Landestheater NÖ: Tartuffe

Februar 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum Schluss eine zeitpolitische Satire

Albrecht Abraham Schuch und Tobias Voigt Bild: Nurith Wagner-Strauss

Albrecht Abraham Schuch und Tobias Voigt
Bild: Nurith Wagner-Strauss

Ihr seid alle von meinem Wohlwollen abhängig, lässt der Präsident am Ende ausrichten. Da ist Tartuffe wie vorgesehen mit der Polizei erschienen, enttarnt sich aber per Ausweis als einer aus ihren Reihen. Er ist ein Spitzel der Staatsmacht, der gönnerhaft Haftbefehl und Schenkung rückgängig macht und auf ein Tässchen Kaffee bleibt. Sardonisch lachend und sich im Spaß windend sitzt er zwischen den verkniffenen Gesichtern der Orgon-Familie, seht her!, der Betrüger bleibt der Sieger.

Róbert Alföldi hat am Landestheater Niederösterreich Molières Komödienklassiker durch diese neue Wendung am Schluss zur zeitpolitischen Satire gemacht. Eine wunderbare Möglichkeit, das 350 Jahre alte Stück zu modernisieren, ohne dem Original Gewalt anzutun. Beim St. Pöltener Premierenpublikum kam der „Gag“ zurecht gut an, es dankte Alföldis kluger Neuinterpretation mit großem Applaus.

Der Budapester Regisseur, bis Juni 2013 Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, weiß, was es heißt, wenn einem der Urbi et Orbán entzogen wird. Wie seine Kollegen Árpád Schilling, Viktor Bodó und Kornél Mundruczó, deren jüngste Inszenierungen in den kommenden Wochen am Burgtheater, am Volkstheater und bei den Wiener Festwochen zu sehen sein werden, arbeitet er mittlerweile großteils im Ausland, am Landestheater Niederösterreich zum zweiten Mal. Nach dem regimekritischen Stück „Meine Mutter, Kleopatra“  setzte er nun eben den „Tartuffe“ in Szene. Und wie! Bei ihm haben die Pariser, vor allem die Pariserinnen, Paprika im Blut. Knappe zwei Stunden fegen die Darsteller mit Schwung über die Bühne, turnen sich temperamentvoll durch Wolfgang Wiens Versfassung, und lassen auch sonst keine Leibesübung aus. Das Publikum ist Teil ihres Spiels, immer wieder mit Licht im Saal miteinbezogen, und wer wissen möchte, wie es ist, von Pascal Groß gestürmt und geküsst zu werden, muss den Platz dritte Reihe, links außen, wählen.

Für die Rolle des Tartuffe hat man Albrecht Abraham Schuch als Gast eingeladen. Der junge deutsche Schauspieler war unter anderem in der Daniel-Kehlmann-Verfilmung „Die Vermessung der Welt“ als Alexander von Humboldt zu sehen. Als Molières Wasser predigender und Wein trinkender Kopfparasit ist er weniger Verführer als Verblender. Er ist weder charmant noch besonders bigott, und er hat es schon gar nicht notwendig, Anstand vorzutäuschen. Er ist kein verdeckter Heuchler, sondern ein offener Lügner, die Art neupopulistischer politischer Heilsbringer, die sich selbst noch im größten Unrecht ins Recht setzt. Weil angesichts ihrer Schlagzahl beim Sprechen vernünftige Argumente wie im Wind verpuffen. Und man ahnt, aus welcher Richtung dieser Wind weht. Schuch spielt sehr schön den immer von allen Angegriffenen, stets böswillig Beschuldigten, ob dieser Zumutungen durchwegs leicht Beleidigten mit Verschlagenheit in der Stimme und mephistophelischem Seitenblick. Wie man das (er)kennt: Während er im Haushalt Orgons selbst der Aggressor ist, beklagt er natürlich den „aggressiven Tonfall“ der anderen.

Auf deren Reaktionen richtet Alföldi sein Augenmerk. Im Zentrum seiner Molière-Essenz stehen die Erwiderungen auf und der Widerstand gegen Tartuffes Pläne, der verzweifelte Versuch der Familie Orgons den selbsternannten Moralapostel vom Sockel zu stoßen. Dabei sind die Rädelsführer die Frauen: Elisa Seydel als Gattin Elmire, Lisa Weidenmüller als Tochter Mariane und Swintha Gersthofer als Zofe Dorine. Sexappeal, Teenagerschnute und eine gehörige Portion Frechheit sind je nach Rangordnung die weiblichen Waffen ihrer Wahl, die Damen zeigen sich einmal mehr als vorzügliche Komödiantinnen, doch diesmal muss jedes Mittel versagen. Auch Michael Scherff als freigeistiger Schwager Cléante, Jan Walter als Sohn Damis, Pascal Groß als seine Liebe zu Mariane herausstotternder Valère und Julia von Sell, der als Madame Pernelle spät, aber doch die Einsicht kommt, können nichts mehr ausrichten. Und, wenn Cléante sagt, dass hier ein Frömmler mit falschem Wort vorgibt, um Werte zu kämpfen, „die auch wir verehren“, verschluckt man sich am Lachen. Wem wird in dieser Welt nicht alles Macht und Ämter angetragen.

