Volksoper: Die Dubarry

September 4, 2022 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER-MEHMOOD

Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit

Endlich zur Mätresse des Königs aufgestiegen: Annette Dasch als Gräfin Dubarry und Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Kommt man nach der Pause zurück in den Saal, sitzen auf der Bühne bereits Oliver Liebl als Hauslehrer und Annette Dasch, die von diesem vom Arbeitermädchen Jeanne Beçu zur Gräfin Dubarry erzogen werden soll – allerdings nicht für den Hof des französischen Königs Ludwig XV., sondern laut Liebls Zungenschlag eindeutig für den kaiserlichen zu Wien. Da gibt’s freilich viel zu lachen bei diesem Zwischenspiel, wenn der Berlinerin vom Wiener Kaffeeunterricht erteilt wird,

wenn die „Piefkenesin“ an der Knödelfrage „Hauptspeis‘, Zuaspeis‘, Nachspeis‘?“ scheitert, das Hand-Ablecken ist gleich den Handkuss pervers findet, und sich schief lacht über die Anrede „Eiergnaden“. Liebls „Lecker is bei uns goar nix!“ wird von jenem Teil des Publikums mit einem Jauchzer begrüßt, der auch am Schluss für Jubel und Applaus sorgte, während der andere ob des Niveaus indigniert das Leading Team mit Buhrufen bedachte.

Das war sie also die Eröffnungspremiere der Direktion Lotte de Beer an der Volksoper, „Die Dubarry“, mit einem ZuschauerInnen-Unentschieden als Endstand, wobei an dieser Stelle von einem verheißungsvollen Start die Rede sein soll. Hausdebütant Regisseur Jan Philipp Gloger turnt bei seiner theatralen Recherche über die Weibsbilder toxischer Männlichkeit eine Rolle rückwärts, vom Heute in die 1930er-Jahre zum Ende des 19. Jahrhunderts zu Louis Quinze, was weniger mit der von dem betriebenen Beilegung des Habsburgisch-Französischen Gegensatzes zu tun hat, als mit der Zeitlinie, die der Operette eingeschrieben ist:

Der Aufführung des selten gespielten, weil doch ziemlich angestaubten Werks im Jahr 2022, der Originalfassung des österreichischen Komponisten Carl Millöcker anno 1879, der Neufassung vom Deutschen Theo Mackeben von 1931 und der Handlung rund ums Jahr 1769. Entstanden ist so eine frisch aufgebrühte Melange mit dem melodie-verliebten Charme der goldenen Operettenära in der Donaumetropole und einer schmissig-schnoddrigen Revue-Operette à la an der Spree, sozusagen ein Babylon Berlin meets Wiener Walzerseligkeit, eine Konfetti-Explosion voll Witz und Ironie fürs Genre, dessen Dekonstruktion zweifellos – aber durchaus mit dem gebotenen Respekt.

Und in der Titelpartie eine entfesselte Annette Dasch, die mit ihrer Stimme sowieso und ihrem Spiel begeistert, eine grandiose Komödiantin, die ihren Charakter aber auch in Tiefen gleiten lassen kann, wenn es gilt die antiquiert-anzüglichen Frauenfantasien der besseren Herren zu hinterfragen – wobei trotz Feminismus und Büstenhalter-Verbrennung die bittere Essenz des Abends ist, dass Emanzipation bis zum Anschlag immer noch nicht stattgefunden hat. In allen vier Teilen bleibt die Frau mehr oder minder (Sex-)Objekt des Mannes, das alles gut getarnt im Dreivierteltakt als „Weiblicher Reize Macht“.

Los geht’s im Jetzt: Die „Putzmacherinnen“ im Atelier Madame Labille dekorieren Schaufensterpuppen, schwatzen über die neueste Emma-Ausgabe und, dass sie lieber bei Cartier als bei Kik shoppen würden, die Dasch rauscht mit Timbre und Temperament heran. Noch ist sie die aus ärmlichsten Verhältnissen stammende Jeanne Bécu, doch mit bester Freundin Margot, entzückend quirlig wie stets: Juliette Khalil, schmiedet sie größere Pläne. Die so rotzfrechen wie leichtlebigen Gören haben noch was vor: reiche Männer gegens eigene Elend aufreißen. Ergo raus aus dem Modesalon, rein ins Nachtleben, wo Marco Di Sapia als Graf Dubarry, Daniel Ohlenschläger, Oliver Liebl, Martin Enenkel und Wolfgang Gratschmaier ihr zynisches „Cherchez la femme“ anstimmen, Motto: Klug muss sie nicht sein, aber schön. „Das wird man doch wohl noch sagen dürfen.“

