Kammerspiele: Gemeinsam ist Alzheimer schöner

September 21, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Glücklich ist, wer vergisst …

Statt Tabletten-Suizid zu begehen, erfinden sie ein Shakespeare-Stück: Johannes Krisch und Maria Köstlinger als „Er“ und „Sie“. Bild: Herbert Neubauer

Sex & Drugs & Rock’n’Roll. Mit Position eins und drei fängt es an, zum Beatles-Song „Why Don’t We Do It in the Road?“, Position zwei wird zum Schluss geprobt. Ein erotisches Gerangel wird zum Kuss, französisch, denn es ist 1968 und in Paris stehen die Studenten auf, und „Er“ und „Sie“ skandieren: „Wir sind frei!“ Sind sie nicht, Johannes und Helga, wie ihre Namen später offenbar werden, denn mitten im Sorbonner Mai stehen statt Barrikaden zwei Rollstühle.

Die beiden Alten sind in einer Greisenverwahranstalt gefangen, zwar soll sie luxuriös sein, die Seniorenresidenz „Herbstfreude“, doch die verschiebbaren Wände des Bühnenbilds von Florian Etti sind nicht nur prosekturweiß verfliest, sie öffnen sich auch wie von Geisterhand zu größeren, verengen sich zu kleinsten Räumen – der Mensch als Versuchskaninchen im Laborlabyrinth, ein Eindruck, den eine Stimme von oben noch verstärkt. Und doch ist es ein Labyrinth im Kopf …

An den Kammerspielen der Josefstadt wurde nun endlich Peter Turrinis Alterswerk „Gemeinsam ist Alzheimer schöner“ zur #Corona-bedingt verschobenen Uraufführung gebracht, Alexander Kubelka hat die Tragikomödie inszeniert, klug und einfühlsam und mit viel Spiel-Raum für seine Darsteller. Diese sind Maria Köstlinger und Johannes Krisch, welch ein Gewinn der Mann für die Josefstadt ist!, und vom ersten Augenblick an wird man vom Charme der beiden mitgerissen.

Selten zuvor hat man sich bei einem Turrini-Stück mehr gefragt, wie viel biografischer Peter drinsteckt, vom frühen Egomanen und Weiberer, der keine Zeit für Frau und Kind erübrigt, vom Job als Hotelsekretär in Bibione, vom politischen Provokateur zum gesetzten Grandseigneur … bis zum im Programmheft abgedruckten Interview über „Zerbröselung“ und den Tod, der ihm sogar beim Nordic Walking folgt: „Ich nehme keine Termine mehr wahr, fahre nirgendwo hin, sperre mich in mein Arbeitszimmer ein und schreibe so lange, bis ich vom Sessel rutsche.“

Ja, mag man sagen, vieles an diesem Demenztext ist trivial, er ist eben – wie das Leben so spielt. Eine Liebe, die in die Jahre gekommen ist. Zwei Entfremdete, die sich dank ihres zunehmend sich verabschiedenden Gedächtnis neu verleidenschaftlichen. Ihre lichten Momente sind die schwärzesten, wenn sie sich an Verletzungen, enttarnte Seitensprünge, die Gleichgültigkeit des anderen erinnern, wenn die alten Narben zu frischen Wunden aufreißen, dann tobt der Ehekrieg aufs Neue, die wie Kanonenkugeln abgeschossenen Worte aber nicht schwer, sondern beim Einschlag mit dem Turrini-typischen Humor explodierend.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Glücklich also ist, wer vergisst. Johannes und Helga ahnen die meiste Zeit nur dunkel, was es mit ihrer Zweisamkeit in der Altersheim-Einsamkeit auf sich hat, doch hätten sie da das Herz am rechten Fleck. Aber das Gehirn schaltet sich ein und macht sie zu den Kuratoren ihrer eigenen Retrospektive. Nach dem ersten hochpoetischen Telefonat via – Achtung: Sinnbild! – Toilettenpapierrollen wird der Rollstuhl zum Rollschuh, denn bei Bedarf sind die Gangunsicheren bestens zu Fuß, es wird ein Kind gezeugt, der eben noch flammende Pamphlete verfassende Revolutionär übernimmt nun doch Vaters Papierfabrik, wie berührend das ist, wenn sich Johannes von seinen Lebensplänen verabschiedet.

