Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

Bronski & Grünberg Theater: Der Spieler

März 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Saigon spielen die Amis auf Russisch Roulette

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Dominic Oley als „Der Spieler“ Alex W. Rodeo würgt den arroganten Franzosen Froggie alias Florian Carove. Bild: © Lukas Wögerer

Im erst diesen Winter aus der Taufe gehobenen Bronski & Grünberg Theater stand am Wochenende „Der Spieler“ auf dem Premierenplan. Die beiden künstlerischen Leiter Alexander Pschill und Kaja Dymnicki haben aus Dostojewskis Roman eine eigene Fassung fürs Haus erarbeitet, haben auch gemeinsam Regie geführt – und einen richtig klasse Abend auf die Bühne gestellt. Die große Kunst, die ihnen hierbei gelang: Wiewohl die Zeit um mehr als hundert Jahre und der Ort um beinah 9.700 Kilometer verschoben wurden, wird dem Nonplusultra aller russischen Schriftsteller keine Gewalt angetan.

Pschill und Dymnicki haben dies Werk der Weltliteratur, wie vom Autor vorgesehen, als burleske Groteske verstanden. Sie setzen in ihrem Text auf Wortwitz und Sprachspielereien, treiben das gegenseitige Miss- und Unverständnis der Figuren auf die Spitze; sie setzen in ihrer Inszenierung alle Mittel der Komödie ein, von Slapstick und Slow Burn bis Sitcom-Off-Gelächter und Klipp-Klapp, und machen so, was für die glänzend agierenden Schauspieler punkto Tempo und Timing eine Tour de Force ist, zur Tour d’Humeur fürs Publikum.

„Der Spieler“ residiert und hasardiert nun im Saigon der Roaring Seventies. In einem versifften Hotel mit ausgeschildert zweideutigen Angeboten, Zigarettenigel auf dem Couchtisch, Captain Kirk im Fernsehen und einem Richard-Nixon-Foto an der Wand langweilt sich eine Gruppe Glücksritter, die ihr Schicksal der erbsengroßen Elfenbeinkugel anvertraut hat. Außer dem Fake-Franzosen de Grieux und seiner angeblichen Schwester Mademoiselle Blanche, entstammen die übrigen Gäste der zweiten Grande Nation, die sich in Indochina blutig geschlagen geben musste – den USA. Der General wurde von der United States Army ausgemustert, „weil es da so einen Vorfall in Pearl Harbour gab“, sein vom Hauslehrer zum Sekretär avancierter Lohnsklave nennt sich Alex W. Rodeo, und alle zusammen warten sie auf das Ableben von Auntie Babushka in Pittsburgh. Leichte Mädchen, malträtierte Marines, eine Fleisch gewordene Discokugel und ein Menschen/Äffchen in Hotelpagenuniform stürmen als Lokalkolorit immer wieder quer durchs Geschehen.

Ansonsten ist die Handlung die gleiche geblieben. Dabei skizzieren Pschill und Dymnicki eine Spaßgesellschaft, wie sie heutiger nicht sein könnte. Das Amüsement um jeden Preis, selbst den der Insolvenz, steht im Lebensmittelpunkt, der Schein – vor allem der Geldschein – gilt mehr als das Sein. Nur, weil dies alles unecht, obwohl doch Authentizität die zur Stunde gebotene Maskerade ist, lauert mitten in der Kokain-highen Society auch die Verzagtheit und die Verzweiflung.

Tagsüber gähnt im Hotel Saigon die große Langeweile: Lisa Reichetseder als Blanche, Martin Zauner als US-General, Florian Carove als Froggie und Julia Edtmeier als Polina. Bild: © Lukas Wögerer

Doch des Nachts kommen die Spielernaturen aus ihren Schlupflöchern: Martin Zauner, Lisa Reichetseder, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Das Ensemble ist mit überbordender Spielfreude bei der Sache. Allen voran Dominic Oley als „Spieler“ Alex. Mit hoher Geschwindigkeit turnt er über die Bühne wie durch den Text, ein Wirbelwind, gebeutelt von Roulettesucht und unerwiderten romantischen Gefühlen und Rachegelüsten ob dieses Seelenzustands. Martin Zauner, neben Pschill und Oley der dritte Josefstädter im Bunde, gibt den General als weinerlichen Choleriker, eine asymmetrische Mischung, wie sie wohl nur ihm gelingen kann. Pschill und Dymnicki entfachen für dies dynamische Duo ein Feuerwerk an szenischen Einfällen, die Schwüle der mit viel Liebe für Details ausgearbeiteten Situationen ist dem tropisch-feuchten Klima Vietnams angepasst.