Die Putzmacherinnen und die Blaublüter anno 2022, M.: Wolfgang Gratschmaier und Juliette Khalil. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Bohème-Romantik kann er sich einrahmen lassen: Annette Dasch und Lucian Krasznec als Maler René Lavallery. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

In den Berliner 1930ern, gestrandet als Sängerin im Bordell: Annette Dasch und Marco Di Sapia als Graf Dubarry. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im k.u.k.-Reich Seiner Majestät: Martin Enenkel, Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Annette Dasch und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Vor allem gefällt hier Wolfgang Gratschmaier als Marquis de Brissac, ein in die Jahre gekommener schlitzohriger Don Juan, dessen Ähnlichkeit mit einem bekannten Wiener Rechtsanwalt rein zufällig ist. Gemeinsam mit Khalil wird er in zahlreichen Bravourszenen ein akklamiertes Buffo-Paar abgeben. Margot wird nämlich die Geliebte des alten Gockels und hat sich in den Kopf gesetzt, sich von ihm die Schauspielerei finanzieren zu lassen.

Zwischen kleinen Gags, kurzem Augenzwinkern und dem Schießen von Selfies darf derweil Lucian Krasznec als Kunstmaler René Lavallery seine Schellackstimme strahlen lassen. Es stand hier schon in der Rezension zum „Bettelstudent“ (www.mottingers-meinung.at/?p=19470), dass da einer ziemlich nah an den großen Adolf Dallapozza heranreicht, ein Eindruck, der sich bei seinem Schmachten um Jeanne wiederholt. In ihren Szenen sind Dasch und Krasznec musikalisch als das dramatische Liebespaar der Operette ausgewiesen, auch wenn ihn Besitzgier und häusliche Gewalt fehlleiten und die wichtigste Frage an die Geliebte ist, was sie denn vorhabe zu kochen. Bühnenbildner Christof Hetzer setzt Renés Bohème-Stube in einen blattgoldenen Bilderrahmen, in den –  einmal rausgestiegenJeanne kein Zurück mehr findet.

Denn die Dasch wirft den Würfel mit den zahlreichen Spielflächen selbst immer wieder händisch an, dreht die eigene Geschichte weiter, die Zeituhr zurück in die 1930er-Jahre, wo sie als Sängerin mit Künstlerinnennamen Manon in einem anrüchigen Etablissement auftritt. Alles atmet hier die Exzellenz der Dekadenz, als erneut Marco Di Sapia als eiskalt-eleganter, sinistrer Graf Dubarry erscheint, um der desillusionierten Jeanne, die er sofort als solche erkennt, ein unmoralisches Angebot zu machen: Um sein politisches Ränkeschmieden in Versailles voranzutreiben, will er sie als Gräfin Dubarry zur Mätresse des Königs machen. Schließlich habe sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist, um in dieser monarchisierten Form der Prostitution zu reüssieren.

Und während Dasch in einer De-facto-Vergewaltigungsszene beim Roulettetisch „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“ singt, zeigt Margot, wie’s mit dem „Der Mann denkt, aber die Frau lenkt“ richtig geht: Sie trotzt dem Marquis de Brissac Luxuslabel-Sackerl um Luxuslabel-Sackerl ab, singt ihm ein fröhliches „Wenn Verliebte bummeln gehen“, während der alte Bock dasteht wie ein Packesel.

Der König der Late-Night-Shows kündigt seinen Gast an: Harald Schmidt als Ludwig XV. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

Die Dubarry rockt Versaille: Gi­tar­re­ra Annette Dasch und Harald Schmidt. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Aus dem Schaf wird keine Schauspielerin: Juliette Khalil als Margot. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Am Ende steht die Guillotine: Daschs Dubarry wird zum Opfer der französischen Revolution. Bild: © B. Pálffy/Volksoper Wien

In der zweiten Hälfte der Aufführung findet man sich in Millöckers k.u.k.-Wien wieder, beim „Alles Walzer!“ mit weißroten Gala- und Husaren-Uniformen à la Ungarland. Nach wie vor bewegt sich die nunmehrige Gräfin Dubarry in einer Männerwelt – und gallig klingt der Dasch mit erhobener linker Faust dargebotenes „Ob man gefällt oder nicht gefällt“, von Kai Tietje mit krassen Dissonanzen und gehetztem Rhythmus dirigiert, derweil sich die Szenerie vom neuen Resident Lichtdesigner Alex Brok ins Teuflische, Albtraumhafte verändert.