Helga verabschiedet sich vom Studium, wird frustshoppende, den Feng-Shui-Garten pflegende Hausfrau und Mutter, exzellente Gastgeberin, doch im Bett kalt und kälter, Johannes, nun Großunternehmer, lässt dagegen nichts anbrennen. Die Zeit verrinnt, die Zeiten zerrinnen ineinander … Es ist ein Schauspielerfest, das an den Kammerspielen zu sehen ist, und Johannes Krisch ein kongenialer Rappelkopf zum Menschenfreund Turrini. Virtuos meistert er die unzähligen Nuancen, die Turrini ihm zugeschrieben hat. Wie er schaut, wenn sie die Leporello-Liste seiner Amouren entrollt, wie ein Kind, das man beim Kekse klauen erwischt hat. Mit zittriger Hand will er sich rechtfertigen, dann zerspringt er in verzweifelt-(komischem) Zorn, der in die Ecke argumentierte Mann. Womit Krisch die mitleidigen Lacher des Publikums gewiss sind.

Maria Köstlingers Helga aber ist die Machthaberin der Spielchen, eine nüchtern-süffisante Gattin zum kauzig vor sich hin schwadronierenden Gespons. Es ist, als würde im gegenwärtigen Verfall Helgas übersprungene Emanzipation stattfinden. Die vom großen Macho-Tier ein Leben lang kleingehaltene Frau bekommt ihre späte Rache und macht aus ihrer Waffe der stillen Sturheit endlich lautstarkes Aufbegehren. Welch eine Szene, wenn er ihr kellnernde Liebhaber beim Strandurlaub vorwirft, und sie ihm hysterisch lachend vormacht, wie sie ein ganzes Heer von ihnen als „Glocken von Bibione“ Aufstellung nehmen hat lassen. Ein paar Minuten später weiß sie nicht mehr, wie Zähneputzen geht, und er hilft ihr liebevoll mit Zahnbürste und Zahnpasta.

Die gemeinsame Sprache ist das, was Männer und Frauen trennt, feixt Turrini. Will sie über Gefühle reden, sagt er, jetzt komme sie schon wieder mit ihrer Psychologie daher. Eine Schelmin, die behauptet, derlei Sätze im persönlichen Beziehungswirrwarr noch nie gehört zu haben, und gleichzeitig entwirft Turrini mit seinen beiden Figuren ein gesellschaftliches Sittenbild seiner Generation bis heute. Es liegt an Krischs Johannes diesen Polit-Rappel, Anklage des Systems und zugleich Selbstanklage seiner Zeitgenossenschaft, förmlich auszukotzen.

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Bild: Herbert Neubauer

Als darob auf den Plan gerufene Big Brothers fungieren Roman Schmelzer und Michael Dangl, als Stimmen der Heimleitung aus dem Lautsprecher, der erste, der von seinen Schäfchen „angenommen und geliebt“ werden will, und dies derart fröhlich aufgedreht, dass es im Selbstmord enden muss, der andere ein aalglatter MBA-Gottöberst, der mit  „Bewohnermanagement“ beschäftigt ist.

Helgas und Johannes‘ Welt reduziert sich, auch räumlich, weil der sich mit einem Auslandsgeschäft verspekuliert habende Sohn und Erbe statt des Appartements nur noch ein Zimmer zu zahlen bereit ist. Der Enkel kommt, auch das kennt man, der schlechte Vater wird ein guter Großvater, der mit hinreißender Begeisterung mit den Spielzeugautos fuhrwerkt. Helga schneidet derweil die Blumen aus ihrem Kleidchen und klebt sie an die Wand. Wunderbar sind überhaupt die Kostüme von Elisabeth Strauß für die Köstlinger: vom mausgrauen Faltenrock zum pastellrosa Liebestöter zum mondänen Turniertanzoutfit.

