Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft

April 25, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paradox-poetische Bilder einer harten Lebensrealität

Bild: Jerzy Palacz

Dieser Film handelt nicht von Tschernobyl, sondern von der Welt von Tschernobyl. Und über die weiß man sehr wenig; man weiß nicht, wie die Einheimischen „dort“ leben. Es gibt Dokumentationen über Wölfe, die sich in der nuklearen Wildnis wieder angesiedelt haben, über eine wuchernde Pflanzenwelt, über die Natur, die nach der Verwüstung durch den Menschen ihren Reflex zur Unterwerfung abgeworfen hat und nun ihr Recht eines Überlebenden einfordert.

Doch auch Männer, Frauen, Kinder, Wissenschaftler, Reaktormitarbeiter, Soldaten, deren Witwen vor allem haben im Ort ausgehalten. In Pol Cruchtens Dokumentation „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“, die ab 28. April in den heimischen Kinos zu sehen ist, kommen sie zu Wort. Sie erzählen von ihrem früheren Alltagsleben, dann von der Katastrophe, nun von ihrem neuen Alltagsleben. Ihre Stimmen bilden ein langes, furchtbares, aber unabdingbares Flehen nach einer Normalität, die es für sie nie mehr geben wird. Dokumentation ist als Wort sehr weit gegriffen. Die Grundlage für Cruchtens Film ist das gleichnamige Buch von Literaturnobelpreisträgerin Svetlana Alexijewitsch. Deren Stil, aus Interviews Romane entstehen zu lassen, kennt man. Der Film hat die Form ihrer Prosa, die Art ihrer collage-artigen Aufzeichnungen beibehalten.

Schauspieler, Dinara Droukarova, Iryna Volostyna, Vitaly Matvienko, tragen die Texte vor, teils aus dem Off, teils in Spielszenen. Einmal ist Droukarova die immer noch verliebte Frau eines verstorbenen Feuerwehrmanns. „Er veränderte sich. Ich traf jeden Tag auf einen anderen Menschen“, schildert sie seinen Spitalsaufenthalt. Und während sie erzählt, wie sich sein Körper in ein blutendes Nichts auflöste, zeigt die Kamera paradox-poetische Bilder. Paradiesisch-üppiges Grün, das sich der Häuserruinen bemächtigt, die bizarre Architektur kommunistischer Amtsstuben, der Reaktor, die harte Lebensrealität – romantisch im Sonnenuntergang. Das Schlimmste erspart einem diese ästhetische Optik, nicht aber die Frage: Ist das Hinhören allein angenehmer, ist das Wegblenden des Grauens legitim?

Vieles ist zu schrecklich, um es eigentlich auszuhalten. Babys, die mit Deformierungen und Aplasien geboren werden – und doch überleben müssen. „Komplexe Pathologie“ steht dann in den Arztberichten. Kinder, die nicht wissen, dass man „zu Hause“, nicht im Krankenhaus wohnt, und die mit ihren Puppen „Infusion“ spielen. Und überall Ehr/Furcht vor dem Gewesenen. Tschernobyl ist fantastischer als Science-Fiction. Alexijewitsch musste nicht auf-, nur mitschreiben.

Bild: Jerzy Palacz

Bild: Jerzy Palacz

Was Cruchten dazu zeigt, ist seltsam surreal. Eine Frau deckt ihre Kuh zum Schutz mit einer Plastikplane ab. Ein Mann nimmt seine Haustür als Talisman in die Evakuierung mit; sie wird zur Totenbahre für seine Enkelin werden. Das Skelett eines Rummelplatzes. Gasmasken, Spielzeug, Geschirr liegen in Haufen. Wie eine Museumsinstallation. Wie in einer Tschernobyl-Ausstellung. Eine unwirkliche Kulisse, als hätten die Russen, Erfinder des Futurismus, auch diese Kunstrichtung hervorgebracht. Und man beginnt zu begreifen, was es heißen mag, ein „Tschernobyl-Mensch“, heißt: eine Kuriosität zu sein. Immer wieder bleiben die Aufnahmen stumm, immer wieder ist Nacktheit ein Thema, der ausgelieferte Mensch, immer wieder berichten Spiegelbilder von der Vergänglichkeit.

