Kammerspiele: Mord im Orientexpress

November 23, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hercule Poirot und die Frauenpower

Der berühmte Detektiv vor dem ebensolchen Zug: Siegfried Walther als Hercule Poirot und Markus Kofler als Schaffner Michel; hinten: Martin Niedermair und Paul Matić. Bild: Astrid Knie

Einen Whodunit, bei dem mutmaßlich jeder weiß, wer’s war, auf die Bühne zu bringen, ist ein beachtliches Wagnis. Nach der Romanveröffent- lichung vor nunmehr 85 Jahren und diversen Verfilmungen, darunter die Oscar-prämierte All-Star-Produktion von Sidney Lumet und ein nicht weniger prominent besetztes, von Kenneth Branagh mittels eigener Eitelkeit dennoch gemeucheltes Remake, ist Agatha Christies „Mord im Orientexpress“ nun als deutschsprachige Erstaufführung an den

Kammerspielen der Josefstadt zu sehen. Als Premierenfrage stellte sich die, da sich die Spannung hinsichtlich Tätersuche in Grenzen hält, wie es Regisseur Werner Sobotka und Ensemble gelingen kann, den Luxuszug Fahrt aufnehmen zu lassen; nach erfolgter Ermittlung zwischen Schlaf- und Salonwagen lässt sich ein Teilerfolg festhalten, erzielt durch Coupé-weises glänzendes Schauspiel, doch ist die Inszenierung insgesamt eine recht altbackene, besser als verstaubt passt wohl: verschneite Adaption des Krimiklassikers, optisch mit Eisenbahndampf, Schneegestöber und vorbeiziehender Landschaft als Hommage an die Kinovorbilder umgesetzt.

Kein Geringerer als US-Dramatiker Ken Ludwig, dessen Komödie „Othello darf nicht platzen“ dem Haus beinah 20 Jahre lang einen Kassenschlager bescherte, hat das Buch für die Bühne bearbeitet, und dabei die Zahl der Verdächtigen wie die der Messerstiche auf acht geschrumpft. Aber – die Figuren fehlen einem nicht nur, weil Fan, sondern auch dem Fortgang und der Folgerichtigkeit der Geschichte, die hantige Prinzessinnen-Zofe Hildegard Schmidt, der agile Geschäftsmann Antonio Foscarelli, der vornehme Graf Rudolph Andrenyi, der Arzt Dr. Stavros Constantine – wegen dessen Streichung die Gräfin Andrenyi brevi manu zur Medizinerin upgegradet wird …

Man entdeckt das Mordopfer: Lohner, Matić, Kofler, Nentwich und Niedermair. Bild: Astrid Knie

Poirot bei seiner typischen Abendtoilette mit Haarnetz und Bartbinde: Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

Mary wird verarztet: Krismer und Klamminger, Lohner, Nentwich, Matić, Walther und Maier. Bild: Astrid Knie

Umso absonderlicher ist, dass trotz Personalkürzung und einer Spieldauer von mehr als zwei Stunden, den Charakteren kaum Kontur verliehen wird, und die vielfach gebrochenen und ineinander verstrickten Biografien der Figuren nicht näher untersucht werden. Bis auf Ulli Maiers hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard bleibt die illustre Gesellschaft ziemlich eindimensional und allzu oft dort auf lautstarken Klamauk eingeschworen, wo die Verschwörer durch ihre Spleens und Schrullen auf sich aufmerksam machen sollten. Simpel ersetzt subtil, auch am Ausdruck hapert’s, von Agatha Christies köstlich-kühler Stiff-Upper-Lip-Sprache bleibt zumindest in der deutschen Übersetzung nicht viel, und auffallen Sätze wie, Hercule Poirot zu Miss Debenham: „Sie hat recht …“, wo der belgische Meisterdetektiv bestimmt „Mademoiselle hat recht …“ formuliert hätte.

Als dieser erforscht Siegfried Walther den Mord am zwielichtigen Samuel Ratchett, und er tut das auf seine sympathische, liebenswürdige Weise, indem er das mitunter hochnäsig näselnde Auftreten seiner Rolle einfach mit Charme und ein wenig Tapsigkeit unterwandert, um mit derart Noblesse die noble Bande in die Enge zu treiben. Angetan mit den historisch korrekten Kostümen von Elisabeth Gressel und unterwegs im Nostalgiebühnenbild von Walter Vogelweider, beide von den obligaten Bartbinde und Haarnetz bis zum filigranen Jugendstildekor detailverliebt, zweiteres per 180-Grad-Wende vom Speise- zum Wag(g)on-Lits wechselnd, sind:

Johannes Seilern als galgenhumoriger Eisenbahndirektor Monsieur Bouc, Paul Matić als erst mafiös brummelnder Samuel Ratchett, nach dessen Ableben als militärisch stoischer Oberst Arbuthnot, Martin Niedermair als hektisch-ängstlicher Ratchett-Sekretär Hector MacQueen und Markus Kofler als so undurchsichtiger wie diensteifriger Schaffner Michel. Womit es Walthers Poirot aber tatsächlich zu tun bekommt, ist geballte Frauenpower. Allen voran Ulli Maier, deren wohldosiert ordinäre Mrs. Hubbard das Highlight des Abends ist, eine reiche, ergo resolute Amerikanerin auf Männerfang, wie sie durch anzügliches Gesichter-Schneiden Richtung Michel immer wieder verdeutlicht, aber auch die anderen Mesdames begnadete Künstlerinnen im Intrigenspiel.