Im Verwelken lässt Turrini seine Geschöpfe die schönsten Blüten treiben. Fabelhaft etwa, wie sie den Tabletten-Suizid vorbereiten, von den lyrischen Bezeichnungen für die Medikamente aber so verzaubert sind, dass sie mit ihnen der Protagonisten Namen einer Shakespeare’schen Tragödie erfinden. Ein Werk mit Happy End, selbstverständlich. Wie auch Turrinis, der seinen Figuren knapp vor Eskalation ein endgültiges Fremdsein verschriebt. Man siezt sich in diesem dramaturgischen, von Köstlinger und Krisch berückend dargebotenem PS, doch man liebt sich auf den letzten ersten Blick.

Und wie Turrini seine Schutzbefohlenen mal vorm Tod in den Walzer rettet, mal im Flugzeug Richtung Märchen entfleuchen lässt, so auch diesmal: „Er“ führt seine „Sie“ in den Sonnenuntergang, führt sie zum Traualtar, und ihr Brautschleier ist – Toilettenpapier …

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=hoW6URBSI3s

  1. 9. 2020

Volksoper: Sweet Charity

September 17, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Fellini meets Horváth in diesem Musical

Lisa Habermann als Charity Hope Valentine. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Es wäre höflich gewesen, Robert Meyer noch ein paar Jahre als Volksopernchef zu gönnen. Angesichts der speziellen #Corona-Bedingungen, von denen niemand weiß, wie lange sie das Kulturleben strukturell und finanziell belasten werden, hätte mit dem Bedarf an Stabilität argumentiert werden können. Nach dem Motto ,Mitten im Fluss wechselt man die Pferde nicht‘ würde Meyer das Volksopernschiff weiter durch unsichere Zeit führen …“, schreibt der Standard völlig richtig.

Nun, zwei Spielzeiten lang ist Robert Meyer zum Glück noch Kapitän auf der Brücke, und mit „Sweet Charity“ steuert er mutmaßlich den nächsten Publikumserfolg an. Um die Spannung kurz zu halten: Das von weiland Bob Fosse konzipierte, inszenierte, choreografierte, von Cy Coleman nach Neil Simons Libretto nach Federico Fellinis Film „Die Nächte der Cabiria“ komponierte Musical ist:

Bei überschaubarer Handlung musikalisch herausragend. Und nun von der Crew um Regisseur Johannes von Matuschka mit einem Pep auf die Bühne gebracht, dass dem „Big Spender“ die Augen übergehen. Die Ohren übrigens auch, aber die Redensart gibt es nicht.

Charity Hope Valentine also ist, heut‘ würd‘ man sagen, Pole-Tänzerin im Animierclub Fandango Ball House, und verstrickt sich in immer neue „problematische Episoden mit Männern“. In diesen läuft auch das Geschehen ab, erst der Ganove Charlie, der sie ihrer Barschaft geraubt, dann der Cinecittà-Star Vittorio Vidal, mit dem sie nur die Nacht verbringt, um ihn wieder mit seiner furiosen Verlobten Ursula zu versöhnen, schließlich der Stadtneurotiker Oscar Lindquist, der sie vorm Altar stehen lässt, weil dem Mann fürs Leben der Job für gewisse Stunden denn doch zu sehr aufs Gemüt schlägt …

In dem von Momme Hinrichs und Torge Møller aka fettFilm gestalteten Setting machen riesige Charity-Leuchtlettern die Runde, die Lichter der Großstadt dienen auch als Vittorios Möbelage oder Künstlerinnengarderobe im Fandango, und einmal formen sie sich zu den Worten „Love“ und „Hope“ – Matuschkas Reverenz an Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“, ersterer der unerschütterliche von Charity, dass alles sich zum Besseren wenden wird – Zitat: „Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut wird, ist es noch nicht das Ende.“ © Oscar Wilde. Doch Matuschka lässt Charity, nachdem Charlie sie zu Beginn beim Handtaschenraub ins Wasser gestoßen hat, aus diesem nicht mehr auftauchen; am Ende auf der Vidiwall wieder die Ertrinkende, der letzte Luftbläschen aus dem Mund quellen.