Alexijewitsch freilich, und mit ihr Cruchten, haben auch politische Fußnoten anzubringen. Sie erzählen davon, wie Lähmung durch politischen Druck entsteht, wie Parteidisziplin plus Angst gleich Schweigen ist. Ein Protagonist versucht sich als Physiker und darin, das Zentralkomitee von den Vorfällen zu unterrichten. „Sobald ich den Unfall ansprach, wurden die Leitungen unterbrochen“, sagt er über seine Telefonate. Seine Aufzeichnungen verschwinden. „Die Zuständigen machen sich keine Sorgen um die Menschen, sondern um ihre Macht.“ Ein Soldat, der am Reaktor arbeitete, wartet immer noch auf sein Sterben. Er denkt es nicht mehr als Zufall. Das Denkmal für ihn, für die Helden von Tschernobyl, sieht aus wie ein Kriegerdenkmal. Die Kamera umkreist es. Die damalige sowjetische Nomenklatura benutzte diese Skavenmentalität, indem sie das gefügige Menschenmaterial skrupellos in den so deklarierten „Krieg aller Kriege“ warf, „dahingeschleudert wie Sand auf den Reaktor“, wie der Soldat sagt.

Dinara Droukarova als verwitwete Feuerwehrsfrau. Bild: Jerzy Palacz

Weder Buch noch Film verengen sich auf wohlfeile antisowjetische Polemik. 31 Jahre nach Tschernobyl, sechs Jahre nach Fukushima, stemmt sich „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ gegen das Vergessen des Ausmaßes nuklearer Katastrophen generell. Die Dokumentation rückt zwar die Geisterstadt und ihre Gespenster näher, sie ist ein kunstvoller Tryptichon von Stimmen.

Doch sie ist auch die Rekonstruktion des Gefühls, Verantwortlichen und deren Informationsverweigerung ausgeliefert zu sein. In einem Weißrussland unter dem diktatorischen Regime Lukaschenkos, es ist Alexijewitschs Heimat, darf „Tschernobyl – Chronik einer Zukunft“ bislang weder als Buch erscheinen, noch als Film gezeigt werden.  Und keine 100 Kilometer vom Unglücksort entfernt, ringen heute Russen und Ukrainer um die Krim …

www.tschernobyl-der-film.at

Wien, 25. 4. 2017

Literaturnobelpreis geht an Swetlana Alexijewitsch

Oktober 8, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Auszeichnung für eine Unbequeme

41MW7YNbazL._SX304_BO1,204,203,200_Der Literaturnobelpreis 2015 geht an die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch. Die Journalistin und Schriftstellerin werde für ihr vielstimmiges Werk geehrt, welches dem Leid und dem Mut unserer Epoche ein Denkmal setze, heißt es in der Begründung des Nobelpreiskomitees.

Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 in Stanislaw, ehemalige Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, geboren. Ihre Mutter war Ukrainerin, ihr Vater war ein weißrussischer Soldat, der nach seinem Ausscheiden aus der Armee mit seiner Familie nach Weißrussland zurückkehrte. Dort arbeiteten die Eltern als Lehrer in einem Dorf, wo Swetlana auch ihre Kindheit verbrachte. An der Weißrussischen Staatsuniversität in Minsk studierte sie bis 1972 Journalistik und arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“, eine Zusammenfassung individueller Stimmen als Collage des tagtäglichen Lebens.

Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011) und dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011). 2013 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Der Stiftungsrat ehrte damit „die weißrussische Schriftstellerin, die die Lebenswelten ihrer Mitmenschen aus Weißrussland, Russland und der Ukraine nachzeichnet und in Demut und Großzügigkeit deren Leid und deren Leidenschaften Ausdruck verleiht“, so die Jurybegründung. Weiterhin „lasse sie in ihren Berichten über Tschernobyl, über den sowjetischen Afghanistankrieg und über die unerfüllten Hoffnungen auf ein freiheitliches Land nach dem Auseinanderbrechen des Sowjetimperiums in der tragischen Chronik der Menschen einen Grundstrom existentieller Enttäuschungen spürbar werden.“

Buchtipps:

Der Krieg hat kein weibliches Gesicht: Darin wandte Alexijewitsch ihren „Roman in Stimmen“ anhand ihrer Interviews über Schicksale sowjetischer Soldatinnen im  Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal an. Die Frauen schildern die unheroische Seite des Krieges, die üblicherweise in Erzählungen und Erinnerungen ausgeblendet wird. Im Gegensatz zu den Männern, die aus dem Krieg zurückkehrten, galten die Soldatinnen keineswegs als Heldinnen, vielmehr begegnete man ihnen mit Misstrauen, ja mit Verachtung. Swetlana Alexijewitsch gibt den Frauen in diesem erschütternden Buch erstmals eine Stimme. Die sowjetische Zensurbehörde klagte sie infolgedessen an, die „Ehre des Großen Vaterländischen Krieges“ beschmutzt zu haben.