Die Hauptrolle hat, in dieser Aufführung mehr als an anderen „Tartuffe“-Abenden, Tobias Voigt als Orgon. Er ist seit der Ankunft Tartuffes tatsächlich wie beschrieben von „wüstem Wahn befangen“, ein Fan mit staunend offenem Mund angesichts des bei ihm eingekehrten Wunders. Seiner Familie begegnet er als erschöpfter Despot, so viel Aufmüpfigkeit ist eben anstrengend, Tartuffe mit beinah hündischer Verehrung. Dass das clean-chice Bühnenbild von Ildikó Tihanyi (die Farbleitsystemkostüme sind von Fruzsina Nagy), ein weißer Kubus aus halbdurchsichtigen Schiebewänden, dessen Intrigen leicht durchschaubar machen, will er nicht sehen. Da bleibt der Ehefrau als Beweismittel nicht einmal der Beischlaf mit dem Bösewicht erspart. Voigt agiert ganz großartig, ändert Orgons Aggregatzustand je nach Gesprächspartner, wirft sich vor Zorn oder in Demut zu Boden, tobt oder schluchzt, dass es eine Freude ist.

Am Ende, siehe oben, muss er einsehen, dass die Familie mit ihrer Einschätzung Tartuffes ins Schwarze dieser schwarzen Seele getroffen hat. Aber ach, wer hört dieser Tage noch auf die Stimme der Vernunft. Und wenn endlich, ist es zu spät, da haben sich die rechtsschaffenen Politprediger die Sessel schon gesichert. Die Über-einen-Machthaber, sagt Alföldi, sind in der Regel selbst gewählt. Wer also in der Demokratie schläft, wacht unter Umständen in einer Diktatur auf.

„Tartuffe“ läuft bis 9. April am Landestheater Niederösterreich und ist am 5. und 6. April als Gastspiel in der Bühne Baden zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=V2oNYngAFy4

Róbert Alföldi im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=8301

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Wien, 28. 2. 2016

Volkstheater: Haben

Februar 28, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Relativität der Zeitwahrnehmung

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold Bild: © Christoph Sebastian

Annette Isabella Holzmann, Erni Mangold
Bild: © Christoph Sebastian

Róbert Alföldi, ehemaliger Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, für den es heute schwierig bis unmöglich ist, in seiner Heimat zu arbeiten, der sich trotzdem weder als „Opfer“ denn als „Flüchtling“ verstanden haben will, inszenierte erstmals am Volkstheater. „Haben“ von Julius Hay hat er mitgebracht. Und allein die Geschichte des Autors ist eine Geschichte wert: Das Schicksal des heute zu Unrecht vergessenen Schriftstellers, geboren 1900 im ungarischen Abony, war so wechselvoll wie das 20. Jahrhundert: Der ewige Exilant floh 1919 vor der Räterepublik aus Ungarn nach Deutschland, das er 1933 als Jude Richtung Österreich verließ, wo er als Kommunist verhaftet und inhaftiert wurde. Nach seiner Freilassung führte ihn sein Weg weiter in die Sowjetunion. 1945 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1956 – diesmal als Antikommunist – zu sechs Jahren Kerker verurteilt wurde. 1963 emigrierte er erneut – in die Schweiz, wo er 1975 starb. „Haben“, seinen subversivsten und vielschichtigsten Text (basierend auf einer wahren Begebenheit im Jahr 1929) schrieb er – in deutscher Sprache – zwischen 1934 und 1936 im Exil. Es ist ein erschreckendes, allem Witz zum Trotz grausames Stück über Werte und Klassenfragen, darüber, was käuflich ist im Leben, und was für Geld nicht zu haben ist: Das kapitalistische System, das hier von einer Hebamme errichtet wird, ist eine Zone, in der Vieles im Grau versinkt. „Haben“ wurde 1945 als erste Nachkriegspremiere im zerstörten Budapest gespielt. Und auch am Volkstheater gehörte es zu den ersten Premieren nach Kriegsende. Günther Haenels Inszenierung mit Dorothea Neff, Karl Skraup, Hans Putz und Marianne Schönauer führte zum ersten Theaterskandal der Zweiten Republik: Die Madonnenstatue als Giftdepot gab Anlass zu heftigem Protest, der in tumultartigen Szenen und einer Schlägerei gipfelte.

In einem kleinen ungarischen Dorf, dessen Äcker von feudalen Großgrundbesitzern wie von einem eisernen Gürtel umschlossen sind, sterben die Männer nämlich wie die Fliegen. Niemand ahnt, dass die Frauen des Dorfes hinter den Todesfällen stecken: Angetrieben von der Hebamme Képes vergiften sie ihre Männer aus Gier nach Besitz und persönlicher Freiheit. Auch die junge Árva Mari schreckt vor Mord nicht zurück, als sie um seines Besitzes willen den angegrauten Großbauer Dávid heiratet. Doch dann beginnt sich der Gendarm Daní, der in Mari verliebt ist, für das seltsame Männersterben zu interessieren …