Eine hinreißend nervtötende Mrs. Hubbard: Ulli Maier mit Markus Kofler, Siegfried Walther und Johannes Seilern. Bild: Astrid Knie

Tätersuche im Salonwagen: Therese Lohner, Marianne Nentwich, Siegfried Walther und Ulli Maier. Bild: Astrid Knie

Marianne Nentwich ist als Prinzessin Dragomiroff nie verlegen um markige Sprüche, die die Blaublütige knochentrocken zum Besten gibt. Michaela Klamminger, die bereits bei ihrem „Der Vorname“-Debüt positiv auffiel, macht aus der Gräfin Andrenyi keine Riechfläschchen-Nervöse, sondern eine patente junge Frau mit Hang zum Zupacken, ebenso Alexandra Krismer, die die Mary Debenham als kecke, selbstbewusste Britin spielt. Therese Lohner hat im Gegensatz dazu als Greta Ohlsson die Lacher auf ihrer Seite; mit der grotesken Ausgestaltung der bigott-verhuschten Missionarin gelingt ihr ein vor schriller Hysterie schillernder Spaß jenseits der Erinnerung an die brillante Ingrid Bergman.

Fazit: Werner Sobotka hat seinen „Mord im Orientexpress“ mit großen Stricknadeln gestrickt, er bevorzugt Amüsement vor Suspense, die Darstellerinnen und Darsteller dabei allzeit bereit zu boulevardbetriebenem Powerplay. Während also alle miteinander den Fahrhebel bis zum Anschlag hochkurbeln, hat sich Knall auf Fall der Fall auch schon erledigt. Die Aufklärung des Verbrechens passiert auf Video. Die Lösung ist eine einfache, nämlich dass dieses Agatha-Christie-Stück den Kammerspielen den nächsten Publikumserfolg bescheren wird. Der Applaus und der Vorverkauf lassen jedenfalls darauf schließen.

Video: www.youtube.com/watch?v=eW5H70YWqMs           www.josefstadt.org

  1. 11. 2019

brut im Gewerbehaus – Nestervals „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“

November 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Nervensanatorium wird die Stille zur Mord-Nacht

Lauter nette Leit: Performer Astôn Matters aka Herr Rainer empfängt die Weihnachtsgäste in seinem Patientenzimmer. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Um die frohe Botschaft als erstes zu verkünden: Weil die Tickets in kürzester Zeit weg waren, hat Nesterval von 18. 11. bis 12. 12. neun Zusatztermine hinzugefügt. Die Expertentruppe für immersives Theater, die Vorgänger- produktion „Das Dorf“  ist für den Nestroy-Spezialpreis nominiert (www.mottingers-meinung.at/?p=35311), lädt – auch diesmal in Kooperation mit brut Wien –  ins Gewerbe- haus zum Performance-Abenteuer „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“.

Eine weitere Episode aus der Geschichte der sagenumwobenen Familiendynastie, deren künstlerischer Teil sich mit Vorliebe dem Zirkus zuwandte, während die eigentlich Porzellanmacher sich im Zweiten Weltkrieg der Herstellung von Waffen widmeten – mittels Einsatz von Zwangsarbeitern, weshalb sich Magda Nesterval bei den Nürnberger Prozessen strafrechtlich verantworten musste. Tochter Martha entriss der Mutter schließlich die Vorstandsposition; ein Großteil des Vermögens ging in den „Nesterval Fonds für karitative Zwecke“ über – doch dann passierten die bis heute ungelösten Todesfälle im Familienhospiz Engel …

Soweit die Historie zur nun vom Ensemble dargebotenen Story. Es ist das Jahr 1954, es ist Weihnachten, und Anstaltsleiterin Oberschwester Martha Nesterval holt Freunde und Förderer des Hauses zum Christfest ins Nesterval’s Sanatorium Grimm. Keine Geringeren als die Gebrüder Jacob und Wilhelm haben für die Einrichtung eine Behandlungsform ausgeklügelt, die den Patientinnen und Patienten ein zu ihren psychischen Störungen passendes Märchen zuteilt – und die Besucher sind nun herzlich aufgefordert, sich mit dieser Therapie vertraut und mit den Pfleglingen bekannt zu machen.

Wie stets auf dem schmalen Grat von Fakt und Fiktion balancierend, geleiten einen 23 Performer, Drag Artists und Schauspieler durch den Abend, wobei das Publikum von Fräulein Stulle aka Martha Nesterval, der freundlichen Schwester Tabea, ist gleich Julia Fuchs, und den Geschwistern Berger, der herrischen Sibille, der hantigen Elsa und dem für die Punsch-Ausschank im Frühstücksraum zuständige Hons (Pamina Puls, Sabine Anders und Lu Ki), empfangen und zwecks Besichtigung per bunten Armbinden in Kleingruppen aufgeteilt wird. Eines der Dinge, die erfährt, wer aufmerksam zuhört, ist, dass die jene Namen nur angstvoll wispernden Patienten die Bergers als „die teuflischen Drei“ titulieren.