Julia Koci als Nickie und Caroline Frank als Helene. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Caroline Frank, Julia Koci und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Julia Koci, Christian Graf als Herman und Lisa Habermann. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Mit derlei Tiefgang will Matuschka durch die Untiefen tauchen, und man muss ihm zugutehalten, dass er ein Feuerwerk an inszenatorischen Ideen abfackelt. Aber, und wie schön ist das, Herzstück des Abends sind die Akteure, allen voran Lisa Habermann als Charity, der man den naiv-natürlichen Rotschopf, den tollpatschig-temperamentvollen Wildfang in jeder Sekunde abnimmt. Schauspielerisch, gesanglich, tänzerisch ist Habermann top, sie swingt sich durch Cy Colemans mit Jazzklängen und Latinorhythmen gespickten Songs, dass es eine Freude ist. Lorenz C. Aichner am Pult tut mit dem im Broadwaysound routinierten Volksopernorchester das Seine dazu. Große Klasse an der schlaksigen Habermanns Seite ist Peter Lesiak als Oscar, der sich vom Hyperventilierer im kaputten Aufzug zum innig Liebenden zum bigotten Trauringverweigerer steigert.

Rührend die Szene mit Axel Herrigs Vittorio, und das Highlight der Auftritt von Drew Sarich als teuflisch skurriler Sektenverführer Daddy Brubeck dessen pseudoreligiöse Heilsbringung er mit Rockröhre schmettert, und apropos: Kaum jemand hätte vermutet, dass derlei auch in Julia Koci steckt, die ihre Rolle als Charitys Arbeitskollegin Nickie aber sowas von rockt. In einem Haus, dass selbst die sogenannten supporting roles mit Publikumslieblingen wie Christian Graf als gestrenger Etablissement-Chef Herman, Caroline Frank als laszive Escortlady Helene, Jakob Semotan und Oliver Liebl als Daddys durchschlagskräftige Bodyguards besetzen kann, bleiben keine Wünsche offen.

Die Neuübersetzung von Alexander Kuchinka, der aus dem “Fickle Finger of Fate“ eine „schnöde Schrulle des Schicksals“ macht, die Choreografien von Damian Czarnecki, der Chor unter der Leitung von Holger Kristen – alles passt, und die eine oder andere Länge wird sich im Laufe der Spielzeit noch einschleifen.

Lisa Habermann und Axel Herrig als Vittorio Vidal. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Drew Sarich als Daddy Brubeck. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Lisa Habermann und Peter Lesiak als Oscar Lindquist. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In seinem Spiel von „real“ und „surreal“ setzt Matuschka auch auf die Multiplikation von Figuren, und das durchaus mit gesellschaftskritischem Witz, etwa wenn er die Gaffer am Seeufer zu Knallchargen in knallbunten Regenpelerinen macht. Dann wieder atmen die mit viel Szenenapplaus bedankten Tanzsequenzen Sixties-Flair, bei der hinreißenden Discokugelnummer „The Rich Man’s Frug“ und in Daddy Brubecks „Puls des Lebens“-Kirche, in der der bewusstseinserweiternde Guru seine Schäfchen per „Big Brother“-Auge überwacht, glaubt man sich tatsächlich mitten im New Yorker Bohu.

Fazit: „Sweet Charity“ an der Volksoper ist eine opulente Show mit schwungvollen Revuenummern, und lässt dennoch die Tristesse eines Lebens als „Private Dancer“ spüren. Lisa Habermann agiert mit jener Überdosis Temperament, mit der von Depressionen und Traurigkeit Gebeutelte ihre Tragik zu übertünchen suchen. Der Moment ist es, an dem Christian Grafs Herman und dessen Damen vom Gewerbe sich schon in Hochzeitslaune singen, aber ach …

Trailer und Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=Kra5SNswaNE           www.youtube.com/watch?v=qh_RnkfchCI           Interview mit Lisa Habermann und Johannes von Matuschka: www.youtube.com/watch?v=1Hg8KwfXnM0        Open-Air-#Corona-Proben: www.youtube.com/watch?v=Uwki79ezG0w

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Die Sommerspiele Melk starten ein „Xperiment“

Juni 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Pandemic Edition mit Helena Scheuba und Co.