Alföldi destilliert aus dem Text sowohl ewig gültige Aussagen über die menschliche Natur, macht ihn aber auch zu einer Abrechnung mit der gegenwärtigen politischen Lage seiner Heimat. Er erteilt Kapitalismus und Konsumgeilheit ebenso eine Absage, wie dem Nationalismus und der Angst vor einer allmächtigen Obrigkeit, dem Komitat. In einem Dorfantiidyll mit Grasböschung, Madonna hinter Glas, „Tarnzelten“ an den Seiten und einer Himmels-Leinwand (erdacht von Róbert Menczel) präsentiert er ein Sammelsurium seltsamer Figuren, Muttergottesanbeterinnen, die ihre engstirnigen, angesoffenen, übellaunigen Opfer fangschreckenwürdig zur Strecke bringen. Da wäre auch viel zum Thema Frauensolidarität und deren Mangelhaftigkeit angesichts männlichen Überlegenheitsgehabe zu sagen gewesen. Vom Weiberkampf zum Kampf zwischen den Weibern.

Doch Alföldi verzettelt sich. Eine Stunde fünfzehn Minuten dauert allein seine episch-elegische Exposition. Da wäre jede Naturdoku über Schwarze Witwen spannender. Er unterinszeniert sein Ensemblemonster (22 Darsteller), stellt auf der wimmelvollen Bühne die Figuren wenig bis gar nicht vor. Dem The-Walking-Dead-Syndrom entkommen nur die Schauspieler, die es aus eigener Kraft schaffen, aus ihrer Rolle einen Charakter zu formen. Das schaffen einige mit nur Drei-Satz-Auftritt. Etwa Claudia Sabitzer als Witwe Biró oder Inge Altenburger, die als Tante Rézi schon vier Männer unter die Erde gebracht hat oder Annette Isabella Holzmann, die als Zsófi, Dávids Tochter, nunmehr auch Maris Stieftochter, ihr Zuvielwissen ebenfalls mit dem Leben bezahlt. Alexander Lhotzky ist ein wunderbar abgeklärter Inspektor, Patrick O. Beck ein hasenfüßiger Hochwürden. Thomas Kamper ringt als Schulmeister mit dem Temperament seiner Frau. Rainer Frieb, wie immer in Hochform, malt sich seine Miniatur zur Kostbarkeit, als alter Politagitator Vágó. Andrea Bröderbauer und Aaron Friesz sind jeder für sich genommen gut. Sie, die binnen Tages von der unterdrückten Dienstmagd zur andere unterdrückende Gutsbesitzerin wird; er, der wiewohl auf der falschen Fährte, nur an mögliche Beförderung denkt. Als Liebespaar aber sind sie bis zum die Kehle zusammendrückenden Ende letztlich leidenschaftslos. Selbst eine Sexszene misslingt mangels Oberarmmuskulatur – ehrlich, in dem Winkel geht sich das nicht aus. Dann aber muss Dani einen Haftbefehl schreiben, für …

Die Inszenierung wäre völlig abgesoffen, hätte Alföldi nicht Erni Mangold als Motor. Mit ihr auf der Bühne nimmt die Sache Fahrt auf. Als Frau Képes, die Hebamme, gibt sie die Bigotte wie die Gifthexe. Tänzelt, lacht böse, verschlagen und teilt natürlich Schläge aus. Vor der Pause geht sie durch den Mittelgang des Zuschauerraums ab, diese schöne, unmögliche 88 Jahre junge Naturgewalt. Das Publikum jubelt ihr nach, wie es ihr beim Schlussapplaus zujubelt. Von ihr, von ihrem weiteren Schicksal hätte man gern mehr gesehen. Die echte Hebamme Gyuláné Fazekas entzog sich der Justiz durch Selbstmord. Mit Gift.

Aber Alföldi, dessen Arbeit auf wunderbare Weise die Relativität von Zeit oder Zeitdilatation bestätigt, befindet, dass nach mehr als 20 Minuten Spielzeitverlängerung so um 22.15 Uhr auch einmal Aus sein muss. Manche Pobacke wird es ihm gedankt haben. Andere mögen enttäuscht aufgerüttelt worden sein. Schließlich ist Theaterschlaf immer noch der beste Schlaf.

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Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=CGvsLofmEGU#t=43

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Wien, 28. 2. 2015

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 30, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Julia von Sell ist sensationell

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell Bild: Josef Gallauer

Michou Friesz, Moritz Vierboom, Julia von Sell
Bild: Josef Gallauer

Die Tonalität stimmt, nur das Verhältnis Konsonanz/Dissonanz ist längst verschoben. Sie ist ganz Diva in goldener Kleopatra-Abendrobe, dann wieder halbnacktes Kleinkind, das vom Sohn mit dem Schwamm gewaschen werden muss. Ihre Auftritte sind theatralisch, durchtrieben, bösartig; man weiß nicht: schmerzt es mehr, wenn sie lakonisch oder tyrannisch ist? Sie schwebt zwischen Sticheleien und Schreierei – alles Zeichen ihrer Depression. Irrsinnig. Julia von Sell ist als Rebekka Weér die Sensation der Inszenierung.