Die Insassen des Sanatoriums sind nämlich weit weniger irre, als von ihnen behauptet wird, und wieder einmal haben Herr Finnland und sein aus Autorin Frau Löfberg und Ausstatterin Andrea Konrad bestehendes Leading Team ein Denk-Spiel erdacht, das es zwischen Krippenspiel und dem „Wichteln“ genannten Verteilen kleiner Geschenke zu durchschauen gilt. Sachte und sensibel heißt es nun zu den verstörten Seelen vorzudringen. Des Rätsels Lösung lautet, je mehr man interagiert, Fragen stellt und Schlüsse zieht, desto erkenntnisreicher gestaltet sich die Sache, also ausschwärmen und Informationen einholen, schließlich gibt es für die siegreiche Mann- und Frauschaft ein Präsentpaket zu gewinnen.

Willy Mutzenpachner aka Herr Friedrich flüchtet vor Männern bis auf den Kaminsims. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Herr Finnland und Frau Löfberg vor den Weihnachtssocken, in denen die Tätertipps deponiert werden. Bild: © Alexandra Thompson für Nesterval

Nachdem man sich derart durch die Verhaltensregeln studiert hat, vom Personal vorm notorischen Lügner mit dem Gestiefelten-Kater-Syndrom gewarnt und punkto der Selbstmordabsichten des von Andy Reiter verkörperten Herrn Anton beruhigt, vom Pulloverzipfel zuzelnden Helmut des Herrn Walanka zur Krippe geführt und über seine Funktion als König Melchior beim folgenden Spiel in Kenntnis gesetzt wurde, beginnt ebendieses. Aber: ein Schrei, Antons entleibter Körper liegt im Stiegenhaus, ein Schwächeanfall ob der Aufregung beschwichtigt Fräulein Martha.

Doch wer Augen hat zu sehen – um an dieser Stelle die Offenbarung des Johannes zu zitieren. Zur Ablenkung der Gäste dürfen diese nun die Patientenzimmer und Behandlungsräume inspizieren, jedes einzelne mit Röhrenradio oder einstmals als „Psyche“ bezeichneter Spiegelkommode bis in diverse Fifties-Details liebevoll dekoriert, und von den Bewohnern mit rotem Riesenkugelmobile, einem papierenen Schneeflockenwald oder einer Geschenkpaket- pyramide verschönert. Wer – je nach Sichtweise – Glück oder Pech hat, kann aber auch von den Ehrengästen weil Geldgebern, der hochschwangeren Helga und ihrem Ehemann Tomasz Nesterval, abgefangen werden.

Um bei herablassend genäseltem Smalltalk in den schier endlosen Lobgesang über die regelmäßigen Finanzspritzen für ihre Kranken einzustimmen. Längst ist da klar, die feucht-fröhliche Adventstimmung ist eine vorgegaukelte, die Stichworte dazu: Abzocke und Unfreiwilligkeit, und zumal hier einer mit Vergnügen über den anderen tratscht und dessen Geheimnisse ausplaudert, tun sich allmählich gewaltige Abgründe auf. Die bigotte Atmosphäre von Betstuhl, Kruzifix, Heiligenbüste verwandelt sich ins Bedrohliche, das heimelige Licht scheint plötzlich düsterer, was eben noch skurril war, wird spooky, denn was Nesterval im Gewerbehaus veranstalten, ist im Wortsinn ein Psychothriller. In dessen Verlauf es logischerweise nicht bei einer Leiche bleiben kann.

Von Tobsuchtsanfällen und Tränen, von Zoff hinter verschlossenen Türen und Todesahnungen beim Kartenlegen, vom unerlaubten Entwenden einer Akte bis zum Unzucht-Gekreische bei einer Séance, erlebt jeder Zuschauer den Abend so, wie er ihn sich arrangiert. Allemal interessant ist es, Willy Mutzenpachners Herrn Friedrich in der Isolierzelle aufzusuchen, allerdings Achtung: der „Froschkönig“ fürchtet sich vor Männern. Auch eine Begegnung mit dem im Rollstuhl sitzenden Fräulein Adelheid, ist gleich Laura Hermann, mit Johannes Scheutz‘ an den „Sieben Geißlein“ leidenden Herrn Konrad im Arztzimmer und mit dem großen Herz des Ganzen, Romy Hrubeš‘ auralesendem Fräulein Charlotte, sind aufschlussreich. Denn niemand im Sanatorium Grimm ist ohne Schuld, die meisten jenseits von Gut bei Böse, und Katz-und-Maus ihr bevorzugtes Spiel.

Dank des Nebengeschäfts des Herrn Theodor von Bernhard Hablé wird die Spurensuche zwar zumindest kurzzeitig unbeschwerter, doch schon erklingt aus dem Frühstücksraum „Jingle Bells“ als schwermütige Trauermusik. Das ist der Moment, an dem Operation Dunkle Weihnacht beginnt … Bei der Premiere entpuppte sich übrigens Gruppe grün als Meisterdetektive, obwohl Herrn Finnlands Maxime ja die vom Dabeisein ist, das alles ist. „Die dunkle Weihnacht im Hause Grimm“ ist ein Mordsspaß, bei dem einmal hingehen und mitmachen nicht ausreicht, um alle Facetten dieser verrückten Vorführung genießen zu können. Und wenn sie nicht gemeuchelt sind, dann metzeln sie noch heute …

Video: www.youtube.com/watch?v=7t3yirtPOSU           www.nesterval.at           brut-wien.at