Nicht nur die Herren liefern Großteils mehrere Rollen ab, die großartige Ulrike Steinsky wechselt von Couturière Madame Labille über Bordellbesitzerin Marianne Verrières bis zur Marschallin von Luxemburg von Chefinnen-Gekeife über Raucherlungen-Tonfall zu Paula-Wessely’schem Schönbrunner Näseln. Der Steinsky gelingt jedes dieser Kabinettstücke vom Feinsten, immer toller werden die Kapriolen, die sie macht, und auffällt, wie präzise und exquisit die „Nebenfiguren“ geführt sind.

Zu guter Letzt: Auftrittsapplaus für Harald Schmidt als Ludwig XV. im Epoche-gemäßen Justaucorps, Annette Dasch mit Cul de Paris, endlich der Moment, an dem sich Kostümbildnerin Sibylle Wallum austoben durfte. Und Volksopern-Debütant Schmidt macht gar nicht den Versuch majestätisch zu sein. Die Entertainerlegende spielt sich selbst als König der Late-Night-Shows (auch der echte Ludwig XV. verstand es, sich als le Bien-Aimé zu inszenieren), er „dirigiert“ das Orchester wie Helmut Zerlett und die ARD-Showband, stellt ganz Talkmaster seinem Volk als Gast die Dubarry vor – und dieser dann dumme Fragen, die sie mit einem „Glauben Sie nicht, dass das ziemlich erniedrigend ist?“ quittiert.

Worauf der absolutistische Herrscher übers Ancien Régime der Fernsehunterhaltung sich bis über beide Ohren verliebt. Ein Gag über einen Film, den Johnny Depp als ER/Ludwig XV. gerade in Frankreich dreht, darf auch nicht fehlen. Die neue Favoritin des Königs singt als „Gstanzl“ mit Gitarre noch einmal „Ich schenk mein Herz nur dem allein, dem ich das Höchste könnte sein“, bevor beim beliebten Schäferspiel alle in den Gassenhauer „Ja, so ist sie, die Dubarry, wer sie einst sah, vergisst sie nie“ einstimmen. „Das hisst das Regietheater die weiße Fahne, und ich spüre Originaltext in mir aufsteigen“, flachst Schmidt und schließt so den Kreis zum ersten Bild.

Satire as Satire can. Mit tausend und einer Idee lässt Jan Philipp Gloger die Operette einen g’feanzten Blick auf die eigene Beschaffenheit werfen. Charmant und sympathisch wie Lotte de Beer hat sich ihr neues Team schon mal in die Hälfte der Herzen hineingespielt. Also: Alles Friede, Freude, Eierkuchen, Eiergnaden? Mitnichten, denn Gloger, der in der Aufführung immer wieder auch auf die Täterin-Opfer-Brüche der Person Dubarry hinweist, erzählt ihre Geschichte anders als Millöcker und Mackeben zu Ende. In der Volksoper wird sie dazu mitten im Trubel des Hofballs von Schergen der französischen Revolution abgeführt, wird ihr die bombastische Perücke vom Kopf gerissen – und ab unter die Guillotine.

www.volksoper.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=dH0k4fzsV8Y           Harald Schmidt über König Ludwig XV.: www.youtube.com/watch?v=ejo1alus1RU

TV-TIPP: Heute Abend ist die gestrige Volksopern-Premiere von „Die Dubarry“ um 20.15 Uhr auf ORF III zu sehen.

4. 9. 2022

Academy Awards Streaming: The Trial of the Chicago 7

März 30, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Aaron Sorkins Gerichtsthriller warten sechs Oscars

Die Angeklagten und ihre Bürgerrechtsanwälte: Yahya Abdul-Mateen II, Ben Shenkman, Mark Rylance, Eddie Redmayne und Alex Sharp. Bild: © Netflix 2020

Zu den unzähligen Auszeichnungen – 48 Preise und 183 Nominierungen, die Aaron Sorkins starbesetzter Film über den Skandal-Prozess gegen Anti-Vietnamkrieg-Aktivisten im Jahr 1968 schon erhielt, könnten sich am 25. April auch einige Academy Awards 2021 gesellen. Die Netflix-Produktion „The Trial of the Chicago 7“ ist in den Oscar-Kategorien Bester Film, Sacha Baron Cohen als Bester Nebendarsteller, Aaron Sorkin für das Beste