Alexander Hauer, Wiebke Leithner, Helena Schauba, Lukas Wachernig, Ursula Leitner, Andreas Stockinger und Sebastian Klinser. Bild: © Daniela Matejschek

6 Regisseurinnen und Regisseure, 6 Wochen, 6 Xperimente – die Sommerspiele Melk präsentieren ein völlig neues Konzept für den Sommer. Unter dem Titel „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wird von 10. Juli bis 15. August ein ungewöhnliches Programm als künstlerische Antwort auf die Herausforderungen der vergangenen Monate und die neuen Rahmenbedingungen in der Wachauarena Melk über die Bühne gehen.

Außerordentliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen – das dachte sich auch das Team rund um den künstlerischen Leiter Alexander Hauer und Wiebke Leithner, Geschäftsführerin der Wachau Kultur Melk. Mit dem Projekt „Sommerspiele Melk Xperiment – Pandemic Edition“ wollen sie den Dialog mit dem Publikum wiederaufnehmen und Unterhaltung bieten, gleichzeitig neue Impulse setzen und sowohl für das Ensemble als auch für das Team der Sommerspiele Melk eine Perspektive für den Sommer gewährleisten. Dabei war es ihnen wichtig, die ursprünglich geplanten Produktionen der Sommerspiele Melk nicht in einer notgedrungenen „Light-Version“ umzusetzen, sondern die neuen Rahmenbedingungen als Chance zu nutzen:

Alexander Hauer, Sebastian Klinser, Helena Scheuba, Andreas Stockinger im Duo mit Ursula Leitner und Lukas Wachernig werden von 10. Juli bis 15. August sechs Wochen lang sechs Kurz-Produktionen inszenieren. Jeder Regisseur – unter ihnen sowohl erfahrene als auch Nachwuchstalente – kreiert jeweils ein etwa 60-minütiges „Xperiment“, das freitags und samstags jeweils um 20.30 Uhr aufgeführt wird. Auf dem Programm stehen unter anderem Stücke von Hofmannstahl, Nestroy, Soyfer, Aristophanes und eine Rockoper. Die szenische Gestaltung der einzelnen „Xperimente“ ist völlig freigestellt. Dennoch werden Casts & Crews alle auf ihre eigene Weise – mal schwarzhumorig, mal nachdenklich, mal komödiantisch, in jedem Fall unterhaltsam – reflektieren, was die derzeitige Situation mit den Menschen macht.

Die Besucherinnen und Besucher erwarten einige Neuerungen und Überraschungen. So wird in diesem Jahr kein Gastrozelt aufgebaut. Um die Wahrung des Sicherheitsabstandes zu gewährleisten, werden in der Wachauarena anstelle der Tribüne, die normalerweise etas 560 Sitzplätze bietet, Sessel für 250 Zuseher aufgestellt – die Platzierung kann bei jeder Produktion variieren. Denn die Stücke werden nicht immer auf der Bühne aufgeführt, sondern können den gesamten Raum der Wachauarena nutzen. Karten für die „Xperimente“  ab 10. Juni auf:

www.sommerspielemelk.at

7. 6. 2020

Das Bronski & Grünberg hat „Sehnsucht“

Juni 6, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine theatrale Reise durch drei Stationen

Das Bronski & Grünberg startet am 13. Juni wieder durch. Der Abend „Sehnsucht – nach allen möglichen Sachen“ führt das Publikum durch drei Räume, die daran erinnern sollen, wie laut oder leise, wie wichtig oder banal, rührend oder auch komisch Träume und Wünsche sein können. Kyrre Kvam, Julia Edtmeier & Jakob Semotan und Benjamin Vanyek alias Jacques Brel mit Band Nikolaus Messer und Alexander Jost geben unter der Leitung von Ruth Brauer-Kvam diesen Abend an den beiden Wochenenden 13./14. Juni und 20./21. Juni.