  1. 11. 2019

Neue Oper Wien: Der Reigen

November 13, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Schneller Sex im Wartesaal der Liebe

Das Graphic-Novel-Bühnenbild beschwört das Zwischenkriegswien: Walter Kobéra, amadeus ensemble, Anita Giovanna Rosati und Thomas Lichtenecker Bild: © Anja Köhler | andereart.de

L-I-E-B-E schreibt eine Gestalt zu Anfang auf die fünf schwarzen Wartesaalsessel. Am Ende wird das Ensemble auf ihnen Platz nehmen, angeschlagen, ausgelaugt, aber ausharrend, ob dies Glück in Großbuchstaben nicht doch noch um die Ecke lugt. Die Verheißung aber trügt, im Wartesaal der Liebe gibt es für sie nichts als schnellen Sex. So ist das eben bei Arthur Schnitzler – und nun in Bernhard Langs

musiktheatralischem Werk „Der Reigen“, das die Neue Oper Wien zur österreichischen Erstaufführung brachte. Nach der Premiere bei den Bregenzer Festspielen ist die Produktion seit gestern im Rahmen von Wien Modern im MuseumsQuartier zu sehen. Und siehe: Die in allen Klangfarben schillernde Komposition samt dem wohltuend originaltexttreuen Libretto von Michael Sturminger, die fantasievolle, schlüssig heutige Inszenierung von Alexandra Liedtke im formidablen Graphic-Novel-Bühnenbild von Falko Herold und Florian Schaaf, das von Walter Kobéra exzellent geführte amadeus ensemble-wien – mit der sich als Teil des Orchesters ausweisenden Klangdesignerin Christina Bauer – und die makellose Leistung der Solistinnen und Solisten, machen aus dem Abend ein weiteres Glanzstück auf der diesbezüglich langen Liste der NOW.

Eines, das sich wie selbstverständlich getraut, ohne die Gedankenstriche der Schnitzler’schen Szenenfolge zu verfahren. Heißt, dass es in der Halle E ganz schön zur Sache geht. Eine Fellatio im Stiegenhaus, ein „Vorhängeschloss“ in der Waschküche, Telefonanie, hier wird sich nicht geschont, stattdessen von Höhepunkt zu Höhepunkt gesungen, und von Hotelsex bis Treppenaffäre greift Lang des Autors Idee des Immergleichen in den für ihn typischen Loops auf. „Die Zeit meiner Jugend, die Zeit meiner Jugend“, beschwört der Ehemann beim Sich-Vergnügen mit dem Schulmädchen eine mutmaßlich inexistente Erinnerung herauf, dieses wie die anderen expressiven Bilder mit musikalischen Zitaten aus der „Reigen“-Skandal-Zeit untermalt.

Barbara Pöltl und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Alexander Kaimbacher. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Thomas Lichtenecker und Alexander Kaimbacher. Bild: © Armin Bardel

Eine Art Motto pro einzelner Begegnung und derart mal ein impressionistisches Flimmern à la Débussy, mal eine kräftige Prise Alban Berg, dazu Jazz, Swing, ein wenig Gershwin, etwas Bernstein, sogar Rap, und die Protagonisten auch imstande diese Poystilistik zu bedienen. Wobei sich zur gesanglichen die darstellerische Herausforderung gesellt, je zwei komplett konträre Charaktere zu verkörpern. Alexander Kaimbacher etwa wagt sich als zum brutal besoffenen Vorstadtkiberer mutierten „Soldaten“ bis an die Ekelgrenze, er trieft vor Widerwärtigkeit, wenn er in breitestem Wienerisch auf die Prostituierte losgeht. Als Autor wiederum kann er gar nicht genug hochgestochen Süßholz raspeln, während ihn Anita Giovanna Rosati als satirisch begabtes Schulmädchen am Gängelband, ist gleich dem Telefonkabel, führt.

Rosati gelingt mit ihrem angenehmen Sopran auch ein schauspielerisches Kabinettstück, mit Marco Di Sapias Ehemann, dem sie weismacht, allein durch den Wein wären seine Verführungskünste so berauschend, dass sie schließlich in seine Arme taumelte. Nach dem Waschmaschinenkoitus mit der „jungen Frau“ Barbara Pöltls, sie danach die mütterlich-mitleidige Dirne, wechselt Di Sapia vom dauerdozierenden Ehemann zum Privatier, früher: Graf, und seinen Bariton von auftrumpfend-oberlehrerhaft zu ältlich-vertrocknet. Großartig ist es, wie seine Körpersprache das beginnende Greisentum der Figur plausibel macht, diese mimisch-gestische Wundertat nur übertroffen von Thomas Lichtenecker.

Dem Countertenor kommt nach Bernhard Langs Wille nämlich die Aufgabe zu, zwischen den Geschlechtern zu pendeln. Lichtenecker gibt den jungen Mann mit einer ordentlichen Portion upperclassiger Verzogenheit – und mit Rosati als herrenreitendem Hausmädchen – und mit Bravour die Schauspielerin. Eine zwischen schrill und süßlich changierende Diva, unduldsam im Wellnessurlaub mit dem mittlerweile ungeliebten Autor, dann, weil mit dem immerhin finanziell potentem Privatier in der Theatergarderobe, eine kokette Kokotte – beide Episoden von der die Handlung gnadenlos ironisierenden Liedtke als jene groteske Komödie entworfen, als die Schnitzler seinen „Reigen“ so gerne gestalten wollte, das Genderspiel auf die Spitze getrieben, die Boy-Actor-Assoziation perfekt, sobald Lichtenecker seine nackte Männerbrust aus dem elisabethanischen Mieder schält.