Originaldrehbuch, Phedon Papamichael Jr. für die Beste Kamera, Daniel Pemberton und Celeste Waite für den Besten Filmsong „Hear My Voice“ und Alan Baumgarten für den Besten Schnitt nominiert. Hier noch einmal die Filmrezension vom vergangenen Oktober:

Ein Schauprozess mit Analogien zum Heute

Dieses Moment von Show stellt sich nicht nur ein, weil Sacha Baron Cohen als Abbie Hoffman parallel zur Handlung in einem Club den Stand-up-Comedian gibt. Von Anfang an spüren die Angeklagten, dass sie als Staatsfeinde vor Gericht stehen, und dass das Ganze eine Farce ist, ein Schauprozess. „Dies ist die Oscarverleihung der Protestkultur. Welch eine Ehre, nominiert zu sein!“, sagt Abbie Hoffman sarkastisch, Sacha Baron Cohen, der tatsächlich für den des Besten Nebendarstellers nominiert ist.

Das Jahr ist 1969, das Verfahren „The Trial of the Chicago 7“, Filmemacher Aaron Sorkins auf Netflix zu streamender Rekonstruktionsthriller einer True Story, der in doppeltem Sinne die Verfassung der Vereinigten Staaten aufs Korn nimmt, wenn hier zwei Ideale der USA aufeinanderprallen. „The whole World is watching!“, skandieren die Sympathisanten vor dem Gerichtsgebäude – und wirklich, es fühlt sich an, als sei seit diesen Iden des März kein einziger Tag vergangen. Insbesondere mit Blick auf die Spezialbehandlung des Afroamerikaners Bobby Seale, der wegen „anhaltender Renitenz“ gefesselt, geknebelt und gedemütigt im Gerichtssaal sitzen muss. [Ein an George Floyd gemahnendes Bild weißer Gewalt, das unerträglich ist …]

Die Law-and-Order-Fraktion, die eben erst Präsident Nixon im Weißen Haus installierte und nun politischen Rückenwind spürt, will also den Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen den Garaus machen. Deshalb soll dies Exempel statuiert werden, an acht Leitfiguren einer immer stärker werdenden Gegenkultur; vom Friedensbewegten bis zum Militanten, die Staatsanwälte fordern lange Freiheitsstrafen – zur Abschreckung einer ungekannt aufmüpfigen Jugend. Mit den unterschiedlichsten Beweggründen, aber einem gemeinsamen Ziel, begaben sich Ende August 1968 acht Männer nach Chicago, dies die in Kreuzverhör-Rückblenden erzählte Vorgeschichte, um an Kundgebungen gegen den Vietnamkrieg teilzunehmen:

Tom Hayden und Rennie Davis als Mitglieder der „Students for a Democratic Society“; die Pazifisten Dave Dellinger und Lee Weiner vom Nationalen Mobilisierungskomitee zur Beendigung des Krieges in Vietnam; die Hippies Abbie Hoffman und Jerry Rubin als Gründer der Youth International Party aka Yippies; Antikriegsaktivist John Froines, er wie Weiner des Richters Manövriermasse im Prozess und die beiden als einzige freigesprochen. Und schließlich Black-Panther-Boss Bobby Seale, angesichts der vielen ermordeten Bannerträger des friedlichen Wandels durchaus zu Gewalt bereit, und vom Filmtitel nicht unter die sieben gezählt, weil er von Beginn an eine eigene Anhörung anstrebte.

Sacha Baron Cohen, Oscar-nominiert als Abbie Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Michael Keaton als Ex-Justizminister Ramsey Clark. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne als moderater Tom Hayden. Bild: © Netflix 2020

Diese amerikanische Linke rief nun zum „Festival of Life“ im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park auf, es sollte musiziert und gemeinsam protestiert, Plakate gemalt, Einberufungsbefehle und BHs verbrannt werden, „ein Rockkonzert mit Unzucht“, wie Abbie verkündet, doch die Polizei reagierte mit militärischer Aufrüstung und einer Ausgangssperre. Es gab Straßenschlachten, fünf Tage und fünf Nächte lang einen Krawall, bei dem hunderte Menschen durch Tränengas und von den Polizisten eingesetzten Schlagstöcken zum Teil schwer verletzt wurden, welch Szenen, in denen Nationalgardisten entsichern und durchladen – und jetzt soll der willkürlich zusammengewürfelten Aktivistentruppe ein Verschwörungsplan nachgewiesen werden, den es nie gab.