Die letzten Zeugen: Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen Männer und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland noch Kinder waren, zum ersten Mal darüber, woran sie sich erinnern. Ihre erschütternden Berichte vom Krieg machen „Die letzten Zeugen“ zu einem eindringlichen Antikriegsbuch.

Zinkjungen: Der Krieg, den die UdSSR 1979–1989 in Afghanistan führte, gilt als das „sowjetische Vietnam“. Eine Million Soldaten durchlebte das Grauen, mindestens 50.000 starben. Das Regime selbst verschwieg der Öffentlichkeit die brutale Realität des Kriegs. So wurden die verstümmelten Leichen der gefallenen Soldaten den Angehörigen nur in zugeschweißten Zinksärgen übergeben. Umso schockierter reagierte die Gesellschaft in Russland, als zu Beginn der 1990er Jahre das wahre Ausmaß der Tragödie bekannt wurde – auch durch Alexijewitschs mutiges Buch. Darin lässt sie überlebende Soldaten, Krankenschwestern, Witwen und Mütter von Gefallenen zu Wort kommen und führt den Leser das Trauma einer ganzen Gesellschaft vor Augen. Ab 1992 musste sie sich für dieses Buch mehrfach in Minsk vor Gericht verantworten; zu einer Verurteilung kam es aber nicht. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10015

Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus: Der Kalte Krieg ist seit mehr zwanzig Jahren vorbei, doch das postsowjetische Russland sucht noch immer nach einer neuen Identität. Während man im Westen nach wie vor von der Gorbatschow-Zeit schwärmt, will man sie in Russland am liebsten vergessen. Inzwischen gilt Stalin dort vielen, auch unter den Jüngeren, wieder als großer Staatsmann, wie überhaupt die sozialistische Vergangenheit immer öfter nostalgisch verklärt wird. Für Swetlana Alexijewitsch leben die Russen gleichsam in einer Zeit des „secondhand“, der gebrauchten Ideen und Worte. Wie ein vielstimmiger Chor erzählen die Menschen von der radikalen gesellschaftlichen Umwälzung in den zurückliegenden Jahren.

Alle Bücher sind bei Hanser Berlin erschienen. www.hanser-literaturverlage.de

Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft: Über mehrere Jahre hat Swetlana Alexijewitsch Menschen befragt, deren Leben von der Tschernobyl-Katastrophe gezeichnet wurden. Entstanden sind eindringliche psychologische Portraits – literarisch bearbeitete Monologe -, die von Menschen berichten, die sich ihre Zukunft in einer Welt der Toten aufbauen müssen.