Schauspielerin und Privatier: Thomas Lichtenecker und Marco Di Sapia. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Barbara Pöltl als Prostituierte und Marco Di Sapia als Privatier. Bild: © Anja Köhler | andereart.de

Entscheidend zum Gelingen der Aufführung tragen die optischen Lösungen von Herold und Schaaf bei, die das Bühnenbild nicht nur zu immer wieder neuen Guckkastenzimmern öffnen, sondern auch via animierter Schwarzweißzeichnungen ästhetisch düstere Schauplätze von der Karlsplatzpassage übers Hotel Orient bis zum 30iger-Jahre-Gemeindebau entstehen lassen. Diverse Orgasmen werden als hypnotische Spiralen visualisiert, klar: die sich im Schleudergang drehende Waschtrommel bietet sich geradezu an, neugierige Nachbarn spechteln derweil hinter Vorhängen hervor. Das Publikum zollte allen an diesem Ausnahmeprojekt Beteiligten begeistert Beifall, allen voran selbstverständlich dem wie stets souverän über das Geschehen wachenden Walter Kobéra.

Video: www.youtube.com/watch?v=HXXXc5vlmyU&feature=emb_logo           neueoperwien.at

  1. 11, 2019

Theater zum Fürchten: Equus

Oktober 31, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Pferdegott im Bondage-Geschirr

Alan Strang erkennt in Nugget seinen Pferdegott Equus: Angelo Konzett und Tom Wagenhammer. Bild: Bettina Frenzel

Diese Frage, auch wenn er sie mit einem verschmitzten Lächeln beantwortet, und die Kostüme selbstverständlich wie stets von Alexandra Fitzinger sind, muss sich Regisseur und Raumgestalter Sam Madwar schon gefallen lassen – nämlich in welchem Erotikshop er eigentlich die Ausstattung für seine Pferdegeschöpfe erstanden hätte. Leithengst Nugget und seine beiden Mitrösser tänzeln ihr aufreizendes Dressurballett schließlich bestrapst, mit um die Brust geschnalltem Bondage-Geschirr, an die

Kandare genommen mit einer BDSM-Trense. Tom Wagenhammer, Eduard Martens und Bernardo Ribeiro verkörpern die kraftvollen, anmutigen Tiere mit dem Stolz eines Pegasus, regelrecht majestätisch tragen sie ein Drahtgestell um ihre Köpfe, das die größeren der Vollblüter simulieren soll. In mondblaues Licht getaucht ereignet sich im Reitstall derart Zauberisches, und man begreift die Magie des Glaubens, die von Alan Strang Besitz ergriffen hat. Auch wenn Sam Madwar die Aura zwischendurch bricht, um die Arena zum Ort der Auseinandersetzung mit Arzt oder Eltern des Siebzehnjährigen zu machen.

Das Theater zum Fürchten zeigt in der Scala die Wien-Premiere seiner aktuellen Produktion „Equus“, ein Text des britischen Stardramatikers Peter Shaffer, im Entstehungsjahr 1973 noch ein Skandalstück samt Zoophilie-Schock und Masturbationsandeutung und etlichen Nacktszenen, und äußerst mutig von Sir Laurence Olivier am Royal National Theatre zur Uraufführung gebracht. Anthony Hopkins am Broadway, Anthony Perkins am Theatre Royal Plymouth und Richard Burton in der Sidney-Lumet-Verfilmung spielten den Dr. Martin Dysart; der bekannteste Alan ist bis dato wohl Daniel Radcliffe, der sich mit der Rolle des verstörten Teenagers bravourös von seinem Harry-Potter-Image löste.

In Madwars Inszenierung sind Anselm Lipgens und TzF-Debütant Angelo Konzett als Psychiater und Patient zu sehen. Die auf einer True Story beruhende Geschichte ist diese: Dysart, der als Erzähler die Handlung zusammenhält, wird von Richterin Heather Salomon aka Christina Saginth ein außergewöhnlich schrecklicher Fall zugewiesen. Er soll den Jungen Alan Strang therapieren, der in einem Reitstall gearbeitet hat, bis er sechs seiner Schützlinge aus ungeklärter Ursache mit einem Hufkratzer die Augen ausstach. Wie Konzett den schwierigen Charakter seiner Figur schultert, ist grandios. Der Körper angespannt vor Schuld, die Glieder wie steifgefroren im Versuch, die pubertär-sexuellen Gefühle zu verbergen, doch die ganze Renitenz eines Heranwachsenden ins Gesicht geschrieben, so agiert Konzett, wenn er die Fragen Dysarts zunächst nur mit dem Singen von Werbejingles beantwortet.