Ein Prozess in den USA ist immer ein Schau-, eine Performance für die Jury, die Geschworenen, die meinungsmachenden Medien und weitere Öffentlichkeit, deshalb funktioniert’s auch als Film wunderbar. Sorkin konnte sich weitgehend auf die Prozessprotokolle stützen, sie bieten Komik, Zynismus, Absurdität und sogar ausreichend waschechte Schurkerei für ein Script, die Straßenschlachtszenen sind mit original Dokumaterial von der die Einberufung bestimmenden Geburtstagslotterie, Soldaten, Napalm, Särgen, Martin Luther King, dem Attentat auf Robert Kennedy und Ähnlichem überschnitten.

In Aaron Sorkins zweiter Regiearbeit nach „Molly’s Game“ – aus seiner Feder stammen unter anderem „Eine Frage der Ehre“, „Charlie Wilson’s War“ oder „The Social Network“ – brilliert ein handverlesener Cast. Allen voran Sacha Baron Cohen als Yippie Abbie Hoffman, dieser berühmt und berüchtigt geworden mit dem Versuch, das Pentagon durch die Kraft kollektiver Meditation in die Luft zu heben, hier ein dauerbekiffter Exzentriker.

Ein Spaßvogel mit flotten Sprüchen und hochphilosophischem Nonsens, der Clown im Politzirkus, der sein Auftreten vor Gericht als Party-Gig nutzt und jede Möglichkeit, das Verfahren mit albernen Bemerkungen zu diskreditieren. Doch kaum sitzt der Anarcho im Zeugenstand erweist er sich als belesener, besonnener Intellektueller, der in der Sache Abe Lincoln und Jesus Christus zitiert – und mit seinem staubtrockenen Humor den sleeken Teflonmann und Staatsanwalt Richard Schultz aus der Reserve lockt.

Sacha Baron Cohen, Danny Flaherty , Eddie Redmayne, Jeremy Strong und Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Mark Rylance, Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Jeremy Strong. Bild: © Netflix 2020

Die „Black Panther“ Yahya Abdul-Mateen II und Kelvin Harrison Jr. mit Mark Rylance. Bild: © Netflix 2020

Eddie Redmayne, Alex Sharp, John Carroll Lynch, Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Kulturrevolutionär Cohen zur Seite steht Jeremy Strong als Anti-Vietnam-Apologet und Molotowcocktail-Spezialist Jerry Ruben, Cohen in diesem Spiel der Leinwandstars ein Primus inter Pares, ihm gegenüber der von Eddie Redmayne verkörperte Tom Hayden, Typ properer Schwiegermutterschwarm, Hayden, der auf dem Protestmarsch den Weg durch die behördlichen Instanzen zu gehen versucht hat, doch dem die Dinge – siehe den vom Polizeiprügel hart am Kopf getroffenen, blutüberströmten Mitstreiter Rennie Davis aka Darsteller Alex Sharp – aufs Brutalste entgleiten.

Wie sich Tom und Abbie, der Realo und der Fundi, im Laufe der Prozesstage buchstäblich zusammenraufen müssen, wie sie erkennen, dass die Strategien des anderen zu einer progressiven Protestpolitik doch nicht so verpeilt sind, wie sie einander schätzen lernen – das scheint der Appell Sorkins an die heute so zersplitterte Linke zu sein. In den USA und andernorts. John Carroll Lynch gestaltet David Dellinger als biederen Vater einer amerikanischen Vorzeigefamilie. Der älteste der Runde, Lynch nennt die Rolle „Pfadfinder-Rover“, ist Kriegsdienstverweigerer seit dem Zweiten Weltkrieg und predigt Gewaltlosigkeit, bis ihm auf der Anklagebank als erstem der Geduldsfaden reißt.

Noah Robbins und Daniel Flaherty sind als die wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind gekommenen Lee Weiner und John Froines zu sehen, zwei profillose Mitakteure, die sich im Prozess der Großen bald den olympischen Gedanken „Dabei sein ist alles!“ aneignen. Großartig agiert auch Yahya Abdul-Mateen II als Black-Panther-Anführer Bobby Seale, der sich im Kampf um seine Rechte trotz aller Strafmaßnahmen nicht einschüchtern und mundtot machen lässt. Der Chef der Chicagoer Black-Panther-Partei Fred Hampton, gespielt von Kelvin Harrison Jr., wird mitten im Prozess bei einem vorgeblichen Festnahmeversuch einer Polizei-Eliteeinheit in seiner Wohnung im Schlaf erschossen.