Nach der Pause: Auftritt der vierten Josefstädterin, Alexandra Krismer als Auntie Babushka schrill, schräg, schrecklich, gekommen, um die Mischpoche aufzumischen und, schließlich selbst vom Spielfieber gepackt, deren erwartetes Erbe zu verlieren. Wie von weit her hört man das Klacken der Kugel im Kessel – Rien ne va plus … Oley, Zauner und Krismer gestalten ihre Figuren hart an der Karikatur und schwer satirisch. Die Intimität des Raumes verleiht ihrer Darstellung eine Unmittelbarkeit, der man sich nicht entziehen mag.

Ein zweites Epizentrum des Abends sind die Wortgefechte zwischen Oleys Alex und dessen Love Interest Polina. Julia Edtmeier gestaltet die Tochter des Generals mit spöttisch-sarkastischem Mundwerk, aber heißblütigem Schulterzucken. Lisa Reichetseder macht aus Blanche eine berechnende Möchtegern-Femme-Fatale. Herrlich, wie sie Gilbert Bécauds „L’important c’est la rose“ auf lasziv getrimmt vorträgt. Als Gegensatzpaar fungieren auch David Oberkoglers kühl zurückhaltender, doch berechnender Engländer Astley und Florian Carove als de Grieux, hier Froggie genannt. Wie Carove mit Ustinov’scher Hercule-Poirot-Attitüde seine Intrigen spinnt, ist ein Kabinettstück für sich.

Oh Schreck, die Tante verzockt ihr ganzes Vermögen! Alexandra Krismer als Auntie Babushka mit Lisa Reichetseder, Martin Zauner, Julia Edtmeier, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Nach zwei Stunden ist Apokalypse Now. Hochstapler und Hasardeure sind entlarvt, das Geld, statt auf dem Konto eingegangen, auf der Spielbank ausgegeben. Die gar nicht glorreichen Sieben treten den Rückzug an …

Das Publikum im ausverkauften Bronski & Grünberg Theater tobte vor Vergnügen. Zu sehen ist „Der Spieler“ dort bis 9. April; noch bis 4. April zeigt Claudia Kottal ihre Erfolgsproduktion „Vor dem Fliegen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24085). Das Bronski & Grünberg entpuppt sich mehr und mehr als wunderbare Bereicherung der Wiener Theaterlandschaft. Prädikat: Sehenswert!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 3. 2017

Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016

The Lady in the Van

Mai 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maggie Smith bringt ihre Bühnenrolle auf die Leinwand

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith und Miss Sheperd kennen einander seit fast zwanzig Jahren, sie waren gemeinsam schon für einen Laurence-Olivier-Award nominiert, sind zusammen in einem BBC-Hörspiel aufgetreten, nun war es Zeit, die Leinwand zu erobern. Und das tun die beiden Damen im Sturm.

„The Lady in the Van“ heißt der Film, wie auch das Theaterstück und davor der Roman, in dem die große britische Schauspielerin einmal mehr die exzentrische Obdachlose spielt, die mit ihrem Bedford Lieferwagen die Nachbarschaft im Londoner Bezirk Camden Town unsicher macht. Bezaubernd mag in diesem Zusammenhang als ein seltsames Wort klingen, lebt Miss Sheperd doch buchstäblich in ihrem eigenen Mist, doch die Smith, Darstellerin unzähliger spleeniger Gräfinnen, altjungferlicher Gouvernanten und einer verhärmten Zauberprofessorin, verleiht diesem Charakter naturgemäß einen Hauch Aristokratie. Längst ist sie ja von der Queen in den Ritterstand erhoben …

In Österreich läuft „The Lady in the Van“ am 20. Mai in ausgesuchten Kinos an, in Wien exklusiv im Filmcasino. Ein Filmstart hierzulande war vom internationalen Verleih nämlich gar nicht geplant, und es ist dem Filmcasino zu danken, dass dieses kleinodische Kammerspiel nun doch zu sehen sein wird.