Die besorgte als deutschsprachige Erstaufführung der ungarische Regisseur Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgesetzt wurde: „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis. Die Weér war einmal wer. Budapests gefeierter Schauspielstar, Shakespeares Kleopatra. Als sich ihre Tochter Judit, eine begabte Violinistin, in den Westen absetzt, legt die Partei ihrer Bühnenheldin die Schlange an die Brust. Die lässt ihr Kind sogar pro forma beerdigen – doch Politik ist unerbittlich. Entlassung. Ersetzung durch eine Komparsin. Schmach und Schande. Fünfzehn Jahre selbst gewählte Einzelhaft in der Wohnung. Das heißt: So Einzel- ist die nicht, Rebekka bleibt noch ihr Sohn Andor als Opfer ihrer Launen …

Alföldi – eines der Themen, das er variantenreich durchspielt, lautet: Darf besondere Begabung alles? – und seine Bühnenbildnerin Anni Füzér haben dafür ein Metallgerüst, treppauf, treppab, mit hohen Maschendrahtzäunen, einen Gefängnishof geschaffen. Darin ein samtrotener Thron für die entthronte Königin. Und allerlei Zeug von Frühstücksgeschirr bis mottenzerfressenen Pelzmänteln, die im Laufe der Handlung auch noch das Zeitliche segnen werden. Zu dieser „Realität“ schafft Alföldi (alb-)traumhafte Bilder, Rückblenden, die das Geschehene erklären. Ganz wunderbar, wie er in dem von ihm erdachten Szenario die St. Pöltener Schauspieler und ihre Gäste zu Höchstleistungen führt.

Zunächst natürlich, denn er ist eigentlich die zentrale Figur der Geschichte, Andor, den angehenden Schriftsteller, der den Wahnsinn seiner Mutter zu Papier bringen will. Und zu ihrer Nervenberuhigung sogar falsche Briefe von Judit schreibt. Moritz Vierbooms stumme, stoische Verzweiflung, seine ausdrucksstarke „Ausdruckslosigkeit“ ist große Kunst. Nur manchmal bricht sich bei ihm der Zorn Bahn, aber das ebbt bald wieder ab, das hat er anders nicht gelernt. Er ist der Mann, umgeben von fünf Frauen. In Erinnerungen sieht er Judit (Marion Reiser), sie anklagend, dass sie ihn nicht mitgenommen hat. Sie erzählen einander von einer traurigen Kindheit, lieblos, verwahrlost im Sinne von allein, verlassen, Mauerblümchen gegen den lockenden Lorbeer. Doch die Mutter, die Patriarchin, fordert immer noch Dankesschuld von ihren Abkömmlingen. Wie ein Wiedergänger kommt auch der pragmatische, brutale Funktionär Genosse Fenyö (Michael Scherff) immer wieder vor. Dem alle untertänig entgegenkommen. Als Rebekka sich ihm zur Rettung der Karriere anbietet, spuckt er ihr ins Gesicht: „Bedecken Sie Ihre Brüste.“

Dann ist da Susi Stach als Juli, die gute Seele, die sich immer wieder neue Städtenamen für die Briefe ausdenken muss, und als Nutte mit Vogel. Er ist tot und heißt Rebekka. „Ficken“ (vor dem Four-Letter-Word wie vor sehr viel Nacktheit auf der Bühne darf man keine Scheu haben. Ein paar Zuschauer „flüchten“ darob in der Pause und versäumen einen paradiesisch-erbarmungslosen Theaterabend) will Andor sie nicht. So lebt man dahin in seinen Lebenslügen. Wären da nicht noch zwei Frauen: Andors Geliebte Eszter (Lisa Weidenmüller), eine ungarische Jüdin, sich in ihre Historie verbeißend, gleichzeitig sein Manuskript herausbringen wollend – so dringend will sie ihm erfolgsförderlich sein, dass sie sich sogar sein Kind „auskratzen“ lässt. Eine Darstellung, die Respekt verdient, wie Weidenmüller ihrer Figur mehr und mehr Profil abgewinnt. Ein Besuch bei Rebekka, auf dem sie besteht, wird selbstverständlich zum GAU.

Doch es kommt zum Kampf der Titaninnen: Michou Friesz mischt auch noch mit. Als Verlagsredakteurin Éva Jordán, die Andors Manuskript begutachten soll. Und sich darin wiederfindet? Friesz ist elegant, schön, sexy, ganz kühle Fassade. Mit einem bitteren Geheimnis dahinter. Sie will den jungen Autor in ihrem Schoß haben. Kriegt ihn auch. Eine Ménage à trois, wie es sie schon zwischen ihr, Rebekka und dem alten Weér gegeben hat. Die späte Rache einer ewigen Zweitfrau? Da beginnt Andors Zellauflösung, umso mehr als ein Brief vom Roten Kreuz bescheinigt, dass Judit nicht mehr auf dieser Erde, sondern unter ihr … Und er beginnt wieder die Mutter zu waschen … Geschichte ist Wiederholung. Und das Leben kennt kein Entrinnen.

Dem Landestheater Niederösterreich ist mit dieser Produktion eine der besten der diesjährigen Saison gelungen. Wer das nicht gesehen hat, hat was versäumt! Am Landestheater zu sehen bis 10. April.  Am 1. und 2. April als Gastspiel in der Bühne Baden.