Michael Keaton hat einen großartigen Gastauftritt als demokratischer Ex-Justizminister und Star-Zeuge im Gerichtsscharmützel, Ramsey Clark, der im Kreuzverhör die Schuld für die Vorkommnisse ganz klar bei der Polizei sieht – doch da der Richter die Geschworenen des Saales verwiesen hat, bleibt seine Aussage ungehört.

Joseph Gordon-Levitt als Staatsanwalt Richard Schultz. Bild: © Netflix 2020

Die Original-7. Bild: © Netflix 2020

Frank Langella als Hardliner-Richter Julius Hoffman. Bild: © Netflix 2020

Als dieser, als bis zur Lachhaftigkeit von der eigenen Autorität besessener Richter Julius Hoffman, beeindruckt Grandseigneur Frank Langella. Sein Richter ein verwirrter, verbohrter, voreingenommener Grumpy Old Man, der Namen vergisst und Tathergänge verwechselt, der seine Verachtung für die Angeklagten und seine Abscheu vor dem schwarzen unter ihnen gar nicht verbergen will, jede Gesichtsregung Langellas verweist darauf, der ganze Kreuzverhöre aus dem Protokoll streichen – das hat schon Witz, wenn der ganze Saal noch vor Seiner Ehren im Chor „Abgelehnt!“ skandiert – und Jury-Mitgliedern via Staatsanwaltschaft gefälschte Drohbriefe zukommen lässt.

Die sind im „Bad Cop/Good Cop“-Wechsel J. C. MacKenzie als Tom Foran und Joseph Gordon-Levitt als Richard Schultz, und sehr viel von Sorkins eigener Agenda steckt wohl in der Figur dieses jungen Staatsanwalts, der die Aufrührer von Amts wegen zwar verfolgen muss, doch heimlich mit ihnen sympathisiert.

Der Charakter Schultz‘ symbolisiert, dass kein Justizsystem der Welt final korrupt ist, sondern dass selbst schlimmste Fehlentscheidungen irgendwann korrigiert werden. Sorkin glaubt an die Gewaltentrennung von Legislative, Exekutive und Judikative, das hat er auch in seiner TV-Serie „The West Wing“ bewiesen, und die US-Filmkritik liebt ihn dafür – und der echte Schultz, der dank des Films zu etlichen Interview-Ehren kam, erweist sich in den Gesprächen als ebenso aufrecht und integer wie sein Bildschirm-Alter-Ego.

Auf der Seite der Guten stehen außerdem Sir Mark Rylance und Ben Shenkman als die von ihnen so fulminant wie furios gespielten Bürgerrechtsanwälte William Kunstler und Leonard Weinglass. Rylance agiert als kämpferisch-verkniffener Kunstler, der seine Verwunderung über das halbsenile, nichtsdestotrotz stur paternalistische Verhalten des Richters nicht verhehlen kann, besonders prägnant. Unter den etlichen Detectives, Gesetzeshütern in Zivil, die die Gruppe infiltrierten, zählt als -hüterin auch Caitlin FitzGerald als Agent Daphne O’Connor, die Jerry Ruben in sich verliebt macht und ihm das Herz bricht.

Auf dem Weg zur …: Jeremy Strong, Alex Sharp, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

… Polizeiblockade: Alex Sharp, Jeremy Strong, John Carroll Lynch und Sacha Baron Cohen. Bild: © Netflix 2020

Die Ausschreitungen im Chicagoer Stadtteil Lincoln Park enden für die Demonstranten blutig. Bild: © Netflix 2020

„The whole World is watching!“: Jeremy Strong und Sacha Baron Cohen gehen ins Gerichtsgebäude. Bild: © Netflix 2020

Und apropos, Herz: Es ist jenes der gegenwärtigen Finsternis, auf das „The Trial of the Chicago 7“ zielt und trifft. Sorkin, ein Veteran auf dem Gebiet des linksliberalen Politik-Entertainments, lässt bitterböse Satire auf engagierten Antikriegsfilm treffen; dessen Aussage ist gleich einem Paradebeispiel für Zivilcourage und zivilen Ungehorsam und dafür, wie wichtig es wäre, von beidem mehr zu haben.