„Eine beinah wahre Geschichte“ nennt Autor Alan Bennett seinen durch alle Genres wandernden Stoff. Fünfzehn Jahre, von 1974 bis 1989, lebte er Tür an Tür mit dem Original. Was mit einer kleinen Anschubhilfe für den Van begann, setzte sich mit dem vorübergehenden Zurverfügungstellen eines Parkplatzes in der Hauseinfahrt fort – und entwickelte sich zu einer Art Freundschaft, die das Leben beider veränderte. Wobei, Freundschaft. Besser gesagt richtet Miss Sheperd dem entscheidungsschwachen, lebensängstlichen Alan die Wadln viere. Nicht nur sie, auch er hat ein Geheimnis, das sich im Laufe der Handlung entschlüsseln wird, wenn sie sehr ladylike formuliert, sie verstehe durchaus den Anlass für seine nächtlichen Herrenbesuche, und Alan wird sich am Ende zu sich selbst bekennen und die Liebe finden. Rupert Thomas heißt er, ein Journalist und Bennetts Partner seit nunmehr 24 Jahren. Der Film von Regisseur Nicholas Hytner wurde in der Straße und dem Haus gedreht, in denen Bennett und Miss Sheperd jahrelang wohnten. Am Ende fährt der Schriftsteller mit dem Rad durch seinen ehemaligen Bezirk, bis zu seinem alten Domizil, wo sein filmisches Alter Ego gerade eine Gedenktafel für Miss Sheperd enthüllt. Wozu ihm die Anrainer frenetisch applaudieren.

Diese Mitwelt ist es, die Bennett mit vorzüglich britischem Humor ausstellt. In Camden Town war man damals very Bobo, und so sehr einem die alte Schrulle mit ihrem stinkenden Drecksvehikel auch auf den Nerv ging, immer lächeln, wir sind ja soo Labour. Jim Broadbent, Frances De La Tour oder Roger Allam gestalten diese per gesellschaftspolitischer Gesinnung gutmütigen Tröpfe, die Miss Sheperd gegen den eigenen Grausen mit Kuchen und anderen kleinen Geschenken über Wasser halten. Wie schön sie ist, diese Botschaft von Mitgefühl und Toleranz, denn wenn Maggie Smith mit der Würde einer Königin durchs Geschehen stapft, darf man sich keine Rüstige-Rentnerin-Klamotte erwarten.

Hinter der selbstbewussten Fassade ihrer schroffen Miss Sheperd – Zitat: „Das Wort Entschuldigung zieht nur bei Gott“ –  zeigt sie die Härte eines Lebens auf der Straße, erzählt von Altersarmut und wie es Menschen ohne Krankenversicherung geht. Jedes warum auch immer aus der Kurve getragene Leben war einmal ein besseres, sagt sie, aber das Schicksal spielt mitunter ein anderes Spiel als das erwartete – und danach ist Schuld oder Unglück nicht mehr die Frage. All das bedeutet nicht, dass „The Lady in the Van“ keine Komödie ist, im Gegenteil, es ist eben eine mit Tiefgang, doch es ist dieses zerfurchte Gesicht mit dem sarkastischen Augenzwinkern, an dem man sich eineinhalb Stunden lang festhalten sollte. Was immer man Handlung nennt, ist nämlich tatsächlich schnell erzählt.

Miss Shepherd mit Alan Bennett alias Alex Jennings. Bild: Park Circus

Alex Jennings spielt den Autor Alan Bennett. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als angetan. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als amused. Bild: Park Circus

Für das meiste davon ist Alex Jennings als Alan Bennett verantwortlich. Der Schauspieler, bekannt als Prinz Charles aus Stephen Frears „Die Queen“, nunmehr mit blondem Schulbuben-Schopf dem Schöpfer seiner Figur ähnlich gemacht, changiert zwischen Ohnmacht über und unterdrückter Auflehnung gegen die neuen Zustände vor seiner Haustür. Viel zu wohlerzogen, um ein Machtwort zu sprechen, sieht er sich mit Miss Sheperds Invasion konfrontiert, die sogar, oder eigentlich im Wesentlichen, vor seiner Toilette nicht halt macht. Was intensive Schrubbmanöver zur Folge hat.