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Wien, 30. 3. 2014

Róbert Alföldi im Gespräch

März 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Meine Mutter, Kleopatra

Róbert Alföldi  Bild: Gerald Lechner

Róbert Alföldi
Bild: Gerald Lechner

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, was große Diskussionen, nicht nur unter Ungarns Intellektuellen, auslöste, führt Regie am Landestheater Niederösterreich: “Meine Mutter, Kleopatra”, basierend auf dem Roman “Die Ruhe” von Attila Bartis. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach.

Der Inhalt: Die Karriere der gefeierten Budapester Schauspielerin Rebekka Weér, unvergeßlich in ihrer Rolle als Shakespeares Kleopatra, endet über Nacht, als sich ihre Tochter, eine hochbegabte Violinistin, in den Westen absetzt. Vom Parteiapparat unter Druck gesetzt, versucht sie – vergeblich – ihre Tochter zur Rückkehr zu bewegen. Um ihr eigenes Emporkommen nicht zu gefährden, erklärt sie die Tochter sogar für tot, „inszeniert“ ein Begräbnis. Doch ihre Entlassung vom Theater wird nicht rückgängig gemacht. Fünfzehn Jahre schließt sie sich immer mehr dem Wahnsinn ergebend in ihrer Wohnung ein. Bei ihr: Ihr Sohn, der die Geschichte des Stars als Schriftsteller zu Papier bringt. Und sich dabei in ein Netz aus Haß, Erpressung, Überwachung und Obsessionen verstricken lässt. Während draußen das politische System zusammenbricht …

MM:„Meine Mutter, Kleopatra“ liest sich wie die Entstehungsgeschichte von Attila Bartis’ Roman „Die Ruhe“, als hätte der Autor eine Dramatisierung vorgenommen, in der Andor beginnt, sein Buch zu schreiben. Sie haben den Stoff 2008 auch verfilmt, sind ihm also nahe. Haben beziehungsweise hatten Sie beim Film mit Bartis Kontakt, führten sie Gespräche – und worüber?

Róbert Alföldi: Attila Bartis nahm an den Vorbereitungen für den Film Teil, aber er hat es weitgehend akzeptiert, dass ein anderer Künstler seinen Roman bearbeiten will. Die Basis für die Bühnenfassung hat Bartis selber geschrieben.

MM: Es ist einerseits ein Lehrstück über die Sippenhaftung, die ein Regime über seine Bürger verhängt, andererseits setzt sich die öffentlich vollzogene Tyrannei durch Mutter Rebekka in der Familie fort. Stimmt darauf der Satz: Das Politische ist immer privat, das Private immer politisch?

Róbert Alföldi: Nur wenn man in einer Gesellschaft leben muss, in der die Politik auch das Private in der Hand haben will.

MM: Warum spielen Sie uns dieses Stück jetzt vor? Der Kommunismus ist doch in Ungarn nicht mehr das politische Leitthema. Man muss das Stück also auf eine universellere Ebene heben? Was ist diese Ebene für Sie?

Róbert Alföldi: Für mich erzählt das Stück nicht über Kommunismus, sondern darüber, wie jede Diktatur, egal welcher Farbe, die menschlichen Beziehungen kaputt machen kann, indem sie sich so aggressiv ins Private einmischt. Dieses Thema ist absolut universell, aber auch ein besonderes Leitthema des heutigen Ungarns.

MM: Und – Zusatzfrage: Was ist trotzdem das typisch Ungarische an „Meine Mutter, Kleopatra“? Ungarn hatte zwanzig Jahre Demokratie, dann ging es – man muss es sagen: mit großer Mehrheit gewählten – rechtspopulistischen Führern auf den Leim. Ist Demokratie zu schwierig für Ungarn?

Róbert Alföldi: Demokratie ist für jedes Land schwierig. Aber es gibt Länder, die in ihrer Geschichte wenig demokratische Erfahrungen  gemacht haben, und zu denen gehört auch Ungarn. Jahrhundertelang lebte dieses Land im Schatten einer Großmacht: die Türken, die Österreicher oder die Sovietrussen. Das ist nun mal Tatsache, aber keine Entschuldigung dafür, was heute in Ungarn passiert. Das hat nämlich viel mit mangelnder Vergangenheitsbewältigung zu tun, aber auch mit einer Art Faulheit und Feigheit, uns unserer Verantwortung als BürgerInnen einer Demokratie zu stellen.

MM: Der Text hat etwas Surreales, Albtraumhaftes. Wie setzen Sie das auf der Bühne um? Mit filmischen Elementen?

Róbert Alföldi: Es gibt keine filmischen Elemente, wir sind ja auf dem Theater. Ich hoffe sehr darauf, dass die ganz hervorragenden SchauspielerInnen, mit denen ich arbeite, jede Dimension des Stückes den ZuschauerInnen  vermitteln können.

MM: Wie Andor zwischen den beiden starrköpfigen, starken Frauen Rebekka und Eva steht, stehen Sie als Regisseur zwischen den starken Schauspielerinnen Julia von Sell und Michou Friesz. Wie geht’s Ihnen mit ihnen und dem Ensemble? Sie sollen ja ziemliches Temperament haben, oder, um ein Klischee zu bedienen, Paprika im Blut 😉 Kommt das gut?