Psychiater Martin Dysart und Richterin Heather Salomon: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Bedrohliches Pferdeballett: Wagenhammer, Eduard Martens, Konzett und Bernardo Ribeiro: Bild: Bettina Frenzel

Vater Frank sieht, wie sich sein Sohn mit einem Strick züchtigt: Christoph Prückner, Lipgens und Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Ein Besuch im Sexkino hat dramatische Folgen: Wagenhammer, Konzett, Angela Ahlheim und Robert Stuc. Bild: Bettina Frenzel

Konzetts explizite Darstellung passt perfekt in Madwars ebensolche Arbeit, in der sich nicht geschont und niemand verschont wird. Dr. Dysart, selbst ein Mann in beruflichem wie privatem Ausnahmezustand, gelingt es im zähem Zweikampf nach und nach „mit funzeliger Taschenlampe“ in Trotzkind Alans Inneres zu dringen, und je mehr dieser Prozess vonstattengeht, umso eindrücklicher gestaltet Lipgens die Seelennöte des Seelenheilers, der nicht nur an seiner vergeblichen Sinnsuche laboriert, sondern auch an der nach wodurch auch immer evozierten tieferen Empfindungen. Es ist fast eine Form von Neid, die er gegenüber dem Kranken empfindet, verbunden mit der Angst vor der Aufgabe, diesen „normal“ zu machen, heißt: so kalt und grau wie die meisten.

Madwar spielt Shaffers bipolare Konfrontation des dionysischen und des apollinischen Prinzips in den Beziehungen genussvoll aus. Dysart, als bacchantischer Typ mit einer „anbetungsfernen“ Frau gestraft, macht sich mit Alans Eltern bekannt, Birgit Wolf und Christoph Prückner als Dora und Frank Strang wie Grant Woods Gemälde „American Gothic“ entsprungen, auch sie wie die Götter ein Gegensatzpaar, die Wolf wunderbar in Doras sich ereifernder Bigotterie, sie nach eigener Bekundung „was Besseres“, Prückner – mit leichtem Basedow – ein politisch linksorientierter Drucker, ein bodenständiger Proletarier. Und Alan? Am emotionalen Ertrinken in diesem Wechselbad von verhuschter, überfürsorglicher Mutter, autoritärem, rechthaberischem Vater, von Religiosität und Atheismus, der einen die Bibel alles, dem anderen pure Gewaltpornografie, Alans Welt eine der Verbote und Vorschriften.

In gut zweieinhalb Stunden legt Madwar die Motive, Manien, Merkwürdigkeiten der Strangs und Alans gefühlsmäßige Deformierung dank deren Erziehungsmethoden bloß. Aus dem mütterlichen Vorbeten der Offenbarungsstelle über den Reiter Treu und Wahrhaftig, der vom Himmel auf einem weißen Pferd herniederkommen wird, und dem geschenkten Schimmel-Poster vom Vater, erschafft sich Alan eine Pseudoreligion mit Pferden, versenkt sich in der Hingabe an einen Herrn namens Equus, diese inklusive Selbstzüchtigung mit Zaumzeug-Strick, will Alan doch so leiden wie sein Heiland – das Pferd, seit seiner Zähmung die vom Menschen in Kriegs- und Arbeitsdienst am meisten geschundene Kreatur, sein Messias, der am ganzen Körper blutend Richtung Golgatha geht.

Mutter Dora hat dem Doktor einiges zu beichten: Birgit Wolf, Anselm Lipgens und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

Alans Akt der Hingabe: Tom Wagenhammer und Angelo Konzett. Bild: Bettina Frenzel

„Kann man einem Menschen etwas Schlimmeres antun, als ihm seinen Gott zu nehmen?“, zweifelt Dysart zunehmend, ob die fehlgeleitete, aber schöpferische Obsession des Jungen eine zu behandelnde Psychose ist oder ob er Alan und all seinen Patienten nicht im Grunde ein gesellschaftskonformes Dasein aufzwingt, das sie ihrer wahren Identität beraubt.

Auf Harry Daltons aka Robert Stucs Gestüt wird, was weiter geschieht, eindeutig sexuell konnotiert. Vom Striegeln und Streicheln übers Besteigen bis zum mächtigen Ritt galoppieren Wagenhammer als nunmehr Equus und auf seinem Rücken der entkleidete Konzett über jedes Tabu. Die Schenkel gegen die Flanken gepresst, brüllt Konzetts Alan seine Lust heraus, versagt aber später im Stall, als er unter den Blicken der Pferde mit einer Frau zum Orgasmus kommen will. Angela Ahlheim, auch sie erstmals auf einer TzF-Bühne, legt diese Jill Mason zwischen burschikos und mädchenhaft an, punktgenau dosiert, zwischen resolut und romantisch. Die Ereignisse überschlagen sich nach einem Besuch im Erotikkino, in dem Alan Vater Frank findet, Alans Qualen sind kaum noch auszuhalten – also die Wahnsinnstat am allwissenden, alles sehenden, „denn ich, der Herr, bin ein eifersüchtiger“ Gott …

„Equus“ in der Inszenierung von Sam Madwar und großartig gespielt vom TzF-Ensemble geht in mehr als einer Beziehung an die Grenzen. Ein schmerzhafter, intensiver, auch irritierender Abend. Eine Empfehlung.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2019

Und der Zukunft zugewandt

Oktober 30, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Schweigegelübde zum Wohle des Sozialismus