In seiner Fantasie steht er sich selbst gegenüber, das Schreiber-Ich dem Menschen-Ich, und tadelt sich für seine Gutmütigkeit, diese Zwiesprache ein schöner Kunstgriff von Autor Bennett und Regisseur Hytner. Und weil’s der alten Ladies nie genug geben kann, und des schlechten Gewissens schon gar nicht, gibt’s da auch noch seine Mutter auf dem Land, die so gerne beim Sohn einziehen möchte, und die er im Altersheim verblühen lässt, während er sich um eine Fremde kümmert …

Am Ende wird klar, warum Miss Sheperd zu der wurde, die sie ist. Eine Erklärung, die’s gar nicht gebraucht hätte, weil die Realität auch nicht für alles eine abgibt. Maggie Smith brilliert in einer Rolle, die wie auf sie zugeschnitten ist. Man muss sie einfach mögen, diese unmögliche, unfreundliche Person, die alles in Eierspeisgelb bepinselt. Und die in einer kleinen Irrationalität, aber wer weiß das schon, in Gottes Armen aufgefangen werden wird. Das letzte Wort hat der Autor: „Man sollte sich nicht zum Teil dessen machen, was man schreibt, man sollte sich darin finden“, sagt er. Zurzeit läuft sein neues Stück „Untold Stories – Hymn & Cocktail Sticks“ in der Regie von Tom Attenborough im Waterhouse Theatre. Wieder hat Alan Bennett über sein Leben geschrieben, und wieder findet das die Kritik: „warm, witty, humorous and poignant“ – warmherzig, geistreich, humorvoll und rührend.

Trailer in englischer Sprache: www.youtube.com/watch?v=OA8tMziteZM

www.theladyinthevan.de

www.filmcasino.at

Wien, 18. 5. 2016

Naked Lunch: Oliver Welter spielt Tom Stoppard

März 31, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ in Bregenz

Felix von Bredow und Toks Körner Bild: ©anja koehler | andereart.de

Felix von Bredow und Toks Körner. Bild: ©anja koehler | andereart.de

Am Vorarlberger Landestheater hat am 8. April Tom Stoppards Komödie „Rosenkranz und Güldenstern sind tot“ Premiere. Im amüsanten Spiel rund um Shakespeares „Hamlet“ werden die beiden Nebenfiguren zu Hauptpersonen. Und das eröffnet einen völlig anderen Blickwinkel auf die wohl bekannteste Tragödie des britischen Barden. Von Hamlets Mutter Gertrud und König Claudius auf ihren alten Weggefährten Prinz Hamlet angesetzt, um ihn wieder ins Gleichgewicht zu manövrieren, stiften sie mehr Chaos als Ordnung. Neue Zweifel und Fragen entstehen – nicht nur für die beiden neuen Helden. Deren Schicksal ist freilich unabänderlich …

Die junge Hamburger Regisseurin Nele Weber will sich nun Stoppards genialem Spiel im Spiel im Spiel nähern. Und sie hat sich dafür zweier Rockstars versichert: Die um Rosenkranz und Güldenstern agierenden Figuren werden alle von den „Naked Lunch“-Protagonisten Oliver Welter und Alex Jezdinsky verkörpert. Sie sind König und König, Hamlet und Alfred, der Schauspieler und natürlich die Musiker – was die Realitätebenen für die Pechvögel noch weiter verschiebt. Rosenkranz und Güldenstern spielen Toks Körner und Felix von Bredow.

landestheater.org

Oliver Welter ist außerdem von Berlin bis Zürich mit Stermann und Grissemann und „Für die Eltern was Perverses“ unterwegs (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12105, Termine: www.stermann-grissemann.at/termine/).

Wien, 31. 3. 2016