Róbert Alföldi: Es kommt ausgezeichnet. Die erwähnten Kolleginnen sind wunderbar, wie auch jeder andere im Ensemble, mit dem ich das Glück habe hier zu arbeiten. Leidenschaft tut immer gut, dem Theater besonders, denn es ist eine Sache des Bauchgefühls. Ohne Leidenschaft lohnt sich nichts.

MM: Ihre erste Auslandsarbeit nach Ihrer Intendanz war „Die Möwe“  am Theater an der Rott, nun St. Pölten. Ist das Ihre Situation als Künstler jetzt: Zu reisen und zu inszenieren?

Róbert Alföldi: Es ist mir eine Ehre, in diesen Theatern arbeiten zu dürfen. Ich genieße es, andere Kulturen, andere Theater und Ensembles kennenzulernen und arbeite gern im Ausland. Dennoch wäre es mir gerade jetzt, wo es in meinem Vaterland so viele politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Probleme gibt, äußerst wichtig, dass ich vor allem in Ungarn arbeite.

MM: Können beziehungsweise wollen Sie in Ungarn arbeiten? Wie geht es Ihnen emotional? Sie haben ein Publikum zurückgelassen, das Sie und Ihre Arbeiten sehr liebt und schätzt.

Róbert Alföldi: Es gibt noch einige Häuser, die mich einladen, um dort zu inszenieren. Aber in einer Stadt auf dem Land zum Beispiel, wo ich früher einmal sehr erfolgreich inszeniert habe, und der Intendant mich für eine nächste Arbeit wieder eingeladen hat, wurde ihm das vom dortigen Bürgermeister verboten, und er hat leider gehorcht. Das finde ich schon traurig. Die wirklich persönlichen Beziehungen bleiben im Leben immer erhalten. Meine Emotionen sind erhöht. Das hat mit dem zu tun, was mir passiert ist und immer noch passiert, aber noch mehr damit, was in meinem Land passiert. Aber ich lecke nicht meine Wunden. Ich versuche, nach vorne zu schauen. Jetzt ist es zum Beispiel ein großes Glück, dass ich in St. Pölten arbeiten darf, die Stadt liegt nur dreieinhalb Stunden von Budapest entfernt. Da kann auch mein Publikum kommen, um sich Meine Mutter, Kleopatra anzusehen, und das werden sie auch tun.

MM: Im April sind Parlamentswahlen in Ungarn. Worauf hoffen Sie?

Róbert Alföldi: Realistisch kann ich nur darauf hoffen, dass die Rechtsextremen nicht mit mehr Stimmen ins Parlament kommen, und dass die regierende Partei wenigstens keine Zweidrittel- Mehrheit mehr haben wird.

Die Übersetzung des Interviews aus dem Ungarischen machte Anna Lengyel.

 BUCHTIPP

Attila Bartis: Die Ruhe, 300 Seiten, aus dem Ungarischen von Agnes Relle. Suhrkamp Verlag.

Attila Bartis‘ gefeierter Roman „Die Ruhethematisiert auf eindrucksvolle Weise nicht nur diese spezifische Familiengeschichte – ein Künstlerroman -, sondern setzt sie auch in den Kontext mit Ungarns politischer Wende. Die moderne und packende Dramatisierung zeigt die menschlichen und sexuellen Verstrickungen der handelnden Figuren und deckt schonungslos und mit tiefschwarzem Humor familiäre Abhängigkeiten auf.  Bartis, 1968 im rumänischen Siebenbürgen geboren, also Mitglied einer ungarischen Minderheit, erzählt seine Geschichte mit beklemmender Intensität. Dieser roman noir, der in manchen Zügen an Werke Sartres und Camus‘ erinnert, wird eines der bleibenden Bücher über die (derzeit) gescheiterte ungarische Revolution sein.

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Wien, 28. 3. 2014

Landestheater Niederösterreich: Meine Mutter, Kleopatra

März 26, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geliebter Róbert, gehasster Róbert

Róbert Alföldi Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi
Bild: Daniel Nemeth

Róbert Alföldi, der ehemalige Intendant des Ungarischen Nationaltheaters, der auf Drängen der Regierung Orbán zum Ende der Spielzeit 12/13 abgelöst wurde, führt Regie am Landestheater Niederösterreich. Und er lässt sich bitten: 23 Tage brauchen er und/oder seine Übersetzerin (er spricht nur Ungarisch) nun schon, um die Fragen von mottingers-meinung.at zu beantworten. In St. Pölten soll Alföldi „Meine Mutter, Kleopatra“, basierend auf dem Roman „Die Ruhe“ von Attila Bartis inszenieren. Mit Julia von Sell, Moritz Vierboom, Michou Friesz und Susi Stach. Es sei gerade alles sehr schwierig, hört man. Vielleicht geht’s in den Kulissen ja hoch her. Um die Wartezeit bis zur Premiere am 29. März (oder vielleicht kommen die Antworten ja doch noch) zu überbrücken, hier ein Artikel von Anna Frenyo aus der TAZ von 3. 9. 2013 (www.anna-frenyo.de):