Pro Vorstellung gibt es 30 Tickets, das Publikum wird in Gruppen à 10 Personen geteilt, die dann durchs Theater von Station zu Station geführt werden. Schreibt das Bronski & Grünberg: „Unsere Sehnsucht nach dem Theater war groß, so groß wie die von Winnie Puh nach Honig oder Biene Maja nach Willie oder auch andere Beispiele, die nichts mit Honig zu tun haben … naja. Nach dem ersten Eis im Sommer zum Beispiel. Und jetzt hat der Eissalon endlich wieder offen. Kommen Sie! Wir freuen uns – sehr!“

www.bronski-gruenberg.at

6. 6. 2020

Volkstheater online: Schwere Knochen

Mai 1, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein prächtig brecht’scher Grand Guignol

Der Notwehr-Krutzler probt den legendären Halsstich: Thomas Frank, „Dostal“ Matthias Luckey und „Podgorsky“ Andreas Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Anna Badoras Volkstheater-Team verabschiedet sich #Corona-bedingt mit einem virtuellen Spielplan, den Highlights aus den vergangenen fünf Jahren (die Produktionen: www.mottingers-meinung.at/?p=38809), und gestern war „Schwere Knochen“ von Alexander Charim nach dem Roman von David Schalko (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29139) dran ­– heute noch bis 18 Uhr und wieder am 8. Mai kostenlos zu streamen auf www.volkstheater.at.

„Es gibt die Geschichte des Tages und die der Nacht. Die eine steht in den Büchern. Die andere erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand“, sagen die Stimmen auf dem Jenseits. Und über dem sich nun erhebenden Leichenhaufen beginnt Thomas Frank die seine zu schildern, heißt: die von Ferdinand Krutzler. Dem Notwehrspezialisten, dem Chef der „Erdberger Spedition“, einem Kleinganovenquartett, das sich darauf spezialisiert hat, in Windeseile Wohnungen und Häuser zu „evakuieren“, heißt: auszurauben – doch bis es soweit ist, wird er erst einmal aus „Krutzlermutter“ Birgit Stögers Bauch geboren.

Unter Jammern und Wehklagen und erschrockenem Aufjohlen – ein Riesenbaby, ein schaiches noch dazu, das aber seinerzeit zum Wiener Unterweltkönig werden wird. In Schlaglichtszenen beleuchtet Regisseur Alexander Charim dieses Avancement, wer grad nicht spielt, wird als Erzähler eingesetzt, das ganze Ensemble großartig als David-Schalko-Charaktere, allen voran Isabella Knöll als die Musch und Thomas Frank als Krutzler, denen ihre Rollen wie angegossen passen. Muss ein Stück Arbeit für Anita Augustin gewesen sein, diesen konsequent in indirekter Rede verfassten Text bühnentauglich zu machen.

Und siehe da, die Übung ist gelungen, lebhaft wiederaufersteht es auf dem Bildschirm (und zwar im zur MQ-Halle-E-Weite jetzt zuschauerfreundlichen Closeup), dieses brutale Milieu, das gemeine Menschen macht, Schalkos unfeinster Jargon und dessen zynische Distanz zur schmerz- und schuldbehafteten Vergangenheitsverdrängung auf gut Österreichisch bestens getroffen, das Goldene Wienerherz samt dazugehöriger Goschn. Vom Heldenplatz 1938 geht’s durch den Kalten Krieg und den Beginn der Ära Chruschtschow. Sechs Schauspieler und drei Schauspielerinnen gestalten insgesamt 57 Figuren, wobei Protagonist Frank sich als einziger auf eine konzentrieren kann.

Thomas Frank und „Greenham“ Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Peter Fasching als „Dr. Harlacher“, Frank und „Honzo“ Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Krutzlers erster Auftragsmord: Thomas Frank und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er, als Typus allein körperlich ideal für Krutzlers „Schwere Knochen“, gibt mit Verve diesen pragmatischen Verbrecher, unmoralisch, unnahbar, unantastbar, oft gepudert, nie geküsst – und wer seinen Kamelhaarmantel åntatscht, braucht sich nicht wundern, wenn er hamdraht wird. Odraht ist hingegen die Viererbande, Krutzlers diebisches Transportunternehmen, Peter Fasching als stotternder Fritz „Der Bleiche“ Wessely, Lukas Watzl als Hurenkind Karl „Der Zauberer“ Sikora und Sebastian Pass als Fleischersohn „Der Praschak“, von dem sich die Knöll wie ein Schwein abstechen lässt.

