf allen Seiten (was Hitchcock in den 1930er-Jahren durchaus politisch meinte), das Tempo verschärft sich quasi minütlich – der perfekte Stoff für die Kammerspiele. Wo Regisseur Werner Sobotka den Filmklassiker nun auf der Bühne umsetzte. Das heißt, natürlich nicht einfach so.

Sobotka peppt den Suspense mit dem Slapstick der Stummfilmära auf, er erzählt davon, wie die Bilder laufen lernten, und er beschreibt ein „Making of“-Kino. Seine Inszenierung ist eine Hommage an eine Zeit, als jeder Stunt und jeder Special Effect noch mit Kulisse und Courage angegangen, nicht am Computer hergestellt wurden. Die Mittel, denkt man, sind einfach. Sobotka reichen zwei Leitern und ein Steg, um eine Brücke zu simulieren, vier Stühle und ein Lenkrad werden zum Fahrzeug.

Stunts, Slapstick, Stummfilmmomente: Hannay fällt auf der Flucht von einer Brücke …. Bild: Rita Newman

…. und versucht im Auto zu entkommen. Bild: Rita Newman

Türen stehen allein im Raum, dass das auf beiden Seiten ein anderer ist, versteht sich; Überseekoffer sind mal Bar in einem Herrenclub, mal Hotelrezeption. Erst am Ende der mit viel Applaus bedachten Vorstellung, als sich weit mehr Menschen von der Bühne winkend verabschieden, als vorher darauf gespielt haben, wird klar, welchen Kraftakt dieser rasante Kulissenumbau (Bühnenbild: Karl Fehringer und Judith Leikauf) darstellt. „Die 39 Stufen“ in den Kammerspielen sind wie ein Wunderwerkl, der kleine Theaterraum wie eine Springteufelbox, aus der jeden Moment eine andere Knallcharge emporschnellt.

Sobotka hat die Kunst des großen Sir Alfred studiert. Er zitiert „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“, als Schattenspiel zeigt er die berühmte „Psycho“-Duschszene und die Flugzeuge, die Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ verfolgen. Und auch, wenn seine Aufführung auf absichtliches Overacting und outrierte Theatralik setzt, hat sie sich dennoch auch Hitchcocks trockenen Humor angeeignet.

Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße dem Spiel von Alexander Pschill zu danken, der als Richard Hannay, gemeinsam mit Ruth Brauver-Kvam in drei Frauenrollen, die beiden ja bekannt als Kammerspiele-Traumpaar, den komödiantischen Kern des Abends bildet. Pschill steht der Typ Upper-Class-Snob, der sich erst aus seiner Trotteligkeit und von seinem Ennui befreien muss, bevor er zum Abenteurer und Helden werden kann. Wie er mit rollenden Augen und sexy Schnoferl um Mitgefühl und die Mitwisserschaft des Publikums buhlt, das ist sehr charmant. Vergebens versucht er verwegen zu sein, so etwas wie britische Offiziersschneidigkeit an den Tag zu legen, doch erst als ihm Pamela erliegt, läuft er zu voller Form auf.

Pamela ist eine von Ruth Brauer-Kvams Charakteren. Hitchcock-erblondet gibt sie als solche das patente Mädchen vom Lande, das Hannays Beschwörungen der Bösen keinen Glauben schenken mag, bis sie sich zufällig vom Gegenteil überzeugen kann. Weil, was von Kriminellen mit Handschellen aneinander gekettet wurde, der Mensch nicht trennen soll, ist das Happy End hier klar. Davor aber brilliert Brauer-Kvam als schüchtern-sinnliche Bauersfrau Margaret – und vor allem als russische Agentin Annabella, so exotisch wie erotisch, die Hannay bald den Kopf verdreht hätte, aber mit Messer zwischen den Rippen endet.

Superspionin Annabella wird in Hannays Wohnung ermordet: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Und auch das Medium Mr. Memory wird ein Opfer des feindlichen Geheimdienstes: Boris Pfeifer (in der rezensierten Vorstellung spielte Martin Niedermair), Markus Kofler, Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Das mitunter schon gefährlich akrobatisch über die Bühne turnende Schauspielerkleeblatt komplettieren Markus Kofler und Martin Niedermair (er alterniert mit Boris Pfeifer und spielte am rezensierten Abend), und tatsächlich sind es die beiden, die dem Ganzen den besonderen Kick geben. In Windeseile gestalten sie gefühlte 100 Figuren, Polizisten, Putzfrauen, Zugführer, Zeitungsjungen, oft nur durch Wechseln der Kopfbedeckungen und flexibel, was Akzente und Dialekte oder das Geschlecht betrifft.

Ihre Tour de Farce ist am schönsten, wenn Kofler und Niedermair das Wirtsehepaar geben, ersterer als resolute, liebestolle Hausherrin, zweiterer als sich dem Trunke ergeben habender Schon-wieder-ran-Müsser, als schottische Greise bei einer örtlichen Wahlkampfveranstaltung, ein surrealer Moment – und natürlich als Professor und Louisa Jordan, diesmal Niedermair als Dame des Hauses und Kofler als verrückter Oberschurke, das Phantom mit dem fehlenden kleinen Finger und Kopf der Gaunereien.

Die Anstrengung, die am Schluss alle versuchen, nicht im Gesicht stehen zu haben, hat sich gelohnt. Das Publikum reagierte begeistert, die Kammerspiele dürfen sich über die nächste Erfolgsproduktion freuen.

Werner Sobotka erwies sich einmal mehr als Regisseur, der „oben“ und „unten“ die Fantasie beflügeln kann. Ach ja, die Geheimdokumente waren keine Papiere, sondern Informationen, die die Vaudeville-Sensation Mr. Memory auswendig gelernt hatte. Als diesen ereilt auch Martin Niedermair der Bühnentod. Kofler sprach’s gelassen aus: Er war einfach, der Mann, der zu viel wusste …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=eAzKGz67rK0

www.josefstadt.org

  1. 10. 2017