Sorkin erzählt anhand wahrer Begebenheiten von einem zerrissenen Land, in dem sich Links und Rechts zähnefletschend gegenüberstehen, Rassismus zum Alltag gehört und Gewalt in der Luft liegt. Das alles setzt er zum Mosaik einer Gesellschaft zusammen, die auch im Spiegel der historischen Ereignisse nicht zwangsläufig nur die amerikanische sein muss. Sorkin zeigt einen Staat, in dem die Staatsgewalt nicht länger vom Volke ausgeht, zeigt die Fragilität des Rechtswesens und der Justiz, zeigt, wie verwundbar Demokratie ist, wenn die Politik den Rechtsstaat unterwandert.

Sei’s, dass eine Regierung Razzien bei Behörden einschränkt, heißt: per Änderung der Strafprozessordnung die Beschlagnahmung von Unterlagen durch die Justiz nur noch im Ausnahmefall ermöglichen will. Sei’s, dass Politiker mit Hetzreden bei Demonstrationen scharf machen, die längst von der rechten Szene unterwandert sind, während die Polizei die linke-autonome einkesselt. Fünfzig Jahre Fortschritt und kein Unterschied …

„The Trial of the Chicago 7“ ist unterhaltsames und politisch engagiertes Ensemblekino am Puls der Zeit, mit einem prominenten Cast, der sich des ungeniert parteiischen Drehbuchs des Regisseurs mit Verve und aus Überzeugung annimmt. Am Ende verliest Eddie Redmayne als Tom Hayden die von Rennie Davies täglich aufgelisteten Namen der während der Prozessdauer gefallenen US-Soldaten. 4752 sind es. Ein Teil der Menschen im Gerichtssaal steht auf zu einer letzten Ehrenbezeugung, auch Richard Schultz, andere verlassen empört den Raum. Der Rest ist Geschichte …

www.netflix.com           Trailer: www.youtube.com/watch?v=02ecSUe8VMA

30. 3. 2021

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

Bronski & Grünberg Theater: Der Spieler

März 13, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In Saigon spielen die Amis auf Russisch Roulette

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs: Dominic Oley als „Der Spieler“ Alex W. Rodeo würgt den arroganten Franzosen Froggie alias Florian Carove. Bild: © Lukas Wögerer

Im erst diesen Winter aus der Taufe gehobenen Bronski & Grünberg Theater stand am Wochenende „Der Spieler“ auf dem Premierenplan. Die beiden künstlerischen Leiter Alexander Pschill und Kaja Dymnicki haben aus Dostojewskis Roman eine eigene Fassung fürs Haus erarbeitet, haben auch gemeinsam Regie geführt – und einen richtig klasse Abend auf die Bühne gestellt. Die große Kunst, die ihnen hierbei gelang: Wiewohl die Zeit um mehr als hundert Jahre und der Ort um beinah 9.700 Kilometer verschoben wurden, wird dem Nonplusultra aller russischen Schriftsteller keine Gewalt angetan.

Pschill und Dymnicki haben dies Werk der Weltliteratur, wie vom Autor vorgesehen, als burleske Groteske verstanden. Sie setzen in ihrem Text auf Wortwitz und Sprachspielereien, treiben das gegenseitige Miss- und Unverständnis der Figuren auf die Spitze; sie setzen in ihrer Inszenierung alle Mittel der Komödie ein, von Slapstick und Slow Burn bis Sitcom-Off-Gelächter und Klipp-Klapp, und machen so, was für die glänzend agierenden Schauspieler punkto Tempo und Timing eine Tour de Force ist, zur Tour d’Humeur fürs Publikum.

„Der Spieler“ residiert und hasardiert nun im Saigon der Roaring Seventies. In einem versifften Hotel mit ausgeschildert zweideutigen Angeboten, Zigarettenigel auf dem Couchtisch, Captain Kirk im Fernsehen und einem Richard-Nixon-Foto an der Wand langweilt sich eine Gruppe Glücksritter, die ihr Schicksal der erbsengroßen Elfenbeinkugel anvertraut hat. Außer dem Fake-Franzosen de Grieux und seiner angeblichen Schwester Mademoiselle Blanche, entstammen die übrigen Gäste der zweiten Grande Nation, die sich in Indochina blutig geschlagen geben musste – den USA. Der General wurde von der United States Army ausgemustert, „weil es da so einen Vorfall in Pearl Harbour gab“, sein vom Hauslehrer zum Sekretär avancierter Lohnsklave nennt sich Alex W. Rodeo, und alle zusammen warten sie auf das Ableben von Auntie Babushka in Pittsburgh. Leichte Mädchen, malträtierte Marines, eine Fleisch gewordene Discokugel und ein Menschen/Äffchen in Hotelpagenuniform stürmen als Lokalkolorit immer wieder quer durchs Geschehen.