Unter der Vielzahl der Rollen sind in jeder Hinsicht unmenschliche: Fasching gibt auch den ominösen Dr. Harlacher, Pass dessen Affenweibchen Honzo und den zum Schmuggelgenie „Greenham“ mutierenden Juden Grünbaum, Watzl einfach hinreißend die blondgelockte Krüppelhure Gisela. Matthias Luckey wird aufs Absonderliche abonniert, Musch-Sohn Herwig und SS-Obersturmbannführer Dostal, dessen Uniform Ausstatter Ivan Bazak ins Kostüm eines Horrorclowns verwandelt hat. Weiß geschminkt und mit roter Nase tollt die Herrenrasse durchs KZ, dort nämlich landet die Spedition, als sie sich vom Hundertertrick auf Leerräumen der Nazihuber’schen Liegenschaft verlegt.

Erst Dachau, dann Mauthausen, wo der Krutzler nicht nur die Bekanntschaft von eben Grünbaum/Greenham, sondern auch die vom politischen Gefangenen Alfred Podgorsky macht, ein Erzkommunist, der im Nachkriegswien allerdings Polizeichef wird, weshalb man sich in alter Verbundenheit eine-Hand-wäscht-die-andere-treu bleibt. Andreas Patton spielt ihn – neben dem die Spedition in Zeitlupe umkreisenden Geldscheißerfranz und surreal als nationalsozialistischer Papagei Ahab, und wenn es an diesem Abend etwas zum Ausstallieren gibt, dann dass er im Vergleich zur prallvollen Buchvorlage zu wenig Podgorsky enthält – Podgorsky, Schalkos rote Eminenz, der seine Finger in jedem Intrigenspiel hat.

Der „Geist der Lagerstraße“, „genaugenommen ist das spätere Österreich damals im KZ entstanden“, formuliert Schalko, spukt bei Alexander Charim nur kurz vorbei, wiewohl er es versteht Schalkos sardonisch kolportierte Gangstasaga mit ihrem kuriosen Shoah-Sketch durch seine Zirkuszerrbilder zu verschärfen. Unterstützt von Thomas Frank, der im Moment, als der zum Leibwächter-Kapo ernannte Krutzler dem Dostal seinen legendären Halsstich verpasst, mehr Emotionen zeigt als im Bett mit der Musch – Franks Krutzler, der politisch korrekt lagerierte Racheengel. Im Lager freilich werden die rohen Gesellen zu Ganoven-Diamanten geschliffen, die ihr blutiges Handwerk bei den Meistern gelernt haben.

„Greenham“ Sebastian Pass und Birgit Stöger als KZ-Kapo „Der Zehner“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hausparty für Hilter: Knöll, Sommerfeld, Luckey, Patton. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Matthias Luckey als SS-Obersturmbannführer Dostal. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der bedrohlich rasselnde Kettenglieder-Schnürlvorhang fällt, in den leerem Raum lässt Ivan Bazak nun diverse Interieurs rollen, die Schauplätze mal rotseidenes Puff, mal rosarote Aida, mit einer einzigartigen Mischung aus Pathos und Proletentum wird der Kalte Krieg zum Überkochen gebracht, die Anmutung insgesamt, als würde man Bert Brecht im Grand Guignol aufführen. Ein mit drei Stunden Spieldauer durchaus episch zu nennendes Wurschtltheater, in dem das Krokodil den Kasperl frisst – von wegen, den kaun kana daschlogn: Der Bodycount ist beträchtlich – sechzehn, davon drei Tiere, kommen auf unnatürliche Weise ums Leben. Notwehr, halt.

„Schwere Knochen“ auf Charim’isch ist beides – eine gfeanzte Sozialfarce voll skurrilen Spaß‘, in der zur Heiligen-Panier-Anbetung ein derber Oaschloch-, Fut-und-Geh‘-Scheißn-Spruch geführt wird, durchbrochen durch stimmig-groteske Grausamkeiten wie in der circensischen Mauthausen-Episode oder die Entmenschlichungs-Metaphern durch Schwein, Affe und Lisa-Maria Sommerfeld als sowjetischem Kampfhund. Im Wortsinn unheimlich wandlungsfähig sind die Darsteller.