Ungarns Ultrarechte hassen den Theatermann Alföldi. Als Intendant des Nationaltheaters in Budapest sind sie ihn losgeworden, als radikalen Künstler nicht. „Wo zum Teufel ist mein Kaffee?“, ranzt Róbert Alföldi seinen Produktionsassistenten an. Eine neue Probenwoche beginnt, und Alföldi hat schlechte Laune. „Steht hinter dir, Robi“, antwortet der Assistent gelassen. Alföldis zorniger Blick weicht einem freundlichen Grinsen. Im Hof der Budapester Sportarena lehnt er sich an die Motorhaube seines Autos und zündet sich eine Zigarette an. Sein kleiner Hund rennt schon in den Probensaal, über die Bühne und bellt vor Aufregung. Den Hund lieben alle.

Wo der preisgekrönte Alföldi künstlerisch zu Werke geht, kann mit vollem Haus gerechnet werden. Er ist ein kreatives Multitalent: Theater- und Filmregisseur, Schauspieler und Maler – zudem musikalisch begabt. In dem auch verfilmten Stück „Amadeus“ von Peter Schaffer dirigierte er selbst im Mozartkostüm das Orchester und spielte Klavier. Alföldis Genius scheint schier unerschöpflich – genauso wie der Hass, der ihm aus dem rechten Lager der ungarischen Gesellschaft bei allen seinen Projekten entgegenschlägt. An Alföldi verdichten und entladen sich die gesellschaftlichen Spannungen in Ungarn: Konservative und Rechte nennen sich gern „Heimattreue“ und bezeichnen Linke und Liberale als „Fremdherzige“ oder „Kommunisten“. Die christlich-konservative Kulturpolitik erklärt ein strammes Nationalgefühl zur Voraussetzung für künstlerische Qualität. Als Alföldis Vertrag als Intendant des Budapester Nationaltheaters Ende Juni – nach fünf Jahren – auslief, wurde der Posten neu ausgeschrieben.

Obwohl Alföldi sich beworben hatte, wurde er durch einen Nachfolger ersetzt, der den Vorstellungen der Regierung entspricht. Die Auswahlkriterien für die Bewerbung waren so angelegt, dass von Anfang an klar war, dass Alföldi nicht gewinnen konnte. Anlässlich seiner aktuellen Inszenierung von „Stephan, der König“ („István, a király“ wurde 1983 von Levente Szörényi und János Bródy geschrieben, inspiriert von „Jesus Christ Superstar“. Am vergangenen Freitag hatte Alföldis Inszenierung in Budapest Premiere. Die Besucher mussten an ca. hundert rechtsextremen Demonstranten vorbei, die sie als „Vaterlandsverräter“, „Schwulensäue“ und „dreckige Juden“ beschimpften. Auch Anhänger Alföldis demonstrierten. Das Regierungsmedium Magyar Nemzet sprach von „Demonstrationen extremistischer Gruppen“ und betonte die „Homosexuellenfreundlichkeit“ der Pro-Alföldi-Demonstranten) wurde Alföldi erst jüngst wieder aufs Heftigste in den Medien, über Facebook und auf Internet-Foren gebasht. Die Rockoper über Ungarns Staatsgründung ist für alle politischen Lager identitätsstiftend. Doch fungiert sie nicht als Kitt einer zerbröselnden Gesellschaft, sondern macht die Gräben erst recht sichtbar: Alföldis Kritiker meinen, ein Liberaler wie er dürfte das „Nationalheiligtum“ „Stephan, der König“ überhaupt nicht anfassen.

Bei der Probe wirkt der grauhaarige Regisseur, Mitte 40, Jeans und schwarzes T-Shirt, leger. Manchmal macht er kleine Späße, aber wehe, wenn einer aus dem Takt kommt oder sich nicht so bewegt wie er, Alföldi, sich das vorgestellt hat. Als plötzlich, während er den Tänzern etwas erklärt, Musik vom Technikpult ertönt, brüllt er los: „Das kann doch nicht wahr sein! Ich versuche mit 150 Tänzern zu arbeiten und ihr hört hier Musik!“ Die genervte Antwort des Dirigenten: „Robi, wir wollen ein technisches Problem lösen, damit du weiterarbeiten kannst.“ Wieder Alföldi: „Dann macht es in der Pause oder mit Kopfhörern!“ Ende der Durchsage. Alföldi behält für gewöhnlich das letzte Wort.