Erschienen im Berlin Verlag. www.berlinverlag.de

www.nobelprize.org

Wien, 8. 10. 2015

Swetlana Alexijewitsch: Zinkjungen

Juni 27, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Moskaus Vietnam

Alexijewitsch_24528_MR.inddGeschichte hat immer auch mit „Nicht vergessen“ zu tun. Und das hat Swetlana Alexijewitsch mit ihrem Buch „Zinkjungen“ eindrucksvoll getan, das nun in erweiterter, aktualisierter Neuauflage vorliegt. Der Anlass ist ein aktueller: Die russische Annexion der ukrainischen Krim. Die gesamte Welt wurde vor vollendete Tatsachen gestellt. Der Konflikt zwischen beiden Staaten schwelt weiter.
Der Krieg, den die damalige UdSSR 1979–1989 in Afghanistan führte (Vorgeschichte und Kriegsfolgen siehe unten), gilt als das „sowjetische Vietnam“. Eine Million Soldaten durchlebten das Grauen, mindestens 50.000 starben. Der Anlass zum Einmarsch war bei den Haaren herbeigezogen. Dafür sollte alles rasch erledigt sein. Doch die Machthaber in Moskau irrten. Ein jahrelanger Krieg mit schließlich leisem Rückzug der Supermacht waren das Ergebnis.
Das Regime selbst verschwieg der Öffentlichkeit die brutale Realität. So wurden die verstümmelten Leichen der gefallenen Soldaten den Angehörigen schon bald nur in zugeschweißten Zinksärgen übergeben. Aufmachen verboten! Umso schockierter reagierte die sowjetische Gesellschaft, als Anfang der 1990er Jahre das wahre Ausmaß der Tragödie bekannt wurde – nicht zuletzt durch Alexijewitschs mutiges Buch „Zinkjungen“. Darin lässt die gebürtige Weißrussin überlebende Soldaten, Krankenschwestern, Witwen und Mütter von Gefallenen zu Wort kommen und führt den Leser so das Trauma einer ganzen Gesellschaft vor Augen. Da sitzt etwa ein junge Soldat ohne Arme im Lazarett, daneben einer ohne Beine, der für ihn einen Brief an dessen Mutter schreibt oder eine Zivilbeschäftigte erzählt, dass sie nach Afghanistan gegangen ist, weil sie alles geglaubt hat, was in der Zeitung steht oder eine Mutter berichtet über ihren zurückgekehrten, traumatisierten Sohn, der eines Abends mit dem Küchenbeil einen Menschen zerstückelt.
Die Motive der Soldaten waren unterschiedlich. Viele junge Rekruten wurden einfach eingezogen und nach Afghanistan geschickt. Dass sie dort Kanonenfutter waren, begriffen einige recht schnell. Doch gegen die Einberufung und das System Widerstand zu leisten war fast unmöglich. Allerdings: Auch in der UdSSR konnte man seine Lieben „freikaufen“. Mit den nötigen Kontakten und einer dicken Geldbörse war vieles möglich. Manche gingen freiwillig. Die meisten Soldaten glaubten anfangs – wie es der Breschnew’sche Propagandaapparat postulierte – ihre internationale Pflicht erfüllen zu müssen und dem sozialistischen Nachbarvolk gegen eine vor der Tür stehenden US-Intervention zur Seite zu stehen. Haben nicht auch das Pentagon und mehrere US-Präsidenten den US-Boys in Vietnam, tausende Kilometer entfernt von ihrer Heimat, eingetrichtert, in einem kleinen ostasiatischen Staat für die Sicherheit der Vereinigten Staaten zu kämpfen und ihr Land gegen die „rote Gefahr“ zu verteidigen? Doch auf den Hurra-Patriotismus folgte hier wie dort rasch die Ernüchterung. Was haben wir in Afghanisten/Vietnam zu suchen? Frieden bringen? Und zu welchem Preis?
Aber nicht nur die UdSSR hat Afghanistan den Krieg erklärt, auch Swetlana Alexijewitsch wurde nach dem Erscheinen der „Zinkjungen“ von einflussreichen Kreisen der Krieg erklärt. Die Schriftstellerin wurde beschuldigt, einige Berichte von „Afghanen“ (so wurden die Sowjetkämpfer genannt) und deren Mütter verzerrt und verfälscht zu haben. Im Jänner 1992 begann der Prozess gegen die Autorin im weißrussischen Minsk. Interessantes Detail: Die Pressemeldung über den Beginn des Prozesses war geschrieben, noch bevor die Richterin selbst eine Akte zum Fall angelegt hatte! Der Prozess dauerte mehr als ein Jahr. Den Klagen zweier Personen auf Verletzung von Ehre und Würde wurde teilweise stattgegeben, Alexijewitsch’s Antrag auf ein literarisches Sachverständigen-Gutachten vom Gericht abgelehnt. Die Autorin hat den Gerichtssaal vor Prozessende mit den Worten verlassen: „Als Mensch habe ich um Verzeihung gebeten dafür, dass ich Schmerz bereitet habe … Als Schriftstellerin kann ich nicht, habe ich nicht das Recht, für mein Buch um Verzeihung zu bitten. Für die Wahrheit!“

Über die Autorin:
Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, u.a.1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011) und dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011). 2013 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Weitere Bücher der Autorin: „Die letzten Zeugen. Kinder im Zweiten Weltkrieg“, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ und „Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“. Alle erschienen bei Hanser Berlin