Antonia Berger widersetzt sich dem Parteibonzen Leo Silberstein und seinem Vernehmer: Alexandra Maria Lara, Stefan Kurt und Peter Kurth. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Gesichter ungewaschen, die Kleider zerlumpt, in einer armseligen Holzbaracke sitzen eine Frau und ihre sich beinah zu Tode hustende Tochter, draußen der Vater, der beide seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat. Er erklimmt also den Stacheldrahtzaun, wird erwartungsgemäß von den Soldaten heruntergeschossen, der Leichnam seiner Familie vor die Füße gelegt. Es ist das Jahr 1952, und es ist ein Straflager im sowjetischen Nirgendwo, und die Situation erscheint der Frau so aussichtslos, dass sie sich bei

der Zwangsarbeit im Wald von einem eben gefällten Baum erschlagen lassen will … „Und der Zukunft zugewandt“ heißt der Film von Drehbuchautor und Regisseur Bernd Böhlich, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft, der Titel die zweite Textzeile aus der DDR-Nationalhymne „Auferstanden aus Ruinen“, das Geschilderte wirklich passiert – und zwar der Schauspielerin Swetlana Schönfeld, die im Gulag Kolyma im Fernen Osten Russlands geboren wurde, und im Film nun die Mutter der Protagonistin verkörpert. Es sind Böhlich diese ersten fünfzehn Minuten seiner Arbeit nachzusehen, deren Anfang als ein allzu konventionelles Zeitgeschichtsdrama, die Bilder theatralisch, die Blicke pathetisch, der Dreck an Darstellerinnen wie auf dem Set punktgenau platziert.

Denn was Böhlich nach seiner weihevollen Heraufbeschwörung von Historie zeigt, sind ungeahnt erschütternde Schicksale, Szenen eines den meisten Österreicherinnen und Österreichern unbekannten Deutschlands, der DDR, in der Menschen von einem repressiven Politsystem kleingehalten und bei Widerborstigkeit auch klein gemahlen werden. „Und der Zukunft zugewandt“ beginnt tatsächlich, als das totalitäre System unter Stalin drei weibliche Gefangene freilässt, bei ihnen Antonia Berger mit ihrer schwer lungenkranken Tochter Lydia. 1938 war die Leninistin und Pianistin als Mitglied der Agitprop-Truppe „Kolonne Links“ im Rahmen einer Tournee nach Moskau gelangt, wurde dort unter dem haarsträubend absurden Vorwurf der Spionage verhaftet und interniert.

Über das ganze Musiker-Ensemble wurde damals das Todesurteil gefällt, einzig Antonia überlebte. Nun, da einige Volksvertreter der jungen Deutschen Demokratischen Republik das an ihren Bürgerinnen begangene Unrecht gutmachen wollen, sitzt sie im idyllischen Fürstenberg, bald schon Stalinstadt, dem beflissenen Funktionär Leo Silberstein gegenüber. Die Rückkehr in den Arbeiter- und Bauernstaat ist vollzogen, eine schöne Wohnung steht bereit, eine Stelle als künstlerische Leiterin des Hauses des Volkes, es gibt Geld und Lebensmittelkarten, und die beste medizinische Versorgung für Lydia. Als Gegenleistung verhängt Silberstein über die gerade noch Haftgenossinnen ein von oben verordnetes Stillschweigen, kein Sterbenswort darf über die Säuberungswellen des Stählernen, Deportationen und Hinrichtungen und am eigenen, gefolterten Leib erlittenes Leid gesagt werden.

Hoffnung auf ein neues Leben in der jungen DDR: Alexandra Maria Lara, Carlotta von Falkenhayn als Tochter Lydia und Robert Stadlober als deren Arzt Konrad Zeidler. Bild: © Polyfilm Verleih

Die Wahrheit über die Sowjetdiktatur, so fürchtet die Spitze der realsozialistischen, könnte die neu gegründete Nation zum Nachdenken bringen. Um über im Namen des Kommunismus verübte Gewalt zu sprechen, sei das Volk zu instabil, der Kapitalismus allzu nahe, der Kalte Krieg eine zu heiße Propagandaschlacht, und die alte Macht der Nazis im Westen geradezu greifbar. Der Rote Stern muss strahlen, seine Opfer werden ein Schweigegelübde unterzeichnen.

Es sind Momente wie dieser, in denen die unbewegte Miene der Alexandra Maria Lara als Antonia Berger mehr sagt, als die sparsam gesetzten Sätze in diesem so beklemmenden wie gleichermaßen gefassten Drama. Es ist diese Sprachlosigkeit, ihr Der-Situation-Ausgeliefertsein, mit dem einen Laras Antonia in Bann schlägt.

Derweil im Laufe der Handlung Vergangenheit und Gegenwart zu immer unversöhnlicheren Gegnern werden, gelingt Bernd Böhlich und seinem Stab, Kameramann Thomas Plenert, Szenenbildner Eduard Krajewsk, Kostümbildnerin Anne-Gret Oehme und der Maske von Daniela Schmiemann und Antje Langne, Außerordentliches:

Sie zeigen jene DDR, die heute oft nur noch als Zitat zu Mauerfall, Wende, Ausreisewelle dient, die Demokratierufe „Wir sind das Volk!“ längst von rechts okkupiert, in ihrer unseligen Entwicklung vom Utopia der Werktätigen, vom Anspruch das bessere, weil antifaschistische Deutschland zu sein, zum „Großer Bruder“-Staat, in dem sich eine immer grobschlächtiger werdende, menschenverachtende Ideologe breitmacht. Gebäudefronten, Innenräume bis ins kleinste Ausstattungsdetail, Frisuren und Garderoben atmen den Aufbruchsgeist dieser Anfangsphase, und Antonia erfährt – oder glaubt zumindest diese zu erfahren – eine Solidarität, die ihren Glauben an eine gerechte Zukunft stärkt, während die Gegenwart den Begriff Freiheit allerdings nach eher undurchsichtigen Gesetzen normiert.