Birgit Stöger von der politisch beweglichen Krutzlermutter über den KZ-Kapo-Clown „Der Zehner“ bis zur anlassigen Unternehmergattin die Lassnig, mit der der Wessely ein selbstmörderisches Pantscherl pflegt, Lisa-Maria Sommerfeld als „leichtes Mädchen“ Sikoramutter, Praschak-Gattin und Bissgurn Gusti oder Spionin Milady – und über allem Puffmutter Musch, Isabella Knöll, ganz das „Wüdviech“ als das der Krutzler sie benamst, ehrfurchtgebietend ordinär, ihre Krutzlerliebe eine Nahkampfdisziplin, Knölls Zusammenprallen mit Frank intensiv, elektrisch aufgeladen, immer am Rande des Raufhandels.

Im Würgen macht er ihr einen Heiratsantrag: „I bring di um!“, dann „Heirate mich!“, und am Ende seufzt sie ihm ins Grab nach: „Warst kein Guter. Trotzdem hab ich dich geliebt, irgendwie.“ Dass an anderer Stelle bemängelt wurde, die Inszenierung befeuere Schalkos Stereotypen-Schreibe, von den Geschlechterklischees bis zum geldgierigen Gschamster-Diener-Jud‘, naja – honi soit …, genauso gut könnte man sagen, Sebastian Pass spielt den Grünbaum als Nestroy’schen Subaltern-Ungustl. Und wer sich übers „Redfacing“ bei Nazihubers Karl-May-Festspielen aufregt, hat keine Siebzigerjahre-Kindheit beim Rote-Falken-Fasching erlebt.

Lukas Watzl als blondgelockte Krüppelhure Gisela. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zuhälterin Musch mit Sohn Herwig: Isabella Knöll und Matthias Luckey. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Lisa-Maria Sommerfeld als „professionelle“ Sikoramutter. Bild; © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Politik ist bei Schalko/Charim was Beiläufiges, wie’s im Leben der meisten so ist, räsonieren, xenophobieren, rechts wählen, so einfach funktioniert das hierzulande, verkümmerte Seelen, versteinerte Herzen, und Charim präsentiert im Jeder-gegen-Jeden lediglich die üblichen Überlebens- und anderen Treibe, die Sehn- und die weiteren Süchte. Was zweiteres betrifft, Filmisches inklusive, Milady und der Sikora vergnügen sich in der Kaisersuite des Hotel Orient, bei der Winnetou-Orgie vom Nazihuber besudelt der Krutzler ein imperiales Ambiente mit dessen Halsschlagadernblut.

Erst als die Spedition die Erdberger Demarkationslinien aufhebt, Nebel, Schießerei, die Atmosphäre Dritter-Mann-grau, und der Krutzler schreit: „Wien gehört mir!“, ist Schluss mit lustig. Die Tragi- an der -komödie: Gerade jetzt, da in Auflösung begriffen, präsentierte sich das Volkstheater stärker denn je. „Schwere Knochen“ ist das beste Beispiel dafür, geschmeidig inszeniert, jede Szene wie am Ende der Aida-Showdown eine mit Hintersinn, so dass es einem beim Lachen doch kalt über den Rücken läuft.

Alexander Charim karikiert, was bereits Verspottung war – die Mechanismen von Ermächtigung, ein Räderwerk der Gewalt, Existenz auf Kosten anderer, und dass das alles im ideologiedurchtränken wie ideologiefreien Raum gleichermaßen in Gang gesetzt werden kann. „Vermutlich ist etwas ein Mensch, wenn man es behandelt wie einen Menschen“, sagt Schalkos Krutzler. Dreht sich um und tut genau das nicht.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=9HF1PLbIvT4           www.volkstheater.at

  1. 4. 2020

Der Online-Spielplan bis Mitte Mai:

30. April: Der gute Mensch von Sezuan, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35243, 1. Mai: Alles Walzer, alles brennt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23477, 2. und Mai: Die rote Zora und ihre Bande, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39484, 4. Mai: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28509, 6. Mai: Nathan der Weise, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24591, 9. Mai: Wer hat meinen Vater umgebracht, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36159, 10. Mai: Wien ohne Wiener, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=26649, 12. Mai: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36527, 14. Mai: Medea, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23620 und 15. Mai: Stella, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24810.