Hanser Berlin, Swetlana Alexijewitsch: „Zinkjungen “, 320 Seiten. Aus dem Russischen übersetzt von Ingeborg Kolinko und Ganna-Maria Braungardt

www.hanser-literaturverlage.de

Kurze Geschichte des Afghanistan-Krieges

Am 17. Juli 1973 wird König Mohammed Sahir Schah während seines Italien-Aufenthalts abgesetzt und sein Cousin und langjähriger Ministerpräsident Mohammed Daoud Khan übernimmt die Macht. Unterstützt wird er von der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistans.
Ab 1977 nehmen die Spannungen zwischen den auf Druck der sowjetischen Regierung wiedervereinten rivalisierenden Fraktionen der afghanischen Kommunisten (die Nur Muhammad Taraki und Hafizullah Amin geführten paschtunisch geprägten Chalqis und die Partschamis unter Babrak Karmal) und dem Regime Daoud , das eine auf Blockfreiheit  ausgerichtete Außenpolitik betreibt, zu.
Nach der Ermordung eines KP-Ideologen kommt es zum Putsch gegen Daoud (Saur-Revolution), der zusammen mit seiner Familie ermordet wird (28. April 1978).
Die Spannungen innerhalb der Kommunisten eskalieren erneut. Die Chalqis gewinnen den innerparteilichen Machtkampf und säubern die Partei von Angehörigen des Partscham-Flügels. Mit Hafizullah Amin an der Spitze versuchen sie mit brutalen Mitteln eine revolutionäre Transformation des Landes. Amin verliert die Unterstützung der UdSSR. Deren Versuch, Amin durch eine Koalition von Taraki und Karmal abzulösen, schlägt fehl. Amin lässt Taraki ermorden und sendet in der Folge positive Signale an die Vereinigten Staaten. Im Land herrscht Chaos. Moskau entscheidet sich schließlich für die Invasion (einigen Game-Theory-Theoretikern zufolge wurde die UdSSR in eine u.a. vom CIA gründlich vorbereitete Falle gelockt: „Jetzt haben wir sie – die Russen – dort, wo wir sie haben wollen“). Die Rote Armee marschiert im Dezember 1979 in Afghanistan ein, Amin wird im Präsidentenpalast getötet, Babrak Karmal von Moskau als neuer afghanischer Präsident eingesetzt. Die Sowjetunion erklärt, ihre Truppen nach der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung binnen weniger Monate wieder abzuziehen. Fast zehn Jahre Besatzung sollten folgen. Die Bilanz: Weite Teile des Landes wurden verwüstet, mindestens eine Million Afghanen kam ums Leben, dazu 50.000 sowjeische Soldaten, Millionen Menschen verloren ihr gesamtes Habe, viele flohen nach Pakistan und in den Iran. Schon bald nach dem Einmarsch formiert sich die Opposition – bestehend aus Royalisten, Nationalisten, regionalen Warlords und Islamisten. Den besonders von Saudi-Arabien, aber auch von den USA und anderen Staaten militär-technisch und finanziell unterstützten Mudschahidin, schließen sich immer mehr islamistische Kämpfer aus arabischen/islamischen Staaten an – einer davon: Osama bin Laden. Die Saat für die künftige Taliban-Bewegung ist gesät. Militärisch tritt Mitte der 80er Jahre eine Pattsituation ein.

Unter der neuen Führung Michail Gorbatschows arbeitet die UdSSR schrittweise auf einen Truppenabzug hin. Karmal wird durch Muhammid Nadschibullah ersetzt, der eine nationale Aussöhnung einleiten soll. Die im April 1988 von Afghanistan, Pakistan, der Sowjetunion und den USA unterzeichneten Genfer Abkommen legen schließlich einen vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen bis zum Februar 1989 fest.
Auch nach dem sowjetischen Abzug ist von Frieden keine Rede. Die Kämpfe zwischen den Aufständischen und der weiterhin durch sowjetische Lieferungen gestützten Zentralregierung halten an. Die Auflösung der UdSSR 1991 und das damit verbundene Ende der sowjetischen Hilfe, zieht rasch den Zusammenbruch der Zentralregierung in Kabul nach sich. Nadschibullah wird 1992 abgesetzt, 1996 von den neuen Machthabern, den Taliban, ermordet.
Im folgenden Bürgerkrieg erweisen sich die Taliban als stärkste Kraft. 1996 erobern sie Kabul, übernehmen die Macht im Großteil des Lande und errichteten einen auf einer extremen Auslegung der islamischen Scharia  basierenden islamischen Gottesstaat. Zunehmend gerät die Taliban-Bewegung unter den Einfluss von Osama bin Laden und der von ihm geführten Al Qaida. Der Bürgerkrieg geht weiter. Als Reaktion auf die durch Mitglieder der Al Qaida verübten Anschläge vom 11. September 2001  interveniert im Oktober eine US-geführte Koalition. Sie führt zum Sturz der Taliban-Regierung und leitet mit der Stationierung von NATO-Truppen eine neue Phase direkter ausländischer Beteiligung am afghanischen Konflikt ein.
Am 9. Oktober 2004 wird Harmid Karzai mit einer Mehrheit von mehr als 55 % der abgegebenen Stimmen zum Präsidenten gewählt und im August 2009 wiedergewählt.
Am 14. Juni 2014 findet die Stichwahl zum Präsidentenamt zwischen dem früheren Außenminister Abdullah Abdullah und dem ehemaligen Finanzminister Ashraf Ghani Ahmadzai statt. Abdullah gilt als Favorit. Erste vorläufige Wahlergebnisse werden vorrausichtlich am 2. Juli bekannt gegeben, einen Monat später wird der neue afghanische Präsident vereidigt.