Böhlich verdichtet die zeithistorischen Geschehnisse auf ein paar Monate in den Jahren 1952 und 1953, deren Kernstück der Tod Stalins im März, der, man weiß es, nicht zur Überprüfung der Überzeugungen genutzt, sondern zum sozialistischen Trauma wurde. In diesem Sinne ist eine Klammer zu sehen, die Böhlich setzt: Antonia Berger am 9. November 1989 vor dem Fernsehapparat – und die Art und Weise, wie sie auf das Gezeigte reagiert, samt eines Telefonats, über das sich erst am Ende herausstellen wird, wer am anderen Ende der Leitung ist.

„Und der Zukunft zugewandt“ ist mehr noch als Polit- ein Frauenfilm mit Affinitäten zum großen Melodram. Zwei Männer nämlich machen Antonia den Hof: Silberstein und der Lydia behandelnde Arzt Konrad Zeidler, ein aufrichtiger und in seinen Anschauungen konsequenter Mensch, der in der Hamburger Praxis seines Vaters ein weitaus bequemeres Leben führen könnte. Beide begreifen nur vage, wie entfernt Antonia mental und emotional von ihnen ist, bis sie ihr geheimes Tagebuch endlich Konrad offenbart. Dies nachdem eine ihrer früheren Leidensgenossinnen beim feuchtfröhlichen Sektumtrunk anlässlich Stalins Hinscheiden die Vergangenheit der drei bloßlegt. Nun muss nicht nur Antonia Stellung beziehen, sondern Konrad verlangt das in einer vehement geführten Aussprache auch von seinem Freund Leo Silberstein.

Der in Antonia verliebte Konrad weiß nicht, ob er Freund Leo noch trauen kann: Robert Stadlober und Stefan Kurt. Bild: © Polyfilm Verleih

Nachbar Alois Hoecker heißt Antonia und Lydia allzu herzlich willkommen: Jürgen Tarrach und Carlotta von Falkenhayn. Bild: © Polyfilm Verleih

Bernd Böhlich ist mit „Und der Zukunft zugewandt“ ein hochspannender Film gelungen, der außerdem höchstkarätig besetzt ist. Mit der grandiosen Alexandra Maria Lara spielen: Robert Stadlober den großherzig verliebten Konrad Zeidler, Stefan Kurt den privat gutmütigen, politisch rigiden Leo Silberstein, Barbara Schnitzler und Karoline Eichhorn Antonias Gulag-Gefährtinnen Susanne Schumann und Irma Seibert, von denen erstere bei erster Gelegenheit „rübermachen“ wird, und Carlotta von Falkenhayn in einer sehr intensiven Darstellung Antonias Tochter Lydia.

Branko Samarovski hat im Haus des Volkes einen berührenden Auftritt als ehemaliger Kolonnen-Genosse, der mit dem Anstimmen des Truppenlieds über die Erschaffung eines Roten Vaterlands Antonia die Tränen in die Augen treibt. Jürgen Tarrach gibt gewohnt vielschichtig den Wiener Maler Alois Hoecker, ein Expressionist, der da als „entartet“ eingestuft, die Flucht ergriff, und nun mit seinem Freundlich-Tun seinen Opportunismus übertüncht. Es wäre ein Leichtes gewesen, all diese Charaktere aus westlicher Siegersicht zu beschreiben. Sie als Verblendete zu porträtieren, die trotz ihrer Erfahrungen an den Aufbau des Sozialismus glauben.

Es ist jedoch das große Verdienst des Films, seine Figuren im Zwiespalt zwischen ihrem Eintreten für eine faire Gesellschaft und den Zweifeln an den Methoden daran zu zeichnen. Zwei Schlüsselszenen gibt es, die Gänsehaut machen: Einmal, als Antonia Berger dem von Peter Kurth dargestellten Vernehmer gegenübersitzt und von einer bei der Zwangsarbeit zugezogenen Beinverletzung berichtet. Da springt Kurth auf, krempelt das Hosenbein hoch und zeigt eine Beinprothese, Lager?, brüllt er rasend vor Wut, er sei in einem Lager gewesen, Buchenwald, als Versuchskaninchen der SS-Ärzte.

Einmal, als Antonia ihre Mutter auf deren Bauernhof besucht, ein keineswegs freudiges Wiedersehen, akzeptiert die Mutter doch nicht, dass die Tochter all die langen Jahre nichts von sich hören ließ, wo man erfahren wollte, wie gut es ihr in der Sowjetunion geht. Es hagelt Vorwürfe, „wenigstens eine Karte hättest du schreiben können“, statt dass sanft liebe Worte fallen. Alexandra Maria Lara sitzt in diesem Moment Swetlana Schönfeld vis-à-vis, die eine Schauspielerin der Schatten der anderen. Und wie beim Vernehmer presst Antonia den Mund bis zur Schmerzgrenze zusammen und macht keinen Mucks. Es wurde ihr schließlich ja verboten, aufzumucken …

 

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30. 10. 2019