Aber er kann auch anders. Als Moderator einer Morgensendung im Fernsehen kam Alföldi zwischen 1998 und 2002 so gut rüber, dass er vor allem seiner empathischen Interviews wegen zum „Robi des ganzen Landes“ wurde. Auch in privaten Gesprächen mit seinen Kollegen kann er eine Herzlichkeit herstellen, dass die gar nicht anders können, als sich geliebt zu fühlen. Umso schockierender wirkt es dann, wenn Alföldi seine Schauspieler wie Sklaven behandelt. „Mach doch besser Puppentheater!“, empfahl ihm eine Schauspielerin nach seiner ersten Filmregie 2008, „dazu brauchst du keine Schauspieler.“ Alföldi schwankt zwischen Dr. Jekyll und Mr Hyde. Vom Publikum wird Alföldi entweder geliebt oder gehasst, kalt lässt er keinen. Seine Anhänger stehen stundenlang an, um Karten zu bekommen, seine Hasser organisieren Demonstrationen gegen ihn, den schwulen, skandalträchtigen Regisseur. Die rechtsextreme Oppositionspartei Jobbik hetzt auch gern im ungarischen Parlament gegen ihn – auf ihrer Agenda stand die Entfernung Alföldis als Intendant des Nationaltheaters ganz oben. Seine Inszenierungen jedoch fanden auch manchen konservativen Anhänger. So wurde einer der Verfasser von „Stephan, der König“, Levente Szörényi, auf ihn aufmerksam und bat ihn trotz aller politischen Differenzen, die von ihm und János Bródy komponierte Rockoper für das dreißigjährige Entstehungsjubiläum zu inszenieren.

Ohne den ersten König Stephan, der vor tausend Jahren herrschte, würde es Ungarn in seiner heutigen Form vermutlich nicht geben. Er ließ das Christentum einführen und stabilisierte das Land durch die Bindung an die Westkirche. Als das Werk 1983 uraufgeführt wurde, galt es als Freiheitssymbol, inspiriert von der Rockoper „Jesus Christ Superstar“, mit versteckter Kritik am kommunistischen Regime. Die Melodien von „Stephan, der König“ kennt in Ungarn jedes Kind. Komponist Szörényi erklärte die Wahl Alföldis damit, dass er wahre Kunst sehen wolle. Er habe die Nase voll von der in konservativen Kreisen hochgehaltenen „Nationalkunst“ und davon, dass jeder, der sich daran Kritik erlaube, gleich als Vaterlandsverräter abgestempelt werde. Als 1983 „Stephan, der König“ entstand, waren es die Parteifunktionäre, die sagten, wo es im kulturell-politischen Leben langzugehen hat. Diese Geisteshaltung lebt in konservativen ungarischen Kreisen fort, weshalb sich immer mehr Künstler vom Regierungskurs distanzieren. Alföldis Nationaltheater galt in Budapest als eine Insel der Andersdenkenden.

Der Intendantenwechsel war allerdings angesichts von Alföldis Persönlichkeitsstruktur nicht nur eine politische Entscheidung. Alföldi steht sich manchmal charakterlich selbst im Wege. Ende 2010 erlaubte er dem Rumänischen Kulturinstitut, das rumänische Nationalfest im Budapester Nationaltheater zu feiern. Ziemlich unsensibel. Denn bei diesem Fest wird der Anschluss Siebenbürgens an Rumänien 1918 gewürdigt, der für Ungarn den Verlust dieses Gebiets brachte und zu den wundesten Punkten seiner Geschichte gehört. „Dieses Fest im Budapester Nationaltheater zu feiern ist so, als wären Japans Luftstreitkräfte in Pearl Harbor zum Sektempfang geladen“, kommentierte der User eines Online-Forums. Alföldi gab nach, konnte aber die über ihn hereinbrechende Protestwelle dadurch nicht mehr aufhalten. Die rechtsextreme Jobbik-Partei demonstrierte vor dem Nationaltheater und bezeichnete Alföldi als krank und sein Theater als „Tempel der Perversität“. Das war im Dezember 2010.

Im Frühling 2011 untergrub der sogenannte Oralsex-Skandal Alföldis Stellung weiter: Eine Jobbik-nahe Journalistin hatte sich beschwert, dass es in einer seiner Inszenierungen eine – jedoch nur angedeutete – Oralsexszene gäbe, und gefragt, ob Alföldi das auch einem zwölfjährigen Kind zumuten wolle? „Jawohl, und Ihnen wünsche ich solchen Oralsex bis ans Ende Ihres Lebens“, antwortete er sarkastisch. Daraufhin wurde er zu dem für Kultur zuständigen Minister zitiert. Dieser jedoch stand zu Alföldi und seiner Aufführung, er durfte Intendant bleiben – vorerst. „Wie lange dulden wir noch, dass heimtückische, falsche Priester unter uns herumlaufen?“, fragt ein Lied in „Stephan, der König“. Das fragen sich auch im heutigen Ungarn viele. Vor tausend Jahren hatte Stephan den Clanältesten Koppány besiegt, der auf traditionellen, heidnischen Sitten beharrte. Die ungarischen Stämme standen vor der Entscheidung: weiter in althergebrachten Nomadenstrukturen zu verbleiben – und dabei zwischen den europäischen Feudalstaaten zermalmt zu werden – oder sich in ein eigenes Staatswesen römisch-christlicher Prägung einbinden zu lassen. Einen Kompromiss zwischen Stephan und Koppány konnte es nicht geben. Die eine Kultur musste die andere vernichten. Auch heute scheint es keinen Weg zur Versöhnung der politischen Lager in Ungarn zu geben. Die Zusammenarbeit zwischen dem konservativen Künstler Szörényi und Alföldi und ihr gemeinsames Rockoperprojekt darf man nicht überbewerten. In der derzeitigen Stimmung in Ungarn ist sie aber wenigstens ein kleines Hoffnungszeichen.

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Wien, 26. 3. 2014