Buchtipps:
„The Afghanistan Wars“, William Maley
„Afghanistan – The Soviet War“, Edward R. Girardet
„Sturz ins Chaos“, Ahmed Rashid

Corinna Harfouch: Große Liebesgeschichten

Mai 3, 2013 in Buch, Tipps

Lesung am Landestheater NÖ in St. Pölten

Corinna Harfouch  Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Corinna Harfouch
Bild: (c) Thomas Ammerpohl

Von großen Liebesgeschichten berichtet die große Schauspielerin Corinna Harfouch am 7. Mai im Landestheater Niederösterreich: Harfouch liest von Etel Adnan die Erzählung „Die Macht des Todes“, in der sie uns mit der Form von Liebe konfrontiert, bei der Banalitäten keinen Platz haben. „Eine einsame menschliche Stimme“ ist dem Band „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ von Swetlana Alexijewitsch entnommen. In literarischen Monologen, die aus Gesprächen entstanden sind, zeichnet sie Porträts von Menschen, die von der Reaktorkatastrophe direkt betroffen sind. Es entsteht ein ungeheuerliches Requiem der Klage und der Anklage, mit dem sich die Autorin ohne Zweifel neben Tschechows „Die Insel Sachalin“ und Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ gestellt hat, wie die Frankfurter Rundschau schreibt.

Die Autorinnen Etel Adnan, geboren 1925 in Beirut, ist Kosmopolitin: Als Kind eines syrischen Vaters und einer griechischen Mutter erfährt sie schon früh, was es heißt zwischen verschiedenen Kulturen aufzuwachsen. Etel Adnan studierte an der Sorbonne, in Berkeley und Harvard Philosophie. Sie lebt in Paris und Kalifornien.

Swetlana Alexijewitsch wurde 1948 im ukrainischen Iwano-Frankiwsk als Tochter eines Weißrussen und einer Ukrainerin geboren. Sie arbeitete als Reporterin für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Über ihre Interviews fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem halbdokumentarischen „Roman in Stimmen“. Seit 2000 lebt sie mit Unterbrechungen im westlichen Ausland.

Die Schauspielerin Corinna Harfouch gehört zu den wichtigsten Bühnen- und Filmdarstellerinnen Deutschlands. Nach dem Schauspielstudium arbeitet sie mit Ruth Berghaus und Heiner Müller und findet im Berliner Ensemble eine erste wichtige Wirkungsstätte. Seit 1991 ist Corinna Harfouch freie Schauspielerin, gastiert am Deutschen Theater, der Schaubühne Berlin, dem Stuttgarter Staatsschauspiel und vielen anderen Bühnen. Als Filmdarstellerin ist sie in Filmen von Margareta von Trotta, Michael Gwisdek, Bernd Eichinger, Tom Tykwer, Andreas Dresen und Matthias Glasner zu sehen. Ihre Filme, wie aktuell „Was bleibt“ von Christian Schmid, gelangen zur Berlinale und anderen wichtigen Filmfestivals. Corinna Harfouch wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet (u. a. Gertrud-Eysoldt-Ring, Deutscher Filmpreis, Bayerischer Filmpreis, Schauspielerin des Jahres 1997).

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 5. 2013