Ansonsten ist die Handlung die gleiche geblieben. Dabei skizzieren Pschill und Dymnicki eine Spaßgesellschaft, wie sie heutiger nicht sein könnte. Das Amüsement um jeden Preis, selbst den der Insolvenz, steht im Lebensmittelpunkt, der Schein – vor allem der Geldschein – gilt mehr als das Sein. Nur, weil dies alles unecht, obwohl doch Authentizität die zur Stunde gebotene Maskerade ist, lauert mitten in der Kokain-highen Society auch die Verzagtheit und die Verzweiflung.

Tagsüber gähnt im Hotel Saigon die große Langeweile: Lisa Reichetseder als Blanche, Martin Zauner als US-General, Florian Carove als Froggie und Julia Edtmeier als Polina. Bild: © Lukas Wögerer

Doch des Nachts kommen die Spielernaturen aus ihren Schlupflöchern: Martin Zauner, Lisa Reichetseder, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Das Ensemble ist mit überbordender Spielfreude bei der Sache. Allen voran Dominic Oley als „Spieler“ Alex. Mit hoher Geschwindigkeit turnt er über die Bühne wie durch den Text, ein Wirbelwind, gebeutelt von Roulettesucht und unerwiderten romantischen Gefühlen und Rachegelüsten ob dieses Seelenzustands. Martin Zauner, neben Pschill und Oley der dritte Josefstädter im Bunde, gibt den General als weinerlichen Choleriker, eine asymmetrische Mischung, wie sie wohl nur ihm gelingen kann. Pschill und Dymnicki entfachen für dies dynamische Duo ein Feuerwerk an szenischen Einfällen, die Schwüle der mit viel Liebe für Details ausgearbeiteten Situationen ist dem tropisch-feuchten Klima Vietnams angepasst.

Nach der Pause: Auftritt der vierten Josefstädterin, Alexandra Krismer als Auntie Babushka schrill, schräg, schrecklich, gekommen, um die Mischpoche aufzumischen und, schließlich selbst vom Spielfieber gepackt, deren erwartetes Erbe zu verlieren. Wie von weit her hört man das Klacken der Kugel im Kessel – Rien ne va plus … Oley, Zauner und Krismer gestalten ihre Figuren hart an der Karikatur und schwer satirisch. Die Intimität des Raumes verleiht ihrer Darstellung eine Unmittelbarkeit, der man sich nicht entziehen mag.

Ein zweites Epizentrum des Abends sind die Wortgefechte zwischen Oleys Alex und dessen Love Interest Polina. Julia Edtmeier gestaltet die Tochter des Generals mit spöttisch-sarkastischem Mundwerk, aber heißblütigem Schulterzucken. Lisa Reichetseder macht aus Blanche eine berechnende Möchtegern-Femme-Fatale. Herrlich, wie sie Gilbert Bécauds „L’important c’est la rose“ auf lasziv getrimmt vorträgt. Als Gegensatzpaar fungieren auch David Oberkoglers kühl zurückhaltender, doch berechnender Engländer Astley und Florian Carove als de Grieux, hier Froggie genannt. Wie Carove mit Ustinov’scher Hercule-Poirot-Attitüde seine Intrigen spinnt, ist ein Kabinettstück für sich.

Oh Schreck, die Tante verzockt ihr ganzes Vermögen! Alexandra Krismer als Auntie Babushka mit Lisa Reichetseder, Martin Zauner, Julia Edtmeier, Florian Carove und Dominic Oley. Bild: © Lukas Wögerer

Nach zwei Stunden ist Apokalypse Now. Hochstapler und Hasardeure sind entlarvt, das Geld, statt auf dem Konto eingegangen, auf der Spielbank ausgegeben. Die gar nicht glorreichen Sieben treten den Rückzug an …

Das Publikum im ausverkauften Bronski & Grünberg Theater tobte vor Vergnügen. Zu sehen ist „Der Spieler“ dort bis 9. April; noch bis 4. April zeigt Claudia Kottal ihre Erfolgsproduktion „Vor dem Fliegen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24085). Das Bronski & Grünberg entpuppt sich mehr und mehr als wunderbare Bereicherung der Wiener Theaterlandschaft. Prädikat: Sehenswert!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 13. 3. 2017